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Montag, 11. Mai 2026

Der Heimatbegriff in den Mühlen der Rechtspropaganda

Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg  in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.

Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz. 

Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.

Heimat als soziale Konstruktion

In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist. 

Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.

Heimat, Staat und Nation

Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist. 

Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind. 

Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will. 

Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“. 

In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg. 

Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.

Der Heimatbegriff der Auswanderer

Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.

Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.

Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten

Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.

Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.

Die guten Migranten

Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.

Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe? 

Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen. 

Die schlechten Migranten

Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können. 

Der korrumpierte Begriff der Heimat

Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.

Zum Weiterlesen:
Migrationsmythen und die Realität
Migration und Scham
Hass im Internetzeitalter


Montag, 15. März 2021

Migration und Scham

Wer als Fremder in ein fremdes Land kommt, hat immer mit Scham zu tun: Fast alles, was hier selbstverständlich ist, war es im eigenen Herkunftsland nicht. Die Sprache oder die Sprechweise, die Essensgewohnheiten, die Begrüßungsrituale, die Blickkontakte – die Anlässe für Fehltritte und Ausrutscher sind endlos und führen immer zur Scham. Erst recht, wer in ein fremdes Land kommt, um dort zu leben, sollte auf viele Schamanlässe vorbereitet sein. 

Die Scham der Selbstverleugnung

Die Scham meldet sich dabei aus mehreren Richtungen: 

Die erste kommt von hinten. Der Kontakt mit einer neuen Kultur, von der das eigene Weiterleben abhängt, erzeugt Widersprüche mit der Kultur aus der man abstammt. Müssen deren Werte verleugnet und durch neue ersetzt werden? Kann es gelingen, Mischungen zwischen dem Alten und dem Neuen herzustellen, oder ist das auch schon ein Verrat an der Tradition, die bisher in Geltung war und die eigene Identität geprägt hat? Beinhaltet die Verleugnung der Normen der Herkunftsgesellschaft auch eine Verleugnung der eigenen Identität? All diese Fragen konfrontieren mit Schamgefühlen. Denn in jeder Kultur wird die Einhaltung der Normen und Standards durch die Scham geregelt: Wer sich daneben benimmt, wird beschämt und soll sich schämen. Daraus soll er oder sie lernen, sich richtig zu verhalten. Notgedrungen kann die Einhaltung dieser Normen in einer anderen Gesellschaft nur mangelhaft gelingen. Dort, wo es nicht geht, meldet sich die Scham.

Die Scham des Ausgegrenztseins

Die zweite Ebene, auf der die Scham auftritt, kommt von innen und ist mit der Angst verbunden, in der neuen Gesellschaft keinen Platz zu finden und ausgegrenzt zu bleiben. Das Anderssein wird angesichts der vorherrschenden Normen als Makel und Stigma empfunden, als ein Abweichen von der Normalität. Als Reaktion kann es zum misstrauischen Rückzug kommen, zu angestrengtem Anpassen oder zu verzweifelter Aggression. Die aus diesen Reaktionen stammenden Verhaltensweisen sind mit Scham imprägniert und verhindern Erfahrungen von Freiheit und kreativer Selbstbestimmung. 

Die Scham der Abwertung

Die dritte Richtung kommt von außen, von den Menschen der heimischen Gesellschaft (eigentlich: von den irgendwann früher Eingewanderten). Sie empfinden schnell eine Angst vor Fremden, die sich ungewohnt verhalten oder unvertraut ausschauen. Als Schutz vor dieser Angst meldet sich die Abwertung und Verachtung der Fremden, die sie als mindere Menschen kennzeichnet, die nichts wissen und nichts können. Diese Missbilligung und Herabwürdigung beschämt die Zugezogenen und erschwert ihnen das Ankommen und Hineinwachsen in die neue Gesellschaft. 

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Ansässigen haben den Eindruck, den Neulingen ginge es nicht um Integration und Einfügung in die bestehende Ordnung, weil sie spüren, dass die Anstrengungen, die die Fremden unternehmen, von Scham geleitet sind und deshalb nicht „echt“ wirken. Dieses Misstrauen wiederum stärkt bei den Angekommenen die Angst, keine Anerkennung zu kriegen und keinen Platz zu finden. 

