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Dienstag, 16. Juli 2024

Faschismus - eine Annäherung an den Begriff

Rechtsextreme Strömungen sind im Aufwind, lesen wir jeden Tag. Woran erkennen wir, zu welchem Teil des politischen Spektrums eine bestimmte politische Partei gehört? Und was hat der Begriff Faschismus damit zu tun? In der aktuellen Debatte werden immer wieder den Begriff des Faschismus verwendet, ohne dass es klar ist, was damit gemeint ist. Denn auch die Rechte nutzt den Begriff, indem sie z.B. vom Woke-Faschismus oder vom Linksfaschismus spricht. Wir werden uns deshalb hier etwas eingehender mit dem Faschismus und seinen Grundelementen beschäftigen und dazu auch psychologische Hintergründe beleuchten. Damit kann mehr Klarheit geschaffen werden, um den Begriff treffsicher und sinngetreu zu verwenden, statt ihn bloß als Waffe im ideologischen Kampf zu benutzen.

Ich nutze hier eine Sammlung von zentralen Elementen, mit denen Jason Stanley, Philosophieprofessor in Yale, in einem Artikel im Standard den Begriff „Faschismus“ bestimmt hat. Wie wir wissen, stammt der Ausdruck aus Italien, wo er nach dem ersten Weltkrieg von Mussolini und seinen Parteigängern geprägt wurde. Er kommt aus der römischen Bezeichnung für die Rutenbündel der Liktoren, den fasces. Diese symbolisierten seinerzeit die Macht über Leben und Tod.

In der historischen Forschung ist der Begriff umstritten, weil er nur von Mussolinis Partei verwendet wurde. Doch gibt es gerade in der Zwischenkriegszeit eine Reihe anderer Bewegungen, die sich am italienischen Faschismus orientiert haben. Auch heute noch übt das Modell für viele eine große Anziehung aus, obwohl sich die Zeitbedingungen sehr verändert haben. Es sind aber die emotionalen Kernthemen, die unverändert attraktiv sind.

1) Das erste Element des Faschismus besteht in der Verklärung einer mystischen oder mystifizierten Vergangenheit. Was war, war auf geheimnisvolle Weise besser und muss deshalb wiederhergestellt werden. Alles, was schlecht in der Vergangenheit war, wird ausgeblendet und in die Gegenwart eingeblendet. Damit werden rückwärts gewendete Sehnsüchte von Menschen bedient, die glauben, dass sie im Vergleich zur Vergangenheit verloren haben – an Wohlstand, Sicherheit, Status. Es handelt sich im Grund um eine Form der Verklärung der Kindheit, die besonders bei Menschen auftaucht, die eine schwere Kindheit hatten, aber sich einbilden und einreden können, dass sie wunderbar war. Die Verdrängung des Leides der Vergangenheit wirkt in diesen Fällen so, dass Leid nur in und an der Gegenwart wahrgenommen wird.

2) Das zweite Element besteht im hemmungs- und schamlosen Einsatz von Propaganda, bei der es nicht um Wahrheit geht, sondern um den Gewinn von Sympathie. Fakten zählen nicht, wichtig ist nur, dass Anhänger mobilisiert und abhängig gemacht werden. Sie sollen auf einer emotionalen Ebene erreicht werden, indem ihr Zorn und Hass durch manipulierte Informationen mobilisiert wird. Dazu ist jedes Mittel recht. Lügen und Faktenverdrehungen werden systematisch und skrupellos eingesetzt. 

Wer von Kindheit an gewohnt ist, manipuliert, belogen und getäuscht zu werden, verliert das Gespür für den Unterschied zwischen wahr und falsch und glaubt, dass jeder Mensch egoistisch mit allen Mitteln der Wahrheitsverdrehung zu seinem Vorteil kommen will, und deshalb bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als genauso vorzugehen. Selbstsüchtige Eltern prägen selbstsüchtige Kinder.

3) In die gleiche Kerbe schlägt das nächste Element, der Anti-Intellektualismus. Alle, die im Bildungssystem zu kurz gekommen, benachteiligt oder abgewertet wurden, finden ein Ventil für die Kränkungen im faschistischen Affekt gegen die „Eliten“, die Oberen, die Besserweggekommenen, die überheblichen Besserwisser. Sie sollen gedemütigt und entmachtet werden, als Rache für die eigenen Frustrationen. Der Generalverdacht und die Feindschaft gegen die Wissenschaften haben hier ihre Wurzeln.

Statt wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu nutzen, wird an Verschwörungstheorien geglaubt, die einfache Welterklärungsmodelle liefern, z.B. eine kleine Gruppe von Menschen regiert heimlich die ganze Welt. Abgesichert werden diese Theorien mit paranoiden Konstruktionen: Alles, was der Theorie widerspricht, oder alle, die dagegen sind, sind selber Teil der Verschwörung. Es gibt keine Korrekturmöglichkeiten bei diesen Theorien, sie gelten absolut und geben deshalb eine Sicherheit gegenüber den Wissenschaften, die alles in Frage stellen.

4) Beim nächsten Element geht es um die Betonung gesellschaftlicher Hierarchien, also um eine klare Abstufung von Über- und Unterordnung. Die Gedanken von Gleichheit und Gleichberechtigung werden abgelehnt, weil sie Unsicherheit erzeugen. Hier drückt sich der Wunsch nach einer eindeutigen Elternautorität aus, die in der Kindheit gefehlt hat. Die Demokratiefeindlichkeit der Faschisten ist die größte Gefahr, die von ihnen ausgeht, denn sie will der Willkür, die sich hinter den Bestrebungen nach klaren Hierarchien versteckt, Tür und Tor öffnen.

Demokratie wird in der Kindheit gelernt, oder sie wird nicht gelernt. Eltern, die ihre Kinder grundsätzlich achten und ihnen auf verschiedenen Ebenen als gleichrangig begegnen, geben ihren Kindern ein Wert- und Toleranzgefühl mit, das ihnen hilft, intuitiv die Grundidee der Demokratie zu verstehen. 

5) Daran reiht sich das nächste Element an: Der Ruf nach Recht und Ordnung. Da die Gegenwart als unsicher erlebt wird, muss die Exekutive gestärkt werden, die jede Störung der vorgegebenen Ordnung unterbindet. Damit soll die Gesellschaft auf ihrem gegenwärtigen Stand eingefroren werden, weil jede Veränderung noch weiter von der heilen Vergangenheit wegführen würde. Die Beschwörung von law and order kann so weit gehen, dass die rechtsstaatlichen Normen oder die Menschenrechte missachtet werden (vgl. den Ruf nach der Aufhebung des Asylrechts, der von rechtsgerichteten Parteien erhoben wird, oder die Eingriffe in die Unabhängigkeit der Rechtsinstanzen in Ländern, die von rechten Parteien regiert werden, oder der Sturm auf das Kapitol nach der Abwahl von Trump in den USA).

Erwachsene, die als Kinder in einem Regime von absolut geltenden Regeln aufgewachsen sind, neigen einerseits zur Rebellion und andererseits zur Unterordnung. Die faschistische Richtung deckt beides ab: Rebellion gegen die „Eliten“, also die ungerechten und selbstsüchtigen Eltern, und Unterordnung unter die Partei oder die Führer, die die guten Eltern repräsentieren, die man sich immer gewünscht hat.

6) Faschisten und Anhänger des Faschismus fühlen sich immer in einer Opferrolle – historisch betrachtet als Angehörige einer Nation, der Ungerechtigkeit widerfahren ist, oder sozial als Mitglieder einer Schicht oder Gruppe, die benachteiligt ist. Die angenommene Opferrolle kann nur durch die Übernahme einer Täterrolle ausgeglichen werden, und das ist die Wurzel der Gewaltbereitschaft, die Teil aller faschistischen Bewegungen ist.

Auch hier ist wieder einsichtig, dass die Opfererfahrung als Kind (z.B. durch eine Form des Missbrauchs) auf die eigene Gesellschaft als ganze übertragen wird.

7) Das nächste Element bezieht sich auf die Rolle der Sexualität. Hier wird einem patriarchalen Muster gefolgt, das in diesem Bereich Sicherheit geben soll. Es bleibt die Welt der Männer starr getrennt von der Welt der Frauen, und ebenso starr soll die Machtverteilung mit der Bevorzugung der Männer bestehen bleiben. Deshalb werden alle Bestrebungen des Feminismus ebenso bekämpft wie die Homosexualität und alle nichtbinäre Formen sexueller Orientierung. 

8) Ähnlich wie die Verklärung der Vergangenheit wirkt die Verherrlichung des Landlebens, das mit einer „natürlichen“, „gesunden“ Lebensform in Verbindung gebracht wird. Aus den Städten kommt alles Schlechte, sie sind der Ursprung von allem Unheil und vom Verfall der Sitten. Das wirkt wie ein Nachhall aus der Entstehung des Kapitalismus, durch den viele ihr Land verlassen mussten, um in den Städten Arbeit zu finden und in erbärmlichen Wohnverhältnissen zu leben. Das Leben am Land wird als Idyll gesehen, wie eine schöne Kindheit, die es nie gegeben hat oder die für immer verloren ist. 

In diesem Aspekt knüpft der Faschismus an die Strömungen der Romantik an, die zu Beginn der Industrialisierung mit der Idealisierung der Vergangenheit und des ländlichen Glücks ein melancholisches Zeitgefühl wiedergegeben haben. Die Romantik war im 19. Jahrhundert aber mit dem Liberalismus in der Ablehnung von autoritären Obrigkeiten verbündet. Dieser herrschafts- und machtkritische Aspekt ist in der faschistischen „Romantik“ völlig verschwunden.

9) Schließlich gibt es in der Vorstellungswelt der Faschisten einen klaren Unterschied zwischen den „Anständigen“ und „Fleißigen“ und den „Unanständigen“ und „Faulen“. Die Anhänger dieser rechtsextremen Richtung sehen sich auf der einen, der sauberen Seite und verachten die anderen, die sich nicht ihren Vorstellungen von Rechtschaffenheit und Fleiß fügen, die allerdings oft nur oberflächlich behauptet und vertreten werden. Denn auch Vertreter des Faschismus, die den Anstand im Mund führen, verhalten sich oft schamlos, wenn es um Gewalt oder Sexualität geht, oder liegen auf der faulen Decke, ohne zu merken, dass sie auf der Seite jener gelandet sind, die sie verachten. Das binäre, dichotome Schema ist typisch für ein faschistisches Weltbild, das immer eine Eindeutigkeit vorgeben möchte, die es in der Wirklichkeit nie gibt.

