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Donnerstag, 7. März 2024

Das Kämpfen nährt den Kampf

Wenn wir gegen jemanden kämpfen, wollen wir diesen Gegner schwächen, bis er besiegt ist und wir gewonnen haben. Das ist das Ziel jedes Kampfes. Sobald wir mit einem Kampf beginnen, wehrt sich aber der Gegner und sammelt seine Kräfte. Um zu bestehen, muss er über sich hinauswachsen und Energien mobilisieren, die ihm sonst nicht zur Verfügung stehen. Er wird durch unseren Angriff stärker. Es entsteht also ein Paradoxon: Wir wollen den Gegner schwächen und erreichen gerade dadurch, dass er stärker wird. Ähnliches geschieht in uns selber: Wir haben ein Feindbild in uns, mit dem wir unseren Angriff rechtfertigen. Sobald wir erkennen, dass sich der Gegner wehrt, wird dieses Feindbild in uns mächtiger. Das Feindbild wächst mit jedem Schlag, zu dem wir ausholen oder den wir einstecken, und damit ergreifen auch unsere Feindschaft und unser Hass mehr Besitz von uns selber. 

In einem Krieg z.B. wird der Gegner gezwungen, aufzurüsten, wenn er angegriffen wird. Je stärker der Angriff abläuft, desto stärker wird die Gegenwehr und desto zerstörerischer werden die Kämpfe. Gleichzeitig werden die Feindbilder auf beiden Seiten aggressiver und verzerrter. Wir können diese Dynamik bei allen großen und kleinen Konflikten beobachten. Ähnlich manchen Boxkämpfen enden viele Kriege erst, wenn die Kräfte emotional oder physisch erschöpft sind. Dann setzt sich entweder die Seite durch, die den längeren Atem hat, oder der Konflikt endet wie beim Schach mit einem Remis oder Patt.

Die Kampfdynamik wirkt weit, selbst wenn der Gegner besiegt wurde. Die unterlegene Partei muss dafür sorgen, ihre verlorene Würde wiederherzustellen. Sie will wieder zu Kräften kommen und die verlorene Macht neu errichten. In diesem Prozess wird der Drang nach Rache aufwachen und irgendwann in Aktion treten. Die Scham, die die Niederlage bereitet hat, soll durch einen Racheakt ausgeglichen werden, der andere beschämt, indem er sie in die Opferposition bringt. 

Kampf um des Kämpfens willen

Im Kampf geht es nur scheinbar um den Sieg und in Wirklichkeit um das Kämpfen selbst. Wir kennen diese Dynamik von Wettkämpfen oder Konkurrenzspielen. Wir wollen, dass unser Handballteam das gegnerische besiegt; aber die eigentliche Befriedigung liegt im Spielen. Auch wenn wir unterliegen, wollen wir weiterspielen. Das Spannende und Lohnende ist der Wettkampf selbst, nicht das Ergebnis. Hobbyfußballer, die sich auf dem Feld nichts schenken, gehen nachher gemeinsam Bier trinken. Im geselligen Beisammensein wird das Gefälle zwischen den stolzen Siegern und den beschämten Unterlegenen wieder ausgeglichen.

Sportliches Kräftemessen

Sportliches Kräftemessen unterscheidet sich allerdings prinzipiell von anderen Formen des Kampfes, die auf Feindschaft und Hass beruhen. Aktivitäten, die wir aus freien Stücken verfolgen, erleben wir ganz anders als solche, die wir als aufgezwungen erleben und aus denen wir nicht einfach aussteigen können, wenn wir wollen. Der Unterschied liegt also darin, ob die Kontrolle über das Geschehen bei uns liegt oder nicht. In einem Fall sprechen wir von einem guten Stress (Eustress), im anderen vom Distress. Bei Eustress gerät der Körper zwar in einen Anstrengungszustand mit der Aufbietung von Reserven und schüttet dazu das Stresshormon Adrenalin aus, aber mobilisiert zugleich Dopamin, das für Glücksgefühle zuständig ist. Beim Distress folgt auf die Adrenalinausschüttung das Cortisol, das langfristig wirksame Stresshormon, aber kein Dopamin. Hier stehen wir also unter einer Angstspannung ohne jeden Lustfaktor, denn es geht um Leben oder Tod. Die Spannung wirkt außerdem noch über die Kampfsituation hinaus und enthält die Tendenz zur Chronifizierung.

Die Corona-Debatten

In der Corona-Debatte konnten wir beobachten, dass die hitzigen Debatten über das Corona-Management oder das Impfen immer schärfer wurden, je länger sie dauerten. Viele Diskussionen führten nicht dazu, dass sich die Standpunkte nicht annäherten, sondern dass sie sich, aufgeladen durch die aufgeheizten Auseinandersetzungen, immer weiter voneinander entfernten, während der Hass in den unterschiedlichen Lagern wuchs. Je mehr Kampfenergie in die Debatten gepumpte wurde, desto ausdauernd wurde der Kampf. Erst als sich die Pandemie beruhigte und die Erkrankungen weniger und milder wurden, ebbten die Diskussionen ab. Aber auch Jahre danach wirken die Folgen weiter, manche aufgerissenen Gräben in Familien oder Freundesgruppen sind noch immer nicht zugeschüttet.

Das Festhalten am Kämpfen hat viel damit zu tun, die Schmach der Niederlage nicht tragen zu wollen und deshalb bis „zur letzten Kugel“ weiterzukämpfen. Es ist also die vorweggenommene Scham, im Fall des Unterliegens als Schwächling und Versager dazustehen. Diese Dynamik kennen wir von Debatten über scheinbar harmlose Themen ebenso wie von Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen bewaffneten Konflikten, die über Jahre und Jahrzehnte brennen und schwelen. Eine verdeckte Form der Schamvermeidung stellt das Wettrüsten zwischen den Großmächten dar.

Die Erkenntnis, dass der Kampf das Kämpfen nährt, liefert keinen zureichenden Grund, gänzlich auf das Kämpfen zu verzichten. Wenn einer Aggression von außen keine Gegenaggression entgegengestellt wird, hat sie die natürliche Tendenz, sich weiter auszubreiten und sich noch mehr Raum einzuverleiben. Aber wir brauchen auch die Bewusstheit über diese Dynamik, weil sie uns darauf hinweist, wann es notwendig ist, auf das Kämpfen zu verzichten. Irgendwann wachsen die Schäden und damit die vielen Formen des Leidens ins Unermessliche, die durch das Zerstörerische am Kämpfen ausgelöst werden. Als Großmut gilt, wenn der Stärkere im Kampf dem unterlegenen Gegner die Hand reicht und ihm auf Augenhöhe begegnet. Der Kampf ist zu Ende, die Menschen können wieder wahrnehmen, dass sie keine Feinde, sondern Brüder und Schwestern sind. Der Zyklus der Rache ist durchbrochen. Nur mit der hohen Tugend des Machtverzichts kann es gelingen, dort einen dauerhaft haltbaren Frieden zu schaffen, wo Feindschaft geherrscht hat. 

Der Nahostkonflikt als Beispiel

Der Gaza-Krieg, der zurzeit wütet, dient aus israelischer Sichtweise dem Ziel, die Hamas zu vernichten. Es handelt sich um einen Racheakt gegen den blutigen und blutrünstigen Überfall der Hamas auf Israel, mit dem solche Überfälle in Zukunft verhindert werden sollten. Eine der modernsten und bestausgebildetsten Armeen der Welt kämpft gegen eine Terrororganisation oder gegen die gewählte Verwaltungsmacht im Gaza-Streifen, je nach Sichtweise. Dieser Krieg dauert nun schon 6 Monate und hat bisher ca. 30 000 Tote und 70 000 Verletzte verursacht, darunter ca. 1200 israelische Tote und 5000 Verletzte. Er spielt sich im Gaza-Streifen ab und hat dort zu massiven Zerstörungen der Wohnanlagen und der Infrastruktur  geführt. 70 Prozent der Gebäude liegen in Trümmern.

Ein neues Kapitel im nun schon über hundert Jahre alten Nahostkonflikt, ohne jede Aussicht auf eine Lösung, ohne Aussicht auf einen Frieden. Spätestens seit der Staatsgründung von Israel 1948 war der Landstrich am Ostufer des Mittelmeers der Schauplatz von vielen Kriegen und spannungsgeladenen Zwischenzeiten. Die Aussicht auf einen dauerhaften Frieden mit einer Zweistaatenlösung hat sich in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts zerschlagen. Jeder Krieg hinterließ auf beiden Seiten tiefe Spuren, jeder Krieg trug zur Vermehrung und Vertiefung des Hasses und damit zur Steigerung der Gewaltbereitschaft bei. Bei den Palästinensern, die in jedem Krieg die Verlierer waren und die durch vielfache Vertreibungen gedemütigt wurden, ist die Last der Scham über mehrere Generationen angewachsen. Bei den Israelis ist parallel dazu die Angst angewachsen. Denn bewusst oder unbewusst stellt es eine enorme Belastung dar, mit Nachbarn zu leben, die voll von Hass und Scham sind. Es ist nur die Frage, wann es zur nächsten aggressiven Explosion kommt. Auch wenn es auf beiden Seiten Menschen gibt, die über diese Gefühlsbelastungen hinausgewachsen sind und sich im offenen Dialog verständigen können, steckt die große Mehrheit in der Geschichte von Verletzungen und Gewalthandlungen fest. 

Es besteht in dieser Gegend seit vielen Jahrzehnten ein Dauerkampf, der manchmal offen ausbricht und ansonsten unterschwellig besteht; es gibt die offenen Aggressionen der Palästinenser und die strukturelle Gewalt der Israelis, die sich gegenseitig befeuern (es gibt dazu noch offene Aggressionen der Israelis mit der Ermordung von über 400 Palästinensern im Westjordanland seit dem 7.10.23). Als scheinbar unvermeidliche Folge der Dauerspannung wächst beständig die Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten. Immer mehr Israels wählen rechte Parteien, die die ihre Feindschaft gegen die Palästinenser offen zur Schau stellen, während auf palästinensischer Seite die radikalen politischen Organisationen immer mehr Zulauf bekommen. Die Dauerspannung wächst also weiter und weiter.

Der israelische Staat kann sich auf eine moderne Wirtschaft und auf die Unterstützung der USA und anderer westlicher Staaten stützen, die seine Existenz garantieren. Die Palästinenser haben große Teile der arabischen Welt auf ihrer Seite, die ihr Überleben auch unter den prekärsten Bedingungen absichern, so gut es geht. Auf diese Weise sind mächtige Staaten und damit viele Volkswirtschaften und Gesellschaften in den Konflikt eingebunden. Wegen der nationalstaatlichen Souveränitäten haben die Außenstehenden aber nicht die Einflussmöglichkeiten, um den Krieg zu beenden und Friedensregeln einzuführen.

Da die Lebenschancen im Gazastreifen durch die Abriegelung nach außen minimal sind, gibt es für viele, vor allem junge Menschen keine Perspektiven für eine kreative Selbstverwirklichung. Deshalb wird es immer wieder Jugendliche geben, die zur Gewalt tendieren und zu den Waffen greifen wollen, um wenigsten ein kleines Machtgefühl zu erlangen. Jeder Tag, den der Krieg andauert, erzeugt neben all dem Leid neue Kampfbereitschaft, die sich irgendwann in der Zukunft ihre Bahn brechen wird.

Der Kampf nährt den Kampf und bringt immer wieder neuen Kampf hervor, solange versucht wird, die Spannungen mit Gewaltanwendung zu lösen. Der gewaltsam niedergerungene Gegner wird irgendwann wieder aufstehen und die angetane Gewalt heimzahlen.