Die Scham der Ansässigen

Allerdings gibt es auch eine Scham bei den Ansässigen angesichts der Zuwanderer. Zunächst einmal stammen auch sie aus Zuwandererfamilien stammen, so weit das auch zurückliegen mag und so wenig das bewusst sein mag. Insbesondere die großen Einwanderungsgesellschaften in Nord- und Südamerika und Australien haben es mit einer tiefsitzenden und gut verdrängten Scham zu tun, dass sie als Usurpatoren und Unterdrücker ins Land gekommen sind. Sie haben den Ansässigen mit Gewalt weggenommen, was deren Recht, Besitz und Würde war, sie haben deren Kultur zerstört und die eigene eingepflanzt, meist rücksichtslos und arrogant und voller Verachtung für die „Primitiven“. Die Folge ist eine massive kollektive Schambelastung, die mit allen Mitteln unterdrückt werden muss.

Auch in unseren Breiten hat es durch die Geschichte hindurch immer wieder Wanderbewegungen gegeben; die Welle der Zuwanderung im Jahr 2015 war zwar wegen ihrer ethnischen Zusammensetzung und geographischer Route etwas Neues in der mittel- und westeuropäischen Geschichte, aber nicht in ihrer Größenordnung, wenn man nur bedenkt, dass am Ende des 2. Weltkriegs fünf Millionen Menschen aus Osteuropa nach Westeuropa geströmt waren. Es ist weiters zu bedenken, dass durch frühere Siedlungs- und Wanderbewegungen fortwährend Bevölkerungsmischungen stattgefunden haben, sodass nur der Mangel an Quellen den Eindruck bei vielen erweckt, als wären ihre Stammbäume alle in einem umgrenzbaren Gebiet mit einheitlicher Kultur beheimatet. Z.B. sind meine Vorfahren väterlicherseits im 17. Jahrhundert über Böhmen aus den Niederlanden nach Oberösterreich ausgewandert. Mütterlicherseits könnte die Zuwanderung noch früher erfolgt sein, vielleicht schon im Zusammenhang der Ostausbreitung der Baiern im frühen Mittelalter. Aber so weit reichen die Quellen nicht zurück. Jedenfalls haben auf dem Boden, auf dem ich heute lebe, die unterschiedlichsten Ethnien gelebt, von denen oft keine Spuren geblieben sind.

Bedingte Heimat

Die Einsicht in die geschichtliche Bedingtheit, die in jedem Heimatbegriff steckt, sobald er über ein subjektives Gefühl hinausgeht, kann das Verständnis für die Dynamik zwischen Ortsansässigen und Hinzukommenden verbessern. Es gibt kein klares Maß dafür, ab wann eine Familie oder Bevölkerungsgruppe irgendwo als heimisch gilt, sodass sie alle, die von außen kommen, als fremd bezeichnen darf. Oft sind es gerade die später Zugezogenen, die besonders auf die Ausgrenzung der Fremden achten. Jede soziale Ausgrenzung enthält eine Schlagseite der Scham, indem sie die Abgesonderten beschämt und über diesen Vorgang im eigenen Inneren Scham auslöst. Wer ausgrenzt, beschämt sich also selbst.

Dazu kommt, dass die Werte in allen Kulturen die Herabwürdigung der Fremden verbieten. Vielmehr ist das Gastrecht und das Willkommenheißen der Fremden Teil der ethischen und religiösen Normen, die nicht ohne Sinn überall in der Menschheit aufgefunden werden können. Der Verstoß gegen diese Normen durch eine fremdenfeindliche Haltung hat Scham zur Folge, die oft mit besonders heftiger Aggression übertönt wird.

Solche Phänomene gibt es nicht nur im Rahmen der internationalen Migration, bei der oft sehr unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Sie beginnen schon bei kleinräumigen Übersiedlungen, wo es vor allem am Land lange, oft Generationen braucht, bis jemand, der in ein Dort zugezogen ist, von den Einheimischen als zugehörig angesehen wird. 

