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Dienstag, 20. Mai 2025

Aufklärung - der natürliche Feind rechter Ideologien

Aufklärung besteht nach Immanuel Kant in der Befreiung der Menschen aus der Unmündigkeit. Unmündigkeit bedeutet, die Verantwortung für das eigene Leben nicht tragen zu können oder zu dürfen. Die Botschaft der Aufklärung besagt, dass die erwachsenen Menschen ein Recht auf ihre Mündigkeit haben und dass dieses Recht gegen alle Bedrohungen geschützt werden muss.  Kant hat auch auf die Unmündigkeit im Denken hingewiesen – die obrigkeitliche Vorschreibung dessen, was die Menschen denken und für wahr halten sollten. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautet die Losung der Aufklärung nach Kant. Er hat den Mangel an Mündigkeit vor allem auf fehlende Entschlossenheit und Feigheit zurückgeführt. Sich aus der „beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten“, hat er als schwieriges Unterfangen beschrieben. 

Kant ist aber auch auf die politischen Bedingungen eingegangen: „Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vorteilhaft und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Er vertritt die Auffassung, dass es einen Ausgleich zwischen den bürgerlichen Freiheiten und der staatlichen Kontrolle braucht, damit die Aufklärung gedeihen und in gemäßigten Bahnen verlaufen kann. Mehr Freiheit ermöglicht jedenfalls mehr freies Denken, und die Befreiung des Denkens führt zur würdigen Behandlung der Menschen. Ungeregeltes Denken läuft Gefahr, in die Irrationalität abzugleiten, sodass Gefühle statt dem Denken die Äußerungen dominieren. Die Folgen der schrankenlosen Meinungsfreiheit können wir an der ausufernden, von Hassbotschaften verschmutzen Landschaft auf diversen Plattformen der sogenannten sozialen Medien beobachten. Hier könnten nur staatliche Maßnahmen regulierend eingreifen. Zu viel an obrigkeitlicher Kontrolle wiederum unterdrückt die Freiheit und beschneidet die Menschenwürde.

Entmachtung von Ideologien

Die Aufklärung hat sich der Aufgabe verschrieben, Aberglaube, Irrationalität und Ideologien zu entlarven und zu entmachten. Es soll der menschlichen Vernunft die maßgebliche Rolle für die Gestaltung der Gesellschaft und des Staates eingeräumt werden. Rechtsgerichtete sind Gegner der Aufklärung, weil sie ihre Ideologie für sakrosankt erklärt haben – manchmal sogar im wörtlichen Sinn, also verbunden mit einem religiösen Anspruch. Deshalb interpretieren sie jeden Angriff auf ihre Ideologie als Angriff nicht nur auf die eigene Partei oder politische Ausrichtung, sondern gleich auf den Staat und das Volk insgesamt. Ihr politischer Kampf bemäntelt sich dann mit dem scheinbaren Einsatz für das Ganze, das sie allerdings mit ihrer Ideologie besetzt haben.

Der kritische Ansatz der Aufklärung ist also ihr natürlicher Feind. Sie droht, ihnen Die Grundlage ihres Weltbildes ist eine Ideologie, und die Aufklärung bedroht diese Ideologie und damit die Rechtfertigung ihres Weltbildes. Deshalb haben alle Rechten liberales Gedankengut, liberale Werte und die Ideen der Menschenrechte, die aus der Aufklärung entstanden sind, zu ihrem Feindbild auserkoren. Diese Feindschaft kann so weit reichen, dass die Bildungsinstitutionen unter Druck gesetzt werden, ideologische Inhalte zu vermitteln, statt kritisches Denken zu fördern.