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Krieg und Scham


Montag, 9. Mai 2022

Corona-Ängste und eingeflochtene Schamthemen

Wo Ängste sind, ist die Scham nicht weit. Die Corona-Krise hat die Gesellschaften ordentlich aufgemischt. Lager, Blasen und Glaubensgemeinschaften sind entstanden, politisierte Gruppen quer über Parteigrenzen haben die Parteienlandschaft verändert. Es sind Bruchlinien entstanden, die Freundeskreise, Familien und Arbeitsgruppen auseinandergerissen haben. Die Änderungen in den Lebensgewohnheiten, die durch die Corona-Maßnahmen notwendig wurden, haben viele Menschen stark verunsichert und Ängste hochgebracht, die angesichts der realen Bedrohung oft unangemessen hoch ausgefallen sind. 

Wir befinden uns zur Zeit in einer (vorübergehenden?) Phase des Rückgangs der Infektion und damit auch des Rückgangs der Debatten und Auseinandersetzungen rund um dieses Thema, die deutlich an Heftigkeit verloren haben. Deshalb ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um die verschiedenen Ängste näher zu betrachten und den dahinter aktivierten Schammustern nachzugehen. Der psychologische Blick fällt dabei natürlich auf Pränatal- oder Kindheitstraumen, die die Massivität der Ängste erklären können. Hier betrachten wir außerdem die Schamprägungen, die die emotionale Belastung zusätzlich gesteigert haben. Ich versuche, ein breites Spektrum der emotionalen Reaktionen auf die Krise abzudecken, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt zwischen den einzelnen Reaktionsmustern auch Übergänge und Überschneidungen, manche Menschen kombinieren mehrere von diesen Mustern, während andere in Lauf der Zeit von einem Muster zu einem anderen Muster weitergewandert sind. Ich beziehe hier keine Partei für eine der Reaktionsformen, sondern sehe, dass sie alle einem inneren Leidensdruck entsprungen sind, der hier einem Verständnis näher gebracht werden soll.

Die Angst vor dem Virus und der Erkrankung 

Zunächst und naheliegend haben wir alle Angst davor, krank zu werden, weil Krankheiten immer unangenehm und bedrohlich sind. Dazu kommt, dass im besonderen der Verlauf einer Corona-Erkrankung nicht vorhersehbar ist, dass sie die einen kaum spüren, während sie bei anderen in die Intensivstation oder zum Tod führen kann. Mit dem Kranksein sind aber auch immer Schamthemen verbunden. Wer krank ist, ist schwach und braucht Pflege, was zu einer Bedürfnisscham führen kann, wenn sich jemand schwer tut, die eigene Schwäche anzunehmen und sich von einer Fürsorge durch andere abhängig zu machen. 

Eine andere Quelle der Scham zeigt sich bei denen, die stolz verkündet haben, dass sie ein tolles Immunsystem haben, deshalb nicht erkranken werden und aus diesem Grund keine Impfung brauchen und alle einschränkenden Maßnahmen ablehnen. Wenn sie das Virus doch erwischt hat, können sie ihrer Scham nicht entrinnen, die unter Umständen noch durch Häme aus ihrer Umgebungen verstärkt wird.

Angst vor dem Anstecken von anderen

Viele Menschen, darunter auch Kinder, haben die Folgen von Corona weniger in Bezug auf sich selbst befürchtet. Es wurde schnell klar, dass das Virus hochinfektiös ist und dass vor allem ältere Menschen schwer gefährdet sind. Deshalb bekamen viele die Angst, Angehörige aus der gefährdeten Gruppe anzustecken und möglicherweise dann an deren Tod schuld zu sein. Es spielt dabei auch die Angst vor der Scham mit, die mit einer derartigen Schuld verbunden ist: Für den Tod eines Mitmenschen verantwortlich zu sein, ist in jedem Fall eine schwere Schuld und eine immense Schamlast. 

Angst wegen der Regelverweigerung

Nicht alle haben die Regeln, die eingeführt wurden, für sinnvoll erachtet. Diejenigen, die davon überzeugt sind, dass die Maßnahmen die einzige Möglichkeit darstellen, um der Pandemie Herr zu werden und die weitere Verbreitung zu verhindern, sind mit der Angst konfrontiert, dass jene, die die Regeln nicht einhalten wollen, all die Anstrengungen zunichtemachen. Denn sie gefährden die Risikogruppen und tragen dazu bei, dass die Spitäler überlastet sind und Einschränkungen durch die Pandemie weiter aufrecht bleiben müssen. Sie schämen sich nicht ohne Selbstgerechtigkeit für jene, die sich so egoistisch und uneinsichtig verhalten und das Gemeinwohl mit Füßen treten. Aus dieser Haltung kommen dann oft öffentliche Zurechtweisungen für Regelübertreter oder Anschwärzungen und Vernaderungen von Nachbarn, die z.B. während eines Lockdowns Party feiern.

Die Angst wegen der drohenden Überlastung des Gesundheitssystems, die bei einer ungezügelten Ausbreitung der Erkrankung zu befürchten war, verstärkt diese Haltung und verleiht ihr eine solide Rechtfertigung. Es ist beschämend für eine Gesellschaft, die es nicht mehr schafft, für die Kranken und Schwachen zu sorgen und es müssen jene bekämpft werden, die dieser Entwicklung durch ihre Egoismen Vorschub leisten. Man könnte ja selber von einer schweren Krankheit betroffen sein oder vor einer wichtigen Operation stehen und dann gibt es keinen Platz in den Spitälern, weil alle Betten von Covid-Patienten belegt sind.

Angst vor dem Impfen 

Spezielle Ängste wurden aktiviert, nachdem die Impfungen zugelassen und von vielen Experten und Politikern als Königsweg zur Eindämmung der Pandemie propagiert wurden. Nicht wenige Menschen haben darauf mit einer kategorischen Ablehnung reagiert, die noch verschärft wurde, als Überlegungen zur Impfpflicht aufgetaucht sind, bzw. diese eingeführt wurde. Es entstand ein öffentlicher Druck sowohl von den Gesundheitsbehörden als auch von jenen, die sich impfen ließen, auf jene, die die Impfung verweigern. Dieser Druck wurde von vielen als Beschämung erlebt, als Menschen angeprangert zu werden, die sich weigern, der Allgemeinheit zu dienen und ihre Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten über das Gemeinwohl zu stellen. Manche wählten, um dieser Schamfalle zu entgehen, den Weg, sich bewusst anstecken zu lassen, um die Impfung zu umgehen, aber dafür einen Genesenenstatus zu erlangen. Einer Schamfalle zu entkommen führt oft, wie auch in diesem Fall, direkt in die nächste Schamfalle: Sich für die Feigheit, sich nicht impfen zu lassen, zu schämen und dafür einen Umweg zu gehen, der unter Umständen viel riskanter ist als die Impfung selber.

Viele der Impfgegner haben sich früher ohne Bedenken oder Ängste allen möglichen Impfungen unterzogen, z.B. um auf Reisen gehen zu können; die Corona-Impfung war für sie aber dann plötzlich etwas vom Schlimmsten, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Auch solche innere Widersprüche können Scham hervorrufen. Die reichhaltigen Informationen gegen die Impfung, die in den verschiedenen Medien angeboten wurden, wurden auch deshalb so eifrig konsumiert, weil sie für die verschiedenen Schamthemen, die in diesen Zusammenhängen aktiviert werden, Abhilfe versprachen. Die Suche von vielen nach einer Rechtfertigung für die eigenen Ängste und als Gegenmittel gegen die Scham erzeugte einen großen Meinungsmarkt, auf dem sich Experten, Pseudoexperten, selbsternannte Experten, Faktenverdreher und Faktenerfinder tummeln, einen Namen machen und Berühmtheit erlangen konnten. Jeder kann sich im breiten Angebot der unterschiedlichen Wahrheitsanbieter aussuchen, was die eigenen Ängste und Schamgefühle am besten befriedet. Es wäre in diesen Fällen nur darauf zu achten, dass durch den Informationskonsum nicht hinterrücks weitere Ängste und Schamgefühle aktiviert werden.

Für eine weitere Gruppe von Impfgegnern, die auch das breitgefächerte Spektrum an Meinungen nutzen, bietet sich die Schamumkehr als Mittel zur eigenen Schambewältigung an: Schämen sollten sich nicht jene, die sich nicht impfen lassen, sondern jene, die wie die Lemminge hinter dem herlaufen, was die Obrigkeiten anordnen und blind in die Impffalle tappen (Lemminge sind im Übrigen nicht so doof wie sie in solchen Zusammenhängen dargestellt werden). Wenn auf mich mit dem tadelnden Finger gezeigt wird, zeige ich mit meinem Finger ebenso tadelnd zurück, verwehre mich gegen die Beschämung und weise ihr den Ort zu, auf den sie eigentlich hingehört. So gibt es in manchen Bereichen Betretungsverbote für jene, die nicht geimpft sind, als auch für jene, die geimpft sind. Wem eine Ausgrenzung angetan wird, der grenzt selber auch gerne aus. Dazu braucht es nur, den Mechanismus der Umkehr der Schamzuweisung zu aktivieren.

Angst vor dem Verlust der Demokratie und der Grundrechte 

Es gibt Überschneidungen zwischen der Gruppe der Impfgegner und der Gesellschaftskritiker, die obrigkeitlichen Verordnungen und Gesetze als Aushöhlung der Demokratie und Aushebelung der Grundrechte sehen. Sie sehen die Maßnahmen als unverhältnismäßig und bevormundend. Für sie maßt sich der Staat eine Autorität an, die ihm nicht zusteht und die geradewegs in die Diktatur führt. Es werden Ängste aus dem kollektiven Traumafeld aktiviert, die mit historischen Erfahrungen aus der Beseitigung der Demokratie zu tun haben. Nicht zufällig sind diese Kritiker besonders stark in Deutschland und Österreich vertreten, Länder, in denen im letzten Jahrhundert die Demokratie beseitigt wurde und diese Entwicklung in einen Weltkrieg mündete. Gegen solche Tendenzen müsse von Anbeginn Widerstand geleistet werden, denn die Regierenden würden am liebsten jede Gelegenheit aufgreifen, die es ihnen erlaubt, ihre Macht über die Individuen und Staatsbürger auszuweiten, bis es dann keinen Widerspruch gegen diese Macht mehr gibt. Es wäre eine Schande, diese Tendenzen nicht rechtzeitig bekämpft zu haben, so wie viele naive Zeitgenossen in den Zeiten des aufstrebenden Faschismus die Augen zu verschließen und zu spät zu bemerken, dass eine Diktatur errichtet war. Diese Schamgefühle zu vermeiden, ist ein wichtiger Antrieb bei dieser Form der Gesellschaftskritik.

Sicher ist es wichtig, ein gewichtiges Augenmerk darauf zu haben, dass die Staatsmacht nicht missbraucht wird und die Rechte der Individuen erhalten bleiben. Andererseits muss der Staat Maßnahmen treffen, um z.B. die Gesundheit seiner Staatsangehörigen zu schützen. Bei dieser Balancierung kann nicht eine Seite einfach weggekürzt werden, sonst leidet die Gesellschaft als Ganze Schaden. Über das Wie des Gesundheitsschutzes (Lockdowns, Maskenpflicht, Impfpflicht usw.) gibt es unterschiedliche Auffassungen, und in einer Demokratie ist es die Verantwortung der gerade regierenden Personen und Gruppen, nach ihren Vorstellungen für das Gemeinwohl zu sorgen. Die Gesetze und Verordnungen, die aus dieser Verantwortung heraus umgesetzt werden, stehen dann vor den Höchstgerichten bzw. bei der nächsten Wahl auf dem Prüfstand. 

Wird die an und für sich notwendige kritische Haltung der Staatsmacht gegenüber allerdings überdehnt, sodass Widerstand schon dort gerechtfertigt erscheint, wo es noch keine grundlegende Rechtseinschränkung gibt, so nähert sie sich nicht aus einem abgewogenen Realitätsbewusstsein, sondern aus historischen Ängsten und trägt damit zur Vertiefung der gesellschaftlichen Spaltung bei. Im Bestreben, die schmachvolle Situation der Entmachtung des „Volkes“ zu verhindern, werden Ängste geschürt, die auf irrealen Annahmen beruhen und die eben dieses Volk schwächen. Um Scham zu verhindern, wird die Scham vermehrt, ein häufig vorkommender selbstdestruktiver Mechanismus. 

