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Dienstag, 10. September 2024

Petromaskulinität: Toxische Männlichkeit und Klimazerstörung

Immer wieder fällt auf, dass sich beim Thema Klimaschutz aggressive Abwehrlinien zeigen, sobald es um Autos mit Verbrennermotor geht und dass es vor allem Männer sind, die sich persönlich bedroht fühlen, wenn das Aus für diese Antriebsart gefordert wird und die sich deshalb für die oft unseriös geführte Kritik an der E-Mobilität engagieren. Es handelt sich dabei um Personen, die eher konservativen oder rechten Parteien zugeneigt sind und autoritären Führern folgen oder ihnen zumindest teilweise Glauben schenken. Mit diesen Einstellungen ist zusätzlich noch häufig eine offene oder verdeckte Frauenfeindlichkeit verbunden.

Cara New Daggett ist in ihrem Buch „Petromaskulinität“ diesen Zusammenhängen nachgegangen. Bei dieser Thematik wirken verschiedene Faktoren zusammen: Toxische, also in der patriarchalen Ideologie wurzelnde Männlichkeit, Autoritarismus, Ausplünderung der fossilen Brennstoffe. Es sind mächtige Faktoren, die vor allem mit den Mitteln der Desinformation den Kampf gegen die Erderwärmung und ihre Auswirkungen untergraben wollen. Daggett nennt dieses Konglomerat eine „desaströse Konvergenz“. Alle diese Faktoren sind in den Programmen und Reden der rechtsorientierten Parteien versammelt und bilden dort zusammen mit dem Migrationsthema das Zentrum der Propaganda und die Zielrichtung der angestrebten Gesellschaftsveränderung. 

Die Unterdrückung des Begehrens

Die psychologische Dynamik bei dieser Konstellation wird in der Analyse von Daggett durch den Begriff des „Begehrens” bestimmt, den sie von Klaus Theweleit („Männerphantasien“, erschienen 1977 – „der Klassiker über die seelischen Grundlagen des Faschismus“) übernommen hat. Theweleit argumentiert in seiner Analyse der faschistischen Freikorpskämpfer in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, dass die Industrialisierung zur Entgrenzung der Produktionsmöglichkeiten geführt hat (auf Kosten vor allem der  fossilen Ressourcen, wie wir heute wissen), dass dieser Prozess aber nur deshalb erfolgreich war, weil parallel dazu die „Entfaltung der menschlichen Lüste“ begrenzt und eingedämmt wurde. Das Ausleben des lustbetonten Begehrens ist für den Kapitalismus nur interessant, wenn daraus neue Arbeitskräfte hervorgehen. Die männlichen Körper und ihre Triebenergien müssen nach dieser Logik durch einen autoritären Staat eingedämmt werden, damit diese Kräfte zur Gänze der Güter- und Profitproduktion dienen können. Männlichkeit ist mit Härte verbunden, mit Rigidität und Starrheit. Theweleit spricht vom „soldatischen Damm-Mann“, der als Schutzwall gegen alles Stand hält, was fließt und überfließen könnte. Mit dem Fließen ist das Weibliche assoziiert, das dem Damm-Mann Angst macht. Fließen darf nur die Produktion (oder die Förderung von fossilen Brennstoffen); begehrt wird statt der Frau, die eine ungezügelte Lust und das Eintauchen in ein hemmungslosen Vergnügen verspricht, der autoritäre Staat, der das Fließen im Außen garantiert und die innere Triebunterdrückung belohnt. Das Fließen und Strömen, das in der Hingabe an das Weibliche erfahren werden könnte, würde die Härte aufweichen und zu Verletzlichkeit und Schwäche führen. Es herrscht die Angst, dass die Stärke, die in der Starrheit aufbewahrt ist, dadurch aufgezehrt wird, gewissermaßen aufgeweicht und dann weggeschwemmt von der weiblichen Flut begehrlicher Gefühle.

Der Frauenhass, der in diesen seelischen Konstrukten Wirkung entfaltet, ist nichts als der Ausdruck der männlichen Angst vor dem verbotenen Begehren. Die Ersatzbefriedigung wird in der Destruktivität gefunden. Die erstarrte Stärke des Damm-Mannes kann sich nur aggressiv ausdrücken. Sie zeigt sich in der Gewalt gegen Frauen, im schlimmsten Fall als Femizid. Stellvertretend für die Aggressionen auf reale Frauen wirkt die Zerstörungswut gegen die Natur, gegen das Symbol des Weiblichen. Je unsicherer das Verhältnis zur eigenen Männlichkeit ist, desto stärker ist die Neigung zu Dominanz und Aggressivität. Die Verfügung über PS-starke und laute Motoren in Autos, Flugzeugen, Motorrädern und Jachten drückt diese beiden destruktiven Energien aus.

Die Faszination des schwarzen Goldes

Im englischen Wort für Benzin, „petrol“ steckt das lateinische Wort für Stein (petra), also für das Harte; aber im Zusammenklang mit „oleum“ (Öl) zeigt sich das Fließende, das schwarze Gold. Das Erdöl, das Flüssige, das aus dem Harten und Festen kommt, entfaltet seine Kraft im Verbrennen. Diese Kraft verheißt dem modernen Menschen (Mann) Macht bis hin zur Weltherrschaft. Deshalb kämpfen vor allem Männer um den Zugang zu diesem Rohstoff. 

In dieser Machtverheißung liegt die Anziehungskraft der Verbrennungsmotoren für die verängstigte und verunsicherte Männlichkeit, die im Leistungs- und (Selbst-)Ausbeutungswahn gefangen ist. Die Identifizierung mit der scheinbar unendlichen Kraft und Macht, die aus dem Verbrennen kommt, wird zum Rettungsanker, der die Sicherheit vor den unheimlichen Mächten des Fließens verspricht und die patriarchale Dominanz aufrechterhalten soll. 

Im Prozess des Verbrennens wird durch die Destruktion von Natur Platz für Neues geschaffen. Diese Form der Weiterentwicklung, in der immer ein Moment der Zerstörung und der Gewalt enthalten ist, gilt als das einzige Form, mit der das Schlechte erfolgreich beseitigt werden kann. Die Form einer langsamen, evolutionären Veränderung wird ebenfalls mehr dem Weiblichen zugeordnet und genießt deshalb wenig Vertrauen beim abgehärteten Mann. Das Feuer steht dagegen für eine schnelle und nachhaltige Vernichtung von allem, was der männlichen Macht im Wege steht.

In dieses Spektrum passt der Befund aus Befragungen, dass Männer klimawandelskeptischer sind als Frauen und dass sie eher zu rechtsgerichteten Parteien tendieren, die lieber von „Klimahysterikern“ reden als sich um die Folgen und die Opfer der Klimaveränderungen zu kümmern. Der FPÖ z.B. ist das Thema nicht einmal ein Absatz in ihrem Wahlprogramm wert. Viele Männer sind blind für den Zusammenhang zwischen den Profitinteressen der Fossilindustrie und deren zerstörerischen Auswirkungen auf das Weltklima. Sie identifizieren sich mit der Macht, die durch das Verbrennen von Öl entsteht, ohne zu merken, dass die Profite, die sie mit ihrem Engagement fördern, nur wenigen Privatpersonen zugutekommen, während sie selber an den Auswirkungen der Zerstörung der Erdatmosphäre leiden müssen. Sie ignorieren die Einsicht, dass diejenigen, die am wenigsten zur Klimazerstörung beitragen, am meisten davon betroffen sind, sowohl innerhalb der Staaten als auch weltweit. Und sie verstehen nicht, dass, wie im Kapitalismus üblich, Private die Profiteure der Zerstörung sind und die Allgemeinheit, also vor allem die „kleinen Leute“ die Kosten für die angerichteten Schäden tragen müssen. Die zerstörerischen Folgen für die Lebensqualität und Gesundheit von Milliarden Menschen sind den Leuten, die Tag für Tage Milliarden an der Verbrennung fossiler Brennstoffe verdienen, völlig egal und sie haben auch keine Skrupel, durch systematische Desinformation Anhänger zu finden, die sich als nützliche Idioten an die Propagandamaschinerie der Klimaleugner anhängen.

Fossile Rohstoffe und autoritäre Regierungsformen: Begehren, was beherrscht und ausbeutet

Privilegien und Profite, die durch die Ausbeutung fossiler Rohstoffe entstehen, können am besten dadurch abgesichert werden, dass ihre Nutznießer autoritäre Regierungsformen anstreben und faschistische oder andere demokratiefeindliche Parteien fördern, die sich diesem Ziel widmen. Die Verbrennerideologie dient mit dem Einsatz von riesigen Summen dem Zweck, Personen und Personengruppen zu mobilisieren, sich für die Interessen der fossilen Industrie einzusetzen. 

Dazu passt das Zitat von Michel Foucault über den Faschismus, „der uns die Macht lieben und genau das begehren lässt, was uns beherrscht und uns ausbeutet.“ Mit dieser Täuschung gelingt es, Menschen mit geringem Einkommen dazu zu bringen, Politiker zu wählen, die ihnen noch mehr wegnehmen, indem sie die Steuern der Reichen senken und die Armen belasten. Viele Menschen unterstützen die Propaganda der Ölfirmen gegen Windkraft, Wärmepumpen, Solarstrom oder E-Autos, obwohl kein Cent der 5 Milliarden $, die die Förderung fossiler Brennstoffe pro Tag abwirft, in ihre Taschen fließt und obwohl sie unter den Folgen des schleppenden Einsatzes gegen die Erderwärmung zu leiden haben. Oder sie unterstützen politische Richtungen, die mit ihrer verbrennerfreundlichen Politik aktiv das Untergraben der Lebensbedingungen auf dem Planeten fördern. Es gibt genügend Frauen, die frauenfeindliche und von toxischer Männlichkeit infizierte Propaganda oder Witze verbreiten und meinen, sie tun damit Gutes. Selbst die besessene Verherrlichung von hypermännlichen Idealen wird von manchen Frauen geteilt oder bewundert. 

Psychologisch betrachtet steckt hinter den männlichen Machtansprüchen die „tief liegende Angst angesichts der sozialen Fragilität von Maskulinität sowie das allen gemeinsame Gefühl, diesem Ideal persönlich nicht gerecht geworden zu sein.“ (Daggett S. 31) Auf das Gaspedal zu drücken und das Aufheulen des Verbrennermotors zu hören, der dem eigenen Willen gehorcht, verleiht ein Gefühl von Macht, das eine momentane Überlegenheit und Unantastbarkeit verspricht. Es sind ein überhöhtes* Selbstbild und eine Scheinsicherheit, die auf einer Weise der Zerstörung natürlicher Ressourcen beruhen, mit der zugleich die Erdatmosphäre in Mitleidenschaft gezogen wird, mit der also doppelter Schaden angerichtet wird.

* Nicht zufällig steigen die Verkaufszahlen der umweltschädlichen SUVs, in denen der Fahrer höher thront als die Konkurrenten auf der Straße.

Literatur:

Cara New Daggett: Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren. Berlin: Matthes & Seitz 2023
Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Berlin: Ullstein 2024

Freitag, 16. August 2024

Kulturelle Aneignungen im Kapitalismus und in der Kulturentwicklung

Im Reigen der neueren Begriffe in der kulturpolitischen Debatte fehlt jetzt noch jener der „kulturellen Aneignung“. Dieser Begriff ist eng mit der Kolonisationsgeschichte verbunden, geht aber auch darüber hinaus. Er kommt vom englischen Cultural Appropriation, und das heißt so viel wie widerrechtliche Aneignung oder Inbesitznahme, was soviel bedeutet wie kultureller Diebstahl. Die gebräuchliche Übersetzung ins Deutsche klingt harmloser und wird deshalb häufig missverstanden.

Die Sensibilisierung in den westlichen Gesellschaften für dieses Thema hat in den westlichen Gesellschaften vor ungefähr 40 Jahren im Kreis der Kultur- und Sozialwissenschaften begonnen und  ist nun in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Auch die Erkenntnisse in der Aufarbeitung der Kunsträubereien durch die Nationalsozialisten haben zur Bewusstheit für diese Thematik beigetragen und dazu geführt, dass entwendete Kulturgüter an die ursprünglichen Eigner zurückgegeben wurden. Probleme treten vor allem dort auf, wo Kulturgüter unter Ausnutzung von asymmetrischen Machtverhältnissen angeeignet werden und die Ursprungskultur verschwiegen oder verachtet wird. 

