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Dienstag, 31. Oktober 2023

Über die Notwendigkeit und die Grenzen der Parteinahme

Wie im letzten Blogartikel beschrieben, sollte in einem Konfliktfall die Parteilichkeit mit den Opfern die oberste Leitlinie sein. Es gibt Konflikte, in denen die Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern eindeutig ist, z.B. zwischen Eltern und kleinen Kindern, und solche, in denen die Rollen von vornherein uneindeutig verteilt sind und von Situation zu Situation unterschieden werden muss, was gerade gilt, z.B. zwischen Geschwistern.  Wenn in einer patriarchalen Struktur Konflikte zwischen Männern und Frauen ausbrechen, sind die Männer die Täter, weil sie durch die Struktur eine mächtigere Position innehaben, und die Frauen Opfer. Wo sich die patriarchalen Rollen auflösen, verschwimmen die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, die Rollen werden austauschbar.

Übertragen auf Konflikte in Organisationen: Bei hierarchischen Strukturen sind die Täter in der Regel oben auf der Ordnungsleiter und die Opfer befinden sich weiter unten. Bei Konflikten zwischen Mitarbeitern auf der gleichen Hierarchieebene gibt es wiederum keine klare Unterscheidung. Bei zwischenstaatlichen Konflikten ist der Staat, der einen anderen angreift, der Täter. Beispiele für solche zwischenstaatliche Angriffskriege sind: Der Angriff Österreich-Ungarns auf Serbien 1914, der Angriff Hitler-Deutschlands auf Polen 1939 und auf die Sowjetunion 1941, der Angriff der USA auf den Irak 2003 und der Angriff Russlands auf die Ukraine 2022.

Bürgerkriege in einem Staat sind meist weniger eindeutig, während Aufstände und Befreiungskonflikte klare Machtverteilungen aufweisen: Es wehren sich die Opfer von Unterdrückung gegen die vorherrschende Macht.

Es gilt also die Regel: Wo die Macht ungleich verteilt ist, werden im Konfliktfall diejenigen mit mehr Macht zu den Tätern und diejenigen mit weniger zu den Opfern. In solchen Fällen ist die Parteinahme mit den Opfern angebracht und wichtig, um ungerechte Strukturen in gerechtere überzuführen.

Jede Parteinahme in einem Konflikt fördert das Gewaltpotenzial, wie im letzten Blogbeitrag argumentiert wurde. Wenn die Lage eindeutig ist, wenn also klar ist, wer der Täter und wer das Opfer ist, gilt die Parteilichkeit den Opfern und steigert damit das Gewaltpotenzial, aber auf der Seite der Schwächeren. Die Gewalt, die durch die Parteinahme mobilisiert wird, kommt den Opfern zugute. Als die Schwächeren brauchen sie Unterstützung und Beistand. Die Täter, die Gewalt ausüben, müssen durch Gegengewalt in die Schranken gewiesen werden; freiwillig werden sie ihre Machtpositionen nicht hergeben. Die Parteinahme zielt auf einen Ausgleich der Kräfte und auf die Verringerung ungleicher Machtverhältnisse, die immer zur Benachteiligung der Schwächeren führt. Gerechtere Formen der Machtverteilung sind zugleich menschlicher, weil sie dem menschlichen Bedürfnis nach Fairness entsprechen und einer größeren Zahl von Menschen mehr Möglichkeiten verschaffen.

Der Nahostkonflikt und die Parteilichkeit

Der schwere Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern liefert ein Beispiel für die Austauschbarkeit der Rollen. In der langen, mindestens hundert Jahre dauernden Konfliktgeschichte sind beide Seiten unzählige Male zu Opfern und Tätern geworden. Gewaltakte folgen auf Gewaltakte, und es gibt keinen Maßstab, nach dem eine Eindeutigkeit in der Rollenverteilung gefunden werden könnte. Es ist nicht auszumachen, wer gut und wer böse ist,  und deshalb ist jede Parteilichkeit willkürlich und anmaßend und pumpt mehr Gewalt in eine Seite des Konflikts. In der jüngsten Entwicklung ist die palästinensische Hamas zunächst zum Täter geworden, und die Parteinahme gilt den Opfer dieser Aggressionen. In der Logik dieses Konflikts haben sich dann die Rollen vertauscht, und die Palästinenser wurden zu den Opfern der israelischen Aggressionen, die Anteilnahme und Unterstützung verdienen.

Viele Solidarisierungen mit einer Konfliktpartei sind von tiefgehenden und oft unbewussten historischen und psychologischen Wurzeln gesteuert. In den Konflikt untrennbar hineinverwoben ist aus europäischer Sicht die unheilvolle Geschichte des Antisemitismus bis zum Holocaust. Die systematische ideologische Judenfeindschaft ist eine Erfindung Europas, zunächst als religiöser Antisemitismus im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, und ab dem 19. Jahrhundert der rassische Antisemitismus, der den Juden rassische Merkmale andichtete, die sie zu bösen Menschen machten.

Ausgrenzungen und Abwertungen von Teilen der eigenen Gesellschaft lösen immer starke Scham- und Schuldgefühle aus, erst recht, wenn sie zu gewaltsamen Ausbrüchen bis zur physischen Vernichtung führen. In den Träger- und Täterländern der nationalsozialistischen Judenvernichtung, Deutschland und Österreich, besteht deshalb eine massive Scham- und Schuldbelastung, die mehr oder weniger erfolgreich in den letzten Jahrzehnten aufgearbeitet wurde, aber immer noch einen unparteilichen Blick auf die Konfliktlage erschwert. Für die Geschichte Österreichs ist es übrigens bezeichnend, dass einzig der Jude Bruno Kreisky als Bundeskanzler in den siebziger Jahren eine diplomatische Brücke zu den Palästinensern schlagen konnte. Von dort aus öffnete sich in weiterer Folge der Weg zu den hoffnungsvollen Projekten für eine Zwei-Staaten-Lösung in Palästina zwanzig Jahre später, denen aber leider kein Erfolg beschieden war.

Gibt es Aussichten?

Was ist die Perspektive? Erst wenn die Parteilichkeit mit den Opfern globale Ausmaße annimmt, die überwiegenden Mehrheiten in den Konfliktgebieten bildet und die Parteilichkeiten für eine der Konfliktseiten übertrifft und in den Schatten stellt, besteht die Hoffnung, die Konfliktparteien zu einem Einlenken zu bringen. Es ist die überwältigende Macht der Menschlichkeit, die es verbietet, dass es in irgendeiner Form zu Menschenrechtsverletzungen und Opfern an Leib und Gesundheit kommt. Sie muss jede Form der Gewaltanwendung wirksam und nachhaltig unterbinden. Es sind die Kräfte des Friedens, die über die Parteinahme mit den Opfern die Fahne der Menschlichkeit so lange hochhalten, bis genügend Menschen verstanden haben, dass es sinnlos ist, weitere Menschenleben zu opfern und dass der Konflikt so beigelegt wird, dass beide Seiten einen Gewinn daraus ziehen.

Zum Weiterlesen:
Parteilichkeit verstärkt die Gewalt

Donnerstag, 11. März 2021

Wenn aus Beziehung Markt wird

In einem Artikel in der “Zeit” wird ein Experiment aus Israel geschildert. Eltern, die ihre Kinder verspätet vom Kindergarten abholt, wurden von den Betreuern missbilligend empfangen. Im Experiment wurden Strafzahlungen für das verspätete Abholen eingeführt, mit der Erwartung, dass die Eltern nunmehr pünktlicher beim Abholen sein würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Es kam zu viel mehr Verspätungen. Und hier die Erklärung: Vorher war die Situation als soziale Abmachung wahrgenommen worden und die Eltern schämten sich, wenn sie die Betreuer zusätzlich belasteten. “Mit dem Geld kam die Möglichkeit ins Spiel, sich die längere Betreuung zu erkaufen. Die Scham wich dem Anspruchsdenken. Aus einer zwischenmenschlichen war eine finanzielle Frage geworden, aus Beziehung wurde Markt.” 

Immer mehr von dem, was es auf der Welt gibt, wird käuflich. Damit sind nicht nur Dinge gemeint, sondern auch soziale Beziehungen. Das ist der unerbittliche Zug des Kapitalismus. Wir sind schon längst alle auf ihn aufgesprungen, weil er uns das Leben vereinfacht und vordergründige Sorgen abnimmt. Dieser Prozess verläuft schleichend. Der Verlust an Zwischenmenschlichkeit, der sich unterschwellig vermehrt, wird uns dabei gar nicht oder nur an Symptomen spürbar, die wir dann oft nicht verstehen können. 