Dieses Phänomen tritt insbesondere dann auf, wenn die irrealen Ängste zu einer missionarischen Einstellung führen: Die Mitmenschen müssen mit allen Mitteln aufgerüttelt werden, sonst taumeln sie blindlings in die Katastrophe; jene, die trotz allem nicht glauben wollen, wie gefährlich alles ist und wie weit die Grundrechte schon ausgehöhlt sind, müssen dann selbst als bewusste oder unbewusste Agenten der Mächtigen bekämpft werden. Damit verschärfen sich die gesellschaftlichen Spannungen. Wenn es in jedem Streitgespräch ums Rechthaben geht, verzieht sich die Scham in den Hintergrund und meldet sich höchstens, wenn die Debatten auf keinen grünen Zweig stoßen und stattdessen daran Freundschaften zerbrechen.

Angst vor Kräften im Hintergrund 

Einige Schritte weiter als die gesellschaftspolitischen Kritiker von Corona-Maßnahmen gehen jene, die hinter dem Vorgehen der Regierungen in den einzelnen Ländern eine weitverzweigte Verschwörung von dunklen Kräften identifizieren, denen die angebliche Pandemie beste Chancen bietet, um ihre Macht noch weiter durchzusetzen. So behaupten einige Personen aus dieser Ecke, dass es das Corona-Virus gar nicht gibt, sondern dass normale Grippewellen für das Schüren von Panik genutzt werden, in deren Schatten autoritäre Strukturen geschaffen werden. Entweder gibt es das Virus überhaupt nicht oder es ist von Geheimdiensten entwickelt worden, die für die geheimnisvollen Hintermänner arbeiten. 

Sobald das Impfthema am Tapet auftauchte, war bei diesen Leuten klar, dass die Beherrschung der Menschen mit diesem Mittel weitergetrieben wird, bis hin zur völlig unbelegten Idee, dass über die Impfung Chips im Körper eingepflanzt werden, mit denen dann die Menschen ferngesteuert werden können. 

In diese Sichtweisen haben sich alte Verschwörungsängste eingemischt: Häufig werden Juden als Drahtzieher vermutet oder Multimilliardäre, die auch an den Reichtum von jüdischen Bankbesitzern in früheren Zeiten erinnern. Genährt durch den Hass von Minderbemittelten und von eingefleischten Antisemiten baut sich ein dunkles Feld auf, das die Innenwelt der Verschwörungsgläubigen widerspiegelt. Sie sind stolz darauf, dass sie über Wissen verfügen, das anderen scheinbar nicht zugänglich ist, und bedauern oder verachten jene, die gutgläubig befolgen, was ihnen von den, wie es dann unter Verwendung von Nazi-Jargon heißt: gleichgeschalteten Medien vorgegaukelt wird. Dieser Stolz der eingeweihten Besserwisser verdrängt die Scham, die erst auftritt, wenn es Menschen gelingt, aus der Blase der eingeschworenen Verschwörungswitterer auszubrechen und sich mehr der Realität stellen.

Die Wissenschaftsfeindlichkeit ist ebenso Teil dieser Sichtweisen, denn sie ist notwendig, um die eigenen Denkstrukturen und Theoriegebäude gegen alle wissenschaftlichen Anfechtungen aufrechtzuerhalten. Viele Wissenschaftler haben sich neben ihren Forschungsaufgaben auch der Aufklärung von Verschwörungsmythen gewidmet und sind auch deshalb zum Feindbild des Lagers der Verschwörungsanhänger geworden, in dem sich viele Weniggebildete befinden und mit der Wissenschaftsfeindlichkeit eigene Schamgefühle wegen einer mangelhaften Bildung kompensieren können.

Zum Weiterlesen:
Politik nach Corona
Impfen - Wissen und Wissenschaft
Aufklärung in Zeiten einer Pandemie
Von der Angst zur Ethik
Die Ursprünge der Opferrolle
Krisenängste und ihr Jenseits

Montag, 24. Januar 2022

In der Welt der Wahrscheinlichkeiten

Was sollen wir mit Wahrscheinlichkeiten? Wir wollen genau wissen, was auf uns zukommt. Wir wissen z.B., dass wir durch eine Corona-Impfung wahrscheinlich besser aussteigen als ohne: Wir haben ein geringeres Ansteckungsrisiko und Aussichten auf einen leichteren Verlauf der Krankheit, außerdem sind die Impfrisiken niedriger als die Erkrankungsrisiken. Alles spricht also fürs Impfen, und dennoch sagen viele, dass sie die Impfung für riskanter einschätzen als eine mögliche Erkrankung. Sie vertrauen also nicht auf die Wahrscheinlichkeitsberechungen, sondern auf andere, subjektive Abschätzungen der Risiken, in die sie selektiv ausgewählte Informationen, die die eigene Position stärken, einfließen lassen.  

Jede Wahrscheinlichkeitsberechnung enthält einen Unsicherheitsbereich. Auch wenn 98% von einer Methode profitieren, könnte ich unter den 2% sein, denen sie nicht hilft. Wir hätten gerne die absolute Sicherheit zu allem, was uns selber und unsere Zukunft anbetrifft. Nur kann uns die Wissenschaft diese Sicherheit nicht bieten, sondern nur Wahrscheinlichkeiten. So stehen wir immer wieder vor Entscheidungen ohne ausreichende Absicherung. Wir sollten uns einer Operation unterziehen und werden über die möglichen Risiken aufgeklärt und spüren die Angst vor ungewissen Folgen. Zugleich hoffen wir auf Besserung. Wir brauchen den Mut zum Risiko und müssen uns letztlich auf uns selber verlassen und die Verantwortung für die Entscheidung übernehmen. 

Unschärfen und Ambivalenzen 

Wir befinden uns in der Welt des Relativen, in der es keine absoluten Sicherheiten und Wahrheiten gibt. Aus der Welt der Quantenphysik wissen wir um die Unschärfe und Ambivalenz, die im Grundgefüge unseres Universums wirksam ist. Nicht einmal die Grundbausteine der Welt verhalten sich verlässlich und berechenbar. Auch hier gelten Wahrscheinlichkeiten. Das war die große Enttäuschung, die mit den physikalischen Entdeckungen in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einhergeht. Die Hoffnung auf ein durchgängiges physikalisches Modell, das auf der Gravitation beruht und alle Phänomene berechenbar macht, ist gescheitert. Andererseits wissen wir jetzt, dass dieses wunderbare Universum trotz oder wegen dieser Grundunsicherheiten entstanden ist und weiterbesteht. 

Die Probleme, die uns die Wahrscheinlichkeit auferlegt, erinnern an die grundsätzliche Unsicherheit , die wir alle mit unserem Leben haben. Wir suchen nach Sicherheiten, die es in dem Grad nicht gibt, wie wir es brauchen würden, um uns ganz angstfrei fühlen zu können. Relative Sicherheiten sind auch relative Unsicherheiten. Die Wahrscheinlichkeit macht uns nur darauf aufmerksam, wie Sicherheiten im relativen Bereich beschaffen sein können. Sie sind an ihren Rändern immer mit Unsicherheiten behaftet. Viele der menschlichen Anstrengungen im Lauf der Geschichte bestehen in nichts anderem, als diese Unsicherheiten zu reduzieren. Doch die Hoffnung, dass diese Fahnenstange ein Ende hätte, ist illusorisch.  

Wir brauchen nur an das aktuelle Virus denken, das uns verschmitzt daran erinnert, auf welch unsicheren Beinen unsere Existenz ruht. Niemand hätte vor etwas mehr als zwei Jahren geahnt, in welche Unsicherheiten diese Entwicklung die gesamte Menschheit stürzen wird. Wir alle waren stolz auf die moderne Wissenschaft und Medizin und dazu noch auf all die alternativen Heilwege, die uns so viel Sicherheit in gesundheitlichen Belangen versprochen haben. Und doch zeigt sich, dass es bei all dem, was wir wissen, genauso vieles nicht wissen. Bei allem Zuwachs an Wissen wächst zugleich die Einsicht in das, was wir nicht wissen, mit. Gewissermaßen wissen wir immer so viel, wie wir nicht wissen, wobei nicht einmal das sicher ist. 

Es ist Teil der systemischen Vernunft, aus Beschränktheiten in Folge der Begrenztheit des menschlichen Erkennens Vorzüge zu gewinnen. Die Allgegenwart der Wahrscheinlichkeit, die uns ein fortwährendes Abwägen aufbürdet, verhilft uns zu einem Wirklichkeitsverständnis, das in der Relativität des Erkennens und Wissens gründet. Die Einsicht in die Vorläufigkeit und Korrigierbarkeit jeder Einflussnahme auf die Wirklichkeit verschafft dem menschlichen Geist mehr Flexibilität und öffnet mehr Möglichkeiten für das Handeln. Wir üben uns in Unsicherheitstoleranz.

Zwischen Wahrscheinlichkeiten und Ängsten 


Häufig oszillieren wir zwischen den Zahlen und den Gefühlen hin und her, zwischen Wahrscheinlichkeiten und Ängsten. Wir befürchten z.B., dass wir die Person sind, die aus einer Million Geimpfter diese oder jene schlimme Nebenwirkung erleiden muss, oder dass wir die Person sind, die aus ein paar Tausenden Ungeimpfter an Covid sterben muss. Wir hoffen, dass wir mit drei Impfungen davonkommen oder dass uns das Virus übersieht, obwohl oder gerade weil wir nicht geimpft sind. Wir setzen auf unser Immunsystem, im einen Fall dass es die Impfungen gut verkraftet und durch sie unangreifbar wird, im anderen Fall dass es ohne zusätzlichen Anreiz vor jedem Virenbefall schützt. Wir fürchten und hoffen alles Mögliche, und nichts bietet uns eine endgültige Sicherheit. 

Das einzige Hilfsmittel gegen die Unsicherheiten liegt in der Konfrontation mit den Ängsten, die hinter unserem Drang nach absoluter Sicherheit stecken. Die Ängste sind Reaktionen unseres Gehirns und Nervensystems auf äußere Unsicherheiten, die sich mit früheren Bedrohungen unseres Lebens auf einer unbewussten Ebene verbinden und von ihnen verstärkt werden. Wenn es uns gelingt, die Ängste in uns zu beruhigen und in ihren Wurzelsituationen, also in unserer Frühgeschichte zu befrieden, dann wächst unser inneres Vertrauen, sodass wir auch in Situationen der Unsicherheit handlungsfähig bleiben. 

Auf dieser Basis können wir die Einsicht nutzen, dass wir keine richtigen oder falschen Entscheidungen treffen können, sondern nur solche, die für uns selber und für die sozialen Zusammenhänge, in denen wir stehen, im Moment angemessen und vertretbar erscheinen. Unsere Entscheidungen sind der selben Ungewissheit unterworfen wie alle anderen Vorgänge in der Wirklichkeit. Wir verfügen nur über Wahrscheinlichkeitsabschätzungen und nicht über absolute Sicherheiten. Befreit von der bedrängenden und dominierenden Macht der Gefühle können wir all die anderen Areale unseres Gehirns oder Bewusstseins aktivieren, die uns ihre Informationen und Einsichten für das Entscheiden zur Verfügung stellen. Wir denken dann bei unseren Entscheidungen nicht mehr nur an uns selbst und an unser subjektives Überleben, sondern auch an all die anderen und deren Überleben. 

Die Konfrontation mit der Endlichkeit 


Es ist die Konfrontation mit unserer Sterblichkeit, unserer Endlichkeit, die sich in jeder Unsicherheit äußert. Unser Drang nach Sicherheit ist im Grund ein Drang nach Unsterblichkeit, die uns allerdings nicht zusteht. Es ist ein kostbares Element des Menschseins, das im Geheimnis des Todes steckt. Denn der Tod gibt dem Leben erst seine tiefste Bedeutung. In der Bescheidenheit und Selbstbeschränkung, die angesichts der Unausweichlichkeit des Todes auftreten, findet der Mensch zu sich selbst. Nicht die Überheblichkeit, die im Streben nach absoluter Sicherheit enthalten ist, sondern im Eingeständnis der eigenen Begrenztheit und im Annehmen der Ängste, die damit verbunden sind, liegt das menschliche Maß. 

