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Sonntag, 7. Januar 2024

Die Frage nach dem Jenseits und die Scham

Viele Religionen beschäftigen sich mit der Frage über das Weiterleben nach dem Tod und bieten dazu ihre Glaubenswahrheiten an. Die gängigsten Antworten sind die Wiedergeburtslehre und die Lehre von Himmel und Hölle. Nach Religionszugehörigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass ungefähr eine Hälfte der Menschheit mehr der einen und die andere mehr der anderen Richtung des Jenseitsglaubens anhängt.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle die Scham bei der Beantwortung dieser Frage spielt. Wir kennen den Zusammenhang von Frage und Antwort. Fragen kommen aus einem Spannungszustand, der durch die Antwort entspannt werden soll. Wir wissen etwas nicht, und das bereitet uns ein unangenehmes Gefühl. Wir suchen die Antwort, um das lästige Gefühl zu beseitigen. Jede Unwissenheit trägt ein kleines Element der Scham in sich, und das Wissen, das wir erlangen, löst die Scham auf. Wenn wir aber keine Antwort auf unsere Frage bekommen, bleibt die Schamspannung bestehen.

Dieser Zusammenhang zeigt sich bei den kleinen und kleinsten Unwissenheiten im Alltag in Form von kleinen und kleinsten Scham-Lösungszyklen. Bei den großen, letzten Fragen, die unser gesamtes Sein anbetreffen, sind diese Zyklen umso größer. Die Frage nach dem Jenseits unserer Lebenslaufbahn betrifft uns auf einer existenziellen Ebene. Unser Denken ist in der Lage, über unseren Tod hinaus zu fragen: Was ist mit der Seele, wenn der Körper stirbt? Die Vorstellung der radikalen Endlichkeit („Mit dem Tod ist alles aus“) hat etwas Schockierendes an sich. Alles, worauf wir in diesem Leben bauen, und alles, was wir in diesem Leben aufgebaut haben, soll mit einem Schlag beendet und verschwunden sein. Um uns vor dieser Radikalität der Endlichkeit zu schützen, glauben wir lieber an eine der Formen des Weiterlebens, entweder mit einer Chance, die dann eine Ewigkeit anhält, oder mit einer endlichen oder unendlichen Serie von Wiedergeburten. Diese Denkmöglichkeiten geben uns einen Trost und eine Beruhigung angesichts der drohenden Endlichkeit. Zugleich befrieden sie das Schamgefühl, das entsteht, wenn wir mit einer Frage ohne Antwort dastehen, so als wären wir wären keiner Antwort würdig.

Die Antworten auf Fragen geben uns ein Gefühl der Kontrolle. Wir sind nicht mehr einem ungewissen Schicksal ausgeliefert, auch dann nicht, wenn der Tod anklopft, sondern wir können darauf vertrauen, dass es irgendwie weitergeht und wir nicht völlig ausgelöscht werden. Wir verfügen über ein Stück Sicherheit, ein Stück Kontrolle in Hinblick auf den Tod.

Wir können uns dabei zwar nicht auf Wissen berufen, weil es aus der Jenseitswelt kein sicheres Wissen geben kann, aber wir können uns auf unsere Fähigkeit zum Glauben stützen. Durch das Glauben schützen wir uns vor der unheimlichen und existenziell bedrohlichen Vorstellung, im Moment des Todes in ein Nichts zu fallen. Wir müssen die Scham nicht mehr spüren, die uns bei dieser Vorstellung befällt.  

Der Umkehrschluss lautet allerdings, dass all die Scheinsicherheiten, die durch Erklärungsmodelle und Sinnangebote jenseits des Wissbaren vorgeschlagen werden, der Angst- und der Schamabwehr dienen. Sie vermitteln die Illusion von Kontrolle und befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit in einem Bereich, in dem es keine Sicherheit geben kann. Es wäre blamabel und bedrohlich zugleich, zugeben zu müssen, das eigene Leben über den Tod hinaus nicht kontrollieren zu können.

Wissen und Kontrolle

Verlässliches Wissen suchen wir deshalb, weil es uns Sicherheit gibt und uns erlaubt, die Wirklichkeit zu kontrollieren. Wenn wir herausgefunden haben, was Blitze sind, können wir Techniken entwickeln, die unsere Häuser vor Blitzschlägen schützen. Wir sind der Naturgewalt in dieser Hinsicht nicht mehr ausgesetzt, sondern halten sie unter Kontrolle. Wenn wir verstehen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, später als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit selber gewalttätig werden, wissen wir, wie wir die Gewalttätigkeit unter Menschen verringern können.

Wo wir über kein Wissen verfügen, das uns Sicherheit geben könnte, strengen wir uns an, dieses Wissen zu erzeugen. Wir forschen nach den Ursachen und Zusammenhängen, bis wir wissen, wie die Dinge funktionieren und wie wir sie lenken und kontrollieren können, sodass sie uns nutzen oder zumindest nicht mehr schaden.

Mit jedem Wissen gewinnen wir also ein Gefühl der Macht über Vorgänge und Menschen und fühlen uns geschützt vor Risiken. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, erfüllt uns mit Stolz. Mit Mitleid betrachten wir frühere Zeiten, in denen z.B. die Risiken, an einer Bakterieninfektion zu sterben, viel höher waren als heute. Denn wir verfügen gegen diese Gefahr über wirksame Mittel, die wir durch Wissen gefunden haben. Wo dieses Wissen noch nicht vorhanden ist, z.B. bei noch immer unheilbaren Krankheiten, spüren wir einen Mangel, der uns Scham bereitet, und eine Bedrohung, die uns Angst macht. Und wir freuen uns und sind stolz, wenn den medizinischen Wissenschaften ein Erfolg in der Krankheitsbekämpfung gelungen ist.

Gerade deshalb sind uns Bereiche, in denen wir kein sicheres Wissen erlangen können, besonders suspekt. Sie bereiten uns ein mulmiges Gefühl. Wir wollen uns auch hier vor Gefahren schützen und schämen uns, wenn es uns nicht gelingt. Um diese Scham zu überwinden, hat die Menschheit Vorstellungen erfunden, die uns auch hier eine Sicherheit geben sollen. Wir sind zwar nie sicher, ob es sich nicht doch um Illusionen handelt. Dennoch wollen viele auf diese Einbildungen nicht verzichten.

Die Alternative wäre es, das Nichtwissen und Nichtwissenkönnen auszuhalten. Die absolute Grenze, die der Tod in jedes Menschenleben einführt, löst Widerstände und Unwillen aus, die aus unserem Ego kommen. Unsere Selbstsucht hält es nicht aus, wenn wir irgendwo über keine Kontrolle verfügen und in der Schwebe der Unsicherheit hängen bleiben. Insbesondere unser eigenes Ende ist mit der größten Angst behaftet, und eine der Hauptfunktionen des Egos besteht darin, uns vor der Vorstellung eines absoluten Endes zu schützen. Es will über den Tod hinaus die Kontrolle behalten.