Natürlich haben sich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums Ideologien ausgebildet, die zum Beispiel für den Aufbau von repressiven kommunistischen Herrschaftsmodellen herhalten mussten. Andererseits ist auf der Seite der linken Intellektuellen schon früh die Ideologiekritik entstanden, mit Karl Marx, Theodor W. Adorno, Jean Paul Sartre und Louis Althusser als wichtigen Vertretern. Die Ideologiekritik steht in der Tradition der Aufklärung, die vor allem von liberalen und linken Denkern und Wissenschaftlern aufrechterhalten wird und eine Form der Selbstkritik und Selbstreinigung beinhaltet. Sie bildet eine Instanz zumindest zur Reflexion oder zur Korrektur von allen ideologischen Auswüchsen, ob von linker oder von rechter Seite.

Starrheit als Folge fehlender Selbstkontrolle

Ein Merkmal der Rechten besteht hingegen darin, in ihren Reihen über keine Korrekturmechanismen für ihre Ideologien zu verfügen. Vielmehr werden Kritiker schnell aus den eigenen Reihen ausgesondert. Allerfalls gibt es intern Auseinandersetzungen zwischen radikaleren und gemäßigten Strömungen. So sind aktuell die einzigen, die dem absolutistischen Machtkurs des gegenwärtigen US-Präsidenten Einhalt gebieten, noch radikalere Republikaner.

Das Fehlen einer ideologischen Selbstkontrolle bei den Rechten bewirkt, dass die Ideengebäude starr und monolithisch bleiben, was Anhänger anzieht, denen gesellschaftliche Änderungen und Weiterentwicklungen generell nicht geheuer sind. Da sich die Wirklichkeit beständig verändert, koppeln sich die rechten Ideologien immer weiter von ihr ab; sie kompensieren diesen Mangel damit, dass sie die Wirklichkeit solange zurechtzimmern, bis sie zur Ideologie passt. Es werden also die äußeren Bedingungen der Ideologie angepasst, indem sie so interpretiert werden, dass sie die Ideologie bestätigen; alles Widersprechende wird ausgeblendet. Für diese Umdeutung der Realität benötigen die rechten Machthaber und Interessensgruppen umfangreiche Propagandaapparate, die fortlaufend mit großem Aufwand die Unterschiede zwischen der Ideologie und den realen Gegebenheiten einebnen müssen. Wenn beispielsweise die Ideologie maßgeblich ist, dass Ausländer den eigenen Wohlstand bedrohen, müssen alle Befunde, die das Gegenteil belegen, umgedeutet oder abgewertet werden. Einzelfälle, die die Ideologie unterstützen, werden aufgebauscht, während Statistiken oder wissenschaftliche Studien unterdrückt werden, die gegen die Ideologie sprechen. Gleichermaßen wird vorgegangen, wenn es um die Kriminalität von Inländern und Ausländern geht.

Für alles Schlimme suchen die rechten Ideologien Sündenböcke, an deren Gefährlichkeit ohne jede Evidenz und gegen alle widersprechenden Fakten festgehalten werden muss, weil sonst die ganze ideologische Erzählung zusammenbrechen würde. Wenn z.B. alle gewusst hätten, dass es keine jüdische Rasse gibt und dass die Juden in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nur einen kleinen Teil des Bankengeschäftes in Deutschland kontrolliert haben, wären sie der nationalsozialistischen Propaganda nicht auf den Leim gegangen. 

Verblendung und Wiedergewinnung der Klarsicht

Ideologien dienen der Verblendung, also der Einschränkung der Klarsicht auf die Wirklichkeit, so wie sie ist. Sie suggerieren Erwartungen, wie die Realität sein soll, damit sie so wahrgenommen wird, wie es die Ideologie vorgibt. Die Aufklärung geht den umgekehrten Weg: Sie prüft die Realität und an der Realität die Ideologien. Taugt eine Ideologie dafür, die Wirklichkeit besser verständlich zu machen, sodass die praktische Orientierung erleichtert wird, oder erschwert sie dieses Verstehen und die daraus folgende Handlungsanleitung? Wenn wir der Aufklärung und ihren Maximen folgen, bleiben wir mit der Realität in Verbindung und verfügen damit über die größtmögliche Freiheit und Flexibilität für unsere Wertsetzungen und Handlungen. Außerdem orientiert sich unsere Ethik mit dieser Zugangsweise an der Menschlichkeit und am Gemeinwohl und nicht am Eigennutz, an Gruppenegoismen oder an den Interessen von Ideologien und Ideologen.