Im Mittelalter waren die Besitzverhältnisse auf Grund und Boden, d.h. die Quellen von Reichtum und Wohlstand, auf Beziehungen begründet. Jeder Teil des Landes gehörte einer Person, die sie an andere weiterverlieh oder verpachtete. Ein Netz aus persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen regelte die Besitztümer und die sozialen Verhältnisse. Jeder wusste, wem er in welcher Weise verpflichtet war, von wem er sich Hilfe und Beistand erwarten konnte und wem er selber Hilfe und Beistand gewähren musste.  

Mit dem Siegeszug des Kapitalismus seit dem Ende des Mittelalters wurden all diese persönlichen Abhängigkeitsbeziehungen schrittweise durch Geldbeziehungen abgelöst. Heute ist jedes Fleckchen Erde käuflich und verfügt über einen Geldwert, der über den Markt reguliert wird.  

Das ist nur ein Beispiel, wie die Marktbeziehungen zwischenmenschlichen Beziehungen ersetzen. Ein anderes, das in unseren Tagen immer wichtiger wird, sind die Pflegedienste. Bei Krankheiten und im Alter waren früher allein die Angehörigen zuständig für die Versorgung und Pflege. Doch auch hier gibt es die steigende Tendenz, diese Dienste bezahlen zu lassen, um sich auf dieser Weise der moralischen Verpflichtung zu entziehen und die Schuld gewissermaßen abzubezahlen. Vielleicht wird in nicht allzu ferner Zukunft die Leistung der Nachkommen darin bestehen, für die pflegebedürftige Person einen Roboter zu finanzieren. 

Abstrakte Beziehungen

Wenn sich persönliche Beziehungen in Marktbeziehungen verwandeln, geschieht ein Schritt vom Konkreten ins Abstrakte. Zwischenmenschliche Beziehungen sind konkret, leiblich und sinnlich wahrnehmbar. Die Kommunikation läuft direkt. Marktbeziehungen sind anonym, das jeweilige Gegenüber ist austauschbar und wird nummerisch geregelt, eben mittels Geld. Die Beziehungen sind auf eine abstrakte Ebene verschoben. 

Eine komplexe Gesellschaft kann ohne Marktbeziehungen und Abstrahierung nicht funktionieren. Sie kann auch ohne persönliche Beziehungen nicht existieren, doch verschieben sich vor allem seit der Einführung des Kapitalismus in steigendem Tempo die Verhältnisse, was uns zunehmend verunsichert. Es werden also laufend persönliche durch ökonomische Beziehungen ersetzt, d.h. Individualität durch Austauschbarkeit. So stellt sich die Frage, ob die sozialen Beziehungen irgendwann auf der Strecke bleiben. 

Vor allem dort, wo wir diese Veränderungen nicht verstehen können, machen sie uns Angst. Wir fürchten um unsere Kontakte, um unsere Zugehörigkeit und um die Anerkennung unserer Individualität. Tatsächlich ist es so, dass diese wichtigen Grundsicherheiten im System des Kapitalismus nicht gewährt werden können, weil es dort nur um die ökonomische Verwertung geht. Der Mensch ist Arbeitskraft und Konsument, mehr nicht. Es braucht ein anderes System, das weiterhin auf der Basis von persönlichen Beziehungen und der wechselseitigen Anerkennung der Subjekte beruht. Es nimmt uns die Angst vor dem Verwertetwerden, die Angst davor, nur mehr als Sache und nicht mehr als Mensch zu gelten, indem dort unser Sosein und unsere Zugehörigkeit bestätigt wird.  

Dieses System umfasst alle Beziehungen, die auf Mensch-zu-Mensch-Kontakten beruhen. Es wird manchmal mit dem Begriff der Zivilgesellschaft bezeichnet, geht aber in alle Bereiche, in denen Menschen direkt miteinander zu tun haben. Dieses System verschwindet nicht in dem Maß, in dem Teile von ihm anonymisiert werden. Das ist wohl der subjektive Eindruck, wenn Verluste an Zwischenmenschlichkeit beklagt werden. Vielmehr ändern sich die Formen der Kommunikation, z.B. durch neue Kommunikationsmedien. Dazu kommt, dass wir uns durch die Wohlstandssteigerung, die das kapitalistische System zustandegebracht hat, diese die Geräte für diese Medien auch leisten können. Wir kommunizieren deshalb immer mehr über digitale, also anonyme Wege persönlich miteinander.  

Ob im Zug dieser Entwicklung die Sozialbeziehungen von den Marktbeziehungen aufgefressen werden, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt, ist eine andere Frage. Sie hängt nicht nur von den ökonomischen und technologischen Veränderungsprozessen ab, auf die wir als Einzelne relativ wenig Einfluss haben. Es geht vor allem darum, wie wir leben wollen, d.h. welchen Raum und welche Bedeutung wir hinkünftig den zwischenmenschlichen Beziehungen einräumen wollen, gerade angesichts der Tendenzen, diese in Marktbeziehungen überzuführen. 

Schuld und Scham  

Auf der psychologischen Ebene gehen diese Entwicklungen einher mit Umschichtungen von Schuld- und Schamthemen. Darum soll es im Weiteren gehen. Die These dafür lautet: Auch wenn durch die Umwandlung von persönlichen in geschäftliche und schließlich in Mensch-Maschinen-Beziehungen Schuld- und Schamthemen obsolet werden, entstehen durch diese Veränderungen neue Quellen für diese Gefühle. 

Schuldthemen entstehen, wenn zwischen Menschen Rechnungen offenbleiben, die durch die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes entstanden sind. Es kann sich dabei um emotionale oder materielle Rechnungen handeln. Meist ist klar, mit welcher Handlung die Schuld behoben werden kann. Ein Kredit ist fällig und das Geld wird zurückgezahlt. Eine Verletzung ist passiert und die Entschuldigung wird akzeptiert.  

Komplizierter ist es mit Schuldgefühlen oder Schuldkomplexen. Sie gehen auf emotionale Rechnungen zurück, die auf unfairen Voraussetzungen beruhen. Denn es geht dabei um Abmachungen, die auf ungleicher Ebene abgeschlossen wurden, in der Regel zwischen Eltern und Kindern, und dazu noch ohne Papiere oder Worte. Es gibt also nur implizite Hinweise auf solche Abmachungen, sie können nirgends nachgelesen oder verifiziert werden.  

Vielmehr handelt es sich um Erwartungen der Eltern, wie Kinder zu sein und zu handeln hätten, Erwartungen, die nicht verhandelbar waren, sondern von den Eltern als Spielregeln vorausgesetzt wurden, und deren Nichteinhaltung mit Schuld in Rechnung gestellt wurde. Aus den angehäuften Schulden entwickeln sich die Schuldgefühle oder Schuldkomplexe, die sich wie eine Grundprägung des Schuldseins und Schuldigseins anfühlen. Tatsächlich haben Schuldkomplexe nichts mit dem Wesen des Menschseins zu tun, sondern sind aus Not gebildete Strategien, die der Sicherung des emotionalen Überlebens dienten.  

Solche Schuldthemen können sich belastend in langen Strecken des Lebens auswirken, solange ihr Ursprung nicht erkannt und verstanden wird. Oft nehmen sie Dimensionen an, die sich weit über den eigenen Verantwortungsbereich hinaus ausdehnen: Schuldgefühle wegen einer privilegierten Lebenssituation angesichts von Hunger und Armut, Schuldgefühle wegen der Lebensweise weiter Teile der Gesellschaft, die die Klimakrise mitverursachen, Schuldgefühle, eine Wohnung zu haben, während andere obdachlos sind usw. 

Die Urscham  

Schuld und Scham haben eine innige Verbindung, die allerdings einseitig ist. Es gibt keine Schuld, die ohne Scham daherkommt, während die Scham so weit vor der Schuld liegen kann, dass sie ganz ohne Schuld ist. Denn die Scham reicht tiefer und rührt an die Grundlage unserer Existenz. Wenn wir uns schämen, stellen wir unser Sein, und nicht bloß unser Handeln, in Frage. Sind demnach grundlegende Erwartungen der Eltern durch die Existenz der Kinder, für die sie verantwortlich sind, bedroht, so nistet sich bei den Kindern eine Urscham ein. Kinder, die ungewollt zur Welt kommen und von ihren Eltern oder von einem Elternteil aus diesem oder aus anderem Grund vor allem als Belastung und als Existenzbedrohung wahrgenommen werden, müssen mit dieser tiefsitzenden Form der Scham leben.  

Verunsicherungen auf der uranfänglichen Ebene des eigenen Seins graben sich als Schamgefühle und Ängste tief in die Seele ein und werden leicht aktiviert, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern. Überall dort in der Gesellschaft, wo persönliche Beziehungen in anonyme umgewandelt werden, tritt einerseits eine Erleichterung auf, weil es auf der abstrakten Ebene der ökonomischen Tauschgeschäfte keine Scham gibt. Andererseits werden die angesprochenen Gefühle der Verunsicherung zusätzlich aufgeladen. Die Scham meldet sich hinter jedem Schritt der Anonymisierung von Beziehungen. 

