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Samstag, 15. November 2025

Gaben und Aufgaben

Was wir können, verdanken wir vielen Ursachen, die nicht in unserer Macht liegen. Die genetische Ausstattung, das familiäre Umfeld und die soziale Schicht, in die wir hineingeboren sind, die Anregungen und Bildungschancen, die wir erhalten haben, die Motivationsfaktoren, die wir entsprechend dieser Bedingungen entwickeln konnten, all das sind Faktoren, aus denen sich unsere Begabungen zusammensetzen und die nicht unserem Einfluss unterliegen. Unsere Begabungen sind Gaben, die uns geschenkt wurden, für die wir also Dankbarkeit schulden.  

Auch das, was wir aus unseren Begabungen machen – ob wir sie brach liegenlassen oder fördern, hängt von Kräften ab, die in uns angelegt sind. Denn selbst die Willensstärke und die Fähigkeit zur Disziplin sind nicht das Ergebnis von bewusst gesetzten Entscheidungen, sondern strukturelle Bedingungen in unserer Psyche, die bei Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägt sind. Vielmehr sind die bewussten Entscheidungen durch diese Bedingungen vorbestimmt, und ihre Umsetzung hängt von Energien ab, die unsere Stoffwechselsysteme erst einmal hervorbringen müssen. Allenfalls sorgen wir für gute Rahmenbedingungen, aber auch dafür müssen wir eine hilfreiche Motivation aufbauen, die wieder von Umständen abhängig ist, die nur zum Teil von uns gesteuert werden können. 

Wenn wir den berechtigten Stolz über die eigenen Leistungen und Errungenschaften ein wenig zurückstellen, müssen wir einbekennen, dass unser Tun viel mehr von fremden, äußeren wie inneren Triebkräften gesteuert wird als wir gemeinhin annehmen. Wir haben viel mehr bekommen als das, was wir daraus gemacht haben. Denn jedes Machen beruht auf Bekommenem. 

Toleranz für die Fehler der anderen 

Wir entwickeln mit solchen Einsichten auch mehr Verständnis und Toleranz für die Fehlerhaftigkeit unserer Mitmenschen. Auch sie handeln, wenn sie Unrecht begehen oder Böses tun, überhaupt nicht oder nur zum Teil aus böser Absicht. In wesentlichen Bereichen sind sie der Spielball von inneren Kräften, die sie nur zu einem geringen Teil kontrollieren können. Das heißt nicht, dass wir Böses verharmlosen oder einfach entschuldigen sollten. Böse Handlungen sollen Konsequenzen nach sich ziehen, damit sie nicht wiederholt werden und andere Menschen schädigen. Aber wir brauchen andererseits die Täterperson als Person nicht abwerten, sondern sollten ihr weiterhin eine grundsätzliche Achtung entgegenbringen, die wir für uns selbst erwarten. 

Wir haben mit diesen Einsichten auch keine Ausreden für unsere eigenen Handlungen, wenn deutlich wird, dass sie schädigende Einflüsse auf andere ausüben. Es gilt nicht, dann zu sagen, ja, aufgrund meiner schweren Kindheit oder aufgrund meiner mangelhaften Gene kann ich nicht anders, und das sollten gefälligst alle verstehen. Vielmehr müssen wir Verantwortung für unser Tun übernehmen, auch wenn es nur zum Teil unserer bewussten Kontrolle unterliegt, ebenso wie wir den anderen die Verantwortung für ihr Tun zumuten. Anders kann eine Gesellschaft nicht funktionieren, denn nur aus der Verantwortungsübernahme für die eigenen Fehler resultiert eine mögliche Verhaltensänderung. Wir sind lernfähig, doch nur, wenn wir für unsere Fehler einstehen. 

Gaben sind Gegebenes 

Gaben sind Gegebenes, und den Dank für das Gegebene leisten wir am besten, indem wir aus der Gabe eine Aufgabe machen. Unsere Gaben haben wir zu dem Zweck, das eigene Leben und das unserer Mitmenschen zu bereichern. Wer die Gabe hat, gute Speisen zubereiten zu können, macht sie zu einer Aufgabe, wenn er ein Festessen für andere kocht. Wer eine gute Hand für Blumen hat, gestaltet einen Garten, an dem sich andere erfreuen können.  

Von der Gabe zur Aufgabe 

Gaben, die wir in Aufgaben umwandeln können, geben unserem Leben einen immanenten Sinn. Wenn wir spüren können, dass dieses Tun, das uns aufgrund unserer Gaben gelingt, andere Menschen beglücken kann, dann haben wir unsere Aufgabe erkannt und es fällt uns leicht, sie auszuüben und zu verbessern. Die Verbindung von Gabe und Aufgabe führt zu dem, was als Flow bezeichnet wird, als das Erleben des Fließens, in dem das Ich zurücktritt und das Tun wie von selbst vonstattengeht. 

Sobald sich ein von außen auferlegtes Müssen in die Aufgabe einmischt, verliert sie ihren Zauber und ihre immanente Kraft. Das Fließen kann nur von innen kommen, aus einer Übereinstimmung des Wollens und des Könnens. Es ist das innere Wesen, das nach außen drängt, um in der Welt Gestalt anzunehmen. 

Wir können diese Aufgabe auch als unsere Berufung erleben. In der Berufung steckt ein Ruf, der von einer höheren Instanz kommt, die uns daran erinnert, was unser Beitrag ist, den zu leisten wir gerufen werden. Berufung ist eine Botschaft, die wir mit einer besonderen Klarheit übernehmen, verbunden mit dem Gefühl, einen einzigartigen Beitrag zur Welt zu leisten. Es ist ein Beitrag, den nur wir selbst in dieser Weise einbringen können. Etwas, das aus der Individualität unseres Wesens fließt, kann niemand anderer so zuwege bringen wie wir selbst. Und wenn wir es nicht tun, bleibt es ungetan, und dann fehlt dieses Stück in dem riesigen bunten Teppich der Welt.  

Das Finden der Berufung 

Manche wissen ganz genau, was ihre Aufgabe und was ihr Auftrag ist, manche tun genau das, ohne zu wissen, dass sie damit ihre Individualität verwirklichen, und manche tun sich schwer zu finden, wo ihre Berufung liegt. Die eigene Aufgabe nicht identifizieren können, ist oft Anlass für Sinnkrisen oder Selbstzweifeln. Und umgekehrt, ist es die Neigung zu Selbstzweifeln, die das Finden der Berufung erschweren. Sie müssen überwunden werden, damit sich der Sinn des eigenen Lebens in Form der genuinen Aufgabe zeigen kann. Es kann auch sein, dass der Ruf überhört wurde, dass er im Getriebe des Alltags untergegangen ist. Denn der Ruf kommt aus der Stille, er wird im Verweilen hörbar, im Heraustreten aus der Hektik. 

Dienlich ist der Blick auf das, was jemand gerne in einer gestalterischen Weise macht, um eine Spur zur Berufung zu finden. Welche Gaben habe ich bekommen, was sind die Fähigkeiten, die mich auszeichnen? Es kann dabei hilfreich sein, die Unterstützung anderer in Anspruch zu nehmen, um den Ruf zu hören und damit einen wichtigen Teil des Lebenssinns zu gewinnen.  

Es ist dabei zweitrangig, ob die Ergebnisse des kreativen Selbstausdrucks bestimmten Maßstäben genügen. Solche Bewertungen sind immer willkürlich ausgewählt; oft wählen wir Maßstäbe, die gar nicht mit unserer Berufung zusammenpassen, sondern von anderen entlehnt sind. Wichtig ist nur die Selbstbewertung, die aus der Übereinstimmung der eigenen Ansprüche und der eigenen Fähigkeiten stammt.  

Deshalb sollte das Ausmaß an Anerkennung, das von anderen kommt, kein absolutes Kriterium für die Bewertung der eigenen Ausdruckskraft sein. Maßgeblich ist das eigene schöpferische Gefühl, der eigene Schaffensdrang, der sich in dem Werk Bahn bricht, um es der Welt zu gebären und ihr ein neues Kind zu schenken. Das Universum wird die Anerkennung geben, die jedem Beitrag zu seiner Bereicherung und Verschönerung gebührt. 

Zum Weiterlesen:
Ego-Bestätigung und Berufung

Donnerstag, 9. Oktober 2025

Parteilichkeit und Allparteilichkeit

Manchmal ist die Aussage zu hören: Man darf nicht Partei ergreifen in einem Konflikt, sonst wird man gleich Teil des Konflikts. Im Grund sind alle Seiten gleichermaßen an einem Konflikt beteiligt. Der einzige sinnvolle Standpunkt ist außerhalb des Konflikts, von dort aus kann dann niemand verurteilt werden. 

So weise diese Sichtweise klingt, so hohl ist sie als Forderung in der Praxis. Denn sie geht von einer wertungsfreien Position aus, die es nicht gibt. Wir können nicht nicht bewerten, wenn es um einen Konflikt geht, der uns emotional bewegt. Die Bewertung wird von unserem Unbewussten vorgenommen, ob wir es wollen oder nicht. Wir können uns die Bewertung bewusst machen, indem wir den Gefühlen nachspüren, die wir den Konfliktparteien gegenüber fühlen. Meistens wird es so sein, dass uns eine Konfliktpartei sympathischer ist und wir sie eher in der Opferrolle sehen. 

Das Bewusstmachen der Wertungen, die unser Unterbewusstsein vornimmt, kann uns in der Folge dazu führen, dass wir zu einer wertungsfreien Position gelangen, ohne dass dadurch die Wertungen in unserer Emotionalwelt verschwinden. Wir nehmen eine übergeordnete Sichtweise ein, durch die wir die Triebkräfte aller Konfliktparteien besser verstehen können und dann vielleicht Empathie mit allen, die im Konflikt involviert sind, empfinden. Allerdings enthebt uns diese Perspektive nicht von der Pflicht, Stellung zu beziehen, wenn im Konflikt Dynamiken im Gang sind, die die Menschlichkeit bedrohen.

Jeder Konflikt betrifft uns

Im Grund geht unser jeder Konflikt, der besteht, etwas an. Wir haben etwas damit zu tun, weil wir eben Teil der Menschheitsfamilie sind, und Spannungen in dieser Familie erzeugen auch bei uns Spannungen. Natürlich haben wir keine direkten Bezüge zu den allermeisten Konflikten in dieser riesigen Familie. Aber vor allem größere Auseinandersetzungen, die viele Opfer fordern, betreffen uns, sobald wir davon erfahren, selbst wenn wir weit vom Geschehen sind und persönlich nicht eingreifen können. Denn es ist menschliches Leid, das verursacht wird und das ein Ärgernis für das Menschheitsgewissen darstellt. Es darf uns nicht gleichgültig lassen, wenn Menschen gefoltert, vergewaltigt und umgebracht werden. Denn die Gleichgültigkeit gegenüber Leid lässt uns zum Teil der Unmenschlichkeit werden. Auch wenn es nicht in unserer Macht steht, das Leid zu lindern oder die Ursachen des Leides zu beseitigen, sind wir betroffen, denn es sind unsere Brüder und Schwestern, die ins Unglück gestoßen oder getötet werden.

