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Sonntag, 22. Februar 2026

Klimamärchen

Im vorigen Artikel ging es um die Schwierigkeit, packende und motivierende Geschichten zu finden, die zur Mobilisierung vereinter Kräfte für den Einsatz gegen die fortschreitende Klimazerstörung beitragen. Alle Strömungen, die diesem Engagement entgegenwirken, von Leugnern des Klimawandels über die Leute, die erst etwas tun wollen, wenn “die anderen” aktiv werden bis zu jenen, die meinen, es ohnehin alles schon zu spät, sind von Geschichten gespeist und ideologisiert, die hier im Überblick dargestellt sind. Es handelt sich um Narrative, die durch Lobbys und Interessengruppierungen jener, die von der Verzögerung und Verschleppungen von Klimaschutzmaßnahmen profitieren, verbreitet und vermarktet werden. Die Zitate stammen aus dem Buch Erzählende Affen. 

1. Die Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie – Wer ist David und wer ist Goliath? 

Ein von Politikern gerne strapazierter (und konstruierter) Gegensatz ist der zwischen der Wirtschaft und der Klimapolitik. Dieser Konflikt besteht nur, wenn wir kurzfristig denken, und er wird zusätzlich ideologisch aufgeheizt, indem die Folgen eines intensivierten Klimaschutzes drastisch ausgemalt werden – ein Szenario mit all den Arbeitskräften, die in der Öl-, Auto- und Fleischindustrie arbeitslos würden, wird als Drohung heraufbeschworen. Hier wird ein Mechanismus der menschlichen Psyche aktiviert, nämlich die Verlustaversion: Wir reagieren viel empfindlicher auf Verluste als auf Gewinne, offenbar weil uns Verluste bedrohen und damit unsere Angstreaktion ausgelöst wird.  

Mit der Konstruktion der Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie wird suggeriert, dass sich die Menschen für eins von beiden entscheiden müssten. Viele wählen deshalb die Wirtschaft, weil sie sich davon einen kurzfristigen Nutzen bzw. weniger aktuellen Schaden und möglichst keinen Verlust an Wohlstand erhoffen. Der abstrakte Nutzen irgendwann in der Zukunft verblasst dagegen, während befürchtet wird, dass Einschränkungen in der Gegenwart besonders schmerzhaft werden könnten.  

In Diskussionsveranstaltungen treffen häufig Wissenschaftler, die die Berechnungen über die Folgen der Erderwärmung vorlegen, und Vertreter der Wirtschaft, die die Folgen von Klimamaßnahmen auf einzelne Wirtschaftszweige an die Wand malen, aufeinander und finden natürlich keine Übereinstimmung; beim Publikum entsteht der Eindruck, dass es sich um zwei entgegengesetzte Meinungen handelt, von denen jede etwas für sich hat. Verzerrt wird dabei eine Situation, in der die eine Seite auf der Grundlage von Forschungen vor einer zerstörten Zukunft warnt und die andere in der Gegenwart weiterhin Gewinne machen will. Das einfache Argument, dass es in einer zerstörten Umwelt keine Wirtschaft mehr geben kann, wird als Klimahysterie abgetan. Es sind also ungleiche Partner, die miteinander verglichen werden: Auf der einen Seite Profitinteressen, die einigen zugutekommen, und auf der anderen Seite die Überlebensinteressen der Menschheit.  

In Wahrheit kann es keinen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie geben, indem laufend Kompromisse geschlossen werden, damit zwar ein wenig Klimaschutz stattfindet, aber die Wirtschaft nicht grundlegend geändert werden muss. Denn die Krise verschlimmert sich exponentiell und steuert auf Kipppunkte zu, die mit kosmetischen Maßnahmen nicht bewältigbar sind und dazu führen können, dass ganze Zweige der Ökonomie nicht mehr funktionieren, z.B. der Tourismus in Gebieten, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind. Ein kompromisshafter Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie „wäre wie ein Auto, das aus Angst vor Extremen konsequent in der Mitte der Straße fährt.“ (S. 305) 

2. Verzicht und Verbot – mit Bezug zur Ikarus-Geschichte 

Ikarus, der Sohn von Dädalus, fliegt gegen die Sonne, obwohl ihn sein Vater gewarnt hat, und bewegt sich in seiner Überheblichkeit dem Untergang entgegen, eine Metapher für das Verhalten von weiten Teilen unserer Zivilisation und politischen Kultur angesichts der dräuenden Klimakatastrophe. 

Einerseits müsste uns klar sein, dass wir in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten unseres Luxuslebens verzichten müssen, weil die Folgen der fortschreitenden Erderwärmung nur mit massivem Einsatz von Mitteln bewältigt werden können – Kosten, die alle mitbetreffen und die mit jedem Tag steigen, an dem zu wenig für den Klimaschutz unternommen wird. Diese realistische Einschätzung wird emotional aufgeladen und missbraucht. Maßnahmen zum Klimaschutz, die eben Kosten verursachen, die anderswo eingespart werden müssen, werden in der politischen Propaganda schnell als Einschränkung von Freiheitsrechten und unfairer Entmündigung gebrandmarkt; die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie klimafreundlich leben wollen oder nicht. Wer einem vorschreiben will, wie man leben soll, wird zur Verteidigung der eigenen Autonomie abgewehrt und abgewertet. So werden Wissenschaftler, grün-orientierte Politiker und Aktivistinnen als Feinde, die den eigenen Lebensstil und Wohlstand bedrohen, dargestellt, während jene, die sich durch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen maßlos bereichern, vor jeder Kritik verschont bleiben und damit fleißig weiter ihre goldenen Schäfchen ins Trockene bringen können, während andere die angerichteten Schäden ausbaden müssen. Die Guten, die die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einmahnen, werden zu den Bösen, die ins eigene Leben und ins eigene Selbst eingreifen. Mein persönlicher Vorteil ist mir nun einmal wichtiger als eine vage Zukunft, vor der ich lieber meine Augen verschließe, um im Hier und Jetzt meine Genussmöglichkeiten zu steigern. Aus diesen egoistischen Gründen laufen die Leute Politikern nach, die ihnen versprechen, sie vor jeder Einschränkung und vor jedem Verzicht zu schützen. 

Im Namen der Bewahrung von Freiheiten, die im Grund unverdiente Privilegien sind, wird in Kauf genommen, dass die Freiheitsräume in Zukunft für die meisten Menschen viel enger werden. Die scheinbare Vernünftigkeit beim Finden von faulen Kompromissen zwischen Ökologie und Ökonomie, täuscht darüber hinweg, dass die Natur nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie funktioniert und sich nicht um Strategien kümmert, die sich die Menschen ausdenken, um bequem bei ihren gewohnten Lebensmustern bleiben zu können. 

3. Hedonismus und Freiheit – angelehnt an das Aschenputtel-Märchen 

Bei diesem Narrativ gehen ihre Anhänger davon aus, dass sie die privilegierte Position, die sie innehaben, verdient haben, z.B. durch Arbeit und Fleiß, und dass ihnen deshalb von dem Leben, das sie jetzt führen, nichts weggenommen werden darf. Die Ressourcen, die jeder Mensch in unseren Breiten verbraucht, stünden uns zu. Das ist eine Anmaßung von Rechten, deren Kehrseite destruktive Konsequenzen nach sich zieht, das Beharren auf der Ausbeutung der für die Menschheit lebenswichtigen Umwelt. Der Grund für die Attraktivität des Erzählmusters, persönliche Freiheiten maximal genießen zu dürfen, stammt aus der menschlichen Tendenz, “sich in Anbetracht von Untergang und Tod Erzählungen zuzuwenden, die zum Schutz des Selbstwertgefühls beitragen.” (S. 308) 

Das Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall.” Sich als Held des skrupellosen Genießens aufzuspielen, während das eigene Handeln die Zerstörung weitertreibt, geht so lange gut, als es die Umwelt erträgt. Jede von Selbstsucht angetriebenen Expansion stößt früher oder später auf Grenzen, die unüberwindbar sind und zum Zusammenbruch des Überlebensmusters führen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel verlieren am Ende des Märchens ihr Augenlicht, die Strafe für ihre Verblendung aus Überheblichkeit und Mangel an Mitgefühl und Respekt für andere. 

4. Die Technologie wird uns retten – der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wird 

Natürlich haben Menschen in bedrohlichen Situationen immer wieder Auswege und innovative Lösungen gefunden. Allerdings gibt es die Tendenz, diese Erfahrung als Sedativum für Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen zu nutzen, nach dem Motto: Wir brauchen uns nicht sehr anzustrengen, um die Erderwärmung einzudämmen, denn je näher die Katastrophe rückt, desto mehr Kreativität werden wir entfalten und dann alles noch rechtzeitig bewältigen. Dass wir dabei einer optimistischen Verzerrung aufsitzen, übersehen wir leicht und gerne. Viele Politiker, die zwar den Klimawandel nicht leugnen, aber sich gegen drastische Einschnitte in die bisherigen Praktiken und Lebensweisen sträuben, nutzen diesen scheinbaren Ausweg. In der Psychologie heißt dieser Mechanismus bright-siding: Alles Negative wird mit unverwüstlichem und blindem Optimismus ausgeblendet. Er beruht auf einer Selbstüberschätzung, bzw. auf einem Glauben, dass andere die Misere schon beheben werden können, und dient damit als Entschuldigung für das eigene Nichtstun oder mangelhafte Engagement. Es wird auf wundertätige Heiler des Planeten gewartet, um die Hände im Schoß liegen lassen zu können. Währenddessen steigt kontinuierlich die Belastung des Klimas, und das Warten auf einen Herkules, der Abhilfe verschaffen könnte, ist weiterhin vergeblich. 

5. Man kann nichts ausrichten – der Gegentraum vom Millionär zum Tellerwäscher 

Das ist die Erzählung von der depressiven Resignation. Wir als einzelne können angesichts der übermächtigen großen Player nichts ausrichten und können deshalb weiterleben wie bisher. Vielleicht gibt es weitere dunkle Kräfte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und uns in den Abgrund stürzen wollen, und wir haben keine Chance. 

Deshalb gibt es keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern, denn das Problem ist für uns unlösbar, und die Mächtigen können nicht beeinflusst werden. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen übersteigen unsere Vorstellungskraft und unsere geistigen Kapazitäten. Wir fühlen uns gelähmt und verstärken diese Lähmung, indem wir uns erzählen, dass wir keine andere Perspektive haben. Vielleicht spüren wir die Wut auf die Mächtigen, verbunden mit der Ohnmacht, nichts bewirken zu können, was zum Schluss führt, dass wir so weiter leben wie bisher. 

Die Macht der Märchen 

All diese Märchen, mit denen der Schrecken einer zukünftigen Klimakatastrophe gebannt werden soll, benutzen die Erzählmuster von uralten Geschichten. Sie wurden mit reichhaltigen Propagandamitteln vor allem aus der Fossilindustrie massiv verbreitet, sodass ihre weite Verbreitung nicht weiter verwunderlich ist. Die Hartnäckigkeit, mit der Menschen trotz einer breiten Faktenlage in Bezug auf die bedrohliche Entwicklung an solchen Erzählungen festhalten, hat viel mit unbewältigten inneren Konflikten zu tun. Sie hindern daran, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie mit Geschichten entkräften zu wollen. Sie hindern uns auch daran, Geschichten, mit denen wir uns unserer Verantwortung entziehen können, von solchen zu unterscheiden, mit denen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken. 

Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichten einen mächtigen Einfluss auf unser Unterbewusstsein und auf unsere Emotionen haben. Die Positionen in der Klimapolitik sind sehr stark von solchen Geschichten gesteuert, die wir als Gegengewicht zu den immer erdrückender werdenden wissenschaftlichen Befunden brauchen, wenn wir uns schwertun, sie in ihrer Wucht und in Hinblick auf ihre Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Denn das würde bedeuten, dass wir alles in unserer Macht Stehende in Bewegung setzen müssten, um die Katastrophe abzuwenden. Und das wäre reichlich unbequem für uns und besonders für jene, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. 

Die Förderung der Unsicherheit zum Machtgewinn 

Unschwer zu erkennen ist bei dieser Aufzählung von Märchen, dass sie vor allem von den Parteien im rechten Bereich des politischen Spektrums verwendet werden. Es scheint diesen Politikern gelegen zu kommen, die Menschen in der diffusen Bedrohungslage durch die Klimakrise zu belassen. Die dadurch verursachten Ängste werden mit Hilfe der Märchenerzählungen scheinbar beruhigt; da aber selbst Kinder den Unterschied zwischen Fiktion und Faktizität kennen, also wissen, dass Märchen eine andere Realität haben als die konkrete aktuelle Wirklichkeit, spüren auch erwachsene Menschen die Unsicherheit, die mit all den genannten Erzählungen einhergeht. Keine der Geschichten kann vollends beruhigen. Allenfalls dienen sie dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Diffus verunsicherte Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Sicherheit versprechen. Darum ist es Parteien, die für die Wendung zu autoritären Regierungsformen eintreten, daran interessiert, dass die Menschen verunsichert bleiben und füttern sie mit Märchen, die sie vorläufig beruhigen sollen, bis dann der große Macher kommt, der alles zum Besseren wenden wird. 

Alle, denen eine lebenswerte Erde ein Anliegen ist (und das ist bei weitem die Mehrheit der Menschen), können daran mitwirken, die Ebene der narrativen Wirklichkeit mit konstruktiven Geschichten zur Eindämmung der Klimazerstörung zu besetzen und den Begriff der Vernunft von den Politikern zurückgewinnen, die uns einreden wollen, dass es vernünftige Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie gäbe und dass wir blind auf die Fortschritte in den Forschungen vertrauen sollten. “Gegen diesen destruktiven Nichtangriffspakt zwischen den Antagonisten müssen wir anerzählen mit einer positiven Geschichte von gemeinsamer, friedlicher Veränderung. Erst diese protagonistisch-protestierende Haltung vieler schafft ein mobilisierendes Gefühl von politischer Betroffenheit wie Selbstwirksamkeit – nicht zuletzt, weil man sich dank ihr als Widerständler inszenieren kann. " (S. 307) 

Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
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Samstag, 21. Februar 2026

Können wir das Klima erzählend retten?

Mit der Klimakrise hat die Menschheit eine Herausforderung heraufbeschworen, die es in dieser Dringlichkeit und Unausweichlichkeit noch nie in der Geschichte der Zivilisation gegeben hat.  Wir wissen alles über die Schärfe der Krise, über die massiven Gefahren für das Überleben der Menschheit, und wir tun kaum etwas, um die Bedrohung abzuwenden. Dieser massive Konflikt zwischen Wissen und Tun betrifft alle – die einzelnen Erdenbürger, die durch ihr Verhalten unterschiedlich die Klimakrise anfeuern, die Politiker, die die Verantwortung für weiterreichende Entscheidungen tragen, die Armen, die am meisten unter den Folgen leiden, und die Reichen, die am meisten zur Erzeugung dieses Leidens beitragen. 

Ein probates Mittel, um mit inneren Konflikten zurechtzukommen, besteht im Erzählen von Geschichten. Deshalb ist eine Reihe von Märchen im Umlauf, mit deren Hilfe der Gewissensdruck erleichtert und der individuelle und kollektive innere Konflikt erleichtert werden soll. Im Folgenden orientiere ich mich an Samira El Ouassil und Friedemann Karig und ihrem Buch: Erzählende Affen.

Übrigens ist der Begriff „Klimawandel“ eine Erfindung der Republikaner um Dick Cheney, dem Vizepräsidenten unter Trump I, die ein harmloses Wort statt der bedrohlichen Termini „Klimaerwärmung“ oder „Klimakrise“ finden wollten – ein Weg, um den Gewissenskonflikt scheinbar zu entschärfen. 

Bei vielen unserer Geschichten handelt es sich um Heldenerzählungen, die einem Grundmuster entsprechen. Diese enthalten ein grundlegendes Erzähl- und Denkmodell, das unser Verständnis von Geschichten, Weltdeutung und Narrativen prägt und in vielen Varianten in der Welt der Fantasie auftauchen.  

Die Elemente oder Stadien der klassischen Heldenreise: 

  1. Der Ausgangspunkt: Die gewohnte Welt – Die Heldin lebt in der bisherigen, vertrauten Welt.  
  2. Das Abenteuer ruft – Ein Ereignis oder Problem fordert den Helden heraus.  
  3. Verweigerung des Rufes – Zögern oder Ablehnung, sich der Herausforderung zu stellen.  
  4. Die Begegnung mit einem Mentor – Eine hilfreiche Figur gibt Rat oder Unterstützung.  
  5. Das Überschreiten der Schwelle – Eintritt in eine neue, unbekannte Welt des Abenteuers.  
  6. Bewährungsproben, Verbündete und Feinde – Erste Prüfungen und Begegnungen auf der Reise.  
  7. Das Vordringen in die tiefste, dunkelste Höhle – Das größte Risiko oder das Zentrum der Gefahr rückt näher.  
  8. „Die dunkle Nacht der Seele“, die Krise – Tiefpunkt, Verzweiflung, Ausweglosigkeit oder innere Konflikte.  
  9. Das Ergreifen des Schwertes und der siegreiche Kampf– Wendepunkt, Erkenntnis, Niederringen des Gegners oder Erlangen einer Belohnung.  
  10. Der Rückweg – Rückkehrvorbereitungen in die gewohnte Welt.  
  11. Die Auferstehung – Letzte Prüfung vor der Rückkehr; Transformation der Heldin.  
  12. Rückkehr nach Hause – Der Held kehrt zurück und bringt etwas mit, das der Gemeinschaft dient.  

Die klassische Heldenreise ist so oft reproduziert worden, weil sie die individuelle Reifungsentwicklung nachzeichnet und viele innere Sehnsüchte befriedigt. Wir alle mussten einmal aus vertrauten Umgebungen aufbrechen, sind durch Krisen gegangen, haben Neues erlernt und sind gestärkt in die Gemeinschaft zurückgekehrt. Die Geschichte erzählt uns, dass wir Probleme und Herausforderungen bewältigen und aus ihnen Sinn gewinnen können. Wenn wir uns den Ängsten stellen und sie verarbeiten, integrieren wir Schattenbereiche unserer Seele. Wenn wir einmal scheitern, geht das Leben weiter und wir gewinnen Halt unter dem Boden und wir richten uns wieder auf, zu neuer Größe. Mutig zu sein und Verantwortung zu übernehmen, lohnt sich. Und schließlich kommt alles zu einem guten Ende. 

Die Klimakrise als Erzählung? 

Aus verschiedenen Gründen ist es schwierig, die Klimakrise in fiktionale Geschichten zu übersetzen, was notwendig wäre, damit die Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen im Bewusstsein möglichst vieler Menschen Platz findet. Ein erster Grund liegt darin, dass es keinen ausgemachten Bösewicht gibt – oder zu viele von ihnen. Mehr oder weniger tragen alle zur Misere bei. Zwar haben Ölfirmen und ihre Propagandamaschinen oder Regierungsspitzen, die der Klimapolitik abschwören, eine höhere Verantwortung, aber sie werden entweder innerhalb des politischen Systems abgesichert oder von der Bevölkerung gewählt und damit legitimiert. 

In einer traditionellen Geschichte ist der Held, der Protagonist, in dem Maß gut wie der Antagonist böse ist. Das kennen wir aus jedem James-Bond-Film und Harry-Potter-Roman. Die Körperkraft von Siegfried bemisst sich am Drachen, den er besiegt hat. Beim Klimakrimi fehlt dieser Gegensatz, weil es den mächtigen Gegenspieler nicht gibt. Folglich fehlt auch die rettende Heldenfigur, mit der man sich identifizieren könnte. Eine Zeitlang hatte Greta Thunberg diese Rolle inne, aber inzwischen ist dieser Stern verblasst und weit und breit keine Identifikationsfigur sichtbar. Welche Heldentat auch würde sich für eine spannende Erzählung eignen? Es gibt kein Ruder, das jemand am Höhepunkt der Dramatik herumreißt, und plötzlich stimmt die Richtung wieder und wir segeln heraus aus der Krise in den sicheren Hafen. Es bräuchte unzählige kleinere und größere Heldentaten, bei denen die Menschen ihre Lebensweisen ändern und politischen Druck erzeugen, um den Schwung zu erzeugen, mit dem das Schlimmste abgewendet werden könnte. Aus solchen Miniaktionen kann aber keine Vorlage für eine Heldensaga gewonnen werden, bei der das Böse endgültig und radikal besiegt werden müsste.   

Was wir im besten Fall ausrichten können, ist die Abmilderung der Krise und eine soziale Abfederung ihrer Folgen. Wir könnten das noch Schlimmere zugunsten des ohnehin schon Schlimmen verhindern. Allerdings eignet sich niemand als Heros, als Wender des Schicksals, der mit seinem heldenhaften Einsatz bewirkt, dass es doch nicht so katastrophal kommt wie befürchtet. Die Bedrohung zu verringern ist zwar löblich, aber trägt nur wenig zur Minderung der verbreiteten Verunsicherung bei. Es ist kein Szenario vorstellbar, in dem ein erleichtertes Aufatmen angebracht wäre. Das Problem bleibt weiter bestehen, nur wären unter Umständen die Auswirkungen weniger schrecklich. 

Außerdem ist es aufgrund der Komplexität der Krise ausgeschlossen, dass eine Einzelperson derart viel bewegen könnte, dass ein nachhaltiger Umschwung stattfindet. Wir werden das Überleben der Menschheit nicht anders sichern können als dass Menschen in großer Zahl zusammenwirken; es wird viele Millionen brauchen, um die notwendige kritische Masse zu erschaffen, die die Politiker weltweit zur Übernahme der Verantwortung zwingt. Eine solche Mobilisierung käme leichter zustande, wenn sie von einer Heldengeschichte angeleitet wäre, aber das Modell passt eben nicht zum Problem. 

Dazu kommt, dass wir mit unserem Lebensstil im Wohlstandsgürtel der Welt fortlaufend daran mitwirken, dass wir alle auf der Seite der Bösewichter stehen. Fiktive Konflikte wie jene zwischen Luke Skywalker und Darth Vader im Krieg der Sterne erzeugen spannende Zeiten im Kino und die nachfolgende Erleichterung, dass das Gute letztlich siegt; bei Erzählungen über die Klimaproblematik bleibt am Ende, wie auch immer sie in der Fiktion ausgemalt wird, das Problem bestehen. Es gibt keinen tiefgreifenden Erleichterungseffekt, sondern höchstens eine Verkleinerung des Problemdrucks. Deshalb meiden viele Leser oder Videokonsumenten solche Geschichten und deshalb werden wenige solche Geschichten geschrieben und gedreht: In nur 2,8 % der amerikanischen Fernsehserien zwischen 2016 und 2020 wurde das Thema Klima auch nur erwähnt.  

