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Dienstag, 28. Juli 2026

Die Zerstörungslust und der demokratische Faschismus

Das Soziologenpaar Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey hat ein Buch über die Tendenzen zur lustvollen Zerstörung der Demokratie vorgelegt. Sie haben Interviews mit Personen aus dem rechtsextremen Feld durchgeführt, um dem Phänomen der Attraktivität von demokratiefeindlichen Bestrebungen auf die Spur zu kommen. Die Grundlage für die Auswahl der Interviewpartner bildete eine Umfrage zur „destruktiven Persönlichkeit“, die folgendes Bild ergab: „12,5 Prozent erwiesen sich als mittel- oder sogar hoch-destruktiv. Diese Personen sind eher jung, eher männlich und eher rechts. Bildung und Einkommen hatten keinen robusten Einfluss.“

So konnten drei destruktive Typen identifizieren: „die Erneuerer (sie wollen liberale Institutionen erschüttern, um traditionelle Hierarchien wiederaufzubauen), die Zerstörer (sie glauben nicht an Erneuerung und sehen die Zerstörung des Systems als Selbstzweck) und die Libertär-Autoritären (sie streben aus ideologischen Gründen nach einer Abschaffung des regulierenden Staates und wollen ihn durch autoritäre Alternativen  ersetzen).“ (S. 23-24)

Ihr Befund ist, dass die liberale Ideologie bei vielen Bevölkerungsgruppen in Verruf geraten ist. Die Versprechen, dass sich Leistung lohnt, dass es jeder zu Wohlstand bringen kann und dass das wirtschaftliche Wachstum allen zugutekommt, haben sich als nicht einlösbar herausgestellt. Zunehmend wird es schwieriger für jüngere Leute, aus der Leistungsspirale auszusteigen, die ihnen vorgibt, immer mehr Leistung erbringen zu müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Der Traum vom Eigenheim z.B. kann nur mehr für jene in Erfüllung gehen, die auf ein ererbtes Vermögen zurückgreifen können.

"Liberale Gesellschaften sorgen nicht länger für umfassenden Fortschritt (…). Wir leben in einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden Veränderungen. Insbesondere die Klimakatastrophe steht für die metabolisch schwindende Zeit.“ (S. 17)

„Wer bereits Vermögenswerte besitzt, profitiert von einer selbstverstärkenden Wertsteigerung. Wer davon ausgeschlossen ist, wird umso abhängiger von denen, die Vermögenswerte und damit am Ende den Alltag von Milliarden Menschen kontrollieren.“ (S. 52)

Das blinde Vertrauen des Liberalismus auf das wirtschaftliche Wachstum, das früher für mehr Wohlstand gesorgt hat, ist nicht mehr gerechtfertigt. Jeder Schritt des Wachstums verschärft die ökologischen Krisen. Ausbleibendes Wachstum hingegen verschärft die sozialen Krisen, weil es immer weniger zum Verteilen gibt. Diesem Teufelskreis können wir nur entkommen, wenn die Klimapolitik sozialpolitisch vorgeht.

Der demokratische Faschismus

Der historische Faschismus  ist mit dem Programm aufgetreten, die Demokratie durch eine Autokratie zu ersetzen. Die aktuellen Strömungen des Faschismus bekennen sich zumeist zur parlamentarischen Demokratie, die sie verbessern wollen, um dem „Volk“ mehr Gewicht einzuräumen. Allerdings geht es ihnen darum, die Demokratie so weit zu schwächen, dass sie den eigenen radikalen Vorstellung der Umgestaltung des Staatswesens nichts mehr entgegensetzen kann: Es werden die unabhängigen Medien zum Verstummen gebracht, die Gerichte werden mit Parteiideologen besetzt und die Wissenschaften an die Kandare genommen. Das Wahlrecht wird so umgestaltet, dass es leicht fällt, Mehrheiten zu bekommen, die dann ausgenutzt werden, um noch mehr Elemente der liberalen Demokratie abzustellen. Beispiele sind Orban-Ungarn, PIS-Polen und die Trump-USA.

"Der demokratische Faschismus ist im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie offen bekämpfte, in der Demokratie verankert und versteht sich als ihr Erneuerer. Gleichzeitig untergräbt er ihre Grundlagen. Treibende Kraft ist die Zerstörungslust. Mit seiner lustvollen Grausamkeit sowie dem frivolen Spiel mit der Gewalt geht der demokratische Faschismus über den Rechtspopulismus hinaus." (S. 15-16)

Ein Werkzeug der aktuellen Form des Faschismus besteht in der Zerstörung der Wahrheit. „Der erneuerte Faschismus zeichnet sich häufig durch ein lustvolles, ja frivoles Unterlaufen von Wahrheitsansprüchen aus. Man eignet sich progressiv Ideale – Freiheit, Gleichheit, Demokratie etc. – an und entleert sie in einem Akt der semantischen Anverwandlung ihrer Bedeutung.“ Meinungsfreiheit bedeutet dann beispielsweise, andere beschimpfen und mit Hass überschütten zu dürfen. Gleichheit wird beschränkt auf die „Volksgenossen“, also auf eine erfundene Herkunftsgemeinschaft. Die Demokratie wird als Steigbügel zur Machtergreifung und zur Kanalisierung des „Volkswillens“ mittels Meinungsmanipulation verstanden. Auf diese Weise kann die Gewalt gegen politische Gegner oder Minderheiten als demokratisch gerechtfertigt werden.

Indem Fakten alternative (als frei erfundene) Fakten und wissenschaftlichen Theorien Verschwörungstheorien entgegengestellt werden, soll im Raum der Wahrheitsfindung ein Chaos gebildet werden, in dem sich dann diejenige durchsetzen, die im medialen Raum die Macht haben.