Denn es ist für unser überzogenes Selbstbewusstsein ein Skandal, das eigene Ende und damit die zukünftige Nichtigkeit dessen, was wir jetzt sind, mitdenken zu müssen. Der Narzissmus, der in jede Ego-Selbstbestätigung enthalten ist, will diese Grenze um jeden Preis relativieren, indem er sich an die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben anklammert. Mit einer Form des Jenseitsglaubens kann er und damit die gesamte Ego-Agenda bestehen bleiben, zumindest so lange der Körper die Denkvorgänge aufrechterhält.

Der Stolz der Nichtgläubigen

Aber auch die skeptische Haltung zu den Jenseitsfragen enthält emotionale Fixierungen, wenn sie mit Stolz vertreten wird. Die naiven Jenseitsgläubigen werden belächelt oder verachtet, während die eigene Überlegenheit im Nichtglauben genossen wird. Festgehaltener Stolz stellt eine Form der Schamabwehr dar. Die Scham, keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der eigenen Endlichkeit finden zu können, wird in den Stolz umgemünzt, im eigenen Bewusstsein weiter entwickelt zu sein als jene, die am Glauben hängen. Das Ego findet seine Befriedigung in dieser Form der Überheblichkeit.

Das Aushalten der Endlichkeit

Was wäre, wenn wir uns nicht unserem Ego unterordnen und den Narzissmus der Selbstüberschätzung überwinden? Dazu müssen wir uns den Gefühlen der Scham und der Angst stellen, die mit der Akzeptanz einer absoluten Grenze unseres Kontrollstrebens auftauchen. Wenn wir uns diese Gefühle bewusst machen, können wir ihre Macht über uns und über unsere Jenseitsvorstellungen brechen. Es fällt uns dann leichter, uns einzugestehen, dass unsere Kontrolle an der Grenze des Diesseits endet. Das Jenseits entzieht sich unserem Einfluss und unserer Macht, also auch der , die wir durch das Wissen erlangen wollen.

Die Akzeptanz der absoluten Grenze für das Wissen und die Kontrolle führt uns zu einer Haltung der Bescheidenheit und Demut. Wir fügen uns in unsere Begrenztheit und Unvollkommenheit und erkennen darin besondere Qualitäten des Menschseins. Wir beschränken unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit durch Wissen zu kontrollieren, auf das diesseitige Leben, auf das Meistern der aktuellen Probleme und Fragestellungen. Wir erkennen und nehmen die besondere Würde, die darin liegt, unsere Kräfte der Bewältigung unseres uns gegebenen Lebens zu widmen, gleich ob es nach dem Tod irgendwie weitergeht oder nicht. Wir gründen das Vertrauen in uns und in die Beziehungen zu den Menschen um uns herum, denen wir liebevoll begegnen.

Wir nutzen die Räume, die uns zur Verfügung stehen, um unser Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Als Menschen haben wir aufgrund unserer ins Jenseits und ins Unendliche reichenden Intelligenz eine Sonderstellung in der Natur inne. Wir können dieser Sonderstellung aber nur dann gerecht werden und aus ihr sinnvollen Nutzen ziehen, wenn wir uns selbst überall dort beschränken, wo die Kontrolle durch das Wissen nur illusionär ist. Jede Überdehnung der Grenzen führt uns in eine Versuchung, mehr Macht auszuüben als uns zusteht. Und das tut weder uns gut noch allem anderen, worauf sich diese Macht auswirkt.

Ähnlich wie wir als Menschheit unser Verhältnis zur Natur nur dadurch ausgleichen können, dass wir unsere überschießenden Kontrollimpulse kontrollieren und einschränken, kommen wir dem Sinn unseres Lebens nur näher, wenn wir die absolute Grenze, die uns der Tod nun einmal setzt, in ihrer Absolutheit respektieren und der Versuchung widerstehen, die uns die verschiedenen Glaubensmodelle anbieten.

Auf die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod haben wir die Wahl, an eines der Angebote aus den Religionen zu glauben oder auf jeden Glauben zu verzichten. In jedem Fall ist es sinnvoll und hilft bei der inneren Klärung, wenn wir nachprüfen, welche Ängste und vor allem welche Schamgefühle bei unserer Wahl mitspielen.

 Zum Weiterlesen:
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Theologie und Mystik zur Frage des Weiterlebens
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Wissen, Phantasie und Glaube
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele

Freitag, 14. Juni 2019

Die Dritte Aufklärung für die digitale Epoche


Der deutsche Kulturphilosoph Michael Hampe fordert eine dritte Aufklärung, nach den epochalen geistigen Revolutionen in der griechischen Antike und den geistigen und gesellschaftlichen Umwälzungen im 18. Jahrhundert. Er spricht von einer Inflation der Meinungen, mit der die Menschen heute mit ungeprüften und verführerischen Informationen überschwemmt werden. Die Grenzen im inneren Informationsmanagement werden immer schwerer zu ziehen: Zwischen Bildung, die in einem Lernprozess erworben wird, Informationen über Fakten, die in überprüfbaren Verfahren entstehen, und Manipulationen für Werbezwecke, politisch, wirtschaftlich oder für die individuelle Eitelkeit („Instagramm-Selbstdarstellung“).

Während die Aufklärung im 18. Jahrhundert nach dem berühmten Satz von Immanuel Kant „der Ausgang der Menschheit aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ war, geht es heute darum, Orientierung im Gewirr des medialen Geplappers, der bewusst gestreuten Lügen, der gezielten unterschwelligen Manipulation und der angstgesteuerten Verschwörungstheorien zu finden. Denn „die Überfüllung unseres Geistes mit nutzlosen Meinungen ist sogar gefährlich für unser Leben, weil sie uns den Sinn für die orientierende Bedeutung von Wahrheiten raubt. Ohne eine Wertschätzung von Wahrheiten durch die Mehrheit derer, die ein aufgeklärtes Leben führen, ist diese Lebensform jedoch nicht fortsetzbar. Eine Askese im Meinen ist deshalb ebenso empfehlenswert wie eine gewisse Askese bei der Nahrungszufuhr.“ (S. 27)

Das Ziel dieser Aufklärung ist nach Hampe der Schritt der Menschheit zum Subjekt ihrer eigenen Geschichte, was die Ausweitung und Vertiefung der allgemeinen und vor allem der interkulturellen Bildung und der Bildung in Medienkompetenz voraussetzt. (S. 15) Diese Bildung besteht darin, dass wir bloße Meinungen in Wissen überführen:  „Wissen aber wird dadurch hervorgebracht, dass man Meinungen in bestimmten Verfahren überprüft. Die Ausführung dieser Verfahren, der sogenannten Wahrheitspraktiken, ist mühsam und zeitraubend. Aber an ihrem Ende steht etwas Verlässlicheres als die Meinung: Wissen.“ (S. 25)