Das Thema kulturelle Aneignung kann viele Emotionen entfesseln, weil es bei Schwarzen, indigenen Menschen oder People of Color Erinnerungen an traumatisierende Erfahrungen mit rassistischen Abwertungen weckt. Diese Empfindlichkeit spiegelt die Lasten des Kolonialismus wider, der bis heute wirksam ist und dessen Ideologie besagte, dass die Weißen allen anderen Rassen überlegen sind. Die vor allem von Europa ausgehende koloniale Expansion zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert hat nicht nur mit der Sklaverei und der Ausplünderung von Bodenschätzen unendliches Leid hervorgebracht und viele Kriege angezettelt, sie hat auch eine große Zahl von indigenen Kulturen und Traditionen ausgerottet oder schwer beschädigt. Das, was den Weißen von den einheimischen Kulturgütern als interessant oder hübsch erschienen ist, haben sie einfach mitgenommen und stolz in unsere Museen gestellt.

Viele weiße Personen, die von den Gräueln des Kolonialismus nichts wissen oder wissen wollen, können die verletzten Gefühle der Vertreter indigener Völker oft nicht nachvollziehen und verstehen die Empfindlichkeiten nicht. Es fehlt an historischer Aufklärung über die Schneisen an Gewalt und Ausbeutung, die durch die Kolonialmächte quer durch die südlichen und östlichen Kontinente geschlagen wurden. Die Verachtung und Arroganz, mit welcher die Kolonialherrn alle nicht-weißen Menschen behandelt und misshandelt haben, wirken bis heute als kollektive Traumen nach und nähren die Scham- und Wutgefühle bei den betroffenen Menschen, die sich dann an jeder neuen Form der hochmütigen weißen Ignoranz aufs Neue entzünden. Der Respekt für jede Form von Kultur ist erst in letzter Zeit in den westlichen Ländern langsam gewachsen und schwächt den strukturellen Rassismus, den es nach wie vor in unseren Breiten und in Übersee gibt und der auf viele Normen und Sichtweisen hierzulande einen subtilen Einfluss ausübt.

Strittige Fälle der kulturellen Aneignung

Die UNESCO hat schon 1970 ein Abkommen verabschiedet, mit dem der Handel mit Kulturgütern unterbunden und das nationale Erbe des jeweiligen Landes geschützt werden soll. Dennoch gibt es immer wieder Fälle der kulturellen Aneignung, bei denen die Rechte der ursprünglichen Besitzer nicht geachtet werden. 

Ein Beispiel bilden die Dreadlocks. Sie stammen aus der Rastafari-Bewegung schwarzer Jamaikaner und wurden als Symbol der Unterdrückung und des Protestes dagegen getragen. Als sie zum Modegag für Leute wurden, die alle westlichen Freiheiten genießen und zu den Profiteuren des Kolonialismus zählen, reagierten viele mit antikolonialem Hass. 

Der Hip-Hop als Musikrichtung diente zunächst und ursprünglich der Wiedergabe der Lebenswelt schwarzer Menschen, die Texte waren vor allem gegen Diskriminierung und Benachteiligung gerichtet. Als auch Weiße mit diesem Musikstil Geld machten, fühlten sich die schwarzen Hip-Hopper bestohlen und ihres Protestmittels beraubt.

In Mexiko soll erstmals die kulturelle Aneignung unter Strafe gestellt werden. Der Anlass besteht darin, dass westliche Modelabels Webmuster der indigenen Bevölkerung  ungefragt und ohne Kompensation für ihren Profit verwendet haben. Diese Muster haben für die Bevölkerung eine hohe kulturelle und religiöse Bedeutung.

Kapitalismus und kulturelle Aneignung

Der Kapitalismus breitet sich ungehemmt aus, wenn er nicht durch staatliche Gesetze oder zwischenstaatliche Abkommen eingeschränkt wird. Er inhaliert auch alle kulturellen Güter, aus denen Profit geschlagen werden kann, wie z.B. eine verkitschte Mozartmelodie, die im Einkaufszentrum zu konsumieren anregen soll. Das mexikanische Beispiel schlägt in die gleiche Kerbe. Kulturgüter werden zu Waren und dienen der Ankurbelung der kapitalistischen Prozesse, bei denen an irgendeiner Stelle der Reichtum angehäuft wird und anderswo schrumpft.  Die Traditionen werden eingeebnet und gleichgeschaltet, sodass sich die mondänen Einkaufsstraßen in den Metropolen durch nichts mehr voneinander unterscheiden: Die Modeketten, die mit ihren Schaufenstern locken, sind überall auf der Welt die gleichen, ebenso wie die Melodien, die drinnen dudeln. 

Zwar gibt es immer wieder Kunstwerke, die der Vermarktung voraus sind, aber irgendwann werden sie eingeholt, außer sie sind so widerspenstig wie die Zwölf-Ton-Musik oder der Free-Jazz. Den Kulturtraditionen und indigenen Kulturen ergeht es nicht anders. Irgendwann werden ihre passablen Elemente entdeckt und in eine neue Modeströmung eingebaut, in der sie ihre ursprüngliche Aussagekraft verlieren. Sobald die nächste Welle kommt, werden sie wieder vergessen, und ein Stück Ursprünglichkeit ist für immer dahin. Die Profitkarawane zieht weiter und schert sich nicht darum, wer sich verletzt und wütend fühlt. Staatliche Gesetze können dieses Treiben da und dort eindämmen, aber alle Kulturgüter, die durch solche Maßnahmen aus dem Sog der Vermarktungsdynamik herausgehalten und eigens geschützt werden, verhalten sich zur Ursprungskultur wie Zootiere zu ihren wild lebenden Artgenossen. 

Keine Kultur ohne Aneignung

Es gibt keine Kulturentwicklung ohne die Übernahme von Kulturelementen aus anderen Traditionen. Kultur lebt vom Austausch und von gegenseitiger Befruchtung an den Grenzen der Kulturräume. Jeder Kulturschaffende gewinnt seine neuen kreativen Impulse aus dem, was andere bereits geschaffen haben. Allerdings ist es auch Teil der Kultur, denjenigen Respekt und Anerkennung zu zollen, denen man die eigenen Schöpfungen zu verdanken hat.  Dort, wo dieser Akt der Bescheidenheit und Dankbarkeit versäumt wird, kann man von ungerechtfertigter und unmoralischer Aneignung sprechen. 

Der antikoloniale Affekt ist verständlich, der in Bezug auf viele Kulturschöpfungen aus benachteiligten Kulturräumen und –traditionen ausbricht, wenn sie ungefragt kopiert und in entfremdende neue Kontexte eingebettet oder zu Profitzwecken vermarktet werden. Solche Wutgefühle genügen aber nicht dafür, die Kulturentwicklung insgesamt einzuschränken. Die Freiheit, die diese Entwicklung braucht, ist wesentlich für ihr Gedeihen, und ihr Gedeihen ist wesentlich für den Fortbestand der Gesellschaft und letztlich für das Wohlbefinden der Menschen. In dieser Entwicklung finden immer mehr Traditionen und Kulturräume ihren mitgestaltenden Platz, indem sie in ihrer Eigenart und ihrem Eigenwert anerkannt und zugleich zu einem kommunikativen Austauschprozess eingeladen werden. Auch indigene Kulturtraditionen haben nicht nur einen historischen Wert, der bewahrt werden sollte, sondern auch ein inneres Veränderungspotenzial als Reaktion auf die verändernden Rahmenbedingungen und auf die historischen Prozesse, in denen sich alle Traditionen befinden. 

Andererseits ist es ein wesentlicher Teil der Kulturentwicklung, die bewertungsfreie Anerkennung aller Kulturschöpfungen und kulturellen Traditionen zu fördern, die die Menschheit je hervorgebracht hat. Wir sind Teil einer Weltkultur, die aus allen Quellen der Kreativität der Menschen auf dieser Erde schöpft und in ihrer Gesamtheit Wirkungen auf alle Menschen entfaltet. Jede Abwertung irgendeiner kulturellen Tradition bedeutet einen Rückschritt in der Kulturentwicklung. Die Debatten um die kulturelle Aneignung machen auf diese Dimension aufmerksam und dienen deshalb selber als Teil dem kulturellen Fortschritt.


Samstag, 23. September 2023

Der Nationalismus und die Scham

„Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein.“  (Friedrich Nietzsche)

Der Nationalismus ist ein Kind des Stolzes. Stolz hat die Aufgabe, schambetroffene Teile der Selbstbeziehung auszugleichen und zu kompensieren. Nationale Gefühle haben wir, wenn wir uns anderen Nationen überlegen fühlen, z.B. bei einem sportlichen Ereignis, bei dem Angehörige der eigenen Nation besser waren als die anderer.  Im umgekehrten Fall schämen wir uns für unsere eigene Nation.

Der Begriff der Nation ist eine historische Spätgeburt und fällt ins 18. Jahrhundert. In der französischen Revolution wurde bekanntlich das Königtum gestürzt und die Republik eingeführt. Der König hatte lange Zeit als die Identifikationsfigur für alle Mitglieder eines Staates gegolten. Nun gab es ihn nicht mehr, und es brauchte einen anderen Anker für das Gemeinschaftsgefühl, für den die Nation herhalten musste. Fortan war es die Zugehörigkeit zu einer Nation, die den Einzelnen definieren sollte. Bis heute gibt es keine klare Begriffsbestimmung zur Nation. Manchmal ist von der Gemeinsamkeit der Sprache die Rede, doch da gibt es gleich die Schwierigkeit mit Staaten, die mehrere Sprachgruppen aufweisen. Oder es wird die Kultur als Kitt der Nation festgelegt, ein Begriff, der noch schwammiger ist, weil es in vielen Staaten unterschiedliche Volkskulturen gibt und alles, was über die lokalen Kulturen hinausgeht, wiederum nur schwerlich einer Nationalkultur zugerechnet werden kann. Oder man beruft sich auf eine gemeinsame Geschichte, die nur dort beginnen darf, wo sie sich mit der Vorstellung der Nation deckt und alles ausblenden muss, was mit der Einmischung von anderen Nationen zu tun hat oder auf Wurzeln verweisen, die gar nichts mit der aktuellen Nationalität zu tun haben. Daraus wird klar, dass wir es bei einer „Nation“ nicht mit einem objektiv existierenden Tatbestand zu tun haben, sondern mit einem Konstrukt, das viele Menschen teilen, ohne genau zu wissen, was es beinhaltet. Es ist also ein Konstrukt mit einem hohen Anteil an Fantasie und Fiktionalität, das seine Wirklichkeit dadurch erhält, dass es immer wieder und wieder erzählt wird, so lange, bis alle daran glauben. 

Der Erfolg des Nationsbegriffs hat damit zu tun, dass er eine einheitsstiftende Funktion im Prozess der Modernisierung ausübte. In diesen vom Kapitalismus geprägten Entwicklungen kam es zu vielfältigen Umgestaltungen und Zerfallsvorgängen von sozialen Einheiten, die eine hohe soziale Unsicherheit hervorriefen. Für diese Leerstelle kam der Begriff der Nation wie gerufen. Wenn die Menschen schon der Anonymität und Unbarmherzigkeit der Wirtschaftsprozesse ausgeliefert waren, wurde ihnen zumindest als Mitglieder einer Nation eine bestimmte Sicherheit gewährt. In Kriegen versuchten sich die Staaten voneinander als Nationen abzugrenzen und die Bevölkerungen hinter sich zu scharen. Selbst der russische Angriff auf die Ukraine hat zu einem starken Schub der nationalen Geschlossenheit geführt, der selbst die russisch-sprachigen und vor dem Krieg russlandfreundlichen Bevölkerungsgruppen und Gegenden erreicht hat und einer der vielen Effekte dieses Krieges ist, der von den Angreifern nicht vorausbedacht wurde.

Es war und ist bis heute ein riskantes Unterfangen, den Nationsbegriff durch Kriege zu untermauern. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts z.B. wurden genau mit dieser Absicht begonnen und endeten in beiden Fällen mit Katastrophen, auch für den Nationsbegriff. Im Ersten Weltkrieg zerfiel das österreichisch-ungarische Konstrukt, im Zweiten wurde der Nationsbegriff in Deutschland nachhaltig ramponiert. Eine wichtige Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg war die Begründung der europäischen Zusammenarbeit, die zur EU geführt hat, einem übernationalen Zusammenschluss. Denn verantwortungsbewusste und weiterblickende Politiker hatten erkannt, dass das ewige, vom Nationengedanken angestachelte Kriegführen ein Ende haben müsse und dass die Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Kriege in Hinkunft erschweren wurde, womit sie Recht behielten. 