Die Zerstörungslust

Die destruktive Persönlichkeit kann als eine Variante der autoritären Persönlichkeit angesehen werden, „die sich vom Staat hintergangen fühlt, der andere Gruppen bevorzuge und ihnen die Privilegien zugestehe, um die man glaubt kämpfen zu müssen. Destruktivität verspricht aber auch einen Lustgewinn. Man kann all die Hindernisse in einer symbolischen Geste wegräumen. Manifest wird die Destruktivität in ihrer Neigung zu Gewalt.“ (S. 20) „Bevor man sich anpasst, zerstört man lieber die Dämme gegen die Sintflut.“ (S. 14)

Die Autoren stellen sich die Frage, wie Menschen „autoritäre und destruktive Einstellungen entwickelt haben, obwohl sie keine autoritäre Grunddisposition haben, obwohl sie als Kinder viel weniger streng erzogen wurden.“ (S. 28) Die klassische Erklärung zur autoritären Persönlichkeit würde lauten, dass überstrenge und kontrollierende Eltern, die die Bedürfnisse der Kinder unterdrücken, dann Erwachsene hervorbringen, die sich durch autoritäres Verhalten oder durch die Unterordnung unter Autokraten mit der Bereitschaft zur Gewaltanwendung gegen Schwächere rächen. Aber viele der Interviewpartner der Autoren hatten keine besonders schwierige Kindheit, vielmehr reagierten sie mit ihrer Zerstörungslust auf Brüche in der Biographie, durch Jobverlust, Pandemie, Fehlen von Aufstiegsmöglichkeiten usw. Diese Haltung ist „einerseits eine rebellische Reaktion auf die Desillusionierungen der Moderne, andererseits spiegeln sich in destruktiven Individuen gesellschaftliche Verhältnisse wider, die selbst zerstörerisch geworden sind.“ (S. 29)

Im Ganzen entsteht ein düsteres Bild: „Heute herrschen die verklärte Vergangenheit, die zukunftslose Gegenwart und die fortschrittslose Zukunft.“ (S. 35) Rechtsgerichtete Politiker und Fanatiker gehen häufig von dem Bild einer makellosen Vergangenheit aus, die in einer verrotteten Gegenwart mündet und eine Zukunft geht, die nur dann besser werden kann, wenn die einfachen Lösungsideen von der völkischen Reinheit, der Rückkehr zu einer traditionellen Kultur, der Entmachtung von irgendwelchen Eliten oder Verschwörerzirkeln und der Herrschaft durch Erlöserfiguren umgesetzt werden.

Der Begriff der Zerstörungslust kommt ursprünglich aus der Psychologie. Die Autoren untersuchen das Phänomen als eine von der Gesellschaft hergestellte Verhaltens- und Affektstruktur. Ihre Interviewpartner haben zu erkennen gegeben, dass ihnen das Zerstören Freude bereitet. „Soll doch das ganze Dreckssystem zusammenbrechen, mir ist das völlig egal, Hauptsache, es krallt sich keiner mehr an seine Macht.“ (Ablinger, Nachtwey 2022, S. 321) „Lass die Hütte doch brennen. Mir ist vollkommen wurscht, was danach kommt, solange die da oben endlich mal spüren, wie es ist, wenn alles vor die Hunde geht.“  Es ist eine Mentalität, die lieber alles zusammenbrechen lässt, weil sie jeden Glauben an Reformen verloren haben. Die Befriedigung, die erhofft wird, besteht darin, dass es anderen ebenso schlecht oder noch schlechter als einem selbst geht. Das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Kränkung und Zurücksetzung, verbunden mit gestauter Wut, führt zum Wunsch nach Zerstörung – der Eliten, der Wissenschaften, der Kultur, der Gesellschaft. Mit einer Mentalität des „Hinter mir die Sintflut“ bildet sich ein Nihilismus, der auflebt, sobald etwas zugrundgeht: „Sich lebendig fühlen, wenn man dem Tod nahekommt – diese Antinomie ist der Schlüssel der faschistischen Gefühlsstruktur.“ (S. 168)

Die Aggression und Gewaltbereitschaft rechtfertigt sich aus der Annahme, dass man selbst Opfer einer gewaltsamen Enteignung oder Zurücksetzung ist. „Die zerstörerische Lust ist in ihrer autoritären Spielart relational, da die destruktiven Impulse auf andere projiziert werden, die vermeintlich auf die eigenen Kosten leben.“ (S. 176) „Die Zerstörer beschreiben sich im Vergleich stärker als Opfer einer Tyrannei der Minderheit,  gegen die sie sich nun erheben. Sie wollen die liberale Demokratie brennen sehen, weil sie aus ihrer Sicht nicht demokratisch ist. Es geht ihnen darum, dass sich die Gesellschaft – endlich – aus der Herrschaft der Minderheiten befreit und die Mehrheit ihre angestammten Rechte als eigentlich Etablierte zurückerhält.“ (S. 194)

Das Nullsummendenken

Dieses Denken besteht darin, sich die Ressourcen als absolut begrenzt vorzustellen und dann davon auszugehen, dass jeder andere, der sich mehr davon nimmt, einem selbst etwas wegnimmt. Wenn andere Gruppen mehr Rechte oder mehr Unterstützung bekommen (z.B. Minderheiten, Geflüchtete, Frauen, Pensionisten), verliert man selbst. Damit wird jeder Schritt zur Gleichberechtigung zu einer Bedrohung. Deshalb wird danach getrachtet, anderen zu schaden, die scheinbar mehr haben oder kriegen.