Das Autochthone reibt sich am Fremden, und die Reibung erzeugt Scham, wenn die Angst vor dem Fremden vorherrscht. In allen anderen Fällen entsteht aus dieser Reibung ein hohes Maß an Kreativität und schöpferischen Ideen, was Schmelztiegelstädte wie New York demonstrieren. 

Die meisten Menschen, wenn sie als Fremde in ein neues Land kommen, reagieren mit maximaler Anpassung an die herrschende Kultur, die bis zur Selbstaufgabe gehen kann. Sicher ist Anpassung die beste Strategie, um in einer fremden Umgebung Fuß fassen zu können. Aber wenn sie, angetrieben von der Scham, zur Selbstverleugnung und zum Verlust der Ressourcen der eigenen Kultur führt, ist es ein zu hoher Preis, der mit Lebenschancen und Lebensqualität bezahlt wird. Es sind aber auch Ressourcen, die der Kultur im Einwanderungsland fehlen.

Es liegt also auch  daran, die Schamblockierungen, die in das Migrationsthema eingeflochten sind, aufzulösen, auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene, um die Energien und Potenziale zu nutzen, die in der Zuwanderung stecken, und die Konflikte, die sich in diesem Zusammenhang immer wieder auftun, zu entschärfen. 

Zum Weiterlesen:
Die Heuchelei der Immigrationsfeinde
Mehr Konflikte durch gelingende Integration


Sonntag, 7. April 2019

Hass im Internetzeitalter

Wir erleben eine Zunahme von Hassäußerungen in der Öffentlichkeit, vor allem in den sozialen Medien. Sind das Anzeichen für, wie manche Kommentatoren vermuten, eine Verrohung der Gesellschaft, eine Verschlechterung der Umgangsformen und die Auflösung der Moral?  

Ich denke, dass bei diesem Thema neben vielen anderen zwei Aspekte wichtig sind: Die Möglichkeit der Anonymisierung und die Nutzung dieser Möglichkeit für die Schwächung der gesellschaftlichen Solidarität durch das Anfeuern von Rückkoppelungseffekten. 

Mit dem Internet sind Kommunikationsformen entstanden, die früher völlig ungeahnt waren. Es ist einfach geworden, anonym „die eigene Sau rauszulassen“, also tief schlummernde schlimme Gefühle, Schimpfworte und unausgegorene Ideen ohne soziales Risiko zu veröffentlichen. Die vielen aggressiven Hasspostings, die tagtäglich veröffentlicht werden, zeugen davon, dass es in unserer Gesellschaft eine große Anzahl von Menschen gibt, die aggressiven Hass in sich tragen und nur darauf warten, ihn nach außen zu geben.  

Ob das früher anders war, können wir gar nicht beurteilen, weil es die entsprechenden technischen Möglichkeiten nicht gegeben hat, solche Gefühle so einfach und geschützt in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Leserbriefseiten der Zeitungen wurden redaktionell betreut und extreme Äußerungen herausgefiltert. Erst das Internet hat diese Form der Zensur aufgehoben, und es kann faktisch jeder alles an die Öffentlichkeit bringen, anonym und scheinbar ohne dafür belangt werden zu können. Es ist die Sicherheit vor Konsequenzen, die es leicht macht, jedes Aufstoßen aus den dunklen Abgründen des eigenen Seelenlebens rücksichtslos nach außen gegen andere zu kehren. 

Aggression gegen Randgruppen


Was wir anhand zahlreicher historischer Beobachtungen feststellen können, ist die starke Tendenz bei vielen Menschen, gegen Schwächere, Minderheiten, Ausgegrenzte, Fremde aggressiv und gewaltsam vorzugehen, kaum erlaubt es die Gesellschaft oder die Obrigkeit. Ein Beispiel ist die Phase des Terrors während der Französischen Revolution, während der jeden Tag Hunderte unter dem Beifall der Massen geköpft wurden.  