10) Mir erscheint noch ein weiteres Merkmal wichtig: Die Abneigung gegen Kunst, vor allem was ihre modernen Strömungen anbetrifft. Offenbar bedrohen Kunstrichtungen, die die normalen Wahrnehmungsgewohnheiten herausfordern, das Sicherheitsgefühl, das für Menschen mit faschistischen Neigungen das wichtigste ist. Außerdem kann die Kunst nie in ein Schwarz-Weiß-Schema von Gut und Böse eingepasst werden, wie es von Faschisten bevorzugt wird, sondern sie hat die Aufgabe, die Übergänge, Schattierungen und Nuancen darzustellen und dadurch die Rahmensetzungen, die durch die Konventionen errichtet wurden, zu überschreiten und zu sprengen. Die Verunsicherung, die jede Form von lebendiger Kunst auslösen will, ist allen Faschisten ein Dorn im Auge. Die Ursache für den Hass auf neuartige Kunstwerke kann in der Unterdrückung der kindlichen Kreativität durch verständnislose Eltern gefunden werden.

Aus all diesen Elementen wird klar, dass der Faschismus mit der Demokratie nicht verträglich ist. Genauer gesagt, sind seine Programme antidemokratisch. Alle faschistischen Bewegungen streben danach, die Macht bei sich zu monopolisieren, um dann die Demokratie abschaffen zu können, die durch ein autoritäres System ersetzt werden soll. Deshalb können demokratische Systeme nur dann überleben und weiterentwickelt werden, wenn der Einfluss der Rechtsparteien zurückgedrängt und verkleinert wird. Unabhängige Medien, die der Faktizität verpflichtet sind, unabhängige Wissenschaften, die die hohen Standards der Forschung folgen, und das Aufwachsen von jungen Generationen, die die Werte der Freiheit und Toleranz zu schätzen wissen und gegenüber propagandistischen und ideologischen Verführungen eine kritische Distanz wahren können, sind Garanten für den Fortbestand der Demokratie und für die Eindämmung der rechten Demokratiefeinde.

Der Faschismus und die mit dieser Ideologie verbundenen Rechtsparteien können außerdem wegen ihrer Rückwärtsgewandtheit und Wissenschaftsfeindlichkeit keine Lösungen für aktuelle und für voraussehbar kommende Probleme anbieten. Empirisch konnte nachgewiesen werden, dass rechtsgerichtete Regierungen in der Regel mit ihrer Wirtschaftspolitik die soziale Ungleichheit verstärken, also die wirtschaftliche Lage ihrer Anhänger verschlechtern. Rational betrachtet, gäbe es für niemanden einen Grund, rechte oder faschistische Parteien zu wählen. Deshalb liegt die einzige Chance für faschistische Strömungen, um an die Macht zu kommen, darin, die Gefühle der Menschen mit allen Mitteln der Propaganda und des systematischen Lügens zu manipulieren. Und deshalb liegt das Hauptgegengewicht gegen die rechten Strömungen nicht nur in der Aufrechterhaltung der Rationalität und des vernunftgeleiteten Diskurses, sondern auch in der Bewusstmachung und Aufarbeitung der emotionalen Hintergründe und Triebkräfte, die Menschen nach rechts abdriften lassen.

Sonntag, 28. August 2022

Die Wohlstandsscham

Wir schämen uns nicht nur für Fehler und für Versagen, auch nicht nur dafür, dass wir im Vergleich mit anderen schlechter abschneiden, sondern auch dann, wenn wir es besser haben als andere. Die Scham wacht über die Intaktheit von Beziehungen und auch über die Fairness und Gerechtigkeit unter den Menschen. Wir brauchen das Gefühl, in einer ausgeglichenen Gesellschaft zu leben, in der niemand zu viel und niemand zu wenig hat. Wenn wir uns vergleichen, wollen wir nicht zu sehr aus der Reihe fallen, in der einen wie in der anderen Hinsicht. Die Scham liefert den feinen Sensor für das richtige Maß. 

Ideologien zur Schamverdrängung

In der Verfasstheit unserer Gesellschaft gibt es große Unterschiede im Wohlstand. Die Vermögens- und Einkommensschere zwischen arm und reich, die sich immer weiter öffnet, konnte nur entstehen, weil in Bezug auf das Verdienen von Geld und das Anhäufen von Reichtum nach und nach die Schamgrenzen abgeschwächt oder außer Kraft gesetzt wurden. Dazu diente Doktrin von den “Tüchtigen”, denen mehr vom Kuchen zustehen soll als den Untüchtigen, Faulen, Minderleistungsfähigen. Die Tüchtigkeit ist dabei zirkulär definiert: Tüchtig ist, wer im Rahmen der Marktabläufe Erfolg hat. Und wer tüchtig ist, hat Erfolg. Wer sich anderweitig anstrengt, z.B. in einem reproduktiven Bereich, in dem die Arbeit vom Markt schlechter honoriert wird, ist vielleicht auch fleißig, aber eben nicht tüchtig.  

Zu dieser Ideologie kam die protestantische Auffassung, dass Reichtum und Wohlstand Ausdruck richtiger Lebensführung und damit göttlicher Billigung wären. Wer mehr hat, ist von Gott gesegnet. Also bringe es zu Reichtum, dann bist du unter den Auerwählten und gut abgesichert fürs Jenseits. Wenn es um dich herum Leute gibt, die es nicht geschafft haben, braucht dich das nicht zu bekümmern. Dafür ist eine übergeordnete Weisheit zuständig, die du nicht verstehen kannst und brauchst. 

Mit solchen Ideologien wird die Scham entmachtet, die das Anhäufen von Reichtum angesichts von Armut mit einem schlechten Gefühl quittiert und dazu motiviert, für einen Ausgleich zu sorgen. Diese Umwertung gilt als eine der Faktoren, die zur Entfesselung des kapitalistischen Systems beigetragen haben. Folglich beruht dieses Wirtschaftssystem im emotionalen Kern auf Unverschämtheit. 

Aus diesen Gründen ist diese spezielle Schamsensibilität nicht bei allen Menschen gleichermaßen ausgebildet oder korrumpiert. Manchmal wird sie lächerlich gemacht, wenn sie jemand äußert, weil sie an die eigenen Überzeugungen appelliert und einen inneren Konflikt erzeugt. Schamformen, die als besonders unangenehm erlebt werden, gehen mit besonders raffinierten Abwehrformen einher. Auf der rationalen Ebene hat sich ein weitgefächerter Propagandaapparat des Neoliberalismus entwickelt, der vor allem der Schamverdrängung dient und von Teilen der Wissenschaft ebenso verbreitet wird, wie von Politikern und natürlich Wirtschaftstreibenden. Er erzeugt eine spezielle Form des Zynismus, der für Kapitalisten und für politische Vertreter des kapitalistischen Wirtschaftssystems typisch ist und zu dem auch die Verspottung der “Gutmenschen” gehört. 

Die Resistenz in der Kunst

Die Kunst hat sich übrigens erstaunlich resistent gegen die Mechanismen dieser Schamverdrängung erwiesen. Das neoliberale Gedankengut ist eher Gegenstand der künstlerischen Analyse, Kritik und Umdeutung. Eine Rolle der Kunst besteht in der in die Sinne übersetzten Ideologiekritik. Das mag damit zusammenhängen, dass es im Rahmen der Kunstproduktion sehr unwahrscheinlich ist und nur selten vorkommt, dass es ein Künstler oder eine Künstlerin zu Reichtum bringt. Doch würde sich die Kunst selbst verkaufen und wertlos werden, wenn sie einer Ideologie nachfolgt. Von Diktaturen erwünschte Kunst hat nur wertlose Belanglosigkeiten hervorgebracht. Wir können sogar starke und schwache Kunst dadurch unterscheiden, dass sich die eine mit Scham konstruktiv auseinandersetzt und die andere sie verdrängt.

Individuelle Großzügigkeit

Es ist andererseits diese Schamform, die einzelne Millionäre dazu motiviert, nach mehr Einkommens- und Vermögenssteuer zu rufen. Andere Reiche und Superreiche engagieren sich für besonders Arme, für die Bekämpfung von Hunger oder Seuchen oder für den Ausbau der Bildung in armen Regionen. Viele, die über durchschnittliche Einkommen verfügen, spenden an Notleidende. Sie bilden die rühmlichen Ausnahmen, die sich selbst und damit auch ihren Kolleginnen und Kollegen den Spiegel vorhalten.  Sie tragen allerdings nichts dazu bei, dass das gesellschaftliche Skandalon der Ungleichheit bestehen bleibt.

Steigender Reichtum und steigende Schamverdrängung

Sozialpsychologische Experimente haben sogar nachgewiesen, dass die Bereitschaft zum Teilen steigt, je weniger jemand hat. Es gibt viele Beobachtungen darüber, dass die Gastfreundschaft bei ärmeren Menschen stärker ausgeprägt ist als bei wohlhabenderen.  

Es scheint also so zu sein, dass mit dem Reicherwerden die Schamverdrängung stärker wird oder stärker werden muss. Wer mehr hat als die anderen, muss sich rechtfertigen. Wer aber seinen Reichtum vor der Öffentlichkeit versteckt und anonymisiert, kann sich effektiv vor diesem unangenehmen Rechtfertigungsdruck schützen. 

Die Anonymisierung, die auch durch die Entwicklung des Kapitalismus in Gang gesetzt wurde, ist ein weiteres Hilfsmittel, um sich vor der Wohlstandsscham zu schützen. Niemand anderer kennt den eigenen Vermögensstand, niemand erfährt, ob man spendet oder nicht, ob man bei keiner Charity mitmacht oder nicht. Außerdem kennt man niemand persönlich, der Not leidet und hält sich auch nicht in Gegenden auf, wo solche Menschen sichtbar sind. In den eigenen abgeschlossenen Clubs und abgeriegelten Villen kann man über alles Mögliche locker plaudern und muss sich nicht um die Verbesserung der Welt bemühen. 