Der Hintergrund zu dieser Einstellung liegt darin, dass es immer weniger darum geht, einen wachsenden Wohlstand gerecht zu verteilen, sondern darum, „wie begrenzter oder gar schrumpfender Reichtum aufgeteilt werden soll. In der Zeit nach dem Fortschritt werden Gewinne und Verluste in einer Nullsummenlogik miteinander verknüpft: Was die eine gewinnt, muss zwangsläufig ein anderer verlieren.“ (S. 19-20)

"Das Nullsummendenken verändert kurzum die subjektive Wahrnehmung von Welt. Die Gesellschaft ist in der Nullsummenlogik kein inklusives Gemeinwesen, in dem jeder an öffentlichen Gütern partizipieren kann; sie erscheint vielmehr als ein Klub, in dem nur Mitglieder Zugang zu exklusiven Gütern haben.“ (S. 131) Das Gefühl, ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt zu sein, erzeugt Aggressionen gegen jene, die möglicherweise den Platz eingenommen haben, der einem selber eigentlich zustünde.

Nach den Autoren hat das Nullsummendenken bei jenen explosive Gefühle erzeugt, die zuvor an die Versprechen der Moderne (Aufstieg und Leistung) geglaubt haben und enttäuscht wurden. 

Aufstieg und Abstieg

Die Nachkriegszeit war geprägt von der Hoffnung auf Aufstieg. Die stetige Zunahme des Wohlstandes, der Bildungsmöglichkeiten und der Berufschancen erzeugte ein positives Bild der Zukunft. Die Vergangenheit mit Armut und Krieg konnte hinter sich zurückgelassen werden, während die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet wurde, mit der berechtigten Aussicht, dass es die eigene Kinder einmal leichter und besser haben würden. 

Die Zeiten sind vorbei: Die deutsche Bundesregierung gab 2020 bekannt, „dass die Aufstiegsmobilität zwischen 1984 und 2017 massiv zurückgegangen ist, wobei Aufstiege aus unteren in mittlere Lagen seltener wurden, während Abstiege in die umgekehrte Richtung zunahmen. … Abstiege sind keine  Ausnahme mehr, sondern gehören nun zur erwartbaren Normalität, unabhängig davon, wie stark man sich anstrengt. Gerade für die unteren Klassen ist der Traum vom Aufstieg ausgeträumt.“ (S. 56) Abzusteigen wird als Versagen, Niederlage, Kränkung und Demütigung erlebt. Als Kompensation des mit diesen Gefühlen verbundenen Schamgefühls dient die Aggression gegen jene, die einem die Chance nehmen, wieder an Status und Wohlstand zu gewinnen.

Im Zug dieses gesellschaftlichen Wandels ist viel vom Schwund der Mittelklasse die Rede. Die Auflösung der traditionellen Klassenstruktur (Ober-, Mittel- und Unterklasse) trägt dazu bei, dass die Demokratie geschwächt wird: „Die Mittelklasse trägt nur so lange zum Gelingen der Demokratie bei, wie sie sich im Aufschwung befindet. Gerät sie unter Druck, bildet sich unter Umständen ein ‚Extremismus der Mitte‘ heraus, der in der Zwischenkriegszeit faschistische Bewegungen stärkte.“

Die Schichten klaffen immer weiter auseinander: „In der Nachmoderne leben Arbeiterklasse und obere Mittelschicht somit praktisch in separaten Erfahrungswelten: Oben wachsen Lebenschancen und Entfaltungsmöglichkeiten weiter, soziale Freiheiten nehmen zu. Unten dominieren erneut große Ungleichheiten, Chancen schwinden, man ist zu einer bescheidenen Lebensführung gezwungen.“ (S. 60)

Der Befund ist ernüchternd: „Die extreme Rechte funktioniert derzeit so gut, weil die Nachmoderne immer schlechter funktioniert.“ (S. 246) Die Autoren halten sich mit Ratschlägen zurück, wie dem demokratischen Faschismus entgegengewirkt werden könnte, weil sie sich als Experten für Probleme und nicht für Lösungen sehen. Sie weisen aber auf „eine Art gemeinschaftsorientierten Postliberalismus“ (S. 287) nach dem französischen Philosophen Jean-Claude Michéa hin. Der politische wie der ökonomische Liberalismus glauben an das autonome Individuum. Die Gesellschaft beruht auf der Regulationskraft der Märkte, während die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen festsetzt. Allerdings müsse der abstrakte Universalismus, mit dem die Gleichstellung zum obersten Ziel wird, eingedämmt werden, weil er Strukturen schafft, die eigennützige Individualisten privilegiert.  Gemeinsinn, Reziprozität und allgemeiner Anstand dürfen nicht verloren gehen. Der postliberale Antifaschismus sollte sich nach den Autoren für folgende Ziele einsetzen: „eine demokratisch eingebettete und zum Teil geplante Ökonomie und eine Gesellschaft, die sich ehrlich mit den Herausforderungen auseinandersetzt, vor denen wir heute stehen.“ (S. 289)

Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2026
Soweit nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus diesem Buch.

Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2022


Dienstag, 16. Juli 2024

Faschismus - eine Annäherung an den Begriff

Rechtsextreme Strömungen sind im Aufwind, lesen wir jeden Tag. Woran erkennen wir, zu welchem Teil des politischen Spektrums eine bestimmte politische Partei gehört? Und was hat der Begriff Faschismus damit zu tun? In der aktuellen Debatte werden immer wieder den Begriff des Faschismus verwendet, ohne dass es klar ist, was damit gemeint ist. Denn auch die Rechte nutzt den Begriff, indem sie z.B. vom Woke-Faschismus oder vom Linksfaschismus spricht. Wir werden uns deshalb hier etwas eingehender mit dem Faschismus und seinen Grundelementen beschäftigen und dazu auch psychologische Hintergründe beleuchten. Damit kann mehr Klarheit geschaffen werden, um den Begriff treffsicher und sinngetreu zu verwenden, statt ihn bloß als Waffe im ideologischen Kampf zu benutzen.

Ich nutze hier eine Sammlung von zentralen Elementen, mit denen Jason Stanley, Philosophieprofessor in Yale, in einem Artikel im Standard den Begriff „Faschismus“ bestimmt hat. Wie wir wissen, stammt der Ausdruck aus Italien, wo er nach dem ersten Weltkrieg von Mussolini und seinen Parteigängern geprägt wurde. Er kommt aus der römischen Bezeichnung für die Rutenbündel der Liktoren, den fasces. Diese symbolisierten seinerzeit die Macht über Leben und Tod.