Die Globalisierung der persönlichen Räume 

Es finden Umstellungen in den Beziehungsnetzen statt, die zur Entpersönlichung beitragen. Damit verschieben sich die Quellen für Beschämungen, aber sie werden nicht weniger. Wir sind zwar in vielen Bereichen der digitalen Medien und auch im öffentlichen Verkehr anonym unterwegs und begegnen anderen namenlosen Personen. Aber Abwertungen und Geringschätzungen treffen uns mindestens so heftig, wie die Auswirkungen jedes Shitstorms auf die davon Betroffenen zeigen. Cybermobbing hat schon Menschen in den Selbstmord getrieben.  

Offenbar geben wir fremden Personen eine Bewertungsmacht über uns, obwohl wir sie und sie uns gar nicht persönlich kennen. Und wir maßen uns selbst laufend Bewertungen an, über Menschen, die wir noch nie getroffen und mit denen wir noch nie geredet haben. Es ist, als ob sich unsere persönlichen Grenzen im Maß der digitalen Globalisierung auf die ganze Welt ausgeweitet hätten. In Folge unserer digitalen Präsenz sind wir global exponiert und verletzbar, haben aber auch gleichzeitig die Macht, alle anderen auf der globalen Ebene zu beschämen und zu verletzen. Obwohl oder gerade weil die digitale Welt in vielen Bereichen von anonymen Wesen bevölkert ist, sind die Grenzen der persönlichen Integrität um ein Vielfaches schwerer zu schützen. Es ist für die Einzelne gar nicht mehr überschaubar, wo der eigene Raum endet, wie eine Herrscherin, die über ein Riesenreich gebietet, das sie in ihrem Umfang noch nicht begriffen hat und dessen Grenzregionen sie nicht alle bereisen kann, weil es so viele sind. 

Die Grenzen werden immer verschwommener, was auch bedeutet, dass immer unklarer wird, wo die eigene Verantwortung beginnt und wo sie endet. Diese Entwicklung erfordert immer mehr Anstrengung, für sich und für die eigene Umgebung zu definieren, wo und wie Verantwortung übernommen werden kann und wo sie endet. Sie erfordert auch eine verstärkte Bewusstheit über die eigene Integrität im Umgang mit der globalen Öffentlichkeit. Wir brauchen also ein geschärftes Sensorium für die Scham, die uns aufmerksam macht, wenn wir unsere Integrität, also unsere eigenen Werte verletzen. 

Samstag, 12. Dezember 2020

Kinder in der Täterrolle

Eltern, die sich als Opfer der Existenz ihrer Kinder fühlen, wollen nicht sehen, dass sie die Täter sind. Sie sind freilich nicht Täter mit Tatbewusstsein in einem strafrechtlichen Sinn, vielmehr sind meist selber Opfer früher Abweisung und Abneigung. Sie sind auch keine bewussten Täter mit bösen Absichten, aber sie sind es, die die Geschichte in Gang gesetzt haben, in deren Verlauf das Kind empfangen und geboren wurde und deshalb sind sie auch dafür zuständig und verantwortlich, wie diese Geschichte weitergeht. Sie sind, ob sie es bewusst oder unbewusst bejahen oder verneinen, die alleinigen Verantwortungsträger in Bezug auf das Kind. 

Sie haben also das kleine Wesen in die Welt gesetzt, wohl wissend um die Konsequenzen im Allgemeinen und im Besonderen, aber natürlich nicht im Detail. Es ist unbestrittenermaßen keine leichte Aufgabe, Kinder großzuziehen, aber Millionen von Generationen haben das unter den unterschiedlichsten Bedingungen geschafft. Auch wenn es immer wieder Phasen der Verzweiflung und der Überforderung in diesem Prozess gibt, gehört es zur Verantwortung des Elternseins, diese Gefühle tunlichst von den Kindern fernzuhalten und sie nicht auf sie damit zu belasten. Denn sonst kommt es zur Verantwortungsumkehr, die schwere Folgen für das Kind zeitigt. 

Schicksalsgemeinschaft

Wo sich jemand als Opfer fühlt, braucht es einen Täter, und dazu werden in diesen Fällen offensichtlich die Kinder gestempelt, indem sie mit der Verantwortung für die Zufriedenheit und das Lebensglück ihrer Eltern überlastet, überladen und überfordert werden. Die materielle oder emotionale Überforderung der Eltern wird durch die Schuld- und Schamüberforderung der Kinder erweitert, so als dürfte und sollte es den Kindern nicht besser ergehen als den Eltern. Scheinbar entlastet es den klagenden, vorwurfsvollen oder jammernden Elternteil, wenn er das Kind für das eigene Unglück verantwortlich macht. Sich der Verantwortung zu entledigen, erleichtert kurzfristig und verhilft zu Ausreden und zum Ausweichen.

Tatsächlich aber verstärkt die Verantwortungsabgabe das Leid, weil die Last, die dem Kind aufgebürdet wird, hinfort auch das Leben der Eltern überschattet. Denn die Identifikation der Eltern mit dem Kind und seinem Schicksal wird durch die Akte der Verantwortungsübertragung nicht verringert, sondern im Gegenteil tief einzementiert. Es wird eine Schicksalsgemeinschaft geschmiedet, der sich sowohl die Eltern als auch das Kind nur unter größten Mühen entwinden können. 

Erst wenn die Eltern die Verantwortung für ihr eigenes Leben und für ihr Elternsein zur Gänze zu sich zurücknehmen, kann sich diese Verknotung lösen und das Kind zur eigenen Freiheit und zur vollen Kraft gelangen, Ressourcen, die ihm hinfort zur Gestaltung seines Lebens zur Verfügung stehen. Denn die Verantwortung für die emotionale und materielle Versorgung des Kindes liegt immer bei den Eltern, ob sie sie tragen oder ob sie versuchen, sie abzuschütteln und den Kindern umzuhängen. Es geht nicht ohne Gewissensbisse, die vielleicht tief im Inneren nagen, wenn diese Verantwortung abgelehnt und abgelegt wird.

Täter-Opfer-Verwechslung

Kinder mit solchen verdrehten und ungelösten Schuld- und Schambelastungen sind später empfänglich für die Verwechslung von Tätern und Opfern, die im gesellschaftlichen und politischen Diskurs eine wichtige Rolle spielt. Sie wissen nicht, wo der richtige Ort für Schuld und Scham ist. Statt dessen sind sie daran gewöhnt, dass die Verantwortung immer wieder konsequent verschoben wird, bis sie zur Unkenntlichkeit verschwunden scheint, wie die Gelder der Korrupten, die von einer obskuren Bank zur nächsten wandern, bis alle Spuren verwischt sind und nur mehr „gewaschenes“ Geld übrig bleibt. Das Äquivalent dazu ist die selbstgefällige und schamlose Zurschaustellung der Reingewaschenen, die sich zynisch ihrer erbeuteten Reichtümer erfreuen und sie verkonsumieren.

Dass solche Machenschaften immer wieder möglich sind und oft erst viel zu spät aufgedeckt werden, liegt wohl darin, dass bei vielen der Sinn für die richtige Weise der Verantwortungsübernahme infolge von verstörenden Täter-Opfer-Rochaden in der Kindheit abhandengekommen ist. Darin liegt auch ein Grund für die seltsame Attraktivität solcher Machtperversionen, weil das Unbewusste Ähnlichkeiten mit dem eigenen Schicksal entdeckt. Im Bewundern der Unverschämten versucht sich die eigene Scham zu erleichtern. Die frühen Erfahrungen des Abstreitens der Verantwortung finden ihre Rechtfertigung durch die Öffentlichkeit einer Täter-Opfer-Verdrehung.

Vom Opfer zum Täter

Was bleibt Kindern, die zu Tätern erklärt werden, viel anderes übrig, als später echte Täter zu werden, im familialen, gesellschaftlichen oder politischen Bereich? Sie werden zu Tätern, die nicht merken oder so tun, als würden sie nicht merken, was sie anrichten, sondern virtuos auf einen Opferstatus ausweichen, sobald ihre Täterschaft ans Tageslicht kommt. Sie finden schnell jemanden, auf den sie die Verantwortung abschieben können, und schon sind sie wieder in der Rolle des Opfers, das bemitleidet werden möchte.

