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Donnerstag, 18. September 2025

Die heimliche Freude bei politischer Gewalt

Es gibt Videos, auf denen man sieht, wie Araber feiern, wenn Juden getötet werden, und wie Juden feiern, wenn Araber getötet werden. (Die Videos können für Propagandazwecke gefälscht sein, aber solche Vorkommnisse gibt es immer wieder). Es gibt angeblich Menschen, die die Ermordung von Melissa Hartman, und andere, die das Attentat auf Charlie Kirk gefeiert haben. Selbst Barack Obama ließ es sich nicht nehmen, live die Festnahme und Ermordung von Osama bin Laden zu verfolgen und sich daran zu ergötzen. 

Was bringt Menschen dazu, Freude zu empfinden, wenn andere umkommen?

Die tribalen Wurzeln 

Die Menschen haben die längste Zeit ihrer Geschichte in Stämmen verbracht, überschaubaren Gruppen, die durch ein Wir-Gefühl zusammengehalten wurden, in Abgrenzung zu den anderen Gruppen, die oft als Feinde erlebt wurden, vor allem, wenn die Ressourcen knapp waren. Die Bedrohung von außen wird geringer, wenn ein Mitglied der Die-Gruppe umkommt, vor allem, wenn es ein mächtiges Mitglied dieser Gruppe war. Die Freude über den Tod stammt aus der Erleichterung, aus der Entlastung von der Bedrohung. Ähnliches kann im Inneren passieren, wenn sich Leute zuprosten können, weil sie gerade sehen, wie die Bomben im Feindesland niedergehen.

Wir leben längst in riesigen Großgruppen, in vielgestaltigen Gesellschaften, aber noch immer wirken diese archaischen Dynamiken aus dem Unterbewusstsein mit. Um die Komplexität der Gesellschaft übersichtlicher zu gestalten, basteln wir uns eine Vereinfachung nach dem Wir-Die-Schema, die Guten und die Bösen. Alles, was die Bösen schwächt, macht uns sicherer und erleichtert uns – scheinbar ein Grund zum Feiern.

Das Absprechen der Menschlichkeit

Zur Gewaltausübung ist ein weiterer Schritt notwendig. Er besteht darin, dass Gegnern und Feinden das Menschsein abgesprochen wird. In manchen Stammesgesellschaften war die Bezeichnung „Mensch“ auf die Angehörigen des Stammes beschränkt (z.B. die Allemannen – all die sind Menschen, die zu uns gehören). Die Scham hindert daran, den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft Leid zuzufügen. Wer aber im Sinn der Eigendefinition kein Mensch ist, dem kann schamlos Gewalt angetan werden.

Die Propaganda im Nationalsozialismus hat zunächst den Juden das Menschsein abgesprochen, indem sie als Ungeziefer oder Schädlinge bezeichnet wurden. Mit dieser rhetorischen Entmenschlichung werden die Hemmschwellen gesenkt, solche Menschen umzubringen und darüber Genugtuung zu empfinden, weil ja scheinbar durch die Morde Schaden abgewendet werden konnte. 

Die Personifizierung des Bösen

Viele Ideologien nutzen diese Mechanismen, um Gewalt zu rechtfertigen. Das komplexe Böse (z.B. der Kapitalismus oder die Migration) wird personifiziert; dadurch kann es bekämpft werden. Bestimmte Menschen werden als symbolische Repräsentation eines „bösen Systems“, einer korrupten Elite oder eines verschworenen Zirkels angesehen. Wenn sie einem Attentat zum Opfer fallen, entsteht der Eindruck, dass die anonyme Macht des Bösen angreifbar ist und geschwächt wurde. Im aktuellen Fall ist ein Repräsentant der Trump-Bewegung MAGA erschossen worden, und das kann bei vielen, die die Machtzusammenballung und die Schamlosigkeit dieser Bewegung und der von ihr gestellten Regierung, eine Genugtuung ausgelöst haben, eine Art von Schadenfreude, die ihre Wurzel in der Schwächung der Gefahr und Bedrohung besteht. Die erlittene Frustration findet einen innerpsychischen Ausgleich im Sinn einer Rache oder einer wiederhergestellten Gerechtigkeit. Diese Gefühlsabläufe spiegeln sich darin wieder, dass in vielen Kommentaren darauf hingewiesen wurde, dass das Opfer des Attentats in seinen Reden immer wieder betont hat, wie wichtig ihm der Privatbesitz von Waffen ist und dass für dieses Recht eine große Zahl von Todesopfern in Kauf genommen werden muss. Zu erkennen, wie jemand zum Opfer der eigenen gewaltgetränkten Rhetorik wird, hat offensichtlich bei manchen eine „klammheimliche Freude“ ausgelöst. 