In der historischen Forschung ist der Begriff umstritten, weil er nur von Mussolinis Partei verwendet wurde. Doch gibt es gerade in der Zwischenkriegszeit eine Reihe anderer Bewegungen, die sich am italienischen Faschismus orientiert haben. Auch heute noch übt das Modell für viele eine große Anziehung aus, obwohl sich die Zeitbedingungen sehr verändert haben. Es sind aber die emotionalen Kernthemen, die unverändert attraktiv sind.

1) Das erste Element des Faschismus besteht in der Verklärung einer mystischen oder mystifizierten Vergangenheit. Was war, war auf geheimnisvolle Weise besser und muss deshalb wiederhergestellt werden. Alles, was schlecht in der Vergangenheit war, wird ausgeblendet und in die Gegenwart eingeblendet. Damit werden rückwärts gewendete Sehnsüchte von Menschen bedient, die glauben, dass sie im Vergleich zur Vergangenheit verloren haben – an Wohlstand, Sicherheit, Status. Es handelt sich im Grund um eine Form der Verklärung der Kindheit, die besonders bei Menschen auftaucht, die eine schwere Kindheit hatten, aber sich einbilden und einreden können, dass sie wunderbar war. Die Verdrängung des Leides der Vergangenheit wirkt in diesen Fällen so, dass Leid nur in und an der Gegenwart wahrgenommen wird.

2) Das zweite Element besteht im hemmungs- und schamlosen Einsatz von Propaganda, bei der es nicht um Wahrheit geht, sondern um den Gewinn von Sympathie. Fakten zählen nicht, wichtig ist nur, dass Anhänger mobilisiert und abhängig gemacht werden. Sie sollen auf einer emotionalen Ebene erreicht werden, indem ihr Zorn und Hass durch manipulierte Informationen mobilisiert wird. Dazu ist jedes Mittel recht. Lügen und Faktenverdrehungen werden systematisch und skrupellos eingesetzt. 

Wer von Kindheit an gewohnt ist, manipuliert, belogen und getäuscht zu werden, verliert das Gespür für den Unterschied zwischen wahr und falsch und glaubt, dass jeder Mensch egoistisch mit allen Mitteln der Wahrheitsverdrehung zu seinem Vorteil kommen will, und deshalb bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als genauso vorzugehen. Selbstsüchtige Eltern prägen selbstsüchtige Kinder.

3) In die gleiche Kerbe schlägt das nächste Element, der Anti-Intellektualismus. Alle, die im Bildungssystem zu kurz gekommen, benachteiligt oder abgewertet wurden, finden ein Ventil für die Kränkungen im faschistischen Affekt gegen die „Eliten“, die Oberen, die Besserweggekommenen, die überheblichen Besserwisser. Sie sollen gedemütigt und entmachtet werden, als Rache für die eigenen Frustrationen. Der Generalverdacht und die Feindschaft gegen die Wissenschaften haben hier ihre Wurzeln.

Statt wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu nutzen, wird an Verschwörungstheorien geglaubt, die einfache Welterklärungsmodelle liefern, z.B. eine kleine Gruppe von Menschen regiert heimlich die ganze Welt. Abgesichert werden diese Theorien mit paranoiden Konstruktionen: Alles, was der Theorie widerspricht, oder alle, die dagegen sind, sind selber Teil der Verschwörung. Es gibt keine Korrekturmöglichkeiten bei diesen Theorien, sie gelten absolut und geben deshalb eine Sicherheit gegenüber den Wissenschaften, die alles in Frage stellen.

4) Beim nächsten Element geht es um die Betonung gesellschaftlicher Hierarchien, also um eine klare Abstufung von Über- und Unterordnung. Die Gedanken von Gleichheit und Gleichberechtigung werden abgelehnt, weil sie Unsicherheit erzeugen. Hier drückt sich der Wunsch nach einer eindeutigen Elternautorität aus, die in der Kindheit gefehlt hat. Die Demokratiefeindlichkeit der Faschisten ist die größte Gefahr, die von ihnen ausgeht, denn sie will der Willkür, die sich hinter den Bestrebungen nach klaren Hierarchien versteckt, Tür und Tor öffnen.

Demokratie wird in der Kindheit gelernt, oder sie wird nicht gelernt. Eltern, die ihre Kinder grundsätzlich achten und ihnen auf verschiedenen Ebenen als gleichrangig begegnen, geben ihren Kindern ein Wert- und Toleranzgefühl mit, das ihnen hilft, intuitiv die Grundidee der Demokratie zu verstehen. 

5) Daran reiht sich das nächste Element an: Der Ruf nach Recht und Ordnung. Da die Gegenwart als unsicher erlebt wird, muss die Exekutive gestärkt werden, die jede Störung der vorgegebenen Ordnung unterbindet. Damit soll die Gesellschaft auf ihrem gegenwärtigen Stand eingefroren werden, weil jede Veränderung noch weiter von der heilen Vergangenheit wegführen würde. Die Beschwörung von law and order kann so weit gehen, dass die rechtsstaatlichen Normen oder die Menschenrechte missachtet werden (vgl. den Ruf nach der Aufhebung des Asylrechts, der von rechtsgerichteten Parteien erhoben wird, oder die Eingriffe in die Unabhängigkeit der Rechtsinstanzen in Ländern, die von rechten Parteien regiert werden, oder der Sturm auf das Kapitol nach der Abwahl von Trump in den USA).

Erwachsene, die als Kinder in einem Regime von absolut geltenden Regeln aufgewachsen sind, neigen einerseits zur Rebellion und andererseits zur Unterordnung. Die faschistische Richtung deckt beides ab: Rebellion gegen die „Eliten“, also die ungerechten und selbstsüchtigen Eltern, und Unterordnung unter die Partei oder die Führer, die die guten Eltern repräsentieren, die man sich immer gewünscht hat.