Zum Weiterlesen:
Hass, Zerstörung und Krieg
Taktiken zur Machtergreifung
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts


Donnerstag, 4. April 2019

Mitgefühl mit uns selbst

Im vorigen Blogartikel habe ich beschrieben, wie wichtig und hilfreich das Mitgefühl in zwischenmenschlichen Kontakten ist. Was kann es nun bedeuten, mit sich selbst Mitgefühl zu haben? Oder ist das die egoistische Variante dieser Haltung?

Oft sind wir uns selbst die ärgsten Feinde. Wir neigen zu Selbstkritik und Selbstabwertung. Oft können wir uns selber Fehler nicht verzeihen, während der Schaden schon längst wieder gut gemacht ist. Oft können wir uns Unachtsamkeiten nicht verzeihen, während die Betroffenen schon längst darüber hinweggekommen sind. Oft hadern wir über Entscheidungen, die lange vorbei sind und deren Folgen wir schon lange bewältigt haben. 

Eine andere Variante besteht in den Selbstzweifeln. Wir stellen unsere Fähigkeiten und Kenntnisse und letztlich unsere Person insgesamt in Frage. Wir tun so, als wären wir schlechter ausgestattet als die anderen, mit denen wir uns vergleichen, und schmälern unser Selbst, ja untergraben unsere Grundfesten. Der Zweifel kann uferlos werden und sich auf alle Aspekte unserer Person auswirken, bis hin zum Zweifel an unserem Geist, was zum Ärgsten gehört, das wir uns selbst antun können. Wenn wir uns selbst für verrückt erklären, brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, dass uns andere seltsam finden.

Erleichterung durch Mitgefühl


In all diesen Fällen können wir den negativen Selbstbezug durch das Mitgefühl mit uns selbst ersetzen – und wir werden gleich bemerken, dass wir uns erleichtert und entspannter fühlen. Statt uns selber fertigzumachen, üben wir uns in Verständnis und Nachsichtigkeit. Wir gestatten uns, unvollkommen zu sein und ab und zu Fehler zu produzieren. Wenn wir auf diese Weise Toleranz und Akzeptanz mit uns selber üben, wird es uns leichter fallen, aus dem, was schief gelaufen ist, zu lernen. 

Die verschiedenen Formen der Selbstabwertung haben einen gemeinsamen Ablauf: Sie kreisen in unserem Denken wie ein Loop in einem Musikstück oder eine hängengebliebene Schallplatte. Ein mieses Gefühl steigt auf, und das Denken nimmt sich seiner an und produziert eine Schleife in die Vergangenheit hinein. Damals war dieses und jenes, da haben wir uns falsch verhalten, da haben wir versagt, da haben wir etwas Unverzeihliches gemacht. Die Szene wird reproduziert und mit Vorwürfen garniert und bis zur Erschöpfung zelebriert. 

„Ach, hätte ich bloß, ach, wäre ich doch nur …“, so kommt der Konjunktiv, die Möglichkeitsform zu Ehren, allerdings ohne jeden Nutzen. Denn die Vergangenheit steht fest, sie ist ein Sammelsurium von Fakten und enthält keine Möglichkeiten mehr. Was geschehen ist, ist geschehen und steht unverrückbar in  unserem persönlichen Geschichtsbuch. Möglichkeiten haben wir nur in Bezug auf die Zukunft.

Lernen aus der Vergangenheit?