Die Alternative liegt darin, die Opferrolle zu kultivieren, mit beständig nagendem schlechten Gewissen und eingeprägter Schamhaltung. Menschen mit dieser Variante üben die Täterschaft nur indirekt aus, vor allem durch Manipulation, Fehleranfälligkeit und Zur-Last-Fallen. Sie versuchen, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen, um den eigenen Mangel und die Selbstzweifel auszugleichen. Sie wollen nach Mitleid heischen und bewundern oft Täter wegen ihrer Unverfrorenheit.

Wunden in der Seele

Verantwortungszuschreibungen und Übertragungen von Täterrollen, wie sie Eltern unbewusst und unbedacht auf ihre Kinder überwälzen, erzeugen Risse im Selbstwert und Wunden in der Seele, die später ihren Ausgleich in sozial destruktiven oder selbstschädigenden Handlungen und Einstellungen finden, solange diese Dynamiken unbewusst wirken. Die Weitergabe der Schuld- und Schambelastungen von Generation zu Generation kann nur verhindert werden, wenn die Verantwortung dorthin zurückgegeben wird, wo sie hingehört, und die eigene Verantwortung übernommen wird, so wie sie angemessen ist. 

Zum Weiterlesen:
Die Seelen- und die Planentenzerstörung
Anklagen gegen das Kind und die Folgen



Freitag, 11. Dezember 2020

Die Seelen- und die Planetenzerstörung

 Geben und Nehmen als Geschäft

Kinder, denen von ihren Eltern im Lauf ihres Aufwachsens ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Existenz eingepflanzt wird, wie im vorigen Blogartikel beschrieben, lernen, dass ihr Leben nur einen bedingten Wert hat. Damit können sie dieses ihr Leben nicht zur Gänze annehmen und leben. Eine Folge von dieser Beschneidung ist die Einprägung der Auffassung, dass jede Form des Gebens an Bedingungen geknüpft ist. Jeder, der gibt, hat eine offene oder versteckte Rechnung, die im Geben inkludiert ist. Deshalb gehört zu jedem Bekommen ein Scham- und Schuldgefühl als Quittung. Es kann sich kein Gefühl von einem freien Fluss des Gebens und Nehmens bilden, sondern es gibt nur bedingte Abläufe, die nach oft unbekannten oder vermuteten Wertmaßstäben gemessen werden, die immer einen Bezug zum eigenen Gewinn oder Verlust haben.

Die Interaktionen mit anderen Menschen bekommen auf dieser emotionalen Grundlage den Charakter von Geschäften, bei denen darauf geachtet werden muss, nicht zu übervorteilen und nicht übervorteilt zu werden. Das ist die Einstimmung auf die gewinnorientierte kapitalistische Marktwirtschaft, durch solche Erziehungsformen in den Seelen verankert wird. Es wird dadurch auch deutlich, dass es keinen Kapitalismus ohne Scham- und Schuldprägungen gibt!

Deshalb sollten wir uns nicht wundern, dass dieses System daran ist, den Planeten Erde zu zerstören. Es hat ja kein Gewissen, und alle seine Akteure, soweit sie in ihrer Kindheit von den Mechanismen der bedingten Liebe infiziert wurden, haben nur ein schlechtes Gewissen, das sie zu hilflosen Akteuren in der wirtschaftlichen Dynamik werden lässt. Die Zwänge zum maximalen Leisten und Konsumieren sind die Kompensationsversuche gegen den inneren Druck, die Berechtigung der eigenen Existenz fortwährend unter Beweis stellen zu müssen. Nur wenn die eigene Arbeitsleistung eingebracht wird und als Ausgleich dafür genug konsumiert wird, darf sich das Gefühl einstellen, doch als Wesen und als Person auf dieser Welt willkommen und gewollt zu sein. 

Innere und äußere Zerstörung

Die Zerstörung der Erde, die durch das Zusammenwirken der individuellen Leistungszwänge vollzogen wird, spiegelt die innere Zerstörung wieder, die durch die Infragestellung der eigenen Existenz durch die eigenen Eltern in der Seele angerichtet wird. Eine Folge davon ist die Blindheit, mit der die kollektiven Lebensgrundlagen beschädigt und ausgebeutet werden. In den Seelen ist implantiert, dass die Lebensinfragestellung ein wichtiger Teilaspekt der Liebe ist und deshalb jede Form der Zerstörung ihre Berechtigung hat.

Die Heilung der Seelen von den Verletzungen, die ihnen angetan wurden, ermöglicht erst den Kontakt zu einer Haltung von Respekt und Ehrfurcht vor den unermesslichen Reichtümern und Schönheiten, die die Natur und das Leben auf unserem Heimatplaneten erschaffen haben. Erst wenn die eigenen Schönheiten und inneren Reichtümer in den Seelen erschlossen sind, wird der Weg für die Menschen frei und leicht zugänglich, der zur Rettung der Erde und zur Überlebenssicherung der Menschheit zu begehen ist. Das Zerstörerische, das uns in unserer frühen Geschichte angetan wurde, wird solange unbewusst der Natur und der Gesellschaft angetan, bis es ins Bewusstsein kommt und dort geheilt wird.

Die Änderungen unserer Lebensweise, die unweigerlich kommen wird, wenn die Erderwärmung und die anderen zerstörerischen Dynamiken eingedämmt und zurückgefahren werden soll, unterstützen und tragen wir mit unseren Kräften, wenn wir die Wunden in unserem Inneren geheilt haben. Wir befreien uns auf dem Weg nach innen von den Schuld- und Schamprägungen, die uns blind und taub werden ließen für die Leiden der Menschheit und der Natur. Wir gewinnen unsere Verantwortung und Mitverantwortung zurück und können unsere Energien bündeln, um jeder zerstörerischen Dynamik entgegenzusteuern und auf die konstruktiven und kreativen Kräfte fokussieren.

Zum Weiterlesen:
Anklagen gegen das Kind und die Folgen
Kinder in der Täterrolle


Samstag, 27. Juni 2020

Die Anmaßung im schlechten Gewissen

Schlechtes Gewissen entsteht, wenn wir etwas getan oder unterlassen haben, das jemand anderem oder uns selber geschadet hat, das Verletzungen nach sich gezogen hat oder Konflikte nach sich zog. Es zeigt uns an, dass wir eine Schuld auf uns geladen haben, die wir begleichen oder ausgleichen sollten. Wenn das gelingt, verschwindet das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen kann sich aber auch mit der Scham verbinden und dadurch zu einer wiederkehrenden inneren mahnenden Stimme werden. Wenn die Schuld beglichen wurde und die Scham bleibt, mischt sich eine alte Abwertungserfahrung in die aktuelle Geschichte ein und bewirkt, dass sie nicht unter „erledigt“ abgelegt und vergessen werden kann, sondern immer wieder aus den Hintergründen der Seele mit nagender Qual auftaucht. Denn die Scham hinter der Schuld sagt, dass uns nicht nur einen Blödsinn unterlaufen ist, sondern dass bei uns als Person grundlegend etwas faul ist.

Scheinbar will uns die Scham darauf aufmerksam machen, dass wir etwas schlecht gemacht haben und uns in Zukunft bessern müssen, dass also, wenn wieder Ähnliches geschieht, wir anders reagieren müssen. Doch setzt sie viel zu tief an und korrumpiert die Grundlagen unserer Persönlichkeit. Auf diese Weise kann ein schlechtes Gewissen zu einer hartnäckigen Gewohnheit der Selbstkritik werden. Wir hegen und pflegen es in uns, obwohl es uns äußerst unangenehm und lästig ist.

Die Anmaßung im schlechten Gewissen


Das schlechte Gewissen wird also unter dem Einfluss der Scham zur schlechten Gewohnheit der Selbstabwertung. Es speist sich im Grund aus einer Anmaßung, die wir uns selber zufügen. Wir tun nämlich so, als ob wir jetzt besser wüssten, was irgendwann in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Damals wussten wir, konnten wir, verstanden wir, was wir wissen, können und verstehen konnten, nicht mehr und nicht weniger. Durch die Erfahrung sind wir klüger geworden, wir haben gelernt. Wenn wir aus dem Jetzt in die Vergangenheit zurückschauen, ist es leicht, den Richter zu spielen, der den Fehler hervorstreicht und die Verurteilung ausspricht.