Ausreden

Selbst die Rationalisierungen, mit denen wir unser Betroffensein wegwischen wollen, sind unmenschlich. Wir erfinden Gründe, warum wir nichts zu tun haben mit den Bösewichtern dieser Welt und ihren Untaten oder dass die Leidenden an ihrem Unglück schuld sind oder dass wir genug mit unserem eigenen Leben mit seinen kleinen Konflikten beschäftigt sind. Mit solchen Versuchen, uns vom Mitgefühl zu distanzieren, schneiden wir uns von dem Teil in uns ab, der weiß, was menschlich und was unmenschlich ist.

Parteinahme verengt den Blick

Bei jeder unbewusst vorgenommenen Parteinahme für eine Konfliktpartei werden Aspekte unterschlagen, sodass die Konfliktlage verzerrt erscheint. Aber wenn unser immer vorläufiges Urteil darüber klar, wer im Konflikt der Täter und wer das Opfer ist, dann müssen wir Partei ergreifen, um den Tätern eine Grenze zu setzen. Sie dürfen nicht einfach so weitermachen und noch mehr Opfer produzieren. 

Allparteilichkeit ist zwar eine Tugend, die Gruppenleiter, Konfliktmoderatoren oder Friedensstifter brauchen. Aber außerhalb dieser Rollen hat sie keinen Nutzen dort, wo Unrecht geschieht und dadurch Leid verursacht wird. Hier muss Stellung bezogen werden, sodass die Täter zur Verantwortung gezogen werden können. Sich in solchen Situationen das Mäntelchen der Allparteilichkeit überzuhängen, ist billig und feig. Wir müssen und können nicht immer mutig sein, es sollte uns aber bewusst sein, dass wir auch die Überparteilichkeit als Ausrede und Rechtfertigung missbrauchen können. 

Die Parteilichkeit enthält die Chance, Gleichgesinnte um sich zu scharen, trägt aber auch das Risiko, sich Feinde zu schaffen. Das mutige Eintreten für die Gerechtigkeit und Menschlichkeit gefällt nicht allen, vor allem jenen nicht, die von Ungerechtigkeit profitieren. Es ist besser, Feinde zu haben als die Wahrheit und die Ethik zu verraten. 

Die Grenzen der Parteilichkeit

Die Toleranz muss dort ihre Grenze haben, wo sie selbst angegriffen wird, es darf also keine Toleranz für die Feinde der Toleranz geben. Die Allparteilichkeit hat dort ihre Grenze, wo sie auf gewaltbereite und intolerante Parteilichkeit stößt. Sobald an den Fundamenten der Menschlichkeit und an den Grundrechten gesägt wird, muss Widerstand geleistet werden. Die Sichtweise der Allparteilichkeit hilft dabei, das Menschliche in den Gegnern und Feinden zu sehen, aber nicht dabei, ihnen notwendige Grenzen zu setzen.

Zum Weiterlesen:
Toleranz und ihre zweifache Grenze
Toleranz ist ein relativer Wert
Die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen
Identitätsideologie als Gefahr für die Demokratie
Über die Notwendigkeit und die Grenzen der Parteinahme


Mittwoch, 21. August 2024

Die politische Korrektheit

Im Hintergrund und Umkreis der erörterten Begriffe von wokeness, kultureller Aneignung und cancel culture steht die political correctness. Hier geht es vor allem darum, Diskriminierungen in der Sprache zu vermeiden. In vielen sprachlichen Ausdrücken schwingen negative Bewertungen mit, die bei den angesprochenen Gruppen Verletzungen auslösen und deshalb vermieden werden sollten. Die Idee besteht darin, durch die Änderung von Sprachgewohnheiten das Bewusstsein zu ändern, das dann zur Aufhebung von sozialen Benachteiligungen führen könnte. 

Wie bei ähnlichen Bestrebungen, die von liberalen oder linksgerichteten Intellektuellen initiiert wurden, entstanden auch beim Thema der politischen Korrektheit bald kulturpolitische Auseinandersetzungen, bei denen konservative und rechte Kreise sich dagegen zur Wehr setzten, Gewohnheiten zu verändern. Wie bei anderen verwandten Themen trat auch hier der Effekt auf, dass irgendwann der Ausdruck selber abgewertet oder lächerlich gemacht wurde. Wer sich politisch korrekt verhalten will, sei ein „Hypermoralist“, der/die nur die anderen zu kleinlichen, umständlichen oder absurden Formulierungen zwingen will. Diese Kreise sprechen sich in der Regel zwar nicht direkt für Diskriminierungen aus, lassen aber in ihrem Kampf gegen Sprachveränderungen jeden Respekt vor den benachteiligten Personen vermissen.

Das Gendern

Bekannt und weit verbreitet ist die Debatte um das Gendern, das den rechtsgerichteten Politiker*innen ein Dorn im Auge ist, sodass in den österreichischen Bundesländern, in denen die FPÖ mitregiert, ebenso wie in Bayern das Gendern im amtlichen Bereich verboten wurde. Auf die Zusammenhänge zwischen dem Kampf gegen das Gendern und für die Aufrechterhaltung des Patriarchalismus bin ich an anderer Stelle eingegangen. 

Benennungen und Status

Eine andere Kritik an der politischen Korrektheit weist darauf hin, dass die Veränderung des Sprachgebrauchs nichts an den Diskriminierungen ändert und höchstens verschleiert, dass es sie nach wie vor gibt. Es erweckt den Anschein, als wäre eine „Raumpflegerin“ sozial oder ökonomisch besser gestellt als eine „Putzfrau“ oder als hätten „Sexarbeiterinnen“ mehr Prestige als „Prostituierte“ oder gar „Huren“. Andererseits können solche Sprachveränderungen dazu führen, das Selbstgefühl der betroffenen Personen zu heben, indem sich z.B. ein „facility manager“ wertvoller und respektvoller behandelt fühlt als ein „Kloputzer“.

Manche politisch korrekte Bezeichnungen sind mittlerweile im Großen und Ganzen unbestritten, wie z.B. die Ächtung des Begriffs „Neger“, der im Duden mit einem besonderen Hinweis versehen ist, der auf den diskriminierenden Bedeutungsinhalt hinweist. Oft ist an solchen Stellen nur mehr vom N-Wort die Rede. Sinti und Roma werden nicht mehr als Zigeuner bezeichnet; die Eigenbenennung einer ethnischen Gruppe soll immer den Vorrang vor oft abwertend verwendeten Fremdbezeichnungen haben. Ähnliches gilt für die Inuit. Diese Beispiele zeigen Fortschritte in der Bewusstheit in der Achtung von Minderheitenrechten, die sich gegen konservative Widerstände durchgesetzt haben.

Politische Korrektheit in Hinblick auf die Vergangenheit

Ob allerdings der Gebrauch dieser inzwischen verpönten Ausdrücke auch auf die Vergangenheit übertragen werden sollte, wird heftig debattiert. In Österreich ging es z.B. um den Kinderbuch-Klassiker „Hatschi Bratschi Luftballon“ von Franz K. Ginzkey (erstmals 1904 erschienen), in dem Schwarze und Türken rassistisch abgewertet vorkommen. Soll das Buch deshalb nicht mehr verkauft werden? Es gibt jetzt abgewandelte und entschärfte Versionen, aber auch die ursprüngliche Fassung kann mit einem Begleitheft erworben werden, in dem auf die zeitbedingten ethnischen und rassistischen Blindheiten aufmerksam gemacht wird.

In Deutschland gab es vor zwei Jahren eine große Aufregung, weil die Winnetou-Filme angeblich nicht mehr im Fernsehen gezeigt werden sollten. Manche befürchteten einen Kahlschlag nationaler Kulturgüter im Namen der politischen Korrektheit und deckten sich rechtzeitig mit Karl-May-Ausgaben ein, sodass die Winnetou-Bände für einige Zeit an die Spitze der Bestsellerliste kamen. Von einem Politiker wurde sogar ein „Winnetou-Gipfel“ verlangt: Die Koalitionsparteien müssten damit den Häuptling „retten“ und der Kanzler dort „endlich Flagge zeigen“. Schließlich stellte sich heraus, dass die Filme weiterhin gezeigt und die Bücher ungehindert lieferbar sind, und die Debatte verlief im Sand.

Historische Bedingtheiten

Wer mit einigem historischen Verständnis ausgestattet ist, kann solchen Debatten wenig Sinnvolles abgewinnen. Die Vorurteile und Stereotypen, die in früheren Zeiten selbstverständlich waren,  haben sich überlebt, auch wenn das noch nicht allen aktuellen Zeitgenoss*innen bewusst geworden ist. Wir erkennen einen Fortschritt in der Achtung von anderen Kulturen und Traditionen, von Hautfarben und unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Dieser Fortschritt soll mit den Hinweisen auf politische Korrektheit weiter vorangetrieben werden. Historisch denken heißt, alle kulturellen Hervorbringungen als Ausdruck einer bestimmten historischen Epoche, eines Zeitgeistes mit all seinen Beschränkungen zu verstehen. Deshalb ist in solchen Fällen nur ein Mehr an geschichtlichem Reflektieren notwendig und nicht das Korrigieren von klassischen Texten. Es ist bekannt, dass Karl May ein guter Geschichtenschreiber war und spannende Romane verfassen konnte, aber nicht, dass er über ein toleranteres Weltbild verfügt hätte als der Durchschnitt seiner Zeitgenoss*innen. Die Bücher von Ginzkey sind eben auch Zeitdokumente und führen uns vor Augen, mit welchen Brillen unsere Vorfahren die Welt erlebt haben.

Sich sprachlich und auch sonst politisch korrekt zu verhalten, ist Ausdruck der Toleranz und des Respekts vor den Rechten von Randgruppen, Minderheiten und anderen benachteiligten Gruppen. Wie alles Menschliche hat auch die politische Korrektheit ihre Grenzen und stellt kein Allheilmittel gegen soziale Ungerechtigkeiten dar. Aber sie setzt Maßstäbe für die Verbesserung des ethischen Umgangs in der Gesellschaft, die wir beachten sollten, wenn wir unseren Mitmenschen achtungs- und würdevoll begegnen wollen. 