Da Menschen über den Mechanismus der selektiven Wahrnehmung verfügen, ordnen sie alle Informationen gemäß ihren Vorannahmen ein. Wenn jemand meint, dass es keine Klimakrise gibt, empfindet er abnorm hohe Temperaturen als weniger heiß im Vergleich zu jemandem, der von einer Klimakrise ausgeht. Die Temperaturempfindung hängt also ab von der Einschätzung der Ursache der Wärme. Die entsprechenden Vorannahmen werden durch die jeweiligen Gruppen und Blasen abgesichert und verstärkt. In diese Kreise können nur Informationen eindringen, die sich auf die jeweils geltende Erzählschablone Bezug nehmen und mit ihr kompatibel sind. Gerade weil alle diese geschlossenen Weltbilder aus Erzählungen entstanden und durch Erzählungen stabilisiert sind, wäre es wichtig, mit neuen Erzählungen die alten zu überschreiben. Da ist viel kommunikative Kreativität gefordert.  

Kleine Heldengeschichten

Da sich die Klimakrise nicht für große Heldengeschichten eignet, bleiben die kleinen. Jemand verzichtet auf Kurzstreckenflüge und fährt mit dem Zug. Jemand isst nur mehr einmal in der Woche Fleisch. Jemand hält Tempo-100 auf der Autobahn ein. Kleine Änderungen von Gewohnheiten mögen ein winziger Tropfen auf einem riesigen heißen Stein sein, aber sie regen zur Nachahmung an, wenn sie weitererzählt werden. Individuelle Verhaltensänderungen allein sind zu wenig, um das Fortschreiten der Klimazerstörung zu beenden. Doch viele erzählte Geschichten summieren sich und regen weitere Geschichten an und beeinflussen die kollektive Ebene, bis sie nicht mehr überhört werden können und schließlich zu politischen Maßnahmen führen. Also ändern wir unsere klimaschädlichen Gewohnheiten und erzählen sie weiter! 

Literatur:

Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Sonntag, 29. September 2024

Fossile Propaganda und Klimazerstörung

Die jüngste Überschwemmungskatastrophe hat viel Zerstörung und Leid verursacht. Sie hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Klimawandel voll im Gang ist und dass solche Ereignisse immer häufiger auftreten werden. Bei Überflutungen wird nachher immer wieder nach effektiveren Schutzmaßnahmen gerufen. Es steht zu hoffen, dass endlich starke Rufe nach effektiven Klimaschutzmaßnahmen vor der nächsten Katastrophe laut werden und von der Politik gehört und umgesetzt werden. Den Schaden nachher notdürftig zu reparieren, der vorhersehbar ist, ist nicht nur dumm, sondern auch kostspielig. Das Scheinargument, dass die Umstellung der Wirtschaft auf Nachhaltigkeit teuer ist, ist längst widerlegt. Jedes Zuwarten mit notwendigen Maßnahmen macht diese laufend teurer, kostet also Geld. Die Verzögerungskräfte bei der CO2-Steuer, bei der Bodenversiegelung, bei der Renaturierung usw., die vor allem in den konservativen und rechten Parteien maßgeblich sind, sind für diese Kostensteigerungen verantwortlich, ebenso wie für das Ausmaß künftiger Katastrophen.

Darüber gäbe es keinen Zweifel, wenn nicht seit Jahren Zweifel gesät worden wären, ob es den Klimawandel gibt, ob er menschengemacht ist, ob er überhaupt gravierende Auswirkungen hat oder nicht. Diese Diskussionen flammen immer wieder auf, unbeschadet der Tatsache, dass die Übereinstimmung in den Wissenschaften über die wesentlichen Zusammenhänge bei der Erderwärmung immer höher wird und schon bei 99,9% liegt. Es ist also vieles schon lange außer Streit, was irreführend als zweifelhaft dargestellt wird.

Säe Zweifel und die Menschen rennen dir nach

Die Zweifel an den Wissenschaften wurden systematisch verbreitet, genau von den Kreisen, die durch eine konsequente Klimaschutzpolitik auf Gewinne verzichten müssten, nämlich alle, die an der Förderung und Verbrennung von fossilen Brennstoffen verdienen. Diesen Menschen ist nichts anderes wichtig, als ihre Gewinne langfristig abzusichern, obwohl sie wissen, dass sie damit die Erdatmosphäre zerstören und viel Leid anrichten.

Christian Stöcker hat in seinem Buch: „Männer, die die Welt verbrennen“ (Ullstein 2024) die Propagandamechanismen hinter den Ablehnungskampagnen gegen die Klimaschutzpolitik beschrieben. Er hat recherchiert, wie die Lobbys der Erdölindustrie seit über dreißig Jahren systematisch Fehlinformationen, Fakenews und gefälschte Studien verbreitet haben, um die Menschen im großen Stil zu manipulieren und für die eigenen Zwecke einzuspannen. Die Erkenntnisse der Wissenschaften zum Klimawandel, die im Kreis der fossilen Magnaten bekannt waren, sollten diskreditiert werden, indem bezahlte Scheinstudien das Gegenteil beweisen sollten. Diese Ergebnisse wurden lautstark verbreitet und in den entsprechenden, dafür offenen politischen Kreisen verankert. Gefälschte Studien werden bald aufgedeckt, aber es wurde und wird damit kalkuliert, dass die Widerlegungen viel später auftauchen werden und wenig Publizität erhalten, während der Hauptzweck der Aktion schon erreicht ist: Menschen zu verunsichern und das Vertrauen in die Wissenschaften zu untergraben. Und wenn eine gefälschte Studie entlarvt wird, kann man leicht sagen: Ah, da sind sich die Wissenschaftler uneins, die einen sagen dies und die anderen das Gegenteil. Es gibt also gar keine sichere wissenschaftliche Meinung, sondern nur unterschiedliche Standpunkte. Solche Relativierungen sind für Menschen eine Erleichterung, die durch den Klimawandel beunruhigt sind, aber nichts in ihrem Leben ändern wollen. Sie können sich jetzt beschwichtigen, dass es wohl nicht so schlimm sein kann und dass man mit dem eigenen Leben so weiter machen kann wie bisher. Politikern, die über Gesetze beraten müssen, sind Ausreden willkommen, damit sie etwaige unpopuläre Maßnahmen vermeiden oder in die übernächste Legislaturperiode verschieben können.

Das Säen von Lügen und Desinformationen ist also ein Mittel der Machtpolitik, bei der es darum geht, das, was den Interessen der eigenen Profitsteigerung im Weg steht, zu eliminieren oder zu schwächen, und das ist erstaunlich gut gelungen. Immer mehr Menschen neigen der Wissenschaftsskepsis zu, indem sie glauben, dass wissenschaftliches Wissen genauso relativ ist wie jedes andere Wissen. Die Wissenschaftsfeindlichkeit, die in der Coronazeit bei vielen Leuten aufgetaucht ist, war nur auf der Grundlage des Vertrauensverlustes in die Wissenschaften, der schon länger systematisch von einschlägigen Kreisen vorangetrieben wurde, möglich.

In den USA gibt es eine regelrechte Tradition von Kampagnen zur Manipulation der Öffentlichkeit für plumpe wirtschaftliche Eigeninteressen und gegen das Allgemeinwohl. Die Tabakindustrie hat lange Zeit die Schädlichkeit des Rauchens heruntergespielt und entsprechende Studien kleingeredet oder durch getürkte Gegenstudien relativiert. Es hat sehr lange gedauert und viele Menschenleben auch von Nichtrauchern gefordert, bis endlich das, was man schon lange wusste, gegen viele Widerstände zum Schutz der Nichtraucher gesetzlich beschlossen wurde.

Ähnlich ist die Zuckerindustrie vorgegangen. Als durch wissenschaftliche Studien klar wurde, dass Zuckerkonsum zur Gewichtszunahme führt, wurde eine riesige Kampagne entfesselt, in der das Fett als Dickmacher herausgestellt wurde. Auch in diesem Bereich wurden Untersuchungen gefälscht, um die Harmlosigkeit des Zuckers zu belegen und die Gewinne der Unternehmen in diesem Bereich nicht zu schmälern. In der Folge wurde Zucker in immer mehr Lebensmittel vor allem bei Fertiggerichten, Soßen, Getränken usw. hinzugefügt, sodass die Konsumenten zur Zuckersucht konditioniert werden konnten.

Eine Achse des Bösen

Die „Achse des Bösen“ reicht vom Koch-Netzwerk (rechtsextreme Ölmilliardäre, die verschiedene Desinformationsinstitute gegründet haben) über das Murdoch-Imperium (rechtsgerichtete Medien, z.B. der republikanische Propagandasender Fox) bis in die konservativen, liberalen, rechten und rechtsextremen Parteien in Europa. Die Hauptvertreter der FPÖ z.B. wiederholen die Propagandaformeln dieser Desinformationsnetzwerke , als hätten sie die Wahrheit und als gäbe es keine Wissenschaften, die in Tausenden Studien das Gegenteil nachgewiesen haben: Den Klimawandel gibt es nicht („Es kommt eine neue Eiszeit); wenn es ihn gibt, dann ist er nicht menschengemacht („Es war früher auch schon wärmer“), es ist nicht das CO2 schuld („Das brauchen ja die Pflanzen“), es sind die Sonneneruptionen, die zu Klimaschwankungen führen, und die „Klimahysterie“ führt nur dazu, dass ein „wohlstandvernichtender Ökosozialismus“ eingeführt wird. 

Mehr von rechtskonservativer Seite kommen die Argumente: Wir tun schon so viel, aber die Chinesen, Inder, usw. verursachen viel mehr Treibhausgase.  Oder: Wir tragen so minimal zu den CO2-Emissionen bei, dass es keinen Unterschied machen würde, wenn wir den CO2-Ausstoß auf null reduzieren würden. Die Rechtsextremen leugnen oder bezweifeln den menschengemachten Klimawandel, während die rechtsgerichteten Konservativen die Klimapolitik auf minimaler Sparflamme halten wollen. Beide Richtungen ziehen deshalb den Karren der Ölmagnaten und spannen ihr Wahlvolk zusätzlich ein.

Natürlich sind all die Argumente von rechtsextrem bis rechts nichts als billige Ausreden, die leicht widerlegbar sind. Außerdem sind sie zynisch, weil das Klimaproblem die gesamte Menschheit betrifft und alle ihren größtmöglichen Beitrag bringen müssen, wenn die ärgsten Auswirkungen vermieden werden sollen. Außerdem sind, historisch betrachtet, die jetzt reichsten Länder des Westens seit zwei Jahrhunderten die Vorreiter der Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlendioxid, dass dieser Vorsprung in der Täterschuld lange nicht von anderen Ländern aufgeholt werden kann.

Mit solchen Kurzschlüssen, Dummheiten oder Naivitäten arbeiten diese Parteien den Großverdienern in der Fossilbranche in die Hände, und vermutlich fließt über irgendwelche Kanäle die entsprechenden Belohnungen. Jedenfalls sahnen sie ihre Wählerstimmen im Feld der Skeptiker und Verunsicherten ab, indem sie ihnen als Heilmittel den schamlosen Zynismus schmackhaft machen: Angesichts der sich häufenden Klimakatastrophen bestürzt zu sein und stur zu behaupten, dass es nichts zu ändern oder zu lernen gibt.

Die erwähnte Achse kann als böse benannt werden, weil sie dazu dient, ob wissentlich oder unwissentlich, dass der Menschheit massiver Schaden zugefügt wird, bzw. dass alle Maßnahmen zur Verhinderung des Schadens torpediert werden , nur um die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen und dort zu mehren. Es sind also blanke Egoismen, die, mit viel Geld in der Hinterhand, im großen Stil gegen die Menschlichkeit und Vernunft kämpfen. Sie sind aktiv gegen das Gemeinwohl gerichtet, denn die vom Klimawandel ausgelösten Lebensveränderungen betreffen alle und besonders jene, die zu den Schwächeren und Ärmeren in der Gesellschaft gehören.