Wissen ist ein Ergebnis von Bildung


Wissen ist nicht nur praktischer als Meinungen, weil es längerfristig gültig ist und sich besser in der Wirklichkeit bewährt, sondern auch, weil es mehr Bezug zu uns selber hat, indem wir selbst für die Erzeugung des Wissens verantwortlich zeichnen. Wir haben Lernenergie in den Bildungsprozess investiert, unser Gehirnschmalz, während wir Meinungen irgendwo aufschnappen und ohne Denkbemühung wiederkäuen. Die Anstrengungen des Wissens-Erwerbs lohnen sich, weil wir darin Sicherheit gewinnen, unsere inneren Werte stärken und die Orientierungsperspektiven in die Zukunft klären. Außerdem können wir auf dieser Basis unsere kommunikativen Verbindungen und damit die zwischenmenschliche Solidarität vertiefen, indem Räume des herrschaftsfreien Diskurses nach dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas (der übrigens dieser Tage 90 Jahre wird) eingerichtet werden. Dort herrscht der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ statt Machtansprüchen, die nicht argumentieren wollen, sondern blinden Glauben einfordern.

Hampe weist darauf hin, dass die meisten Menschen von zwei Grundimpulsen angetrieben werden: Einerseits dem Streben nach vertrauter Umgebung und nach der Absicherung im Gewohnten, und andererseits dem Streben nach Intensität. Menschen lieben die Beschaulichkeit, und sie suchen das Abenteuer. So ist es auch in der Welt der Meinungen: Viele schätzen den Nervenkitzel von Verschwörungstheorien mehr als deren wissenschaftliche Widerlegungen. Häufig befriedigen die Mythen und Illusionen, die als Wirklichkeiten verkauft werden, das Bedürfnis nach Intensität scheinbar leichter und besser im Vergleich zu Bildungsprozessen, die Mühe und Disziplin erfordern.

Aufklärung hingegen findet nicht in der Komfortzone beim abgestumpften Medienkonsum oder beim mechanischen Scrollen auf einer bilderreichen digitalen Plattform statt, sondern beim Abwägen, Reflektieren, Überprüfen, Vergleichen, also bei der „Arbeit des Begriffs“ (nach Hegel), individuell und kommunikativ.

Das Ende der Grausamkeit


Ein treibendes Motiv der Aufklärer war es immer, das Leben der Menschen menschengerechter zu machen. Dazu gehört ganz zentral das Anliegen, die Ausübung von Gewalt zurückzudrängen. All die Bewegungen des gewaltfreien Widerstandes, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht haben, sind eine Folge der Aufklärung, weil sie zur Durchsetzung von Menschenrechten gegen eine ungerechte und repressive Staatsmacht angetreten sind und bis heute antreten. Sie zeigen die Macht der Gewaltlosigkeit gegenüber der Grausamkeit, die in einem Mehr an Menschlichkeit besteht.

Das ist die immer wiederkehrende Botschaft der Aufklärung: Brutale Machtausübung darf nicht das Maß der gesellschaftlichen Ordnung sein, sondern kann nur eine primitive Form der Konfliktregelung darstellen, die dringend eingeschränkt und überwunden werden muss. Nur so kann eine Gesellschaft gebildet werden, die dem entspricht, was Menschen aus ihrer sozialen Natur heraus wollen und brauchen. Auf der Basis von Gewalt kann es nie zur Gleichheit der Menschen und zum sozialen Ausgleich kommen.

Der Drang zur Intensität, der nach Hampe für den Menschen konstitutiv ist, kann leicht zu Gewalt und Grausamkeit verführen. Die Bereitschaft, sich in Gefahr zu bringen, wird etwa von Extrembergsteigern oder Klippenspringern ausgelebt, die allerdings wissen, dass sie ein diszipliniertes Training für ihre Aktionen benötigen. Sie riskieren die Erfahrung von Leid und gehen an Grenzen, freilich gestützt auf fleißig erworbene Kompetenzen. Demgegenüber haben ungeübte und undisziplinierte Intensitätssucher die Möglichkeiten, ihren Hang zum Abenteuer scheinbar gefahrlos auszuleben, indem sie in den Weiten der sozialen Netzwerke ihre Meinungen in riskanter Weise ausbreiten, nämlich hasserfüllt und grausam und ohne persönliche Verantwortung.

Die Hintergründe von Hassäußerungen im Internet habe ich schon eigens thematisiert. In diesem Zusammenhang wird noch die Komponente der Grausamkeit näher beleuchtet. Grausamkeit bedeutet, dass anderen Menschen Leid zugefügt werden soll, aus welchen Motiven auch immer, oft auch verbunden mit einer Lust an der Demütigung und am Leiden anderer. Für Grausamkeiten gibt es keine Rechtfertigung, sondern es handelt sich um ein Laster, eine gravierende menschliche Schwäche, die in allen Bereichen individuell und kollektiv überwunden werden muss. Die Frage, ob die Menschen eine Disposition zur Grausamkeit in ihrer Erbsubstanz haben oder ob Grausamkeit nur entsteht, wenn aufgearbeitete Traumatisierungen wirksam werden, muss hier nicht geklärt werden; klar ist, dass äußere Umstände notwendig sind, die die Ausübung von Grausamkeit erlauben, wie z.B. der Krieg, und wie auch in geringerer Ausprägung die anonyme Welt der sozialen Medien.

Kultur der Intensität


Deshalb muss die Aufklärung auch und gerade in diese Bereiche hineinwirken. Zum einen besteht sie im täglichen Geschäft der Informationsprüfung, um Klarheit in den Fluss der konkurrierenden Meinungen zu bringen. Zum anderen braucht es eine Kultur der Intensität, also eine Bildung im Bereich der Sensationslust und der Ereignisfixierung. Sie kann darin bestehen, herkömmliche Kulturtechniken wie das Lesen von Büchern, das Argumentieren und das Recherchieren mehr zu pflegen und damit einen Ausgleich zur digitalen Reizüberflutung zu schaffen. Wir sind auch gefordert, neue Formen des Austausches und der Kommunikation zu erfinden, die die Prinzipien des herrschaftsfreien Diskurses beachten und wirksame Gegengewichte gegen die Gewaltaufladung in den Netzwerken bilden können. Wir können die Intensität in der Bildung und im gewaltfreien Diskurs, in der Neugier und im Interesse finden, und werden in diesen Formen mehr Befriedigung als im Ausleben von Grausamkeit finden.