In solchen Ereignissen zeigt sich meines Erachtens das Ausmaß des Hasses, das in den Menschen vorhanden ist. Wer sich mit dem eigenen Innenleben beschäftigt hat, weiß um die dunklen Seiten, die in einem selbst und in der Tiefe jedes Menschen schlummern, und von dort kommen alle destruktiven Gefühle und Impulse. Realistisch betrachtet, ist niemand frei davon. Das Unbewusste baut oft eine Mauer um diese Gefühle auf, die aber durch bestimmte Außenerfahrungen mit anderen Menschen überwunden werden und dann nach außen ausgelebt werden.  

Selbstverantwortung und Innenarbeit


Wer viel Innenarbeit gemacht hat, kann diese Gefühle in einem geschützten Rahmen durchleben und damit ihre Macht und Gewalt schwächen. Dadurch schwindet die unbewusste Neigung, anderen Menschen die zerstörerische Kraft solcher Gefühle zuzumuten. Im Gegenzug entsteht mehr Raum für offene Menschlichkeit und Liebe. Statt Hass gegen andere Menschen zu empfinden, die einem Angst machen, wird es möglich, Verständnis und Mitgefühl zu zeigen und damit zum zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Frieden beizutragen. 

Oberflächlich betrachtet, protestieren viele mit ihren Hassäußerungen gegen Frustrationen und Ungerechtigkeiten rund um ihre Lebensumstände, die sie durch neue Entwicklung bedroht sehen und vor denen sie sich von der Politik zu wenig geschützt und unterstützt fühlen.  Psychodynamisch betrachtet, wissen wir allerdings, dass nach außen gerichteter Hass z.B. gegen Minderheiten, Mächtige oder Schwache mit unverarbeiteten Kindheitserfahrungen zu tun hat. Was wir als ohnmächtige Kinder erlitten haben, als wir selber schwach waren, wollen wir im Hass andere spüren lassen. Sie sollen leiden, wie wir selber gelitten haben, oder noch schlimmer. 
  
Die Kränkungen aus der Kindheit gehören in eine Therapie, in der sie bewusst gemacht, betrauert und in andere Gefühle umgewandelt werden können. Die Sichtweise, dass jede Person für ihre Gefühle und für deren Ausdruck selbst verantwortlich ist, bietet den einzigen Ausweg aus den projektiven Hassgeschichten, an denen die Menschen, die projizieren, im Grund selber leiden. Sie suchen für dieses Leid ein Ventil suchen, das ihnen die Anonymität des Mediums bietet. Aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hat verstanden, wie wichtig die Verantwortungsübernahme für das eigene Gefühlserleben ist. Und ein noch kleinerer Teil hat in sich der Mühe unterzogen, die entsprechenden Themen zu bearbeiten und die projektiven Hasstendenzen in sich aufzulösen. 

Deshalb ist es notwendig und sinnvoll, dass gegen das Hassposten Strafen verhängt werden. Der Rechtsstaat hat die Aufgabe, die Menschen für ihr gemeinschaftsschädigendes Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Durch das Verhängen von Strafen wird hoffentlich langsam dämmern, dass der Ausdruck von Hass auch in scheinbar anonymen Zusammenhängen unangenehme Konsequenzen haben kann. Alle gesellschaftlichen Gruppen und Einzelpersonen, auf die sich die Hasspostings beziehen, müssen mit allen Mitteln der Gesetzgebung und –vollziehung geschützt werden. Dazu gibt es jetzt auch Gesetze, die diesem schädlichen Verhalten Grenzen setzen und die Täter zur Verantwortung ziehen, soweit sie ausgeforscht werden können. 

Die Multiplikationseffekte 


Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass es durch die Zunahme von Hassausbrüchen im Netz zu Rückkoppelungseffekten kommt, die uns Sorge bereiten sollten. Zunächst kann das Beispiel von Mitmenschen, die offensichtlich ohne Scheu andere mit ihrem Hass besudeln, andere ermutigen, es ihnen gleich zu machen. Die eigenen Kontrollmechanismen, die bisher durch die Scham den Ausdruck des inneren Hasses blockiert haben, werden löchrig, weil es offenbar in bestimmtem Rahmen gesellschaftsfähig geworden ist, böse, menschenfeindliche Gedanken und Ideen auszudrücken und sich damit zumindest kurzfristig mächtig, überlegen und stark zu fühlen.  Dazu ein Zitat: Sie müssen sich vorstellen, Herr Bürger, das, was ich heute sage, ist vor drei Jahren in der Europäischen Union von vielen als rechts oder rechtsradikal bezeichnet worden! (Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem ORF-Interview mit Hans Bürger, 2018)