Diese Strategien waren sehr erfolgreich und haben dazu beigetragen, dass die Bereitschaft für die kritiklose Übernahme von „alternativen“, in Wirklichkeit aber gefälschten und manipulierten Fakten in weiten Bereichen der Gesellschaft gewachsen ist und zunehmend von der fossilen Wirtschaft für die eigenen Zwecke genutzt werden kann. Es gelang, eine Armee von nützlichen Idioten zu erschaffen, die nichts an den Kampagnen verdienen, aber dennoch in Gesprächen und in den sozialen Medien bereitwillig mithelfen, Unwahrheiten zu verbreiten, Menschen zu verunsichern und die Klimaschutzpolitik in Misskredit zu bringen und zu blockieren.

Zum Weiterlesen:
Petromaskulinität und toxische Männlichkeit

Dienstag, 10. September 2024

Petromaskulinität: Toxische Männlichkeit und Klimazerstörung

Immer wieder fällt auf, dass sich beim Thema Klimaschutz aggressive Abwehrlinien zeigen, sobald es um Autos mit Verbrennermotor geht und dass es vor allem Männer sind, die sich persönlich bedroht fühlen, wenn das Aus für diese Antriebsart gefordert wird und die sich deshalb für die oft unseriös geführte Kritik an der E-Mobilität engagieren. Es handelt sich dabei um Personen, die eher konservativen oder rechten Parteien zugeneigt sind und autoritären Führern folgen oder ihnen zumindest teilweise Glauben schenken. Mit diesen Einstellungen ist zusätzlich noch häufig eine offene oder verdeckte Frauenfeindlichkeit verbunden.

Cara New Daggett ist in ihrem Buch „Petromaskulinität“ diesen Zusammenhängen nachgegangen. Bei dieser Thematik wirken verschiedene Faktoren zusammen: Toxische, also in der patriarchalen Ideologie wurzelnde Männlichkeit, Autoritarismus, Ausplünderung der fossilen Brennstoffe. Es sind mächtige Faktoren, die vor allem mit den Mitteln der Desinformation den Kampf gegen die Erderwärmung und ihre Auswirkungen untergraben wollen. Daggett nennt dieses Konglomerat eine „desaströse Konvergenz“. Alle diese Faktoren sind in den Programmen und Reden der rechtsorientierten Parteien versammelt und bilden dort zusammen mit dem Migrationsthema das Zentrum der Propaganda und die Zielrichtung der angestrebten Gesellschaftsveränderung. 

Die Unterdrückung des Begehrens

Die psychologische Dynamik bei dieser Konstellation wird in der Analyse von Daggett durch den Begriff des „Begehrens” bestimmt, den sie von Klaus Theweleit („Männerphantasien“, erschienen 1977 – „der Klassiker über die seelischen Grundlagen des Faschismus“) übernommen hat. Theweleit argumentiert in seiner Analyse der faschistischen Freikorpskämpfer in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, dass die Industrialisierung zur Entgrenzung der Produktionsmöglichkeiten geführt hat (auf Kosten vor allem der  fossilen Ressourcen, wie wir heute wissen), dass dieser Prozess aber nur deshalb erfolgreich war, weil parallel dazu die „Entfaltung der menschlichen Lüste“ begrenzt und eingedämmt wurde. Das Ausleben des lustbetonten Begehrens ist für den Kapitalismus nur interessant, wenn daraus neue Arbeitskräfte hervorgehen. Die männlichen Körper und ihre Triebenergien müssen nach dieser Logik durch einen autoritären Staat eingedämmt werden, damit diese Kräfte zur Gänze der Güter- und Profitproduktion dienen können. Männlichkeit ist mit Härte verbunden, mit Rigidität und Starrheit. Theweleit spricht vom „soldatischen Damm-Mann“, der als Schutzwall gegen alles Stand hält, was fließt und überfließen könnte. Mit dem Fließen ist das Weibliche assoziiert, das dem Damm-Mann Angst macht. Fließen darf nur die Produktion (oder die Förderung von fossilen Brennstoffen); begehrt wird statt der Frau, die eine ungezügelte Lust und das Eintauchen in ein hemmungslosen Vergnügen verspricht, der autoritäre Staat, der das Fließen im Außen garantiert und die innere Triebunterdrückung belohnt. Das Fließen und Strömen, das in der Hingabe an das Weibliche erfahren werden könnte, würde die Härte aufweichen und zu Verletzlichkeit und Schwäche führen. Es herrscht die Angst, dass die Stärke, die in der Starrheit aufbewahrt ist, dadurch aufgezehrt wird, gewissermaßen aufgeweicht und dann weggeschwemmt von der weiblichen Flut begehrlicher Gefühle.

Der Frauenhass, der in diesen seelischen Konstrukten Wirkung entfaltet, ist nichts als der Ausdruck der männlichen Angst vor dem verbotenen Begehren. Die Ersatzbefriedigung wird in der Destruktivität gefunden. Die erstarrte Stärke des Damm-Mannes kann sich nur aggressiv ausdrücken. Sie zeigt sich in der Gewalt gegen Frauen, im schlimmsten Fall als Femizid. Stellvertretend für die Aggressionen auf reale Frauen wirkt die Zerstörungswut gegen die Natur, gegen das Symbol des Weiblichen. Je unsicherer das Verhältnis zur eigenen Männlichkeit ist, desto stärker ist die Neigung zu Dominanz und Aggressivität. Die Verfügung über PS-starke und laute Motoren in Autos, Flugzeugen, Motorrädern und Jachten drückt diese beiden destruktiven Energien aus.

Die Faszination des schwarzen Goldes

Im englischen Wort für Benzin, „petrol“ steckt das lateinische Wort für Stein (petra), also für das Harte; aber im Zusammenklang mit „oleum“ (Öl) zeigt sich das Fließende, das schwarze Gold. Das Erdöl, das Flüssige, das aus dem Harten und Festen kommt, entfaltet seine Kraft im Verbrennen. Diese Kraft verheißt dem modernen Menschen (Mann) Macht bis hin zur Weltherrschaft. Deshalb kämpfen vor allem Männer um den Zugang zu diesem Rohstoff. 

In dieser Machtverheißung liegt die Anziehungskraft der Verbrennungsmotoren für die verängstigte und verunsicherte Männlichkeit, die im Leistungs- und (Selbst-)Ausbeutungswahn gefangen ist. Die Identifizierung mit der scheinbar unendlichen Kraft und Macht, die aus dem Verbrennen kommt, wird zum Rettungsanker, der die Sicherheit vor den unheimlichen Mächten des Fließens verspricht und die patriarchale Dominanz aufrechterhalten soll. 

Im Prozess des Verbrennens wird durch die Destruktion von Natur Platz für Neues geschaffen. Diese Form der Weiterentwicklung, in der immer ein Moment der Zerstörung und der Gewalt enthalten ist, gilt als das einzige Form, mit der das Schlechte erfolgreich beseitigt werden kann. Die Form einer langsamen, evolutionären Veränderung wird ebenfalls mehr dem Weiblichen zugeordnet und genießt deshalb wenig Vertrauen beim abgehärteten Mann. Das Feuer steht dagegen für eine schnelle und nachhaltige Vernichtung von allem, was der männlichen Macht im Wege steht.

In dieses Spektrum passt der Befund aus Befragungen, dass Männer klimawandelskeptischer sind als Frauen und dass sie eher zu rechtsgerichteten Parteien tendieren, die lieber von „Klimahysterikern“ reden als sich um die Folgen und die Opfer der Klimaveränderungen zu kümmern. Der FPÖ z.B. ist das Thema nicht einmal ein Absatz in ihrem Wahlprogramm wert. Viele Männer sind blind für den Zusammenhang zwischen den Profitinteressen der Fossilindustrie und deren zerstörerischen Auswirkungen auf das Weltklima. Sie identifizieren sich mit der Macht, die durch das Verbrennen von Öl entsteht, ohne zu merken, dass die Profite, die sie mit ihrem Engagement fördern, nur wenigen Privatpersonen zugutekommen, während sie selber an den Auswirkungen der Zerstörung der Erdatmosphäre leiden müssen. Sie ignorieren die Einsicht, dass diejenigen, die am wenigsten zur Klimazerstörung beitragen, am meisten davon betroffen sind, sowohl innerhalb der Staaten als auch weltweit. Und sie verstehen nicht, dass, wie im Kapitalismus üblich, Private die Profiteure der Zerstörung sind und die Allgemeinheit, also vor allem die „kleinen Leute“ die Kosten für die angerichteten Schäden tragen müssen. Die zerstörerischen Folgen für die Lebensqualität und Gesundheit von Milliarden Menschen sind den Leuten, die Tag für Tage Milliarden an der Verbrennung fossiler Brennstoffe verdienen, völlig egal und sie haben auch keine Skrupel, durch systematische Desinformation Anhänger zu finden, die sich als nützliche Idioten an die Propagandamaschinerie der Klimaleugner anhängen.

Fossile Rohstoffe und autoritäre Regierungsformen: Begehren, was beherrscht und ausbeutet

Privilegien und Profite, die durch die Ausbeutung fossiler Rohstoffe entstehen, können am besten dadurch abgesichert werden, dass ihre Nutznießer autoritäre Regierungsformen anstreben und faschistische oder andere demokratiefeindliche Parteien fördern, die sich diesem Ziel widmen. Die Verbrennerideologie dient mit dem Einsatz von riesigen Summen dem Zweck, Personen und Personengruppen zu mobilisieren, sich für die Interessen der fossilen Industrie einzusetzen. 

Dazu passt das Zitat von Michel Foucault über den Faschismus, „der uns die Macht lieben und genau das begehren lässt, was uns beherrscht und uns ausbeutet.“ Mit dieser Täuschung gelingt es, Menschen mit geringem Einkommen dazu zu bringen, Politiker zu wählen, die ihnen noch mehr wegnehmen, indem sie die Steuern der Reichen senken und die Armen belasten. Viele Menschen unterstützen die Propaganda der Ölfirmen gegen Windkraft, Wärmepumpen, Solarstrom oder E-Autos, obwohl kein Cent der 5 Milliarden $, die die Förderung fossiler Brennstoffe pro Tag abwirft, in ihre Taschen fließt und obwohl sie unter den Folgen des schleppenden Einsatzes gegen die Erderwärmung zu leiden haben. Oder sie unterstützen politische Richtungen, die mit ihrer verbrennerfreundlichen Politik aktiv das Untergraben der Lebensbedingungen auf dem Planeten fördern. Es gibt genügend Frauen, die frauenfeindliche und von toxischer Männlichkeit infizierte Propaganda oder Witze verbreiten und meinen, sie tun damit Gutes. Selbst die besessene Verherrlichung von hypermännlichen Idealen wird von manchen Frauen geteilt oder bewundert. 

Psychologisch betrachtet steckt hinter den männlichen Machtansprüchen die „tief liegende Angst angesichts der sozialen Fragilität von Maskulinität sowie das allen gemeinsame Gefühl, diesem Ideal persönlich nicht gerecht geworden zu sein.“ (Daggett S. 31) Auf das Gaspedal zu drücken und das Aufheulen des Verbrennermotors zu hören, der dem eigenen Willen gehorcht, verleiht ein Gefühl von Macht, das eine momentane Überlegenheit und Unantastbarkeit verspricht. Es sind ein überhöhtes* Selbstbild und eine Scheinsicherheit, die auf einer Weise der Zerstörung natürlicher Ressourcen beruhen, mit der zugleich die Erdatmosphäre in Mitleidenschaft gezogen wird, mit der also doppelter Schaden angerichtet wird.

* Nicht zufällig steigen die Verkaufszahlen der umweltschädlichen SUVs, in denen der Fahrer höher thront als die Konkurrenten auf der Straße.