Zum Weiterlesen:
Gendern und die Wunden des Patriarchats
Woke - ein Beispiel für politische Aneignung
Das Reizthema LBTQ und der Patriachalismus
Das N-Wort und die politische Korrektheit


Freitag, 2. August 2024

Woke - ein Beispiel für politische Aneignung

Ein Etikett geistert in den Debatten im kulturell-politischen Bereich herum, schillernd und wandelbar, in Verwendung für moralische Imperative und für pauschale Abwertungen. Es taucht als Selbstzuschreibung für eine tolerante und auf Ungerechtigkeiten sensibilisierte Werthaltung auf und wird zunehmend eher als verallgemeinerte Fremdzuschreibung für gegnerische politische Orientierungen gebraucht.

Es geht hier um das „Woke“-Sein. Der Duden definiert"woke" als: „in hohem Maß politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung."

Der Begriff war ursprünglich gegen rassistische Diskriminierung gerichtet, als Aufruf an die Angehörigen von Minderheiten oder benachteiligten Gruppen, bezüglich der Verletzungen von Menschenrechten wachsam zu sein und sich für die Verbesserung der eigenen Situation zu engagieren. Der Begriff ist in den 19-dreißiger Jahren in afro-amerikanischen Kreisen entstanden und ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zunehmend in den öffentlichen Diskurs gekommen. Dabei wurde die Begriffsverwendung ausgeweitet und auf jede Form von Diskriminierung (rassistisch, sexistisch, sozial) angewendet. Seitdem hat sich die Bedeutung des Begriffes in verschiedene Richtungen verändert. Als Tendenz kann beobachtet werden, dass sich immer weniger Menschen selbst als „woke“ bezeichnen, während der Begriff umso mehr als Fremdbezeichnung verwendet wird. Konservative oder rechtsorientierte Gruppierung nutzen ihn in einem abwertenden und abwehrenden Sinn, um Tendenzen zu bekämpfen, die ihnen nicht gefallen oder vor denen sie Angst haben. Die „wokeness“ bezeichnet inzwischen eher eine Grenzlinie im aktuellen Kulturkampf als eine klare politische Einstellung und Werthaltung.

Ein Aspekt in dieser Begriffsentwicklung scheint mir interessant und typisch für verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen zu sein. Ursprünglich als Aufforderung zum Erkämpfen und Wahren von Minderheitsrechten der Afroamerikaner geprägt, wurde das Wort verallgemeinert und immer detaillierter auf alle möglichen Aspekte von sozialer Benachteiligung angewendet. Der Katalog an Einstellungen, die notwendig waren, damit sich jemand als „woke“ bezeichnen konnte, wurde ständig erweitert. Damit verlor der Begriff an direkter Schlagkraft und wurde zu einer allgemeinen Bezeichnung für eine offene und inklusive Position im kulturellen und politischen Spektrum. Ab diesem Punkt hat er die Gegner solcher Entwicklungen auf den Plan gerufen, und sie hatten ein Schlagwort, unter das sie alles subsummieren können, was sie an den kulturellen Veränderungen verhindern wollen.

Der Begriff ist also als Abwehrwaffe gegen gesellschaftliche Veränderung in das Repertoire von rechtsgerichteten Politikern gelangt. Gewissermaßen ist dem Begriff eine koloniale Aneignung widerfahren, ein Prozess, der in solchen Zusammenhängen immer wieder aufscheint und kritisch registriert wird: Ein Wort mit emanzipativem Gehalt und Impuls wird seinem ursprünglichem Zusammenhang entnommen und auf andere Anliegen angewendet, um diesen mehr Gewicht zu verleihen. Durch die Erweiterung der Anwendung verliert der Begriff an Kraft. Zugleich wächst die Gegnerschaft, denn jedes neue Anliegen hat neue Gegner. Sie nehmen das Wort auf und nutzen es als Etikett für ihre Gegenaktionen. Es wird in der Folge zur Überschrift für alles, was nach der Meinung der Gegner in die falsche Richtung geht. Ein Wort, das ursprünglich als Ermutigung zur Befreiung aus Umständen mit Ungerechtigkeit und Unterdrückung gedient hat, hat sich in diesem Prozess in einen Begriff zur Abwehr dieser Befreiung und damit zur Aufrechterhaltung von Benachteiligung und Unterdrückung verwandelt.

Zum Beispiel wurde durch die Verallgemeinerung der „wokeness“ die Verwendung einer gendergerechten Sprache zu einem Zeichen für die Unterstützung emanzipativer Bestrebungen. Wer korrekt gendert, ist „woke“. Andererseits: Wer gegen die Verwendung der genderkonformen Sprache ist, und das sind konservative und rechte Kreise, lehnt nicht nur das Gendern ab, sondern, indem es als „woke“ abgewertet ist, zugleich die anderen in diesem Begriff zusammengefassten Befreiungsanliegen. Es lehnen also Leute, die gegen das Gendern sind, auch die anderen emanzipativen Anliegen ab, obwohl sie vielleicht explizit gar nicht gegen eine Aufhebung der Diskriminierung von schwarzen US-Bürgern sind. Aber weil der Begriff als negativ konnotiertes Codewort in den Diskurs eingebracht wird, werden implizit alle bestehenden Unterdrückungsbedingungen bekräftigt. Wer gegen das Gendern in Schrift und Rede auftritt, indem er es als „woke“ Spinnerei kritisiert, argumentiert nicht nur gegen bestimmte Sprechformen, sondern zugleich gegen alle anderen emanzipatorischen Bewegungen. Auf diese Weise ist die „wokeness“ eine begriffliche Waffe gegen die Weiterentwicklung von Freiheitsrechten geworden und wird fleißig in die diversen Propagandakanäle eingespeist.

Die vielfältigen emanzipativen Bewegungen haben ihren inneren Sinn und ihre Wichtigkeit, weil das Leiden von den betroffenen Gruppen verringert oder beseitigt werden muss. Für die Findung und Förderung von Wegen zur Befreiung hat der Begriff der „wokeness“ inzwischen jede Aussagekraft verloren. Die Konfliktlinie verläuft nach wie vor zwischen denen, die die bestehenden Privilegierungen verteidigen wollen, und jenen, die für die Erweiterung und Vertiefung von Freiheitsrechten eintreten. Die Konflikte müssen zu allen Anliegen, die von Gruppen aufgebracht werden, die sich benachteiligt fühlen, ausgestritten werden. Viele Unterdrückungsverhältnisse konnten im Lauf der Geschichte aufgehoben werden, viele warten noch darauf, und neue werden laufend benannt und angeklagt. Das ist der Prozess der gesellschaftlichen Emanzipation, der seit Beginn der Menschheit im Gang ist. Er wird aktuell da und dort zurückgefahren, auch unter Verwendung des angeeigneten Woke-Schlagwortes. Aber ist gibt überall immer wieder Menschen, die daran glauben und sich dafür einsetzen, dass allen Menschen die grundlegenden menschlichen Geburtsrechte zugestanden werden müssen.

Sonntag, 6. November 2022

Die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das zu den Haupterrungenschaften der bürgerlichen Revolutionen zählt und ein wichtiger Bestandteil moderner Demokratien darstellt. Alle wissen es zu schätzen, die in einer Diktatur leben, in der die freie Meinungsäußerung unterdrückt ist und in der man mit Bestrafung rechnen muss, wenn die eigene Meinung nicht den Vorstellungen des Regimes entspricht. 

Wie alle anderen Rechte auch, hat das Recht auf Meinungsfreiheit auch Grenzen, die mit der Integrität der Menschen zu tun hat. Das Äußern der eigenen Meinung kann nicht nur Diktatoren erzürnen, die um ihre Macht zu bangen beginnen, wenn jemand etwas Kritisches oder auch etwas Witziges über sie sagt. Es kann auch jeden Mitmenschen ärgern, verletzen und beleidigen, wenn Meinungen vertreten werden, die die eigene Person herabwürdigen. Denn wir können unsere Meinungen auch als Waffen verwenden, die anderen Personen Leid zufügen. Wir können beispielsweise unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit unseren Wut- und Hassgefühlen Ausdruck verleihen, ohne Rücksicht auf die Betroffenen. 

Worte, ob gesprochen oder geschrieben, haben unter Menschen eine starke Macht. Sie können manipulieren, beleidigen, verletzen und im Extremfall in den Wahnsinn treiben. Deshalb ist eine sorgfältig abgewogene und achtsame Wortwahl eine wichtige Voraussetzung, um an den kommunikativen Abläufen der Zivilgesellschaft konstruktiv teilnehmen zu können.

Bei den Grenzen der Meinungsfreiheit geht es um das liberale Prinzip, dass jedes Freiheitsrecht dort endet, wo das Freiheitsrecht von anderen Personen beginnt. Die Meinungsfreiheit wird missbraucht, sobald die Grenzen anderer Menschen, ihre Integrität und Würde verletzt werden. 

Der Gebrauch der Meinungsfreiheit setzt also zivile Umgangsformen und den grundlegenden Respekt für andere Menschen voraus. Wer dazu nicht in der Lage ist, kann dieses Recht für sich nicht beanspruchen. Meinungsfreiheit gedeiht nur in einem Rahmen der wechselseitigen Achtung und den Grundformen der Höflichkeit, über die sich diese Achtung ausdrückt. 

Verrohung durch soziale Medien

Die sozialen Medien, deren Macht im vorigen Artikel erörtert wurde, haben durch die in ihnen angelegten Möglichkeiten der Anonymisierung in vielen Bereichen zu einer Verrohung der Umgangsformen geführt. Es ist relativ einfach, mit einem anonymen Account die eigenen Hassgefühle beliebig an alle zu verteilen, die einem nicht passen oder die andere Meinungen vertreten. Diese Medien bieten ein einfaches Ventil für das Ablassen aller aufgestauten Gefühle. Die Schamschranke, die im direkten Umgang immer mäßigend wirkt, wird durch die Anonymität, die das Medium bietet, abgeschwächt. Zudem ist es ist relativ schwierig und unwahrscheinlich, für Ehrenbeleidigungen und Rufschädigungen zur Verantwortung gezogen zu werden. Viele Menschen gewinnen aus dieser Rolle des anonymen Angreifers eine Befriedigung durch das Ausleben von Rache- und Machtgefühlen.

Psychologisch betrachtet, stammen solche Hass- und Aggressionsgefühle aus frühen Quellen der Lebensgeschichte. Diese Gefühle können nur in einem therapeutischen Rahmen befriedet werden. Werden sie in sozialen Medien ausagiert, richten sie dort beträchtlichen Schaden nicht nur an den betroffenen Menschen an, sondern schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt. Außerdem regen andere zum Nachahmen ein, ohne dass Konsequenzen befürchtet werden müssen. 