Literatur:
Michael Hampe: Die Dritte Aufklärung. Nicolai, Berlin 2019

Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp, Frankfurt 1981

Zum Weiterlesen:
Die soziale Utopie als Hoffnungsträger
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Hass im Internetzeitalter

Donnerstag, 28. Februar 2019

Notwendigkeit und Macht des objektiven Wissens

Wissen ist Macht, und wer definieren kann, was als Wissen anerkannt wird und was nicht, hat die Macht über diese Macht und damit über die unmündigen Menschen, die sich nicht selber ein Urteil bilden wollen. Das haben viele Diktaturen im Lauf der Geschichte bewiesen, und allem Anschein nach motiviert es gerade in unseren Tagen viele Nachahmer dazu, sich der Definition von Wissen zu bemächtigen und sich damit den Schlüssel zur Herrschaft über die Menschen zum eigenen Vorteil zu sichern. Der Vorgang ist immer der gleiche: Subjektive Überzeugungen werden als objektives Wissen ausgegeben, und objektives Wissen wird zu subjektiver Meinung herabgestuft.

Deshalb ist eine tragfähige Unterscheidung von subjektivem und objektivem Wissen notwendig. Während es einfach ist, subjektives Wissen zu definieren, gibt es um das Verständnis von objektivem Wissen mehr Klärungsbedarf. Hier möchte ich argumentieren, dass eine Klarstellung ganz wesentlich für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft und Demokratie ist. Objektives Wissen ist ein zentrales Gut, weil es einen privilegierten Zugang zur Wahrheit verkörpert. Deshalb konkurrenzieren  verschiedene Interessen um diesen Zugang. Objektives Wissen ist eine Geburt der menschlichen Kreativität und Schaffensfreiheit, darum will es von vielen festgenommen werden.


Das subjektive Wissen


Subjektives Wissen ist etwas, das eine Person aufgrund eigener Erfahrung für wahr hält. Wenn ich spät schlafen gehe, habe ich nächsten Tag in der Früh Kopfschmerzen. Wenn ich Bohnen esse, bekomme ich nachher Bauchdrücken. Wir machen einzelne Erfahrungen, und solche, die sich wiederholen, bezeichnen wir dann als Wissen. Subjektives Wissen heißt, es gilt für mich persönlich und ich halte es für wahr. Ich kann mein Verhalten danach ausrichten, dieses Wissen hat also einen praktischen Wert für mich. Wenn ich Bauchdrücken vermeiden will, esse ich keine Bohnen. Wenn ich gut ausgeruht sein will, gehe ich früher schlafen. Für andere mag das anders sein.

Subjektives Wissen ist nicht falsifizierbar im Sinn von Karl Popper. Niemand kann mich dazu bringen, meine Geschmacksvorlieben oder Lebensüberzeugungen für falsch zu erklären. Auch wenn alle anderen nicht meiner Meinung sind, kann ich dabei bleiben. Subjektives Wissen braucht auch nicht falsifiziert zu werden. Es besteht so lange, als ein Subjekt daran glaubt und es für wichtig erachtet und in seiner Lebenspraxis anwendet. 


Objektives Wissen


Objektives Wissen ist solches, das für alle gilt, das also alle für wahr halten. Um diese Form des Wissens zu gewinnen, haben die Menschen die Wissenschaft erfunden. Sie soll eine Form des Wissens garantieren, die unabhängig von subjektiven Vorlieben und Interessen ist und die von allen eingesehen und genutzt werden kann.

Die traditionelle und bewährte Regelung von wissenschaftlichem Wissen besteht darin, dass jeder, der dazu bereit ist, zur gleichen Erfahrung kommt. Mit den geeigneten Messinstrumenten müsste jeder Mensch, der die Schwerkraft misst, zum gleichen Ergebnis kommen. Jeder, der ein Elektronenmikroskop bedienen kann, erkennt die gleichen Zusammenhänge in einem Atom. Jeder, der das Doppelspaltexperiment durchführt, kommt zu den gleichen Beobachtungen. Die Ergebnisse hängen nicht vom Subjekt und den Geschmacksvorlieben der Forscherperson ab.

Objektives Wissen ist demokratisch


Diese Rahmenbedingungen geben dem wissenschaftlichen Wissen eine Sonderstellung in Vergleich zu verschiedenen anderen Wissensformen. Wissenschaftliches Wissen hat eine demokratische Struktur, weil sie eben jeder Mensch gleichermaßen, ohne Machteinflüsse, erzeugen, erwerben und für sich verwenden kann. 

Dazu kommt, dass die Ergebnisse der Wissenschaften vom Prinzip her allen zugutekommen sollen. Sie sind vom Anspruch geleitet, Wirklichkeit in einer Weise zu erkennen und zu erklären, die jeder Mensch in sich hat und für sich aktivieren kann (soweit jemand das Erwachsenenalter erreicht hat und nicht durch eine geistige Behinderung gehandicapt ist). 


Objektives Wissen beruht nicht auf Willensbildung


Diese Berufung auf eine grundsätzliche Gemeinsamkeit aller Menschen als Erkenntnisvoraussetzung für objektives Wissen schließt eine Mehrheitsstruktur, wie sie in demokratischen Willensbildungen vorkommt, aus. Denn objektives Wissen kommt nicht durch subjektive Entscheidungen zustande, sondern durch die Erforschung der Wirklichkeit. Über die Richtigkeit eines objektiven Wissens kann nicht die Mehrheit in einer Abstimmung entscheiden. 

Solche Prozeduren können höchstens über die Geltung des Wissens in einer Gesellschaft bestimmen. In diesem Sinn war zwar zu Beginn der Neuzeit das geozentrische Weltbild (die Erde als Mittelpunkt des Weltalls) geltendes Wissen, aber das objektive Wissen weniger Wissenschaftler auf der Basis einer verbesserten Datenerhebung und Datenerfassung hatte schon das heliozentrische Weltbild als überlegen und richtig erkannt. Über längere Zeit hatte dieses Wissen noch für eine kleine Minderheit, oft im Geheimen, verbindlich gegolten, bis es schließlich zum Allgemeingut der Menschheit wurde und nur mehr von einer sehr kleinen Minderheit bestritten wird.