Die Bewusstheit über die eigene Endlichkeit und ihre Unausweichlichkeit führt uns aus der Enge der Selbstbezogenheit heraus, in die uns unsere Ängste einsperren. Wir öffnen uns für die Ängste und Bedürfnisse der anderen Menschen, anstatt nur an die Absicherung des eigenen Überlebens zu denken. Wir bedenken mit, welche Auswirkungen unsere Entscheidungen auf unsere Mitmenschen haben. Außerdem können wir den größeren Horizont miteinschließen, der die Natur umfasst. 

Das Virus als Lehrmeister der Endlichkeit 


Auch wenn uns das Virus in einer Hinsicht dazu zwingt, Masken zu tragen, demaskiert es uns in anderen Hinsicht: Es reißt uns die Maske von Sicherheit und Gewissheit weg, die uns unsere vermeintlichen Fortschritte zu immer mehr Macht und Glück vorgegaukelt hat. Wir können nicht länger an den Illusionen festhalten, alles unter Kontrolle zu haben, bzw. alles unter Kontrolle zu kriegen. Selbst wenn wir uns an windige Theorien anhängen, die uns scheinbar Sicherheit geben, weil sie die Bösewichter, die hinter den Verunsicherungen stecken sollen, namhaft machen wollen, erinnert uns das Virus dauernd daran, dass uns keine Theorie sicherer machen kann. Sicherheit gibt es nur im Seelenfrieden, der in der bedingungslosen Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit besteht. 

Zum Weiterlesen:

Vom Anfang des Universums zum Nichtwissen
Akzeptieren, was ist: Leben und Tod
Das spielerische Universum


Samstag, 27. Februar 2021

Digitale Einsamkeit: Covid und Psyche

Die Pandemie ist ein faszinierendes Phänomen, dessen Auswirkungen auf die Psyche so viele Facetten haben, wie es betroffene Menschen gibt. Wir können viele dieser Erscheinungen als Retraumatisierungen verstehen, d.h. als Wiederholungen früherer traumatischer Belastungen, die durch aktuelle Erfahrungen auftauchen und zu intensiven Gefühlsreaktionen führen. 

Beängstigende Digitalität 

Für viele Menschen bedeutet diese Zeit, dass sie sich mehr mit den digitalen Techniken und Medien auseinandersetzen müssen, ohne es zu wollen. Soziale Kontakte laufen wesentlich stärker über digitale Kanäle ab als über direkten, leibhaften und räumlich präsenten Austausch. Der Mangel an Nähe und zwischenmenschlicher Wärme, der daraus entsteht, ist offensichtlich; er wird gravierend, wenn durch die aktuellen Erfordernisse Mangelerfahrungen an Körperkontakt und Berührungen aus der Kindheit reaktiviert werden.  

Die Mangelerfahrung wird oft auf die gesamte digitale Welt projiziert mit der Klage, dass die Computer immer mehr Raum einnehmen und das Menschliche immer weiter zurückgedrängt wird. Dieser Trend ist unübersehbar und hängt mit der Unumkehrbarkeit der technologischen Entwicklung und der Dynamik des menschlichen Fortschrittsgeistes zusammen. Menschen wollen erfinden und gestalten, und die Folgen dieser Erfindungen und Gestaltungen melden sich erst nachträglich und müssen auf der sozialen Ebene bewältigt werden.  

Schwierig wird diese Verarbeitung dann, wenn die digitale Welt mit ihrer rationalen Logik und ihren standardisierten Abläufen mit dem emotionalen Klima der eigenen Frühzeit in Verbindung kommt. Schnell erscheint diese Welt undurchsichtig und feindlich, querlaufend mit den eigenen Bestrebungen. Es verschwinden die Perspektiven, wie trotz vermehrter Digitalität die analogen zwischenmenschlichen Beziehungen gepflegt werden können und wichtig bleiben. 

Eltern, die ihren Kindern immer wieder mit Spontaneität, Lebensfreude und Begeisterung begegnen, vermitteln emotionale Lebendigkeit und Sicherheit. Eltern hingegen, für die ein geregeltes Leben mit festgefügten Ritualen und Regeln wichtig ist und die die Erziehung danach ausrichten, dass die Kinder in die vorgegebenen Schemata eingepasst werden, vermitteln den Funktionsmodus als Normalzustand.  

Kinder mit diesem Hintergrund haben dann vor allem zwei Möglichkeiten: Sie identifizieren sich mit dem Funktionieren und richten sich in dieser kargen Welt ein. Ihnen wird die digitale Welt schnell vertraut und sie wachsen leicht in die abstrakten Zusammenhänge hinein. Die anderen bleiben dem Leiden am Mangel verhaftet, sodass sie jede Form der Digitalität an die Leblosigkeit im eigenen Familiensystem erinnert und abstößt. Schon die Eltern wurden als technische Gebilde erlebt, mehr als Maschinen denn als Menschen, deren Funktionsweisen erlernt werden müssen, um das eigene Überleben zu sichern. Zugleich konfrontiert jede Beschäftigung mit dem Medium und den Geräten mit dem Widerwillen gegen und der Abscheu vor den emotionalen Abweisungen in der Kindheit. Jemand, der oft kaltgestellt wurde, vielleicht sogar physisch (in den Keller gesperrt), wird jeden sperrigen digitalen Vorgang mit Kälte und Unlebendigkeit assoziieren. 

Was mit digitalen Geräten häufig passiert: Ein Knopfdruck ist falsch, schon stürzt alles ab. Was früher geschehen sein mag: Ein Blick oder eine Lautäußerung ist falsch, und schon bricht der Kontakt ab. In jedem Moment kann das soziale Überleben in Frage gestellt sein, ohne dass ersichtlich ist, was eigentlich falsch gelaufen ist, welcher Fehler gemacht wurde. In der Fragilität der Technik zeigt sich die Fragilität der frühen Beziehungen. Diese Mangelerfahrungen und Verletzungen steuern die emotionale Ladung bei, die existenziellen Gefährdungen aus den Vorerfahrungen liefern die emotionale Dramatik. 

Aufgezwungene Einsamkeit 

Diese Entwicklungen stehen in Zusammenhang mit den Regelungen für persönliche, also analoge Kontakte. Die Lockdowns haben für die meisten Menschen radikale Einschränkungen der sozialen Kontakte nach sich gezogen. Mit den Verlusten an analogen Formen des Austausches, die nur äußerst mangelhaft durch digital vermittelte Begegnungen ersetzt werden können, haben sich bei vielen Menschen Einsamkeitsgefühle gemeldet. Mit dem Andauern der Maßnahmen sind diese Gefühle langsam zu oft sehr belastenden Grundstimmungen herangewachsen sind, die bis zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit führen können.  

In diesen Gefühlen spiegeln sich alle Erfahrungen des Abgeschnittenseins und Verlassenseins wider, die in der frühen Lebenszeit aufgetreten sind. Es können Geburtserfahrungen sein (die Mutter ist nach der Geburt nicht da oder die Plazenta wurde zu schnell abgetrennt) oder Erlebnisse aus der Kindheit (die Eltern sind häufig weg oder emotional nicht anwesend). Unverstandene Kinder erlebten sich als einsam und verlassen, oft mitten in einer Familie mit vielen Menschen und oberflächlichem Reden.  

Das Gefühl des Abgeschnittenseins, das schon im Wort Lockdown mitschwingt, wird vor allem dann reaktiviert, wenn es frühe Erfahrungen gibt, dass die Verbindung zu den Hauptbezugspersonen verloren geht. Der Beziehungsabbruch kann jäh oder schleichend geschehen, also als akutes Trauma oder als Entwicklungstraumatisierung (subtilere Unterbrechungen der emotionalen Kommunikation, die immer wieder auftreten) erlebt werden. Die Kontaktverbote und Mobilitätseinschränkungen, die im Lockdown angeordnet werden, werden im emotionalen Gedächtnis mit den frühen Frustrationserfahrungen in Verbindung gebracht und können quälende Einsamkeitsgefühle wachrufen. 

Gibt es aus der Kindheit die bittere Erkenntnis, dass die Hoffnung auf die Wiederaufnahme emotional nähernder Beziehungen aussichtslos ist, besteht eine Grundlage für spätere Depressionen. Die Frustration paart sich mit Hoffnungslosigkeit, mit schwarz eingefärbten Zukunftsbildern. “Es wird nie wieder so werden, wie es einmal war. Es wird alles immer schlimmer,” so ist es auch heute oft zu hören. Das resignierte Kind, das sich Auswege in einer Fantasiewelt suchen muss, klingt durch solche Aussagen hindurch. Deshalb blühen die Fantasieserien in der Welt der gestreamten Medien. 

Die Abhängigkeit vom Netz 

Die technischen Geräte gewinnen ihre Informationen aus dem Netz. Ohne Verbindung sind sie in vielen Belangen hilflos und wertlos. Kaum bricht die Verbindung ab, stehen wir vor einer Leere, die wieder Ängste auslösen kann, die in keinem Verhältnis zur aktuellen Lage stehen. Denn die Anbindung ans Netz, die als so existenziell erfahren wird, spiegelt die Einnistungsthematik aus der Pränatalphase wider. Die Abhängigkeit von Kabeln oder kabellosen Verbindungen wird auf einer unbewussten Ebene mit Überlebensnotwendigkeiten assoziiert. Wenn das Kontaktmedium versagt und die Datenübertragung abbricht, gleicht es einer Katastrophe. Das ursprüngliche Kontakt- und Verbindungsmedium, die Nabelschnur im Mutterleib, war die Ader, die uns am Leben gehalten und unser Wachstum gefördert hat. Jede Unterbrechung des Austauschflusses war eine Überlebensbedrohung und jede spätere Erinnerung daran bringt die alten Gefühle hoch.  

Das Netz ist eine interessante Metapher, die an die frühe Schnittstelle erinnert, über die wir zur Außenwelt kommuniziert haben, die Plazenta, ein netzartiges Gebilde, das von kilometerlangen Blutgefäßen durchzogen ist. Wir sind in vielen Bereichen vom Datennetz abhängig geworden, so wie wir als Föten von der Plazenta abhängig waren. Allerdings hängt heutzutage unser Überleben nicht mehr vom Funktionieren der Schnittstellen zu den Informationsflüssen ab, aber die Ängste, die ein Versagen der Netze auslöst, können heftig empfunden werden, sobald die Erinnerungen an früher mitschwingen. 

Diese Lasten aus der Vergangenheit werden in Zeiten wie diesen, die von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt sind, besonders leicht reaktiviert. Nur merken wir meist nicht, was wirklich vorgeht, wenn die Gefühle hochgehen und sich Ängste breit machen. Wir schieben die Macht unsere Gefühle auf die Außenbedingungen und schreiben sie den neuen Herausforderungen zu, die durch die geänderten Umstände auftreten. Dabei vergessen wir oft das hohe Niveau an Sicherheit und Berechenbarkeit, das wir erschaffen haben und das unserem Erwachsenenbewusstsein zugänglich ist. Immer wieder gewinnt das verletzte und verängstigte innere Kind die Oberhand – solange es nicht vom Erwachsenenanteil in uns verstanden ist und beruhigt werden kann. 

Zum Weiterlesen:
Faktizität und Innenerfahrung
Krisenängste und ihr Jenseits
Angstkonditionierung und Corona
Scham, Schuld, Corona


 

Mittwoch, 12. August 2020

Angstkonditionierung und Corona-Reaktion

 Angstkonditionierung

Wie wir auf Gefahren und unsichere Situationen reagieren, hängt von unserem Angstmuster ab und dieses Muster verweist auf die Grundprägung, die wir in unserer Kindheit erfahren und erlitten haben. Das Überlebensprogramm, das uns in unseren Anfängen unterstützt hat, wird immer dann aktiviert, wenn wir uns irritiert oder verunsichert fühlen.