Als Richter über uns selbst nehmen wir jedoch eine angemaßte Position ein, mit der wir uns einerseits aufwerten (= arroganter Stolz), um uns andererseits abzuwerten (= Scham). Das Ergebnis aus diesem Additions-Subtraktionsspiel liegt im Minus, weil die Selbstverurteilung übrig bleibt und hartnäckig an unserem Selbstwert nagend weiterwirkt. Die Anmaßung entsteht daraus, dass die nachträgliche Sichtweise selbstverständlicherweise umfassender und passender ist als die ursprüngliche, und dass wir aus dieser Selbstverständlichkeit eine Überlegenheit basteln. Die Anmaßung besteht zweitens darin, dass wir über etwas urteilen, was wir nicht aus sich heraus, sondern aus der nachträglichen Perspektive verstehen („Nachher sind wir immer gescheiter“). Drittens ist es anmaßend, so zu tun, als könnte die Vergangenheit verändert werden. Was geschehen ist, ist geschehen, ob es uns jetzt passt und gefällt oder nicht. Die Geschichte kann nicht mehr umgeschrieben werden. Es gibt kein Playback, mit dem wir zurückspulen und ganz andere Worte oder Taten in die Erzählung einspeisen könnten. Von einem Standpunkt des Besserwissens etwas zu verurteilen, was für immer so und nicht anders in der Vergangenheit bestehen bleibt, ist naiv, überheblich und sinnlos, weil es keinen konstruktiven Beitrag zu irgendeiner Verbesserung liefert.

Ja, ich hätte besser das oder jenes nicht getan. Hätte ich doch an diesen Aspekt noch gedacht, dann wäre alles anders gelaufen. Hätte ich diese emotionale Reaktion rechtzeitig gezügelt, wäre die Eskalation unterblieben. Wäre ich rechtzeitig abgebogen, hätte ich das Ziel leicht gefunden. Hätte ich den Pullover angezogen, wäre ich jetzt nicht verkühlt… Endlos ist die Liste mit unseren Verfehlungen, und viel Energie verpufft darin, sie immer wieder aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen, um uns dort abzuwerten.

Der rückwärts gewandte Konjunktiv


Der rückwärts gewandte Konjunktiv ist eine gefährliche Waffe, die wir manchmal gegeneinander richten, um eine vergangene Handlung eines Mitmenschen zu verurteilen und dessen Person dabei gleich mitbetreffen („Hättest du A statt B gemacht, wäre das nicht passiert, und du hättest mir C erspart.“). Sie ist auch gefährlich uns selbst gegenüber. Wir verfangen uns in Gedankenschleifen, die uns nur ermüden und schwächen, ohne ein konstruktives Resultat hervorzubringen.

Wir übersehen die einfache Wahrheit, dass wir in jedem Moment unseres Lebens immer das tun, was in dem Moment geschehen kann – aus den Fähigkeiten, dem Wissensstand und der emotionalen Stimmung heraus, die zu diesem Zeitpunkt vorhanden waren. Wäre der innere Ressourcenzustand anders beschaffen gewesen, hätten wir uns anders entschieden, anders gehandelt, anders reagiert. In diesem Sinn tun wir immer das Beste, das uns im Moment des Tuns möglich ist. 

Natürlicherweise ändert sich das, was das Beste für uns Mögliche ist, von Moment zu Moment, und oft erscheint in der Nachschau die Alternative völlig logisch und einsichtig. Natürlich wäre es besser gewesen, das Netzkabel mitzunehmen als es zu Hause liegenzulassen. Natürlich wäre es besser gewesen, freundlichere Worte im Streit zu wählen als beleidigende. Nur hatten wir im Moment des Geschehens eine andere Logik und Einsicht. Das können wir jetzt nicht mehr ändern und werden wir nie ändern können.

Die Anmaßung im aufgeblasenen schlechten Gewissen will sich über die Geschichte stellen und ihren Richtspruch andauernd wie ein Mantra wiederholen. Wir sollten die zwiespältige Ego-Agenda in dieser Form der destruktiven Selbstreflexion durchschauen und damit dem schlechten Gewissen seine Macht nehmen. Wir haben unsere Schuld getilgt und ausgeglichen, was wir aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Wir müssen uns selbst noch verzeihen, solange, bis uns das schlechte Gewissen endlich in Ruhe lässt.

Mittwoch, 25. März 2020

Scham, Schuld, Corona

Scham und Schuld sind Gefühle, die hinter allem stecken können, was uns beschäftigt. Zurzeit gibt es das Hauptthema Virus, und es kann sich lohnen, einen Blick auf die Scham- und Schuldaspekte zu werfen, die darin verborgen sind.

Wie bei allen großen Veränderungen, die unser Leben beeinflussen, führt auch die aktuelle zu einem Rattenschwanz an Erklärungsversuchen, die nach dem oder den Schuldigen suchen. Mal sind es die Chinesen, die den Virus erfunden haben, um dem Westen zu schaden, mal die Amerikaner, um den Rest der Welt noch mehr zu dominieren, mal die Finanzeliten, um mit Spekulation noch mehr zu verdienen usw. Es gibt aber auch scheinbar metaphysische Erklärungen, die „die Natur“ für die Viren  verantwortlich machen und in ihnen eine Waffe sehen, mit der sie sich gegen die Menschen wehrt und dafür sorgt, dass sie von uns nicht noch mehr zerstört wird. Schließlich ist auch davon die Rede, dass der Planet sich mit Hilfe der Viren von der Last einer Überbevölkerung befreien will.

Die Suche nach Schuldigen


Jede dieser Theorien hat mit Scham und Schuld zu tun. Einen Schuldigen zu finden für die Pandemie klingt nach Verantwortung und Aufklärung: Schuldige für ein Unheil müssen ausgeforscht, dingfest gemacht und bestraft werden. Es passiert massives Leid, also muss es massive Schuld geben. Und wo Schuld ist, ist auch die Scham nicht weit.

Sicher gibt es Beamte und Politiker, die in dieser Situation fehlerhaft gehandelt haben. Aber die ganze Problematik und damit auch das Virus selbst als menschliche Erfindung von einigen Bösewichtern darzustellen, ist, solange es dafür keine Beweise gibt (und die Beweislage spricht eindeutig für das Gegenteil), eine ungeheure Beschuldigung gegen Unbekannt. Solche Vorwürfe entspringen dem Bedürfnis nach einem eindeutigen Schuldigen, dem die ganze Verantwortung angelastet werden kann. Wo Schlimmes geschieht, muss es Schuld geben, so haben wir das in der Kindheit gelernt und folglich muss das auch für die große weite Welt und ihre komplexen Abläufe gelten. Wie wir als Kinder für unsere schlimmen Taten beschuldigt, beschämt und bestraft wurden, muss es jetzt auch geschehen, sonst bleibt die Unsicherheit, dass es erneut zu Widrigkeiten kommt, die sich unserer Kontrolle entziehen. 

Damit wird die Scham als Waffe genutzt, die vermeintlich unsere Ehre wiederherstellen kann, die durch eine Krise in Frage gestellt wurde.  Doch ist es das eigene Schambedürfnis, aus dem eine solche Denkweise erwächst. Denn es besteht keinerlei Notwendigkeit, einem Vorgang wie diesem böse menschliche Absichten zu unterstellen – wie gesagt, solange es keine Belege dafür gibt. Die Absicht, böse Absichten ohne Grund zu unterstellen, kommt aus der eigenen Bosheit, die mit Scham unterdrückt und auf andere projiziert wird. 

Ist die Natur ein Subjekt?


Wenn wir die schuldige Instanz in der Natur sehen, die sich rächen will, sollten wir auch auf die Schamthemen schauen, die sich in diesem Erklärungsmodell verbergen. Zunächst wissen wir nicht, ob hinter der Natur und ihren Abläufen ein Plan oder ein planendes Wesen steht. Wir können von einer derartigen Annahme ausgehen, genauso wie von der gegenteiligen, dass es eben keine planende Stelle oder Person oder Intelligenz gibt, sondern dass die Vorgänge und evolutiven Prozesse in der Natur ohne Vorausplanung ablaufen. Das ist zumindest der Standpunkt der modernen Naturwissenschaften, und die Theorie des „kreativen Designs“, die eben einen Architekten des ganzen Ablaufs unterstellt, hat dagegen einen sehr schweren Stand. Sie ist deshalb nur noch in einigen amerikanischen Bundesstaaten angesehen, in denen auch die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannt ist. 

Es ist also im besten Fall eine Glaubensfrage, ob die Natur selbständig, nach dem Modell des Menschen, handlungsfähig ist und für sich selbst Verantwortung übernimmt oder nicht. Obzwar wir als Menschen in vielen Fällen planvoll agieren, muss das nicht bedeuten, dass die Natur oder die Existenz als Ganze entsprechend designet sind. Nach all unserem Wissen sind die Menschen die einzigen, die die Herausforderungen ihres Lebens mit dieser Strategie meistern, zumindest zum Teil. Es gibt nahe Verwandte im Tierreich, die über solche Fähigkeiten im Ansatz verfügen, aber damit hat es sich schon. Wir sind ein Spezialfall innerhalb der Vielfalt der Lebensformen, mit einer Intelligenz, die in der Lage ist, die eigene Verfasstheit auf das Ganze zu übertragen, aber ohne die Fähigkeit, absolut entscheiden zu können, ob das sinnvoll ist oder nicht.