Ein Staat oder eine Gemeinschaft kann also z.B. beschließen, dass es keine menschengemachte Erderwärmung oder keine Evolution des Lebens gibt. Sie setzt damit fest, dass das objektive Wissen, das das Gegenteil belegt, nicht gilt und deshalb auch nicht angewendet wird. Unter Umständen wird die Ideologie – und darum handelt es sich bei sozial festgelegten Wissenssystemen ohne objektive Rückbindung und ohne Selbstinfragestellung – mit Macht und Autorität durchgesetzt, indem z.B. “Andersgläubige” verfolgt und abweichende Meinungsäußerungen unterdrückt werden. Im Bildungssystem wird wissenschaftliches Wissen durch Glaubenswissen oder Ideologie ersetzt. Schüler und Studierende werden nicht in der Anwendung des kritischen Denkens geschult, sondern mit vorgegebenem ideologischem Wissen, also verallgemeinertem subjektivem Wissen indoktriniert. In diesen Fällen wird objektives Wissen für unwichtig und irrelevant erklärt und der – grundsätzlich subjektive – Glaube wird zur Richtschnur der Wahrheitsdefinition. 

Mehrheitsentscheidungen beruhen auf verallgemeinerten subjektiven Wissensinhalten. Es wird behauptet, dass eine subjektive Einsicht wahrer ist als eine andere. Mit der aktuellen und verräterischen Rede von “Postfaktizität” und “alternativen Fakten” wird zusätzlich suggeriert, dass das objektive Wissen auch nur die Spielart eines subjektiven Wissens wäre, so wie eine rechte US-Politikerin die Meinung vertritt, dass die Leugner des Klimawandels genauso richtig lägen wie die Vertreter der Gegenposition. Auf diese demokratiefeindliche Weise wird das Feld des Wissens durch eine ideologisierte Debatte auf die Konkurrenz subjektiver Meinungen nivelliert, mit dem Ziel, durch Manipulation und Gehirnwäsche die Macht an sich zu reißen und gegen alle demokratisch motivierten Versuche abzusichern, mittels objektivem Wissen die herrschende Subjektivität zu entmachten.


Wissensformen und diskursive Kommunikation


Ist die Subjektivität an der Macht, so gibt es keine Basis mehr für eine diskursive Wahrheitsfindung. Diskurse dienen dann einzig dem Austausch von subjektivem Wissen, ohne Aussicht auf einen substantiellen Abgleich von Stärken und Schwächen einer bestimmten Argumentation, geschweigedenn auf einen Konsens. Eine Person sagt: Für mich ist die Theorie A (z.B. in Konzentrationslagern wurden keine Menschen umgebracht) wahr, die andere sagt das Gleiche über die Theorie B (In NS-Konzentrationslagern wurden systematisch Millionen Menschen umgebracht). Jeder hat seine Gründe für die eigene Überzeugung, die Meinungen stehen gegeneinander und bleiben so fixiert. Es gibt keine Basis, auf der diese Gründe verglichen werden könnten, z.B. die Basis von Augenzeugenberichten, Messungen, Forschungsberichte oder Quellenstudien. Eine diskursive Übereinstimmung gibt es nur dort, wo sich subjektive Meinungen gleichen oder angleichen, wo sich also Gleichgesinnte treffen und sich in ihrer Blase gegenseitig die gemeinsame Wirklichkeitskonstruktion bestätigen. 

Im Gegensatz dazu muss sich jeder Anspruch auf objektives Wissen dem kritischen und offenen Diskurs aussetzen, der das Zustandekommens des Wissens überprüft: Hat hier jemand kurz die Augen geschlossen und sich eine Theorie zusammenfantasiert oder hat jemand Fakten gesammelt, Daten analysiert und ausgewertet, Messinstrumente angewendet, andere Theorien und Forschungen studiert und verglichen usw.? Ist also jemand nur seiner momentanen individuellen Eingebung gefolgt oder hat er sich mit der äußeren Wirklichkeit in einer Weise auseinandergesetzt, die jeder andere imitieren kann, um zu überprüfen, ob das gleiche Resultat herauskommt? Vertritt da jemand ihre Meinung als allgemeingültige und unveränderliche Wahrheit oder meint sie, dass sie nur über vorläufiges und verbesserbares Wissen verfügt?

An einem kritischen Diskurs kann sich jeder beteiligen, sofern er die Grundvoraussetzung der objektiven Wissensgewinnung teilt und sich der entsprechenden Anstrengungen unterzieht. Es gibt also eine verbindliche Basis zur Wissensgewinnung und Wissensüberprüfung. Objektives Wissen ist grundsätzlich veränderbar und offen für Weiterentwicklung und Verbesserung. Objektives Wissen ist also immer dynamisch und flexibel. Es haftet auch nicht an einzelnen Personen wie das Werk eines Dichters oder Komponisten, oder auch eines politischen Ideologen. Vielmehr ist dieses Wissen immer eine Gemeinschaftsproduktion und muss sich im kritischen Diskurs bewähren.


Zwei Welten in der Wissenslandschaft


Um Welten liegen diese beiden Formen der Wissenserzeugung auseinander. Häufig beginnt die Gewinnung von objektivem Wissen bei subjektiven Einsichten, dem berühmten Einfall in der Badewanne. Doch dann erst kommt der lange Weg der Wissensgewinnung und -absicherung, die Mühsal der Ebenen, die erst die Entstehung von Objektivität ermöglichen. Ohne Arbeit, kritische Reflexion und Zusammenwirken von Methoden, Vorwissen und Diskussion kommen wir nicht zu objektivem Wissen. 

Aber der Weg lohnt sich, weil das objektive Wissen dadurch, dass es mehrfach intersubjektiv gegen subjektive Einflüsse abgesichert ist, zuverlässiger und nutzbringender ist als jedes subjektive Fürwahrhalten. Kein Smartphone würde einen Pipser von sich geben, wenn es allein auf der Grundlage von subjektiven Fantasien zusammengebastelt wäre. Jedes technische Gerät ist eine Manifestation von Unmengen an objektivem Wissen, das systematisch von jeder Subjektivität gereinigt wurde. Ohne die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung der Fluorkohlenwasserstoffe auf die Ozonschicht der Erde wäre das Loch einfach weitergewachsen. Und es waren nicht die Wunderheilungen, die die Überlebenschancen bei Krebs in den letzten Jahrzehnten drastisch verbessert haben, sondern die Fortschritte in der medizinischen Forschung.


Der Objektivitätszustand



Es gibt offenbar einen Bereich im Gehirn, in dem sich Menschen hinreichend ähnlich sind, sodass sie, wenn dieser aktiv ist, bei bestimmten Prozeduren zu den gleichen Ergebnissen gelangen. Einleuchtend ist das bei der Mathematik, in der es immer um ein eindeutiges Richtig oder Falsch geht. Auch in den anderen Wissenschaften geht es um die klare und objektiv nachvollziehbare Unterscheidung von Faktizität und Fiktion. Die Kriterien dafür haben sich im Lauf der Wissenschaftsgeschichte entwickelt und wurden immer mehr verfeinert. Die Menschen haben auch die Philosophie entwickelt und für unseren Zusammenhang besonders wichtig die Instanz der Erkenntnis- und Wissenschaftsphilosophie, die für die Geltungskriterien für ein objektives Wissens zuständig ist und sie mit ethischen Standards in Verbindung bringt. Die Überprüfung der “Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung” nach Immanuel Kant stellt die Qualität objektiver Erkenntnisse sicher und grenzt sie klar von subjektivem “Dafürhalten” ab.