Die "klammheimliche Freude"

Dieser Ausdruck wurde übrigens im Zusammenhang mit den Terroraktionen der Roten Armee-Fraktion gebraucht. In einem zunächst anonymen Text „Buback – ein Nachruf“ schrieb der Autor:

„Meine unmittelbare Reaktion, meine ‚Betroffenheit‘ nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören. Ich weiß, daß er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte.“ (1977)

Diese Stelle entfesselte eine hitzige Debatte in Deutschland; der Satz, der weiter unten im Text steht, wurde dagegen kaum diskutiert: 

„Wir alle müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen.“

Das erste Zitat beschreibt recht treffend die Gefühlsabläufe bei dieser Form der Freude: Eine Person stellte eine Gefahr dar und hat dadurch Ängste und Frustrationen erzeugt. Deshalb fühlt es sich gut an, wenn sie tot ist. Im zweiten Zitat geht es um den Ausstieg aus dieser Dynamik, der durch die Hilfe der Vernunft zustande kommt: Wir müssen aus dem Hass aussteigen und aus der Personifizierung von unvollkommenen Zuständen. Die Zustände werden keinen Deut besser, wenn eine Person getötet wird. 

Von der Scham zum Mitgefühl, vom Mitgefühl zur Vernunft

Das Mitgefühl, das bei dieser Gefühlsdynamik auf der Strecke bleibt, meldet sich erst, wenn die Überwindung der Schamschranke, die vor jeder Gewaltanwendung und auch vor jeder Verherrlichung von Gewalt warnt, zurückgenommen wird. Die Scham über das Gutheißen von Gewalt oder über die Freude über Morde öffnet die Tür zum Mitgefühl mit den Opfern. Ein wertvolles Mitglied der Menschheitsfamilie ist zu Tode gekommen, das muss betrauert werden. Es gibt Angehörige, die ein schweres Schicksal erlitten haben.

Über das Zulassen der Scham und des Mitgefühls wird das Bewusstsein frei für den Gebrauch der Vernunft. Sie führt heraus aus den tribalen Bindungen, aus den Tendenzen zur Entmenschlichung und Personifizierung des Bösen. Sie macht uns deutlich, dass wir unsere Probleme als Menschheit nur gemeinsam und ohne Gewalt lösen können.

Zum Weiterlesen:
Intensitätssuche und Gewalt
Auf dem Weg zur Hassgesellschaft?
Obama und die Fratze der materialistischen Demokratie


Freitag, 13. Juni 2025

Die Unverschämten und ihr Kampf gegen die Aufklärung

Die Unverschämten, die auf dem Machttrip sind, spüren, dass reflektierte, selbstbewusste und ethisch reife Menschen an dem Ast sägen, auf dem sie sich sesshaft und breit gemacht haben. Um ihr „Stimmvieh“ zu erhalten, das sie an die Macht bringt und dort hält, muss alles verhindert werden, was die Menschen von ihrer Scham befreit, denn nur Schambefangene sind in der Lage, den Unverschämten bedingungslos zu folgen. Also versuchen die unverschämten Machtpolitiker, das Bildungssystem zu ideologisieren, den obrigkeitlichen Gehorsam zu verstärken und jede Form von kritischer Reflexion zu diskreditieren oder zu unterbinden. Sie bekämpfen zu diesem Zweck auch die moderne Kunst und Kultur, die die Menschen aus ihren gewohnten Erfahrungsschienen herausholen und zum Nachdenken und Verändern von Sichtweisen motivieren will. Alles, was die Menschen innerlich freier macht und ihren Horizont erweitert, ist den Unverschämten ein Dorn im Auge. Denn sie wissen, dass ihre Macht darauf beruht, dass es genug Menschen gibt, die auf einem Bewusstseinsniveau verbleiben, das unterhalb oder vor der Aufklärung liegt. Ein zentrales Anliegen der Aufklärung war es ja, jede weltliche und geistliche Autorität auf den Prüfstand der kritischen Vernunft zu stellen und mit diesem Blick viele Emanzipationsbewegungen möglich zu machen. Wer die Prinzipien der Aufklärung verstanden und in die eigene Werthaltung übernommen hat, kann keinem populistischen Demagogen auf den Leim gehen.

