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Dienstag, 20. Mai 2025

Aufklärung - der natürliche Feind rechter Ideologien

Aufklärung besteht nach Immanuel Kant in der Befreiung der Menschen aus der Unmündigkeit. Unmündigkeit bedeutet, die Verantwortung für das eigene Leben nicht tragen zu können oder zu dürfen. Die Botschaft der Aufklärung besagt, dass die erwachsenen Menschen ein Recht auf ihre Mündigkeit haben und dass dieses Recht gegen alle Bedrohungen geschützt werden muss.  Kant hat auch auf die Unmündigkeit im Denken hingewiesen – die obrigkeitliche Vorschreibung dessen, was die Menschen denken und für wahr halten sollten. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautet die Losung der Aufklärung nach Kant. Er hat den Mangel an Mündigkeit vor allem auf fehlende Entschlossenheit und Feigheit zurückgeführt. Sich aus der „beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten“, hat er als schwieriges Unterfangen beschrieben. 

Kant ist aber auch auf die politischen Bedingungen eingegangen: „Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vorteilhaft und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Er vertritt die Auffassung, dass es einen Ausgleich zwischen den bürgerlichen Freiheiten und der staatlichen Kontrolle braucht, damit die Aufklärung gedeihen und in gemäßigten Bahnen verlaufen kann. Mehr Freiheit ermöglicht jedenfalls mehr freies Denken, und die Befreiung des Denkens führt zur würdigen Behandlung der Menschen. Ungeregeltes Denken läuft Gefahr, in die Irrationalität abzugleiten, sodass Gefühle statt dem Denken die Äußerungen dominieren. Die Folgen der schrankenlosen Meinungsfreiheit können wir an der ausufernden, von Hassbotschaften verschmutzen Landschaft auf diversen Plattformen der sogenannten sozialen Medien beobachten. Hier könnten nur staatliche Maßnahmen regulierend eingreifen. Zu viel an obrigkeitlicher Kontrolle wiederum unterdrückt die Freiheit und beschneidet die Menschenwürde.

Entmachtung von Ideologien

Die Aufklärung hat sich der Aufgabe verschrieben, Aberglaube, Irrationalität und Ideologien zu entlarven und zu entmachten. Es soll der menschlichen Vernunft die maßgebliche Rolle für die Gestaltung der Gesellschaft und des Staates eingeräumt werden. Rechtsgerichtete sind Gegner der Aufklärung, weil sie ihre Ideologie für sakrosankt erklärt haben – manchmal sogar im wörtlichen Sinn, also verbunden mit einem religiösen Anspruch. Deshalb interpretieren sie jeden Angriff auf ihre Ideologie als Angriff nicht nur auf die eigene Partei oder politische Ausrichtung, sondern gleich auf den Staat und das Volk insgesamt. Ihr politischer Kampf bemäntelt sich dann mit dem scheinbaren Einsatz für das Ganze, das sie allerdings mit ihrer Ideologie besetzt haben.

Der kritische Ansatz der Aufklärung ist also ihr natürlicher Feind. Sie droht, ihnen Die Grundlage ihres Weltbildes ist eine Ideologie, und die Aufklärung bedroht diese Ideologie und damit die Rechtfertigung ihres Weltbildes. Deshalb haben alle Rechten liberales Gedankengut, liberale Werte und die Ideen der Menschenrechte, die aus der Aufklärung entstanden sind, zu ihrem Feindbild auserkoren. Diese Feindschaft kann so weit reichen, dass die Bildungsinstitutionen unter Druck gesetzt werden, ideologische Inhalte zu vermitteln, statt kritisches Denken zu fördern.

Natürlich haben sich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums Ideologien ausgebildet, die zum Beispiel für den Aufbau von repressiven kommunistischen Herrschaftsmodellen herhalten mussten. Andererseits ist auf der Seite der linken Intellektuellen schon früh die Ideologiekritik entstanden, mit Karl Marx, Theodor W. Adorno, Jean Paul Sartre und Louis Althusser als wichtigen Vertretern. Die Ideologiekritik steht in der Tradition der Aufklärung, die vor allem von liberalen und linken Denkern und Wissenschaftlern aufrechterhalten wird und eine Form der Selbstkritik und Selbstreinigung beinhaltet. Sie bildet eine Instanz zumindest zur Reflexion oder zur Korrektur von allen ideologischen Auswüchsen, ob von linker oder von rechter Seite.