Nationalismus und Stolz

Die Angehörigen einer Nation sollen stolz sein, dass sie dazugehören. Sie sollen auch stolz sein, dass sie nicht zu den anderen gehören. Es ist ein Stolz, der auf der Verherrlichung des Eigenen und  der Abwertung und Verachtung des Anderen beruht. Nationalismus besteht nie nur in der Bekräftigung der eigenen Nation, sondern immer auch in der Abwertung anderer Nationalitäten. Es ist also ein Stolz, der sich nicht nur aus den eigenen Errungenschaften nährt, sondern zu seiner Vollständigkeit noch die Überlegenheit über andere benötigt. Die eigenen Leistungen sind so viel wert wie sie die der anderen übertreffen. Es läuft wie bei einer Konkurrenzsportart wie z.B. dem Schirennlauf. Es geht nicht darum, die Abfahrt in einer tollen Zeit hinzulegen, sondern schneller zu sein als alle anderen. Es genügt, dass die anderen schlechter sind, dann hat man schon gewonnen und kann stolz sein.

Der Nationalismus lebt von der Konkurrenz. Seine Vertreter behaupten gerne von ihm, dass es um den Erhalt der nationalen Eigentümer und Eigenheiten ginge, gewissermaßen, was die Österreicher anbetrifft, um das Schnitzel (das Wiener Schnitzel kommt bekanntlich aus Mailand) und das Schmähführen (der Wiener Humor bezieht seine wichtigsten Quellen aus dem Jüdischen und dem Böhmischen). Die Eigentümlichkeiten müssen überzeichnet werden, damit sie bei der emotionalen Nationenbildung helfen können, die der eigenen und die der fremden Gruppe. Mit dieser Kontrastierung werden die Unterschiede verstärkt und es entstehen Grenzen, wo vorher Übergangsfelder bestanden: Die dialektischen Färbungen einer Sprache verändern sich graduell von Landstrich zu Landstrich. Wird nun eine Grenze inmitten eines Sprachfeldes eingeführt, dann driften längerfristig die Dialekte auseinander. Zum Beispiel war das Innviertel bis 1779 bei Bayern und es wurde dort der bayrische Dialekt gesprochen. Dann kam das Gebiet zu Österreich und nahm nach und nach das Oberösterreichische an, mit einem bayrischen Einschlag. 

Aus Übergangsfeldern werden unter dem Einfluss des Nationalismus Spannungsfelder. Die Grenzen, die die Gebiete trennten, wurden mit der Zeit immer stärker kontrolliert und aufgerüstet. Die Hiesigen unterschieden sich damit zunehmend von den Diesigen. Solche Grenzen sind immer Stolz- und Schamgrenzen: Der Stolz soll im Hüben sein, die Scham im Drüben.

Jeder Stolz, der auf Überheblichkeit ruht, ist nicht mehr als eine kompensierte Scham. Der Drang nach der Überlegenheit kommt aus der Minderwertigkeit, die schambesetzt ist: Ich muss besser sein als die anderen, um von ihnen nicht unterdrückt zu werden. Ich muss sie abwerten, damit ich mich sicher fühle und mir besser vorkomme. Mein Sicherheits- und Wohlgefühl ist davon abhängig,  dass andere schlechter dastehen und weniger wert sind.

Aus diesem psychologischen Mechanismus können wir verstehen, dass der Nationalismus als Ausgleich für Schamgefühle entstanden ist. Er bezieht seine suggestive Macht aus dem Kompensieren von kollektiven Minderwertigkeitsgefühlen. Er schafft es immer wieder, die Menschen hinter sich zu scharen, weil er ihnen die Entlastung von der Scham der Minderwertigkeit verheißt. 

Die paradoxe Geschichte des Nationalismus, in ihrer Gänze erzählt, lautet also: Zunächst werden die Nationen eingeführt, um den Menschen eine Erleichterung der Scham und des Schmerzes der Vereinzelung als Folge der ökonomischen Modernisierung zu verschaffen. Einmal etabliert, wirkt der Nationalismus wie eine Ersatzdroge und führt eine neue Schambelastung ein. Sie ist mit dem Ringen verbunden, die nationale Schwäche auf Kosten anderer Nationen zu überwinden. Es ist das kapitalistische Konkurrenzmodell, das für das Verhältnis der Nationen Anwendungen gefunden hat und das dann für alle Kriege verantwortlich ist, die im Zeichen dieser Ideologie begonnen werden. Eine weitere Spielwiese für den Nationalismus bot der Kolonialismus, der in dem Streben besteht, Länder, die sich noch zu wenig als Nationen etablieren konnten, der eigenen nationalen Sphäre einzuverleiben, um diese zu bereichern.

Nationalismus im Zeitfenster

Der Nationalismus hat seinen Referenzpunkt in einem relativ schmalen Zeitfenster zwischen einer Vergangenheit, der der Begriff der Nation fremd war, weil er nicht benötigt wurde, und einer Zukunft, die ihn als Relikt aus einer barbarischen Zeit abtun wird. Wir stammen aus vielfältigen Ahnenlinien ab, die sich nicht an irgendwelche politisch definierte Grenzen halten, und wir gehen in eine globalisierte Zukunft, in der die Menschen über die Kontinente, Religions- und Rassengrenzen hinweg mobil sind und ihre Zugehörigkeiten und ihre Identität laufend neu definieren müssen.

Dieses Zeitfenster hat die Ideologie des Nationalismus weidlich genutzt – einerseits zum Schutz von Traditionen, Sprachgruppen und Kulturräumen, andererseits zur Aggression gegen andere Nationen. Vom 19. über das 20. Jahrhundert bis in unsere Tage können wir die Auswüchse und Verwirrungen des Nationalismus beobachten. Während sich die Wirtschaft längst über alle Grenzen hinwegsetzt, greift erst langsam das Bewusstsein, dass wir in erster Linie Weltbürger sind und irgendwann nachgeordnet Angehörige einer bestimmten Nation oder Volksgruppe.

Erkenntnis macht frei

Die Erkenntnis der historischen Relativität und Ideologiegebundenheit des Nationalismus entkoppelt uns von seiner suggestiven Macht, und diese Entkoppelung macht uns frei, auch von den Ängsten und Schambelastungen, die die Konzepte der Nationalität enthalten. Vorgeprägte und ungeprüfte Identitäten, an denen wir festhalten, schränken uns ein, weil wir deren Gefühlskonglomorat in uns tragen. Der Vorgang der Entidentifizierung erlaubt uns, eine Beziehung zu den Prägungen aufzubauen, die wir vorher als selbstverständlichen Teil von uns angesehen haben und gar nicht von uns  selbst unterscheiden konnten. Die Distanz erlaubt uns, die Beziehung zu gestalten. Wir sind nicht mehr von ihr beherrscht, sondern können ihre Bedeutung für uns selbst festlegen. Wir können also für uns festlegen, was wir unter der Zugehörigkeit zu einer Nation verstehen und wir tun uns dann leichter, das Gemeinsame im Fremden zu erkennen und über das Trennende zu stellen. Wo wir Gemeinsamkeiten erkennen, finden wir den Weg vom Misstrauen zum Vertrauen, von der Angst zur Entspannung, vom Hass zur Liebe.

Hereinnahme statt Ausgrenzung

Demokratische Reife besteht dagegen darin, die Andersheit der anderen anerkennen und gelten lassen zu können. Die Diversität der Ansichten, Meinungen, Lebensorientierungen, kulturellen Prägungen usw. hat in einer Demokratie einen Platz und eine wichtige Bedeutung, die dazu führt, dass schwache Positionen gefördert werden. Pluralität und gegenseitige Akzeptanz sind der Nährboden für die Kreativität und Resilienz von Gesellschaften; Ausgrenzungen und Aggressionen gegen Minderheiten oder Schwächere destabilisieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt und steigern die allgemeine Unsicherheit und Angst. 

Zur Demokratie gehört die Inklusion, zum Nationalismus die Exklusion, das Ausschließen alles dessen, was bestimmten vordefinierten Kriterien nicht entspricht. Jede Ausschließung enthält eine Beschämung der Betroffenen. Der Nationalismus ist rückwärtsgewandt, weil die Identifikation mit einer Nation kein Lösungspotenzial für irgendeine der aktuellen Krisen liefern kann. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Zusammenarbeit über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus. Sie kann nur dann in eine gute Richtung führen, wenn diese Kooperation auf demokratischen Grundsätzen beruht, also inklusiv und nicht exklusiv ist. Es sollte uns langsam deutlich werden, dass wir die Zukunft mit ihren Herausforderungen nur meistern, wenn wir alle mit anpacken und uns gemeinsam anstrengen, über alle urtümlichen Grenzen hinweg und jenseits aller Hoffnungen auf irgendwelche starken Männer als Erlöser. Jede der Krisen, unter denen wir leiden, ist eine Menschheitskrise; lösen kann sie nur die Menschheit in Gemeinsamkeit, auf das Basis einer fundamentalen Gleichheit.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle Möglichkeiten des Zusammenwirkens stärken und all den Bestrebungen, die die Lösungen in veralteten Modellen und rückwärtsgewandten Ideologien suchen, entgegenzutreten und sie an der Machtübernahme zu hindern. Die Demokratie muss streitbar sein, wenn sie weiterbestehen will, und dazu gehört, dass sie ihre Gegner benennt und in die Schranken weist. Die Demokratie ist niemand anderer als wir selber, die Summe unserer politischen Einstellungen und Handlungen, soweit wir uns zu ihr bekennen und ihre Wichtigkeit für eine breite Basis der Menschlichkeit erkannt haben. Im Prinzip der Inklusion ist die Garantie enthalten, Menschen vor jeder strukturbedingten Beschämung zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Sportlicher Nationalismus und Globalisierung
Das kleine Fenster des Nationalismus
Nationalismus und Opferstolz


Freitag, 28. April 2023

Vom Gruppenegoismus zur globalen Ethik

Wir Menschen sind keine genetisch programmierten selbstsüchtigen Egoisten, wie der seinerzeitige Bestseller „Das egoistische Gen“ von dem Neo-Darwinisten Richard Dawkins suggeriert. Mittlerweile wissen wir, dass Menschen genetisch auf ein soziales Miteinander angelegt sind, u.a. dadurch, dass sie das Hormon Oxytocin zur Verfügung haben. Dieser Botenstoff sorgt dafür, dass sich Menschen aneinander binden und füreinander sorgen. Menschen können nur als Gruppenwesen wachsen, gedeihen und überleben. Die altruistische Rücksichtnahme und Kooperation in der Gruppe ist eines der Erfolgsgeheimnisse des homo sapiens, der es als einzige Art geschafft hat, zur dominanten Tierart auf diesem Planeten zu werden, mit der Fähigkeit, die Existenz aller anderen Arten zu bedrohen.  

Wir verfügen noch immer über das Gehirn und das Menü an Botenstoffen unserer frühsteinzeitlichen Vorfahren. Allerdings sind wir schon viele Jahrtausende in größeren Verbänden organisiert, für die unsere genetische Ausstattung nur mangelhaft eingestellt ist. Die Ur-Menschengruppen waren überschaubar, die Kommunikation lief unter Bekannten und Vertrauten, meist auch Verwandten. Das ist die Reichweite der Oxytocin-Bindungen, darüber hinaus schlägt der Effekt ins Gegenteil um. Denn das hochgelobte Hormon steckt auch hinter Neid und Schadenfreude. Es beeinflusst die Menschen, die eigene Gruppe gegenüber anderen zu bevorzugen. Deshalb spielt es auch eine Rolle beim Ethnozentrismus, bei der Hochschätzung der eigenen Gruppe oder Großgruppe, verbunden mit dem Misstrauen gegen andere Gruppen. Die Binnenbindungen werden verstärkt, und die Abneigung gegen das Außen, gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, wird gesteigert.

Wir können also auf keine genetische Hilfe zurückgreifen, wenn es darum geht, soziale Beziehungen über die eigene Vertrauensgruppe hinaus zu stiften. Solche Beziehungen sind allerdings für das Funktionieren von größeren sozialen Gruppen, geschweige denn für Formen der globalen Kooperation unerlässlich. Wir müssen die Einstellungen, Fähigkeiten und Kompetenzen dafür aus anderen Quellen schöpfen. Wir haben gewissermaßen keine Wahl darin, die Nächsten, das heißt die vertrauten Menschen um uns herum, zu lieben, und das ist auch keine besondere Leistung und erfordert kein Lernen. Wir wissen, dass grausame SS-Schlächter liebevolle Familienväter waren, und das ist kein Widerspruch, sondern ein Beweis für die Mächtigkeit von Botenstoffen und von deren Grenzen. Es zeigt den eklatanten Mangel an der Ausbildung von Mitmenschlichkeit über den Rahmen der familialen Kleingruppe hinaus, der in weiten Bereichen der Gesellschaft verbreitet ist.