Die Natur als Rächerin


Würde es nun stimmen, dass die Natur mit Hilfe von Viren zurückschlägt, um sich der Menschenschädlinge zu entledigen, so sind wir als Menschheit mit einer riesigen Scham beladen, für die wir gerechterweise mit unserer Existenz büßen müssten. Scham ist eben das Gefühl, das auftritt, wenn der Kern unserer Existenz fraglich und unsicher ist. Wenn wir uns selber gewissermaßen in diese Existenzscham versetzen, indem wir der Natur Racheabsichten unterstellen, sind wir es selber, die uns das Existenzrecht absprechen. Es ist also gar nicht die Natur oder die von ihr ins Rennen geschickten Viren, wir selber sind es, die unsere Auslöschung wollen. 

Solche Gedankengänge sind psychologische Spiele. Sie spiegeln nichts anderes als das eigene Lebensschicksal wider. Eigentlich dienen sie gar nicht dazu, besser zu verstehen, was abläuft, um damit in Frieden zu kommen. Vielmehr rechtfertigen sie die eigene Verdammung, die irgendwo und irgendwann in einer frühen Lebensphase erlebt werden musste. Die übermächtige Naturumgebung, in der wir entstehen, ist die Mutter. Wenn sie uns nicht bedingungslos annimmt als neues Erdenwesen, sondern uns als Belastung und Störung ihres Lebens erfährt, nistet sich die Urscham ein, die besagt, dass wir als Wesen falsch und überflüssig sind.

Wenn wir diesen Gedanken des Ungewolltseins auf die ganze Menschheit übertragen, entlasten wir uns ein Stück von unserem eigenen Schicksal, indem wir die Scham potenzieren, sodass wir nur mehr ein kleines Stück von ihr betroffen sind. Wir wollen uns also selber vom eigenen Schicksal freisprechen, um den Preis, den eigenen Untergang mitsamt der Menschheit in Kauf zu nehmen und sogar noch zu rechtfertigen. 

Die fehlprogrammierte Natur


Dazu kommt das peinliche Faktum, dass wir als Menschen selber Naturwesen sind. Manche bemühen an diesem Punkt die Krebsmetapher, um ihr selbstschädigendes Modell aufrechterhalten zu können: Die Menschheit sei das Krebsgeschwür der Natur, also eine genetische Fehlprogrammierung, die in der Lage wäre, die ganze Natur auszulöschen. Wieder wird extrapoliert und vom menschlichen Organismus auf die Natur als Ganze geschlossen, was schon nach den Gesetzen der Logik problematisch ist. Letztlich würde diese Annahme auf den Punkt zusammenfallen, dass die Natur Programme in sich trägt, die bestimmte Strukturen zerstört. Sie baut also auf und zerstört, eine No-Na-Erkenntnis.

Wir wissen nicht einmal, ob die Zerstörung, die Teil von allen Naturprozessen ist, fehlerhaft ist oder nicht. Denn ohne Wissen über den Gesamtplan gibt es auch kein Richtig und Falsch in Bezug auf die Abläufe, die das Leben der Natur ausmachen. Vielleicht müssen wir uns begnügen festzustellen, dass alles so ist, wie es ist, alles so geschieht, wie es geschieht, und dass wir nicht darüber urteilen müssen, was sinnvoll und gut und was fehlerhaft und schlecht ist. 

Die Schwierigkeit, mit Nichtwissen zu leben


Offenbar ist es schwerer, in Bezug auf Gesamtfragen und Globalerklärungen mit einem Nichtwissen zu leben, als selbstschädigende Gedankenmodelle zu pflegen. Denn Nichtwissen kränkt den Narzissmus, und das schmerzt. Wo wir kein Wissen haben, haben wir keine Macht. Wir müssen also auch unsere Machtlosigkeit dem Ganzen gegenüber akzeptieren, und das heißt, wir müssen unsere Endlichkeit und Sterblichkeit annehmen. Es ist also ganz einfach die Angst vor dem Tod, die uns Erklärungsmodelle diktiert, mit denen wir ein Stück Unsterblichkeit erobern wollen. 

Wir können unheimlich viel erklären, was in der Natur abläuft, aber wir wissen nicht, ob es dahinter einen Plan gibt, den wir nach und nach entschlüsseln. Je mehr wir verstehen, desto besser können wir eingreifen und Einfluss ausüben. Sobald die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine Methode gefunden haben, die den Viren den Garaus macht, sind wir die Plage los. Gäbe es die Wissenschaft nicht, würde die Epidemie solange wüten, bis es keine Wirte mehr für die Viren gibt, wie das bei den Pestepidemien vergangener Zeiten war. So aber ist es nur eine Frage der Zeit, und die menschliche Intelligenz wird die menschliche Gesundheit wieder ausreichend schützen können.

Doch selbst dann sind wir wieder nur ein bisschen sicherer mit unserem Leben. Selbst dann gibt es genug Bedrohungen, die unserem Leben ein Ende setzen können. Irgendwann wird eine Bedrohung so mächtig sein, dass wir ihr nicht entkommen und uns ihr hingeben müssen. Wollen wir uns auf diesen Moment vorbereiten, so ist es jetzt die Übung, dass wir uns dieser Situation hingeben, ohne zu wissen, wer daran schuld ist und was damit letztlich bezweckt ist.

Freitag, 31. August 2018

Armut ist ein Ärgernis – dem kann abgeholfen werden

Armut ist ein Ärgernis. Die Betroffenen leiden und die Bessergestellten bekommen ein ungutes Gefühl, wenn sie mit Armut konfrontiert sind. Wir wissen, dass wir alle Menschen sind und deshalb eine annähernd gleiche Lebenssituation verdienen. Armut macht uns auf einen Missstand aufmerksam, für den wir in gewisser Weise alle zuständig sind.


Ideologien der Schuldzuweisung


Es gibt verschiedene Strategien, mit dieser Diskrepanz umzugehen. Eine besteht darin, Armut mit individueller Schuld zu verknüpfen. Sowohl Neoliberale wie auch Konservative sind sich in diesem Punkt einig: Wer arm ist, ist selber schuld. Konservative christlicher Prägung sehen es allerdings als Verpflichtung aus dem Gebot der Nächstenliebe und nach der Predigt von Jesus, für Arme zu sorgen; Neoliberale erwarten sich dagegen nur vom möglichst unbehinderten wirtschaftlichen Fortschritt die langfristige Beseitigung der Armut. Je mehr wirtschaftliche Freiheit, desto mehr Jobs, desto weniger Armut, so geht das neoliberale Kalkül. Und weiter: Wer wirklich arbeiten will, wird auch was finden; wer nichts findet, strengt sich zu wenig an und ist selber schuld, wenn er verarmt. Und wer sich nicht anstrengt, verdient auch kein Mitgefühl.

Der Geist des protestantischen Reformers Jean Calvin und zugleich das Credo rechtskonservativer Millionäre weht also noch immer durch solche Debatten: Reichtum ist Resultat von harter Arbeit, Armut der „Lohn“ für Faulheit. Wir wissen freilich längst, dass die These nicht stimmt. Reich wird man vor allem durch reiche Eltern. Es gibt Menschen, die reich sind und hart arbeiten, während andere ihren Reichtum verfaulenzen. Es gibt arme Menschen, die „es schaffen“ und sich einen beträchtlichen Reichtum erarbeiten. Es gibt viele, viele arme Menschen, die hart arbeiten und es nicht zu Reichtum bringen („working poor“). 

Das Leben erschafft alle möglichen unterschiedlichen Schicksale und Lebensbahnen, und die calvinistische Ideologie verkürzt sie auf zwei Beispiele, um daraus eine Ideologie zu zimmern. Deren Zweck ist klar: den eigenen Reichtum zu rechtfertigen und gegen („linkslinke“ – nach rechtspopulistischer Diktion) politische Umverteilungsideen abzusichern. Das Problem der Armut wird der alleinigen Verantwortung der Betroffenen überlassen, womit alle sozialen oder karitativen Programme obsolet und gefährlich, weil leistungsfeindlich, gebrandmarkt werden können. 

Was man genau unter Armut verstehen soll, ist unter Experten umstritten. Viele unterschiedliche Faktoren spielen zusammen. Die Wurzeln von Armut sind komplex, und mit Ideologien, die mit Schuldzuweisungen arbeiten, kommen wir nicht weiter, wenn es darum geht, die Armut zu verringern. Das sollte eigentlich das Anliegen aller Menschen sein, die an einer menschenwürdigen Gesellschaft interessiert sind. Denn Armut, die mit ständiger Überlebensangst verbunden ist, ist nicht menschenwürdig.