Die Unabdingbarkeit des sozialen Ausgleichs

Die Wohlstandsscham jedoch verschwindet nicht durch einzelne und kollektive Verdrängungsbemühungen. Sie wirkt wie ein Stachel im Gefüge der Gesellschaft und motiviert immer wieder Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Sie wird erst dann eine Ruhe geben, wenn dieser gesellschaftliche Ausgleich vollzogen ist. Denn ohne politische Entscheidungen und Gesetze gibt es keinen verlässlichen Rahmen für diesen Ausgleich – Wohltätigkeit, die auf individueller Großzügigkeit beruht, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und löst die Schamspannung nicht. Diejenigen, die in der Gesellschaft schlechter gestellt sind und weniger vom Kuchen abbekommen, brauchen einen Anspruch auf Ausgleich und nicht ein Füllhorn von individuellen Spenden, die gegeben und genauso gut verweigert werden können.

Reichtum ist kein Verdienst

In einem weiteren Sinn macht die Wohlstandsscham darauf aufmerksam, dass Wohlstand und Reichtum nur zum geringen Teil auf Verdienst und Leistung beruht. Die meisten reichen Menschen haben gar nichts zu ihrem Reichtum getan, sondern haben ihn einfach geerbt. Die „Leistung“ besteht also darin, in die richtige Familie geboren zu sein. Aber auch Faktoren wie Leistungsbereitschaft, Motivation, Erfindungsgabe, Fleiß oder Führungsstärke, die zum Erwerb von Reichtum führen können, sind kein Verdienst. Sie wurden entweder in die Wiege gelegt oder durch günstige Umstände im Aufwachsen gefördert. Die Scham macht uns darauf aufmerksam, dass wir uns letztlich überhaupt keine Verdienste gutschreiben können, sondern einzig und allein dankbar sein sollten, für das, was wir erhalten haben. Diese Dankbarkeit bewahrt uns vor jedem Hochmut, der sich allzu einfach mit Reichtum verbindet. Mit dieser Haltung brauchen wir keine Ideologien, um die Schamspannung zu verdrängen.

 


Montag, 9. April 2018

Absichtslosigkeit in der Therapie

Wenn wir mit Menschen an emotionalen Themen arbeiten, wollen wir, dass es ihnen besser geht – natürlich. Auch sie wollen das, sonst würden sie sich nicht an uns wenden. Wir teilen also ein Ziel. Doch gibt es etwas, was der Erreichung dieses Ziels im Weg steht. Bei den Klienten sind es die Widerstände, und bei den Therapeuten die Erwartungen. In beiden Fällen mischt sich die Instanz ein, die wir das Ego nennen. Das Klienten-Ego will, dass der Status Quo erhalten bleibt, auch wenn er Leiden verursacht. Jede Änderung könnte bedrohlich sein und unabsehbare, jedenfalls verschlimmernde Folgen zeitigen. Das Therapeuten-Ego will Erfolge sehen, um den eigenen Status und Selbstwert abzusichern und auszubauen. Erfolgreiche Therapien sprechen sich herum und ziehen neue Klienten an.

Soweit so menschlich. Interessant wird es dort, wo die unbewussten Ego-Anteile von Therapeut und Klient aufeinander stoßen. Das Klienten-Ego sagt, dass es sich nicht ändern will und dass Änderungen überhaupt nicht geschehen können und dass die ganze Arbeit sowieso sinnlos ist. Folglich baut es ein System von Vermeidungen auf, das auch darin bestehen kann, kleine Häppchen von Erfolgen zuzulassen, damit die wirklich dicken Hunde, die im Unbewussten schlummern, geschont werden.

Das Therapeuten-Ego arbeitet sich an den Widerständen des Klienten-Egos ab und denkt, dass es umso mehr leisten muss, je weniger sich bewegt. Das eigene Wollen und die eigenen Absichten treten immer mehr in den Vordergrund, weil sich das Therapeuten-Ego im Bündnis mit den bewussten Absichten des Klienten weiß, aber die Widerstände aus dem Unbewussten nicht berücksichtigt werden.

Auf diese Weise verheddern sich die beiden Egos, und die Therapie tritt auf der Stelle. Fatal wird es, wenn der Therapeut diese Rückkoppelung nicht erkennt und auf seiner Selbstbestätigungsschiene weitermacht, die meistens dann die inneren Widerstände der Klientin verstärken.  Zwar möchte ein bewusster Aspekt der Klientin eine gute Klientin sein und versucht zu kooperieren, aber die unbewussten Vermeidungsstrategien sollen unangetastet bleiben. 


Absichtsloses Begleiten


Absichtslosigkeit bedeutet, dass der Therapeut sein Wollen und seine Erwartungen beiseite stellt. Sie sollen sich, soweit möglich, nicht in den Prozess einmischen. Statt sich mit den Widerständen aus dem Klienten-Ego zu duellieren, wird der Kontakt zum inneren Wachstumspotenzial der Klientin gesucht. Was sie hergeführt hat, ist eine Form des Leidens und die Hoffnung, dass es einen Ausweg daraus gibt. Es gibt also, trotz aller Widerstände, einen Teil in der Psyche, der sich befreien will und der daran glaubt, dass das auch möglich ist. Diese Instanz wird manchmal als „innerer Heiler“ bezeichnet.

Der Kontakt zu diesem Teil gelingt nicht über die Erwartungen und die Ego-Wünsche des Therapeuten, sondern erfordert Vertrauen. Die Pläne sollten Sicherheit geben, nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das Ego mag Kontrolle und meidet Unsicherheiten und Ungewissheiten. Das Vertrauen hingegen baut auf einen guten Ausgang, ohne einen rationalen Grund dafür angeben zu können. „Vertraue nur, es wird schon werden,“ so seine Botschaft, auf die das Ego routinemäßig mit einer Latte von Wenn und Aber reagiert. Übersteht das Vertrauen das Abspulen der Ängste, die sich in all den Einwänden verbergen, kann es seine Wirkung entfalten, und die besteht darin, dass das Vertrauen der Klientin geweckt wird, das plötzlich einen Ansprechpartner gefunden hat. Zunehmend traut es sich dann, am Heilungsprozess mitzuwirken.

Auf den Prozess zu vertrauen heißt, nicht wissen zu können, wie er verlaufen wird und ob er überhaupt zu etwas führt oder auf welchen Wegen er zum Erfolg führt. Jeder therapeutische Vorgang, sei es eine Sitzung oder eine längere Serie, ist individuell und in dieser Form noch nie dagewesen; insofern ist es auch sinnlos zu meinen, es gäbe eine vorher festgelegte erfolgversprechende Strategie, die, wenn richtig angewendet, unweigerlich positive Veränderungen herbeiführt. Ein derartiges Wissen kann es nicht geben, auch wenn der Therapeut über die besten Techniken Bescheid weiß und über jahrzehntelange Erfahrung mit hunderten Klienten verfügt. Selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sodass es von dort aus zu keinen Störungen kommt, ist noch lange nicht garantiert, dass am Ende die erwarteten oder erwünschten Resultate eintreten.


Eine Kunst und kein Handwerk


Therapeutisches Arbeiten ist eine Kunstgattung eher als ein Handwerk. Zwar bedarf es einer soliden und umfassenden Ausbildung, um überhaupt mit der Tätigkeit beginnen zu können. Aber die eigentliche Herausforderung beginnt erst in der Praxis – gelingt es, den Kontakt mit der Klientin so umfassend herzustellen, sodass sich auch die Kommunikationskanäle auf den unbewussten Ebenen öffnen? Ähnlich wie ein Künstler darauf vertrauen muss, dass ein innerer schöpferischer Prozess in Gang kommt, der sich nicht im Voraus sicherstellen und planen lässt, braucht das therapeutische Arbeiten ein Sich-Einlassen auf das, was von Moment zu Moment geschieht, und das Vertrauen, dass diese Haltung alle nötigen Impulse für das Gedeihen des Prozesses hervorbringt.

Es ist eine innere Einstellung gefordert, die sich auf die Gesetzmäßigkeiten des kreativen Schaffens verlassen kann. Wie der Künstler vor dem leeren Notenblatt oder der weißen Staffelei steht der Therapeut vor dem gerade aktuellen Zustand der Klientin – möglichst offen für die Eingebungen, die aus der Situation entspringen. Die kumulative Erfahrung, die ein Therapeut durch seine Praxis sammelt, ist nicht nutzlos, denn sie bringt die Vertiefung dieser Einstellung und damit des Vertrauens mit sich.


Interventionen oder Geschehenlassen


Die Frage, ob und wieviele, wann, wo und wie Interventionen gesetzt werden sollen, die in vielen Ausbildungen diskutiert und in zahlreichen Lehrbüchern abgehandelt wird, erweist sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wenn nicht als nutzlos und überflüssig so zumindest sekundär. Es ergibt sich das, was geschehen soll, aus dem jeweils aktuellen Moment, und die Intervention oder Nicht-Intervention gelingt genau dann, wenn der Therapeut mit diesem Moment in seiner Präsenz verbunden ist und sich aus dieser Verbundenheit heraus aktiv oder passiv verhält.

Ausbildungen können und sollen ein Repertoire an möglichen Interventionen vermitteln. Über je mehr an solchem Rüstzeug ein Therapeut verfügt, umso flexibler kann er in seiner Arbeit auf die unterschiedlichsten Situationen reagieren. Der Kern jeder Ausbildung sollte aber um eine Haltung zentriert sein, die den Methoden den Nachrang vor der bedingungslosen und absichtslosen Offenheit einräumt.

Aus dieser Einstellung heraus kann der Therapeut als Sprachrohr des inneren Heilers der Klientin agieren, zu dem diese gerade keinen Zugang hat. Über diesen Umweg, vermittelt über die Persönlichkeit des Therapeuten, kann dann die Botschaft angenommen werden, die eigentlich der eigenen inneren Wahrheit auf einer tieferen Ebene entspricht. Das nennt man manchmal das Spiegeln, obwohl es nicht genau passt. Zwar spricht der Therapeut in gewisser Weise mit der Stimme und mit den Worten oder Gefühlen der inneren Heilerin der Klientin, aber in Verbindung mit seiner eigenen Wesensart.