Der Hass auf das Fremde

Der Hass auf das Fremde und Andersartige, an dem viele Menschen leiden und häufig dieses Leiden in Aggression ummünzen, ist aus der Angst vor etwas Unbekanntem gespeist, vor etwas oder jemandem, dessen Reaktion nicht vorhersehbar ist. Denn außerhalb der engen Bezugsgruppe ist das Netz an Erwartungen und an der Bereitschaft, Erwartungen zu entsprechen, viel gröber beschaffen. Deshalb steigt die Unsicherheit darin, wie andere auf einen selber reagieren, je weiter man sich von der Ursprungsgruppe entfernt. Die Gesichter, Minen, Gesten der bekannten Menschen haben wir verinnerlicht und können ihre verbalen und nonverbalen Sprachsignale lesen und übersetzen. Wir wissen, woran wir sind. Kaum redet jemand in einer anderen Sprache oder verwendet andere Gebärden, setzt die Unsicherheit ein, und ängstliche Naturen wittern sogleich Gefahren und geraten in Stress. 

Das Einfachste ist es dann eben, den Gebrauch einer fremden Sprache oder das Praktizieren fremder Gebräuche im eigenen Bereich zu verbieten. Aber das ist der feige Weg in die Isolation, in die engen Grenzen der Herkunftsgruppe. Es ist das Verharren im Immergleichen, in den Gewohnheiten und Gepflogenheiten, wie in einer Freundesgruppe, in der immer die gleichen Witze erzählt werden. Es ist der Rückzug auf vermeintliche Inseln der Seligkeit.

Fremdenliebe ist eine Lernaufgabe

Der größere Horizont der Menschlichkeit beginnt an den Grenzen der Menschen, die uns bekannt und vertraut sind. Der Respekt vor dem Fremden ist uns nicht in die Wiege gelegt, sondern ist eine Lernaufgabe, eine höhere Stufe der moralischen Einstellung. Es geht um eine Haltung, die nicht selbstverständlich ist und die nicht einfach zur Verfügung steht, sondern erworben werden muss. Sie stellt vor eine Wahl: Zwischen einer eingeschränkten, bedingten und einer allumfassenden Menschenliebe.  Es geht um die Entscheidung für das Wachstum in der Humanität, also dafür, dass das Gute allen Menschen zukommen soll und dass wir uns dafür einsetzen. 

Um es noch tiefer zu formulieren: Wir sprechen hier von einer Liebe, die keine prinzipiellen Grenzen hat, sondern alle Menschen umfasst, darüber hinaus alle Lebewesen und noch einmal darüber hinaus alles, was überhaupt existiert.  Die Fremden-, Fernen- und Feindesliebe gehört nicht zu unserer Grundausstattung, vielmehr können wir sie als Teil der Lebensaufgabe begreifen. Sie ist eine Stufe der moralischen Entwicklung, die uns von dem Gruppenegoismus zur allgemeinen Menschlichkeit führt. 

Die Religionen und die Menschenliebe

Die großen Religionen, die lange nach den großen Staatsgründungen entstanden sind, haben diese Erweiterung der Liebe in ihre zentralen ethischen Anliegen aufgenommen, eben weil sie nicht aus dem Grundrepertoire des Menschseins entspringt und weil sie für die Organisation des Zusammenlebens in größeren Staatsgebilden notwendig sind. Die meisten Religionen wollen die Menschen motivieren, ihren ethischen Horizont zu erweitern, über die eigenen Bedürfnisse und die der unmittelbaren Bezugsgruppen hinaus. Da die Impulse zu dieser Orientierung aufgrund der fehlenden hormonellen Ausstattung immer wieder versiegen, appellieren die Religionen mittels Geboten und Weisungen und motivieren mit Lohn- und Strafe-Versprechungen: Wer sich in seiner Haltung und in seinen Handlungen über den Gruppenegoismus hinaus entwickelt, kann mit einem bevorzugten Platz im Jenseits rechnen.

Im Christentum ist es die Nächstenliebe, die eben nicht auf die engsten Familienmitglieder und Freunde beschränkt ist, sondern sich auf jeden bezieht, der gerade in der Nähe ist und Not leidet. Das universelle Mitgefühl mit allen Wesen ist ein wichtiger Teil des buddhistischen Weges, ohne den niemand zur Erleuchtung gelangt. Die soziale Wohltätigkeit ist eine der Grundtugenden des Islams. Zumindest was die Mitmenschlichkeit und die Solidarität unter den Muslimen anbetrifft, geht diese Religion über den Tribalismus, also über die sozialen Verpflichtungen den eigenen Angehörigen gegenüber hinaus. Die Mitzwa ist ein Brauch im Judentum, bei dem regelmäßig die Mildtätigkeit gegenüber Bedürftigen praktiziert wird.  

Am weitesten geht wohl Jesus in der Bergpredigt: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“ 

Die zu lieben, die einen selber lieben und die einem sympathisch sind, ist einfach und selbstverständlich und erfordert keine ethische Anstrengung oder Selbstüberwindung. Die ethische Herausforderung beginnt bei den Menschen, bei denen es uns schwer fällt, in der Liebe zu bleiben. Das sind Andersdenkende, Fremde, Angehörige anderer Rassen, Menschen, die wir aus moralischen Gründen verachten, 

Die Kraft der ethischen Evolution

Die globalen Krisenphänomene im Verhältnis von Mensch und Natur, mit denen wir allerorts zu tun haben, sind – ohne jede Hysterie – schon viel zu weit fortgeschritten als dass wir in den nächsten Generationen zu den Werten von früher zurückkommen könnten. Sie stellen uns vor die Wahl: Den Kopf in den Sand stecken, wie das das Gros der Politiker mit Zustimmung des Gros der Bevölkerungen tut, oder eine Schritt in der Bewusstseinsevolution riskieren. Im Rahmen dieser Diskussion bedeutet es, den Schritt vom Gruppenegoismus zu einer ökologischen Ethik zu gehen, die die Interessen der Menschen mit den Belangen der Natur ausgleicht. Dieser Schritt gelingt nur, wenn wir unsere Liebesfähigkeit von den gewohnten Kleingruppen auf alle Mitglieder der Menschheit und auf die Natur ausweiten.

Die Evolution des moralischen Bewusstseins verläuft  nicht beliebig, sondern sie führt mit logischer Notwendigkeit vom Einzelnen zum Allgemeinen. Sie befindet sich in Einklang mit der Evolution der anderen Bereiche der Gesellschafts- und Bewusstseinsentwicklung. Die Ethik, wie wir schon lange wissen, muss ihren Bezugsrahmen von der Kleinräumigkeit auf die Globalität ausweiten, so wie sich Wirtschafts- und Rechtssysteme global ausgeweitet haben. Sie muss darüber hinaus die Natur mit umfassen, die schon immer Gegenstand der Ausbeutung war und nun in den Status eines Rechtssubjekts und eines ethischen Partners gehoben werden muss. Dieser Schritt ergibt sich aus den Anforderungen, vor denen wir stehen. Er wird nur dann geschehen, wenn sich immer mehr Menschen zu ihm entschließen, bis die notwendige kritische Masse erreicht ist. 

Zum Weiterlesen:
Die Schwachen und die Nächstenliebe
Keine Nachhaltigkeit ohne soziale Konfliktlösung
Erstspracheverbote und Zweitsprachgebote
Wann ist das Boot voll?


Montag, 16. Januar 2023

Reichtum und Leistung, ein ungleiches Paar

Ein statistischer Befund: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung kassiert ca. 19 Billionen $ als jährliches Einkommen, was so viel ist wie ein Viertel des globalen Bruttoprodukts (GDP). Bei diesen Zahlen sollte man mitbedenken, was daraus folgt: Ein Viertel all der Arbeit, die wir leisten, all der Ressourcen, die wir der Umwelt entnehmen und all der Klimagase, die wir emittieren, geschieht zu dem Zweck, damit die kleine Schicht der superreichen Leute noch reicher wird.

Und dann hören wir, dass sich Leistung doch auszahlen sollte und wir den Reichen ihren Reichtum nicht neiden sollten. Schließlich wolle doch jeder gerne reich werden, aber die wenigsten schaffen es, und die sind eben besonders gut und fleißig. Wer mehr leistet, kriegt eben mehr.

Was aber, wenn all diese Rechtfertigungen einer Ideologie entspringen, einer Kopfvernebelung? Die Vorstellung, dass Reichtum 1:1 das Ergebnis von Leistung ist, lässt sich nicht aufrechterhalten. Das gilt für Individuen und für Gesellschaften. Vielmehr ist die Gleichsetzung von Reichtum und Leistung ein Konstrukt, eine ideologische Leistung, mit der es den Propagandisten der Leistungs- und Reichtumsgesellschaft gelungen ist, die Menschen zu manipulieren. Sie sollen die Reichen bewundern für ihren Reichtum und verstehen, dass sie es selber zwar schaffen könnten, aber aufgrund ihrer Mangelhaftigkeit nie schaffen werden.

Absurde Maßstäbe

Es fällt schnell auf, dass da absurde Maßstäbe am Werk sind, wenn es Leute gibt, die in fünf Tagen so viel verdienen wie der Durchschnitt in einem Jahr. Das müssten Menschen sein, die 73mal so viel leisten wie der Durchschnitt, und das Tag für Tag. Es ist sofort einsichtig, dass es nicht die individuelle Arbeitsleistung ist, die den Unterschied macht, sondern das System, das eine Leistung höher bewertet als eine andere, und zwar in exorbitanten, und man könnte sogar sagen, unverschämten Ausmaßen. Die Existenz von Milliardären und Superreichen erscheint aus der Sicht einer egalitären Ethik als ein Skandal, als ein unerträglicher Missstand. Aber auch der einfache Menschenverstand sieht klar, dass es obszön ist, wenn einige Wenige Unmengen im Geld schwimmen, das ihnen Tag für Tag zugespült wird, oft ohne dass sie einen Finger rühren, während viele viel zu wenig kriegen, Millionen hungern und Hunderttausende an Hunger sterben müssen.

Natürlich ist es nicht die Schuld oder ein moralisches Versagen der Betroffenen, reich zu sein. Die meistens von ihnen meinen auch von sich selber, dass sie sich ihr Geld redlich verdient haben, oft auch dann, wenn sie es bloß geerbt haben oder aufgrund einer Erbschaft über wesentlich bessere Startbedingungen verfügen als alle anderen. Es handelt sich  auch in den meisten Fällen nicht um illegal erworbenen Reichtum, sondern wurde nach allen Regeln des Rechtsstaates angehäuft. Es ist also kein Verbrechen, reich zu sein.

Wir mögen diese Menschen als tolle Typen, intelligente Geschäftemacher oder geniale Visionäre bewundern und verehren, als Menschen, die besondere Leistungen erbracht haben. Wir können sie aber auch als Nutznießer des Profitsystems und als Beschleuniger des Kapitalismus ansehen, die besonders von Mechanismen profitiert haben, durch die die Geldflüsse so lenken, dass sie dorthin fließen, wo schon viel Geld ist. Tatsächlich ist jeder Cent, den ein Superreicher in seiner Tasche oder auf einem seiner steuergeschonten Konten hat, zum weitaus größten Teil aus der Arbeit anderer Menschen entstanden.

Was jemand leistet, ob bettelarm oder superreich, verdient Anerkennung und verhältnismäßigen Ausgleich. Es macht wohl keinen Sinn, wenn jeder Tätigkeit der gleiche finanzielle Ausgleich zusteht, wie es in manchen Utopien gefordert wird. Es macht einen Sinn, wenn ein Arzt mehr verdient als die Reinigungskraft. Es macht aber keinen Sinn mehr, wenn die Unterschiede ins Unermessliche wachsen. Superreichtum entsteht, wo es keine Verhältnismäßigkeit mehr gibt, die die Gier mäßigt und für Balance sorgt. Übermäßiger Reichtum entsteht nicht aus übermäßiger Leistung, sondern aus dem Ausnutzen derer, die die Knochenarbeit im Schweiß ihres Angesichts leisten und damit vergleichsweise bestenfalls mit Brosamen abgespeist werden. Reiche Menschen sind nicht wegen ihres Reichtums böse, obwohl ihnen Jesus den Zugang zum Himmelreich abgesprochen hat, weil sie nicht durch ein Nadelöhr kommen, sie sind nur besonders geschickt darin, das System für die eigenen Interessen auszunutzen. Dem kapitalistischen System ist es völlig egal, ob die Akteure, die es antreiben, ein soziales Gewissen haben oder nicht. Es begünstigt jene, die seine Regeln skrupellos und giergetrieben befolgen.