Manchmal scheint Armut selbstverschuldet sein: Jemand kriegt sein Leben nicht auf die Reihe, stürzt ab wegen Alkohol, Kriminalität oder Drogen usw. Wir sagen dann, ja, da ist jemand mit zu wenig Charakter gescheitert, die Person hätte mehr Willenskraft und Motivation aufbringen müssen. Aber wenn wir genauer hinschauen, merken wir, dass wir einer Vereinfachung aufsitzen. Weshalb ist jemand leichter motiviert als andere, hat mehr Ideen, Durchsetzungskraft oder Anpassungsfähigkeit? Denn die Gründe für Charaktermängel und Schwächen und damit die Adressaten für die Schuldfrage  liegen genauso und unentwirrbar in der Gesellschaft wie im Individuum, ebenso wie bei denen, die stromlinienförmig ins kapitalistische Anforderungsprofil passen und folglich die Reichtümer scheffeln, manchmal mit vergleichsweise geringer Anstrengung. Wer und was ist dann wirklich schuld an Charakterschwäche 1 (beim gescheiterten Sandler) und an Charakterschwäche 2 (beim skrupellosen Unternehmenssanierer)?

Die Schuldfrage in Bezug auf die Armut hängt also vom Standpunkt des Betrachters und von seinen Voreinstellungen und Interessen ab. Sie erweist sich als völlig nutzlos, außer zur Rechtfertigung asozialer Ignoranz und zur Verachtung der Betroffenen. Manche machen die Einzelpersonen für ihr Schicksal verantwortlich, andere die Gesellschaft; im Grund eine unsinnige Alternative, weil es keine Individuen ohne Gesellschaft und keine Gesellschaft ohne Individuen gibt. 


Armut verdummt


Wenn wir den Zusammenhang zwischen Armut und Intelligenz betrachten, sehen wir rasch, wie haltlos und inhaltsleer die Schuldfrage in Bezug auf die Armut ist. Die Sozialforschung hat dazu Interessantes herausgefunden: Es werden die Menschen nicht arm, weil sie weniger intelligent sind, sondern sie werden weniger intelligent, wenn sie arm sind. Ein Leben, das am Rand der Gesellschaft geführt werden muss und fortwährend vom Zusammenbruch bedroht ist, schränkt die Denkfähigkeiten ein und macht dumm. Wir wissen, dass wir unter Stress und infolge von Traumatisierungen weniger leistungsfähig sind: Kognitiv, emotional und kommunikativ. Menschen, die ihr Leben und Überleben von einem Tag auf den anderen fristen, stehen unter Dauerstress. Ihr Gehirn ist nur mehr beschränkt einsatzfähig, weil es sich auf das Vermeiden und Hinauszögern des Verhungerns konzentrieren muss.

Während Reichtum ein hohes Maß an Sicherheit bewirkt, ist Armut eng mit Angst verbunden. Reichtum erweitert die Möglichkeiten, Armut engt sie ein. Mit jeder beschränkten Einzelexistenz ist auch die ganze Gesellschaft ärmer. Alle ungenutzten konstruktiven und kreativen Potenziale reduzieren die gesamtgesellschaftlichen Möglichkeiten, flexibel auf Herausforderungen zu reagieren und neue Initiativen zu entwickeln. Wenn ein schriftstellerisches Talent unter einer Brücke endet, ohne ein Werk zu schaffen, fehlt ein sinnstiftender Beitrag, der andere Menschen und damit die Gesellschaft hätte verändern können. 


Soziale Absicherung dient allen


Was ist die Lösung? Sollen wir Menschen, die arm sind, eben dumm sterben lassen? Statistisch gesehen, ist klar: Armut verkürzt die Lebenserwartung. Oder sorgen wir dafür, dass sich der Stress reduzieren kann und dadurch mehr Menschen in den Genuss eines menschenwürdigen Lebens kommen können? Eine Untersuchung bei indischen Maisbauern, die von einer Ernte im Jahr leben, hat gezeigt, dass ihr IQ vor der Ernte um 14% niedriger ist als nachher. Klarer Befund: Die Angst, bevor die Ernte beginnt, es könnte nicht fürs Jahr reichen, macht so viel Stress, dass die Intelligenz schwächer wird als sie eigentlich ist.

Wenn wir also eine Gesellschaft mit Menschen wollen, die ihre Intelligenz nutzen können – für sich und für die Gesellschaft –, dann müssen wir dafür sorgen, dass der Grundstress sinkt. Das geht nur, wenn das Überleben und das Leben aller in einem guten, wenn auch bescheidenen Rahmen gesichert wird, unabhängig von einer Leistung, die von dauernd wechselnden Anforderungen des kapitalistischen Arbeitsmarkts definiert ist. Der Armut abzuhelfen, bringt allen Nutzen, ob sie zu den Ärmeren oder den Reicheren zählen. Wir müssen folglich für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintreten. 

Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet nicht, dass der Staat Geschenke oder Almosen an Bedürftige gibt, wie es in früheren Zeiten der Herrscher nach seinem Gutdünken verteilte, sondern dass jedes Mitglied einer Gesellschaft einen verbindlichen Rechtsanspruch auf die Sicherung seiner Existenz hat. Es genügt also nicht, dass der Staat eine Mindestsicherung festsetzt, die dann nach Belieben der jeweiligen Regierung hinauf- oder hinabgesetzt wird, womit den Betroffenen signalisiert wird, dass ihre Absicherung von der Gnade der gerade Mächtigen abhängt. 

Auch wenn – hypothetisch – irgendwann alle notwendigen Güter von Maschinen produziert, vermarktet und verkauft werden, braucht es Menschen, die die Gesellschaft bilden, die miteinander reden, spazieren gehen, spielen, lachen usw. All die Menschen brauchen ein menschenwertes Leben, sonst können sie keine funktionierenden Gemeinschaften bilden, sondern müssen danach trachten, auf Kosten anderer das eigene Leben zu sichern – wie es zu einem nicht unbeträchtlichen Teil das Leben im Kapitalismus prägt. Menschen brauchen entspannte Zeiten miteinander, um sich in erster Linie als Menschen wahrzunehmen und um sich in zweiter Linie wohlzufühlen, und dazu müssen sie von den Existenzsorgen der Überlebenssicherung befreit sein.

Ein deftiges Zitat zum Thema: Wenn Scheiße etwas wert wäre, hätten die Armen keinen Arsch. (Brasilianisches Sprichwort)

Zum Weiterlesen:

Donnerstag, 10. März 2016

Schuldgefühle und ihre Hintergründe

Wir machen uns schuldig, wenn wir anderen Menschen etwas antun und ihnen Leid zufügen. In den seltensten Fällen tun wir das absichtlich, geplant und gewollt. In den meisten Fällen handeln wir aus der Einsicht und den Kräften heraus, die uns gerade zugänglich sind. Es passiert jedoch etwas, was anderen Personen Probleme bereitet, sie verletzt und enttäuscht, sie unter Stress setzt und irritiert.

Dann sind wir, wie es schon die griechische Tragödie thematisiert hat, unschuldig schuldig. Unschuldig, weil wir nicht wissen konnten, dass die andere Person verletzt wird, schuldig, weil wir die Verletzung verursacht haben.


Schuld und Entschuldigung


Für diese Fälle gibt es die Ent-Schuldigung, um die wir die andere Person bitten, wenn wir erkannt haben, dass unser Handeln einen physischen oder emotionalen Schaden bei ihr angerichtet hat. Mit der Entschuldigung gestehen wir ein, dass wir in unserem Handeln nicht alle Auswirkungen mitbedacht haben und dass wir einsehen und anerkennen, dass unser Handeln Auswirkungen hatte, die die andere Person belasten.

Im Grund können wir nicht mehr tun als das. Wir stehen zu unserer Schuld und tragen sie. Es liegt dann bei der anderen Person, die Entschuldigung anzunehmen und damit den Zyklus abzuschließen. Wir können diese Annahme nicht einfordern, sie kann nur aus der anderen Person kommen.

Die Annahme der Entschuldigung beinhaltet, dass der Fall damit einvernehmlich geschlossen und in die Vergangenheit verabschiedet wird. Wenn die Person, die sich beleidigt fühlt, nach dem Akt des Entschuldigens und der Annahme weiter Vorwürfe und Beschwerden über den Vorfall äußert, hat sie die Entschuldigung nicht wirklich akzeptiert und setzt sich damit selbst ins Unrecht, lädt Schuld auf sich. Wenn wir eine Entschuldigung nur scheinbar oder überhaupt nicht annehmen können, die offen und ehrlich von der anderen Person kommt, liegt es daran, dass die Verletzung, die passiert ist, eine tiefere Wunde in uns angerührt hat, die weit in die Vergangenheit zurückreicht und nichts mit der Person zu tun hat, die sie aktiviert hat.