Aktivität und Passivität


Es sollte aus diesen Ausführungen klar hervorgehen, dass das Vertrauen auf den Prozess, das als wesentlicher Wirkfaktor von jeder Form des therapeutischen Arbeitens beschrieben wurde, nicht bedeutet, dass der Therapeut zur Passivität verurteilt ist. Das Geschehenlassen findet nicht nur auf der Seite des Klienten, sondern auch auf der des Therapeuten statt. Die Aktionen oder Nichtaktionen, die vom Therapeuten ausgehen, geschehen aus ihm heraus, aus seiner inneren Quelle und aus der Kommunikation mit der Klientin, auf allen verfügbaren Ebenen. Der Therapeut sagt und tut also nicht, was aufgrund irgendeines Lehrbuchs oder irgendeiner Ausbildung zu sagen und zu tun wäre, sondern das, was im Moment des Geschehens entsteht und stattfinden soll. Er schweigt nicht dann, wenn es eine Regel vorgibt, sondern wenn gerade nichts zu sagen ist. Er wechselt die Ebenen des Austauschs, z.B. vom Reden zum Fühlen nicht nach irgendeinem Plan, sondern dann, wenn es am besten passt, in Übereinstimmung mit der Klientin, die explizit oder implizit sein kann.

Diese Darstellung übersieht auch nicht die individuellen Eigenschaften, Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale des Therapeuten, die im therapeutischen Prozess ebenso eine wesentliche Rolle spielen. Es handelt sich ja um einen vieldimensionalen Kommunikationsprozess, an dem zwei Individuen beteiligt sind, und da bringt sich der Therapeut mit allem ein, was ihn auf der Persönlichkeitsebene ausmacht. Ausgeklammert bleiben sollen die Details, die Lebensgeschichte und inneren Themen aus der psychischen Landschaft des Therapeuten. Soweit sie aber ihre Spuren in der lebendigen Gestalt hinterlassen haben, spielen sie ihre Rolle in der Kommunikation und können nicht eliminiert werden, denn sie bereichern den Austausch (was einen uneinholbaren Vorsprung von menschlichen Therapeuten gegenüber artifiziell intelligenten Robotern ausmacht, die über keine lebendige Geschichte verfügen). Die Innenarbeit, die für jede professionelle Arbeit vorausgesetzt werden muss, sollte es allerdings dem Therapeuten ermöglichen, alle Elemente aus dem eigenen Inneren, die den therapeutischen Prozess stören könnten, zu identifizieren und beiseite zu stellen.


Die Verantwortung für die Ergebnisse


Jede therapeutische Arbeit hat nur soweit Sinn, als sie Verbesserungen herbeiführt. Gemeinhin würde man sagen, dass die Verantwortung allein beim Therapeuten liegt, da ja die Klientin nicht in der Lage ist, abzuschätzen, ob und in welcher Weise ein Heilungsprozess in Gang kommen kann. Im Licht der obigen Überlegungen gewinnt die Frage nach der Verantwortung für den Fortschritt in der Therapie eine andere Gewichtung. Die Verantwortung auf der Seite des Therapeuten besteht vor allem in der Sicherstellung heilungsförderlicher Rahmenbedingungen, im Angebot an professioneller Hilfestellung im Sinn von bewährten Methoden und in dem Einbringen der beruflichen und persönlichen Erfahrungen. Dazu kommt noch die Haltung und Einstellung, die auf den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zur Instanz der inneren Heilung bei der Klientin abzielt. An diesem Punkt wird die Verantwortung an einen Prozess übergeben, der gerade nicht der Kontrolle durch den Therapeuten unterliegt, sondern erfordert, sich den Bedingungen eines prinzipiell unsteuerbaren kommunikativen Austausches anzupassen.

Wenn eine Klientin mit der Frage kommt: „Ich habe dieses oder jenes Problem – können Sie mir da helfen?“, wäre eine mögliche Antwort: „Ich kann alles beitragen, was ich an Können und Erfahrung mitbringe, und eine Verbesserung wird sich in dem Maß einstellen, in dem es uns beiden gelingt, uns aufeinander abzustimmen.“ Mit dieser Abstimmung ist der Aufbau einer Kommunikationsbasis mit den unbewussten Anteilen der Klientin gemeint, die allein die für die Heilung relevanten Informationen liefern können. Beide Seiten dieses Austausches, also Therapeut und Klientin, tragen dafür gleichermaßen die Verantwortung. Alles, was der Therapeut auf dieser Ebene beisteuern kann, ist seine von bedingungsloser Wertschätzung getragene Präsenz und sein Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit des Heilungsprozesses.


Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Montag, 26. September 2016

Atemerfahrungen und Kunst

Ein Kunstwerk zu erschaffen bedeutet, etwas Individuelles gestalten, etwas Neues, das es zuvor noch nicht gegeben hat, etwas, das die Welt in besonderer, in dieser Weise noch nicht dagewesener Art bereichert. Kunst bricht mit Gewohnheiten, überrascht und konfrontiert. Ein Kunstwerk besticht nicht dadurch, den Hör- oder Sehgewohnheiten, die wir schon mitbringen, zu entsprechen und vorgefertigte Erwartungen zu bestätigen, sondern uns aus unseren Wahr-nehmungs- und Denkschablonen heraus zu reißen. Es wirkt nicht dadurch, dass ein bestehendes Bild bestätigt wird, sondern darin, dass neue Horizonte geöffnet werden.

Kunst ist diskontinuierlich, sie ist nicht ableitbar aus dem, was vorher da war und setzt einen augenscheinlichen und auffälligen Unterschied zu dem, was vorher da war. Sie sticht aus dem trägen Strom des Gewöhnlichen und Gewohnten heraus. Damit entstehen Risse im Gefüge der etablierten Ordnung, in denen Kreativität sprießen und wachsen kann. Wird die Kunst dieser Rolle nicht gerecht, so wird sie kitschig oder oberflächlich. Kunst muss, um Kunst zu sein, immer etwas Provokantes an sich haben, etwas Rebellisches, sei es durch die Form oder durch den Inhalt. Sie dient in ihren Wesen also nicht primär der Verschönerung oder Behübschung der Welt, nicht dem Bedürfnis nach Bequemlichkeit und Sicherheit, sondern der Verwandlung, der Wendung zum Besseren. Sie ist visionär, sie kümmert sich nicht um die scheinbaren Grenzen der Machbarkeit.

Jede Atemsitzung ist neu


Ähnlich können wir das Geschehen in einer Atemsitzung verstehen. Jede Atemsitzung ist neu, in dieser Weise noch nicht dagewesen, nicht ableitbar aus dem, was früher war. Sie bricht mit den Konventionen, die bisher Bestand hatten und die vorherrschende Komfortzone definierten. In der Atemsitzung ist jeder Atemzug als neuer erfahrbar. Mit jedem Atemzug wird erlebbar, dass sich das Leben auf neue Art fortsetzt und dass das Alte hinter sich gelassen werden kann, dass wir es nicht festhalten, bedauern und betrauern müssen, weil es ja schon vorbei ist. Jeder Atemzug setzt einen neuen Anfang, lässt Neues beginnen.

Wir erfinden als Atembegleiter zusammen mit der Atemreisenden in jeder Sitzung eine neue Methode. Wir wenden zwar einige Grundprinzipien an, die wir gelernt haben, müssen sie aber immer auf die aktuelle Situation und auf den konkreten Menschen beziehen. Dadurch gewinnt die Methode eine individuelle Gestalt, eine noch nie dagewesene Form, ähnlich der Einzigartigkeit eines Kunstwerks. Mit jedem Klienten und mit jeder Sitzung erfinden wir eine neue Therapie.

Es ist der innere Prozess oder der Atem, und nicht das Wollen, die Erwartungen oder irgend-welche Regeln, die über den Verlauf der Sitzung bestimmen. Weder der Atmende noch die Begleiterin verfügen über diesen Prozess. Er ist es, der das Geschehen vorgibt, indem er seinen Gang mit allen Wendungen geht, die er gehen will, mal ruhig und mal heftig, stärker und schwächer, leichter und schwerer, oberflächlicher oder tiefer. Er führt durch Phasen der Verwirrung und der Klarheit. Doch ist es nur das Ganze des Prozesses, in dem sich die verändernde Wirkung Gestalt gibt, gewissermaßen das vollendete Kunstwerk.

Atemsitzungen dienen primär nicht dem Wohlfühlen, der angenehmen Wellness-Entspannung, wiewohl solche Effekte erwünscht sind und auch häufig auftreten, sondern es geht vor allem um das vertiefte Kennenlernen des eigenen Inneren, um die Erforschung von Schattenbereichen, um das Kennenlernen von versteckten Gefühlen. Es geht um mehr innere Wahrheit und Klarheit, auch um den Preis, dass der Prozess unangenehme, schmerzhafte und verwirrende Phasen durchläuft. Es geht um eine Wandlung zum Besseren, die nicht durch die bewusste Absicht und durch kluge Planung erzielt wird, sondern durch das Vertrauen auf einen organischen und emotionalen Ablauf, dem sich die atmende Person möglichst bedingungslos anvertraut.

Der künstlerische Schaffensprozess


Auf diese Weise entstehen auch Kunstwerke. Der Künstler initiiert den Prozess, der ihn bald mit sich reißt und sich seiner Willkür entzieht. Es ist also ob die Form, die das Kunstwerk von sich aus entwickelt, bestimmt, mit welchem Inhalt sie gefüllt werden kann und mit welchem nicht. Schriftsteller berichten oft, dass sich die Figuren, die sie für einen Roman entwerfen, im Zug des Schreibens verselbständigen. Wer Gedichte schreibt, weiß, dass wir so lange nach den richtigen Worten suchen müssen, bis das Gedicht selber zufrieden ist.

Dabei ist es gleichgültig, ob der Künstler wie Mozart scheinbar leichthin und schnell die Noten hinwirft, die dann den wunderbaren Klang ergeben oder wie Beethoven lange um die Fertigstellung einer Partitur ringt. Fertig ist das Kunstwerk erst, wenn alles in ihm seinen Platz gefunden hat und ein integriertes Ganzes ergibt. Dann stellt sich die Erfahrung von Schönheit ein.