Demokratiefeindliche Meinungen

Eine weitere Grenze der Meinungsfreiheit muss dort beachtet werden, wo sie dazu benutzt wird, um der Einschränkung oder Abschaffung der Meinungsfreiheit das Wort zu reden. Rechtsgerichtete und rechtsextreme Gruppierungen nutzen die Medien gezielt, um Ängste und Verunsicherungen zu verbreiten und dabei politische Modelle propagieren, die anderslautende Meinungen unterdrücken sollen. In einer Demokratie dürfen alle Meinungen geäußert werden, aber Meinungen, die die Meinungsfreiheit und den demokratischen Grundkonsens untergraben, muss mit der Kraft von Gegenargumenten begegnet  werden. Die Demokratie kann sich nicht mit einer überdehnten Toleranz den Boden unter den Füßen wegziehen lassen.

Dem Plädoyer für die Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien wird hier ein Plädoyer für die Erhaltung und Absicherung der Meinungsfreiheit angefügt. Die Meinungsfreiheit kann es jedoch nicht in einem unbegrenzten und absoluten Maß geben, wie das manche einfordern, sondern muss gesamtgesellschaftlichen Anforderungen untergeordnet sein. Medien, die Hassbotschaften nicht zensieren, fördern sie, indem sie Freiräume öffnen, in denen sich jeder austoben kann, ohne Rücksicht auf andere, und damit die Verrohung und Entsolidarisierung vorantreiben. Sie fördern also die Tendenzen zur Atomisierung und zur Auflösung von sozialen Bindungen, wie sie die kapitalistische Wirtschaftsweise von sich aus produziert.  

Entsolidarisierung

Deshalb überantwortet eine Meinungsfreiheit, der keine Schranken auferlegt werden, die soziale Welt dem kapitalistischen Gewinnstreben und Konkurrenzdenken, also der Asozialität, der Gesellschaftsfeindlichkeit und damit der Menschenfeindlichkeit. Das können Einzelne wollen, die sich davon ökonomische oder psychologische Vorteile für sich selbst erhoffen, und dem Vernehmen nach ist das die Richtung, die der neue Eigentümer des Nachrichtendienstes Twitter durchsetzen möchte. Solche Bestrebungen muss aber die Gesellschaft als ganze ablehnen und mit allen Mitteln, die in ihrer Macht liegen, abwenden. Der Kapitalismus sägt an den Wurzeln der Gesellschaft, die er von den nährenden Säften des Bodens, sprich der Lebendigkeit, abschneiden will. Wird er nicht in seine Schranken gewiesen, werden tendenziell die Menschen untereinander zu Feinden. Deshalb ist es die beständige Aufgabe der Zivilgesellschaft, die Auswüchse und das Überhandnehmen dieser Form der Wirtschaftsorganisation einzudämmen und ihm entgegenzuwirken. Sie kann und muss genügend Druck auf den Staat ausüben, damit er seine Macht für die Erhaltung und Stärkung des sozialen Zusammenhalts einsetzt. Wird die Meinungsfreiheit nach kapitalistischen Sichtweisen in den sozialen Medien zugelassen, dient sie blind dieser Entgesellschaftung und Entsolidarisierung. 

Staatliche Organe schützen die Rechte Einzelner gegen den Missbrauch der Meinungsfreiheit. Das ist gut und notwendig, und die entsprechenden Regeln müssen laufend verbessert werden, weil sich die Medien und deren Nutzer schnell ändern. Schwieriger ist es, die schädlichen Wirkungen von sozialen  Medien auf die Atmosphäre und das Klima in der Gesellschaft einzudämmen. Hassbotschaften und Fakenews lösen in der Gesellschaft Verunsicherung und Entsolidarisierung aus und wirken deshalb erodierend auf den sozialen Zusammenhalt. Die Ängste, die oft mutwillig und nicht selten geplant und gezielt gestreut werden, werfen die Menschen auf sich selber zurück, mobilisieren Überlebensstrategien und destabilisieren die Gesellschaft. Es sind starke und vielfältige Gegengewichte notwendig, damit die Meldungen aus solchen Ecken nicht zu dominanten Trends im Diskurs und in der politischen Debatte werden. In diesem Bereich kann und soll der Staat die Aufgabe übernehmen, Medien zu fördern, die sorgfältig recherchieren und extremen Meinungen entgegentreten, und Medien zu kontrollieren, die tendenziell den politischen Diskurs, die Sozialstruktur und die Innenwelt der Menschen zerstören.

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. Sie ist aber nur insoweit ein hohes Gut, als sie achtungsvoll verwendet wird, unter der Respektierung ethischer Grundsätze. Sie ist eine wichtige Grundlage für unser Zusammenleben in einem demokratischen Staatswesen und als aufgeklärte Zivilgesellschaft, deshalb müssen wir sie und uns vor jeder Form von Missbrauch schützen.

Zum Weiterlesen:
Plädoyer für die Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien
Toleranz und ihre zweifache Grenze
Toleranz ist ein relativer Wert


Donnerstag, 31. Dezember 2020

Die eigene Wahrheit und die Verbundenheit mit anderen

Das Reden, das aus dem Zuhören kommt, wie es im vorigen Blogbeitrag beschrieben wurde, zeigt einen Ausweg aus der Borniertheit der Wahrheitsbehauptung, die die argumentative Auseinandersetzung scheut und zur Verarmung der Diskurskultur führt. 

Die Ebene der Verbundenheit

Jeder ehrlich und gewaltfrei ablaufende Dialog bringt uns unweigerlich auf eine tiefere Ebene: Die Einsicht in die Verbundenheit jenseits der Verschiedenheit. Diese Erkenntnis ist eine Hilfe, um den Zerfall unserer sozialen Welt in lauter Meinungsmonaden, die sich in sich abschließen, dort ihrer Wahrheit frönen und sich vor bedrohlichen Sichtweisen abschotten, zu verhindern. Dort liegt die Wurzel für die Produktion von und den Glauben an Verschwörungstheorien. 

Was beinhaltet die Einsicht in die Verbundenheit trotz der offensichtlichen Verschiedenheiten? Wenn wir näher in uns nachschauen, können wir unschwer erkennen, dass all die anderen Wahrheitsnester, die uns im Außen aufregen,  in unserem Inneren vorhanden sind, manchmal tief versteckt oder bis zur Unkenntlichkeit maskiert. Aber wir sind in uns um Dimensionen vielseitiger, als wir uns auf der Oberfläche eingestehen. Wir sind Konsumidioten und Konsumverweigerer, Gläubige und Gegner von Verschwörungstheorien,  Umweltschützer und Naturzerstörer, Sozialrevolutionäre und Heimattreue, Coronaängstliche und Coronaleugner usw. Wir kennen all diese Orientierungen und Werthaltungen in uns selbst; wir haben uns nur einmal, wohl aus guten Gründen, für eine der Richtungen im Weltanschauungsspektrum entschieden und die widersprechenden Ansichten verworfen und tiefer in unser Inneres verbannt. Im Außen werden sie Objekte für Abwertungen.

Wenn wir das Verständnis der Verbundenheit in uns kultivieren und festigen, erwerben wir eine solide Basis für die Toleranz und Akzeptanz von anderen Ansichten, Meinungen und Überzeugungen. Das ist die Basis für fruchtbare, weiterführende und öffnende Dialoge über die ideologischen Grenzen und angstgesteuerten Behauptungsdebatten hinweg. Es ist auch die Basis für eine lebendige, lernfähige und innovative Demokratie.

 Die mehrdimensionale Wahrheit

Der Zweck dieser Toleranzeinstellung liegt allerdings nicht darin, dass wir selber zu indifferenten Beobachtern der vielfältigen Szenerien der Wahrheitsfindung werden, sodass wir das Motto „Jeder hat seine Wahrheit und folglich ist jede Wahrheit gleichermaßen gültig“ als der Weisheit letzten Schluss internalisieren. Diese Einstellung ist kein Endzweck, sondern eine Bedingung für gelingende gewaltfreie Dialoge und Diskurse. Sie stärkt die Achtung für die Berechtigung anderer Meinungen und Sichtweisen, liefert aber keine Basis für die Verbesserung und Weiterentwicklung der Wirklichkeitserfahrung und Wahrheitsfindung.

Vielmehr bleibt die eigene Wahrheitserkundung als Aufgabe, die sich an drei Maßstäben orientiert: der Erschließung der objektiven und subjektiven Wirklichkeit, der gesellschaftlichen Verträglichkeit und der ethischen Qualifizierung. Die Wahrheitsfindung ist ein kontinuierlicher Annäherungsprozess auf mehreren Ebenen: Der äußeren und inneren Wirklichkeit näher und näher kommen, mit dem Blick auf die gesellschaftliche Konstruktion von Wahrheit und auf die Übereinstimmung mit den Werten der Menschlichkeit.

Wahrheit ist also niemals Besitz, weder von Einzelnen noch von Gruppen. Sie meint vielmehr den fortlaufenden Prozess der Annäherung an die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen und Ebenen, ebenso wie den Prozess der Implementierung der Menschenwürde in allen Bereichen des Zusammenlebens. Wahrheiten sind deshalb immer vorläufig und relativ, und im Sinn der Weiterentwicklung der Erkenntnisse besser oder schlechter.

Die eigene Wahrheit

Wir verfügen immer über eine subjektive Wahrheit: Das, was wir im gegebenen Moment für wahr halten. Auf dieser Basis treffen wir unsere Einschätzungen und Präferenzen und fällen unsere Urteile. Deshalb haben wir zu vielen Themen des Lebens eine Überzeugung, die wir häufig in Diskussionen vertreten. Diese Überzeugungen unterscheiden sich durch den Grad an Gewissheit und argumentativer Abstützung. Manche Meinungen sind „intuitiv“ und richten sich stark nach unbewussten Vorlieben. Wenn uns etwa jemand fragt, wie uns ein Haus, an dem wir gerade vorbeigehen, gefällt, antworten wir meist aus einem Areal des Unterbewusstseins. 

Andere Auffassungen sind Ergebnisse von längeren Prozessen des Überlegens, Informationensammelns und Reflektierens. Z.B. müssen wir auf die Frage, wie wir zum Neoliberalismus stehen, auf umfangreiche Datenbanken zurückgreifen, auf die gesammelten Informationen, und auf die Denkprozesse, die wir dieser Frage bisher gewidmet haben. Je komplexer die Themen sind, desto detailliertere und aufwändige Stellungnahmen erfordern sie. 

Wir haben ein Recht auf unsere eigenen Wahrheiten, wie jeder andere Mensch auch. Wir haben aber auch die Pflicht, unsere Wahrheiten weiterzuentwickeln, zu verfeinern und zu verbessern und darüber Klarheit zu gewinnen, wie sie als Wahrheiten qualifiziert werden, also welche Kriterien der Geltung wir vertreten. 