Warum der ganze Zirkus? Unser Verstand will uns weismachen, dass wir auf diese Weise aus der Vergangenheit für unsere Zukunft lernen könnten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir in der Vergangenheit auch anders hätten handeln können, wäre das für jetzt von Nutzen: Wir erwerben ein Wissen um unsere Möglichkeiten, und das können wir für die Gegenwart nutzen, indem wir zwischen Alternativen wählen und dann das Richtige tun. Der Haken bei der Sache ist, dass die Situation im Jetzt nur entfernt jener in der Vergangenheit ähnelt. Das Leben wiederholt seine Szenen nicht wie das Fernsehen mit seinen Reprisen, sondern stellt uns immer wieder vor neue, noch nicht dagewesene Herausforderungen. 

Wir lernen sowieso aus der Vergangenheit, das geht gar nicht anders. Jede Erfahrung, die wir gemacht haben, hinterlässt eine Spur im eigenen Seelenleben und Erinnerungsspeicher. Insbesondere negative und schwierige Erfahrungen werden samt den jeweiligen Umständen und begleitenden Gefühlen abgespeichert. 

Oft sind dabei die Gefühle so stark assoziiert, dass sie die kognitiven Aspekte überlagern. Insbesondere bei sehr frühen Erfahrungen aus Zeiten, in denen Denken und Realitätswahrnehmung noch wenig ausgebildet waren, ist das der Fall. Daraus entsteht die Gewohnheitsannahme, dass Gefühle wichtiger sind als die Realitätsprüfung. In der Folge übernehmen die Gefühlszentren die Vorherrschaft in allen Belastungssituationen und nehmen das Denken in Dienst. Es soll nicht darauf achten, was jetzt möglich ist, sondern darauf, was in der Vergangenheit möglicherweise möglich gewesen wäre. Damit verschwindet unser Bezug zu dem, was gerade ist, und wir verlieren uns im Selbstbemitleiden oder Selbstabwerten.

Der innere Kritiker


Im Zug unserer Erziehung haben wir eine Instanz in uns aufgebaut, die der innere Kritiker genannt wird. Sie ist eine Verinnerlichung der Kritik, die wir von den Menschen um uns herum erfahren haben. Sie agiert wie ein vorauseilender Gehorsam. Wir wollen nicht kritisiert werden, weil das peinlich und schmerzhaft ist. Also nehmen wir vorweg, wofür wir von anderen abgewertet oder bloßgestellt werden könnten, sagen das selber zu uns und verhalten uns dementsprechend. Dann kann uns nichts mehr passieren, so zumindest die Argumentation des inneren Kritikers.

Mit der Zeit verselbständigt sich der innere Kritiker und mischt sich in Dinge ein, die ihn eigentlich gar nichts angehen. Bei manchen Menschen geht das so weit, dass er ein durchgängiges Überwachungssystem aufbaut, mit dem alle beabsichtigten Handlungen vorab überprüft werden müssen und erst nach einem umständlichen Genehmigungsverfahren in Kraft gesetzt werden können. Der innere Kritiker wird zum Diktator.

Hier sollte schleunigst dem übermächtigen inneren Kritiker das Mitgefühl zur Seite gestellt werden, um ihn zu besänftigen. Das Mitgefühl agiert dabei nicht wie der Gute gegen den Bösen (good cop vs. bad cop), sondern wie ein Supervisor, der den ausufernden inneren Kritiker wieder in seine Schranken weist. Aus der Position des Mitgefühls wissen wir, dass wir bestimmte Handlungsabsichten prüfen sollten, bevor wir sie umsetzen. Wir wissen aber auch, dass uns ein überschießender innerer Kritiker einerseits mit seinen Zweifeln an nötigen Handlungen hindern kann und dass er uns nachträglich mit Vorhaltungen und Infragestellungen quälen kann. Mit der Haltung des Mitgefühls weisen wir den Kritiker in seine Schranken, da wir wissen, dass wir keine Garantie haben, nicht irgendwann Fehler zu machen und dass es nichts bringt, nachträglich mit uns selbst zu hadern, wenn die Handlungen schon geschehen sind.