Wir sehen ganz unterschiedliche Reaktionen auf die große Unsicherheit, die durch die Pandemiesituation entstanden ist. Manche Menschen reagieren auf die Angstpropaganda, die von regierenden Kreisen gesteuert wird, extrem ängstlich und folgen penibel allen Verordnungen und Vorschlägen. Die Ängstlichkeit motiviert sie dann, andere anzuschwärzen oder sogar anzuzeigen, die die Vorschriften nicht so genau befolgen. 

Es könnte sein, dass diese Menschen eine angstgesteuerte innere Erwartungshaltung haben, die annimmt, dass die Welt im Grund bedrohlich, unübersichtlich und ungewiss ist und dass sie  beständig auf der Hut sein müssen. Sie halten deshalb unbewusst ständig Ausschau nach Angstmachern und folgen ihnen dann bedingungslos. Solche Menschen nehmen jede von außen wahrgenommene Bedrohung besonders deutlich ernst und übersetzen sie als Angst in ihr eigenes Inneres, wo die Angsterwartung wiederum genährt wird. 

Autoritätshörigkeit

Zu den Ängstlichen gesellen sich die Autoritätshörigen. Sie haben früh gelernt, dass es wichtig ist, allem zu folgen, was von höherer Stelle befohlen und empfohlen wird. Das Vertrauen in die Weisheit der Autoritäten kann so weit gehen, dass, wie in den USA geschehen, Gift geschluckt wird, weil es der Präsident als Heilmittel empfiehlt. Häufig finden sich die Ängstlichen mit den Autoritätshörigen in Personalunion.

Die Regierenden und die Unmündigkeit

Wer Regierungsverantwortung trägt, muss in einer Gesellschaft mit unmündigen Mitgliedern auch etwas Angst streuen, um Verhaltensänderungen auch bei jenen zu erreichen, die dazu zu bequem oder uneinsichtig sind. Kindliche Reaktionen erfordern eine strenge Autorität, die zur Verantwortung ruft. Die oben geschilderten Reaktionstypen sind die Adressaten für diese Form der Massenbeeinflussung und Propaganda. 

Virale Bedrohungen sind nicht sichtbar wie ein Tsunami, eine Bombenexplosion oder ein Bösewicht im Wohnzimmer. Ihre kurz- oder längerfristigen Wirkungen können mit laienhaften Mitteln nicht abgeschätzt werden, ebenso wenig wie die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Gefahr. Deshalb neigen viele dazu, die Gefahren zu vernachlässigen, ihre Gewohnheiten beizubehalten und sich nur unter äußerem Druck regelkonform zu verhalten. Sie müssen bei Strafe gezwungen werden, Maßnahmen einzuhalten, die vielleicht im Einzelfall überflüssig und sinnlos sind, im Ganzen aber das Infektionsrisiko eindämmen.

Die Angst um die Freiheit

Andere Menschen nehmen die Einschränkung ihrer Freiheit angesichts dieser Herausforderungen besonders wichtig  und leiden darunter. Sie fühlen sich durch alle Maßnahmen und Regelungen eingeengt und ihrer Freiheit beraubt. Ihre Angst besteht darin, dass sie sich einer Autorität unterordnen müssen und damit ihre Autonomie verlieren, sei es auch nur durch das Tragen einer Mundschutzmaske. Sie meinen, dass sie über eine bessere Einschätzung bezüglich der Wirkmächtigkeit und Sinnhaftigkeit der vorgeschriebenen Regeln verfügen und dass es deshalb um vorsätzliche Bevormundung und Freiheitsberaubung geht. Sie wehren sich deshalb mit allen Mitteln des Trotzes gegen jedwede Vorschriften und befürchten das Ende der freien Demokratie. Diese Angst kann sich zur Verschwörungstheorie ausweiten, dass das Virus genau zu diesem Zweck freigesetzt wurde, nämlich überall Diktaturen zu errichten.

Die unterschiedlichen Angstorientierungen betreffen nicht nur die „Laien“, sondern auch die „Experten“. Auch Ärzte und Wissenschaftler sind von ihrer Angstgeschichte betroffen und fällen daraus die Urteile über die Richtigkeit oder Falschheit von Maßnahmen. Der Vorteil der Wissenschaften liegt allerdings darin, dass die emotionalen Prägungen der Forscher durch den Vergleich mit anderen und die beständige Rückkoppelung mit der Wirklichkeit herausgefiltert werden und im Erkenntnisprozess keine Rolle spielen können.

Kollektive Angstbereitschaft 

Situationen von Unsicherheit und diffuser Bedrohung hat es immer wieder in der Menschheitsgeschichte gegeben. Z.B. war die Nachkriegszeit bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geprägt von der Angst vor einem möglichen Atomkrieg der Supermächte. Die Zeiten von kollektiver Sicherheit sind eher die Ausnahme. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass mit jeder Krise nicht nur die individuellen Angstquellen angezapft werden, sondern dass auch die kollektive Angstbereitschaft aktiviert wird und die individuellen Reaktionen zusätzlich verschärft.

Ungewissheitstoleranz

Die Situation des Lockdown war und ist für viele eine beträchtliche Belastung, oft verbunden mit drastischen wirtschaftlichen Nachteilen. Ebenso enthält jeder gravierende Verlauf einer Covid-Erkrankung ein schweres Schicksal. Die Ängste hingegen, die die Menschen antreiben oder lähmen, sind älter als die tatsächlichen aktuellen Erfahrungen, die wir bei uns selbst und bei Nahestehenden sammeln. Und sie sind mächtiger als die unterschiedlichen Informationen, die uns helfen könnten, die eigenen Intentionen und Orientierungen zu klären.

Es wird viel geredet und „gerechthabert“ in diesen Zeiten, es wird viel mit „der Wahrheit“ herumgefuchtelt, und das zeigt, wie tief die Verunsicherung ist und mit welchen Ängsten sie konfrontiert. Wenn wir es nicht schaffen, mit der Relativität der Erkenntnisse und Einsichten zu leben, müssen wir zu absoluten Wahrheiten greifen, um dort eine vermeintliche Sicherheit zu finden. Allein, die Suche ist vergeblich, weil sie nur in unserem Verstand stattfindet, der sich aus unseren Ängsten speist. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit, mit der Unsicherheit und dem Nichtwissen zu leben und die Ängste anzunehmen, die dadurch hochkommen. Dann brauchen wir nicht den großen Durchblick und die unbestechliche Wahrheit, dann brauchen wir keine Erleuchtungen über irgendwelche Drahtzieher und Verschwörer.


Donnerstag, 6. August 2020

Politik nach Corona

Die Covid-Krise stellt die Regierenden in der ganzen Welt vor komplexe Herausforderungen. Es gibt ein klares Resumee: Die Krise kann nur gemeistert werden, wenn die Regierenden Experten zuhören. Sie können keine Richtlinien aus ihren Ideologien finden, um diese Krise zu meistern. Denn es gibt keine Ideologie zur Bewältigung einer Pandämie. Ideologien mischen sich allenfalls in die Regelungen der Auswirkungen der Krise: Soll der Staat den Leuten, die ihre Arbeit und ihr Geschäft wegen eines Lockdowns verlieren, unter die Arme greifen oder sie ihrem Schicksal überlassen? Sollen Regeln erlassen werden, um die Gefährdeten zu schützen oder soll jeder machen, was er will? 

Ideologien können sich auch in das Krisenmanagement einmischen, wie das manche Politiker versucht haben: Wir sind die heroischen Einzelkämpfer einer gesunden Rasse und setzen auf die Herdenimmunität, d.h. wir nehmen die Toten in unseren Reihen in Kauf, um dann am Ende als die strahlenden Sieger dazustehen. Oder: Das Virus ist eine Erfindung unserer Gegner, die unsere Wirtschaft treffen wollen, aber es ist viel zu harmlos. Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir machen weiter, als wäre nichts und sind dann die Besseren.  

Mittlerweile ist absehbar, dass diese ideologischen Einmischungen gescheitert sind. Nach den Erfahrungen mit der Unberechenbarkeit des Virus und seiner ganz unterschiedlichen Auswirkungen sind zunehmend mehr und mehr Regierende auf eine Linie eingeschwenkt, nämlich jene, die von der großen Mehrzahl der Experten vorgeschlagen wurde. 

Das Versagen der Populisten


Die Populisten haben auf ganzer Linie versagt, sie konnten nichts beitragen zur Verringerung von Infektionen oder Todesfällen. Populisten sind zumeist Feinde von Expertenwissen, weil sie denken, selber die Experten in allen relevanten Belangen zu sein. Sie sind auch den Wissenschaften gegenüber misstrauisch, weil sie ihren subjektiven, gefühlserzeugten Wirklichkeitsbegriff gegenüber den Wissenschaften inhaltlich nicht verteidigen können. Auf dem ideologisch eingefärbten Wirklichkeitsbegriff mit seinen Freund-Feind-Mustern beruht der ganze Erfolg der populistischen Propaganda. Differenziertere Sichtweisen, wie sie von den Wissenschaften kommen, passen nicht zu den vereinfachten Weltbildern. Deshalb müssen die Wissenschaften diskreditiert werden. Alles, was komplex erscheint, ist verdächtig. 

Populisten verfügen über die Schläue, die ihren Machthunger unterstützt, aber nicht über ein Gespür für Feinheiten und Komplexitäten. Sie müssen sich eine eigene Wirklichkeit erschaffen, denn die „wirkliche“ Wirklichkeit ist differenziert und komplex. Und sie müssen die Erforscher dieser Wirklichkeit bekämpfen, damit sie ihr simples, von Emotionen erzeugtes Realitätsmodell aufrechterhalten können.

Rückkoppelung mit Experten


Dort, wo die Politik Erfolge in Bezug auf die Pandemie verzeichnen kann, stützt sie sich auf Experten aus verschiedenen Gebieten zwischen Medizin, Soziologie und Mathematik, die die relevanten Fakten, Berechnungen und Entscheidungsgrundlagen liefern. Die Verantwortung der Politiker ist es dann, die Entscheidungen zu treffen, aber eben nicht aus irgendeinem Bauchgefühl heraus, sondern in Abstimmung mit denen, die sich in dem betreffenden Bereich am besten auskennen.  

Faktenbasierte Politik ist kein Zauberwort, sondern entspricht der Aufgabe von demokratischen Politikern, Politik im Sinn des Gemeinwohls zu gestalten, also eine größtmögliche Zahl von Interessen und Bedürfnissen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zu berücksichtigen. Dafür ist der Austausch notwendig, zwischen den Entscheidungsträgern und den Betroffenen sowie mit den Experten, die tiefere Einblicke für bestimmte Sachbereiche mitbringen, also eine dia- oder multilogische Politgesellschaft, eine zuhörende Gesellschaft nach Hanzi Freinacht.  

Wer mit Regierungsmacht ausgestattet ist, braucht sich nicht durch ein Besserwissen auszuzeichnen, sondern durch eine besondere Gabe, die richtigen Fragen an die richtigen Leute zu stellen und das Ganze der Gesellschaft immer im Auge zu behalten. Die Besserwisserei ist ein Hindernis für eine evolvierte Form der Machtausübung. 

Ein Modell für die Zukunft


Das ist ein Modell für die Zukunft: Experten kommen zusammen, die Politiker hören zu, Experten helfen bei der Evaluation des Expertenwissens und bereiten die Entscheidungsgrundlagen auf, mittels derer dann die Politiker entscheiden. Die Folgen der Entscheidungen werden von den Experten evaluiert und die Maßnahmen werden dann notfalls rückgängig gemacht oder verbessert und den veränderten Bedingungen angepasst.  