Starrheit als Folge fehlender Selbstkontrolle

Ein Merkmal der Rechten besteht hingegen darin, in ihren Reihen über keine Korrekturmechanismen für ihre Ideologien zu verfügen. Vielmehr werden Kritiker schnell aus den eigenen Reihen ausgesondert. Allerfalls gibt es intern Auseinandersetzungen zwischen radikaleren und gemäßigten Strömungen. So sind aktuell die einzigen, die dem absolutistischen Machtkurs des gegenwärtigen US-Präsidenten Einhalt gebieten, noch radikalere Republikaner.

Das Fehlen einer ideologischen Selbstkontrolle bei den Rechten bewirkt, dass die Ideengebäude starr und monolithisch bleiben, was Anhänger anzieht, denen gesellschaftliche Änderungen und Weiterentwicklungen generell nicht geheuer sind. Da sich die Wirklichkeit beständig verändert, koppeln sich die rechten Ideologien immer weiter von ihr ab; sie kompensieren diesen Mangel damit, dass sie die Wirklichkeit solange zurechtzimmern, bis sie zur Ideologie passt. Es werden also die äußeren Bedingungen der Ideologie angepasst, indem sie so interpretiert werden, dass sie die Ideologie bestätigen; alles Widersprechende wird ausgeblendet. Für diese Umdeutung der Realität benötigen die rechten Machthaber und Interessensgruppen umfangreiche Propagandaapparate, die fortlaufend mit großem Aufwand die Unterschiede zwischen der Ideologie und den realen Gegebenheiten einebnen müssen. Wenn beispielsweise die Ideologie maßgeblich ist, dass Ausländer den eigenen Wohlstand bedrohen, müssen alle Befunde, die das Gegenteil belegen, umgedeutet oder abgewertet werden. Einzelfälle, die die Ideologie unterstützen, werden aufgebauscht, während Statistiken oder wissenschaftliche Studien unterdrückt werden, die gegen die Ideologie sprechen. Gleichermaßen wird vorgegangen, wenn es um die Kriminalität von Inländern und Ausländern geht.

Für alles Schlimme suchen die rechten Ideologien Sündenböcke, an deren Gefährlichkeit ohne jede Evidenz und gegen alle widersprechenden Fakten festgehalten werden muss, weil sonst die ganze ideologische Erzählung zusammenbrechen würde. Wenn z.B. alle gewusst hätten, dass es keine jüdische Rasse gibt und dass die Juden in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nur einen kleinen Teil des Bankengeschäftes in Deutschland kontrolliert haben, wären sie der nationalsozialistischen Propaganda nicht auf den Leim gegangen. 

Verblendung und Wiedergewinnung der Klarsicht

Ideologien dienen der Verblendung, also der Einschränkung der Klarsicht auf die Wirklichkeit, so wie sie ist. Sie suggerieren Erwartungen, wie die Realität sein soll, damit sie so wahrgenommen wird, wie es die Ideologie vorgibt. Die Aufklärung geht den umgekehrten Weg: Sie prüft die Realität und an der Realität die Ideologien. Taugt eine Ideologie dafür, die Wirklichkeit besser verständlich zu machen, sodass die praktische Orientierung erleichtert wird, oder erschwert sie dieses Verstehen und die daraus folgende Handlungsanleitung? Wenn wir der Aufklärung und ihren Maximen folgen, bleiben wir mit der Realität in Verbindung und verfügen damit über die größtmögliche Freiheit und Flexibilität für unsere Wertsetzungen und Handlungen. Außerdem orientiert sich unsere Ethik mit dieser Zugangsweise an der Menschlichkeit und am Gemeinwohl und nicht am Eigennutz, an Gruppenegoismen oder an den Interessen von Ideologien und Ideologen.