Reichtum und ökologische Belastung

Dazu kommt, dass die Verfügung über Reichtum mit einem höheren Verbrauch an Ressourcen verbunden ist. Die Reichen bekommen nicht nur mehr, sie nehmen auch mehr aus dem Reichtum der Natur. Sie schneiden also am meisten ab beim Aneignungs- und Vernichtungsprozess, mit dem die moderne Wirtschaft die natürlichen Vorräte ausbeutet und plündert, und konsumieren gleichzeitig wesentlich mehr als die Armen oder die Otto-Normalverbraucher. Sie tragen deshalb mehr bei zum Turbo des Kapitalismus und sind deshalb auch interessiert daran, dass die Mechanismen verfeinert werden, die sie im doppelten Sinn zu den Profiteuren macht: Sie geben ihnen mehr vom Kuchen auf der Einkommensseite und erlauben ihnen, mehr zu konsumieren. Vielleicht hätte jeder gerne eine Yacht oder einen Privathubschrauber, aber nur wenige können ihn sich leisten. Wer etwas davon sein Eigen nennt, wird es auch nutzen und entsprechend die Ressourcen dafür verbrauchen, die man sich locker leisten kann.

Es gibt reiche Menschen, die ihre soziale Ader nicht verdrängt haben und Teile ihres Vermögens in karitative oder zukunftsorientierte Stiftungen einbringen. Doch die individuelle Großzügigkeit von einzelnen Wohlhabenden rechtfertigt nicht ein System, das strukturell bedingt die Armen und Ärmeren konsequent benachteiligt, die arbeiten können, soviel nur geht, ohne dass mehr dabei herausschaut als dass sie nicht verhungern müssen oder dass sie ein bisschen materielle Sicherheit schaffen können. Auf der anderen Seite bringt die Leistung einer Unterschrift Millionen ein.

Reichtum und Verpflichtung

In einigen großen Religionen werden die Reichen zu besonderer Großzügigkeit gegenüber den Armen verpflichtet. Reichtum gilt hier nicht primär als das Ergebnis eigener Leistung, sondern als letztlich von Gott gegeben, mit dem Auftrag, zu teilen. Diese Religionen haben offenbar verstanden, dass eine Gesellschaft nur dann im Gleichgewicht bleibt, wenn die Unterschiede zwischen reich und arm gering gehalten werden und es zu Verwerfungen kommt, wenn die Reichen von ihrem Reichtum nichts teilen, sondern ihn nur für sich verkonsumieren. Die Kombination von Reichtum und Verpflichtung zu sozialer Gerechtigkeit hat die Armut nicht beseitigt, aber die Entkoppelung von Reichtum und Scham verhindert. Reichtum galt nicht als etwas, mit dem sich das Ego des Reichen stolz brüsten kann, sondern das es in Bescheidenheit annehmen sollte und mit der Haltung der Barmherzigkeit den Armen gegenüber verbinden musste, um sich nicht sündhaft, also schambeladen zu fühlen. Die ethische Trennlinie verläuft zwischen der gemeinnützigen und der eigennützigen Verwendung von individuellem Wohlstand.

Die Ausbreitung des Kapitalismus in der Epoche der Neuzeit, von Europa ausgehend, hat die soziale Wirkung der Religionen unterhöhlt und den Individualismus der Profitanhäufung verstärkt, emotional getrieben von Gier. Auch die Aufklärung hat mit ihrer Religionskritik den Einfluss der Religionen zurückgedrängt, während andererseits die Etablierung der Menschenrechte die Stellung der Schwachen in der Gesellschaft gestärkt und damit zur Begründung und Verbreitung des Sozialismus beigetragen hat. Manche sehr einflussreiche Teile der christlichen Religion, besonders der katholischen Kirche haben sich auf die Seite der Reichen und damit der Mächtigen gestellt und den Sozialismus bekämpft, der sich stark für die Rechte der Wenigerbemittelten eingesetzt hat. Damit haben sie den ausbeuterischen Kapitalismus unterstützt und die Armut der Armen ideologisch gerechtfertigt. Der Calvinismus mit seiner Ethik der Reichtumsanhäufung hat diese Ideologie besonders gestärkt, vor allem in den USA, die damit zur Wirtschaftsmacht Nr.1 aufgestiegen sind und zugleich die Nr.1 im Ressourcenverbrauch und zum Hauptausbeuter der Natur wurden.

Im Zug der Ausbreitung des Kapitalismus schotteten sich die Reichen immer mehr ab, um der Scham, die mit Ausbeutung, Güteranhäufung und sozialer Ungerechtigkeit verbunden ist, zu entkommen.  Wir erwarten von den Reichen, dass sie sich Inseln kaufen und riesige Villen bauen, dass sie viele Autos haben und teuer essen gehen. Wir erwarten vielleicht, dass ihre illustren Frauen einmal im Jahr einen Charity-Abend veranstalten, bei dem sie ein paar Tausend Dollar für die armen dickbäuchigen Kinder in der Sahelzone sammeln. Wir erwarten aber nicht mehr, dass sie ihren Reichtum mit der Allgemeinheit teilen. Wenn sie das tun, freuen wir uns darüber und schätzen es, weil es die Ausnahme darstellt und keinem ethischen Gebot mehr unterliegt.

Strukturelle Korruption

Die Reichen haben sich verständlicherweise sehr bemüht, die Ideologie, die die eigene privilegierte Stellung befestigt, ins Zentrum der Gesellschaft zu bringen, was ihnen zu einem großen Maß gelungen ist. Viele Geldmittel fließen diesem Zweck zu, Parteien, die die Steuer- und Einkommensprivilegien der reichen Minderheit vertreten, werden großzügig unterstützt. Man kann diese Vorgehensweise auch als strukturelle Korruption bezeichnen, weil Politiker damit manipuliert werden, nicht das Allgemeinwohl ins Zentrum ihres Wirkens zu stellen, sondern die Interessen einer winzigen Minderheit, deren Wohlstand durch die Leistungen der großen Mehrheit finanziert wird. Damit bekommt die Minderheit mit ihrer finanziellen Übermacht einen überproportionalen Machteinfluss, ohne dass es dafür eine demokratische Kontrolle gibt. Das politische Ungleichgewicht, das die Demokratie gefährdet, kann nur durch Aufklärung und durch die Einführung von Parteispendengrenzen behoben werden.

Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus erzeugt und mehrt Reichtum bei einer Minderheit. Es kann nur durch politische Willensbildung begrenzt werden. Und dieser Wille kann sich nur dann bilden, wenn er nicht der Macht des Geldes unterworfen ist. Die Entmachtung des Kapitalismus als eines Systems, das von der Wirtschaft in alle gesellschaftlichen Bereiche eindringt und sie seinen Prinzipien unterwirft, ist der entscheidende Weg, um das weitere Auseinanderklaffen der Schere zwischen arm und reich rückgängig zu machen. Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit, wir brauchen mehr Schambewusstsein, wo es um die Fragen von reich und arm geht. Und wir müssen uns von der Gleichsetzung von Reichtum und Leistung verabschieden, weil es eine Ideologie darstellt, die uns, soweit wir nicht zu den Millionären und Milliardären zählen, Schaden zufügt und die bestehenden Ungleichheiten verschärft.

Zum Weiterlesen:
Abschied vom Kapitalismus

 

Sonntag, 8. Januar 2023

Abschied vom Kapitalismus

Die Befunde kennen wir: Die Erde erwärmt sich immer schneller und die Maßnahmen dagegen sind zu langsam, wenn sie überhaupt ergriffen werden. Wir steuern sehenden Auges auf die Destabilisierung des Klimas mit unabsehbaren Folgen zu. Jeder neue Wärmerekord, jede neue Hiobsbotschaft aus den Forschungen zum Artenschutz, jede gescheiterte Klimakonferenz, jede neue Modellrechnung zur Zukunft der Menschheit nehmen wir zur Kenntnis, mit Betroffenheit und Sorge, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Vielleicht nehmen wir uns einen Vorsatz, z.B. ein wenig auf das Auto zu verzichten oder weniger Fleisch zu essen, um unser Gewissen zu beruhigen, und denken dann vielleicht an die anderen, mit ihren Fernreisen oder Kreuzfahrten, mit ihren teuren Autos und Schiurlauben, also an alle, die noch mehr verbrauchen als wir selber und die endlich ihre Konsumgewohnheiten verändern sollten, wo wir doch selber schon unseren Gürtel enger schnallen. Oder wir haben andere Gewissensberuhiger parat: Die Chinesen und Inder, die immer mehr Abgase in die Atmosphäre blasen, die US-Amerikaner mit ihren Spitzen-Öko-Fußabdrücken, die Schwerindustrie oder unsere Politik, die endlich aufhören sollte, klimaschädigende Unternehmen zu subventionieren. Vielleicht auch hoffen wir auf die Wissenschaften, die uns bald Technologien zur Verfügung stellen, mit denen das Klima repariert werden können, sodass wir unsere Lebensweise nicht ändern müssen.

Wir müssen also unsere kognitive Dissonanz, die innere Spannung zwischen den Befunden und unserer Lebensweise reduzieren und haben dafür eine Menge Argumente im Ärmel. All diese Argumente haben einen Nachteil: Sie sind nicht stichhaltig, sondern verschieben nur die Verantwortung, aber wir brauchen sie dringend. Denn die Alternative zum Verharmlosen oder Wegdiskutieren oder Kopf-in-den-Sand-Stecken wäre die radikale Veränderung unserer Lebens- und Konsumgewohnheiten: Wir müssten aufhören, der Natur mehr zu entnehmen als wir ihr zurückgeben, als Individuen und als Gesellschaften. Wir leben in Gegenden, in der wir nicht nur wesentlich mehr verbrauchen als weitaus die meisten anderen Gesellschaften auf dieser Erde (v.a. der globale Süden), sondern auch, in denen dieser Verbrauch ständig ansteigt, stärker als in allen ökonomisch schwächeren Volkswirtschaften.

Die Hintergrunddynamik ist befeuert vom profitorientierten Kapitalismus, der die Ressourcen dieser Welt kontinuierlich und mit beständig ansteigendem Verbrauch ausplündert. Wir sind in dieses System eingebunden und wirken deshalb an dieser Dynamik mit. Natürlich trifft das auf alle Menschen zu, die Geld verdienen und für Einkäufe ausgeben, aber in ganz unterschiedlichem Maß. Je ärmer Länder und deren Bewohner sind, desto weniger wirken sie an der Ausbeutung und Plünderung der Natur mit, je reicher, desto mehr.

Um aus dieser Falle, die immer mehr zuschnappt, zu entkommen, müssen wir uns bereit dafür machen, eine heilige Kuh zu schlachten, die uns seit dem Beginn der Industrialisierung in Bann hält: Die Idee des Wirtschaftswachstums, das in Form des BNP (Bruttonationalprodukt oder Bruttoinlandsprodukt) gemessen wird – ein Maß, das die ökologischen Folgen des Wachstums nicht miteinschließt. Diesem Bann hängen selbstverständlich die meisten Wirtschaftsvertreter an, die ihn immer wieder besonders lauthals einfordern und die permanent die Angst davor schüren, ihn zu vernachlässigen (weil ihre Profite dadurch Schaden leiden könnten). Aber auch fast alle Politiker wie viele andere Bürger unterliegen dieser Vernebelung.

In einem früheren Artikel habe ich versucht zu begründen, dass die blinde Gefolgschaft zu dieser Ideologie mit der kollektiven Traumatisierung zusammenhängt, die das kapitalistische System der Menschheit zugefügt hat und weiterhin zufügt. Um die Traumalast zu verdrängen, ist die kritiklose Übernahme des Grundmechanismus des Kapitalismus das probateste Mittel: Der bedingungslose Glaube an das Wachstum, das für alle das Heil bewirkt. Jason Hickel, Autor des Buches „Weniger ist mehr“, nennt diesen Glauben den Growthismus. Er hat mit Verweis auf wissenschaftliche Studienergebnisse aufgezeigt, dass nur ein Ausstieg aus dem Modell des beständigen Wirtschaftswachstums helfen kann, die Zukunft der Menschheit zu sichern. Selbst die Hoffnung, Ökologie und Wachstumswirtschaft koppeln zu können, funktioniert nicht, weil Wachstum heißt, der Natur das zu entnehmen, was in Profit umgemünzt wird. Wirtschaftswachstum bedeutet damit, neben dem, was aktuell schon geplündert wird, Tag für Tag und Jahr für Jahr noch mehr zu plündern, was zu einem exponentiellen Anstieg der weiteren Verknappung der Ressourcen führt. Wir entkommen dieser Dynamik nicht, wenn wir nur da und dort ein paar Schrauben drehen und das System mit seinen Mechanismen unbeschadet weiter läuft.