6) Faschisten und Anhänger des Faschismus fühlen sich immer in einer Opferrolle – historisch betrachtet als Angehörige einer Nation, der Ungerechtigkeit widerfahren ist, oder sozial als Mitglieder einer Schicht oder Gruppe, die benachteiligt ist. Die angenommene Opferrolle kann nur durch die Übernahme einer Täterrolle ausgeglichen werden, und das ist die Wurzel der Gewaltbereitschaft, die Teil aller faschistischen Bewegungen ist.

Auch hier ist wieder einsichtig, dass die Opfererfahrung als Kind (z.B. durch eine Form des Missbrauchs) auf die eigene Gesellschaft als ganze übertragen wird.

7) Das nächste Element bezieht sich auf die Rolle der Sexualität. Hier wird einem patriarchalen Muster gefolgt, das in diesem Bereich Sicherheit geben soll. Es bleibt die Welt der Männer starr getrennt von der Welt der Frauen, und ebenso starr soll die Machtverteilung mit der Bevorzugung der Männer bestehen bleiben. Deshalb werden alle Bestrebungen des Feminismus ebenso bekämpft wie die Homosexualität und alle nichtbinäre Formen sexueller Orientierung. 

8) Ähnlich wie die Verklärung der Vergangenheit wirkt die Verherrlichung des Landlebens, das mit einer „natürlichen“, „gesunden“ Lebensform in Verbindung gebracht wird. Aus den Städten kommt alles Schlechte, sie sind der Ursprung von allem Unheil und vom Verfall der Sitten. Das wirkt wie ein Nachhall aus der Entstehung des Kapitalismus, durch den viele ihr Land verlassen mussten, um in den Städten Arbeit zu finden und in erbärmlichen Wohnverhältnissen zu leben. Das Leben am Land wird als Idyll gesehen, wie eine schöne Kindheit, die es nie gegeben hat oder die für immer verloren ist. 

In diesem Aspekt knüpft der Faschismus an die Strömungen der Romantik an, die zu Beginn der Industrialisierung mit der Idealisierung der Vergangenheit und des ländlichen Glücks ein melancholisches Zeitgefühl wiedergegeben haben. Die Romantik war im 19. Jahrhundert aber mit dem Liberalismus in der Ablehnung von autoritären Obrigkeiten verbündet. Dieser herrschafts- und machtkritische Aspekt ist in der faschistischen „Romantik“ völlig verschwunden.

9) Schließlich gibt es in der Vorstellungswelt der Faschisten einen klaren Unterschied zwischen den „Anständigen“ und „Fleißigen“ und den „Unanständigen“ und „Faulen“. Die Anhänger dieser rechtsextremen Richtung sehen sich auf der einen, der sauberen Seite und verachten die anderen, die sich nicht ihren Vorstellungen von Rechtschaffenheit und Fleiß fügen, die allerdings oft nur oberflächlich behauptet und vertreten werden. Denn auch Vertreter des Faschismus, die den Anstand im Mund führen, verhalten sich oft schamlos, wenn es um Gewalt oder Sexualität geht, oder liegen auf der faulen Decke, ohne zu merken, dass sie auf der Seite jener gelandet sind, die sie verachten. Das binäre, dichotome Schema ist typisch für ein faschistisches Weltbild, das immer eine Eindeutigkeit vorgeben möchte, die es in der Wirklichkeit nie gibt.

10) Mir erscheint noch ein weiteres Merkmal wichtig: Die Abneigung gegen Kunst, vor allem was ihre modernen Strömungen anbetrifft. Offenbar bedrohen Kunstrichtungen, die die normalen Wahrnehmungsgewohnheiten herausfordern, das Sicherheitsgefühl, das für Menschen mit faschistischen Neigungen das wichtigste ist. Außerdem kann die Kunst nie in ein Schwarz-Weiß-Schema von Gut und Böse eingepasst werden, wie es von Faschisten bevorzugt wird, sondern sie hat die Aufgabe, die Übergänge, Schattierungen und Nuancen darzustellen und dadurch die Rahmensetzungen, die durch die Konventionen errichtet wurden, zu überschreiten und zu sprengen. Die Verunsicherung, die jede Form von lebendiger Kunst auslösen will, ist allen Faschisten ein Dorn im Auge. Die Ursache für den Hass auf neuartige Kunstwerke kann in der Unterdrückung der kindlichen Kreativität durch verständnislose Eltern gefunden werden.

Aus all diesen Elementen wird klar, dass der Faschismus mit der Demokratie nicht verträglich ist. Genauer gesagt, sind seine Programme antidemokratisch. Alle faschistischen Bewegungen streben danach, die Macht bei sich zu monopolisieren, um dann die Demokratie abschaffen zu können, die durch ein autoritäres System ersetzt werden soll. Deshalb können demokratische Systeme nur dann überleben und weiterentwickelt werden, wenn der Einfluss der Rechtsparteien zurückgedrängt und verkleinert wird. Unabhängige Medien, die der Faktizität verpflichtet sind, unabhängige Wissenschaften, die die hohen Standards der Forschung folgen, und das Aufwachsen von jungen Generationen, die die Werte der Freiheit und Toleranz zu schätzen wissen und gegenüber propagandistischen und ideologischen Verführungen eine kritische Distanz wahren können, sind Garanten für den Fortbestand der Demokratie und für die Eindämmung der rechten Demokratiefeinde.