Österreich hatte durch die Gunst der Umstände die Chance, für einige Monate das Experiment einer Expertenregierung zu erproben. Die Zufriedenheit mit dieser Regierung in der Bevölkerung war hoch, die Abwesenheit von Ideologien als bestimmenden Momenten für die Machtausübung wurde offensichtlich nicht vermisst. Politik, die die Experten gehört hat und hinter sich weiß, genießt offensichtlich mehr Vertrauen als eine, die nur durch perfekte mediale Selbstdarstellung glänzt oder Ideologien vor sich her trägt. 

Die Corona-Zeit könnte ebenfalls als wegweisend in diese Richtung genutzt werden: Die politische Macht in den Dienst einer Problembewältigung mit ausgewogener Berücksichtigung der sachlichen und der sozialen Notwendigkeiten unter Einbeziehung der Wissensressourcen aus den Wissenschaften zu stellen.  

Politik kann es nie allen recht machen, das gelingt uns schon im Kleinen von Familien oft nicht. Auch das zeigt die Corona-Zeit: In einer entwickelten Gesellschaft wird es immer unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen geben. Die oft extrem weit auseinanderliegenden Gefahreneinschätzungen und subjektiven Perspektiven auf das Phänomen dieser Infektion und die starken Emotionen, die davon ausgelöst werden, weisen einerseits darauf hin, dass eine entwickelte Gesellschaft einen weiten Toleranzbereich benötigt, und andererseits, dass sie von ihren Mitgliedern verlangen müsste, die eigene Emotionalität soweit zu kennen, um unterscheiden zu können, ob situationsadäquate Realitätswahrnehmungen möglich sind oder kindliche Erfahrungsmuster die Reaktionskontrolle übernommen haben. 

Der Vorzug von Expertenwissen besteht darin, dass es in der Regel unabhängig von eigenen Interessen und Werthaltungen ist und dass es also einen höheren Objektivitätsgehalt hat als alle anderen Formen des Wissens. Dieses Wissen entsteht in Prozessen permanenter Rückkoppelung und Überprüfung und wird laufend verbessert und weiterentwickelt. Es entzieht sich damit der Verfügungsgewalt von Einzelnen, die immer manipulations- und korruptionsanfällig sind.  

Deshalb braucht auch eine Politik, die die Gesellschaft in einer allen Mitgliedern dienlichen Weise weiterentwickeln möchte, eine Rückkoppelung zu solchen Formen des Wissens. Auch politische Entscheidungen müssen permanent evaluiert werden, nicht nur im Sinn ihrer vordergründigen Popularität oder Akzeptanz, sondern auch im Sinn der Effektivität und Verträglichkeit in Hinblick auf die Gleichheit in der Gesellschaft und auf die Natur im Ganzen.  

Das Virus, das uns in Bann hält, zwingt uns genau dazu. Wenn wir einen Funken unseres Verstandes nutzen, wird er uns nahelegen, diese Form des Politikmachens mit Rückkoppelungen zum Expertenwissen und Zuhören auch für andere Bereiche der Zukunftsgestaltung zu verwenden. 

Freitag, 3. April 2020

Eine Krise des Neoliberalismus

Warum ist die gegenwärtige Corona-Krise eine selbsterzeugte Krise des Neoliberalismus?

Der Neoliberalismus: Ein Ideologiegebäude


Die Ideologie des Neoliberalismus hat die letzten Jahrzehnte dominiert. Der Staat ist zu mächtig, wie ein Moloch beherrscht er alles und verschluckt viel zu viele Ressourcen. Er muss auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Der Einzelne ist dem Staat unterworfen, der seine Freiheiten und sein Gewinnstreben einschränkt und muss seinem Einfluss entzogen werden. Der Markt ist der bessere, objektivere und gerechtere Regler der gesellschaftlichen Abläufe und der Verteilung der Gewinne. Soweit das Credo der Neoliberalisten, die die öffentliche Debatte beherrschten und die Politiker von links bis rechts vor sich hertrieben. 

Mit ein paar Rückschlägen hat sich die Wirtschaft der Industriestaaten stetig wachsend prächtig entwickelt und immer mehr Gewinne erwirtschaftet. Der Wohlstand ist auf breiter Basis angestiegen, obwohl sich die Schere zwischen arm und reich noch weiter geöffnet hat. Es haben also die Einzelnen im obersten Segment der Einkommenspyramide am meisten von dem Wachstumsschub profitiert. Aber immerhin: Global konnte die Armut zurückgedrängt werden. Ist also ein Lob des Kapitalismus in seiner neoliberalen Prägung fällig?

Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das auf dem Marktprinzip beruht und seine Dynamik aus der Konkurrenz der Akteure bezieht. Alles, was diese Konkurrenz behindert, soll aus dem Weg geräumt werden. Der Staat soll seine Aktivitäten darauf beschränken, dass die Aktivitäten der Marktteilnehmer reibungslos ablaufen können. Außerdem soll er laufend neue fitte Teilnehmer auf den Markt werfen, die die Konkurrenz mit ihren aktuelleren Kompetenzen und ihrer leistungsfähigeren Vitalität frisch aufmischen sollen. Natürliche Ressourcen werden bedenkenlos ausgebeutet, einschließlich der Ressource der menschlichen Gesundheit.

Im kapitalistischen System liegt also die Macht bei einer abstrakten Instanz, beim Markt. Das hat den Vorteil, dass es keine Zentralperson gibt, einen Weltherrscher, sondern ein ungreifbares Netz von Austauschvorgängen, die kein Einzelner überblicken und beherrschen kann. Der Nachteil liegt darin, dass die Menschen dem System unterworfen sind, das sie in gewisser Weise wie Sklaven behandelt und ausbeutet. Der Kapitalismus ist seinem Wesen nach unmenschlich. 

Deshalb braucht es eine Ideologie, die den Menschen ein unmenschliches System als menschlich verkauft, ähnlich wie ein Kühlschrankhändler den Polarbewohnern einredet, dass sie Elektrogeräte zum Kühlen ihrer Robbenfänge benötigen. Es ist die Ideologie, die häufig mit: „Leisten muss sich lohnen“ daherkommt und unter den Tisch kehrt, dass die Marktmechanismen dazu führen, dass bei gleicher Leistung höchst unterschiedliche Belohnungen rauskommen und sich vor allem jene leichttun, die aufgrund von Erbschaften einen Vermögensstock schon mitbringen, bevor sie mit Leistungen im Sinn des Neoliberalismus erst einmal beginnen.

Solange die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit auf einem niedrigen Niveau bleibt und etwas vom erwirtschafteten Gewinn auch breiteren Bevölkerungsschichten zugutekommt, damit genug konsumiert werden kann, freuen sich die meisten über die Segnungen des Kapitalismus. Doch handelt es sich um ein Krisensystem, das nach Phasen des Aufschwungs Abbrüche und Niedergänge produziert, die dann hauptsächlich diejenigen am schwersten betrifft, die am wenigsten von den Höhenflügen der Aktienkurse und Unternehmensgewinne profitieren. Doch scheint es, dass solche Erfahrungen schnell vergessen werden und die neoliberale Ideologie sofort wieder Fuß fasst, kaum ist die Krise überstanden. Die beliebten Politiker, die die neoliberale Ideologie ins Volk bringen, bekommen sofort wieder Zulauf. Die eingesammelten Stimmen dienen dann der Zementierung der neoliberalen Wirtschaftspolitik, meist verbunden mit einer fremden- und ausländerfeindlichen Ausrichtung, die vielen Leuten Bedrohungsszenarien vermittelt, damit sie weniger Augenmerk darauf richten, wie die Hindernisse für die Reichtumsverschiebung von unten nach oben ausgeräumt werden. In diesen Zeiten wird mit der Devise der Verschlankung des Staates und der Kosteneinsparung im Gesundheitswesen eingespart, und die soziale Absicherung wird entweder reduziert oder zumindest nicht im Ausmaß des gesamten erwirtschafteten Vermögens weiterentwickelt.

Die Tiere und die Menschen


Was hat aber der Neoliberalismus damit zu tun, dass ein aggressiver Virus die Menschen befällt? Tiervirologen haben einen klaren Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsideologie und der Entstehung der bedrohlichen Viren erkannt. Wildtiere laufen mit einer Menge an Viren herum, die für sie harmlos, aber für Menschen gefährlich sein können. Geraten sie in Stress, weil die Menschen ihre Lebensräume beschneiden und ihr Überleben gefährden, so nehmen in ihnen diese Viren überhand und können dann leichter auf die Menschen übertragen werden. Die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise immer weiter reduzierte Biodiversität sowie die sukzessive Einschnürung der Lebensräume führen, wie wir alle wissen, zum Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten und zu verstärktem Stress bei denen, die noch am Leben sind.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit. Wenn die Stressbelastung in der Natur immer weiter ansteigt, indem die Menschen, angetrieben von der neoliberalen Ideologie, der Natur rauben, was sie nur kriegen können, kippt dort das Gleichgewicht, mit unkontrollierbaren Konsequenzen für die Menschengesellschaft. Diese wichtige Botschaft, die mit den Viren mitkommt, sollten wir äußerst ernst nehmen. Die Aggressivität der Viren spiegelt die Aggressivität, mit der die Natur tagtäglich misshandelt wird.

Und es ist die Aggressivität, mit der wir uns selber behandeln. Denn auch wir sind Natur, und unsere Körper leiden z.B. unter Allergien, die von einer stressbelasteten Umwelt ausgehen: Bäume, die unter dem Klimawandel leiden, erzeugen mehr Pollen. Und wir leiden unter Viren, die von gestressten Tieren übertragen werden. Es ist unsere aggressive Lebensweise, mit der wir uns selber schaden.

Ideologieaustausch


Wir befinden uns wieder in einer Krise, die diesmal nicht unmittelbar durch den Kapitalismus herbeigeführt wurde wie jene von der Immobilienblase von 2008. Vielmehr hat es ein Virus geschafft, das Wirtschaftsleben nahezu stillzulegen. Und nun muss natürlich der Staat wieder einspringen, damit nicht noch größere Schäden für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Menschen entstehen. 

Über Nacht wurde, nahezu unbemerkt, die offizielle Ideologie ausgetauscht. Plötzlich geht es nicht mehr um Wirtschaftswachstum und Nulldefizit, sondern um Menschenleben. In der neoliberalen Ideologie sind die Menschen austauschbare Subjekte, deren Wert von ihrer Leistung am Markt abhängt. Natürlich ist ein solches menschenverachtendes Konzept nicht für das Funktionieren einer Gesellschaft tauglich. Deshalb braucht es immer auch soziale Konzepte, die traditioneller Weise von den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen vertreten werden und die ganz offensichtlich in den letzten Jahrzehnten massiv an Einfluss verloren haben. 

Jetzt werden sie aus dem Hintergrund hervorgeholt und dienen nun als Hauptmaßstab des politischen Handelns.  Plötzlich sind wir wieder eine menschliche Gesellschaft, die die Lebensrechte und die Würde jedes Einzelnen wichtig nimmt. Plötzlich kümmert sich der Staat um alle, die keine Arbeit haben, indem er Milliarden locker macht und sie versorgt. Plötzlich werden die Leute wertgeschätzt, die in der Krise die Infrastruktur aufrechterhalten, von der Müllabfuhr bis zum Supermarktpersonal, und es zeigt sich, dass die Wenigverdiener die Hauptleistenden sind – ein Widerspruch wird offensichtlich.

Es zeigt sich auch, dass die Krise dort am stärksten wirkt, wo das neoliberale Programm am radikalsten durchgezogen wurde. Das ist weiter nicht verwunderlich. Der Markt, bzw. das kapitalistische System ist nicht in der Lage, Krisen zu meistern, dazu braucht es das Gemeinwesen, also den Staat. Kaputtgesparten oder privatisierten staatlichen Strukturen in den geschrumpften und gerupften Staaten fehlen die Ressourcen, um der Probleme Herr zu werden. 