Wenn wir auf den weisen Teil in uns hören, können wir jeder Person, die uns gekränkt hat, danken, dass sie uns auf ein Thema aufmerksam gemacht hat, das wir noch nicht aufgelöst haben. Wir können uns für die Hilfe, bewusster zu werden, bedanken. In jeder Verletzung steckt ein möglicher Gewinn für uns selber, wenn wir sie annehmen und ihre Hintergründe erforschen.


Unschuldig in der Schuld


Leider tun wir Menschen uns schwer damit, einzusehen, dass wir in jeder Situation immer nur das tun, was wir gerade als das Beste in unseren Kräften stehende zu tun vermögen; denn könnten oder wüssten wir es besser, würden wir es anders machen. Wir haben in jedem Moment genau jene Kräfte und Potenziale, Fähigkeiten und Durchblicke zur Verfügung, die uns zugänglich sind. Wir sind in jedem Moment genau so gut oder schlecht, wie wir eben sind. Dafür sollten wir uns selbst zuallererst Verständnis und Nachsicht gewähren. Diese Barmherzigkeit uns selbst gegenüber dient dann als Brücke für die Versöhnung mit denjenigen, die uns etwas angetan haben.

Die Überheblichkeit des Schuldgefühls


Wir leiden an Schuldgefühlen. Sie machen uns innerlich Druck, schmälern unseren Selbstwert und verringern unser Wohlgefühl. Unter ihrem Einfluss stellen wir uns selbst in Frage, werten uns ab und machen uns schlecht.

Deshalb mag es seltsam klingen, Schuldgefühle mit Überheblichkeit in Zusammenhang zu bringen. Schuldgefühle entspringen der Annahme, dass wir perfekt sein müssten, unfehlbar und makellos. Und dass wir die Kontrolle und Übersicht über die Wirklichkeit haben müssten, ebenso über die Folgen unserer Handlungen. Doch sind wir nur beschränkte Wesen mit begrenzten Wahrnehmungen und Denkfähigkeiten. Wir sind der Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit der Welt ausgesetzt. Wenn wir diese Tatsache ignorieren, sind wir überheblich. Wir halten uns für mächtiger als wir jemals sein können, wir verwechseln Möglichkeit und Wirklichkeit.

Letztlich ist im Schuldgefühl ein Sich-über-den Lauf-der-Dinge-Stellen-Wollen enthalten, so als hätten wir eine umfassende Macht über das, was passiert – wir haben sie aber nicht. Und das Eingestehen der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit ist der erste Schritt zum Verabschieden der Schuldgefühle. Die Regie in unserem Leben liegt nicht bei uns, wir haben nur einen kleinen Gestaltungsspielraum bei dem, was das Ausfüllen unserer Rolle anbetrifft. Wir können neues lernen und damit unsere Freiheitsräume erweitern. Aber der große Teil unseres Denkens und Tuns, selbst unseres Wahrnehmens ist unserer willentlichen Kontrolle entzogen. Nur ein Bruchteil der Operationen, die unser Gehirn vollzieht, ist dem Bewusstsein und der willentlichen Steuerung zugänglich.

Bei unseren Mitmenschen ist es genauso. Deshalb können wir uns vornehmen, ihren Fehlerhaftigkeiten und Unzulänglichkeiten mit Nachsicht und Verständnis zu begegnen, auch wenn wir uns im ersten Moment beleidigt und verletzt fühlen.


Wurzeln in der Kindheit


Unsere Schuldgefühle haben sich ausgeprägt, als wir noch klein waren. Scheinbar waren die Großen, die uns umgeben haben, frei von Fehlern und Irrtümern, scheinbar haben sie immer alles richtig gemacht. Als die Kleinen konnten wir ja nicht wissen, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Erst langsam haben wir erkannt, dass auch die erwachsenen Bezugspersonen unvollkommen sind. Doch da waren unsere Selbstabwertungen innerlich längst schon fest etabliert. Oft wurden wir in unseren Fähigkeiten, uns richtig zu verhalten überfordert, und haben bald begonnen, uns selbst zu überfordern. Deshalb ist der Leistungsdruck eng mit Schuldgefühlen verbunden: Wann immer wir nach irgendeinem Maßstab nicht genug leisten, sollten wir uns schuldig fühlen.

Doch blockiert das Schuldgefühl die Leistungsfähigkeit. Wir können uns zwar von ihm angetrieben und motiviert fühlen, kommen aber unter seinem Druck schnell in Stress, der dann wieder die Leistungsfähigkeit hemmt, weil diese auch einen Entspannungsfaktor braucht. Stress macht uns unkonzentriert und dadurch fehleranfälliger, was die Schuldgefühl-Spirale antreibt und verstärkt.

Schuldgefühle können deshalb die Selbstausbeutung fördern: Über unsere Grenzen gehen, um ja nicht äußerer Kritik zu verfallen, um ja die Erwartungen anderer lückenlos zu erfüllen, tun wir alles, was in unseren Kräften steht, bis diese über die Maßen erschöpft sind. Dieser Mechanismus ist leider eine zentrale Antriebskraft der Leistungsgesellschaft, die die Menschen über die Erfolge definiert, die sie im Leben erzielen, von denen ihre Fehler und Misserfolge abgezogen werden.


Ungeschehen machen


Manchmal wollen wir ungeschehen machen, was passiert ist. Wir haben einen blöden Fehler gemacht, und haben das Gefühl, dass wir mit den Folgen des Fehlers nicht fertig werden können. Deshalb fantasieren wir den Fehler weg, indem wir denken, wie wir anders hätten handeln müssen, damit der Fehler nicht passiert wäre. Wir werden zu Kindern, die noch glaubten, dass magische Kräfte die Welt regieren, die Vergangenheit wie die Zukunft, und dass diese Kräfte auch etwas, was schon geschehen ist, wieder löschen können. Wir meinen, wir könnten die Zeit zurückdrehen und die Geschichte in einer harmloseren Version neu schreiben, sodass wir als die Guten und Vollkommenen aussteigen.

So sind wir mit diesen Fantasien beschäftigt und müssen uns nicht mit den Folgen unseres Fehlers praktisch auseinandersetzen – was uns allerdings in den allermeisten Fällen nicht erspart bleibt. So schieben wir nur hinaus zu tun, was zu tun ist, was wiederum in vielen Fällen den Fehler noch verschlimmert, sodass noch mehr getan werden muss, um ihn auszubügeln. Wir vertrauen nicht auf die Kraft, die wir haben, um nach jedem Versagen wieder aufzustehen, sondern klammern uns an die Illusion, dass wir ohne Anstrengung weiterkommen.

Ein Psychologe sagt vielleicht, dass die Fantasien, die die Vergangenheit umschreiben wollen, einem Probehandeln dienen: Wir wollen imaginär üben, wie wir es beim nächsten Mal besser machen. Mir ist der Blumentopf beim Gießen runtergefallen und indem ich die missglückte Aktion Revue passieren lasse, wie sie hätte ablaufen sollen, ich präge mir ein, wie ich den Fehler das nächste Mal vermeide. Nur: Das nächste Mal gibt es nicht in dieser Weise, die Bewusstheit ist bei der nächsten ähnlichen Handlung ohnehin erhöht. Ich lerne unmittelbar aus den Folgen meines Tuns, was in das nächste Mal einfließt. Fehler schulen meine Achtsamkeit.


Das Vergangene der Vergangenheit


Was geschehen ist, ist geschehen, es lässt sich nicht mehr ändern. Wir wissen es ja, wollen es aber oft nicht wahrhaben, wenn wir noch im Schock des Fehlers stehen. Auch der Fehler gehört in die Vergangenheit, ins Jetzt gehört das Umgehen mit den Folgen – Reparieren, was kaputt gegangen ist, Wiedergutmachen, was als Schaden angerichtet wurde usw. Wenn getan wurde, was getan werden kann, sollte das Leben wieder weitergehen und das ganze Ereignis, die fehlerhafte Handlung und die Bewältigung der Folgen, in die Vergangenheit verabschiedet werden. Wir haben die Lektion gelernt und sind in Bewusstheit und Achtsamkeit gewachsen.

Wenn wir die von Überheblichkeit geprägte Haltung der eigenen Selbstüberschätzung hinter uns gelassen haben, brauchen wir keine Schuldgefühle mehr. Wir wissen, dass wir manches gut und manches weniger gut machen, dass wir fehleranfällig sind, eben Projekte im Werden, die durch Lernen flexibler und kreativer werden. Mit Schuldgefühlen binden wir uns an die Vergangenheit und hindern uns daran, den gegenwärtigen Moment voll auszuschöpfen und mit unserer Kraft und Gestaltungsfreude mitzugestalten.