Die Vormacht des Prozesses


Auch in der therapeutischen Arbeit mit dem Atem müssen wir uns dieser Vormacht des Pro-zesses unterordnen. Wir können Impulse geben und Eingriffe tätigen, diese wirken jedoch nur, wenn sie dem inneren Verlauf der Sitzung dienen, ähnlich wie der Pinselstrich dann passt, wenn er vom Ganzen des Bildes akzeptiert wird, ähnlich wie jede Note zur Harmonie des ganzen Stücks zusammenklingen muss.

Wir kommen mit unserer Alltagsatmung in die Sitzung. In den Atemmustern sind unsere Gewohnheiten und Schwierigkeiten abgespeichert. Der Anfang der Atemsitzung besteht meis-tens darin, diese gewohnte Form der Atmung zu erweitern und zu vertiefen. Wir unterbrechen die eingeübte und konditionierte Kontinuität, um einer neuen Entwicklung das Tor zu öffnen. Damit beginnt die künstlerische Schaffensarbeit. Manchmal mäandert die Atmung zurück ins alte Muster, doch sucht sie dann wieder wie von selbst den Weg auf die neue Bahn, die mehr Freiheit verspricht. Schließlich mündet sie ein in einen weiteren Strom, der weder heftig noch zaghaft sein muss, sondern seine eigene neue Form gefunden hat. Damit geht eine innere Stimmung einher, die einen größeren und helleren Raum einnimmt und die erstrebte Freiheit repräsentiert.

Im Ganzen betrachtet, erkennen wir den Prozess als Metakontinuität, einem übergreifenden, in sich stimmigen Gesamtgefüge, in dem die einfache Kontinuität, die in den normalen, bewusst wie unbewusst ablaufenden Muster repräsentiert ist, und die Diskontinuität, der Bruch mit dieser Gewohnheit, der im bewussten Atmen geschieht, enthalten ist. Beide zusammen haben zu einer besseren Form des Atemflusses beigetragen, der nun ein befreiteres Bewusstsein bewirkt und dieses auch über die Sitzung hinaus durchs Leben begleiten kann.

Rekonstruktion statt Kausalität


In der Therapie wie in der Kunst rekonstruieren wir die Wirklichkeit. Im Atemprozess tauchen wir ein in die unterirdischen Ströme der Erinnerung, die beim Atmen als Körperphänomene, Empfindungen und Gefühle auftauchen können. Dabei entsteht ein neues dynamisches Abbild von früheren Erfahrungen und Erlebnissen, wie die neue Zusammensetzung eines Puzzles aus Bruchstücken, die vorher ohne Zusammenhang waren. Auch in der Kunst erzeugen wir mit deren verschiedenen Ausdrucksweisen eine neue Form der Realität aus dem, was vorhanden ist, indem wir es in Teile zerlegen und neu verbinden.

Wir wenden zwar in beiden Bereichen Techniken an – die Techniken der Komposition z.B. oder die Techniken des bewussten Atmens. Allerdings bleiben die Techniken Randphänomene: Denn das Geschehen, das in Gang gesetzt wird, hat keinen kausalen Verlauf im Sinne einer Wenn-Dann-Beziehung: Wenn ich mit der Komposition in einer bestimmten Weise beginne, dann nimmt sie einen vorhersehbaren Verlauf. Wenn ich die Atmung in bestimmter Weise anleite, kommt ein vorbestimmtes Resultat heraus. Vielmehr wird die Kausalität außer Kraft gesetzt, so gut es geht: Denn die Wenn-Dann-Beziehungen sind die musterhaft ablaufenden Zwänge, unter denen die Menschen leiden, und die alle Formen des Gebrauchsdesigns von der Kunst unterscheiden. Schönheit beginnt dort, wo es keine mechanischen Abläufe und stereotype Muster gibt, sondern wo sich das Fließen des Einmaligen in noch nie dagewesener Form zeigt. Mit der Schönheit gelangen wir ganz in den gegenwärtigen Moment, in den uns jeder bewusste Atemzug führt. Damit sind wir frei von den Konditionierungen und Abhängigkeiten, die unsere Freiheit einschränkten.

Künstlerische Kreativität


Die Kreativität ist die Domäne der Kunst. In ihr drückt sich die schöpferische Fantasie der Künstler in immer wieder neuen Formen aus. Kunst versteht sich als Nachschöpfung der Natur, in der die unendliche Vielfalt und Wandlungsfähigkeit des Lebens als Vorbild des kreativen Fließens auftritt.
Auch als Atmende und Atembegleitende sind wir kreativ Schaffende. Wir lassen das Fließen, das sich durch das freie Atmen öffnet, in neue Bereiche unserer Seele strömen und vertrauen uns dieser Schaffenskraft an, die entsteht, wenn sich die Blockierungen aus unseren festgefügten Gewohnheiten lösen. Als Prozessbegleiter gehen wir mit diesem kreativen Prozess mit und fügen unsere Impulse, die wieder aus einem inneren Fließen kommen, zum Geschehen hinzu.

Jede Atemsitzung ist eine Co-Kreation, ein gemeinsam erschaffenes Werk, das der Welt ein Stück Schönheit schenkt, ein Stück der Wandlung in die Richtung auf mehr Menschlichkeit und Freiheit. Das innere Erleben, das zum inneren Reichtum beiträgt, findet immer auch seinen Niederschlag im Äußeren, alles, was in uns zu einem besseren Fließen gelangen kann, erleichtert auch das Leben in der Welt, mit den Menschen um uns herum. Wir können die Gaben, die uns durch das Atemerlebnis geschenkt werden, nicht nicht teilen; sie teilen sich von selbst an das große Ganze in und um uns mit, von dem sie, wie jede Form der schöpferischen Gestaltung, ursprünglich herstammen.


Hier zu meinem Interview: Die geheime Macht des Atmens (mit Matthias Wittfoth)
Zweiter Link: https://soundcloud.com/matthias-wittfoth

Samstag, 23. Juli 2016

Schönheit wird die Welt retten

 

Die Relativität der Schönheit


Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Wir merken häufig, dass Schönheit vom individuellen Geschmack abhängt und dass sich über Geschmack nicht produktiv streiten lässt. Es gibt tausende verschiedene Musikrichtungen, und alle von ihnen haben ihre Anhänger und Fans und andere, die gerade diese Form der Musik nicht aushalten oder abscheulich finden. Es gibt Romane, die von vielen Menschen verschlungen und heiß geliebt werden, obwohl sie von den Kritikern in der Luft zerrissen werden und umgekehrt. Es gibt Bilder, die nach ihrer Fertigstellung keine Interessenten gefunden haben und Jahrzehnte später Millionen wert sind.

Die Vielfalt der Stilrichtungen und Ausdrucksformen ist ein Merkmal der postmodernen Kultur. Der Begriff des Schönen ist demokratisiert und parzelliert. Alles, was noch nicht oder nicht in genau dieser Form da war, wird ausprobiert. Das Schöne ist das Überraschende, provokant oder geschmeidig. Nachdem die Moderne die klassischen Schönheitsbegriffe und Geschmackskonzepte demontiert und dekonstruiert hatte, wachsen die unterschiedlichsten Pflanzen auf der kahlgeschlagenen Lichtung, die von den alten ehrwürdigen Schätzen der Kulturgeschichte umstanden ist.

Weil wir in der Metaphorik schon in der Natur gelandet sind, verfolgen wir die Überlegung weiter in den Bereich des Schönen in der Natur. Offensichtlich ist  die Divergenz der Auffassungen und Meinungen hier geringer als im Bereich der Kultur, die so unermesslich in die Breite gewachsen ist, während die Natur auch in ihrem Wandel gleich bleibt, außer dort, wo sie von der Kultur und Zivilisation zurückgedrängt und eingeengt wird. Selten werden wir auf Menschen treffen, die einen Sonnenuntergang am Meer oder den Anblick eines erhabenen schneebedeckten Berggipfels als unschön erleben, einen blühenden Rosenbusch oder ein putziges Eichhörnchen als hässlich bezeichnen würden. Aber es sind nur wir Menschen, die diese Empfindungen teilen und diese Wertschätzung erleben. Wir wissen nicht und können auch kaum davon ausgehen, dass sich der Rosenbusch selber "schön" findet und im Verblühen "hässlich" oder dass sich das Eichhörnchen bewusst ist, um wieviel schöner es ist als die Nacktschnecke, die gerade vorbei kriecht. Und dem Luchs, der dem Eichhörnchen nachstellt, sind mit Sicherheit ästhetische Kriterien bei seinem Tun fremd. 


Das Schöne in der Natur


Wir haben recht einheitliche Schönheitsbegriffe, was die Natur anbetrifft und nehmen deshalb an, dass es die Natur selber oder deren Schöpfer ist, der diese Schönheit hervorbringt, obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass in ihr selber, von uns abgesehen, eine völlige Leere herrscht, was die Frage der Schönheit anbetrifft. Deshalb kann ich dem österreichischen Philosophieprofessor Konrad P. Liessmann nicht zustimmen, der meint, die Relativität des Schönheitsbegriffes mit Hilfe des Naturschönen aushebeln zu können: "Wäre Schönheit ein Konstrukt, würde sie uns in der Natur nicht begegnen können. Aber sie begegnet uns dort. Sie ist dort unsere allererste Erfahrung." (Radiokolleg am 21. Juli 2016, vgl. Konrad Paul Liessmann: Schönheit. Wien: Facultas 2016)

Wir sehen auch, dass wir in diesem Bereich lernfähig sind: Wenn wir uns genauer mit bestimmten Bereichen der Natur beschäftigen, z.B. die Pflanzen des Regenwaldes studieren, können wir unseren diesbezüglichen Schönheitsbegriff erweitern und verfeinern. Vermutlich wird ein Wurmforscher ein anderes Schönheitsempfinden in Bezug auf diese Tiere entwickeln als jemand, der seinen Blick gewohnheitsmäßigen von diesen "ekeligen" Würmern abwendet. Vielleicht empfinden wir nur das an der Natur als hässlich, womit wir uns nicht näher beschäftigt haben, sodass wir rein auf unsere instinkthaften Reflexe angewiesen sind, die uns alles sympathisch machen, was dem Kindchenschema ähnelt und z.B. Fischarten, deren Mundwinkel nach unten gehen, als grießgrämig und unattraktiv erleben lassen.