Zum Weiterlesen:
Hass, Zerstörung und Krieg
Taktiken zur Machtergreifung
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts


Donnerstag, 11. August 2022

Die frühkindlichen Wurzeln der Ideologien

Ideologien sind Fantasiegebilde, die die Übersichtlichkeit in komplexen Situationen versprechen. Die Fantasie bewirkt, dass die Ideologie nur lose mit der Wirklichkeit in Verbindung steht, sie nimmt ein paar Elemente und filtert die meisten aus. Die von ihren Zusammenhängen isolierten Elemente werden verallgemeinert, deshalb All-Aussagen. Geben Sicherheit auf der Emotionalebene. Sicherheit auf der Emotionalebene brauchten wir als Embryos im Mutterleib. Deshalb ist jede Ideologie mitsamt ihren Symbolen geladen von embryonalen Themen. Ideologien dienen den frühkindlichen Sicherheitsbedürfnissen. Sie sind ungeeignet für das Verstehen der Realität und für das Entwickeln von konstruktiven Handlungen. Sie wirken retraumatisierend, d.h. sie verstärken die Traumalast, die vor allem in der pränatalen Phase entstanden ist und befestigen die Abwehr dagegen.

Ideologien wirken erwachsen und richten sich auch vorwiegend an Erwachsene. Denn sie werden in sprachlicher Form übermittelt und folgen einer Logik, die stringent wirkt, aber nur Sinn macht, wenn die jeweiligen Grundannahmen akzeptiert werden. Diese Grundlagen und Ausgangspunkte bleiben aber im Dunkeln und sollen außer Frage stehen. Jeder Versuch, die Vorannahmen herauszuarbeiten und mit der Realität zu konfrontieren, muss bekämpft werden, weil er das ganze Gebäude der Ideologie bedroht. Ideologien entstehen also nicht aus der Realität, sondern sie nutzen die Realität ausschnittsweise oder verzerrt, um das eigene Konzept und Narrativ plausibel zu machen und zu begründen.

Sie sind also kindlichen Ursprungs, vorrational, traumähnlich und emotional geladen. Sie tragen die Traumaenergie aller nicht geheilten frühen Verletzungen in sich. Sie kommen aus der rechten Gehirnhemisphäre und sprechen ihre Anhänger auf dieser Ebene an. Wie wir wissen, verfügen Embryos und Babys nur über die emotional geprägte rechte Gehirnhälfte. Die linke Hälfte entwickelt sich langsam während der Kindheit, verbunden mit dem Erwerb der Sprache. In diesem Prozess verändert sich die Wirklichkeitserfahrung: Ursprünglich gibt es keine klare Grenzen zwischen Realität und Fantasie; erst die linke Hemisphäre sorgt für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen innen und außen und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Jede Traumaerfahrung bringt zurück in die vorrationale Sphäre des Erlebens und Wahrnehmens. Damit bieten sich kollektive Traumafelder als ideale Nährboden für Ideologien an. Die Pandemiezeit hat viele Beispiele für diesen Zusammenhang hervorgebracht. Menschen, die sich im Bann eines individuellen oder eines kollektiven Traumas befinden, sind gelähmt und verunsichert; sie klammern sich deshalb oft an die Strohhalme, die Ideologien oder Verschwörungstheorien anbieten. Selbst eine Idee ohne jeden Bezug zur Realität kann ein Stück Sicherheit und Orientierung bieten, das dringend benötigt wird. Auf diese Weise verbindet sich die Überlebenshoffnung mit der Theorie oder Ideologie bis hin zu einer Identifizierung. Wenn diese Fixierung erfolgt ist, muss die Ideologie um den scheinbaren Preis des Überlebens verteidigt werden. Das gedankliche Konstrukt ist voll mit Emotionen aufgeladen und wird mit unterstützenden Informationen abgesichert und vor widersprechenden Informationen abgeschottet. In Extremfällen wird das eigene Selbst über die Ideologie definiert.

Erwachsensein heißt, die eigenen Fantasien beständig an der Realität zu überprüfen, also das Innere mit dem Äußeren abzugleichen. Erwachsensein ist mit der Erfahrung der permanenten Veränderung, der Unbeständigkeit und des fortlaufenden Lernens vertraut. Erwachsenwerden bedeutet, sich von Identifikationen zu lösen und das eigene Selbst in jedem Moment neu zu definieren. Das erwachsene Selbst umfasst auch das kindliche Selbst, aber es ist dafür zuständig, dass es zwischen diesen beiden Instanzen eine klare Unterscheidung gibt, dass sich also das innere Kind nicht unerkannt in die erwachsenen Agenden einmischt.

Ideologien tragen nichts zum gesellschaftlichen Fortschritt bei, im Gegenteil, sie sind Hemmschuhe der sozialen und politischen Evolution. Die Aufklärung umfasst das Unterfangen, Ideologien mit der Realität zu konfrontieren und auf dieser Weise ihrer sinnstiftenden Macht zu entkleiden. Eine Welt ohne Ideologien ist eine Welt, in der die Erwachsenen das letzte Wort haben und die Verantwortung für die Entscheidungen tragen, die die Zukunft der Menschheit betreffen.