Literatur:

Cara New Daggett: Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren. Berlin: Matthes & Seitz 2023
Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Berlin: Ullstein 2024

Donnerstag, 21. März 2024

Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Eine weltweite Studie  mit 130 000 Personen aus 125 Ländern hat ergeben, dass es eine überwältigende Mehrheit für den Klimaschutz gibt. 69 Prozent der Weltbevölkerung können sich vorstellen, auf 1 Prozent ihres Einkommens für Maßnahmen gegen den Klimawandel zu verzichten. 86 Prozent meinen, dass die anderen auch etwas gegen den Klimawandeln tun sollten, 89 Prozent finden, dass es eine stärkere Klimaschutzpolitik geben sollte.

Bei diesen Zahlen würde man sich denken, dass alle Parteien wetteifern, um die Wünsche ihrer Wähler und Wählerinnen nach einer effektiveren Klimapolitik zu erfüllen. Aber bei den meisten Parteien ist dieses Thema nachgereiht, wenn es überhaupt als sinnvoll angesehen wird. Es gibt ja nach wie vor genügend Anhänger der These, dass der Klimawandel nicht von den Menschen verursacht wird oder dass es ihn überhaupt nicht gibt, und damit auch Wählerstimmen, die vor allem rechte Parteien einheimsen wollen.

Diese Diskrepanz beruht auf sozialpsychologischen Phänomenen. Diese Zahlen sind so unbekannt, sodass die, die die Mehrheitsmeinung vertreten, glauben, dass sie in der Minderheit sind. Die Realität gibt ihnen ja Recht, es wird mäßig viel oder eher mäßig wenig gegen die Erderwärmung unternommen. Die meisten politischen Entscheidungsträger hängen sich gerne ein grünes Mascherl um, aber wenn es um die kurzfristigen Vorteile der eigenen Klientel geht, wird der Klimaschutz schnell in den Prioritäten weit nach hinten zurückgereiht. Es wissen also weder die Politiker noch ihre Wähler, dass sich die Mehrheit eine radikalere Klimapolitik wünscht. Die Meinung, zu einer Minderheit zu gehören, verleitet zur Resignation und hindert viele daran, für die Anliegen der Klimapolitik einzutreten. Dazu kommt, dass es neben den politischen auch handfeste wirtschaftliche Interessen gibt, die wirkungsvolle Klimamaßnahmen verhindern wollen und eine entsprechende Propagandamaschinerie zur Verfügung haben, die die sozialen Medien mit Falschmeldungen fluten. Man kann z.B. permanent lesen, wie leicht E-Autos brennen (was nicht stimmt) und wie schrecklich die Produktionsbedingungen sind (was auch nicht stimmt). Oder dass Windräder so viele Vögel umbringen (die meisten kommen durch Straßenverkehr um), usw.

Die Klimaproblematik können wir nur verbessern, wenn wir unseren Eigennutz einschränken. Diese Entscheidung wird uns erleichtert, wenn wir wissen, dass wir nicht alleine sind. Eine US-Studie hat ergeben, dass sich viele Menschen deshalb wenig für den Klimaschutz engagieren, weil sie annehmen, auch die anderen wollen nichts beitragen. Kaum jemand will der einsame Held sein, der auf seinen eigenen Vorteil zugunsten der Gemeinschaft verzichtet, während alle andere davon profitieren, aber selbst nichts beitragen. Da kommt man sich schnell blöd vor und reiht sich lieber in die Masse der selbstsüchtigen Ignoranten ein, als dass man als nützlicher Idiot dasteht. Wir verlassen uns auf einen gewissen Grad an Fairness, und wenn dieser nicht gegeben ist, sind wir auch bereit, unsere eigenen Werte zu verraten.

Dieser Rechtfertigungsmechanismus gilt übrigens auch für Kollektive. Ein in Österreich beliebtes Argument, um sich vor klimarelevanten Entscheidungen, z.B. Tempo 100, zu drücken, besteht darin, dass in dem kleinen Land – global gesehen – verschwindend wenige Treibhausgase reduziert würden, falls diese Maßnahme eingeführt würde. Wir tragen die „Kosten“ (weil sich damit für einige die Fahrzeiten verlängern) und der Nutzen könne vernachlässigt werden. Statt ein mutiger Vorreiter zu sein, warten wir ab und tragen unvermindert unser Scherflein zur Erderwärmung bei. Kommt eines Tages eine EU-Verordnung mit einem generellen Tempolimit, dann werden viele die Maßnahme als unzumutbaren Zwang auffassen uns sich dagegen aufregen. Aber nur  ist das böse Brüssel schuld, während die unschuldigen einheimischen Politiker auf ihre Wiederwahl hoffen dürfen, indem sie sich auf die EU ausreden können.

Dass es eine billige Verweigerung der Verantwortungsübernahme darstellt, das eigene klimaschädliche Verhalten durch Zahlenspiele zu rechtfertigen, habe ich schon an anderer Stelle argumentiert. Da diese Einsicht mit Scham verbunden wäre, wird sie entsprechend abgewehrt. Es ist also die Scham, die maßgeblich an klimaschädigender manipulativer Propaganda und Selbstrechtfertigung beteiligt ist.

Konflikt zwischen Gemeinwohl und Eigennutz

Nach dem Verhaltensökonomen Achim Falk, der auch die oben zitierte Studie geleitet hat, liegt das Problem des ethischen Handelns in einem fundamentalen Zielkonflikt zwischen positiven externen Effekten und dem Eigennutz, oder: zwischen Altruismus, also der Berücksichtigung der Bedürfnisse der anderen, und dem Egoismus, also der Verfolgung dessen, was uns selber den größten Gewinn bringt, unbesehen, ob es anderen schadet. Psychologisch betrachtet, schwanken wir zwischen der angstgesteuerter Sicherung des eigenen Überlebens und der schamgesteuerter Rücksicht auf die Gemeinschaft. Anders ausgedrückt, haben wir es mit einer Variante des Konfliktes zwischen Autonomie und Bindung zu tun, der sich quer durch alle wichtigen Themen des Lebens zieht.

Falk weist darauf hin, dass „das Gute“ meistens etwas kostet, etwa einen Vorteil, auf den wir verzichten müssen, wenn wir auf andere und auf das Gemeinwohl Rücksicht nehmen. Es gibt auch Studien, die feststellen, dass altruistisches Verhalten umso wahrscheinlicher ist, je größer die positiven Außenwirkungen einer Handlung sind, je mehr Leute also davon erfahren. Unsere Reputation steigt, und das ist ein Ausgleich für den Nachteil, den wir auf uns nehmen.

Das prosoziale Verhalten wird wahrscheinlicher, wenn andere davon wissen, nach dem Motto: Tu Gutes und sorge dafür, dass möglichst viele davon wissen. Es ist das Bedürfnis nach Stolz, das uns dazu beflügelt, von unseren guten Taten zu berichten oder uns für das Gute zu entscheiden, wenn wir von anderen beobachtet werden. Wir stehen besser da, für uns selber, insofern wir uns mit den Augen der anderen betrachten. Wir fühlen uns als guter Mensch, weil wir annehmen, dass wir von den anderen so wahrgenommen und beurteilt werden.

Egoistisch zu sein, fällt uns leichter, wenn wir uns unbeobachtet fühlen.  Wir tun uns schwerer, die Plastikflasche im Wald wegzuwerfen, wenn uns andere Wanderer begegnen oder geben mehr Trinkgeld, wenn wir in einer größeren Runde ausgehen. Noch raffinierter kann man es anlegen, wenn man anonym spendet, und die Welt erfährt es hintenherum über Dritte. Hier zeigt sich die mächtige Wirkung der Scham, die uns zu mitmenschlichem Verhalten anspornt und uns dazu motiviert, eben vor allem dann gut zu handeln, wenn es andere bemerken oder Kenntnis erlangen können. Wenn wir uns im Verborgenen unsolidarisch verhalten, schämen wir uns höchstens vor uns selbst, müssen aber keine Missbilligung durch andere befürchten.

Gutes zu tun tut gut

Soweit die wissenschaftlichen Forschungen. Wissenschaftliche Studien beziehen sich offensichtlich auf ein durchschnittliches Niveau des moralischen Urteils, weil sie ja repräsentativ sein sollen. Darum spielt dieser intrinsische Faktor keine Rolle. Ich möchte aber über diesen Tellerrand hinausschauen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung hat nämlich auch ihre Grenze. Denn wir können die Erfahrung machen, dass Gutes tun gut tut, weil es sich gut anfühlt, Gutes getan zu haben, gleich ob die Kosten dafür hoch oder niedrig waren. Wir sind also nicht nur berechnende Wesen, sondern auch mitfühlende Menschen, die das Gute wegen seiner selbst bzw. wegen dem Glück unserer Mitmenschen wollen. Nur im Zustand des egoistischen Eigennutzes, der von Ängsten angetrieben ist, sind sie uns egal. In diesem Zustand geht es uns nur um unser eigenes Überleben. Sind wir frei von Angst, so denken wir immer auch die anderen Personen bei unseren Entscheidungen mit und sind an ihrem Wohl interessiert. Durch das Erweitern des Horizontes für unsere Handlungsmotivation haben wir den Zugang zu einer Glücksdimension, indem uns das Tun des Guten selbst beglückt. Allerdings erfordert es ein gewisses Maß an innerer Einsicht und ethischer Reflexion, um diesen intrinsischen Wert des Tuns des Guten zu erkennen.

Schlechtes zu tun macht ein schlechtes Gefühl, wenn wir uns des Schlechten bewusst sind. Vieles von unserem Tun ist zwar objektiv schlecht, weil es anderen Schaden zufügt, z.B. jede Autofahrt mit einem Verbrenner oder jeder Kauf eines Billig-T-Shirts. Aber subjektiv versuchen wir, das Schlechte unseres Tuns wegzurationalisieren, weil uns solche Wertkonflikte Stress verursachen. Das Bewusstsein, dass wir alle, die wir in dieser Konsumkultur und auf diesem Wohlstandsniveau leben, permanent in solchen ethischen Konflikten stecken, ist schwer aushaltbar und erfordert ein hohes Maß an ethischer Integrität und Schamkompetenz.

Es macht allerdings einen Unterschied, ob wir das schlechte Gefühl, insbesondere in seiner Schamkomponente zulassen, statt es durch schwache Gegenargumente zu übertönen. Wir wachsen in unserer Würde und Mitmenschlichkeit. Wir werden zu solidarischeren Menschen. Wir sind nicht mehr von unseren Ängsten abhängig. Wir richten unser Handeln immer mehr nach dem größtmöglichen Nutzen für möglichst viele andere aus statt nach dem, was uns selber am meisten bringt. Wir erkennen, dass es uns nicht glücklich machen kann, wenn wir die einzigen sind, die glücklich sind, bloß weil wir Glück gehabt haben. Auf dieser höheren Ebene des Bewusstseins wird es uns auch leichter fallen, mit den Herausforderungen der Zeit fertig zu werden.

Literatur:

Achim Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein ... und wie wir das ändern können: Antworten eines Verhaltensökonomen. Siedler Verlag München 2022

Zum Weiterlesen:
Die Notwendigkeit der universalen Ethik
Vom Gruppenegoismus zur globalen Ethik
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial?

Samstag, 16. Dezember 2023

Die individuelle Mobilität und die Klimakrise

Der Motive zum Reisen gibt es viele, und es zählt zu den grundlegenden Sehnsüchten der Menschen, sich von zuhause wegzubewegen und fremde Orte kennenzulernen. Die Reiselust ist eng mit der Abenteuerlust verbunden. Das Reisen führt zur Konfrontation mit anderen Welten, Kulturen und Lebensformen. Es bietet ein Entkommen aus den gewohnten Umständen. Es führt zum Sammeln von Erfahrungen, die mit anderen geteilt werden können. Interessantes aus der Ferne berichten zu können, macht zu einem beliebten Gesellschaftsmenschen. Dazu kommen die Stressmuster aus dem Arbeitsleben, die es schwer machen, die Erholung zuhause zu finden. Die Anforderungen werden nach der Logik des Kapitalismus immer schärfer angezogen, und umso dringender zeigt sich der Wunsch nach einem Kontrastprogramm, das möglichst weit weg gefunden werden soll. 