Wie aber soll ein Ausstieg aus dem Wachstumsmodell gelingen? Wir müssen uns von der Verhexung durch das materialistische Bewusstsein lösen, wenn ich hier mein Modell der Bewusstseinsevolution einbringen darf. Ein Grundelement dieser Bewusstseinsform besteht in der Symbolik der Zahlenreihe, die nach unten und oben unendlich ist und bei der es immer ein Mehr gibt, ohne dass jemals ein Ende erreicht werden kann, ohne dass also ein Sehnsucht zur Erfüllung kommen kann.

Wir entkommen dem Wachstumsdruck nur, wenn wir Quantität durch Qualität ersetzen: Langlebige Produkte statt solche, die nach einer vorbestimmten Zeit kaputt werden; unseren Konsum nach unseren inneren Bedürfnissen ausrichten und nicht nach den Sehnsüchten, die uns die Werbung einredet; faire Preise bezahlen statt Schnäppchen zu jagen und Billigprodukte anzuhäufen etc. Im Rahmen der bestehenden Bedingungen ließe sich relativ einfach die Nahrungsmittelverschwendung beenden. Viele Möglichkeiten haben wir, wenn wir der kapitalistischen Profitmaschinerie ein Schnippchen schlagen wollen. Sie sind Tröpfchen auf heiße Steine, aber wenn sie Breitenwirkung entfalten, wird der härteste Stein erweicht.

Zu einer wirklichen Wende gelangen wir aber nur, wenn die Politik die Perspektive der Befreiung von der Profitmaxime und der Wachstumsideologie schafft, also den Ausstieg aus der Unterordnung unter den Kapitalismus und seine Ideologie. Als Bürger sind wir dazu aufgerufen, diese Wende einzumahnen, Parteien herauszufordern und Überzeugungsarbeit auf allen Diskursebenen zu leisten. Parteien, die sich von der kapitalistischen Ideologie nicht lossagen können (weil sie von den Geldgebern in der Wirtschaft abhängig sind), sollten als systemkorrupt gebrandmarkt werden, bis sie schließlich abgewählt sind.

Jason Hickel: Weniger ist mehr. Oekom Verlag 2022

Zum Weiterlesen:
Die kapitalistische Traumatrance

Sonntag, 18. Dezember 2022

Du musst dein Leben nicht verstehen

„Du musst dein Leben nicht verstehen“, schreibt Rainer Maria Rilke in einem Gedicht, und setzt fort: „dann wird es werden wie ein Fest“.

Wenn wir nicht verstehen, was abläuft, fühlen wir uns verunsichert und irritiert. Wir haben keinen Plan und können auch mit dem Plan, den unser Leben mit uns vorhat, nichts anfangen. Wir fühlen uns ohnmächtig einem Geschehen ausgeliefert, das wir nicht kontrollieren können. Wir wollen also verstehen, was unser Leben ausmacht. 

Was meint jedoch der Dichter mit diesem Satz? Er erinnert daran, dass Kinder ihr Leben nicht verstehen, sondern leben wollen: „Und lass dir jeden Tag geschehen, so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.“ Er regt an, dass wir die kindliche Unbefangenheit und Spontaneität zurückholen, die wir im Lauf des Erwachsenwerdens so gründlich verloren haben. Der „Ernst des Lebens“, vor dem wir als Kinder immer wieder gewarnt wurden, wäre das „eigentliche“ Leben, auf das wir hinstreben sollten. Die ganze Kindheit ist dann nur eine Vorbereitung auf diesen Lebensmodus. Alles Kindliche müsse so rasch wie möglich überwunden werden, damit wir uns in diesem ernsten Leben bewähren und behaupten können.

Spaß und Ernst

Der Gegensatz zwischen Spiel und Ernst kennzeichnet in dieser Auffassung die Grenze zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt. Wenn Erwachsene spielen, dann machen sie das mit schlechtem Gewissen und fühlen sich kindisch. Unschwer erkennen wir in dieser Haltung die Prägung durch die kapitalistische Ideologie. Jede Tätigkeit, die nichts mit Produktion „im Schweiße des Angesichts“ zu tun hat, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich, weil sie unseren Status und unsere Sicherheit in diesem System gefährden könnte. Wir dürfen uns keine Schwäche leisten und müssen immer am Ball bleiben. Wir brauchen also die maximale Kontrolle über unsere Lebensumstände und über unsere Handlungen. Jeder Kontrollmangel oder Kontrollverlust führt dann schnell zur Panik. Wir müssen so viel wie möglich von den Zusammenhängen verstehen, in denen wir tätig sind, einschließlich der Zusammenhänge in uns selber, die für unsere Leistungsmotivation zuständig sind.

Da erscheinen uns die Worte des Dichters als weltfremd, wenn nicht gar bedrohlich. Andererseits wecken sie auch die Sehnsucht, aus dem Treiben und Getriebensein des Wirtschaftsmolochs auszusteigen und ein anderes Leben zu beginnen. Wir hören von Menschen, die den Brokerjob hinschmeißen und Schafhirten werden. Wir spüren die unmenschlichen Züge des Systems, in das wir eingespannt sind und suchen eine Form des Menschseins, in der wir uns entspannen können. 

Die Logik der Produkion

Eine Klientin beklagt sich, dass sie mitten in der Woche krank wird und nicht am Wochenende. Sie befürchtet, dass sie ihren Job verlieren könnte, wenn sie zu oft krank wird – obwohl sie nur selten krank wird. Sobald das Optimum an Leistung, das vom System erwartet wird, nicht erbracht werden kann, meldet sich die Existenzangst.

Wir tun so, als ob wir das Leben verstehen würden, indem wir der Logik unserer Überlebensprogramme folgen. Diese Programme sind aus Traumatisierungen gespeichert, individuelle und kollektive. Das kapitalistische Szenario hat sich mit der Macht von kollektiven Traumen in den Seelen der Menschen eingenistet, sodass es wie eine zweite Natur geworden ist, die von Angst beherrscht wird und zum Kontrollzwang führt. Wir merken gar nicht, dass wir einem Lebensverständnis folgen, das von einem Bewusstsein geleitet ist, das am weitesten von dem entfernt ist, was unsere menschliche Natur ausmacht. 

Gerade deshalb erscheint die Vorstellung, das Leben als kontinuierliches Fest zu feiern statt es zu verstehen, so lebensfremd und absurd. Doch indem wir meinen, das Leben zu verstehen, merken wir nicht, dass wir nur vorgeprägte Angststrukturen wiederkäuen.

Bruchstückhaftes Verstehen

Ein Charakteristikum von Traumaerfahrungen besteht darin, dass im Traumamoment die bestehenden Lebenszusammenhänge zerfallen und zu Fragmenten werden, die nur als Bruchstücke Sinn ergeben. Kollektive Traumen wie das Kapitalismustrauma können deshalb nur einen bruchstückhaften Sinn vermitteln, der aus einem Überlebenswissen stammt. Sinn macht das, was das Überleben in diesem System möglich macht. Wenn wir uns im Bann des Traumas befinden, erkennen wir die Relativität nicht, sondern erleben diesen Sinn als umfassend und zwingend. Wir merken nicht, dass es sich um eine Ideologie handelt, die wir für wahr halten. Vielmehr glauben wir, dass die Welt so funktioniert und dass alle anderen Menschen das gleiche Verständnis haben. Vor diesem Hintergrund meinen wir, dass es um uns geschehen ist, wenn wir wieder, wie es im Evangelium heißt, wie die Kinder werden. Ja, es ist schon um uns geschehen, wenn wir ein wenig Schwäche zeigen wie es bei einer Krankheit der Fall ist.

Die Freiheit vom Verstehen

Der Zwang zum Verstehen ist das, was in dem Gedicht von Rilke bewusst gemacht wird. „Das Leben verstehen“ ist in unserem Verstand immer fragmentarisch, vorläufig und relativ. Es sind Konzepte, die wir unseren Lebensabläufen anheften, von denen wir annehmen, dass sie uns die Orientierung erleichtern. Meist stammen diese Konzepte aus traumatischen Erfahrungen, sodass ihr Wert auf diese Erfahrungen beschränkt ist. Deshalb ist es wichtig, die Wurzeln unserer Lebenskonzepte zu kennen, sodass wir die Spreu vom Weizen trennen können. Auf alle Konzepte, in denen Angst enthalten ist, können wir getrost verzichten. Sie sind nicht nützlich und erklären auch nichts von der aktuellen Welt. 

Das Leben verläuft, wie es verläuft. Wir erleben ruhigere und heftigere Zeiten, haben angenehmere und unangenehmere Erlebnisse, verstehen manchmal mehr, manchmal weniger davon. Nehmen wir uns die Anregung des Dichters zu Herzen, so finden wir in jedem Moment einen prächtigen Anlass zum Feiern.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.


Montag, 14. November 2022

Die kapitalistische Trauma-Trance

„It's the economy, stupid.“

Warum ist das Wirtschaftswachstum ein derartig wirksames Totschlagargument, wenn es um Maßnahmen für den Klimaschutz geht? 

Eine einfache Erklärung würde besagen: Es gibt die Propaganda, mit der die Lobbyinginteressen von Unternehmen vertreten werden, die ihre Gewinne schwinden sehen, wenn sie ihre Produktion umstellen müssten. Davon müssten wir uns nicht beeindrucken lassen. Es gehört zum Wirtschaftsgeschehen, dass sich die Produktion laufend modernisieren muss, und wenn die Modernisierung jetzt darin besteht, klimafreundlich zu produzieren, dann ist das eben die Aufgabe, der sich das Unternehmen stellen muss.

Was aber häufig geschieht, ist, dass die ökologische Debatte dort aufhört und Klimamaßnahmen abgeschmettert werden, weil ja das Wirtschaftswachstum gefährdet würde, damit Arbeitsplätze wegfallen, die Wirtschaft schrumpft, allen geht es schlechter und schließlich und endlich bricht alles zusammen.

Der Clinton-Slogan: "it's the economy, stupid", könnte so übersetzt werden: Es dreht sich alles um die Wirtschaft, und wenn du das nicht begreifst, bist du ein Dummkopf. Oder: Die Wirtschaft ist der wichtigste Bereich, um den sich alles andere dreht und drehen muss. Oder: Die Wirtschaft betrifft die Menschen am unmittelbarsten und am wirkmächtigsten, alles andere ist dagegen sekundär.

Das Kapitalismus-Trauma

Dass wir solche Slogans verstehen und für plausibel und richtig halten, hängt mit der kollektiven Traumatisierung durch den Kapitalismus zusammen. Die Wirtschaft ist ein Teilbereich in jeder menschlichen Gesellschaft, aber seit der Einführung des kapitalistischen Wirtschaftssystems hat dieser Teilbereich die zentrale Stellung eingenommen. Diese Themenführerschaft hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben. Sie ist in alle Bildungs- und Ausbildungsvorgänge eingebunden und wird den Kindern und Jugendlichen von früh an eingetrichtert. Sie sollen in den Schulen „für das Leben“ fit gemacht werden, d.h. sie sollen in der Wirtschaft bestehen und sich eine „Existenz“ aufbauen können. Der Kapitalismus hat es also geschafft, die menschliche Existenz vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig zu machen: Wenn wir es in der Wirtschaft nicht schaffen, verlieren wir unsere Existenz.

Was ist hier geschehen? Natürlich wussten Menschen immer, dass ihr Überleben davon abhängt, dass sie genug zum Essen und einen sicheren Aufenthaltsplatz haben. Aber sie wussten auch, dass sie das nie alleine schaffen können, sondern dass es nur gelingt, wenn alle zusammenhalten. 

In den Anfängen konnten und mussten unsere Vorfahren selber in ihren Gemeinschaften für alles sorgen, was zum Überleben notwendig war. Vor allem seit der jungsteinzeitlichen Revolution ist die Wirtschaft durch die fortschreitende Arbeitsteilung immer komplexer geworden. Es ist ein System von wechselseitigen Abhängigkeiten entstanden, das dann durch das kapitalistische System mit den Prinzipien von Gewinnmaximierung und Konkurrenz verschärft wurde. Während im Mittelalter geregelt war, wieviel ein Handwerker verdienen konnte, sollte im Kapitalismus jener, der am billigsten und effizientesten produziert, die anderen Mitbewerber ausstechen. Aus einem relativ ausgewogenen System von wechselseitigen Abhängigkeiten, in dem der soziale Ausgleich eine wichtige Rolle spielt, wird ein System des Konkurrenzkampfes nach dem Motto: Jeder gegen jeden. Wer zu wenig kämpft, geht unter. Stirb du, bevor ich sterbe. Die Existenzangst liefert den hintergründigen Antrieb für wirtschaftliches Handeln und wird jedem Teilnehmer an der Wirtschaft eingepflanzt. 

Wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe, ist der Kapitalismus ein angstgetriebenes System, das allen eine chronische Stressbelastung auferlegt. Die versteckte Ideologie dieses Systems suggeriert, dass das Überleben permanent prekär ist. Man kann sich nie genug anstrengen, um endlich vor dem Untergehen sicher zu sein. Die Menschen werden gezwungen sich „freiwillig“ selber Gewalt anzutun, nicht mit vorgehaltener Pistole, sondern mit der implantierten Überlebensangst. 

Die Kapitalismus-Trance

Rein logisch betrachtet, hat das Umweltproblem, in das sich die Menschheit manövriert hat, den Vorrang vor den Wirtschaftsproblemen. Denn auf einem nicht mehr bewohnbaren Planeten kann auch keine Wirtschaft betrieben werden. Die Wirtschaft müsste also alles tun, was in ihren Kräften steht, um diese globale Bedrohung abzuwenden, und dazu bräuchte sie von der Politik die zwingenden Vorgaben. Aber weil im kapitalistischen Denken der kurzfristige Gewinn immer besser ist als eine langfristige Perspektive, trommeln die Vertreter der Wirtschaft ihre Parolen vom Vorrang der Wirtschaft und ihres Wachstums, gleich welche Kosten das sonst noch verursacht und welche Probleme daraus längerfristig erwachsen. Denn für Schäden aus den Wirtschaftsprozessen haftet die Allgemeinheit, bzw. der Staat, diese braucht die Wirtschaftsvertreter nicht zu bekümmern. 

Warum aber ist die Politik nicht in der Lage, der Wirtschaft die Rahmenbedingungen vorzuschreiben, die notwendig sind, damit die Umweltkatastrophe abgewendet werden kann? Offenbar steht sie, wie die meisten Menschen, genauso unter dem Druck, den die Überlebensangst, die Triebfeder des Kapitalismus, ausübt. Kollektive Traumen führen zu kollektiven Dissoziationen, und Dissoziationen führen zu Trancezuständen. Sobald von Gefahren für die Wirtschaft die Rede ist, geraten die meisten Politiker in einen Trancezustand, in dem sie alles andere vergessen, wofür sie sonst noch verantwortlich sind. 

Ein Aufwachen aus diesem entrückten Zustand gibt es für die meisten offensichtlich nur, wenn Erfahrungen auftreten, die so mächtig sind, dass sie nicht mehr ignoriert werden können. Verschwindende Gletscher oder abnorm heiße Sommer sind unangenehme Erfahrungen, aber wir können mit ihnen leben. Ein Sturm, der das eigene Haus niederreißt oder eine Flut, die alles wegschwemmt, was einem gehört, kann nicht mehr so leicht ignoriert werden. 

Die Gefahr besteht, dass wir uns langsam, so wie sich die Klimabedingungen und alle von ihnen abhängigen Phänomene verändern, an die veränderten Umstände anpassen und deshalb alles hinauszögern, was an neuen Gesetzen und an neuen Verhaltensgewohnheiten notwendig wäre. Wir verhalten uns wie die Frösche in dem Wasserglas, das langsam erhitzt wird, und wir merken die Misere erst, in der wir stecken, wenn wir schon verbrüht sind. (Die Geschichte mit den Fröschen ist übrigens ein Fake, Frösche sind nicht so blöd, sie springen aus dem Wasser, sobald es ihnen zu heiß wird.)

Wir haben die Wahl: Die Traumatrance, angetrieben vor der kapitalistischen Überlebensangst, oder das Aufwachen, angetrieben vom Überlebenswillen und von der Verantwortung für die Menschheit und den Planeten.

Zum Weiterlesen:
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine
Die kollektiven Traumatisierungen durch den Kapitalismus
Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus
Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung


Sonntag, 6. November 2022

Die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das zu den Haupterrungenschaften der bürgerlichen Revolutionen zählt und ein wichtiger Bestandteil moderner Demokratien darstellt. Alle wissen es zu schätzen, die in einer Diktatur leben, in der die freie Meinungsäußerung unterdrückt ist und in der man mit Bestrafung rechnen muss, wenn die eigene Meinung nicht den Vorstellungen des Regimes entspricht. 

Wie alle anderen Rechte auch, hat das Recht auf Meinungsfreiheit auch Grenzen, die mit der Integrität der Menschen zu tun hat. Das Äußern der eigenen Meinung kann nicht nur Diktatoren erzürnen, die um ihre Macht zu bangen beginnen, wenn jemand etwas Kritisches oder auch etwas Witziges über sie sagt. Es kann auch jeden Mitmenschen ärgern, verletzen und beleidigen, wenn Meinungen vertreten werden, die die eigene Person herabwürdigen. Denn wir können unsere Meinungen auch als Waffen verwenden, die anderen Personen Leid zufügen. Wir können beispielsweise unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit unseren Wut- und Hassgefühlen Ausdruck verleihen, ohne Rücksicht auf die Betroffenen. 

Worte, ob gesprochen oder geschrieben, haben unter Menschen eine starke Macht. Sie können manipulieren, beleidigen, verletzen und im Extremfall in den Wahnsinn treiben. Deshalb ist eine sorgfältig abgewogene und achtsame Wortwahl eine wichtige Voraussetzung, um an den kommunikativen Abläufen der Zivilgesellschaft konstruktiv teilnehmen zu können.

Bei den Grenzen der Meinungsfreiheit geht es um das liberale Prinzip, dass jedes Freiheitsrecht dort endet, wo das Freiheitsrecht von anderen Personen beginnt. Die Meinungsfreiheit wird missbraucht, sobald die Grenzen anderer Menschen, ihre Integrität und Würde verletzt werden. 

Der Gebrauch der Meinungsfreiheit setzt also zivile Umgangsformen und den grundlegenden Respekt für andere Menschen voraus. Wer dazu nicht in der Lage ist, kann dieses Recht für sich nicht beanspruchen. Meinungsfreiheit gedeiht nur in einem Rahmen der wechselseitigen Achtung und den Grundformen der Höflichkeit, über die sich diese Achtung ausdrückt. 

Verrohung durch soziale Medien

Die sozialen Medien, deren Macht im vorigen Artikel erörtert wurde, haben durch die in ihnen angelegten Möglichkeiten der Anonymisierung in vielen Bereichen zu einer Verrohung der Umgangsformen geführt. Es ist relativ einfach, mit einem anonymen Account die eigenen Hassgefühle beliebig an alle zu verteilen, die einem nicht passen oder die andere Meinungen vertreten. Diese Medien bieten ein einfaches Ventil für das Ablassen aller aufgestauten Gefühle. Die Schamschranke, die im direkten Umgang immer mäßigend wirkt, wird durch die Anonymität, die das Medium bietet, abgeschwächt. Zudem ist es ist relativ schwierig und unwahrscheinlich, für Ehrenbeleidigungen und Rufschädigungen zur Verantwortung gezogen zu werden. Viele Menschen gewinnen aus dieser Rolle des anonymen Angreifers eine Befriedigung durch das Ausleben von Rache- und Machtgefühlen.

Psychologisch betrachtet, stammen solche Hass- und Aggressionsgefühle aus frühen Quellen der Lebensgeschichte. Diese Gefühle können nur in einem therapeutischen Rahmen befriedet werden. Werden sie in sozialen Medien ausagiert, richten sie dort beträchtlichen Schaden nicht nur an den betroffenen Menschen an, sondern schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt. Außerdem regen andere zum Nachahmen ein, ohne dass Konsequenzen befürchtet werden müssen. 

Demokratiefeindliche Meinungen

Eine weitere Grenze der Meinungsfreiheit muss dort beachtet werden, wo sie dazu benutzt wird, um der Einschränkung oder Abschaffung der Meinungsfreiheit das Wort zu reden. Rechtsgerichtete und rechtsextreme Gruppierungen nutzen die Medien gezielt, um Ängste und Verunsicherungen zu verbreiten und dabei politische Modelle propagieren, die anderslautende Meinungen unterdrücken sollen. In einer Demokratie dürfen alle Meinungen geäußert werden, aber Meinungen, die die Meinungsfreiheit und den demokratischen Grundkonsens untergraben, muss mit der Kraft von Gegenargumenten begegnet  werden. Die Demokratie kann sich nicht mit einer überdehnten Toleranz den Boden unter den Füßen wegziehen lassen.

Dem Plädoyer für die Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien wird hier ein Plädoyer für die Erhaltung und Absicherung der Meinungsfreiheit angefügt. Die Meinungsfreiheit kann es jedoch nicht in einem unbegrenzten und absoluten Maß geben, wie das manche einfordern, sondern muss gesamtgesellschaftlichen Anforderungen untergeordnet sein. Medien, die Hassbotschaften nicht zensieren, fördern sie, indem sie Freiräume öffnen, in denen sich jeder austoben kann, ohne Rücksicht auf andere, und damit die Verrohung und Entsolidarisierung vorantreiben. Sie fördern also die Tendenzen zur Atomisierung und zur Auflösung von sozialen Bindungen, wie sie die kapitalistische Wirtschaftsweise von sich aus produziert.  

Entsolidarisierung

Deshalb überantwortet eine Meinungsfreiheit, der keine Schranken auferlegt werden, die soziale Welt dem kapitalistischen Gewinnstreben und Konkurrenzdenken, also der Asozialität, der Gesellschaftsfeindlichkeit und damit der Menschenfeindlichkeit. Das können Einzelne wollen, die sich davon ökonomische oder psychologische Vorteile für sich selbst erhoffen, und dem Vernehmen nach ist das die Richtung, die der neue Eigentümer des Nachrichtendienstes Twitter durchsetzen möchte. Solche Bestrebungen muss aber die Gesellschaft als ganze ablehnen und mit allen Mitteln, die in ihrer Macht liegen, abwenden. Der Kapitalismus sägt an den Wurzeln der Gesellschaft, die er von den nährenden Säften des Bodens, sprich der Lebendigkeit, abschneiden will. Wird er nicht in seine Schranken gewiesen, werden tendenziell die Menschen untereinander zu Feinden. Deshalb ist es die beständige Aufgabe der Zivilgesellschaft, die Auswüchse und das Überhandnehmen dieser Form der Wirtschaftsorganisation einzudämmen und ihm entgegenzuwirken. Sie kann und muss genügend Druck auf den Staat ausüben, damit er seine Macht für die Erhaltung und Stärkung des sozialen Zusammenhalts einsetzt. Wird die Meinungsfreiheit nach kapitalistischen Sichtweisen in den sozialen Medien zugelassen, dient sie blind dieser Entgesellschaftung und Entsolidarisierung. 

Staatliche Organe schützen die Rechte Einzelner gegen den Missbrauch der Meinungsfreiheit. Das ist gut und notwendig, und die entsprechenden Regeln müssen laufend verbessert werden, weil sich die Medien und deren Nutzer schnell ändern. Schwieriger ist es, die schädlichen Wirkungen von sozialen  Medien auf die Atmosphäre und das Klima in der Gesellschaft einzudämmen. Hassbotschaften und Fakenews lösen in der Gesellschaft Verunsicherung und Entsolidarisierung aus und wirken deshalb erodierend auf den sozialen Zusammenhalt. Die Ängste, die oft mutwillig und nicht selten geplant und gezielt gestreut werden, werfen die Menschen auf sich selber zurück, mobilisieren Überlebensstrategien und destabilisieren die Gesellschaft. Es sind starke und vielfältige Gegengewichte notwendig, damit die Meldungen aus solchen Ecken nicht zu dominanten Trends im Diskurs und in der politischen Debatte werden. In diesem Bereich kann und soll der Staat die Aufgabe übernehmen, Medien zu fördern, die sorgfältig recherchieren und extremen Meinungen entgegentreten, und Medien zu kontrollieren, die tendenziell den politischen Diskurs, die Sozialstruktur und die Innenwelt der Menschen zerstören.

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. Sie ist aber nur insoweit ein hohes Gut, als sie achtungsvoll verwendet wird, unter der Respektierung ethischer Grundsätze. Sie ist eine wichtige Grundlage für unser Zusammenleben in einem demokratischen Staatswesen und als aufgeklärte Zivilgesellschaft, deshalb müssen wir sie und uns vor jeder Form von Missbrauch schützen.

Zum Weiterlesen:
Plädoyer für die Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien
Toleranz und ihre zweifache Grenze
Toleranz ist ein relativer Wert


Donnerstag, 3. November 2022

Ein Plädoyer für die Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien

Suchterzeugende Medien

Dass die Nutzung von sozialen Medien zur Sucht ausarten kann, wird uns immer bewusster. Es geht hier um fremdgesteuerte Dopaminzyklen, mit denen die User bei Stange gehalten, sprich zur permanenten Dauernutzung der Medien konditioniert werden. Die Programme sollen uns mit an- und aufregenden Kicks versorgen, die die Langeweile vertreiben und die Stimmung heben. So scrollen wir gespannt von Bild zu Bild, von App zu App, stets auf der Suche nach etwas besonders Aufregendem, ohne jemals bei der ersehnten Befriedigung anzukommen.