Zum Weiterlesen:
Kindsein und Erwachsensein
Das Kind in uns
Verschwörungstheorien und Normalitätsscham
Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Dienstag, 30. April 2019

Über die Willkür im Umgang mit dem Absoluten

Die absolute Wahrheit überlebt die Übersetzung in die relative Sprache nicht. Und dennoch braucht sie immer wieder diese Übersetzung. Denn sonst bleibt sie privat und im Inneren der erlebenden Person verschlossen. Damit möglichst viel vom authentischen Gehalt der Wahrheit erhalten bleibt, ohne missverständlich zu werden, bedarf es der Sorgfalt bei der Übertragung vom Absoluten ins Relative.

Für diesen Zweck steht die spirituelle Vernunft zur Verfügung. Sie ist eine Instanz, die an der Grenze des Absoluten angesiedelt ist und die Vermittlung zur Alltagsrealität der Menschen darstellt. Im Lauf der gesamten Menschheitsgeschichte haben einzelne Personen versucht, tiefe spirituelle Erfahrungen an ihre Mitmenschen weiterzugeben – Schamanen, Propheten, Weisheitslehrer, Mystiker, Religionsgründer. Sie waren mit diesem Dilemma konfrontiert und haben es auf unterschiedliche Weise gelöst. In diesen Lösungsversuchen liegt der Reichtum der spirituellen Vernunft. Sie verhindert, dass sich die allzu menschliche Willkür in die spirituellen Belange einmischt und zu Missverständnissen führt, die dann Ideologisierungen jeder Art Tür und Tor öffnen können. Dafür gibt es auch jede Menge Beispiele aus der Geschichte.

Wir können uns das Wirken der spirituellen Vernunft wie ein Filter verstehen, der möglichst viel vom eigentlichen Gehalt bewahren und Unklarheiten beseitigen möchte. Gefiltert wird immer, wenn von einer Sprache in die andere, und erst recht, wenn von einem Bereich des Geistes in einen anderen übersetzt wird. Es kommt aber darauf an, wieviel an menschlicher Vernunft, Reflexivität und Klarheit in diesen Prozess einfließt.

Hier ein Beispiel: Der Blogger Frank schreibt als Niluxx auf seiner Seite
„Jeder von uns lebt das Leben, was er/sie vorab geplant hat. Als das Höhere Selbst schrieben wir vor langer Zeit unser Script des Lebens. Wir wussten genau, wie sich unser Leben zum kleinsten Detail erschöpfen würde. Wir, in unserer gegenwärtigen Ego-Bedingung, in diesem Körper lebend, sind einfach eine Verlängerung oder Aspekt unseres Höheren Selbsts, das hierhergekommen ist, um es zu erschöpfen. Es existiert ein „göttlicher“ Plan im Hintergrund. Das Höhere Selbst, was nichts anders ist als Sie, schrieb dieses (mentale) Drehbuch, und Sie in Ihrem jetzigen, irdischen Aspekt sind der Schauspieler, um es auszuspielen. Sie erleben es aus erster Hand, wie Ihr Leben durchgeführt wird.
In der linearen Zeit sehen wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als getrennte „Geschäftsbereiche“ der Zeit. Aber in „sphärischer Zeit“ gibt es keine Divisionen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alle existieren im gegenwärtigen Augenblick.
Die Zukunft ist bereits geschehen. Es ist wie ein Film, der bereits hergestellt wurde. Wir haben uns den Film in linearer Zeit, vom Anfang bis zum Ende, anzusehen. Aber das Ende ist bereits gefilmt worden. Also, wir leben unser Leben wie in einem Film, in linearer Zeit, vom Anfang bis zum Ende. Aus dieser Perspektive gibt es keinen freien Willen, trotzdem erscheint es so. Entscheidungen werden im Film wie im Leben getroffen.“

Subjektivität oder absolutes Wissen?