Die moderne Zeit hat einen enormen Zugewinn an Mobilität erlaubt. Der Erfahrungs- und Lebenshorizont der Menschen in vormodernen Gesellschaften war auf ca. 30 Kilometer im Umkreis beschränkt (die Wegstrecke, die man in einem Tag zu Fuß hin- und retour bewältigen kann). Wer über ein Reitpferd verfügte, kam schon weiter, aber das war das Privileg einer winzigen Minderheit. Und auch diese Reiseform hatte ihre Grenzen. Die grenzenlose Freiheit des Reisens ist also eine Errungenschaft der neuesten Zeit und hat in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg die Massen in den reichsten Ländern erreicht. Im Maß des Wachstums des Wohlstandes in immer mehr Ländern entwickelt sich auch die Reiselust und Reisegier. So leicht und beschwerdefrei wie in unserer Zeit war das Reisen noch nie, die Abenteuer werden immer billiger und uniformer; die Urlaubsdomizilien ähneln sich immer mehr. Mit fortschreitender Vergünstigung des Reisens schwindet der Charakter des Abenteuers kontinuierlich. Die Suche nach der „einzigartigen Erfahrung“ in der Fremde wird deshalb immer aufwändiger.

Reisen und Energie

Die modernen Formen des Reisens beginnen mit den Dampfzügen, betrieben mit Steinkohle aus den Tiefen der Erde. Dann kamen die Autos, und das Erdöl wurde zum flüssigen Gold überall dort, wo es gefördert werden konnte. Später dann wurde mit den Flugreisen die bis dahin ressourcenintensivste Form des individuellen Reisens eingeführt. Heute können sich die Superprivilegierten eine Mondreise leisten, mit der man neue Rekorde im Ressourcenverbrauch und in der klimaschädlichen Gasfreisetzung aufstellen kann. Modernes Reisen ist also ressourcenintensiv und benötigt bislang vor allem fossile Brennstoffe. Reisen zu Pferd oder Segelschiff sind heutzutage nicht mehr als Hobbies von denen, die es sich leisten können. 

Es gab die naiven goldenen Jahren des Schwelgens im grenzenlosen Wachstum, als die Warnungen vor der Begrenztheit der Rohstoffe noch als Spinnereien abgetan werden konnten und der Klimawandel nur einigen Wissenschaftlern aufgefallen war. In diesen Zeiten war das Reisen nur eine Frage des Geldes und nicht auch des Gewissens. Heute wissen wir viel mehr und tun uns immer schwerer damit, dieses Wissen wegzudrücken und so zu tun, als könnten wir weiter unbeschwert tun und lassen, was wir wollen. Wir reden uns gerne ein, dass alles nicht so schlimm ist und dass wir deshalb an unseren Lieblingsgewohnheiten festhalten können. Wir gebärden uns so, als wäre es unser Recht und nicht unser Privileg, in der Art zu reisen, wie wir gerade wollen, solange wir es uns leisten können.

Wir wissen, dass die Ressourcen dieser Erde endlich sind und dass die Verbrennung der fossilen Bodenschätze die Hauptursache für den Klimawandel mit seinen unabsehbaren Folgen ist. Wir wissen, dass wir uns daran beteiligen, wenn wir ressourcenaufwändig reisen. Aber im Zweifelsfall vergessen wir auf unsere moralische Verantwortung und rechtfertigen unsere Reisetätigkeit mit fadenscheinigen Argumenten vor uns selbst und vor anderen. Es gibt keine äußeren Ankläger, die die Verantwortung, die wir der Umwelt und den künftigen Generationen gegenüber haben, einfordern würden. Denn weder die Natur noch zukünftige Erdenbürger gelten als Rechtssubjekte. Unser Rechtsverständnis und unsere Rechtsprechung haben sich noch nicht auf die Gegebenheiten eingestellt, mit denen wir schon seit geraumer Zeit konfrontiert sind. Damit kommen wir ungestraft davon, auch wenn wir anderen Schaden zufügen.

Die moralische Spannung beim Reisen

Es ist deshalb nur ein Anspruch, den wir an uns selber stellen können und müssen, weil wir ja über das Wissen zu den Folgen unseres Handelns verfügen. Jede Reise mit belastender Ökobilanz erzeugt eine moralische Spannung, ob wir das wollen oder nicht, mit der wir umgehen müssen. Die verbreitetste, weil scheinbar einfachste Form, mit der Spannung zurechtzukommen, besteht darin, sie abzuschwächen oder ganz zu leugnen. Aber auch die Bagatellisierung und Verdrängung der Spannung ist belastend erfordert Energie, die oft als Aggression auf jene abgelassen wird, die an die Auswirkungen der Klimakrise erinnern. Es werden diejenigen geprügelt, die einen an das schlechte Gewissen erinnern. Sie sollen zum Schweigen gebracht werden, in der Hoffnung, dass sich dadurch auch das eigene Gewissen beruhigt. Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatten nie ein leichtes Los, aber die drastischen Veränderungen des Klimas kümmern sich nicht darum, ob die Menschen Verantwortung übernehmen oder nicht. 

Es gibt trotz der überwältigenden wissenschaftlichen Evidenz leider noch immer viele Leugner des menschengemachten Klimawandels, die zum Teil von Firmen finanziert werden, die an der bisherigen Ressourcenverschwendung profitieren und jede Änderung unterminieren wollen, um ihre Gewinne weiterhin zu sichern. Sie halten sich ein Publikum bei denen, die zwar nichts mit der fossilen Industrie zu tun haben und auch nicht an deren Gewinnen mitnaschen, die aber deren Argumente aufgreifen und verbreiten, um mit ihnen die eigene Gewissensspannung zu beruhigen und über jene richten zu können, die immer wieder an die sich anbahnende Katastrophe erinnern. 

Reisen in der Zukunft

Es ist historisch gesehen ein kleines Zeitfenster, in dem das Reisen zum Massenphänomen wurde und unbeschwert genossen werden konnte. Im Lauf der letzten Jahrzehnte wurde klar, dass wir die Verantwortung für diese Erde gemeinsam schultern und als Folge Einschränkungen im Lebensstil und in den Konsumfreiheiten in Kauf nehmen müssen. Sie betreffen auch das Reisen, das seine Selbstverständlichkeit verliert und als komplexes Problem gesehen werden muss.

Das Reisen wird auch in Zukunft nicht verschwinden, aber es wird seinen reinen Konsumcharakter verlieren müssen und wieder auf die ursprünglichen Bedürfnisse und Motive zurückgreifen, die allesamt auch ohne den Verbrauch von fossilen Brennstoffen erfüllt werden können. Das Erleben des Neuen und das Heraussteigen aus dem Alltag geschieht durch das Wegbewegen von den Gewohnheiten, und dafür, dass es gelingt, ist nicht die Anzahl der Kilometer maßgeblich, die bei Reisen zurückgelegt werden, noch die Geschwindigkeit, mit der die Distanzen überwunden werden.

Zum Weiterlesen:
Die Jagd nach Erfahrung


Samstag, 17. Juni 2023

Über das Leben mit Widersprüchen angesichts der Klimakrise

Die Klimakrise hält allen einen Spiegel vor. Unsere moderne Lebensweise kommt mit all ihren Aspekten auf den Prüfstand. Nachdem klar ist, dass es diese Lebensweise ist, die die Erderwärmung mit all ihren bekannten und unbekannten Konsequenzen nach sich zieht, ist jede/r gefordert, seinen/ihren Beitrag zur Treibhausgasemission zu überdenken. Es gibt den ökologischen Fußabdruck als Abschätzungs- und Berechnungsmöglichkeit, wie hoch der eigene Anteil an der Klimafehlentwicklung ist. Er wird in gha gemessen: Ein „gha“ entspricht einem Hektar weltweit durchschnittlicher biologischer Produktivität, etwa für Ackerbau, Holzwirtschaft, Energiegewinnung. Bei fossilen Energieträgern wird die Fläche errechnet, die nötig ist, um die bei der Verbrennung entstehenden Emissionen von Kohlendioxid durch Wälder und Ozeane zu binden, ohne das Klima zu gefährden (Quelle).  Er liegt in Österreich bei 6 gha (Europäischer Durchschnitt 4,8 gha). Dieser Wert bedeutet, dass wir mit dem Vierfachen dessen leben, was uns dieser Planet zur Verfügung stellt, Tendenz steigend. Wir leben also so, als hätten wir noch drei weitere Planeten zur Verfügung, nachdem wir unseren abgewirtschaftet haben. Ohne mit der Wimper zu zucken, leben die meisten von uns in einer unbekümmerten Selbstverständlichkeit, als ob es kein Morgen und keine Verantwortung für die Zukunft gäbe.  

Diese Sorglosigkeit gelingt uns nur dann, solange wir uns nicht mit dem beschäftigen, was uns die Wissenschaften schon lange auf den Tisch gelegt haben, was wir uns die Nachrichten präsentieren und was wir selber an Klimaveränderungen wahrnehmen. Wir brauchen in diesem Fall eine dicke Haut zur Immunisierung gegen das Offenkundliche und zum Verdrängen unserer Zuständigkeit. Wenn wir hingegen zur Kenntnis nehmen, wie es um die Welt steht, erkennen wir sofort, in welchen Widersprüchen wir durch unsere Lebensweise stecken – in die wir uns immer tiefer verstricken wie die Fliege, die mit jeder Flügelbewegung von immer mehr Spinnenfäden umfangen wird, die ihr schließlich das Leben kosten. 

Es gibt verschiedene Abwehrformen gegen diese unangenehme Selbstprüfung, die mit Schamgefühlen konfrontiert. Auf diese verhängnisvollen Zusammenhänge bin ich schon in den vorigen Blogartikeln eingegangen. Sie haben alle mit Selbsttäuschungen und Illusionen zu tun. 

Die Unvermeidbarkeit von Widersprüchen 

Selbst wenn wir wissen, was es zu wissen gibt, und das Wissen ernstnehmen, können wir nicht immer so leben, wie es für das Überleben der Menschheit wichtig wäre. Wir sind Wesen mit den verschiedensten Bedürfnissen, Interessen und Werten auf den verschiedensten Ebenen. Die Klimafrage ist nur eine von ihnen, obgleich in einem bestimmten Sinn die wichtigste. Aber sie steht in Konkurrenz mit anderen Ebenen und bekommt deshalb im inneren Abstimmungsprozess nicht immer die oberste Priorität. Es scheint immer wieder akutere Probleme zu geben, die zuerst angegangen werden sollten. Die Klimakrise mit ihren langsamen Verläufen und ihren punktuell wahrnehmbaren Auswirkungen zieht da häufig den Kürzeren. Also fahren wir mit dem Auto, weil es schneller geht, obwohl sich der Weg auch klimafreundlicher bewältigen ließe, wir uns aber die Zeit nicht nehmen oder glauben, sie nicht zu haben.  