Wir haben demnach die Pflicht, unsere eigenen Wahrheiten immer wieder zu überprüfen und in Frage zu stellen. Die geeignete Arena dafür ist der zwischenmenschliche Diskurs, in dem unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen, Überzeugungen ausgetauscht und Argumente präsentiert werden. Solche Diskurse misslingen, wenn die Teilnehmer mit der Absicht hineingehen, die eigenen Ansichten erfolgreich zu behaupten, und sie gelingen, wenn die Teilnehmer mit der Bereitschaft hineingehen, sich verändern zu lassen. Im letzteren Fall steht das Hören vor dem Reden, auch das Hören ins eigene Innere, auf diejenigen Kräfte, die wachsen wollen.

Zum Weiterlesen:
Jeder mit seiner Wahrheit



Freitag, 14. August 2020

Der Mensch und die Großstadt

Die Urheimat und Lebensform der Menschen ist die Stammesgemeinschaft in weiten Räumen. Diese Form des Zusammenlebens hat Millionen von Jahren der frühen Menschheitsgeschichte bis weit in die Gegenwart bestimmt. Die Menschen lebten in nächstem Kontakt mit der Natur, in überschaubaren Gemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. 

Erst mit dem Aufkommen von Hochkulturen vor etwa 5000 Jahren entstanden städtische Siedlungen, in denen mehr Menschen auf engem Raum zusammenlebten. Auch wenn die städtischen Kulturen inzwischen lange Traditionen aufweisen und eigene Regeln für die Gemeinschaft erfunden haben, die die Grundlage für die allgemeinen Bürgerrechte und –freiheiten darstellen, zeigen sie doch als menschliche Erfindungen ein deutliches Abrücken von der Natur und von einer naturnahen Lebensweise dar.

Mensch-Natur-Konflikte sind Mensch-Mensch-Konflikte

Mit dem Wachsen der Städte zu Groß- und Millionenstädten verstärkte sich dieser Trend, der zunehmend das Miteinander von Mensch und Natur durch einen Gegensatz ersetzt. Das Eingebundensein in die Abläufe der Natur, wie es für die frühen Stammeskulturen und noch länger für die Landbewohner prägend war, verblasst und macht einem Konflikt zwischen Mensch und Natur Platz – ein Gegensatz, der mehr und mehr zu einer Gegnerschaft hochstilisiert wurde und die Grundlage für die gedankenlose Naturzerstörung bildet, die im Zug der kapitalistischen Naturaneignung inzwischen bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Natürlich kämpft nicht die Natur gegen die Menschen, sondern widerstreitende Interessen in den Menschen selber schaffen diesen Konflikt, der maßgeblich durch die Entwicklung der Stadtkultur angefacht wird.

Die andere Seite dieser Entwicklung besteht in den sozialen Veränderungen, die oft mit dem Stichwort Anonymisierung beschrieben wurden. In einer Großstadt kennt man kaum jemanden und ist von vielen Fremden umgeben, und das auf engstem Raum. Durch die Enge entsteht Stress, denn die Kontrolle, die wir über unsere Umgebung ausüben können, schwindet, wenn die anderen so nahe rücken wie in einem vollen U-Bahn-Abteil oder einem Gedränge im Supermarkt. Um diesen Stress zu bewältigen, müssen sich die Stadtbewohner abhärten und nach innen zurückziehen. Die Außenhaut muss undurchlässig bleiben und darf nichts hereinlassen, selbst wenn der Nachbar auf Tuchfühlung im Mittelgang der Straßenbahn direkt an einen selber angrenzt. Das Spüren muss sich ganz nach innen zurückziehen, die Außensinne halten ein wenig Kontrolle aufrecht. Es ist ein unangenehmer Zustand, der mit einer unterschwelligen Stressbelastung verbunden ist.

Diese Abschottung wird zur Gewohnheit und zum Teil der städtischen Lebensform. Der Stadtbewohner bewegt sich mit einer emotionalen Rüstung durch das Getriebe der Menschen und stößt da und dort auf die Rüstungen der anderen. Der Stress der Nähe und Enge ist eine Normalität und Konstante dieser Lebensform. Der Preis ist die latente Stressanhäufung, die chronifiziert wird. Das macht die Stadterfahrung zu einer Hektikerfahrung. Es ist nicht nur die höhere Schnelligkeit, mit der das Stadtleben im Vergleich zum Landleben pulsiert, sondern vor allem die höhere Gereiztheit, unter der jede Stadtbewohnerin leidet, ob sie will oder nicht. Die Abkapselung, die alle in der Stadt auf sich nehmen müssen, bewirkt eine gesteigerte Empfindlichkeit.

Dazu kommt, dass die städtische Lebensweise von sich aus auf Schnelligkeit angelegt ist. Uhren wurden in den Städten erfunden und verbessert, sodass sie immer kleinere Zeiteinheiten anzeigen können – Symbol für die Verkürzung und Verknappung der Zeit, die einen wichtigen Aspekt des Wirtschaftens darstellt, das ebenso in den Städten entwickelt wurde.

Landbewohner erleben Stadtbewohner häufig als weniger freundlich und herzlich. Das ist auch kein Wunder, weil die städtische Lebensweise ihren Preis in Stress und innerer Anspannung hat. Zusätzlich wirkt Stress ansteckend, sodass sich schwerlich jemand entziehen kann. 

Deshalb suchen viele Städter das Land und die Natur zum Ausgleich, sei es auch nur, indem sie sich eine Schlafstätte im grüneren Speckgürtel ihrer Großstadt suchen, zu der sie abends heimkehren und von der sie sich morgens zur Arbeit in der Stadt stauen. Die geringere Menschendichte und die stärkere Präsenz der Natur bewirken schnell eine Entlastung vom Stress. Die Natur übt keinen Druck aus, dadurch können sich die Gehirne entspannen und sicher fühlen.

Der Stau ist übrigens ein typisches Stadtsymptom: Fahrzeuge gehen auf Mindestabstand und können sich nicht mehr bewegen. Die Insassen leiden unter dem Zeitdruck, der mit jeder Sekunde der Fortdauer des Staus, steigt und unter der Hilflosigkeit und dem Kontrollverlust. und sorgt für eine Stresssteigerung. 

Ein Lob des Stadtlebens

Wenn nun das Stadtleben so ungesund für die Menschen ist, liegt es nahe zu sagen, dass alle aufs Land übersiedeln sollten. Klarerweise haben wir schon lange nicht mehr den Platz auf diesem Planeten, dass sich jeder der 7,8 Milliarden Menschen ein Haus mit Garten in unberührter Landschaft schaffen könnte. Wir brauchen die Städte und ihre Bewohner, und sie brauchen unser Mitgefühl und nicht unser Besserwissen oder naive Überheblichkeit, wenn wir vom Land kommen. Wenn wir in der Stadt leben, sollten wir uns dieser Herausforderungen bewusst sein und das Unsere dazu tun, was es braucht, um die Stressbelastung so klein wie möglich zu halten und damit zur allgemeinen Entstressung beizutragen. Denn Gelassenheit und Freundlichkeit wirken auch ansteckend.

Die Stadtbewohner haben die Idee von Toleranz und Respekt erfunden. Da sich viele unterschiedliche Menschen in den Städten treffen, Einheimische, Zugezogene und Fremde, braucht es besondere Tugenden, um mit diesen unterschiedlichen Zugehörigkeiten zurechtzukommen. Damit haben die Städte den Sprung von Partikulargesellschaften zu einer Weltgesellschaft vorbereitet und die dafür notwendigen Werte bereitgestellt.

Wir brauchen auch die städtische Lebensweise, weil sie in einer besonderen Form Kreativität und Vielfalt hervorbringt. Die Monotonie des Landlebens hat ihre Meriten, und der Abwechslungsreichtum der Stadt ebenso. Wo viele Menschen zusammenleben, entstehen viele Ideen und Konzepte aus den unterschiedlichen Köpfen, die sich in einer Stadt begegnen und austauschen. Man könnte auch sagen, Reibung befruchtet. Die Menschen würden ohne Städte nur dörflich denken, und das wäre doch zu dürftig und beschränkt. Die Enge der Lebensräume in der Stadt kontrastieren mit der geistigen Weite, die gerade dadurch möglich wird und für die Zukunft der Menschheit unverzichtbar ist.


Freitag, 28. Dezember 2018

Die "Schande" und ihre Rolle bei der sozialen Kontrolle

In Märchen und Sagen wird oft ein entlarvter Missetäter „mit Schimpf und Schande“ verjagt. Das bedeutet eine ganz schlimme Demütigung, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft verdient hat. Jede Würde ist verloren, und das Leben muss irgendwo anders von vorne begonnen werden. Was hat es mit der Schande auf sich?

Die Schande ist eine enge Verwandte der Scham. Sie trägt einen offizielleren Charakter, der viel mit öffentlicher und moralischer Bewertung zu tun hat. (Im Englischen oder Französischen gibt es übrigens diese Unterscheidung gar nicht.) Schande ist gewissermaßen die explizite, von außen kommende Form der Scham. Sie wird angewendet, wenn etwas geschehen ist, wofür sich jemand (innerlich) schämen müsste, während sich die Öffentlichkeit verpflichtet fühlt, das Geschehene als Schande zu brandmarken und den Täter der allgemeinen Verachtung preiszugeben.

Es gilt schon als Schande, wenn jemand sein Potenzial nicht ausschöpft und die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Es gilt erst recht als Schande, wenn jemand absichtlich und unverfroren Böses tut. Und ganz besonders gilt es als Schande, wenn jemand moralische Normen übertritt. Jedes angeprangerte Fehlverhalten, für das sich jemand schämen sollte, kann von den Mitmenschen als Schande bezeichnet werden.

Aber nicht nur Einzelpersonen können Schande auf sich laden. Es wird von vielen als Schande angesehen, wie die Schweiz in der Zeit des Nationalsozialismus schutzsuchende Juden abgewiesen hat. Ebenso können wir es schändlich finden, wenn reiche Länder asylsuchende Jugendliche ausweisen, die sich jahrelang im Integration bemüht haben, die Sprache erlernt und Ausbildungen absolviert haben. Und es darüber hinaus grenzt es an ein schändliches Verbrechen, wenn Behörden solche Schritte setzen, wissend, dass abgeschobene Asylsucher in manchen Rückkehrländern mit hoher Wahrscheinlichkeit bald umgebracht werden.