Ähnlich war beim Aufkommen des Nationalsozialismus vielfach zu beobachten, wie ansonsten „anständige" Bürger mit öffentlicher Erlaubnis und Billigung durch das Regime zu bösartigen, hasserfüllten Antisemiten wurden, die ihre Nachbarn, mit denen sie vorher friedlich zusammengelebt hatten, beschimpft, bespuckt und ausgeraubt haben. Wenn der Hass, der in uns allen steckt, durch eine Ideologie, die an die Macht gekommen ist, eine Richtung bekommt, dann bricht er sich viel leichter Bahn und verrichtet seine Arbeit an der Zerstörung der gesellschaftlichen Basis.  

Die Zerstörung des Zusammenlebens 


Denn das war neben den Millionen an Toten und den zertrümmerten Städten die noch tiefere und katastrophalere Auswirkung der NS-Diktatur: Die Korrumpierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der durch ein Minimum an gegenseitiger Achtung gewährleistet werden muss. Die systematische Entmenschlichung eines Teils der Menschen in der Gesellschaft, die Hauptideologie der Nationalsozialisten, hat ihre Spuren hinterlassen, die nicht einfach durch den gewaltsamen Sturz des Regimes getilgt waren. Die Nachkriegsdevise war eigentlich nicht das propagierte Vergessen, sondern eher die Archivierung der Gefühle mittels einer Deckel-drauf-Strategie: Fokussierung auf den Wiederaufbau und so tun, als wäre nichts – oder fast nichts gewesen.  

Deshalb ist es kein Wunder, dass der Antisemitismus und die in ihm wirksamen Hassgefühle bis heute weiterschwelen, wie Entzündungsherde, die nie ausgeheilt wurden. In vielen Fällen werden sie an die Nachgeborenen weitergegeben, die die bösartigen Geschäfte für ihre Vorfahren erledigen. Die in bestimmten Kreisen nach wie vor immer wieder aufbrodelnde Thematisierung des Nationalsozialismus unter verharmlosenden und relativierenden Gesichtspunkten durch Menschen, die lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren sind, weist auf das Ausmaß der unaufgearbeiteten kollektiven Traumatisierungen aus dieser Zeit hin. Wir können an diesen hochploppenden Sumpfblasen erkennen, auf welchem Pulverfass wir noch immer sitzen, wie viele Blindgänger in den Seelen der Menschen schlummern, und auch, wie die Themen mitsamt der unbewussten Gefühlsenergien an die Nachkommen weitergegeben werden. 

Ein kleiner Ausflug in die Nachkriegsgeschichte 


Diese Geschichtsblindheit hängt mit der Vertuschungsstrategie zusammen, die in der Nachkriegszeit in vielen Kreisen betrieben wurde – im Schock infolge der massiven materiellen Zerstörungen und angesichts der Erkenntnis, welche verheerenden Auswirkungen die Ideologisierung auf die Moral hatte, der die meisten wehrlos ausgeliefert waren. Angesichts dieses massiven emotionalen Drucks und der enormen Schuld, die kollektiv zu tragen gewesen wäre, ist die ebenso massive  Abwehr verständlich, die darin bestanden hat, möglichst viel von den Gräueln totzuschweigen und statt dessen die Ärmel aufzukrempeln und die ganze Wut und Frustration in die Arbeit des Wiederaufbaus zu stecken.  