Der Autor bedient sich einer Darstellungsweise voll von absoluten Feststellungen, ohne Ausweis der Berechtigung, z.B.: „Es existiert ein „göttlicher“ Plan im Hintergrund.“ Die Überzeugung, die hier zum Ausdruck kommt, gründet auf nichts als auf der Behauptung selbst: Etwas existiert, weil ich es sage. Es ist nicht einmal unterscheidbar, ob es sich hier um eine subjektiven Gewissheit handelt oder einfach nur um eine willkürliche spontane Aussage, die unsinnig ist. Jedenfalls geht es um eine Einsicht, die keine Wirklichkeit als Erkenntnisgrund ausweisen kann als die eigene Subjektivität. Denn die Existenz des „göttlichen Plans“ entzieht sich der Verifizierung. Sie ist ja nirgends auffindbar, außer als Idee in unserem Kopf, der alles Mögliche und Unmögliche erfinden kann. 

Andere Menschen können sich dieser Einsicht anschließen und sie teilen oder auch nicht, ohne dass ein Grund für das Eine oder das Andere genannt werden kann. Es bleibt also dem persönlichen Geschmack oder der individuellen Denkgewohnheit und ideologischen Vorprägung vorbehalten, dieser Sichtweise etwas abzugewinnen oder sie von sich zu weisen, ohne dass damit ein Fortschritt im Verständnis der geistigen Realität stattfinden würde.


Kontexte und Meta-Kontexte


Darum geht es allerdings dem Autor offenbar: Verbesserungen im Denken zu erzeugen. Der Leser soll die „Welt“ anders wahrnehmen und die Dinge, die er erlebt, anders einordnen. Das ist ein berechtigtes Anliegen: Wir erleben die Wirklichkeit nicht als solche, sondern eingebaut in Kontexte, die die Bedeutung der erlebten Wirklichkeit beinhalten. Und diese Kontexte sind im Grund beliebig und können verändert werden. Der Nachbar runzelt die Stirn, als wir ihm am Morgen begegnen. Wir bilden den Kontext, dass er sauer auf uns ist, weil wir gestern Abend laut waren. Wir fragen ihn, wie es ihm geht, und er sagt, dass er gerade Sorgen wegen der Firma hat. Und schon ändert sich unser Kontext, wir ordnen unsere Wahrnehmung in einen neuen Bedeutungsrahmen ein.

So läuft es in der Welt des Relativen: Vorläufige und veränderbare Annahmen über diese Welt bestimmen unsere Wirklichkeitserfahrung und unser inneres Erleben. Wenn wir bereit sind, unsere Annahmen relativ zu sehen, gewinnen wir an Freiheit. Wir sind nicht mehr sklavisch an die Kontexte gebunden, die unsere Weltsicht prägen, sondern können sie adaptiv und flexibel verändern.

Um solche Kontexte geht es auch in dem Text. Sie sind nur allgemeiner und abstrakter als Kontexte, die wir zu unseren Alltagserfahrungen bilden. Wir verfügen über viele solche Meta-Kontexte, z.B. all unsere Glaubensannahmen – die Unsterblichkeit der Seele, die Existenz Gottes, die Entwicklung der Welt zum Besseren usw. zählen dazu. Der Text handelt von solchen übergreifenden Wirklichkeitsinterpretationen. Er behauptet die Geltung der Vorherbestimmung (für alles, was geschieht, gilt: Es ist schon vorher festgelegt, wie es geschehen wird) sowie die Existenz einer Instanz (das „Höhere Selbst“), welche die Inhalte der Vorherbestimmung, das sogenannte Skript, festgelegt hat. 


Der Prüfstand der spirituellen Rationalität


Schauen wir uns nun an, was passiert, wenn die absolut gesetzte Wahrheit auf den Prüfstand der relativen Rationalität gerät: Sie muss sich in Frage stellen lassen und sich mit Kritik auseinandersetzen. Im Folgenden nutzen wir ein paar der Prüfinstrumente.


Vergleiche

Zunächst wird verglichen: Im Rahmen der Theorien über die Vorherbestimmung gibt es aktive und passive Positionen. Die einen glauben, dass die Bestimmungsmacht bei einer äußeren Instanz, z.B. bei Gott oder bei anderen geistigen Entitäten liegt, während die anderen eine innere Instanz als Urheber der Vorplanung vorschlagen, wie in diesem Fall das „Höhere Selbst“. An diesem Punkt erwartet der Leser eine Erklärung und Erläuterung, weshalb dem höheren Selbst und nicht jemand anderem diese entscheidende Rolle zukommt. Und warum gerade diese Sichtweise eine absolute Geltung beanspruchen kann, sodass konkurrierende Auffassungen notwendigerweise absolut falsch sein müssen. Doch der Text bleibt die Begründung schuldig. 