Schändliche Sexualität


Eine enge Verbindung gibt es zwischen dem Sexualverhalten und der Schande, vor allem dort, wo dieses Verhalten einer starken moralischen Kontrolle unterliegt. In ländlichen Gegenden galt es durch den Einfluss der katholischen Kirche vor einigen Jahrzehnten noch als schändlich, wenn Kinder unehelich empfangen und geboren wurden. Im katholischen Irland wurden den Müttern unehelich geborene Kinder systematisch von der Kirche weggenommen und in Heimen ausgebeutet, wenn nicht überhaupt umgebracht. Soweit die Macht der katholischen Kirche reichte: Wer aus welchen Gründen auch immer die Norm nicht einhielt, dass Kinder in einer aufrechten Ehe empfangen und geboren werden müssen, wurde sozialer Verachtung und Ausgrenzung ausgesetzt, die bis zur physischen Vernichtung reichte.

Hier spielt die seltsame Einschränkung und Moralisierung der Sexualität in der christlichen Tradition die maßgebliche Rolle, die man selber schändlich finden kann. Sexualität gilt nach dieser – ca. 300 Jahre nach Jesus Christus in das junge Christentum eingeführten – leibfeindlichen Auffassung als sündige Fleischeslust, die einzig zur Fortpflanzung als notwendiges Übel gerechtfertigt ist und dafür den Bestand einer ehelichen Gemeinschaft erfordert. Im Grund beginnt nach dieser Theorie die Schande schon dort, wo jemand die Sexualität als solche genießt, ohne mit ihr einen Vermehrungszweck zu verfolgen. Doch öffentlich sichtbar und damit zur Schande wird das Fehlverhalten, wenn es zur Schwangerschaft ohne ehelichen Kontext kommt.


Der Schatten fällt auf das Kind


Welche Auswirkungen kann die Schande auf das empfangene Kind haben? Wenn die Umstände des eigenen Lebensanfangs unter einem moralischen Problemdruck standen, weil sie von den Eltern und ihrer Umgebung als Schande erlebt wurden, kann sich dieses dunkle Gefühl über die Seele des Kindes breiten und dessen Leben überschatten. Das menschliche Zellgedächtnis speichert die Gefühle und Einstellungen der Eltern am Anfang des neuen Lebens und bewahrt sie im Unterbewusstsein auf. Von dort aus wirken sie als Hemmungen und Blockierungen später im Leben weiter. 

Als Folge kommt es zu Beeinträchtigungen für den Selbstwert und das Selbstvertrauen. Betroffene Personen haben auf einer tiefen Ebene das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist und dass sie keinen vollwertigen Platz in der Gesellschaft einnehmen dürfen. Sie müssen sich dauernd beweisen und denken dennoch, dass sie nicht genug tun. Ihre Aufmerksamkeit ist stark auf das Außen bezogen, auf die Angemessenheit des eigenen Tuns und die Reaktionen der anderen Menschen darauf. Sie neigen dazu, sich selber zu überwachen und leiden an einer latenten Angst, etwas Unrechtes oder zu wenig des Guten zu tun. 

Der Schatten der Schande kann eine destruktive Lebensspannung in Gang setzen, die in manchen Phasen stärker und in anderen schwächer aktiviert wird: Wegen des mangelnden Selbstvertrauens gelingt wenig im Leben, und in der Eigenwahrnehmung sehen alle Anderen diesen Mangel überdeutlich mit ihren kritischen und abwertenden Augen, was wiederum die eigene Motivation schwächt. Es kann über einige Zeit gelingen, sich immer wieder anzustrengen, um in der Gesellschaft Anerkennung zu gewinnen, aber viele Bemühungen werden oft vor dem Erfolg abgebrochen, wie z.B. bei einem Studienabbruch – gleichsam um der Außenwelt zu beweisen, dass man es nicht Wert ist, Erfolg zu haben. 

Diese selbstquälerische Dynamik kann dann schließlich in Burnout und Depressionen versiegen. Damit stellt sich erst recht ein Zustand her, der subjektiv stark mit Scham verbunden wird und, von außen betrachtet, als Schande. Ähnlich wie bei der Scham, entfaltet die Schande ihre selbstschädigende Wirkung, indem von den anderen Leuten vermutet wird, dass sie heimlich mit dem Finger auf einen zeigen und „Was für eine Schande!“ rufen, wodurch dann die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit und moralischen Unzukömmlichkeit ausgelöst werden. Es findet keine Realitätsprüfung statt, indem nachgefragt würde, was andere Menschen wirklich über einen selbst denken, wie sie werten und urteilen. Die vermuteten Verurteilungen werden ohne Widerspruch angenommen. Da diese Vorgänge unbewusst ablaufen, findet auch keine Konfrontation mit der Realität statt, in der geklärt werden könnte, wem überhaupt ein Urteil über die eigene Person zusteht und nach welchen Wertkriterien dieses gerechtfertigt wäre.


Die ererbte Schande


Die ererbte Schande gehört zu den Eltern, die sich durch ihre Handlungen einem sozialen Druck ausgesetzt haben. Wenn jemand, der von dieser Form der Schande betroffen ist, erkennt, dass die Last auf dem eigenen Leben eigentlich ins Leben der Eltern gehört, löst sich der Schatten. Aus Liebe zu den belasteten Eltern nehmen die Kinder die Lasten der Eltern auf sich, in diesem Fall die Schande. In einem nächsten Schritt darf und muss den Eltern die Last zurückgegeben werden, wodurch das eigene Leben erleichtert und befreit wird.

Aus dieser Einsicht heraus wird dann erst deutlich, in welcher Zwangslage zwischen Leidenschaft und rigider Sexualkontrolle sich die Eltern befanden. Das Verständnis für den Mut der Eltern, sich für ihre Gefühle gegen die gesellschaftlichen Zwänge zu entscheiden, kann den Weg zur Dankbarkeit für das eigene Leben öffnen: trotz widriger Anfangsbedingungen sind viele Kräfte und Potenziale mit auf den Weg gegeben worden, die es, unbeschadet aller Schatten, zu nutzen gilt.

Das Einnehmen und Verstehen dieser Perspektive fördert das Engagement, mit dem solche menschenfeindlichen sozialen Normierungen und Kontrollvorkehrungen angeprangert und relativiert werden können. Mit diesem Bewusstsein wird der Vergangenheit mit ihren moralischen Verengungen die Macht über das eigene Leben genommen. 


Repressive Normen


Generationen haben unter Normen gelitten, die einem stark reduzierten und repressiven Menschenbild entsprungen sind. Eigentlich gehört dieses Menschenbild zu einem System gesellschaftlicher Zwänge, das in vormodernen Zeiten maßgeblich war. Damit das Erbrecht im landwirtschaftlichen Bereich das Weiterbestehen von ausreichenden Flächen gewährleisten kann, wurden die ehelichen und die unehelichen Kinder strikt unterschieden („mit Kind und Kegel“). Die einen erbten, die anderen nicht; die einen waren geachtet, die anderen verachtet. Den unehelichen Kindern wurde gewissermaßen die „Schandtat“ der Eltern umgehängt, als wären sie schuld daran, und sie waren deshalb dazu verurteilt, ein Leben lang die untersten Arbeiten zu verrichten, ohne jede Chance, selbst heiraten und einen Hof führen zu können. 

Immer wieder im Verlauf der Geschichte können wir solche Produktionen und Proklamationen von schändlichem Verhalten zum Zweck der Herrschaft und des Machterhalts beobachten. Den beherrschten Menschen werden Ängste eingeredet, damit sie ihre spontanen oder auch überlegten Impulse unterdrücken und kontrollieren und damit sie ein Misstrauen untereinander sowie zu sich selbst entwickeln. Menschen, die einander nicht vertrauen können, sind leichter zu beherrschen. Vor allem in Hinblick auf die Sexualmoral hat die Kirche dabei eine Schlüsselfunktion in der Machtausübung übernommen und über viele Jahrhunderte ausgespielt.

Die fehlende Einsicht in die historische Bedingtheit dieser Zusammenhänge ist mit verantwortlich dafür, dass die kirchlich verordnete Sexualkontrolle weiter wirken konnte, auch wenn sich die sozioökonomischen Umstände schon lange verändert hatten und das bäuerliche Erbrecht kaum mehr eine Rolle spielte. Umgekehrt haben die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Landwirtschaft und den damit verbundenen sozialen Regulierungen nur mehr eine Randfunktion überließen, auch zum rapiden Einflussverlust der Kirchen und der von ihnen vertretenen Moralvorstellungen geführt. Immer weniger Menschen billigen der Religion eine Mitsprache bei ihren Entscheidungen und Werten zu, offenbar unter dem Eindruck des massiven Schadens an den Seelen der Menschen, den die beschränkten und beschränkenden Gebote, die mit Hilfe des Instruments der Schande durchgesetzt wurden, hinterlassen haben. Niemand will sich heute noch wegen sexueller Vorlieben und Leidenschaften an einen moralischen Pranger stellen lassen, noch dabei mitwirken, dass gegen andere so verfahren wird. Solange sich die involvierten Personen mit Respekt und Achtung begegnen und solange die Verantwortung für entstehende Schwangerschaften gemeinsam übernommen wird, braucht es auch keine übergeordnete Normierungen und braucht es keine Vorgabe von Beschämung und keine Erklärungen von Schande in diesem Bereich.


Die „Rassenschande“


Als besonders bösartiges Beispiel des Missbrauchs der Schande für ideologische Zwecke sei hier der von den Nationalsozialisten propagierte Begriff der „Rassenschande“ erwähnt. Der Geschlechtsverkehr zwischen „Ariern“ und Juden wurde als „Schändung des deutschen Blutes“ (damit auch als Blutschande) dargestellt und ab 1935 unter Strafe gestellt. Der Begriff der Rassenschande diente zur Vorbereitung der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich.  Erfolgreich wurden mit den Mitteln der Propaganda soziale Ängste aufgebaut, indem Handlungen auf einmal massiv in aller Öffentlichkeit als Schande bezeichnet wurden, die vorher niemanden gestört hätten. Menschen auf dieser Weise mit Schimpf und Schande der öffentlichen Beschämung preiszugeben, war ein erster Schritt, sie ihrer Menschenwürde zu entkleiden; wer keine Würde hat, dessen Leben ist nichts mehr wert.

Mit dieser Indienstnahme der Schande als politisches Machtmittel griff der Nationalsozialismus, wie auch in anderen Bereichen, auf vormoderne gesellschaftliche Konventionen zurück. Damit wurden vor allem bei verunsicherten Menschen tiefer liegende Gefühlsschichten angesprochen, die dann als zerstörerische Brutalität zum Ausdruck kamen. Der Faschismus wird von vielen Forschern als Reaktion auf die Modernisierung der Gesellschaft und Wirtschaft verstanden, und von daher wird es auch verständlich, warum er sich extrem konservativer Wertvorstellungen bedient. Denn zur Modernisierung gehört die Schwächung der traditionellen freiheitsbeschränkenden Werte und der Aufbau und die Verbreitung der grundlegenden Menschenrechte.