Wer die Grundgedanken der Aufklärung nicht verstanden hat oder von zu vielen Ängsten davon abgehalten wird, entspricht hingegen dem Beuteschema der Rechtsdemagogen. Sie versuchen, Leute zu ködern, deren Werthorizont primär in der Stammesvergangenheit der Menschheit wurzelt, wo die Grundregel gilt, den nahen Menschen zu vertrauen und die entfernten oder fremden Menschen als Gefahr oder Bedrohung anzusehen. Solche archaischen Motive führen allerdings in moderneren komplexen Gesellschaften nur mehr zu Gruppenegoismen, die in Demokratien eingedämmt werden müssen, weil sie die Mächtigen und die Reichen auf Kosten der großen Mehrheit begünstigen. 

Die Vorläufer der Aufklärung waren Weisheitslehrer und Religionsstifter wie Buddha, Lao Tzu, Jesus und Muhammad. Sie haben den Menschen Mut gemacht, sich aus den Begrenztheiten der tribalen Regeln zu befreien und die Liebe und das Mitgefühl auf eine universelle Ebene zu erweitern. Nicht nur die Nächsten sollen geliebt werden, sondern auch die Fernsten. Das menschliche Mitgefühl hat keine Schranke an der eigenen Haustür, sondern gilt allem, was leidet. Diese Lehrer haben die Wirkung der Scham, die im kleinen Kreis darauf aufmerksam macht, dass wir uns lieblos verhalten haben, auf die gesamte Menschheit und noch darüber hinaus ausgeweitet. 

Die Aufklärung hat diese Impulse aufgegriffen und auf eine rationale Ebene gebracht, entkleidet der religiösen Dimension. Damit werden diese ethischen Prinzipien auf die ganze Menschheit hin verallgemeinerbar. Der kategorische Imperativ, den Immanuel Kant ausgearbeitet hat, trug dazu bei, diesen Ansatz zu verbreiten und damit den Gedanken des Weltbürgertums zu verbreiten.

Soziale Scham

Wir schämen uns, wenn wir Bettler sehen oder erfahren, dass Menschen in grausamer Weise deportiert werden. Wir schämen uns, wenn irgendwo auf der Welt ein schrecklicher Krieg tobt und wir es nicht schaffen, Frieden zu stiften. Die Unverschämten haben solche Schamregungen unterdrückt, während die Verschämten an ihrer Scham leiden. Um dieses Leiden zu lindern, schauen sie zu den Unverschämten auf, die ihnen erzählen, dass Bettler organisierte Kriminelle und Immigranten Parasiten sind, gegen die vorgegangen werden muss, um das eigene Volk zu schützen. Über Kriege werden immer wieder verbogene Begründungen hervorgebracht, wie z.B. die nicht vorhandene Nazi-Herrschaft in der Ukraine oder über nicht vorhandene Chemiefabriken im Irak.

Die Unverschämten werden also von den Verschämten als Leitfiguren gesucht, damit sie sich von der Scham und der damit verbundenen Schuld entlasten können. Die Schamlosen geben ihren Anhängern durch ihre demonstrative Unmenschlichkeit die Erlaubnis, die eigene Menschlichkeit über Bord zu werfen und mit zynischer Miene soziale Grausamkeiten und Grauslichkeiten gut zu heißen. Sie erteilen den Verschämten die Absolution aus ihrem scham- und schuldbeladenen sündhaften Dasein, indem sie archaische Formen der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit unter dem Begriff des „Volkes“ reaktivieren.

Tribale Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit

Die Funktionsweise der Demokratie kann nur mit einem aufgeklärten Bewusstsein verstanden werden. Diese Regierungsform, die auch eine Gesellschaftsform darstellt, erfordert das Übersteigen und Überwinden von tribalen Prägungen, die Oxytocin-gesteuert sind, die also die Bindungen zu den face-to-face-Gruppenmitgliedern intensivieren und vertiefen und zugleich das Misstrauen und die Feindschaft gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, verstärkt. Die archaischen hormonellen Einflüsse bewirken, dass Nahestehende bevorzugt und Fernstehende als Bedrohung erlebt werden. Sie fördern das Ausschließen, die Exklusion von allem, was als fremd erlebt wird. Sie sind also antidemokratisch – deshalb waren auch in der ersten bekannten Demokratie im Athen des Altertums Frauen, Unfreie und Zugezogene vom Mitbestimmungsprozess ausgeschlossen.