Also müssen wir uns wohl mit der relativen Fassung des Schönen zufriedengeben. Unsere unterschiedlichen Wahrnehmungsorgane und Verarbeitungsprozesse im Gehirn sowie unsere lebensgeschichtlichen Prägungen - die Werte und Urteile der Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind und mit denen wir in unseren Ausbildungen zu tun hatten - bewirken, dass sich in jedem Menschen unterschiedliche Präferenzen ausbilden, die sich im individuellen Schönheitsbegriff ausdrücken. Schön ist das, was unseren Sinnen wohlgefällt, was uns interessiert und zugleich entspannt. Und das ist in hohem Maß interindividuell variabel und verändert sich zudem im Lauf des jeweiligen Lebens, abhängig von den Erfahrungen, die wir im Bereich des Ästhetischen machen.

Schönheit ist ein Kontext, mit dem wir Erfahrungen einordnen und bewerten. Es ist also keine Eigenschaft, die den Dingen selbst anhaftet und von ihnen nur abgelesen werden müsste. Wir machen Schönheit, indem wir Erfahrungen auf einer Skala von schön bis hässlich lokalisieren, gemäß unserer inneren Empfindungsresonanz zwischen angenehm und unangenehm.


Schönheit in der Begegnung


Soweit können wir der konstruktivistischen Idee der Schönheit folgen. Es gibt dazu allerdings noch eine weitere Dimension, die die Frage nach dem Absoluten in der Schönheit, also nach dem Unbedingten und Verbindlichen im Schönen nicht als hoffnungslos überholt und überflüssig erscheinen lässt.

Wir haben am Beispiel der Naturerfahrung festgestellt, dass die bewusste Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, also das aufmerksame Erfahren und Erkunden, das Schönheitserleben verändert. In diesem Vorgang schließen wir mehr des Äußeren in unseren Innenraum ein und erweitern unser Vertrauen in unsere Umgebung. Wo Unbekanntes und Fremdes war, wird jetzt Bewusstes, Bekanntes und Vertrautes. Und Vertrautes erscheint uns leichter als schön als Fremdes, noch dazu, wenn dieses als gefährlich oder bedrohlich erlebt wird.

Der Weg des bewussten Wahrnehmens ist der Weg, mit mehr und mehr von dem, was uns die Wirklichkeit anbietet, Freundschaft zu schließen und dabei das Fremde in das Vertraute zu verwandeln. In jeder Erfahrung, die wir unter diesen Vorzeichen machen können, verschiebt sich der Fokus der Schönheitserfahrung vom Objekt auf die Beziehung: Die Erfahrung des Schönen ist eine schöne Erfahrung. Ähnlich wie wir den Austausch mit einem Menschen, der vielleicht nach gängigem Schönheitsideal als hässlich einstufen, als wunderschön erleben können, lösen wir den ausschließlichen Blick auf die Äußerlichkeit des Äußeren und verbinden ihn mit dem Blick auf die Innerlichkeit des Äußeren. In diesem Akt des Vertiefens ist es der Austausch selbst, der die Qualität des Schönen bekommt.

Ein neuer Begriff des Schönen taucht an dieser Stelle auf: Schönheit liegt im Vollzug der Wirklichkeit, im Prozess der Entwicklung und Veränderung, im Miteinander-Erschaffen (Ko-Kreativität) von Realität. Schönheit ist ein Geschehen und keine Eigenschaft, ist beweglich und nicht statisch, ist interaktiv und monologisch.
Auf diese Erfahrungsqualität bezieht sich Rilke mit der berühmten Zeile aus einem Sonett: "da ist keine Stelle, die dich nicht sieht." Es ist also das Kunstwerk, das den Betrachter in Bann zieht und im Blick fixiert. Und das hat Folgen für diesen, deshalb setzt Rilke mit Pathos fort: "Du musst dein Leben ändern." Genauer besehen, hat sich das Leben in diesem Moment schon geändert.

Es geht also nicht um ein Taxieren eines Objekts, wie bei einem Kunstmakler, der den Marktwert und die Kapitalchancen eines Kunstwerks abschätzt, sondern ein in die Tiefe gehendes Begegnen mit dem, was gerade da ist. Das Kunstwerk steckt im Erleben des Moments. Wir schließen dabei Frieden mit der Wirklichkeit, und das ist die eigentliche Schönheitserfahrung, die in jeder Suche nach dem Schönen steckt: Was ist, darf so sein, wie es ist, und darf sich so verändern, wie es sich verändert. Dann verschwindet der Unterschied zwischen Erlebendem und Erlebten, wir fallen gewissermaßen ins Dazwischen, und in die Erfahrung einer unbegrenzten und unbedingten Schönheit.

Hier haben wir den Bereich des Relativen verlassen. Wir sind im Lebensvollzug als solchem, in dem das Bedingte und Eingeschränkte, das Definierte und Bewertete, keine Rolle mehr spielt. Alles, was wir in seiner ihm eigenen Intensität und Tiefe erleben können, ist unermesslich schön, weil wir ihm in unserer eigenen unermesslichen Schönheit begegnen. Die absolute Schönheit entsteht in diesem Zusammentreffen, das sich im Moment des Aufeinander-Einlassens vollzieht und ist im nächsten Moment, in dem wir uns in unsere abgekapselte Ichhaftigkeit zurückziehen, schon wieder verschwunden.

Die absolute Schönheit kann also, wie alles andere, was wir als absolut erleben, nicht festgehalten werden. Wir können ihrer nicht habhaft und in ihr nicht sesshaft werden. Allein dadurch, dass wir unser Heim mit schönen Gegenständen und Kunstwerken vollräumen, wird unser Leben nicht schöner, außer wir nutzen die Objekte, um unser Inneres mit ihnen zu teilen, dann sind wir im Paradies der Schönheit. Und dafür braucht es nicht einmal die besonderen und herausragenden Kulturgüter oder die erlesenen und abgelegenen Naturschönheiten. Dieses Paradies können wir in jeder noch so winzigen und unscheinbaren Begegnungserfahrung mit der Wirklichkeit machen: Mit dem Wunder eines Wurms, der sich im Erdreich verkrümelt, oder eines Windhauches, der an der Nase vorbeistreicht, eines Lächelns, das uns geschenkt wird und einer Stimmung, die uns mit uns selbst verbindet.

Das heißt nicht, dass wir der Kunst in ihrer ausgeprägten Form keine Bedeutung geben müssten; vielmehr bietet sie in ihren verschiedenen Formen einen vorzüglichen Zugang zu der oben beschriebenen Erfahrungsqualität. Die Künstler konfrontieren uns konzentriert und kompromisslos mit dieser Auseinandersetzung, sie fordern uns heraus, unsere Widerstände und Gewohnheiten aufzugeben und neu und leer zu werden. Für viele Menschen ist die Kunst die einzige ihnen mögliche Zugangsart zum Absoluten. Wollen wir jedoch die Erfahrung des Absoluten tiefer und weiter in unserem Leben verankern, so nutzen wir die Kunsterfahrung und das Kunsterleben, um es auf die großen und kleinen Dinge unseres Lebens zu übertragen.


Schönheit als Hoffnung


Dostojewski hat einmal geschrieben: "Schönheit wird die Welt retten." Vielleicht dienen die oben dargestellten Gedanken dazu, dieses Zitat besser zu verstehen: Die Erfahrung der absoluten Schönheit immunisiert uns gegen alle Bestrebungen des Bösen: der Gewalt und der Zerstörung. Das Böse ist in diesem Verständnis nichts als die verzweifelte Suche nach dem Schönen, das aus Angst am falschen Ort gesucht wird, wie der Attentäter, der ein besseres Leben schaffen will, indem er andere und das eigene auslöscht.

Vgl. Aus Unterschieden lernen 
Der menschliche Körper und die Bewusstseinsevolution

Donnerstag, 8. Januar 2015

Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle

Nach der Ermordung der Redaktionsmitglieder der Satirezeitschrift Charlie Hebdo steht wieder einmal das Verhältnis von Meinungsfreiheit und religiösen Gefühlen im Brennpunkt. Wenig Menschen werden die Verhältnismäßigkeit der angewendeten Mittel für gerechtfertigt halten: Menschen, die eine Zeitschrift produzier
Quelle: chip.de
en, deren Inhalte die eigenen Gefühle verletzt, dafür zu ermorden. 


Mehr Menschen werden die Meinung vertreten, dass es nicht in Ordnung ist, Religionen zu beleidigen und dass es dafür Konsequenzen geben muss. So hat z.B. die iranische Außenamtssprecherin Marsieh Afcham in einer Presseerklärung mitgeteilt, dass der Iran den Terroranschlag in Paris verurteilt. Terroranschläge gegen unschuldige Menschen hätten nichts mit dem Islam zu tun und seien daher inakzeptabel. Beleidigung von Religion und religiösen Persönlichkeiten unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sei aber genauso inakzeptabel.

Für viele Menschen sind religiöse Gefühle nicht irgendwelche Stimmungen oder Launen, sondern repräsentieren ihre Einstellung zu dem, was ihnen am wichtigsten erscheint, also die höchste Wertigkeit in ihrem Leben. Wer hat es schon gerne, wenn sich andere über das, was einem selber wichtig ist, lustig machen. Für Staaten, die ihre Legitimität auf einer Religion begründen, bedeutet ein Angriff auf diese Religion zugleich einen Angriff auf die Legitimität. Deshalb bestrafen und unterbinden solche Staaten alles, was als Beleidigung ihrer Legitimitätsgrundlage empfunden werden kann.