Widersprüche

Dann werden Widersprüche oder Verkürzungen aufgezeigt: Wenn wir einen Schritt zurück machen, erkennen wir, dass wir uns ohnehin in einem Zirkel befinden, gleich wie die Urheberschaft der Vorherbestimmung benannt wird. Denn die Macht des Urhebers zeigt sich in dem, was geschieht. Ich putze meine Nase. Das, was aktuell geschieht, mein Schnäuzen, ist laut Theorie durch eine Planung meines höheren Selbsts verursacht, das zu irgendeinem früheren Zeitpunkt beschlossen hat, dass ich mir jetzt die Nase putze. Dass das höhere Selbst diese Macht hat, zeigt sich eben an dem, was geschieht, aber auch nur daran. Es hat also das, was aktuell geschieht, genauso die Macht über die vorherbestimmende Instanz, weil sie ihre einzige Bestätigung ist, so wie diese Macht über das jetzige Geschehen ausübt. Das höhere Selbst hat immer Recht, und das Geschehen im Jetzt ebenso.


Praktischer Nutzen

Im nächsten Schritt kommt die Frage nach dem Nutzen: Macht uns die Theorie das Leben leichter? Sie verdoppelt das Erleben, indem jeder Moment zwei Ebenen enthält: Das aktuelle Geschehen und die Vorgeplantheit. 

Allerdings stellt sich dann die Frage, wozu es diese Verdoppelung braucht. Die Antwort lautet, dass ich damit eine Erklärung habe, warum das geschieht, was geschieht: Warum putze ich mir die Nase? Weil es so vorherbestimmt ist. Damit verfüge ich über einen Universalschlüssel, der alles aufschlüsselt, was sich in meinem Leben abspielt. Allerdings ist er nicht sehr kreativ. Er hat nur eine Erklärung, die auf alles angewendet wird. Meistens möchte ich detailliertere und spezifischere Erklärungen: Muss ich die Nase putzen, weil ich eine Verkühlung bekomme? 

Nun, die gibt es ja auch, und die generelle Erklärung macht den kosmologischen Rahmen, in dem sich unser Leben abspielt, im Sinn von absoluten Wahrheiten bewusst. Sie fungiert als Vergewisserung, dass alles, was ist, auch so sein soll, weil es vorab so festgelegt wurde. Das kann mir dann Sicherheit geben, wenn ich an mir und an dem, was ich tue, zweifle oder keinen Sinn darin finde. Sie kann aber auch ins Leere gehen, weil sie die zweifelnde Frage nur nach hinten verschiebt, zu der Instanz hin, die für das, was geschieht, verantwortlich gemacht wird. Insoferne erweist sich dieser Kontext wirkungslos bei Zuständen einer existentiellen Verzweiflung.


Versteckter Nutzen

Was ist der versteckte Nutzen? Da drängt sich sogleich die Psychologie vor, denn mit ihren Augen erkennen wir unschwer, dass ein Wunsch nach einer universalen Elternfigur in der Theorie verborgen ist. Nachdem wir von unseren Eltern immer wieder Kritik und Infragestellung erlebt haben, wäre es schön, wenn es einen Kontext gibt, der allem, was geschieht, was wir tun oder was uns widerfährt, bedingungslos zustimmt. Dazu eignet sich die Prädestinationslehre. Die eigentliche Verantwortung liegt dann nicht mehr bei uns selbst, sondern dort, wo die Entscheidungen für alles Spätere ursprünglich festgelegt wurden. Somit sind wir aus dem Schneider, wenn wir etwas ausgefressen haben, haben allerdings auch keinen Anlass mehr uns zu beschweren, wenn wir schlecht behandelt werden.


Ideologiekritik

Schließlich kommt die Ideologie-Frage. All diese Überlegungen, die sich stellen, sobald eine absolute Aussage ins Reich des Relativen gerät, erspart man sich, indem man die absolute Aussage in sich selbst begründet: Es ist die Wahrheit, weil es die Wahrheit ist. Wer es nicht versteht, ist dazu vorherbestimmt und kann nicht anders. Es macht deshalb gar keinen Sinn, die Theorie näher zu begründen oder zu erklären. Es gibt dann nur die Gläubigen und die Ungläubigen. Die Menschheit wird in zwei Gruppen unterteilt und jeder Diskurs zwischen den beiden Seiten ist fruchtlos (selbst wenn er aufgrund der Vorherbestimmung stattfindet). Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen einem spirituellen Meta-Kontext und einer religiösen Ideologie: Es geht nur um ein Bekenntnis, das ohne Nutzung der diskursiven Vernunft, gewählt oder abgelehnt werden kann, mit blindem Glauben als einzige Voraussetzung.