Das Mitgefühl erstreckt sich dabei auch auf den inneren Kritiker, der in seinem Bemühen, uns vor unangenehmen Erfahrungen zu bewahren, gewürdigt wird. Er wird aber auch in seiner Rolle zurecht gestutzt, sodass er dort agieren kann, wo er nützliche Hinweise gibt, und dort ruhig bleibt, wo er stört und behindert, indem er unser neurotisches Denken mit überflüssigen Vorwürfen und Zweifeln füttert.

Bewusstheit im und durch das Mitgefühl


Wenn wir in die Haltung des Mitgefühls mit uns selbst kommen wollen, geht es darum, die Bewusstheit auf das zu lenken, was gerade abläuft, wenn der innere Kritiker am Werk ist. Wir merken dann, dass wir in unnützen Gedankenschleifen stecken, die uns nur schwächen und unsere Handlungsfähigkeit lähmen. Wenn wir stattdessen das Mitgefühl mit uns selbst praktizieren, drehen wir den Spieß um. Wir nutzen unsere Achtsamkeit, um unser Inneres zu befrieden, um anschließend wieder in den Realitätsmodus gehen zu können. Wir unterbrechen die Denkschleifen und verbinden uns mit den Gefühlen, die darunter liegen. Indem wir all die Gefühle, die sich da zeigen, liebevoll und behutsam annehmen, werden wir ruhiger und entspannter. Wir spüren die Verbindung mit uns selbst, sind bei uns und nicht mehr irgendwo in der Vergangenheit. 

Das Mitgefühl mit uns selbst ist nicht nur eine Selbsthilfetechnik, die uns aus der Selbstverstricktheit in Abwertungsmuster befreit. Es ist auch eine spirituelle Übung, denn wir nehmen uns in unserer Beschränktheit und Unvollkommenheit an. Wir erkennen, dass unsere Winzigkeit angesichts der unendlichen Erhabenheit des Ganzen Ausdruck unseres Menschseins ist. Zugleich weiten wir unseren Innenraum. Denn wir lassen zu, dass etwas Größeres als unsere Zweifel und Ängste in uns wirkt. Damit findet sich unsere Begrenztheit in einem unbegrenzten Raum, in dem alles, was ist, seinen genau richtigen und stimmigen Platz hat.

Im Mitgefühl begegnet das Kleine in uns dem Großen, das verletzte Kind dem weisen Erwachsenen, das suchende Ich dem, das schon gefunden hat, das Unvollkommene dem, das keine Vollkommenheit braucht.

Zum Weiterlesen:
Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Brauchen wir einen Selbstwert?

Donnerstag, 8. Juni 2017

Demokratisches und autoritäres Wissen

Carl Sagan (1934 – 1996), bekannter Wissenschaftler, Wissenschaftspublizist und Schriftsteller, hat neun Grundsätze für das Feststellen von Wissen formuliert:

1. Wo immer möglich, muss eine unabhängige Bestätigung der „Fakten“ stattfinden.
2. Rege eine substantielle Debatte über die Beweise durch bekannte Proponenten aller Gesichtspunkte an.
3. Argumente von Autoritäten haben wenig Gewicht – „Autoritäten“ haben sich in der Vergangenheit geirrt. Sie werden sich auch in Zukunft irren. Vielleicht kann man es besser so ausdrücken, dass es in der Wissenschaft keine Autoritäten gibt; bestenfalls gibt es Experten.
4. Denk dir mehr als eine Hypothese aus. Wenn es etwas zu erklären gibt, denke an alle möglichen Weisen, in denen es erklärt werden könnte. Dann denke dir Tests aus, mit denen du jede der Alternativen systematisch widerlegen könntest. Die Hypothese, die überlebt, diejenige, die in dieser Darwinistischen Auslese inmitten von „multiplen funktionierenden Hypothesen“ der Widerlegung widersteht, hat eine viel höhere Chance, die richtige Antwort zu sein, als wenn du einfach auf die erste Idee, die deine Vorstellungskraft hervorgebracht hätte, abgefahren wärst.
5. Versuche nicht, einer Hypothese übermäßig anzuhängen, bloß weil sie die deinige ist. Es ist nur eine Wegmarke bei der Wissenssuche. Frage dich, warum du die Idee magst. Vergleiche sie fair mit den Alternativen. Schau, ob du Gründe für einen Widerspruch finden kannst. Wenn du es nicht machst, werden es andere tun.
6. Quantifiziere. Wenn was auch immer, das du erklärst, etwas messbares hat, eine numerische Quantität, die dranhängt, wird es dir viel leichter fallen, zwischen konkurrierenden Hypothesen zu unterscheiden. Was vage und qualitativ ist, ist offen für viele Erklärungen. Natürlich müssen wir Wahrheit in den vielen qualitativen Themen suchen, mit denen wir uns konfrontieren müssen, aber diese zu finden ist herausfordernder.
7. Wenn es eine Kette von Argumenten gibt, muss jedes Glied der Kette funktionieren (die Prämisse miteingeschlossen) – nicht bloß die meistern davon.
8. Ockhams Messer. Diese geläufige Faustformel drängt uns dazu, die einfachere von zwei Hypothesen zu wählen, die die Daten gleichermaßen gut erklären.
9. Frage dich immer, ob die Hypothese zumindest im Prinzip falsifiziert werden kann. Annahmen, die nicht überprüft und falsifiziert werden können, haben nicht viel Wert. Bedenke die großartige Idee, dass unser Universum und alles in ihm nichts als ein Elementarteilchen ist – vielleicht ein Elektron – in einem viel größeren Kosmos. Aber wenn wir niemals Informationen von außerhalb des Universums erlangen können, ist dann die Idee nicht ungeeignet zur Widerlegung? Du musst in der Lage sein, Behauptungen zu überprüfen. Hartnäckige Skeptiker müssen die Chance haben, deinen Überlegungen nachzugehen, deine Experimente zu duplizieren und zu schauen, ob sie zum gleichen Resultat kommen.
(Link zur Quelle)

Der verantwortliche Umgang mit Erkenntnissen erfordert einen sorgfältigen Prozess der Wahrheitsfindung, der offen ist für die beständige Überprüfung. In „Zeiten wie diesen“, in denen die  Beliebigkeit des Faktischen zynisch zelebriert wird, wo die Mächtigen ihre Macht zur Durchsetzung ihrer Interessen und Ansichten nutzen und sich dabei auf Fakten berufen, mutet es fast anachronistisch an, wie die Wissenschaften zu ihren Erkenntnissen kommen. Und dennoch ist das die einzig demokratische Form der Absicherung der Wahrheit und des Schutzes vor Manipulation.

Das Finden von Wahrheit ist kein einfacher Vorgang, es genügt nicht, kurz in den eigenen Kopf zu schauen, was der gerade von sich gibt, sondern wir müssen beständig die Hervorbringungen unseres Inneren mit der äußeren Realität abgleichen, mit der materiellen wie mit der sozialen Außenwelt. Und wir müssen uns beständig vor Augen halten, dass unser Wissen vorläufig ist, dass es solange gilt als es noch kein besseres Wissen gibt. Wir lernen weiter, von Erkenntnis zu Erkenntnis, und verbessern unsere Weltkenntnis, ohne auf diesem Weg je bei einer absoluten Wahrheit zu landen. Diese ist für Einsichten anderer Art reserviert.

Jeder, der in der relativen Welt mit dem Anspruch auftritt, die Wahrheit absolut zu setzen, braucht den engagierten Widerspruch und die unerbittliche Diskussion, bis die Relativität der Aussagen klargestellt ist.

Diktaturen beginnen mit der Definition der Wahrheit, also mit ihrer Zementierung und mit dem Unterbinden des Widerspruchs. Darin liegt der Grund, dass Diktaturen über kurz oder lang untergehen, weil sie die Wirklichkeit mit der eigenen Weltsicht verwechseln. Jedes Handeln, das sich von dieser Verwechslung leiten lässt, muss scheitern, weil die Wirklichkeit immer mächtiger ist als unsere Sichtweise von ihr.