Dann kam mit den 60er Jahren eine neue Generation, die erste nach dem Krieg, die in Sicherheit und wachsendem Wohlstand aufgewachsen war, aber die unbewältigten Traumen der Eltern zu tragen hatte. Sie war misstrauisch auf das Verschweigen der Gräueltaten, auf dem der gesellschaftliche Konsens zu beruhen schien. Sie forderte eine neue Welle der Aufklärung und der Aufarbeitung der Vergangenheit, um die Spuren des Nationalsozialismus in der Gesellschaft beseitigen zu können. Der Hass dieser Generation richtete sich aufs “Establishment”, auf die Mächtigen und Reichen. Damit waren auch die autoritären Eltern gemeint, die in ihrer Erziehung im Sinn der schwarzen Pädagogik noch den NS-Prinzipien folgten.  

Es kam in der Folge in den westlichen Staaten zu wichtigen Schritten in der gesellschaftlichen Erneuerung, z. B. in der Stärkung der Frauenrechte, in der Einführung von Mitbestimmung in Schulen und Arbeitsstätten, in der Modernisierung des Strafrechts usw. Doch der Kapitalismus, dem in dieser Zeit bestimmte Schranken auferlegt wurden, hatte seinen Einfluss noch lange nicht verloren. In den 80er Jahren setzte mit der Digitalisierung und Globalisierung ein neuer Schub der Effizienzsteigerung der Güterproduktion ein, der die linken Bestrebungen zur Sozialreform in die Defensive drängte, in der sie heute noch stecken.  

Im Windschatten des Neoliberalismus, der seine Sachzwangs- und Leistungsideologie nicht nur in die wirtschaftlichen Abläufe, sondern auch in die Gehirne der Menschen implantiert hat, machten sich die Ressentiments breit, gespeist aus einer Hilflosigkeit gegenüber den wirtschaftlichen „Notwendigkeiten” und der Enttäuschung über die „unfähigen” Politiker bzw. das unmenschliche und korrupte „System”. Die Frustbürger begannen mehr und mehr, das demokratische System zu an den Wurzeln anzugreifen, indem sie Demagogen folgten, die die Ursachen der Misere nicht in den ökonomischen Verhältnissen und deren mentalen Folgen suchten, sondern in sozialen Randthemen wie dem Sozialschmarotzertum oder der Ausländerfrage. Dazu kommen noch homophobe und antisemitische Einstellungen, und verbreitet ist in dieser Szene neben einer Wissenschaftsfeindlichkeit die Klimawandelskepsis.

Entsolidarisierung


Die Entsolidarisierung der Gesellschaft ist ein gemeinsamer Nenner dieses Sammelsuriums der populistischen Themen: Das „Eigene” gegen das „Andere” auszuspielen, bedeutet immer, eine Spaltung in die Gesellschaft einzuziehen, mit dem Ziel, dass sich jedes Mitglied deklarieren muss, auf welcher Seite es steht. Zwischenpositionen darf es nicht geben. Die Gesellschaft als Ganzes, in der all die unterschiedlichen Schattierungen und Individualitäten ihren Platz haben und garantiert bekommen, gibt es in diesem Denken nicht, und der Hass ist der emotionale Sprengstoff, der die Trennlinien absichern soll. 

Paradoxerweise wirken alle, die den Schwarz-Weiß-Demagogen auf den Leim gehen und deren Sichtweisen übernehmen, an der Entsolidarisierung mit, an der sie leiden und deren Unsicherheiten sie belasten. Der Populismus kann als die Kunst definiert werden, den Menschen Perspektiven und emotionalisierte Einstellungen einzureden, die angeblich die Probleme in ihrem Leben verbessern, obwohl sie dadurch in Wirklichkeit schlechter werden und genau das Leiden vertiefen, vor dem die Abhilfe versprochen und propagiert wird. Zum Beispiel lebt vermutlich niemandem in Ungarn besser, weil ein Grenzzaun vor allen Asylsuchenden und Flüchtlingen schützt, aber die Angst davor, dass sie doch kommen könnten, wird vehement propagiert und damit vertieft sich die Verunsicherung und Angst. 