Befreiung durch Modernisierung


Der Modernisierungsschub durch die Industrialisierung seit dem 18. Jahrhundert hat viele Menschen aus den Fesseln von moralischen Zwängen befreit und dem personalistischen Bewusstsein mit den Werten der Toleranz und der Entdiskriminierung zum Durchbruch verholfen. Der kreativen menschlichen Individualität wurde dadurch mehr Einfluss auf die Kulturentwicklung gegeben. Der Preis war allerdings die Entfremdung von der Natur, mit der frühere Gesellschaften noch enger verbunden waren.

Der Begriff der Schande hat seinen Anwendungsbereich seither von der Bewertung des individuellen Tuns mehr in den kulturellen und politischen Bereich verlagert, ausgenommen der Bereich der Kriminalität und Gewalttätigkeit. Was die Varianten der menschlichen Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität anbetrifft, herrscht heutzutage viel mehr Toleranz, sodass Beurteilungen, die hier mit Schade operieren, antiquiert und verschroben klingen. Damit steigt der wechselseitige Respekt und die Achtung der Menschen füreinander, ein Beitrag zum sozialen Frieden.

Montag, 10. April 2017

Toleranz ist ein relativer Wert

Die Idee der Toleranz ist eine Errungenschaft der modernen Aufklärung, die im Bildungsbürgertum in Europa begonnen wurde und, verbunden mit den Menschenrechten, mittlerweile weltweit anerkannt ist. Sie besagt, dass unterschiedliche Meinungen, religiöse Bekenntnisse, Lebensweisen, geschlechtliche Orientierungen und Werthaltungen nebeneinander bestehen sollen. Niemand soll verfolgt, mit Gewalt bedroht oder unterdrückt werden, nur weil er oder sie anders ist als andere. Mit diesem Wert gelingt es einer Gesellschaft, mit Diversität zurande zu kommen und den besten Nutzen für alle daraus zu schöpfen.

Für Jahrhunderte waren die Machtstrukturen so beschaffen, dass verschiedene Minderheiten mit Gewalt von der Bevölkerungsmehrheit verfolgt und unterdrückt wurden, z.B. die Juden oder die Angehörigen von christlichen Sekten. Ethnische Minderheiten oder Menschen mit nicht heterosexuellen Orientierungen mussten sich ebenfalls vor Grausamkeiten, die jederzeit ausbrechen konnten, fürchten. Selbst Linkshänder waren lange Zeit diskriminiert. Mit aller Gewalt versuchten diese Gesellschaften, eine normierte Bevölkerung zu erzwingen. In engen Grenzen war vordefiniert, wieweit menschliches Verhalten erlaubt war. Wer diese Grenzen überschritt, wurde bestraft.

Aus verschiedenen Gründen dämmerte langsam die Einsicht, dass der Aufwand, den eine Unterdrückungsmaschinerie erfordert, in keinem Verhältnis zum erzielten Gewinn steht. Es wurde deutlich, dass die Anerkennung der Unterschiedlichkeit der Menschen mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt. Je mehr Korsette eine Gesellschaft ihren Mitgliedern auferlegt, desto größer ist die Angst, die mit den engen Regeln eingeimpft wird. Angst hemmt Kreativität und Motivation. Ohne diese Ressourcen stagniert die Gesellschaft und entwickelt sich nicht weiter. Das ist ja im Interesse der jeweils Mächtigen, denen es um nichts als den Erhalt dieser Macht geht, aber nicht im Interesse der Mitglieder der Gesellschaft, die ihre Situation verbessern wollen.

Aus diesen Spannungen entstanden die Revolutionen und Reformbewegungen, die schließlich in vielen Ländern demokratische Systeme hervorbrachten, mit dem Charakteristikum, dass die Machtträger einer Kontrolle unterzogen und in ihren Machtbefugnissen eingeschränkt wurden. Für einen Politiker in einer Demokratie ist es nunmehr nicht automatisch von Vorteil, die Diversität der Gesellschaft zu unterdrücken, vielmehr kann er besser seine Macht sichern, wenn er für den gesellschaftlichen Fortschritt eintritt.

Dieser Fortschritt erfordert die Öffnung der Grenzen des Regelwerks unter dem liberalen Motto, dass jeder soweit frei ist, als die Freiheit anderer davon nicht betroffen ist. Damit wird die Toleranz zu einem Leitmotiv der modernen Gesellschaft, von der alle ihre Mitglieder profitieren können. Jeder kann nach seinen Vorlieben sein Leben gestalten und nach seiner Façon selig werden. Ob jemand in dieses Gotteshaus oder in jenes oder in gar keines geht, geht niemand anderen etwas an. Damit können sich alle Menschen gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben beteiligen und ihren Beitrag leisten, ohne von der Angst vor Strafe oder Verfolgung gedrückt und gehemmt zu sein. Freie Gesellschaften, also solche, die Diversität erlauben und sogar fördern können, sind produktiver, und die in ihr lebenden Menschen zufriedener.

Damit ist die Toleranz ein ganz wichtiges Leitmotiv der Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Willkür. Dem Bildungssystem kommt eine zentrale Rolle zu, um diese Werthaltung zu vermitteln, denn sie erfordert eine kognitive Kompetenz. Emotional neigen wir dazu, Andersartigkeiten schnell abzulehnen. Für jemanden mit weißer Hautfarbe kann jemand mit einer schwarzen Hautfarbe Unbehagen auslösen und umgekehrt. Doch wir können wissen, also kognitiv erkennen, dass Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe als Menschen anerkannt werden können. Das Wissen macht uns klar, dass es nicht von der Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit abhängt, ob wir einem Menschen vertrauen können oder ob wir besser auf der Hut sein sollten.

Relative Toleranz


Obwohl die Werthaltung der Toleranz wichtig und elementar für eine demokratische Gesellschaft ist, stellt sie doch nur einen relativen Wert dar, wenn auch von hoher Priorität. Denn die Toleranz hat ihre Grenzen dort, wo sie dafür ausgenutzt wird, die Toleranz selbst einzuschränken. Redner z.B., die gegen die Toleranz hetzen und intolerante Standpunkte vertreten (Beispiel: der gegenwärtige türkische Präsident), oder Vereinigungen, die das Ziel haben, intolerante Strukturen durchzusetzen (Beispiel: fundamentalistisch orientierte moslemische Vereine), müssen im Sinn der Toleranz mit Intoleranz behandelt werden. Die Toleranz im gesamtgesellschaftlichen Sinn muss jener für Individuen oder Gruppen als Wert übergeordnet sein. Zwar gilt das Recht auf freie Gesinnung und Meinungsäußerung, d.h. jeder kann auch gegen eine tolerante Gesellschaft öffentlich reden, muss aber von anderen Kräften in der Gesellschaft kritisiert werden, damit ein Diskurs entstehen kann, in dem sich im besten Fall die besseren Argumente durchsetzen. Vereine haben ihr Recht, sich zu versammeln und dort was auch immer zu bereden. Doch sollte der gesellschaftliche Diskurs darüber entscheiden, ob Vereine, die sich gegen die Toleranz aussprechen, öffentlich (medial, finanziell etc.) gefördert werden und ob Möglichkeiten geschaffen werden, dass sich jeder darüber informieren kann, welches Programm und welche Intentionen von solchen Organisationen vertreten werden.

Eine tolerante Gesellschaft kann die Gegnerschaft gegen die Toleranz nicht tolerieren. Das kann man ihr zum Vorwurf machen, ändert aber an dieser Logik nichts. Denn die Toleranz taugt nicht zum absoluten Wert, als den ihn die Gegner der Toleranz für ihre eigene Propagandafreiheit einfordern wollen. Sie ist ein relatives Mittel, um einen hohen Grad an Freiheit im Rahmen einer Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Wenn es nicht ausreicht, müssen andere Mittel eingesetzt werden.

Das historische Beispiel dafür ist die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland 1933, die im Rahmen der toleranten demokratischen Spielregeln die relative Stimmenmehrheit bei Wahlen bekamen und dann skrupellos die Machtpositionen ausnutzten, die ihnen der deutsche Reichspräsident eingeräumt hatte. Mit Schuld an der daraus resultierenden Katastrophe war die Schwäche der Zivilgesellschaft, entschlossen darauf zu reagieren, dass tolerante Strukturen für das Aushebeln ebendieser missbraucht wurden. Dieses drastische Beispiel sollte immer in Erinnerung bleiben, um Wiederholungen zu verhindern. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass es sich gerade jene Ewig-Gestrige in Erinnerung halten, denen es um eine Wiederholung des NS-Wahnsinns geht.

Die Achtung der Menschenwürde als absoluter Wert.


Der absolute Wert, der hinter dem Grundwert der Toleranz steht, ist die Menschenwürde und die Menschenliebe. Jeder Mensch verdient es, als Mensch Anerkennung und Respekt zu bekommen, und jeder Mensch verdient Mitgefühl für seine Leidenszustände. Auch Menschen, die aus welchen Gründen auch immer Probleme mit der Toleranz, wie sie in westlichen Gesellschaften besteht, haben, verdienen diesen Respekt, obwohl ihrer Position widersprochen werden muss. Der absolute Wert der Menschenachtung beruht darauf, dass Meinungen, Einstellungen, Haltungen und Handlungen vom Menschsein als solchem unterschieden werden können und müssen. Die Achtung bezieht sich auf dieses Menschsein, während z.B. Handlungen kritikwürdig sein können, vor allem wenn sie dieser Achtung vor der Menschenwürde zuwider laufen.

Die Toleranz ist ein Wert, der aus diesem absoluten Wert abgeleitet ist und aus ihm seine normative und ethische Kraft sowie seine Attraktivität im Sinn des Fortschritts der Gesellschaften zu mehr Freiheit bezieht. Während ein absoluter Wert für die Änderungen in der Gesellschaft durch die jeweils aktuellen Herausforderungen nicht verfügbar ist, muss der relative Wert der Toleranz an diese Erfordernisse angepasst werden. Nur so kann eine Gesellschaft zugleich flexibel und stabil gegründet auf die Werte der Menschlichkeit sein.


Vgl. Die zweifache Grenze der Toleranz

Dienstag, 27. Dezember 2016

Toleranz und ihre zweifache Grenze

Toleranz ist ein hoher Wert in einer freien und offenen Gesellschaft und ein wichtiger Garant für ihren Fortbestand. Gerade deshalb können sich in ihrem Schatten Menschen frei tummeln und Gruppen bilden, die intolerante Meinungen vertreten und bereit sind, diese Meinungen in freiheitsbedrohende Handlungen umzusetzen. Wie soll also eine tolerante Gesellschaft mit intoleranten Menschen, Meinungen und Handlungen, die diese Toleranz bedrohen, umgehen? Ist jede Einschränkung der Toleranz schon intolerant?