Ein aktuelles Beispiel: Wir können die Meinung vertreten, dass es keinen Klimawandel gibt und dass dieser eine Erfindung von Interessensgegnern ist. Wenn wir unsere Handlungen danach ausrichten und konsequenterweise alle Aktivitäten zum Klimaschutz einstellen, werden wir irgendwann erkennen, dass die Wirklichkeit mehr und mehr Katastrophen produziert, gleich ob wir glauben, ob es einen Klimawandel gibt oder nicht.

Die redliche Wahrheitssuche ist mühsam und langwierig. Aber der Ertrag ist dauerhaft, haltbar und verlässlich. Da solches Wissen so nahe an der Realität ist, wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich ist, lassen sich darauf Handlungen gründen, mit denen die Wirklichkeit in eine gewünschte Richtung weiterentwickelt werden kann. Da das Wissen eine demokratische Struktur hat, also nicht ein Einzelbesitz ist oder auf Privatlegitimation gründet, unterliegt auch seine Verwendung für praktische Zwecke grundsätzlich einer demokratischen Willensbildung.

Solches Wissen entsteht aus einer Kommunikation zwischen dem erforschenden menschlichen Geist und der Wirklichkeit, und nicht in einer Projektion menschlicher Wünsche und Begierden auf sie. Die Wirklichkeit wird als Partner wahrgenommen, nicht als Objekt der Machtausübung.

Diese Art von Wissen erlangen wir nur, wenn wir uns der Herrschaft durch Emotionen entziehen. Viele Emotionen dienen unserem Egoismus, entstehen also aus dem Überlebensmodus. Sie sind nicht dafür geeignet, verlässliches Wissen zu finden, sondern stehen diesem Prozess im Weg. Emotionales Wissen ist nicht allgemeingültig und sozial wertvoll, es ist auch nicht dauerhaft, sondern gilt nur für den Moment seiner Entstehung.

Demokratisches Wissen, dessen Ursprung transparent ist und von jeder Person nachvollzogen werden kann, ist das einzige wirksame Gegenmittel gegen die grassierende Produktion von Schein- und Meinungswissen, die von Emotionen gesteuert wird, und bei der Fakten nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben, sondern bloße subjektive Behauptungen sind. Faktum im demokratischen Sinn ist das, was in einem offenen Prozess der Wissensproduktion aus der Wirklichkeit gefiltert wurde, damit es als sichere Basis für unsere Sichtweise der Welt, unser Handeln und unsere Wertsetzung dienen kann. Nur demokratisches Wissen ist dafür geeignet, unsere Möglichkeiten zur Verbesserung des Gemeinwohls zu erweitern.

Dienstag, 29. September 2015

Für ein Verbot der Angstmacherei

Irrationalismen entstehen, wenn der Realitätskontakt unterbrochen ist und kein direkter Bezug zu ihr besteht. Irrationalismen sind also Konstruktionen in unserem Kopf, die nicht mit äußeren Daten abgeglichen werden. Deshalb geschieht es schnell, dass die eigenen Ängste in die irrealen Konstruktionen hinein fantasiert werden und dort ihren festen Sitz bekommen. Wo keine Realität, dort keine Korrektur. Wo kein Realitätsbezug, dort keine Korrekturmöglichkeit.

Ein Beispiel: Der Antisemitismus wird von der irrealen Angst erzeugt, dass Juden eine Gefahr für die restliche Menschheit darstellen. Er ist dort am größten, wo es keine Juden gibt. Eine typische Antwort eines Antisemiten auf die Frage, ob die Juden, die er persönlich kenne, auch böse oder gefährlich seien, ist: „Nein, aber die sind eine Ausnahme." Wie jede Ideologie, ist auch der Antisemitismus ein geschlossenes System.