Vorsicht bei übergeordneten Sinninstanzen


Mit der Vorherbestimmungstheorie stülpen wir dem, was geschieht, einen Kontext über, indem wir einen bestimmender Verursacher dahinter annehmen. Diese verursachende Instanz verkörpert den Kontext, in dem alle Ereignisse in unserem Leben eingeordnet werden. Sie wird zur allbedeutenden Instanz für den Lebenssinn, die über allem thront. 

Aber gerade deshalb sollten wir bei unserer Wahl für solche Meta-Kontexte vorsichtig sein, damit wir nicht eine x-beliebige Idee ungeprüft in einen Universalkontext einschleusen. Wenn wir uns eine Wohnung suchen, nehmen wir nicht blind das erstbeste Angebot, das uns ein Makler aufschwatzen will, sondern prüfen, ob das Objekt solide und gut gebaut ist, ob sein Inneres und seine Umgebung passt und ob der Preis stimmt. Erst nach eingehender Überlegung fällen wir eine Entscheidung. So sollten wir es auch mit den Meta-Kontexten halten.

Denn wenn solche Kontexte für alles gelten, interpretieren sie alles, was in unserem Leben geschieht. Somit hängt unser ganzes In-der-Welt-Sein von der Stimmigkeit, Richtigkeit und Tragfähigkeit der Grundannahmen ab, denn wenn sie falsch wären, erscheint alles im falschen Licht, und unser Leben beruht auf schwankenden Grundlagen und wir orientieren uns nach einem möglicherweise trügerischen Kompass. Also brauchen wir gerade bei Universalkontexten schlüssige und diskursiv haltbare Begründungen. Wir sollten uns nicht damit begnügen, dass uns irgendwer mit der Kraft seiner Überzeugungskraft oder Sprachgewalt vorbetet, was die Wahrheit sei, damit wir sie gefälligst zur Kenntnis nehmen. Wir sollten uns eingehend mit solchen Sinnangeboten auseinandersetzen, unser Inneres auf mehreren Ebenen befragen und unter Einbeziehung unserer kritischen Denk- und Reflexionsfähigkeit unsere eigenen Festlegungen treffen, außer wir wollen irgendjemandem blind hinterhertrotten. 

Dann allerdings verkaufen wir unser eigenes Ingenium an dieses Angebot, viel zu billig. Und diese blindgläubige Haltung hat alle Radikalitäten der Menschheitsgeschichte auf dem Gewissen. Millionen von Menschen wurden das Opfer solcher Verblendungen, während die Täter glaubten, den Willen des Absoluten zu vollstrecken. Davor kann uns die spirituelle Vernunft bewahren.

Zum Weiterlesen:
Die mystische Leere
Gott und das Absolute
Die zwei Wahrheiten
Wahrheit und Illusion
Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute
Das Absolute im Beschränkten
Spirituelle Wahrheit und Kritik
Spirituelle Kreissätze
Die zwei Wahrheiten: Relatives verkleidet als Absolutes

Mittwoch, 8. Januar 2014

Die Offenheit der Wissenschaften


Die Wissenschaft ist ein System, das prinzipiell offen ist, also immer vorläufige Einsichten und begrenztes Wissen hervorbringt. Eine ihrer Grundlagen wurde von Karl Popper als Falsifizierbarkeit bezeichnet: wissenschaftliche Erkenntnisse gelten solange, bis sie durch bessere Erkenntnisse widerlegt sind. Sie müssen auch so angelegt und formuliert sein, dass sie überprüfbar, wiederholbar und widerlegbar sind. Ein persönlicher Erfahrungsbericht ("Ich habe ein UFO von meinem Küchenfenster aus gesehen") kann deshalb nicht als wissenschaftlich gelten. Niemand kann eine persönliche Erfahrung widerlegen, wiederholbar ist die Erfahrung ebensowenig, außer es befindet sich wirklich ein UFO im eigenen Garten, dann können die Wissenschaftler kommen, um es zu untersuchen und andere können kommen, um deren Ergebnisse in Frage zu stellen.