Das Bedürfnis nach öffentlicher Meinungsfreiheit



Gegen den Schutz vor der Verletzung persönlicher Gefühle und Werte steht das Recht auf Meinungsfreiheit, Pressefreiheit usw. Diese Rechte wurden seit der Aufklärung mühsam erkämpft und zählen jetzt in den meisten Ländern zu den Grund- und Menschenrechten. Menschen wollen ausdrücken und veröffentlichen können, was sie denken und was ihnen wichtig ist. Sie wollen ihre eigenen Ansichten und Werte in den öffentlichen Diskurs einbringen und damit am Austausch von Meinungen teilnehmen. Dieses Bedürfnis kommt überall zum Tragen, wo Menschen über ihre Anliegen miteinander reden. Darüber hinaus besteht der Wunsch bei vielen, sich mit einer breiteren Öffentlichkeit auszutauschen  - die eigenen Gedanken allen Menschen zugänglich zu machen, die sich dafür interessieren, und von denen, die sich damit auseinandersetzen wollen, dann Rückmeldungen zu bekommen. Wenn man das anstrebt, kann man ein Buch schreiben, eine Zeitschrift herausgeben, Blogs verfassen usw. 

Wie stark dieses Bedürfnis nach Austausch in der Öffentlichkeit ist, zeigt das rasante Wachstum der sozialen Netzwerke. Seit es für alle Menschen, die das Internet nutzen können (ca. 3 Mrd. von 7,3 Mrd. - also rund 60% der Weltbevölkerung haben noch keinen Internet-Zugang), relativ einfach ist, eine Öffentlichkeit für die eigenen Meinungen zu bekommen, wird das auch entsprechend genutzt. Ob das, was da in das Netz eingespeist wird, trivial, obszön, hochintellektuell, peinlich, liebevoll oder beleidigend ist, spielt für das Medium, das www, primär keine Rolle. Das Netz ist ein Spiegel der Bandbreite des menschlichen Seins und seiner Ausdrucksmöglichkeiten und Ausdrucksbedürfnisse (ca. 1,4 Mrd. nutzen facebook, also ca. 53% der Internetnutzer sind nicht auf facebook vertreten).

Wenn wir unsere Ansichten veröffentlichen, treten wir in Diskurse ein. Dahinter steckt, neben Eitelkeiten und diversen anderen Ego-Bedürfnissen, auch der Wunsch, mit dabei zu sein, nicht nur bei der eigenen Gruppe, sondern darüber hinaus bei der Menschheit. Wir wollen im Rahmen dieser Menschengesellschaft gehört und gesehen werden, wir wollen, wie winzig auch immer, einen Unterschied einbringen und damit das Gefühl in uns stärken, dass wir dazugehören: Nicht bloß zu unserer Familie, Ortsgemeinschaft und Nation, sondern darüber hinaus zur Weltgemeinschaft. 

Die Meinungsfreiheit, die im Zug des Kampfes um die Menschenrechte durchgesetzt wurde, hat also globale Auswirkungen in Hinblick auf die Bildung des Weltbürgertums, also einer Zugehörigkeitsform, die alle Menschen in einem Boot sieht. Das ist die Perspektive, die wir benötigen, um die Probleme dieser Welt, die eben zunehmend globale sind, bewältigen zu können. Dazu brauchen wir alle Gehirne und alle Stimmen, die es auf dem Planeten gibt. Und diese können wir nur einbinden, wenn es eben die Freiheit der Meinungsäußerung gibt und Medien, über die die Meinungen veröffentlicht werden können. 

Deshalb ist die Meinungsfreiheit nicht irgendein Luxus, den Regierungen ihren Leuten zukommen lassen, wenn es passt und wieder abdrehen, wenn es zuviel wird. Sie zählt vielmehr zu den Überlebensnotwendigkeiten, die unser Weiterleben als Gattung gewährleistet. 


Die Beleidigung der Religion



Wie oben gesagt, sind für viele Menschen religiöse Werte sehr wichtig (Deutschland: 58% glauben an einen Gott). Sie wollen nicht, dass diese "herabgewürdigt werden". In Österreich gibt es dazu den § 188 des Strafgesetzbuches, der die Herabwürdigung und Verspottung religiöser Lehren sowie das Erregen eine "berechtigten Ärgernisses" unter Strafe stellt. Was auch immer diese Formulierungen, die Rechtsexperten als schwammig bezeichnen, besagen wollen, erachtet der Gesetzgeber religiöse Lehren als schützenswerte und schutzbedürftige Güter. 

Kritik daran gibt es von laizistischer Seite, also von Leuten, die Staat und Kirche streng trennen wollen und deshalb nicht einsehen, warum religiöse Lehren vom Staat geschützt werden sollten. Es werden ja auch nicht andere Lehren, wie z.B. der Quantenmechanik oder Pflanzenheilkunde staatlich geschützt. Wer nicht-religiöse Lehren, z.B. den Atheismus, herabwürdigt, geht straffrei aus. Offenbar gehen die entsprechenden Gesetze auf Zeiten zurück, in denen der Religion eine staatstragende Rolle zugesprochen wurde, was ja schon lange nicht mehr der Fall ist.

Unter Strafandrohung steht nicht die Religionskritik, die argumentative Auseinandersetzung um religiöse Lehren, auch nicht der Atheismus oder antireligiöse Einstellungen, sondern alles, was den religiösen Lehren die Würde abspricht und sie verspottet oder "besudelt", ein Ausdruck, der gerne in diesem Zusammenhang von Verteidigern der religiösen Lehren verwendet wird. Es geht also um moralische Verhaltensweisen, für die jemand verurteilt werden kann: Man darf niemandem die Achtung und Würde absprechen. Allerdings bleibt dabei vorausgesetzt, dass die Würde eines Menschen an seiner religiösen Lehre hängt. Wird diese verachtet, wird zugleich die Würde infrage gestellt, und das darf nicht geduldet werden.

Es wurde schon öfter darauf hingewiesen, dass der Kern einer Religion, also das, worum es den religiösen Menschen geht, gerade deshalb so wertvoll ist, weil es nicht von Menschen "gemacht" ist, sondern weil es aus besonderen, heiligen Quellen stammt. Es kann deshalb von Menschen gar nicht "in den Schmutz gezogen" werden, weil es von solchen kleinlichen Angriffen überhaupt nicht betroffen werden kann. Was wäre das für ein Gott, der beleidigt die Tür hinter sich zuschlägt, weil sich jemand über ihn lustig macht? Ein solcher Gott hätte schnell seine Anhänger verloren. 

Das Religiöse hat seine Aura davon, dass es etwas ausdrückt, was über das Alltäglich-Menschliche mit all seinen Schwächen und Fehlerhaftigkeiten hinausgeht. Es ist deshalb von sich aus schon jedweder Entwürdigung enthoben, die aus dem Bereich der menschlichen Empfindlichkeiten und Boshaftigkeiten stammt. 


Kunst und Religionskritik



Religion wie Religionskritik sind Teile einer demokratischen Lebenskultur. Die Religion steuert wichtige und wertvolle Elemente dazu bei, und ebenso die Religionskritik, die z.B. darauf aufmerksam macht, wo die Religion und ihre Vertreter in den Bereich der allzumenschlichen Gemeinheiten abgleiten, wo sich Religion mit Macht und Manipulation einlässt, wo im Namen der Religion Verbrechen wie Kindesmissbrauch begangen und vertuscht werden usw. 

Alles, was in der Lebenskultur vorkommt, kann auch Gegenstand der Kunst werden, die in ihrer Darstellungsweise das Allzu-Menschliche mit einer transzendenten (entfremdenden, dekonstruktiven) Sicht verbindet. Im Bereich der Kunst hat die Religionskritik noch einmal einen anderen Stellenwert, weil die Kunst selber ein Naheverhältnis zur Religion hat. Deshalb ist künstlerische Religionskritik immer auch künstlerische Selbstkritik. Am deutlichsten zeigt das die Satire, die sich nicht nur über den Gegenstand ihres Spottes lustig macht, sondern auch über sich selber. Z.B. schreibt heute die satirische Tagespresse:

Der Drohung zufolge müssten radikale Islamisten im ganzen Land jederzeit auf satirische Artikel, Fotomontagen oder sonstige Witze gefasst sein, die ihre mittelalterlichen, repressiven und martialischen Ansichten angreifen. Das Magazin sieht sich nach eigenen Angaben in einem Kampf um die „Meinungsfreiheit“, einer Ideologie, bei der einfach jeder jede Meinung vertreten darf.

Die Drohung versetzt die heimische Gemeinde der Terrorsympathisanten und Radikalen in Angst und Schrecken. Der IS-Sympathisant Abdul B. (24) aus Graz bestätigte gegenüber der Tagespresse den Eingang der Drohung: „Ich checkte gerade meinen Email-Account nach neuen Antworten auf meine Terrordrohungen. Da empfing ich diese schockierende Nachricht.“

Abdul B. lebt seither in großer Angst: „Ich traue mich nicht einmal mehr, mit meiner Kalaschnikow vor die Tür zu gehen. Ich habe solche Angst vor schweren Verletzungen meiner religiösen Gefühle!“ 


Durch eine Satire wird einer Sache ihre "tierische" Ernsthaftigkeit genommen, ihre Schwere, die meist aus Anmaßung und Überheblichkeit kommt. Menschliches, das mit dem Pathos des Übermenschlichen daherkommt, wird als das entlarvt, was es ist. Diesen Spiegel halten manche Menschen schwer aus, und deshalb reagieren sie mit Aggression und kaltblütiger Gewalt gegen alles, was ihr Selbstverständnis in Frage stellt, besonders aber dann, wenn es mit den Mitteln des Humors geschieht. Auch Hitler hat mit besonderer Grausamkeit auf alles reagiert, was sich "heimtückisch" über ihn lustig gemacht hat. Das Erzählen von regimekritischen Witzen wurde von den Nationalsozialisten mit der Todesstrafe geahndet.

Woher wollen wir wissen, ob nicht auch Allah über die Karikaturen zu seinem Propheten oder zu anderen seiner Verehrer lacht? Woher wollen wir wissen, ob sich nicht Allah sehnlichst wünscht, dass die Menschen lernen, anders mit ihren Meinungsverschiedenheiten umzugehen als mit Kalaschnikows? Und ob er darüber glücklich sein kann, wenn ein Mörder nach begangenem Massaker "Allah ist groß" schreit?