Aus der Theorie der kognitiven Dissonanz wissen wir, dass wir sehr ungern mit uns selbst im Widerspruch sind. Die Theorie besagt, dass wir Entlastungsgründe erfinden, wenn wir merken, dass unser Handeln nicht mit unseren Werten übereinstimmt. Wir wollen in Übereinstimmung mit unseren Werten leben, sonst meldet sich die Scham. Gelingt uns das nicht, neigen wir zu Selbsttäuschungen, um die innere Spannung und das Schamgefühl in uns abzuschwächen. Beispielsweise wissen wir, dass das Fliegen umweltschädlich ist. Dennoch wollen wir aus irgendwelchen Gründen an einen fernen Ort gelangen und entscheiden uns für den Flug und gegen unsere umweltbezogene Werthaltung. Um die Dissonanz mit uns selber aushalten zu können, schwächen wir sie ab, indem wir uns z.B. vergegenwärtigen, was wir alles für die Umwelt tun, oder indem wir uns einreden, dass wenn nicht wir fliegen würden, jemand anderer unseren Platz einnähme, was dann wieder aufs Gleiche hinausliefe. Oder wir weisen darauf hin, dass andere viel mehr als wir selber das Flugzeug nutzen usw. Natürlich sind all diese Argumente Ausreden, mit denen wir uns vor unserer eigenen Verantwortung drücken. Aber es sind Selbsttäuschungen, die die kognitive Dissonanz in uns selber verringern. Es ändert sich nichts an der Realität und an dem Schaden, den wir anrichten, nur das schlechte Gewissen wird schwächer. 

Widerspruchsbewusstsein 

Die Dissonanzreduktion, also die Verringerung der inneren Spannung zwischen unserem Tun und unseren Werten, erfolgt durch Selbstmanipulation. Wir lügen uns in unsere eigene Tasche, und das ist fatal, weil wir auf diese Weise unser umweltschädliches Verhalten weiter betreiben. Wir entkommen dieser Selbsttäuschung, die meist unbewusst und automatisch abläuft, indem wir uns der Widersprüche stellen und Verantwortung übernehmen, statt uns Ausreden zurechtzulegen. Sobald uns die Widersprüche bewusst werden, in die wir uns verstricken, ist nicht alles verloren. Denn wir spüren die Schamlast, die darin besteht, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden und mit den eigenen Idealen im Konflikt zu sein. Wir nehmen diese Last auf unsere Schultern.  Sie wirkt wie ein Stachel im Fleisch und motiviert uns, ein andermal mit mehr Achtsamkeit auf die Bedürfnisse der Natur zu handeln. Wir stellen uns der Scham, statt sie wegzudrängen, und nehmen das Leid auf uns: das Leid, das wir der Natur und zukünftigen Generationen zufügen und das das Leben anderer und zukünftiger Menschen belastet, ohne dass wir billige Ausflüchte suchen uns mit Scheinargumenten aus unserer Verantwortung herausreden. 

Wenn wir erkannt haben, dass ein widerspruchsfreies Leben gar nicht möglich ist, fällt es uns leichter, uns selbst in unserer Widersprüchlichkeit anzunehmen. Wir sind nie zu hundert Prozent mit uns selber in Übereinstimmung, und es wäre ein perfektionistischer Anspruch, eine solche absolute Authentizität jemals zu erreichen. Unsere innere Widersprüchlichkeit ist eine Facette unserer Fehleranfälligkeit, unserer Unvollkommenheit.  

Das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Widersprüchen ausruhen und unsere Diskrepanzen kultivieren sollten, um uns vor der Verantwortung zu drücken, die mit jedem handeln verbunden ist. Es geht vielmehr darum, die Spannungsfelder, die wir durch unser Handeln aufbauen, bewusst anzuerkennen und daraufhin die Kraft zu mobilisieren, die wir brauchen, um diese Spannungen zu verringern und unser Handeln mehr unseren Werten und Idealen anzunähern.  

Wir leben in Umgebungen, die auf hohen Ressourcenverbrauch ausgelegt sind. Damit ist es uns unmöglich, völlig klimaneutral zu leben. Wir können nur das Maß bestimmen, nach dem wir die Umwelt belasten und für uns selber entscheiden, wieweit wir aus diesen Zusammenhängen aussteigen wollen, im Bewusstsein, damit den Widersprüchen nicht zur Gänze zu entkommen, aber die implizite Schambelastung ein Stück zu verkleinern.  

Wir können vielleicht als Einzelne eine klimaneutrale Lebensweise verwirklichen, indem wir auf Auto- und Flugreisen verzichten und unsere Lebensmittel weitgehend selber produzieren, unsere Kleidung selber herstellen usw. Allerdings befinden wir uns dann in einer privilegierten Position, denn nur wenige könnten sich eine derartige Form der autarken Subsistenzwirtschaft leisten. Nicht einmal in unseren Breiten stünde genug fruchtbares Land zur Verfügung, dass alle auf derartigem Niveau ihren Lebensunterhalt sichern könnten. 

Sobald wir irgendwo einkaufen, wirken wir schon mit am exzessiven Ressourcenverbrauch der globalisierten Wirtschaft. Beinahe jede Form von Konsum, außer vielleicht der Einkauf beim benachbarten Bauern, ist belastet von energieintensiver Herstellung, Verbrauch von knappen Rohstoffen und Transportaufwand. Wenn dazu noch unsoziale Arbeitsbedingungen in weniger entwickelten Ländern kommen oder Materialen verwendet werden, die mit umweltverschmutzenden Methoden gewonnen werden, sind wir mitbeteiligt an der Klimakrise. 

Das Leben mit Ambivalenzen

Mit Ambivalenzen leben, Widersprüche aushalten, ohne sie wegzukürzen oder schönzureden, gibt eine besondere Kraft, die gerade angesichts einer sich mehr und mehr verbreiteten Hilflosigkeit und Ignoranz notwendig ist. Das andere ist, dass wir diese Kraft dafür brauchen, uns so weit als möglich zu informieren, unseren Konsum so weit wie möglich zu reduzieren und die Nachhaltigkeit in jede Konsumhandlung mit höchster Priorität versehen. Nur die Übernahme unserer persönlichen Verantwortung verhilft zur uns zu unserer Würde, zugleich folgt daraus genau das, was wir, und nur wir beitragen können, um die Überlebensfähigkeit der Menschheit zu sichern. 

Zum Weiterlesen:
Privileg Flugreisen
Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise
Die Wissenschaftsskepsis und das Versagen der Klimapolitik
Realoptimismus angesichts der Klimakrise

 


Donnerstag, 1. Juni 2023

Klimakrise und kollektive Scham

Die Zerstörung der Erdatmosphäre ist wohl die größte Krise, die die Menschheit zu verantworten hat. Wir haben gemeinschaftlich versagt, die Erderwärmung rechtzeitig zu verhindern. Der Prozess ist im Gang, und selbst wenn sofort alle Emissionen von CO2 beendet würden, wird es weiter wärmer werden und die Meeresspiegel werden über Jahrzehnte weiter ansteigen. Alles, was uns jetzt noch bleibt, ist das verantwortungsvolle Umgehen mit der Krise und das Begrenzen der Schäden. Doch selbst da passiert fast nichts, verglichen mit den Schädigungen und Verschlechterungen, die sich laufend akkumulieren. 

Das Versagen betrifft im besonderen Maß die hoch entwickelten und reichen Länder und ihre Bewohner, die einerseits den höchsten Anteil an der Erderwärmung zu verantworten haben und andererseits über ausreichende Mittel verfügten, um wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten und der Richtung auf eine globale Destabilisierung des Klimas gegenzusteuern. Sie haben sich allerdings als besondere Bremser profiliert, ängstlich darauf bedacht, die eigenen machtpolitischen und ökonomischen Vorteile bzw. Bequemlichkeiten nicht aufs Spiel zu setzen. 

Jedes Versagen hat Scham zur Folge. Kollektives Versagen führt zu kollektiver Scham, und nicht zugelassene und einbekannte Scham führt zur Schamabwehr, die hohe Kosten verursacht und viele Energien verbraucht. Nicht nur innerpsychisch verursacht jede Verdrängung von Schamgefühlen nachhaltige Störungen und Irritationen, sondern auch das Kollektiv zahlt einen immensen Preis. Die Klimafrage ist stets im Hintergrund präsent, was immer im Vordergrund vorgespielt wird. Je länger die Maßnahmen hinausgezögert werden, desto höher sind die realen Kosten und desto weniger wirksam sind die Anwendungen. Wie auch hier sichtbar, erhöht jede Schamabwehr die Schambelastung.

Die Macht der Scham und die Unfähigkeit in der Krise

Die Schere klafft immer weiter auseinander. Ein paar gutgemeinte kosmetische Gesetze beruhigen das Gewissen, sie verlangsamen aber bisher nicht einmal die Entwicklung, weil auf der anderen Seite weiter Abgase produziert werden. Eine Kreislaufwirtschaft, die alles, was sie verbraucht, wiederherstellt, ist nur in winzigen Ansätzen sichtbar, während der überwiegende Großteil der Wirtschaft ressourcenintensiv, also mit negativer Klimabilanz weiterläuft. Im besten Fall gelingt es, den an sich schon umweltschädlichen Status Quo aufrechtzuerhalten.

Es scheint, als hätte die Schamabwehr die Verantwortlichen, und das sind im Grund wir alle, fest im Griff. Das Ignorieren und Verleugnen all der Forschungsergebnisse, Modellrechnungen, Messdaten (Meldung vom 1. Juni 2023: Die CO2-Konzentration auf der Messstation in Hawaii hat einen noch nie dagewesenen Maximalwert erreicht) und selbst der eigenen Erfahrungen mit veränderten Klimaabläufen ist nur möglich und erfolgreich, weil die Scham, die sich dahinter verbirgt, so mächtig ist. Sie ist so leicht zu verdrängen, weil das individuelle klimaschädliche Verhalten so minimal erscheint. Ein Poster auf facebook hat das Tempo 130 auf den Autobahnen mit dem Hinweis verteidigt, dass eine Reduktion auf 100 km/h in Österreich nur 0,01 des weltweiten CO2-Ausstoßes einsparen würde, was vernachlässigenswert gering erscheint; allerdings umgerechnet sind das immerhin 5% der in Österreich verursachten Emissionen, in einem Land, in dem der Verkehr einen der Hauptfaktoren der Abgasproduktion darstellt (knapp hinter der Industrie). Offensichtlich dienen solche verharmlosende Zahlenspiele, die immer wieder von Lobbys und Interessensvertretung angestellt werden, der Schamabwehr im Dienst der eigenen Klientele, denen keine Verhaltensänderungen zugemutet werden müssen. Als Individuen greifen wir dann solche Scheinargumente auf, um unsere Scham abzuwiegeln und unser umweltschädigendes Verhalten vor uns selbst rechtfertigen.

Spielsucht und Problemignoranz

Wir befinden uns schon lange an einer Wegscheide und schaffen es nicht und nicht, in eine Richtung abzubiegen, die den sich drastisch verschlechternden Bedingungen gerecht wird und alles tut, um Abhilfe zu schaffen. Mit jeder versäumten Gelegenheit, den Weg in die Klimakatastrophe zu verlassen, wächst die Schambelastung und die Notwendigkeit, die Scham zu unterdrücken. Diese Entwicklung ist vergleichbar einem Spielsüchtigen, der am Roulette-Tisch sitzt und sich für jeden Verlust schämt, aber weiterspielt, weil die Hoffnung besteht, dass endlich einmal ein toller Gewinn all die Verluste und damit die Schamgefühle wettmacht. Als sein Geld ausgeht, nimmt er Kredite auf, die er wieder verspielt und ruiniert schließlich seine Existenz, im vergeblichen Versuch, der Scham zu entkommen, die ihn wegen seiner Sucht umklammert.

Wir tun mit dem weiter, von dem wir wissen, dass es schlecht ist, können aber nicht anders. Wir hoffen auf irgendein Wunder, eine bahnbrechende Erfindung, die unser Schicksal abwenden wird, auf Fehler in den Berechnungen oder darauf, dass alle anderen ihr Verhalten verändern werden, und nehmen währenddessen tagtäglich neue Kredite auf, indem wir auf Kosten unserer Nachfahren die Ressourcen dieser Erde plündern. Wir haben nichts, um die geborgten Güter zurückzuerstatten, denn sie werden in klimaschädliche Gase umgewandelt und in die Atmosphäre geblasen. Jeder Tag, den wir mit unseren klimaschädlichen Gewohnheiten verbringen, steigert die Schambelastung – und diese bewirkt, dass wir einfach weitermachen, als wäre nichts.