Die Süchte, die auf diese Weise entstehen, sind keineswegs harmlos, sondern können zu drastischen Auswirkungen auf die betroffenen Personen führen. Die Zahl der Kinder, die am Aufmerksamkeitsdefizit leiden, steigt seit 2005, also seit der Einführung der Smartphones massiv an. Dazu kommt die Anforderung, gleichzeitig mehrere unterschiedliche Informationskanäle zu kontrollieren, die jedem Gehirn enorm viel Energie abverlangt, ohne dass es entsprechende Erholungszeiten gibt, weil die spannungsgeladenen Suchtvorgänge in den Schlaf hineinwirken oder zu verkürzten Schlafzeiten führen. Gleichzeitig gibt es da immer noch die äußere Realität, auf die geachtet werden muss (z.B. müssen wir einem entgegenkommenden Fußgänger Platz machen, während der Blick durch das Smartphone gebannt ist). Die Folgen sind höhere Fehleranfälligkeit, Gedächtnisschwächen und verringerte Kreativität. Das Gehirn befindet sich gewissermaßen in einem Dauerstress und wird süchtig danach. Jede Beschäftigung der Aufmerksamkeit wird vom nächsten Reiz unterbrochen, sodass keine Gefühle für Kontinuität zustande kommen können.

„Wir sind keine Kunden von Apps wie TikTok, Facebook, Twitter, unsere Aufmerksamkeit ist das Produkt, das die Unternehmen an die echten Kunden, die Werbetreibenden, verkaufen.“ (Johann Hari, Medienforscher und Autor des Buches „Stolen Focus“ im Falter 42/22, S. 26) Je mehr Menschen süchtig gemacht werden können, desto mehr Geld wird in die Kassen der Medienbetreiber gespült.

Es ist eine Tatsache, dass Menschen länger auf Dinge schauen, die sie aufregen, als auf jene, die sie glücklich machen (negativity bias). Daraus folgt, dass die Medien jene Leute belohnen, die schockierende, angstmachende und beschämende Inhalte verbreiten: Solche Nachrichten werden öfter geteilt und länger konsumiert. Damit haben die menschenfeindlichen oder menschenverachtenden Triebkräfte der Leute einen mächtigen Verstärker auf ihrer Seite. Solche Meinungen und Sichtweisen werden tendenziell höher belohnt als menschenfreundliche.

Suchtbekämpfung als öffentlicher Auftrag

Die Suchtprävention ist nicht nur eine private Herausforderung, sondern auch Teil der staatlichen Aufgabe, die darin besteht, Menschen vor Gefahren zu schützen, vor denen sie sich selber nicht oder nur mangelhaft schützen können. Es handelt sich in diesem Fall um Gefahren, die nicht direkt wahrnehmbar sind, sondern sich im Anschein eines harmlosen Zeitvertreibs verstecken. Sie wirken aber auf Körper und Psyche mit weitreichenden schädigenden Folgen. Ebenso wenig wie Staaten nicht zulassen können, dass ihre Bevölkerung dem Opium oder anderen suchterzeugenden Drogen verfällt, müssten sie auch verhindern, dass raffiniert manipulative Medienmaschinen die Gehirne der Menschen in Besitz nehmen und sie zu emotionalen und sozialen Krüppeln machen.

Die sozialen Medien befinden sich im Privatbesitz und stellen eigene, in sich weitgehend autonome Wirtschaftsbetriebe dar, die gewinnorientiert arbeiten. Das Suchtmodell ist der beste Garant für steigende Werbeeinnahmen und Unternehmensgewinne. Es wird deshalb immer weiter ausgebaut und verfeinert. Vonseiten der Betreiber ist es logisch, möglichst viele Menschen süchtig zu machen, denn je stärker die Sucht verbreitet ist, desto stärker sprudeln die Gewinne. Indem die Leute vermehrt das Medium konsumieren und mit eigenen Inhalten füttern, agieren sie als nützliche Idioten, die sich freiwillig vor den Karren der Medienbetreiber spannen lassen. Es ist die Logik des Kapitalismus, der sie unterliegen und durch die sie sich ausbeuten und abhängig machen lassen, ohne es zu merken. 

Für diese Logik wird riskiert, auf einer riesigen und fortlaufend wachsenden Basis Menschen zu infantilisieren und in Konsumidioten zu verwandeln, die hilflos ihrer Sucht ausgeliefert sind. Die Folgen für die mentale und emotionale Gesundheit der Menschen haben die Medien und ihre Eigentümer nicht zu tragen, für sie ist natürlich die Allgemeinheit zuständig. Die Privaten streichen die Gewinne ein, die öffentliche Hand kommt für die Schäden auf, das ist ein beliebtes Modell, das im Rahmen eines ungeregelten Kapitalismus gut gedeiht.

Immer wenn massiv wirksame Suchtformen in der Geschichte aufgetreten sind, haben sich Regierungen eingeschaltet, um die Schäden einzudämmen. In der gegenwärtigen Situation ist es dringlich erforderlich, dass die Medien mit ihren massiven Zugriffsmöglichkeiten auf das Bewusstsein der Individuen unter staatliche Kontrolle gestellt werden. Da die Medien zugleich auch eine wichtige Rolle in der Informationsbereitstellung und Kommunikation leisten, hätte ein Verbot oder die Abschaffung keinen Sinn. Vielmehr sollten sie dem kapitalistischen Gewinnzwang entzogen und dem Gemeinwohl untergeordnet werden.

Die Untätigkeit der staatlichen Organe in diesem Bereich hinzunehmen, ist so, als würde man argumentieren, dass der Opium- oder Heroingebrauch einerseits der individuellen Verantwortung unterliegt und andererseits ein privatwirtschaftliches Geschäftsgebaren ist, in das sich der Staat nicht einmischen soll. Jeder soll nach seiner Fasson süchtig werden, und jeder Drogenproduzent oder -dealer soll seinem Geschäft im Rahmen der freien Marktwirtschaft ungehindert nachgehen können. Die meisten Staaten messen zwar in diesem Bereich mit unterschiedlichen Maßstäben, weil z.B. der Drogenvertrieb unter Strafe gestellt ist, der Alkoholvertrieb aber nicht. Aber diese Inkonsequenz enthebt sie nicht der Pflicht, dort regulierend einzugreifen, wo systematisch und raffiniert die Schwächen der Individuen, und hier vor allem der Kinder und Jugendlichen ausgenutzt werden, um sich an ihnen zu bereichern und die verursachten Schäden durch andere ausbaden lassen. Denn auch vor Alkoholkonsum werden Minderjährige staatlicherseits geschützt.

Anfälligkeiten für die Mediensucht

Erwähnt sei auch, dass es innerpsychische Faktoren gibt, die die „meta“-modernen Süchte beeinflussen. Sie liefern Scheinbefriedigungen für emotionale Mängel und Scheintröstungen für erlittene Verletzungen. Sie fördern narzisstische Persönlichkeitszüge, vor allem, wenn die Grundlagen durch unsichere Bindungsmuster schon in früher Kindheit gelegt wurden. Sie dienen paranoiden Angstmustern, wenn es frühe Wurzeln für solche Neigungen gibt. Stabile und flexible Persönlichkeiten fallen weniger leicht auf die Verlockungen der medialen Konsumwelt herein und tun sich auch leichter darin, ihren Mediengebrauch einzuschränken. Diese Schiene zur Reduktion des Suchtverhaltens ist in gewisser Weise wichtiger als staatliche Regelwerke, weil sie das Problem an der Wurzel packt. Aber die dafür notwendige Arbeit ist langwierig und herausforderungsreich und erfordert viel Eigeneinsatz der Betroffenen. Sie kann nur dort beginnen, wo der Leidensdruck entsprechend hoch ist, dass der Aufwand auf sich genommen wird. Bis eine genügend große Zahl an Menschen durch solche Bewusstwerdungsprozesse durchgegangen ist, vergeht viel zu viel Zeit, in der laufend weitere Personen und Personengruppen in die Sucht fallen, in immer jüngerem Alter und in immer mehr Gesellschaftsschichten. 

Medienbildung

Es ist sicher mehr und mehr Medienbildung notwendig, um zumindest die ärgsten Auswüchse der Mediensucht hintan zu halten und deren Folgen bewusst zu machen. Eine kritische Haltung den virtuellen Inhalten gegenüber kann nicht über die Medien erlernt werden, sie erfordert Anregungen und Auseinandersetzungen auf der persönlichen Ebene und sie gedeiht im Teamwork und in Kleingruppen. Die Entwicklung der Medien hat ein hohes Tempo; die entsprechenden Bildungsprozesse hinken immer hinterher, aber wenn es gelingt, bei Jugendlichen und Erwachsenen Basiskompetenzen in der Mediennutzung aufzubauen, ist ein wichtiger Schritt gegen die Sucht gelungen. 

Gesellschaftliche Kontrolle

Zusätzlich ist ein Hebel notwendig, der noch tiefer ansetzt, um ein Gegengewicht gegen die Machtkonzentration, die die großen Informationskonzerne bei sich monopolisieren, zu etablieren. Es kann nicht angehen, dass eine superreiche Person ein Medium aufkauft und ihm die Linie verpasst, die ihm selbst gefällt – man stelle sich nur kurz vor, die Person wäre nicht Elon Musk, sondern Donald Trump oder ein ähnliches Kaliber. Medien, die Millionen und Milliarden von Menschen erreichen, die von dort ihre Informationen beziehen und sich ihre Meinungen bilden, die dann auf die Gesellschaft zurückwirken, können nicht der subjektiven Willkür und den politischen Ideen einzelner Menschen überantwortet werden, seien sie noch so gewiefte Geschäftsleute.

Zu diesem Zweck halte ich hier ein Plädoyer für die Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien, nicht in der Weise, dass staatliche Organe die operationalen Geschäfte übernehmen, sondern in der Weise, dass die Gesellschaft mit Hilfe der Macht des Staates die Richtlinien und Werte vorgibt, nach denen die Algorithmen gestaltet und die Informationskanäle gesteuert werden. So sollten z.B. nicht nur pornografische oder radikalisierende Inhalte herausgefiltert werden, sondern auch alle, die Hass schüren, und solche, die die Demokratie gefährden. In jedem Fall sollten alle Abläufe, die Sucht erzeugen, abgestellt und Mediennutzer zum Medienfasten angeregt werden. Außerdem könnten die Medien danach ausgerichtet werden, bei den Konsumenten Bildungsprozesse auszulösen und ihre Kreativität anzuregen.

Lebensverbessernde statt ausbeutende Medien

Es braucht eine Massenbewegung, die sich auf die Fahnen schreibt, dass wir Technologien wollen, die unser Leben verbessern und nicht solche, die uns ausbeuten und versklaven. Wir wollen Medien, die allen gehören und deren Grundfunktionen dem Gemeinwohl dienen, das in manipulationsfreien Diskursen festgelegt wird. Wir brauchen virtuelle Räume, in denen sich Menschen austauschen können, ohne dass sie dabei von Geschäftsinteressen gegängelt und durch Daten- und Identitätsklau missbraucht werden. Wir wollen Medien, die die gesunde Gehirnentwicklung der Kinder fördern und ihre Entwicklung zu kreativen, selbstbewussten und kritischen Menschen unterstützen. 

Die Medienkonzerne sind Unternehmen, die nach den Regeln des Kapitalismus funktionieren. Wenn klar wird, wo wir als Gesellschaft hinwollen, was die Werte sind, nach denen wir uns orientieren, und wenn wir uns klarmachen, dass wir die Macht darüber haben, was in unserer Gesellschaft passiert, dann ist der Schritt naheliegend, die Konzerne zu kontrollieren, statt dass wir uns von ihnen kontrollieren lassen. Die Konzerne werden sich anpassen und ihre Geschäftsmodelle neu justieren. Sie haben von sich aus kein Interesse, dass die Menschen dümmer und desorientierter werden; wir können aber auch nicht von ihnen erwarten, dass sie von sich aus dem Fortschritt der Menschheit zu mehr Menschlichkeit dienen, solange sie gewinnorientiert arbeiten. Das ist unser Job als Zivilgesellschaft, und wo wir dafür die staatliche Macht brauchen, sollten wir sie auch einfordern.

Mit dem Hauptargument gegen die staatliche oder gesellschaftliche Kontrolle von sozialen Medien, der Gefahr der Einschränkung der Meinungsfreiheit, werde ich mich am nächsten Artikel beschäftigen.

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