Noch jedes Mal ist der Kapitalismus aus seinen selbstgemachten Krisen mit neuer Glorie auferstanden. Diesmal hat das Pendel zwischen Wirtschaft und Staat sehr stark auf die Seite des Staates ausgeschlagen, und die Zukunft wird zeigen, ob der Pendelschlag nach dem Ende der Krise umso stärker in die Gegenrichtung gehen wird oder ob sich das Zentrum verschieben wird, von dem das Pendel ausgeht, d.h. ob die Dimension des Menschlichen, und das ist auch die Dimension der Nachhaltigkeit, das Gewicht bekommt, das es braucht, um die viel größeren Herausforderungen, die sich im desolaten Mensch-Natur-Verhältnis ergeben haben, zu bewältigen und künftigen Generationen einen bewohnbaren Planeten zu sichern.

Zum Weiterlesen:
Von der Angst zur Ethik
Scham, Schuld, Cororna
Raus aus der Gehirnwäsche
Die Corona-Krise als Chance?

Mittwoch, 25. März 2020

Scham, Schuld, Corona

Scham und Schuld sind Gefühle, die hinter allem stecken können, was uns beschäftigt. Zurzeit gibt es das Hauptthema Virus, und es kann sich lohnen, einen Blick auf die Scham- und Schuldaspekte zu werfen, die darin verborgen sind.

Wie bei allen großen Veränderungen, die unser Leben beeinflussen, führt auch die aktuelle zu einem Rattenschwanz an Erklärungsversuchen, die nach dem oder den Schuldigen suchen. Mal sind es die Chinesen, die den Virus erfunden haben, um dem Westen zu schaden, mal die Amerikaner, um den Rest der Welt noch mehr zu dominieren, mal die Finanzeliten, um mit Spekulation noch mehr zu verdienen usw. Es gibt aber auch scheinbar metaphysische Erklärungen, die „die Natur“ für die Viren  verantwortlich machen und in ihnen eine Waffe sehen, mit der sie sich gegen die Menschen wehrt und dafür sorgt, dass sie von uns nicht noch mehr zerstört wird. Schließlich ist auch davon die Rede, dass der Planet sich mit Hilfe der Viren von der Last einer Überbevölkerung befreien will.

Die Suche nach Schuldigen


Jede dieser Theorien hat mit Scham und Schuld zu tun. Einen Schuldigen zu finden für die Pandemie klingt nach Verantwortung und Aufklärung: Schuldige für ein Unheil müssen ausgeforscht, dingfest gemacht und bestraft werden. Es passiert massives Leid, also muss es massive Schuld geben. Und wo Schuld ist, ist auch die Scham nicht weit.

Sicher gibt es Beamte und Politiker, die in dieser Situation fehlerhaft gehandelt haben. Aber die ganze Problematik und damit auch das Virus selbst als menschliche Erfindung von einigen Bösewichtern darzustellen, ist, solange es dafür keine Beweise gibt (und die Beweislage spricht eindeutig für das Gegenteil), eine ungeheure Beschuldigung gegen Unbekannt. Solche Vorwürfe entspringen dem Bedürfnis nach einem eindeutigen Schuldigen, dem die ganze Verantwortung angelastet werden kann. Wo Schlimmes geschieht, muss es Schuld geben, so haben wir das in der Kindheit gelernt und folglich muss das auch für die große weite Welt und ihre komplexen Abläufe gelten. Wie wir als Kinder für unsere schlimmen Taten beschuldigt, beschämt und bestraft wurden, muss es jetzt auch geschehen, sonst bleibt die Unsicherheit, dass es erneut zu Widrigkeiten kommt, die sich unserer Kontrolle entziehen. 

Damit wird die Scham als Waffe genutzt, die vermeintlich unsere Ehre wiederherstellen kann, die durch eine Krise in Frage gestellt wurde.  Doch ist es das eigene Schambedürfnis, aus dem eine solche Denkweise erwächst. Denn es besteht keinerlei Notwendigkeit, einem Vorgang wie diesem böse menschliche Absichten zu unterstellen – wie gesagt, solange es keine Belege dafür gibt. Die Absicht, böse Absichten ohne Grund zu unterstellen, kommt aus der eigenen Bosheit, die mit Scham unterdrückt und auf andere projiziert wird. 

Ist die Natur ein Subjekt?


Wenn wir die schuldige Instanz in der Natur sehen, die sich rächen will, sollten wir auch auf die Schamthemen schauen, die sich in diesem Erklärungsmodell verbergen. Zunächst wissen wir nicht, ob hinter der Natur und ihren Abläufen ein Plan oder ein planendes Wesen steht. Wir können von einer derartigen Annahme ausgehen, genauso wie von der gegenteiligen, dass es eben keine planende Stelle oder Person oder Intelligenz gibt, sondern dass die Vorgänge und evolutiven Prozesse in der Natur ohne Vorausplanung ablaufen. Das ist zumindest der Standpunkt der modernen Naturwissenschaften, und die Theorie des „kreativen Designs“, die eben einen Architekten des ganzen Ablaufs unterstellt, hat dagegen einen sehr schweren Stand. Sie ist deshalb nur noch in einigen amerikanischen Bundesstaaten angesehen, in denen auch die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannt ist. 

Es ist also im besten Fall eine Glaubensfrage, ob die Natur selbständig, nach dem Modell des Menschen, handlungsfähig ist und für sich selbst Verantwortung übernimmt oder nicht. Obzwar wir als Menschen in vielen Fällen planvoll agieren, muss das nicht bedeuten, dass die Natur oder die Existenz als Ganze entsprechend designet sind. Nach all unserem Wissen sind die Menschen die einzigen, die die Herausforderungen ihres Lebens mit dieser Strategie meistern, zumindest zum Teil. Es gibt nahe Verwandte im Tierreich, die über solche Fähigkeiten im Ansatz verfügen, aber damit hat es sich schon. Wir sind ein Spezialfall innerhalb der Vielfalt der Lebensformen, mit einer Intelligenz, die in der Lage ist, die eigene Verfasstheit auf das Ganze zu übertragen, aber ohne die Fähigkeit, absolut entscheiden zu können, ob das sinnvoll ist oder nicht.

Die Natur als Rächerin


Würde es nun stimmen, dass die Natur mit Hilfe von Viren zurückschlägt, um sich der Menschenschädlinge zu entledigen, so sind wir als Menschheit mit einer riesigen Scham beladen, für die wir gerechterweise mit unserer Existenz büßen müssten. Scham ist eben das Gefühl, das auftritt, wenn der Kern unserer Existenz fraglich und unsicher ist. Wenn wir uns selber gewissermaßen in diese Existenzscham versetzen, indem wir der Natur Racheabsichten unterstellen, sind wir es selber, die uns das Existenzrecht absprechen. Es ist also gar nicht die Natur oder die von ihr ins Rennen geschickten Viren, wir selber sind es, die unsere Auslöschung wollen. 

Solche Gedankengänge sind psychologische Spiele. Sie spiegeln nichts anderes als das eigene Lebensschicksal wider. Eigentlich dienen sie gar nicht dazu, besser zu verstehen, was abläuft, um damit in Frieden zu kommen. Vielmehr rechtfertigen sie die eigene Verdammung, die irgendwo und irgendwann in einer frühen Lebensphase erlebt werden musste. Die übermächtige Naturumgebung, in der wir entstehen, ist die Mutter. Wenn sie uns nicht bedingungslos annimmt als neues Erdenwesen, sondern uns als Belastung und Störung ihres Lebens erfährt, nistet sich die Urscham ein, die besagt, dass wir als Wesen falsch und überflüssig sind.

Wenn wir diesen Gedanken des Ungewolltseins auf die ganze Menschheit übertragen, entlasten wir uns ein Stück von unserem eigenen Schicksal, indem wir die Scham potenzieren, sodass wir nur mehr ein kleines Stück von ihr betroffen sind. Wir wollen uns also selber vom eigenen Schicksal freisprechen, um den Preis, den eigenen Untergang mitsamt der Menschheit in Kauf zu nehmen und sogar noch zu rechtfertigen. 

Die fehlprogrammierte Natur


Dazu kommt das peinliche Faktum, dass wir als Menschen selber Naturwesen sind. Manche bemühen an diesem Punkt die Krebsmetapher, um ihr selbstschädigendes Modell aufrechterhalten zu können: Die Menschheit sei das Krebsgeschwür der Natur, also eine genetische Fehlprogrammierung, die in der Lage wäre, die ganze Natur auszulöschen. Wieder wird extrapoliert und vom menschlichen Organismus auf die Natur als Ganze geschlossen, was schon nach den Gesetzen der Logik problematisch ist. Letztlich würde diese Annahme auf den Punkt zusammenfallen, dass die Natur Programme in sich trägt, die bestimmte Strukturen zerstört. Sie baut also auf und zerstört, eine No-Na-Erkenntnis.

Wir wissen nicht einmal, ob die Zerstörung, die Teil von allen Naturprozessen ist, fehlerhaft ist oder nicht. Denn ohne Wissen über den Gesamtplan gibt es auch kein Richtig und Falsch in Bezug auf die Abläufe, die das Leben der Natur ausmachen. Vielleicht müssen wir uns begnügen festzustellen, dass alles so ist, wie es ist, alles so geschieht, wie es geschieht, und dass wir nicht darüber urteilen müssen, was sinnvoll und gut und was fehlerhaft und schlecht ist. 

Die Schwierigkeit, mit Nichtwissen zu leben


Offenbar ist es schwerer, in Bezug auf Gesamtfragen und Globalerklärungen mit einem Nichtwissen zu leben, als selbstschädigende Gedankenmodelle zu pflegen. Denn Nichtwissen kränkt den Narzissmus, und das schmerzt. Wo wir kein Wissen haben, haben wir keine Macht. Wir müssen also auch unsere Machtlosigkeit dem Ganzen gegenüber akzeptieren, und das heißt, wir müssen unsere Endlichkeit und Sterblichkeit annehmen. Es ist also ganz einfach die Angst vor dem Tod, die uns Erklärungsmodelle diktiert, mit denen wir ein Stück Unsterblichkeit erobern wollen. 

Wir können unheimlich viel erklären, was in der Natur abläuft, aber wir wissen nicht, ob es dahinter einen Plan gibt, den wir nach und nach entschlüsseln. Je mehr wir verstehen, desto besser können wir eingreifen und Einfluss ausüben. Sobald die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine Methode gefunden haben, die den Viren den Garaus macht, sind wir die Plage los. Gäbe es die Wissenschaft nicht, würde die Epidemie solange wüten, bis es keine Wirte mehr für die Viren gibt, wie das bei den Pestepidemien vergangener Zeiten war. So aber ist es nur eine Frage der Zeit, und die menschliche Intelligenz wird die menschliche Gesundheit wieder ausreichend schützen können.

Doch selbst dann sind wir wieder nur ein bisschen sicherer mit unserem Leben. Selbst dann gibt es genug Bedrohungen, die unserem Leben ein Ende setzen können. Irgendwann wird eine Bedrohung so mächtig sein, dass wir ihr nicht entkommen und uns ihr hingeben müssen. Wollen wir uns auf diesen Moment vorbereiten, so ist es jetzt die Übung, dass wir uns dieser Situation hingeben, ohne zu wissen, wer daran schuld ist und was damit letztlich bezweckt ist.

Samstag, 21. März 2020

Raus aus der Gehirnwäsche

Seit ein paar Wochen hat ein Thema Einzug gehalten in unser Bewusstsein und es mittlerweile fast vollständig in Besitz genommen. In den traditionellen Medien gibt es Coronaberichte mit Unterbrechungen, in den sozialen Medien tummeln sich die unterschiedlichsten Beiträge zu dem einen Thema. Es scheint, als ob wir nichts anderes mehr bereden oder bedenken dürften. 

Klar: Dieses Virus hat unser aller Leben in einer Weise umgekrempelt, wie es das „seit Menschengedenken“ nicht mehr gegeben hat. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft muss seine Gewohnheiten und Tagesabläufe an die Erfordernisse der Situation anpassen. Es erfordert eine Menge an Denk- und Sprechleistung, um diese Veränderungen verarbeiten zu können. 