Der Begriff der Toleranz markiert den Ausgang aus gesellschaftlicher und kultureller Unterdrückung. Über Jahrtausende mussten Menschen ihre persönlichen Werte und Überzeugungen an die vorherrschenden Ideologien und religiösen Systeme anpassen. Abweichende Meinungsäußerungen wurden meist konsequent und brutal verfolgt. In den Zeiten der europäischen Glaubenskriege wurde z.B. die Praxis verfolgt, dass Menschen zur Auswanderung gezwungen wurden, die sich einer religiösen Richtung nicht anschließen wollten, die in ihrem Gebiet die Macht hatte: Wenn du nicht den Mehrheitsglauben teilst, kannst du ja gehen. Diese Praktik stellte zwar einen Fortschritt dar im Vergleich zur grausamen Ausrottung Andersgläubiger, ging aber immer noch von der Ansicht aus, dass es unmöglich wäre, wenn in einem Haus an die Wirkmacht von sieben Sakramenten und im Nachbarhaus nur von zweien geglaubt wurde, so als müsste man sich wegen solcher Auffassungsunterschiede notgedrungen die Schädel einhauen.


Öffnung der Identität


Ein paar Jahrhunderte später wissen Menschen, die nebeneinander wohnen, nur in Ausnahmefällen von den jeweiligen Glaubensrichtungen. Das Thema hat in den meisten westeuropäischen Ländern jegliche Sprengkraft für den sozialen Zusammenhalt verloren. Und das ist eine Folge der Aufklärung, die sich die Toleranz auf die Fahnen geheftet hat.

Die europäische Geschichte, die auch eine Geschichte zur Ausformung der Toleranz darstellt, in dieser Hinsicht gekennzeichnet durch eine zunehmende Öffnung der individuellen und der kollektiven Identität. Im Mittelalter waren die meisten Menschen in engen Lebensformen eingebunden und eingeordnet. Es gab für Angehörige des Bauernstandes (und das waren fast alle Menschen damals) keine Alternative zum Bauer-Sein, zur Mitgliedschaft in der Kirche und zum Leben im dörflichen Verband. Alternative gesellschaftliche Entwürfe standen nicht zur Verfügung. Die vorgefertigte Identität war seit Jahrhunderten unverändert in Geltung, und deshalb konnte auch die Zukunft nichts anderes bringen.


Eine kurze Geschichte der Aufklärung


Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, deren Wurzeln bis tief ins Mittelalter zurückreichen und die auch wesentliche Impulse aus dem Christentum aufnahm, werden neue Horizonte geöffnet. Die eingeschränkten traditionsgebundenen Identitäten werden sukzessive aufgebrochen. Parallel dazu entstanden neue wirtschaftliche Möglichkeiten und Notwendigkeiten, viele Menschen gingen vom Land in die Städte, von der Landwirtschaft zur Industrie. Zentral für diese Entwicklung ist auch das Bildungssystem, das zunehmend die Vermittlung von modernem Wissen (Alphabetismus, Mathematik, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften) mit modernen Ideen verknüpfte. Bildung beinhaltet immer auch das Denken in Alternativen und verhilft dazu, Identitäten leichter wechseln und verändern zu können.

Einen weiteren Bereich für die Ausbildung der Toleranz bildet die Emanzipation der Kunst, die sich vor allem im 19. Jahrhundert vollzog und ungebrochen weiter wirkt. Bis dahin war die Identität der Kunst durch die vorherrschende Gesellschaftsform vorgegeben, z.B. in der Musik durch die Adelsgesellschaft und die Kirchenorganisation. Nun nahmen sich die Künstler die Freiheit, aus der eigenen Kreativität heraus schöpferisch zu werden, ohne Rücksicht auf bestehende Standards und Konventionen. Die Kunst wurde damit zum Dynamit für alle ideologischen Meinungen und Lebensformen. Schriftsteller griffen sie in ihren Werken direkt und die anderen revolutionären Künstler (Maler, Bildhauer, Musiker usw.) indirekt an.

Dementsprechend heftig war der Kampf zwischen der modernen Kunst und den traditionellen Weltbildern bis zu den Bücherverbrennungen und Kunstverboten der Nationalsozialisten, und das Unvermögen  der Rechtsparteien, die Symbolkraft der emanzipativen Kunst zu verstehen, legt noch immer Zeugnis von dieser Spannung ab. Kunst in ihrer nachmittelalterlichen Form ist ein unversiegbar sprudelnder Quell von Diversität, von der Differenzierung und Dekonstruktion der existierenden Formen, der von sich aus permanent und unüberhörbar zur Toleranz aufruft.

Zusammen bilden diese Strömungen eine starke Kraft der Veränderung zur Toleranz, der sich nichts entziehen kann. Die Widerstände waren und sind zahlreich, aber sie werden von dieser Dynamik der Emanzipation, der Befreiung des Individuellen unweigerlich unterschwemmt und schließlich irgendwann weggespült. Toleranz ist ein Megatrend in der Entwicklung der Moderne, der nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern immer mehr Bereiche des Lebens zu mehr Offenheit und Respekt vor dem Anderen herausfordert.

Denn Toleranz wünscht sich jeder Mensch, sobald er seiner eigenen Individualität bewusst wird: Ich bin radikal anders als alle anderen Menschen. Versuche ich, mich an sie anzupassen, verbiege ich mich und schade mir selbst. Ich kann nur aus dieser Quelle der eigenen Einzigartigkeit heraus leben. Wenn ich dafür keine Duldung bei den anderen finden kann, gerate ich in einen massiven inneren Widerspruch.


Zur logischen Notwendigkeit von Toleranz


Toleranz ist also eine Konsequenz der Tatsache, dass die Natur nicht in der Lage ist, identische Lebensformen hervorzubringen, und weiters der Einsicht, dass trotz radikaler Unterschiedlichkeit die Menschen ihre Angelegenheiten nur im Zusammenwirken gestalten und verbessern können. Daraus folgt notwendig, dass die Unterschiedlichkeit, die Diversität geduldet und, so weit wie möglich, geschätzt werden muss.

Toleranz ist also kein Luxus, den sich eine Gesellschaft mit ausreichenden Ressourcen gestattet, sondern eine Grundbedingung des menschlichen Lebens. Insoferne bedroht jede Form der Intoleranz dieses gemeinschaftlich verfasste menschliche Leben.


Zwei Grenzen der Toleranz


Der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon spricht von zwei Grenzen der Toleranz. Die erste "verläuft zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was nicht mehr toleriert werden darf." Hier geht es z.B. um das Ende der Toleranz dort, wo anderen Menschen Schaden zugefügt wird, z.B. durch das Ausüben von Gewalt. Eine Gesellschaft kann nicht bestehen, wenn sie das toleriert, was ihre Grundlagen angreift.
Dazu kommt noch eine zweite Grenze: „Sie markiert den Unterschied zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was akzeptiert werden kann.“ Es gibt Phänomene, die z.B. im Sinn der Meinungsfreiheit toleriert werden müssen, aber nicht akzeptiert werden können, wie z.B. rassistische Aussagen, die das Gleichheitsprinzip der Gesellschaft aushebeln wollen.

Schmidt-Salomon: „Wir haben es also mit drei unterschiedlichen Bereichen zu tun: dem Akzeptablen, dem Nur-Tolerablen und dem Nicht-mehr-Tolerablen. Diese unterschiedlichen Bereiche müssen auch unterschiedlich behandelt werden. Als grobe Marschrichtung kann dabei gelten: Was in einer offenen Gesellschaft zu akzeptieren ist – etwa das Ideal der Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger -, muss gestärkt, was nur zu tolerieren ist – zum Beispiel schwulenfeindliche Ressentiments -, geschwächt, und was nicht mehr zu tolerieren ist – etwa Gewaltaufrufe gegen Schwule -, strikt unterbunden werden.“

Es genügt also nicht, eine klare Abgrenzung zwischen dem, was geduldet werden kann, und dem, was nicht geduldet werden kann, zu ziehen. Das sollte im Rahmen jeder Rechtsordnung klar definierbar und mittels der Rechtsprechung durchsetzbar sein. Die Aufgabe hier liegt darin, die Rechtsnormen beständig entsprechend der gesellschaftlichen Veränderungen neu zu bestimmen, gewissermaßen upzudaten, wann und wo immer neue Störprogramme gegen die Toleranz auftauchen. 


Der Einsatz für die offene Gesellschaft geht alle an


Der andere Bereich betrifft die Politik und noch mehr die Zivilgesellschaft: Im Rahmen der Toleranz alles, was nicht akzeptiert werden kann, weil es die Werte der Toleranz unterminiert, mit allen Mitteln der öffentlichen Meinungsbildung und der reflektierten Argumentation zu bekämpfen. Intolerante Wertsetzungen dürfen nicht ohne Widerspruch bestehen bleiben, es braucht massive und entschiedene Gegenstimmen und Erwiderungen. Ein Beispiel dafür bildet das Institute for Strategic Dialogue, das u.a. Gegennarrative zu den Strömungen der fundamentalistischen Propaganda entwirft und publiziert.

Wir sollten eine Gesellschaft sein, die kollektiv aufschreit, sobald gegen die Werte der Toleranz Stellung bezogen oder gehandelt wird: Ein Schrei, der aus der Verletzung des Menschlichen kommt, denn jeden, der sich der eigenen Menschlichkeit bewusst ist, sollte im eigenen Mark getroffen sein, wenn die Toleranz angegriffen wird. Ein solches Aufschreien sollte es nicht erst geben, wenn Dutzende Menschen auf einem Weihnachtsmarkt umgebracht werden.

Wir leben in einer Welt allgegenwärtiger Medien, indirekt vermittelte Informationen bestimmen in großem Ausmaß unsere innere Wahrnehmungswelt und beeinflussen unsere Werte. Darum sollten wir, Mitglieder der Zivilgesellschaft, an dieser medialen Öffentlichkeit teilnehmen, nicht nur als passive Konsumenten, sondern auch als aktive Gestalter, die ihre Meinung zur Vielfalt der Meinungen beisteuern, wo immer es geht. Damit tragen wir aktiv zur Verbreitung von Toleranz bei.

Unsere Verantwortung geht noch weiter: Wir sollten uns auch als Wächter für die Offenheit der Gesellschaft verstehen und gegenüber allen Bedrohungen wachsam sein. Wir alle sind Hüter eines kostbaren Gutes, das wir nicht für etwas Selbstverständliches vergessen sollten, sondern als einen Schatz, den wir stärken und vermehren sollten, damit er lebendig bleibt. Und das Lebendige ist allemal stärker als das Tote.

Interview mit 
Michael Schmidt-Salomon

Vgl. Die Unausweichlichkeit der offenen Gesellschaft
Toleranz ist ein relativer Wert