Der Faschismus und die mit dieser Ideologie verbundenen Rechtsparteien können außerdem wegen ihrer Rückwärtsgewandtheit und Wissenschaftsfeindlichkeit keine Lösungen für aktuelle und für voraussehbar kommende Probleme anbieten. Empirisch konnte nachgewiesen werden, dass rechtsgerichtete Regierungen in der Regel mit ihrer Wirtschaftspolitik die soziale Ungleichheit verstärken, also die wirtschaftliche Lage ihrer Anhänger verschlechtern. Rational betrachtet, gäbe es für niemanden einen Grund, rechte oder faschistische Parteien zu wählen. Deshalb liegt die einzige Chance für faschistische Strömungen, um an die Macht zu kommen, darin, die Gefühle der Menschen mit allen Mitteln der Propaganda und des systematischen Lügens zu manipulieren. Und deshalb liegt das Hauptgegengewicht gegen die rechten Strömungen nicht nur in der Aufrechterhaltung der Rationalität und des vernunftgeleiteten Diskurses, sondern auch in der Bewusstmachung und Aufarbeitung der emotionalen Hintergründe und Triebkräfte, die Menschen nach rechts abdriften lassen.

Mittwoch, 8. Mai 2019

Links-Rechts – Versuch einer Unterscheidung

Die Etikettierung “links” und “rechts” wird immer wieder in der politischen Diskussion vorgenommen, in letzter Zeit verschärft um die Variante “linkslinks” (gerne von rechter Seite für die Wochenzeitung “Der Falter” verwendet). In diesem Artikel soll es darum gehen, ein paar Aspekte dieser Gegenüberstellung näher zu beleuchten. Es ist klar, dass es bei dieser Erörterung nicht ohne Pauschalierung geht; es mag “Rechte” oder “Linke” geben, die sich in dieser Charakterisierung nicht wiederfinden. Es gibt Rechte und Linke, die sich selber nicht so einschätzen, aber von vielen anderen so wahrgenommen werden, und es gibt auch das Gegenteil. Ich verhehle nicht, dass ich mehr Sympathien für die linke als für die rechte Orientierung empfinde, aber keinen Bedarf habe, mich irgendwo einzuordnen. Ein Resümee dieser Überlegung liegt darin, dass beide Seite lernen müssen, kognitiv und emotional, wenn sie daran interessiert sind, die Gesellschaft insgesamt zu verbessern, und dass jedes Mitglied der Gesellschaft lernen muss, von beiden Seiten. 

Die klassische Zuordnung und die aktuelle Problematik


Seit der französischen Revolution gibt es die Unterscheidung von links und rechts im Spektrum der politischen Orientierungen. Linker Veränderungswille gegen rechten Wunsch zur Bewahrung des Bestehenden – diese Zuordnung stand am Anfang. Gilt sie auch heute noch?  

Ich schlage hier eine Neudefinition von links und rechts vor, bei der es um die aktuellen Debatten um die weitere Entwicklung der westlichen Gesellschaftsordnungen geht, also in jenen Ländern, die die reichsten der Welt sind. Die Wohlstandssättigung ist zwar relativ, denn nach oben gibt es immer noch Zuwachsmöglichkeiten. Dennoch ist in diesen Ländern der Wohlstand bei so vielen Menschen angekommen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Dazu kommen noch die hohen sozialen Standards in den west- und mitteleuropäischen Ländern und die weitgehende öffentliche Sicherheit. Was hat die Unterteilung der politischen Landschaft in links und rechts unter diesen Umständen noch zu sagen? 

Links bedeutete seit dem 18. Jahrhundert, auf der Seite der sozial Benachteiligten zu stehen und sich für eine sozialen Ausgleich einzusetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert ging es dabei vor allem um die Verbesserung der Rechte der Lohnarbeiter. Je nach Spielart ging es um die Verstaatlichung der Produktionsmittel oder zumindest um eine hohe Besteuerung der Kapitalisten. Die Linken glaubten an den Fortschritt und an eine bessere Zukunft. Rechts war, wer Gott und Vaterland ehrte, alte Werte, Sitten und Hierarchien bewahren wollte, dem Fortschritt nicht traute und sich lieber auf die gute alte Zeit berief und deshalb auch keine grundlegende soziale Veränderung wollte. Dann gab es noch den Liberalismus, der mehr Freiheitsrechte für die Staatsbürger, für die Wirtschaft und die Nationen einforderte. Der Nationalismus, der die eindeutige Zuordnung von Sprach- und Kulturgemeinschaft und Staatsgebiet vertrat, wanderte schon im 19. Jahrhundert von den Liberalen zu den Konservativen und fand dann nach dem 1. Weltkrieg in den faschistischen Bewegungen eine gewaltbereite Form, die in den 2. Weltkrieg mündete. Scheinbar hatte damit der Nationalismus an Anziehungskraft verloren. Ein neuer Konservativismus konzentrierte sich auf den Wiederaufbau und das Vergessen der Schrecknisse und Brutalitäten. Der Liberalismus orientierte sich zunehmend über die Einzelstaatlichkeit hinaus zur Überstaatlichkeit (Gründung der europäischen Gemeinschaft) und wirtschaftlichen Globalisierung. 

Mittlerweile haben sich die Bedeutungen der politischen Zuordnung neulich gewandelt. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ davon, dass sämtliche seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlichen „Erzählungen“, also die vorherrschenden Ideologien, ausgedient haben: Die nationalistisch-faschistische hat sich mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust und den Trümmern des 2. Weltkriegs diskreditiert, die kommunistische ist 1989 in sich zusammengebrochen und die liberale hat durch die Abspaltung der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin und schließlich durch die Erfolge des Populismus verloren.  