Faktizität ist das, was alle Menschen für richtig nehmen können, wenn sie sich in einem bestimmten Geisteszustand befinden und sich mit der äußeren Wirklichkeit beschäftigen. Diesen Geisteszustand könnte man den Objektivitätszustand nennen. Es braucht dazu ein nüchternes Wachbewusstsein, das frei von starken Emotionen, aber auch frei von Eitelkeit ist. Nach Tacitus sollte die Geschichtserforschung „sine ira et studio“, also ohne Zorn und Eifer, nach Seneca ohne Hass und Sympathie betrieben werden. Vielmehr sollte das Streben nach dieser Form des Wissens durch Neugier und Interesse motiviert sein. Wir können schwerlich zu objektiven Erkenntnissen gelangen, wenn wir angeheitert oder todmüde sind. Auch wenn wir uns über etwas oder jemanden aufregen, unter Schock stehen oder wegen eines Todesfalles trauern, sind wir nicht in der Lage für diese Form der Wahrheitserforschung. Wir sollten auch weitgehend frei sein von Ego-Antrieben wie Geltungssucht oder Geld- und Machtgier.


Objektivität und Ethik


Jeder, der objektives Wissen erarbeitet, ist ein Subjekt und also solches anfällig für Emotionen, Denkmuster usw., die zu unethischem Verhalten verleiten. Mischen sich solche Elemente in die Forschung ein, gibt es andere, die die Fehler, Irrtümer oder Irreführungen aufklären und korrigieren können. Das objektive Wissen ist ein geistiges Feld, an dem alle Subjekte mitarbeiten können, und am Schluss bleibt das Wissen über, das in ethischer Weise entstanden ist, weil es in der Wirklichkeit anwendbar ist und zu erwünschten Resultaten führt. 

Objektivität in der Erkenntnis ist also eng mit der Ethik verbunden. Innere Integrität ist erforderlich, um in der Haltung der bedingungslosen Wahrheitsverpflichtung zu bleiben, wenn es um die Wirklichkeitserfahrung geht. Emotional aufgeheizte Egomuster verzerren die Wahrnehmung und deren Interpretation. Für die Erlangung von Objektivität braucht es eine Intention, eine klare innere Entscheidung, nämlich von Ego-Erwartungen und Ego-Bestätigungen abzusehen. Ein um Objektivität bemühter Forscher muss bereit sein, ein Scheitern seiner Hypothesen in Kauf zu nehmen, wenn es sich aus der Forschung ergibt, und das ist nicht immer leicht, wie die Wissenschaftsgeschichte belegt.

Wir verfügen damit über eine zuverlässige Basis für die Objektivierung von Wissen, die zur Gewinnung von Wissen dient, das allen Menschen nachvollziehbar und zugänglich ist und dessen Nutzung prinzipiell allen offen stehen sollte. 

Nicht-Objektivität ist etwas, das laufend passiert, wenn die unbewussten Muster Oberhand gewinnen. Dann werden wir parteilich, egoistisch, rechthaberisch oder gläubig. Wir neigen zu vorschnellen Schlüssen und Urteilen, wir verallgemeinern, wir unterliegen Denkfehlern usw. Das entspricht unseren Tendenzen zu Bequemlichkeit und Vereinfachung, aber auch unseren Prägungen zur Sicherung unseres individuellen Überlebens. Zur Objektivität kommen wir nur mit Anstrengung, z.B. den ersten Eindruck von einer Sache mit mehreren weiteren zu vergleichen, Quellen für Behauptungen zu suchen, Erforschungen anzustellen, eigene Vorurteile zu erkennen. Und wir brauchen eine soziale Einstellung, dass es nicht um die Durchsetzung eigener Interessen geht, sondern um die Erweiterung des Wissensschatzes der Menschheit.


Ohne objektives Wissen ist die Demokratie schutzlos


In jedem Rückfall auf Glaubenssysteme wird die demokratische Macht des objektiven Wissens außer Kraft gesetzt, und darum ist es wichtig, die Freiheit der Wissenschaften zu sichern und gegen alle ideologischen Angriffe zu schützen und damit die zuverlässigen Quellen des objektiven Wissens garantieren. Sonst hat das Machtstreben der Machtbesessenen keinen Gegenhalt, und die Gesellschaft fällt zurück auf einen vormodernen Status, in der die Mächtigen willkürlich bestimmen, was wahr und falsch ist, welchen Menschen das volle Menschsein zugesprochen wird und welchen nicht. 

Der Weg in eine Zukunft mit mehr Menschlichkeit gelingt nur, wenn er von Erkenntnissen geleitet ist, die sich auf objektives Wissen stützen. Gäbe es ein solches nicht, wüssten wir gar nicht mehr, was Menschlichkeit ist.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Demokratisches und autoritäres Wissen

Carl Sagan (1934 – 1996), bekannter Wissenschaftler, Wissenschaftspublizist und Schriftsteller, hat neun Grundsätze für das Feststellen von Wissen formuliert:

1. Wo immer möglich, muss eine unabhängige Bestätigung der „Fakten“ stattfinden.
2. Rege eine substantielle Debatte über die Beweise durch bekannte Proponenten aller Gesichtspunkte an.
3. Argumente von Autoritäten haben wenig Gewicht – „Autoritäten“ haben sich in der Vergangenheit geirrt. Sie werden sich auch in Zukunft irren. Vielleicht kann man es besser so ausdrücken, dass es in der Wissenschaft keine Autoritäten gibt; bestenfalls gibt es Experten.
4. Denk dir mehr als eine Hypothese aus. Wenn es etwas zu erklären gibt, denke an alle möglichen Weisen, in denen es erklärt werden könnte. Dann denke dir Tests aus, mit denen du jede der Alternativen systematisch widerlegen könntest. Die Hypothese, die überlebt, diejenige, die in dieser Darwinistischen Auslese inmitten von „multiplen funktionierenden Hypothesen“ der Widerlegung widersteht, hat eine viel höhere Chance, die richtige Antwort zu sein, als wenn du einfach auf die erste Idee, die deine Vorstellungskraft hervorgebracht hätte, abgefahren wärst.
5. Versuche nicht, einer Hypothese übermäßig anzuhängen, bloß weil sie die deinige ist. Es ist nur eine Wegmarke bei der Wissenssuche. Frage dich, warum du die Idee magst. Vergleiche sie fair mit den Alternativen. Schau, ob du Gründe für einen Widerspruch finden kannst. Wenn du es nicht machst, werden es andere tun.
6. Quantifiziere. Wenn was auch immer, das du erklärst, etwas messbares hat, eine numerische Quantität, die dranhängt, wird es dir viel leichter fallen, zwischen konkurrierenden Hypothesen zu unterscheiden. Was vage und qualitativ ist, ist offen für viele Erklärungen. Natürlich müssen wir Wahrheit in den vielen qualitativen Themen suchen, mit denen wir uns konfrontieren müssen, aber diese zu finden ist herausfordernder.
7. Wenn es eine Kette von Argumenten gibt, muss jedes Glied der Kette funktionieren (die Prämisse miteingeschlossen) – nicht bloß die meistern davon.
8. Ockhams Messer. Diese geläufige Faustformel drängt uns dazu, die einfachere von zwei Hypothesen zu wählen, die die Daten gleichermaßen gut erklären.
9. Frage dich immer, ob die Hypothese zumindest im Prinzip falsifiziert werden kann. Annahmen, die nicht überprüft und falsifiziert werden können, haben nicht viel Wert. Bedenke die großartige Idee, dass unser Universum und alles in ihm nichts als ein Elementarteilchen ist – vielleicht ein Elektron – in einem viel größeren Kosmos. Aber wenn wir niemals Informationen von außerhalb des Universums erlangen können, ist dann die Idee nicht ungeeignet zur Widerlegung? Du musst in der Lage sein, Behauptungen zu überprüfen. Hartnäckige Skeptiker müssen die Chance haben, deinen Überlegungen nachzugehen, deine Experimente zu duplizieren und zu schauen, ob sie zum gleichen Resultat kommen.
(Link zur Quelle)

Der verantwortliche Umgang mit Erkenntnissen erfordert einen sorgfältigen Prozess der Wahrheitsfindung, der offen ist für die beständige Überprüfung. In „Zeiten wie diesen“, in denen die  Beliebigkeit des Faktischen zynisch zelebriert wird, wo die Mächtigen ihre Macht zur Durchsetzung ihrer Interessen und Ansichten nutzen und sich dabei auf Fakten berufen, mutet es fast anachronistisch an, wie die Wissenschaften zu ihren Erkenntnissen kommen. Und dennoch ist das die einzig demokratische Form der Absicherung der Wahrheit und des Schutzes vor Manipulation.

Das Finden von Wahrheit ist kein einfacher Vorgang, es genügt nicht, kurz in den eigenen Kopf zu schauen, was der gerade von sich gibt, sondern wir müssen beständig die Hervorbringungen unseres Inneren mit der äußeren Realität abgleichen, mit der materiellen wie mit der sozialen Außenwelt. Und wir müssen uns beständig vor Augen halten, dass unser Wissen vorläufig ist, dass es solange gilt als es noch kein besseres Wissen gibt. Wir lernen weiter, von Erkenntnis zu Erkenntnis, und verbessern unsere Weltkenntnis, ohne auf diesem Weg je bei einer absoluten Wahrheit zu landen. Diese ist für Einsichten anderer Art reserviert.

Jeder, der in der relativen Welt mit dem Anspruch auftritt, die Wahrheit absolut zu setzen, braucht den engagierten Widerspruch und die unerbittliche Diskussion, bis die Relativität der Aussagen klargestellt ist.

Diktaturen beginnen mit der Definition der Wahrheit, also mit ihrer Zementierung und mit dem Unterbinden des Widerspruchs. Darin liegt der Grund, dass Diktaturen über kurz oder lang untergehen, weil sie die Wirklichkeit mit der eigenen Weltsicht verwechseln. Jedes Handeln, das sich von dieser Verwechslung leiten lässt, muss scheitern, weil die Wirklichkeit immer mächtiger ist als unsere Sichtweise von ihr.

Ein aktuelles Beispiel: Wir können die Meinung vertreten, dass es keinen Klimawandel gibt und dass dieser eine Erfindung von Interessensgegnern ist. Wenn wir unsere Handlungen danach ausrichten und konsequenterweise alle Aktivitäten zum Klimaschutz einstellen, werden wir irgendwann erkennen, dass die Wirklichkeit mehr und mehr Katastrophen produziert, gleich ob wir glauben, ob es einen Klimawandel gibt oder nicht.

Die redliche Wahrheitssuche ist mühsam und langwierig. Aber der Ertrag ist dauerhaft, haltbar und verlässlich. Da solches Wissen so nahe an der Realität ist, wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich ist, lassen sich darauf Handlungen gründen, mit denen die Wirklichkeit in eine gewünschte Richtung weiterentwickelt werden kann. Da das Wissen eine demokratische Struktur hat, also nicht ein Einzelbesitz ist oder auf Privatlegitimation gründet, unterliegt auch seine Verwendung für praktische Zwecke grundsätzlich einer demokratischen Willensbildung.

Solches Wissen entsteht aus einer Kommunikation zwischen dem erforschenden menschlichen Geist und der Wirklichkeit, und nicht in einer Projektion menschlicher Wünsche und Begierden auf sie. Die Wirklichkeit wird als Partner wahrgenommen, nicht als Objekt der Machtausübung.

Diese Art von Wissen erlangen wir nur, wenn wir uns der Herrschaft durch Emotionen entziehen. Viele Emotionen dienen unserem Egoismus, entstehen also aus dem Überlebensmodus. Sie sind nicht dafür geeignet, verlässliches Wissen zu finden, sondern stehen diesem Prozess im Weg. Emotionales Wissen ist nicht allgemeingültig und sozial wertvoll, es ist auch nicht dauerhaft, sondern gilt nur für den Moment seiner Entstehung.

Demokratisches Wissen, dessen Ursprung transparent ist und von jeder Person nachvollzogen werden kann, ist das einzige wirksame Gegenmittel gegen die grassierende Produktion von Schein- und Meinungswissen, die von Emotionen gesteuert wird, und bei der Fakten nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben, sondern bloße subjektive Behauptungen sind. Faktum im demokratischen Sinn ist das, was in einem offenen Prozess der Wissensproduktion aus der Wirklichkeit gefiltert wurde, damit es als sichere Basis für unsere Sichtweise der Welt, unser Handeln und unsere Wertsetzung dienen kann. Nur demokratisches Wissen ist dafür geeignet, unsere Möglichkeiten zur Verbesserung des Gemeinwohls zu erweitern.

Samstag, 1. August 2015

Die einfache Lehre statt Meinung als Wissen

Manche spirituelle Lehrer liefern mit ihren Einsichten in das Wesen des Menschseins
Quelle: http://www.hybridwing.com/illustration/guru-mascot/
gleich Erklärungen über die Kosmologie und die Ethik mit: Wie alles entstanden ist, wie das Bewusstsein das Sein hervorgebracht hat, was mit den Seelen vor und nach einem individuellen Leben passiert, wie das Gute und das Böse im Universum ausgeglichen wird, ob alles bestimmt und von vornherein festgelegt ist usw.