Die Verdrehung des Heimatbegriffs 


Die Untergrabung der gesellschaftlichen Solidarität kann an der Verwendung des Heimatbegriffs im demagogischen Kampf um die Macht illustriert werden. Heimat ist dann nicht mehr etwas, das subjektiv als vertraut und Geborgenheit gebend empfunden wird. Vielmehr wird die Heimat als eine abstrakte Einheit konstruiert, die als bedroht dargestellt wird. Der Begriff der Heimat soll mit der Angst assoziiert werden, sie und damit die eigene Existenzgrundlage zu verlieren. So kann der Begriff als Rechtfertigungsgrund für den Hass gegen die vermeintlichen Bedroher dienen. Heimat ist nicht mehr etwas, das Vertrauen und Geborgenheit gibt, sondern ein gefährdetes Gut. Die Propagandisten haben den Beheimateten ein Stück Sicherheit geraubt, damit sie sich als dessen Beschützer aufbauen können.

Wie schon mehrfach in meinen Beiträgen erläutert, mobilisiert das Schwarz-Weiß-Denken automatisch das Freund-Feind-Schema mit den zugehörigen Emotionen von Angst, Aggression und Hass. Diese explosive Mischung schwelt als Bodensatz in den Seelen der Menschen, die nichts von Projektion und Reflexion verstanden haben. 
  
Das Ausmaß an Hass, das öffentlich wird, ermutigt Multiplikatoren, Öl ins Feuer zu gießen und die Hasseskalation anzufachen. Hass wird salonfähig und für einige Menschen zur Normalität, während er viele andere entsetzt, möglicherweise so lange, bis sie sich auch daran gewöhnt haben. Das ist offensichtlich das Kalkül der Strategen der Entsolidarisierung. Übrigens ist deshalb die Ausländerfeindlichkeit in Gegenden mit den wenigsten Ausländern besonders hoch, ähnlich wie früher (?) der Antisemitismus dort besonders ausgeprägt war, wo keine Juden lebten. 

Instrumentalisierung des Hasses


Wir leben in einer Zeit der bewussten und unbewussten Instrumentalisierung des Hasses für die Machtzwecke eigensinniger und gemeinschaftsfeindlich orientierter Politiker, denen viele auf den Leim gehen. Bewusst ist das Machtkalkül mit dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen, oft unter Verwendung falscher Tatsachen oder krass übertriebener Bewertungen. Unbewusst sind die tieferen Antriebe, die bewirken, dass die Folgen solcher politischen Handlungen nicht eingeschätzt und durchdacht werden. Vielmehr genügt es, kurzfristige Erfolge zu erzielen und dann die Macht zu festigen. Damit wird die schleichende Vergiftung der Demokratie und das Risiko für eine stabile, offene und tolerante Gesellschaft in Kauf genommen. 

Hass verblendet, darum ist er den demagogischen Politikern so willkommen, darum säen sie ihn so gerne. Die Verblendeten können gar nicht erkennen sie sie sich selbst schaden, z.B. wie sie ihre Heimat” durch ihren Hass verunstalten, wie sie die Nation, zu der sie gehören, spalten und jeder Moral und jedes Respekts entkleiden.  

Die Tragik und Gefährlichkeit dieser Entwicklung sollte uns zu denken geben. Alle, die an die Kraft der Aufklärung glauben, sollten das in ihrer Macht Stehende tun, um bewusst zu machen, was hier tagtäglich vor unseren Augen abläuft, wie Menschen mit Hass imprägniert werden und damit unser Zusammenleben in Frage gestellt wird. Die Verhetzer müssen angeprangt werden und, wo es von den Gesetzen her geht, vor Gericht gestellt werden. Wir brauchen ein geschärftes Bewusstsein von subtilen zersetzenden Macht der Hassgefühle, damit wir verstehen können, wie wichtig es ist, sie überall aufzuzeigen, wo sie an die Öffentlichkeit gelangen und dagegen Stellung zu beziehen. Wenn wir eine bessere Welt wollen, muss sie auf einem besseren Zusammenleben beruhen, das wir gemeinsam schaffen können, wenn wir uns in unseren Unterschieden annehmen und fördern statt gegen jedes Anderssein zu kämpfen. 

Zum Weiterlesen:
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Der Bösewicht in uns
Ein Land von Krypto-Nazis? 
Demokratie und Gefühle 
Polaritäten lähmen, Kontinuitäten befreien
Hass und Liebe: Vom Mangel in die Fülle