Die „Sieger“ dieser Bewegung, der US-Präsident Trump, der russische Präsident Putin und die Brexiteers haben zwar wichtige Machtpositionen gewonnen, sie können aber keine Erzählung vorweisen, außer die der Korruption, Selbstbereicherung und Machtgier. Sie haben keine Visionen für die Zukunft mit ihren Verteilungs- und Nachhaltigkeitsproblemen und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit. Sie bedienen Emotionen, die die Probleme mit einem einfachen „Raus“ lösen wollen: Raus aus der EU, ohne zu wissen, was dann kommt, raus mit den Ausländern, ohne zu wissen, wie das Bevölkerungsproblem gelöst werden kann, raus mit den Liberalen, ein Hauptanliegen des ungarischen Ministerpräsidenten, raus mit den 68ern, ein Hauptanliegen der europäischen Rechtsparteien, usw. Die Idee dabei ist es, dass wenn das „Raus“ gelungen ist, alles besser wird. In Hinblick auf den Brexit ist es mittlerweile für jeden Beobachter einsichtig, welche Chaotik mit einer blinden, verantwortungslosen und kurzsichtigen Entscheidung, hinter der keine Strategie und keine Vision steckt, anrichtet werden kann. Und die Demagogen in all den anderen Ländern, in denen sie an die Macht gekommen sind, haben außer patzigen Reden und Besetzen von einflussreichen Posten keine besonderen politischen Erfolge noch inspirierende Zukunftsvisionen vorzuweisen. 

Psychologie der einfachen Rezepte 


Die Psychologie findet ein reichhaltiges Betätigungsfeld in diesem komplexen Szenario. Allein die Narzissmusforschung bekommt tagtäglich neues Futter durch die Äußerungen und Taten der diversen Potentaten. Nicht selten gehen Menschen in die Politik, um ihre Komplexe ausagieren zu können. 

Hier ein weiteres Beispiel zum Verständnis der “Raus”-Dynamik: Die Vorstellung, etwas, was da ist und den eigenen Vorstellungen im Weg steht, zu beseitigen, um damit Freiheit zu gewinnen, ist emotional einleuchtend und psychologisch verständlich. Vergegenwärtigen wir uns einfach diesen Zusammenhang: Wir alle haben eine Geburt hinter uns und wollten da natürlicherweise die Probleme, vor allem die räumliche Enge gegen Ende der Schwangerschaft, durch das Raus aus der Enge der Gebärmutter lösen. Wir haben uns nicht überlegt, wie es dann weitergeht, warum auch. Wenn wir dieses simple Muster nun auf die komplexen Situationen der Erwachsenenwelt umlegen, können wir nur Schiffbruch erleiden. Denn zum Unterschied von der Geburtssituation haben wir eine Verantwortung für das, was nach unseren Entscheidungen kommt und sollten uns vorher überlegen, was die Resultate sind. Schnellschüsse gehen meist nach hinten los, vor allem wenn sie von Emotionen angetrieben sind. 

Prä- und Postfaschisten 


Der Faschismus markiert aus vielen Gründen eine Zäsur in der europäischen Geschichte. Ich schlage deshalb die folgende erneuerte Unterscheidung von links und rechts vor, in Hinblick auf die Geschichtstherapie, die auf diesen Seiten mehrfach angesprochen wurde. Geschichtstherapie heißt, dass das Potenzial zur Gestaltung der Zukunft aus der Aufarbeitung der kollektiven Traumatisierungen und Belastungen aus der Vergangenheit erwächst. Es geht in unserer Geschichte bei der Einteilung von links und rechts im politischen Sinn vor allem um die Aufarbeitung der Erfahrungen des Faschismus vor 80 Jahren: Links sind Menschen, die eine postfaschistische Gesellschaft wollen und rechts die, die eine präfaschistische Gesellschaft wollen. An den Extremen gibt es dann Auffassungen, die entweder eine neue Form des Faschismus propagieren und die alte verherrlichen oder die Sehnsucht nach der Rückkehr einer kommunistischen Diktatur. Das sind Randphänomene, die aus eben diesem Grund verstärkt zur Gewalt als Mittel der Durchsetzung ihrer Ideen setzen, nach allen Statistiken der letzten Jahre weitaus häufiger auf der rechten als auf der linken Seite. 

Linke sind in der politischen Diskussion jene Menschen, die für eine tiefgehende Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit eintreten, damit die Gesellschaft frei wird von den Lasten der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft, die zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit führen soll. Rechte sind solche, die eine Aufarbeitung der Vergangenheit für unnötig halten und ihren Sprachschatz aus dieser Zeit beziehen und deren Ideen für die Gestaltung der politischen Ziele nutzen. Von ihrer Seite ist häufig zu hören, man solle endlich aufhören, in der Vergangenheit herumzugraben; andererseits werden die Rechten immer wieder dabei ertappt, dass sie sich genau dieser Vergangenheit im Denken und Reden bedienen. Abgeändert auf die aktuelle Situation, werden die alten Vorurteile des Antisemitismus auf den Islam übertragen, dessen Vertreter mit einem Hass und einer Angstmache bedacht werden, der jenem ähnelt, der die Juden in Nazi-Deutschland der Vernichtung auslieferte. Feindbilder werden aus solchen Ängsten abgeleitet und aufgebaut, um der Politik die Kampfziele vorzugeben. 

Die Einseitigkeit des Diskurses 


Der eklatante Mangel an Intellektualität auf der rechten Seite macht die Linke hilflos, weil es keine ebenbürtige Diskursebene mit den Rechten gibt. All ihre Überzeugungskraft, all ihr humanistisches Engagement trifft auf keine Resonanz, die Antworten kommen statt dessen oft unter der Gürtellinie. Die Linke kann sich auf eine lange Tradition von Dichtern und Denkern berufen, und auf die Nähe zu den Liberalen, mit denen “ein Stück des Weges” gemeinsam gegangen werden kann. Die Linke hat viele wegweisende Intellektuelle hervorgebracht, und viele prominente Intellektuelle hegten und hegen Sympathien für die Linke. Dennoch kann sie dieses geistige Potenzial nicht für Erfolge bei der Masse der Wähler nutzen. 