Solche Fragen interessieren viele Menschen, und sie erwarten von Lehrern, die von sich behaupten, in die Tiefe des Unerklärbaren vorgestoßen zu sein, dass sie auch zu diesen Fragen kompetente Antworten bieten können. Viele Lehrer sind auch der Meinung, dass sie über eine kompetente Ansicht zu diesen Fragen verfügen. Die Innenerfahrung, die sie zu einer radikalen Selbsterkenntnis geführt hat, kann zu der Überzeugung verleiten, jetzt über letztgültige Antworten auf kosmologische oder ethische Fragen zu verfügen, die sie selber schon lange beschäftigt haben. Jetzt, wo ihnen das Wesen der Dinge offenbar geworden ist und die Welt des Scheins und der Illusionen durchstoßen wurde, wird auch klar, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Zu vielen dieser Einsichten gibt es konkurrierende und widersprechende Erkenntnisse. Menschen finden aufgrund ihres Bildungsweges unterschiedliche Antworten zu solchen Themen. Deshalb unterscheiden sich auch spirituelle Lehrer hier voneinander: Die einen halten z.B. die Lehre von Präexistenzen und von der Seelenwanderung für ein zentrales Lehrstück, während andere nichts davon halten. Die einen nehmen an, dass alles aus Bewusstsein entstanden ist, die anderen kennen nicht einmal einen Unterschied zwischen Sein und Bewusstsein. Die einen sehen das Böse als Illusion und Schein, die anderen als Reinigungsaufgabe auf dem Seelenweg.

Es gibt keinen Konsens und es gibt keine übergeordnete Instanz, die hier über richtig und falsch entscheiden könnte. Es gilt nicht einmal die korrektive Funktion der Forschergemeinschaft, die in den Wissenschaften dafür sorgt, dass Wissen durch Nachprüfung und kritischen Diskurs abgesichert werden kann. Jeder kann auf diesem Feld also behaupten, was er/sie will.

Alles, was widersprüchlich ist, weil es dazu konkurrierende gleichwertige Ansichten gibt, gehört nicht in die spirituelle Lehre, sondern ist im besten Fall Gegenstand eines philosophischen Diskussion, im weniger guten Fall Resultat esoterischer Spekulation. Wie man spiritueller Lehrer nicht einfach dadurch wird, dass man sich als solcher bezeichnet, sondern durch einen tiefgreifenden Erfahrungs- und Lernprozess, ist man auch nicht Philosoph dadurch, dass man Meinungen über kosmologische Fragen formulieren kann. Auch die Philosophie muss gelernt und geübt werden. Sonst fällt es schwer, Argumente, die begrifflich formuliert werden und einem kritischen Diskurs standhalten können, von zusammenfantasierten, gechannelten, schlampig zusammengeflickten und schlecht recherchierten Meinungen zu unterscheiden.

Die griechischen Philosophen haben nicht umsonst den Unterschied zwischen Meinung und Wissen eingeführt, um auf diesen Sachverhalt aufmerksam zu machen. Meinung ist subjektives Für-Wahrhalten, Wissen ist intersubjektiv und objektiv zustandegekommene Erkenntnis, die grundsätzlich nie fertig und abgeschlossen sein kann, sondern in einem Prozess des Werdens und der Weiterentwicklung steht, in beständiger Rückkoppelung zu einer Expertengemeinschaft und zum gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Subjektive Meinung hat keine über das Subjekt hinausgehende Verbindlichkeit und Verantwortung.

So bin ich bei manchen spirituellen Lehrern und Lehren versucht zu sagen: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Wenn du einen anderen Leisten verwendest, erkläre dazu, dass es nicht deiner ist und du ihn deshalb nur unzureichend handhaben kannst. Lehre Spiritualität, wenn du spiritueller Lehrer bist; sprichst du über Themen, die ihren Ort in der Physik oder Philosophie haben, bring dazu dein ganzes erworbenes Wissen und die dazu gehörenden Kenntnisse ein, ohne zu diesen Themen deine spirituelle Autorität zu bemühen. Jeder kann zu allem und jedem Meinungen haben, schließlich gilt die Meinungsfreiheit als Grundrecht. Jedoch handelt es sich um Etikettenschwindel, mit der Autorität des Mystikers in Bereichen, die nicht zur Mystik gehören, Wahrheitsansprüche zu behaupten.

Der Leisten der spirituellen Lehre ist einfach und universell. Er lässt sich widerspruchsfrei formulieren und ist auf den suchenden Menschen abgestimmt: Was braucht es, damit die Freiheit vom Leiden erlangt werden kann? Was braucht es, damit Liebe und Mitmenschlichkeit zum vordringlichen Motiv wird? Was braucht es, um zum inneren Frieden zu gelangen?

Zur Beantwortung dieser Fragen braucht es keine Erkenntnisse über den Anfang der Welt, nicht einmal über den Anfang des Leidens oder des Bösen. Es braucht keine Einsichten in die Kosmologie oder Erkenntnistheorie.

Es genügt, den Menschen, die den Weg zur Befreiung suchen, diesen zu weisen. Dazu gehört es auch, ihnen klarzumachen, dass sie keine Antworten auf die Fragen nach Anfang und Ende, nach Sinn und Unsinn, nach Zufall und Bestimmtheit benötigen, um frei zu werden.

Die spirituelle Lehre hat ja gar nicht den Sinn, allgemeine Fragen zu beantworten. Sie dient dazu, Menschen bei ihrer Suche zu unterstützen. Sie ist deshalb, obwohl sie in ihrem Inhalt universell ist, auf die Individualität des Suchers abgestimmt. Jeder Sucher kann die Wahrheit nur in seiner eigenen Sprache verstehen, da jeder seinen eigenen Käfig mitbringt, zu dem es einen eigenen Schlüssel gibt. Wenn kosmologische Rätsel oder ethische Konflikte Teil des individuellen Käfigs sind, genügt ein Hinweis darauf, dass es auch zu diesen Fragen weiterführende Einsichten gibt, dass diese aber nicht für die mystische oder spirituelle Suche von Bedeutung sind.

Die mystische Lehre hat gar keine allgemeine Form. Sie erfüllt ihre Aufgabe, wenn die Botschaft beim Suchenden ankommt. Darum muss sie für jede Situation und für jeden Menschen neu formuliert werden. Die absolute Wahrheit verfügt über keine Versprachlichung, die überall angewendet und verstanden werden könnte. Sie muss sich ihre Versprachlichung stets aufs Neue suchen.