Missbrauch der wissenschaftlichen Autorität


Allerdings sind Wissenschaftler nicht frei von der Versuchung, sich in geschlossene Weltbilder hineinzubewegen. Das ist der Fall, wenn ein Wissenschaftler alles, was wissenschaftlich nicht erklärt werden kann, prinzipiell als Unfug darstellt. Wird z.B. eine scheinbare Wunderheilung mit wissenschaftlichen Mitteln als scharlatanischer Betrug entlarvt, so ist eine wissenschaftliche Leistung erbracht worden.

Wird aber mit der Autorität der Wissenschaft behauptet, dass eine bestimmte Wunderheilung so nicht erfolgt sein kann, wie es behauptet wird, weil es dafür keine wissenschaftliche Erklärung gibt. Die wissenschaftliche Autorität wird missbräuchlich verwendet, wenn ein derartiges Phänomen als Täuschung oder Betrug bezeichnet wird, ohne dass eine wissenschaftliche Evidenz vorgelegt wird. Eine derartige Behauptung ist also nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch, weil sie nicht auf wissenschaftliche Befunde zurückgreifen kann und nicht den Falsifizierbarkeitskriterium der Wissenschaft unterliegt. Sie verfolgt andere Interessen als die einer auf Wissenschaft gegründeten Aufklärung der Öffentlichkeit. Sie will einen Zirkel um die Domäne der Wissenschaften ziehen, und alles, was nicht drinnen ist, ist draußen und eo ipso falsch. Damit wird ein geschlossenes System proklamiert.

Der Erfolg der Wissenschaften gründet darauf, dass sie mit offenen und relativen Konzepten arbeiten und bestrebt sind, geschlossene Konzepte immer wieder in offene zu überführen. Jede wissenschaftliche Erkenntnis besteht solange, bis sie durch eine bessere ersetzt wird. Diese Art des Denkens schafft Vertrauen, weil es auf der Beschränktheit und Revidierbarkeit menschlicher Erfahrungen gründet. Es liegt eine besondere Bescheidenheit in dieser Haltung, die besagt, dass gültige und praktisch nützliche Aussagen über alle Bereichen getroffen werden können, auf welche die Wissenschaften mit ihren Methoden zugreifen können. Dort, wo dies allerdings nicht möglich ist, gibt es (noch) kein nach diesen Maßstäben gültiges Wissen und wir müssen auf die Sicherheit, die ein solches Wissen bringt, verzichten. Wissenschaftliches Wissen kann eben nie absolut sein, sondern ist in seinem Wesen immer als vorläufig und verbesserbar.

Damit konnten und können sich die Wissenschaft von Ideologien und Weltanschauungen klar unterscheiden, ja noch mehr, sie werden zu den Mentoren der Ideologie- und Weltanschauungskritik. Diese Unabhängigkeit von partikularen Interessen bringt ihr eine hohe Glaubwürdigkeit ein und trägt bei zur hohen Akzeptanz in den modernen pluralistischen Gesellschaften. Diese Form der emanzipierten Wissenschaft kann von den Machtapparaten nicht in Dienst genommen werden, weil sie ihr eigenes Wissen immer wieder selbst in Frage stellt und deshalb nicht für die Beherrschung der Menschen taugt.

Wissenschaften gegen Wissenschaften


Es gibt auch unter Wissenschaftlern und zwischen Wissenschaftszweigen Rivalitäten und Konkurrenz. So halten manche Naturwissenschaftler nichts von den Sozialwissenschaften und manche Sozialwissenschaftler nichts von den Wirtschaftswissenschaften usw. Abgesehen von der inhaltlichen und methodischen Kritik, die an jeder Form der Wissenschaft angebracht werden muss, gehören Abwertungen und Vorurteile zum Kapitel "Menschliches, allzu Menschliches", aber nicht zum Geist der Wissenschaften. Dort, wo die Leistungen und Methoden der eigenen Wissenschaft nicht in Frage gestellt und die anderer Wissenschaftszweige ohne ausreichende Argumentation verworfen werden, geht es nicht um die Vertiefung und Verbreiterung von Wissen, sondern um Macht und Einfluss innerhalb einer Gesellschaft. Und an diesen Punkten mischen sich geschlossene Systeme in den offenen Geist des wissenschaftlichen Denkens und Forschens.