Auf der rechten Seite herrscht eher gähnende Dumpfheit in diesem Bereich. Manche der Rechten berufen sich auf Friedrich Nietzsche als Ahnherrn für ein rassistisches Denken und müssen bei näherer Beschäftigung mit dem Philosophen des Hammers schnell die Segel streichen. Die Identitären beziehen sich auf Carl Schmitt, einen nationalsozialistischen Staatsrechtler, und Ernst Jünger, einem nationalistischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit. Auch Antonio Gramsci, ein italienischer marxistischer Schriftsteller, der von den Faschisten eingesperrt wurde, wird mit seiner Theorie der kulturellen Hegemonie verwendet, aus der die in vielerlei Hinsicht absurde Idee der völkischen Einheit destilliert werden soll. Auf diesen Zusammenhang möchte ich noch in einem späteren Blogbeitrag eingehen. 

Dieser traurige Befund des Denkmangels in der rechten Theorielandschaft führt zu einem Ungleichgewicht. Die Linken argumentieren und streiten über Argumente, die Rechten einigen sich hinter vereinfachenden und emotionalisierten Feindbildern: “Wir sind alle gegen ...”, “Wir wollen alle, dass endlich...”, denn: ”Wir sprechen für das Volk”.  

Gefühlsmenschen gegen Denkmenschen? 


Die unvermeidliche Position der linken Überlegenheit in Theorie und Reflexion wird von den Rechten als Arroganz wahrgenommen, der mit Emotionen begegnet wird. Dort, wo Rechte an der Macht sind, beginnt sehr schnell ein Kulturkampf, indem mit gewaltsamen Mitteln der “linken Ideologisierung” Einhalt geboten werden soll, sei es, indem kritische Medien zuerst als links gebrandmarkt und dann stillgelegt, Bücher verbrannt oder einfach alle Gebildeten umgebracht werden. Die Intellektuellen zu vernichten, war das erste Ziel der Nazis im besetzten Polen. Die kritischen Journalisten mundtot zu machen, wird heute in Polen ebenso wie in Ungarn versucht. Die Rechte in Österreich versucht sich ebenfalls an dieser Front. Wo die Argumente fehlen, wollen die Machthaber die öffentliche Meinung ans Gängelband nehmen, notfalls mittels Fake-News und Social-media-Shitschwemmen. Die simple Argumentation der Rechten: Recht hat, wer die Mehrheit mit welchen Mitteln auch immer hinter sich versammeln kann. Die Macht definiert richtig und falsch. 

Die Kehrseite liegt in der Verachtung der Linken gegenüber den beschränkten Rechten. Beides, die Verachtung auf der einen und die Minderwertigkeitsgefühle auf der anderen Seite können sich zu Hass auf die Gegenseite auswachsen. Eine sinnvolle Auseinandersetzung oder gar ein Dialog wird dadurch nicht mehr möglich. 

Geht es also um die Konfrontation zwischen Denkmenschen und Gefühlsmenschen? Und wer soll die Richtung in der Politik vorgeben und damit die Zukunft der Gesellschaften gestalten? Sollen wir uns nach dem Denken oder nach den Gefühlen orientieren? 

Lernen auf beiden Ebenen von beiden Seiten 


Wie stets, geht eines ohne das andere nicht. Wir können keine ausgedachte und durchgeplante Welt gestalten, sie muss uns auch gefallen, und dafür brauchen wir die Gefühle. Und wir brauchen ein tiefgreifendes Verständnis für die Emotionen, die den Veränderungen im Weg stehen, die nach aller Vernunft schon längst hätten stattfinden müssen. 

Gefühle spielen die Hauptrolle bei unseren Entscheidungen, gerade deshalb müssen wir unsere Gefühlswelt genauso weiterbilden wie unsere kognitiven Fähigkeiten. Viele unserer Gefühlsmuster und emotionalen Gewohnheiten stammen aus unserer Kindheit; wie sollen wir aber mit dieser Ausstattung in einer Erwachsenenwelt leben? Die Herrschaft der Gefühle bedeutet dann nur, dass kindliche Antriebe, Bedürfnisse und Frustrationen maßgeblich sind, und mit diesem Repertoire können keine der Herausforderungen der Menschheit gemeistert werden, vielmehr kommen viele, wenn nicht alle unserer Probleme aus der kindlichen Gefühlswelt der Menschen - Ängste, Gier, Arroganz, Hilflosigkeit, Machtstreben. Eine ausreichende “Bildung des Herzens” ist die Voraussetzung dafür, dass Gefühle einen konstruktiven Platz in der politischen Arena einnehmen können. Erwachsene Gefühle sind mit Selbstverantwortung verbunden; aus dieser Perspektive wissen wir, wie sehr die emotionale Ebene auf das Denken mit seinem Abwägen von Risiken und Chancen angewiesen ist.  

Unser Lernen, das wir brauchen, um die Gesellschaft menschenwürdig und naturachtend weiterzuentwickeln, muss auf beiden Ebenen erfolgen. Wir brauchen ein elaboriertes Denken, das die wissenschaftlichen Befunde und die ethischen Imperative in planerische Szenarien einbinden kann, und ein bewusstes Fühlen, das die Entscheidungen treffen und in Handlungen umsetzen kann. Wir brauchen die vorausschauende und historisch erfahrene Intelligenz der Linken und ein Verständnis für die Emotionalität der Rechten. Dazu muss die linke Seite ihr Besserwissen, ihre Überheblichkeit und Verachtung überwinden und lernen, die Menschlichkeit im politischen Feind zu erkennen und zu verstehen.  

Entscheidend wird sein, ob es nicht nur den Linken, sondern einer noch breiteren Öffentlichkeit gelingt, den Ängsten, die von den Rechten verbalisiert werden, so viel Verständnis und Sicherheit zu vermitteln, dass sich diese Gefühle in konstruktive und verantwortungsvolle Impulse umwandeln können.  

Natürlich darf in diesem Zusammenhang der geniale Dichter Ernst Jandl mit seinem Gedicht „lichtung“ nicht fehlen: 

manche meinen 
lechts und rinks 
kann man nicht velwechsern 
werch ein llltum 

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