Ein kollektives Bewusstsein hat sich ausgebreitet und ist ungehindert in unsere Köpfe eingedrungen. Sein Hauptantrieb ist die pure Überlebensangst, sein Zusatzmotor die soziale Angst, andere nicht anstecken zu wollen. Dieses Bewusstsein wirkt wie ein Sog, das alles in sich hineinziehen will, von dem nichts unberührt bleiben soll. Es hat unsere Handlungsmöglichkeiten eingekreist und wir haben uns in unser Los geschickt, wissend, dass alle anderen mitmachen. Zugleich hat es unser Denken gebunden und okkupiert, das dann wie in einer Gefängniszelle von einer Wand zur anderen wankt und dann wieder zurück.

Dazu kommt die Unsicherheit über die Dauer der Maßnahmen, die alle Planungen und Zukunftserwartungen, die wir in uns aufgebaut und vorbereitet haben, mit Fragezeichen versieht. Wir wissen nicht, wie lange wir zuhause sitzen müssen, wie lange die Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit aufrechterhalten bleiben und in welcher Form sie weiterbestehen. Wir müssen mehr im Moment leben, auch wenn die Fantasie immer wieder in die Zukunft reisen möchte.  Unser Denken kann auch hier nur kreisen: Was habe ich schon alles geplant und wie wenig weiß ich, ob es eintreten kann.

Wir sind in einem viel größeren Ausmaß mit der grundsätzlichen Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit der Wirklichkeit konfrontiert. Die Lehre des Buddhas kreiste schon vor 2600 Jahren um die Nichtpermanenz, um die andauernde Wandelbarkeit des Lebens und um den menschlichen Verstand, der das nicht und nicht akzeptieren will, der seine ganzen Ängste um diese Unbeständigkeit herum aufbaut. Nach Buddha entsteht das Leiden aus der Bekämpfung dieser Unbeständigkeit durch das Festhaltenwollen an alten Gewohnheiten, Beziehungen, Erwartungen, Dingen, darunter auch die Gesundheit. Sobald und erst wenn wir anerkennen, dass nichts von Dauer ist und dass deshalb nichts unserer absoluten Kontrolle unterliegt, finden wir zum inneren Frieden.

Wie aber sollen wir in Frieden kommen, wenn um uns herum alles unsicher ist? Wie sollten wir Ruhe finden, wenn alle fortwährend von dem einen Thema sprechen, das nichts Positives enthält, sondern nur Sorgen und Ängste bereitet? Das Virus mit all seiner unabwägbaren Bedrohung ist doch überall oder könnte zumindest überall sein, auf jeder Türschnalle und in jedem Lufttröpfchen. 


Plädoyer für coronafreie Räume


Nicht einmal dieses Plädoyer kommt ohne Anspielung auf das allmächtige Thema aus. So ist das, wenn das kollektive Bewusstsein eingeengt und eingeschränkt ist. Wir kommen aber aus dieser Verhexung nur heraus, wenn wir uns mit anderen Themen beschäftigen. Da kommt gleich wer und sagt, das wäre ja nur Ablenkung? Doch wovor sollten wir uns ablenken? Wir wissen mittlerweile im Überfluss und Überdruss, was es zu wissen gibt. Wir tun, was zu tun ist. 

Also ist jede Menge Zeit für andere Dinge, andere Aktivitäten, andere Ideen, die nichts mit dem allgegenwärtigen Virus zu tun haben. Dazu müssen wir unsere Köpfe frei machen, statt sie fortwährend aufs Neue zuzustopfen mit dem Thema. Das Virus hat sich fix in unseren Köpfen eingenistet und will sich, wie es seiner Natur entspricht, vermehren und weiter vermehren. Es will uns süchtig nach sich selbst machen, wie ein Verliebter, der die Quelle seiner Anbetung mit seinem Selbst füllen will, damit sie ihn keine Sekunde vergisst.

Wie bekämpfen wir eine Sucht? Wir hören damit auf, sie zu nähren, sie zu füttern. Wir schränken ihren Raum ein, indem wir andere Räume öffnen und uns in ihnen aufhalten, bis die Sucht in ihrem Kämmerlein verkümmert ist. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf alles, was frei ist von Viren: Die Tiere und Pflanzen um uns, der Sonnenschein, die Regentropfen. Wir nutzen die Zeit, um alte Hobbies auszugraben oder liegengebliebene Ideen zu verwirklichen. Wir freuen uns an den Schönheiten und Wundern, die uns umgeben. Wir leben mit dem Zauber der Einfachheit, den uns diese Zeit beschert. 

Die äußeren Einschränkungen haben in diesem Fall glücklicherweise nichts mit Gewalt und Zerstörung zu tun wie in einem Krieg (dieser Unterschied sollte nicht verwischt werden, auch wenn sich manche Politiker mit der Verwendung dieser Metapher für eine Seuchenbekämpfung als martialische Retter darstellen wollen). Wir können diese Einschränkungen in innere Einschränkungen übersetzen und dann an unserer Unbeweglichkeit leiden, oder wir können unsere innere Freiheit umso mehr weiten, als wir durch die äußeren Regelungen beengt sind.

Zum Weiterlesen:
Die Corona-Krise als Chance?
Mit Unvorhersehbarkeiten leben
Eine Krise des Neoliberalismus

Montag, 16. März 2020

Die Corona-Krise als Chance?

Was bleibt einem Blogschreiber in diesen Zeiten anderes übrig als über „covid-19“ zu schreiben? Bei jedem anderen Thema würde sich der Leser oder die Leserin denken: Was hat dieser Blogschreiber für Sorgen? Scheinbar redet die ganze Welt (jedenfalls in unserem eigenen bescheidenen Umkreis) von nichts anderem als von einem Virus, der nur 120 bis 160 nm groß ist und im Elektronenmikroskop recht hübsch ausschaut. Diese Partikelchen, die nicht einmal zu den Lebewesen gezählt werden, haben binnen kurzer Zeit unser Leben umgekrempelt, massive Ängste ausgelöst und die Wirtschaft in Turbulenzen gebracht. 

Eine ganze Menge an Selbstverständlichkeiten und scheinbar dringenden Notwendigkeiten verschwindet hinter der Übermacht der Bedrohung: Plötzlich ist das Nulldefizit kein Idol mehr, das Wirtschaftswachstum kann ruhig sinken, die Steuern werden gestundet, der Konsum wird zurückgefahren und das einfache und bescheidene Leben wird zum vorbildlichen Maßstab. Menschen, die keine Arbeit mehr haben, werden wie mit einem Grundeinkommen vom Staat erhalten.  

Ideale, die vordem als sozialromantisch, fortschrittsfeindlich oder illusionär lächerlich gemacht wurden, sind auf einmal selbstverständlich und problemlos für eine breite Masse. Jeder fügt sich ein in den Verzicht, auf Reisen, Shoppen, Ausgehen, Kultur. Die sozialen Unterschiede sind da nicht mehr so wichtig: Ob ich in einer millionenschweren Villa oder einer Zweizimmerwohnung zuhause vorm Fernseher sitze, macht keinen Riesenunterschied mehr. Das Virus schert sich nicht um das Konto seines Wirtes, wenn es tut, wozu es aktiv ist. Das Virus “hobelt alle gleich” (Nestroy). 

Es ist erstaunlich, wie die als unmittelbar wahrgenommene Lebensbedrohung, die von dem – im Vergleich zu anderen Infektionen relativ schwachen – Virus ausgeht, die Menschen zur Akzeptanz von weitgehenden Lebensveränderungen motiviert. Deutlich wird die Macht der Medien mit ihren eindrucksvollen Bildern auf das Denken und Empfinden der Menschen. Sie übermitteln wichtige Informationen, damit wir mit der Situation richtig umgehen können. Sie vermitteln aber auch ein allgemeines Bild der Lage, das Ängste mobilisieren kann, die in keinem Verhältnis zur eigenen Lebensumgebung und deren Bedrohung stehen. Sie stoßen auf eine innere Angstbereitschaft, die mit unserer chronischen Stressbelastung zu tun hat. Sobald Bilder in den Medien auftauchen, verbunden mit erschreckenden Zahlen und ernsten, mahnenden Gesichtern, melden sich auf einer tieferen Ebene die Alarmglocken, die lange zuvor eingerichtet wurden und nun mit Ängsten reagieren, Ängste, die deshalb den aktuellen Bedrohungen gegenüber unverhältnismäßig sind und ein vernünftiges Handeln erschweren.  

Aus diesen Gefühlen speisen sich Verhaltensweisen, die zu Panikhandlungen auswachsen können, so z.B. das Hamsterverhalten, mit dem Kunden die Klopapierregale leerplündern und sich um die letzten Packungen streiten. Der Mitmensch auf der Straße wird zur möglichen Bedrohung, wir gehen misstrauisch auf Abstand und fragen uns, ob er seine Hände desinfiziert hat oder gar ein Coronaerkrankter ist. Hoffentlich fängt er nicht zu husten an und wir können uns nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen. 

Die Unsicherheit ist so überwältigend, weil das, was uns Angst macht, so winzig klein ist, dass es unserer Kontrolle und Abwehr zu entgehen scheint. Wir können uns vornehmen, die Gefahr mit aller Macht zu bekämpfen, doch ist der Feind so unsichtbar, dass all unser martialisches Gehabe ins Leere geht. Außerdem wissen wir so wenig, wie sich die Gefahr verhält, wie wir sie in den Griff kriegen und unserer Macht unterwerfen. Wir befinden uns an einer Grenze zu einem Unbekannten und haben die Angst, dass es uns an den Kragen geht und wir gar nicht wissen, was es ist, das uns da umbringt. 

Diese Grenzerfahrung zu vermeiden, ist vermutlich der Hauptimpuls, warum wir so bereitwillig all die Einschränkungen auf uns nehmen, die uns anbefohlen werden. Es gibt keinen zivilen Widerstand angesichts der Freiheitsverluste, sondern bereitwillig nickende Zustimmung überall. 

Währenddessen entsteht eine Gesellschaft, die weniger Ressourcen verbraucht und offensichtlich damit auch ganz gut leben kann. Sind wir schon dabei, die Spannungen eines ungleichen Sozialsystems und das Rätsel der Klimakrise zu lösen, indem wir merken, dass ein Zusammenleben miteinander und mit der Natur mit Augenmaß möglich und lebbar ist? Was könnte daraus folgen, dass wir viel weniger unter dem Konsumverzicht leiden als wir dachten, solange uns die Selbsteinschränkung mit moralischer Geste vor Augen gehalten wurde? 

Obwohl sich zeigt, dass wir könnten, was wir sollten, ist es noch zu früh für eine Einschätzung der Krisenfolgen. Denn es ist ein Verzicht, der aus Angst und nicht aus Einsicht und Vernunft stammt. Es ist eine elementare Überlebensangst, die uns ins einfache Leben zurückbringt und damit auskommen lässt, wenig unterschieden von dem kargen Leben, das die Menschen während und nach dem 2. Weltkrieg auf sich nehmen mussten. Es ist ein Virus, das uns zur Neuausrichtung unseres Verhaltens zwingt, nicht eine innere Willensausrichtung aus Freiheit und Verantwortung. 

Warum schaffen wir es als Gesellschaft nicht, ohne Angstmotivation dorthin zu kommen, wo es uns vielleicht ohnehin insgesamt besser ginge, nämlich in einer entschleunigten, sozial ausgeglichenen und bescheidenen Gesellschaft? Warum braucht es Viren, die unsere Gesundheit bedrohen, um auf Ambitionen und Güter zu verzichten, die ohnehin nur unsere Gier und Arroganz füttern? 

Wir werden sehen, ob wir aus dieser Krise eine Lektion lernen und unser Leben grundlegend und dauerhaft verändern, oder ob wir sofort zur Tagesordnung der Ressourcenvergeudung und Entsolidarisierung zurückkehren, sobald der Spuk vorbei ist. Die Chance zur Umkehr und Neuausrichtung haben wir allemal.

Zum Weiterlesen:
Raus aus der Gehirnwäsche  
Eine Krise des Neoliberalismus