Parallel dazu gibt es das Phänomen der Xenophobie ohne Fremde. Ein interessantes Detail bei den Ergebnissen der Landtagswahlen in Oberösterreich vom 27. September 2015 zeigt, dass der Stimmanteil der FPÖ, der ausländer- und flüchtlingsfeindlichen Partei, in Gemeinden mit untergebrachten Flüchtlingen kleiner ist als in Gemeinden ohne. Die Befürchtungen steigen nicht, wenn wir der Bedrohung direkt, also von Mensch zu Mensch begegnen, im Gegenteil: sie sinken. Je mehr Realität, desto weniger Angst und desto mehr Rationalität (=Vernunft).

Sobald wir uns mit einer Angst konfrontieren, verliert sie ihre Macht. Das Bedrohliche lebt von seiner Ungreifbarkeit. Solange es keine Realität hat, kann es übermächtig werden wie bei einem Psychotiker, der in seinem Zimmer sitzt und vom Wahn in den Wahnsinn getrieben wird, dass der Raum voller böser Geister ist. Wieder ist das System geschlossen, denn es gibt keine Realität, die als Korrektur dienen könnte.

Wo wir auf die Realitätsprüfung verzichten, laufen wir Gefahr, psychotisch zu werden. Psychose ist eine Krankheit, die darin besteht, dass die betreffende Person nicht mehr unterscheiden kann, was Fantasie und was Realität ist. Wir haben es mit Vorformen der Psychose zu tun, wenn Ängste verbreitet werden, ohne dass eine Realitätsprüfung notwendig ist. Deshalb wählen viele Menschen gerade diejenige Partei, die das gestörteste Verhältnis zur Realität hat. Sie finden sich dadurch bestätigt.


Die Sucht nach Angstmachern


Die Ängstlichen suchen die Angstmacher, weil sie meinen, dass die, die vor Ängsten warnen, um die Realität wissen. Da Angst immer einengt, nicht nur den Körper und seine Funktionen, sondern auch die Wahrnehmung, kann unter Angst nur ein eingeschränktes Bild der Realität erzeugt werden. Von den Angstmachern wird angenommen, dass sie den Durchblick haben, der einem selber fehlt, und dass sie die Handlungskraft haben, von der man selber abgeschnitten ist. Sie repräsentieren die Macht, die die eigene Ohnmacht ausgleichen soll. Sie können die bösen Geister bannen.

Deshalb müssen die Angstmacher martialisch und aggressiv auftreten und zu zumindest verbaler Gewalttätigkeit fähig sein. Dann glauben die Ängstlichen an sie und klammern ihre Hoffnungen daran, die Angstmacher an die Macht zu bringen und dann daran teilhaben zu können. 


Für ein Verbot der Angstverbreitung


Ängste sind lähmend. Ängste sind ansteckend. Ängste machen krank. Ängste machen asozial. Ängste führen zu psychischen und körperlichen Erkrankungen. Also sollte es verboten und unter Strafe gestellt sein, Ängste zu verbreiten. Parteien, die das Angstmachen in ihrer Propaganda und Programmatik vertreten, sollten verboten werden. Schließlich erlauben wir es auch nicht, dass Menschen mit hochinfektiösen Krankheiten in der Öffentlichkeit herumlaufen, und müssten dagegen vorgehen, wenn jemand zur Verbreitung von gefährlichen Infektionen aufruft. Drogenhandel und –konsum sind untersagt, Angstverbreitung wird als Ausdruck von Meinungsfreiheit gerechtfertigt.

Solange wir nicht verstanden haben, dass wir im Inneren unsere Ängste loswerden sollen, müssen und können, wird die Macht der Ängste und ihre kollektive Steuerung und Instrumentalisierung nicht als kriminelles Delikt verstanden, sondern als Bestandteil jeder Gesellschaftsordnung verharmlost. Es bedarf also der Weiterführung der Aufklärung in die Bereiche der Emotionalität, wenn wir das Projekt einer gerechten und befreiten Menschheit weiterführen wollen.


Vgl.: Großprobleme und der Hang zum Irrationalisieren
Die Flüchtlinge in unseren Köpfen