Spielsüchtige, die sich an den Rand ihrer Existenz bringen, sehen oft keinen anderen Ausweg mehr als den Selbstmord, weil sie unter der Last ihrer Scham zusammenbrechen. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass sich die Menschheit in eine ähnliche Situation manövriert hat, in der sie sich selbst um ihre Lebensgrundlagen bringt, in der sie gewissermaßen ihren kollektiven Selbstmord in die Wege leitet. Sollte es nicht rechtzeigt gelingen, die Scham zu erkennen und ihre Macht zu brechen, auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene, dann wird die schrittweise Selbsttötung ungebremst weitergehen.

Den Bann der Scham lösen

Wie lösen wir uns aus dem Bann der Scham, in den wir uns selbst verstrickt haben? Es gibt nur einen Weg. Wir müssen uns die Scham und die Schande eingestehen, die es bedeutet, das Leben zukünftiger Generationen aufs massivste zu belasten und deren Lebenschancen zu verringern, zugunsten unserer eigenen Ego-Ziele. Wir müssen jede Form des Ausweichens und der Abwehr durchschauen und überwinden. Wir müssen uns selbst eingestehen, dass es ist, wie es ist, und es ist schlimm. 

Eine paradoxe und mysteriöse Eigenart des Menschlichen liegt darin, dass das Annehmen der Erfahrung der Scham, dieses würdelosen Zustands, zu einer echteren Form der Würde führt. Im Verfehlen des Menschlichen berauben wir uns unserer Würde. Sobald wir das Menschliche im Verfehlen akzeptieren können, kommt die Würde zurück, in einer neuen und vertieften Form. Versagen ist menschlich, Scheitern ist menschlich, ihr Eingeständnis bewirkt ein Wachsen an Selbststärke. Diese Kraft fördert das Umdenken und die Umorientierung, die radikale Änderung der Einstellung mit allen praktischen Konsequenzen, die der Wirklichkeit angemessen ist. 

Das Festhalten am Rechthaben oder am Gutsein angesichts des Schlimmen dagegen zementiert die gewohnten Verhaltensweisen ein und schneidet uns von der Realität ab. Realitätsuntauglich taumeln wir in die Krise und fühlen uns ohnmächtig und ausgeliefert, wenn sie uns am falschen Fuß erwischt. Vermutlich suchen wir dann die Schuldigen irgendwo anders. Sobald wir allerdings nach innen schauen, merken wir, dass wir selber die Schuldigen und die Betroffenen sind, und dass diese Einsicht unangenehme Schamgefühle nach sich zieht.

Das zweite Element der inneren Besinnung ist das Freilegen des Schmerzes. Es tut weh, sich einzugestehen, dass unwiderruflicher Schaden geschehen ist, der Menschenleben verletzt, in der Gegenwart und in der Zukunft, durch unser selbstsüchtiges Handeln. Die Scham und der Schmerz sind äußerst unangenehme Gefühle, die uns darauf aufmerksam machen, dass wir den Weg des Menschlichen verlassen haben. Wenn wir uns diesen Gefühlen stellen, wissen wir wieder, wo es lang geht und wie wir zu unserer Würde kommen.

Wir können die Herausforderungen der Zukunft nur bewältigen, wenn wir mehr Durchlässigkeit erwerben. Jede Scham- und Schmerzabwehr ist mit Verhärtung und Abkapselung verbunden, engt uns ein und macht uns schwach. Durch das Zulassen und Annehmen der Scham- und Schmerzgefühle wird es in uns weich und durchlässig. Wir öffnen uns wie von selbst für mehr Resonanz mit dem Lebendigen und Menschlichen, und die Resonanz öffnet für das Mitgefühl und die Solidarität.

Zum Weiterlesen:
Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise
Die Wissenschaftsskepsis und das Versagen der Klimapolitik
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Samstag, 20. Mai 2023

Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise

Der Archetyp der Pubertät

Es ist der Wachstumswahn, der uns in die prekäre Situation gebracht hat. Er ist gespeist von einer pubertären Energie. Die Zeit der Adoleszenz stellte eine wichtige Phase im Aufwachsen dar, weil sie mit dem Abschied von der Familie und der Begründung des eigenen Lebensweges sowie mit der Öffnung für Sexualität und Intimität verbunden ist. Sie hat eine spezielle Zielrichtung und Ausdrucksform, die von den Jugendlichen auf verschiedenste Weise erlebt und umgesetzt wird. Der Archetyp der Pubertät beinhaltet das Ausbrechen und das Aufbrechen, das Bewusstsein von unbegrenzten Möglichkeiten, die Verachtung des Alten und die Angst vor dem Neuen. Er enthält eine besondere Form der Aggression, die mit dem Impuls der Befreiung verbunden ist. Es geht darum, der eigenen Individualität zum Durchbruch zu verhelfen und sie in die Welt zu bringen. Sie soll aus ihren Fesseln befreit werden, und das geht nicht ohne den Einsatz von Aggression. In der Dramaturgie dieser Phase gibt es die Kräfte des Beharrens und Festhaltens, die in jedem Familiensystem wirksam sind und gegen die sich die Aggression des Ausbrechens richtet. Die Rücksichtslosigkeit, die oft in solchen Vorgängen beobachtet werden kann, hängt mit der empfundenen Notwendigkeit und Unumgänglichkeit dieser riskanten Schritte zusammen, bei denen es nicht ohne Provokation geht.

Alle Elemente der Geburt wiederholen sich: Der Drang und Zwang zum Ausbrechen aus dem Vertrauten, das zum engen Gefängnis geworden ist, der Einsatz aller Kräfte, um den Todesängsten zu trotzen, die beim Durchgang durch den Gebärkanal entstehen können, Erfahrungen von Ohnmacht und Verzweiflung. 

Die Möglichkeitshorizonte, die sich in der Pubertät öffnen, haben den Sinn, neue Ideen in die Gesellschaft zu bringen, alte Gewohnheiten zu hinterfragen und die Welt zu verändern. Es sind die Kräfte der Erneuerung und des Umwälzens, mit denen jede Generation aufs Neue antritt, um die Welt besser auf die Aktualität einzustellen. Sie will sich einen bestimmenden Platz in der Gesellschaft erkämpfen und tritt deshalb mit Radikalität auf. Meist stoßen diese Vorstöße auf den Widerstand der schon „Etablierten“, die sich damit in ihrer Macht und in ihren Gewohnheiten in Frage gestellt fühlen. Aber jede Gesellschaft ist auf diese Impulse angewiesen, um lebendig zu bleiben und flexibel auf veränderte Lebensumstände reagieren zu können. Ohne die Revolten der Jungen geht der Saft schnell aus und die Gesellschaft versteinert oder vergreist. 

Das globale Bewusstsein vor dem Erwachsenwerden

In der Gesellschaftsentwicklung zeigen sich immer wieder Parallelen zum individuellen psychophysischen Wachstum. Die Entstehung des Kapitalismus ist verbunden mit dem Ausbrechen aus Wirtschaftsformen, die dem Großteil der Bevölkerung kaum ein Auskommen geboten haben sowie von Privilegien und extremen sozialen Ungleichheiten begleitet waren. Gegenüber der Subsistenzwirtschaft des Mittelalters brachte der Kapitalismus eine völlig neue Dynamik, die Zug um Zug die ganze Welt in Bann schlug. Es entstand der Anschein, der sich beim Zusammenbruch des kommunistischen Sowjetsystems 1989 zu bestätigen schien, dass mit dieser Wirtschaftsform für die größtmögliche Zahl an Menschen die größtmögliche Form des Glücks und Wohlstands entstehen würde. Voraussetzung ist einzig und allein, dass das Wachstum möglichst unbehindert voranschreiten kann. Die neoliberale Ideologie schien den endgültigen Triumph über alle anderen Wirtschaftsmodelle davonzutragen.

Doch der Schein trog, denn in ihrem Überschwang hatten die Wachstumsbegeisterten übersehen, dass sie wichtige Faktoren nicht bedacht hatten, die Endlichkeit der Ressourcen und die Begrenztheit der Fähigkeiten der natürlichen Systeme, die Folgen des kontinuierlichen Raubbaus auszugleichen. Diese systematische Achtlosigkeit gleicht der Rücksichtslosigkeit, mit der Teenager oft ihren Freiheitsdrang ausleben. Sie denken nicht an ein Morgen, weil sie den Eindruck haben, dass es ein solches für sie nicht gibt oder zu geben braucht. Das Leben im Moment mit aller Leidenschaft auszukosten und auszureizen,  kennzeichnet die Aufbruchsenergie der Jugend. Irgendwann neigt sie sich ihrem Ende zu und das Erwachsenwerden setzt ein. Damit wächst der Realismus, während der Übermut schwächer wird.

Ein Zeitalter der Verantwortung und der Vernunft steht an

Im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung dauert die pubertäre Phase schon weit über die Maßen an und der Übergang zu einer Erwachsenenperspektive wird viel zu lange hinausgezögert. Der rücksichtslose Egoismus der Menschengattung verursacht eine Katastrophe nach der nächsten, engstirnig und selbstbesessen taumeln wir dahin. Wir tun so, als hätten wir noch die Kontrolle, obwohl wir sie schon lange verloren haben.

Wir verfügen schon längst über genügend erwachsenen Realismus, um zu durchschauen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden, der wir nur mit allen konzentrierten Anstrengungen entkommen können. Dazu muss die Rücksichtslosigkeit und Unbekümmertheit in Bezug auf andere Menschen und auf die Natur durch Nachhaltigkeit und Respekt ersetzt werden. Statt ohne Hemmung weiter zu expandieren, wie es typisch für die Adoleszenz ist, geht es um Schrumpfung und Verringerung. Um diese Wende zu schaffen, muss die pubertäre Einstellung überwunden werden. Alle die, die in ihr verharren wie z.B. die sogenannten Klimaleugner, die sich allem Wissen zum Trotz mit der Sturheit eines Teenagers im Recht fühlen, oder jene, die das Illusionstheater bedienen, mit dem sie ihr Nichthandeln und Hinauszögern begründen, haben nichts mehr an den Schalthebeln der Macht verloren. Sobald genügend Mitglieder der Zivilgesellschaft aus ihren pubertären Träumen aufwachen und die Kraft der Verantwortung spüren, die den treibenden Schwung der erwachsenen Weltsicht ausmacht, werden die politischen Entscheidungen aus der Vernunft und nicht aus dem Emotionalcocktail der Pubertät getroffen, den die Populisten bedienen. 

Wir sind alle Träger einer globalen Verantwortung, und je reicher die Gesellschaft ist, in der wir leben, desto höher ist diese Verantwortung und desto mehr müssen wir uns dafür einsetzen, dass die Vernunft an die Macht kommt. Unsere Handlungen oder Unterlassungen haben einen größeren Einfluss auf das Schicksal der Menschheit als das, was die Ärmeren und Benachteiligten tun oder nicht tun. Unsere Handlungsspielräume sind größer, nur müssen wir sie auf vernünftige und global ausgewogene Weise nutzen. Und davon sind wir noch weit entfernt. Haben wir den Mut, die Pubertät hinter uns zu lassen und erwachsen zu werden!

Zum Weiterlesen:
Ästhetik des Schrumpfens
Vom Ende der Wachstumsgesellschaft und von der Verfeinerung der Einfachheit
Realoptimismus angesichts der Klimakrise