Sicher hat der Hass, der sich in solchen Gewalttaten Bahn bricht, andere Wurzeln als die Beleidigung einer Religion: biographische Traumatisierungen und kollektive Demütigungen. Aus einer größeren Distanz betrachtet, ist es ein sinnloser Versuch, die Entwicklung der Weltgeschichte und der Weltkultur aufzuhalten oder zurückzudrehen. Die Menschheit will die Freiheit der Meinungen und die Freiheit der Kultur, und dieser Trend kann nicht durch ein paar Brutalitäten abgebrochen werden. Jeder Mensch, der sich innerlich entscheiden kann, wird den Weg der Toleranz und Wertschätzung und nicht den Weg der Gewalt wählen. Er wird lieber kreativ etwas Neues aufbauen, statt Menschen und Dinge zu zerstören. Und er wird erkennen, dass es sich besser anfühlt, zusammen mit der Menschheit weiterzugehen, statt gegen dieses Weitergehen anzukämpfen.

Vgl. Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen?

Dienstag, 14. Mai 2013

Die Freiheit der Kunst und die religiösen Gefühle

Ein Eklat bei den Wiener Festwochen: Einige der Theaterbesucher waren von einem Stück und seiner Inszenierung entsetzt und äußerten ihre Empörung lautstark während der Aufführung. Solches erinnert an den Aufruhr um dänische Karikaturen des Propheten Mohammed oder das Todesurteil gegen den Schriftsteller Salman Rushdie: Bestimmte Kunstwerke verletzen die religiösen Gefühle und sollen deshalb nach der Meinung der Betroffenen verboten werden, die dann, wenn sie besonders radikal eingestellt sind, fordern, dass die Urheber der Kunstwerke bestraft werden.

Es geht hier nicht um die Frage, ob solche Strafen gerechtfertigt wären. Solche Ansätze möchte ich nicht einmal diskutieren. Hier geht es darum, ob sich die Kunst erlauben darf, Gefühle von Menschen zu verletzen. Gibt es Grenzen der Empfindlichkeit, welche die Kunst respektieren muss?

Sicher darf es nicht sein, dass die Kunst jemanden persönlich beleidigt, das sollte prinzipiell niemand absichtlich tun. Manchmal geschieht es allerdings, dass jemand beleidigt ist, ohne dass wir das wollen. Menschen haben die unterschiedlichsten Sensibilitäten, und nicht jeder kann in seinen Handlungen auf alle anderen gleichermaßen Rücksicht nehmen. Deshalb wird es immer wieder zu Betroffenheiten kommen, die zu Konflikten führen. Solche Auseinandersetzungen können jedoch mit den Mitteln einer dialogisch agierenden Zivilgesellschaft friedlich beigelegt werden.


Stellvertretende Gefühle


Mit den religiösen Gefühlen ist es ein wenig komplizierter. Was sind das überhaupt für Gefühle? Jemand fühlt sich persönlich beleidigt, wenn Inhalte des eigenen Glaubens von jemand anderem beleidigt werden. Ein Anhänger Mohammeds ist persönlich betroffen, wenn jemand den Propheten beschimpft oder lächerlich macht. Er übernimmt eine Stellvertretung, die so weit gehen kann, die Beleidigung zu rächen. Die beleidigte Person, in diesem Fall Mohammed, wurde aber nicht befragt, ob sie selber von der Verletzung betroffen ist und überhaupt eine Rache braucht oder gutheißen kann. Es werden also Stellvertreter-Gefühle verletzt, und die mit der Beleidigung gemeinte Person hat gar keine Möglichkeit, die Stellvertretung zu akzeptieren oder abzulehnen. Es handelt sich also um eine selbstangemaßte Stellvertretung, die sich hier empört und die sich auf religiöse Gefühle beruft.

Wenn auf einer Bühne ein Jesusbild mit „Handgranaten aus Plastik“ beworfen wird, wie kürzlich in Wien geschehen, kann man das interessant oder geschmacklos finden, ohne dass dabei religiöse Gefühle betroffen sein müssen. Jedem, der an Jesus glaubt, müsste wohl klar sein, dass dieser als göttliches Wesen von solchen Aktionen nicht betroffen sein kann. Nur ein schwaches Ego leidet an Beleidigungen.

Jedem allerdings, der nur an ein Jesusbild glaubt, kann das aufs Gemüt gehen. Der Glaube an Bilder wird ja in manchen Traditionen als Häresie, als Ketzerei angesehen, er ist jedoch weit verbreitet, wenn nicht überhaupt die vorherrschende Form des religiösen Glaubens. Denn an ein Bild zu glauben ist einfacher und bequemer, als an einen Gottmenschen, der den Menschen den Spiegel vorhält, der Forderungen stellt, der Gewohnheiten aufrüttelt. Eine „herabwürdigende“  Darstellung kann deshalb so stark irritieren, weil dem Bildgläubigen das beschmutzte Bild nicht mehr die Sicherheit geben kann, die er von ihm braucht. Das Bild muss heil und unversehrt bleiben, nur so bleibt auch sein Glaube heil und unversehrt.

Der Identifikationsgläubige will das Objekt seines Glaubens auf das Bild festnageln, das er sich von ihm gemacht hat. Es soll so sein und bleiben, wie er es braucht. Es darf nicht frei sein, sonst müsste die eigene Unfreiheit erkannt werden. Die Identifikation mit einem Bild müsste durch Vertrauen in ein lebendiges und freies Gegenüber ersetzt werden.

Die Stifter von Religionen waren nicht deshalb erfolgreich, weil sie mustergültig ein Leben im Rahmen der herrschenden Konventionen gelebt haben, nicht deshalb, weil sie sich den Bildern, die ihnen vorgegeben wurden, angepasst haben, sondern weil sie aus der Rolle gefallen sind, überraschend, provozierend, schockierend.

Welche Religion meinen also die von Kunst Schockierten, wenn sie sich auf ihre verletzten religiösen Gefühle berufen? Sicher nicht eine Religion, die selber schockieren will. Können sie in ihrer Empörung an einen Jesus glauben, der selber Empörung in einem Ausmaß erregt hat, dass er dafür hingerichtet wurde?

Ein wahrhafter Gottsucher allerdings, also einer, der die Bilder in sich selber gestürmt hat, weiß um die Größe und auch die Radikalität der Botschaft, die durch kein menschliches Argument und durch keine menschliche Aktion verkleinert werden kann. Die Kleingläubigen dagegen richten die Aggression nach außen, statt den eigenen Glauben zu überdenken und zu vertiefen. Die Beschimpfer werden beschimpft, die Bekämpfer bekämpft. 


Die Kunst ist frei


Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat die Kunst, wie die Philosophie und die Religion, der Sphäre des absoluten Geistes zugeordnet. Damit hat er gemeint, dass sie die Wirklichkeit in einer nicht-alltäglichen Weise reflektiert, also zur Darstellung bringt, um uns, den Konsumenten der Kunst, zu einer neuen Sicht dieser Wirklichkeit zu verhelfen. Kunst verändert also den betrachtenden Menschen. Je besser die Kunst, desto tiefgreifender ist die Veränderung.

Kunst als Ausdruck des absoluten Geistes ist nicht in den Kategorien der Alltagswelt zu deuten. Deshalb kann sie nicht beleidigen, wie das Menschen untereinander tun. Sie kann provozieren, d.h. Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten in Frage stellen (dekonstruieren). Sie greift damit aber nicht einzelne Menschen persönlich an, sondern alle gleichermaßen. Jeder ist anders betroffen, aber die Botschaft ist die gleiche, wie Rilke in Anbetracht einer archaischen griechischen Plastik formuliert hat: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht: du musst dein Leben ändern.“

Wenn wir mit einem solchen Anspruch auf Veränderung konfrontiert werden, neigen wir dazu, uns zur Wehr zu setzen: „Wieso soll ich mein Leben ändern, es läuft doch alles gut, ich mache doch alles richtig…“ Ändern ist anstrengend und riskant, weil ich nicht weiß, wo mich die Veränderung hinführt.  Allerdings ist das Leben Veränderung, der Stillstand und die Erstarrung ist das Prinzip des Todes. Wenn wir uns für das Leben entscheiden, entscheiden wir uns für die permanente Veränderung. Dazu gehört auch, dass Beleidigungen passieren, und dass wir lernen, mit ihnen so umzugehen, dass wir nicht selber zu Beleidigern werden. Dazu müssen wir uns ändern.

Die Kunst kann diese Funktion nur ausführen, wenn sie frei ist, d.h. wenn sie nicht von außerhalb der Kunst gemaßregelt oder zensuriert wird. Staatlich oder kirchlich verordnete und zurechtgestutzte Kunst ist keine Kunst mehr, sondern Propaganda. Deshalb unterdrücken alle autoritären Regime die Freiheit der Kunst. Und deshalb sind alle demokratischen Staaten erfolgreicher, weil sie der künstlerischen Kreativität einen Freiraum zubilligen und damit einen dauernd wirkenden Stachel der Veränderung zulassen. Je größer dieser Freiraum ist, desto größer ist der Freiraum der gesamten Gesellschaft.


Die Freiheit der Religion


Auch die Religion gehört in den Bereich des absoluten Geistes. Auch sie fordert heraus zur Veränderung, auch sie will in den Ablauf des täglichen Lebens und in seine Gewohnheiten eingreifen. Sie kann das nur, wenn sie in diese nicht hineinverflochten ist, wenn sie frei ist von den menschlichen Kleinlichkeiten.

Deshalb kann auch eine Religion, eine religiöse Lehre oder eine religiöse Gestalt nicht beleidigt werden. Beschimpfungen und „Herabwürdigungen“ gehen ins Leere. Sie treffen nur die, die ihre eigene Unfreiheit als Religion verbrämen. Die Religion ist frei wie die Kunst und spielt in einer anderen Liga als die allzu menschlichen Leidenschaften und Gewohnheiten.  Sie fordert dazu auf, dass wir uns gegenseitig nicht beleidigen und beleidigen lassen. Das kann sie nur, wenn sie auf Beleidigungen nicht beleidigt reagiert, sondern gelassen und verständnisvoll bleiben kann, gleich, ob das gefällt, was die Menschen aufführen. 


Vgl. Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen?
Religiöse Gefühle versus Meinungsfreiheit