Die Vernunft als Wegbereiterin des moralischen Fortschritts

Diese Prägungen können nur mit Hilfe der Rationalität, also der Vernunft überwunden werden. Es heißt zwar, die eigene Haut ist einem immer am nächsten, aber eine komplexe Gesellschaft kann nur im Gleichgewicht bleiben, wenn genügend Menschen in der Lage sind, neben den eigenen Vorteilen auch die vieler anderer mitzubedenken. Dazu ist Vernunft von Nöten. Diese menschliche Ressource entwickelt sich durch Bildungsprozesse und verwirklicht sich im Medium des Reflektierens der Lebensumstände mit der Fähigkeit, verschiedene Blickpunkte einnehmen zu können. Sie wurde über 2000 Jahre nach der attischen Demokratie durch die Aufklärung ins Zentrum gestellt und als Maxime für Politik und Ethik eingefordert. 

Wenn z.B. eine Gesellschaft die Altersversorgung ausverhandelt, kann das nur gelingen, indem die älteren Leute, die nicht mehr im Arbeitsprozess sind, Verständnis für die Einzahler ins Pensionssystem haben, und die anderen das System des Ausgleichs unterstützen, das ihnen selbst einmal Vorteile bringen wird, obwohl sie aktuell auf einen Teil ihres Einkommens verzichten müssen. Der Sozialstaat beruht also auf der Vernunft. Die Jüngeren zahlen für die Älteren, die Gesunden für die Kranken, die Unbehinderten für die Behinderten, die Besserbemittelten für die Wenigerbemittelten.

Die Scham als Sensorium für mehr Menschlichkeit

Es ist die Scham, die im Hintergrund die Fäden zieht, wenn es um soziale Anliegen geht, indem sie die Mitmenschlichkeit einfordert. Die Scham lässt nicht zu, dass Menschen ausgegrenzt oder schlechter behandelt werden. Sie sorgt für den gesellschaftlichen Ausgleich in Kleingruppen und in demokratischen Regierungssystemen. Mit Unterstützung der Vernunft wird das Schamempfinden von den nahen Bezugsgruppen auf das gesellschaftliche Ganze ausgeweitet: Jedes Mitglied der Gesellschaft verdient die gleichen Rechte und Rücksichtnahmen. Das Leid jedes einzelnen Mitglieds betrifft alle anderen. Aus diesem Blickpunkt der Vernunft sind die Grundsätze von Demokratie und Sozialstaat abgeleitet, die das Ziel verfolgen, möglichst vielen Menschen zu existenzieller Sicherheit und allen zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Unverschämtheit, die als Egoismus in jedem Gesellschaftsmitglied wirksam ist, effektive Grenzen gesetzt werden. Das Schambewusstsein liefert die emotionale Motivation des Einsatzes für eine menschenwürdige Gesellschaft, in der alle in Gleichheit und Freiheit ihren Platz haben.

Die versuchte Verbannung der Aufklärung ins linke Eck

Ein Propagandatrick der Rechten besteht darin, die Aufklärung als linkes Projekt zu definieren und nicht als einen Fortschritt im Bewusstsein, der allen zugutekommt und der eine konsistente Fortsetzung der Botschaft des Christentums und anderer Religionen darstellt. Mit dieser Zuordnung wird suggeriert, dass es die Alternative gibt, die Aufklärung zu unterstützen und sich damit links zu positionieren und dass man gegen die Aufklärung sein kann, weil man nicht links sein will. Die Aufklärung ist in dieser selbst ideologisch formulierten Zuordnung eine beliebige, von politischen Interessen gesteuerte Angelegenheit, also eine ideologische Festlegung, die von anderen Ideologien bekämpft werden kann oder muss.  Der Fortschritt in der Ethik im Sinn einer Universalisierung wird auf diese Weise eingeebnet und zur politischen Meinung degradiert; mehr Menschlichkeit wird als willkürliche Moralisierung abgetan. Damit wird dem Weiterbestehen von Unmenschlichkeiten die Legitimation verliehen.

Es geht dann nicht mehr um einen Zugewinn an Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, der notwendig wäre für die Stabilisierung des gesellschaftlichen und globalen Friedens. Es geht nicht mehr um die Entwicklung einer Ethik, die komplexen modernen Gesellschaftsstrukturen entspricht. Vielmehr wird das Bekenntnis zur Aufklärung in eine Wahl zwischen politischen Alternativen umgemünzt, die mit ihren jeweiligen Ideologien um Anhänger werben. Es wird so getan, als ginge es um willkürliche, interessensgeleitete Veränderungen im Gegensatz zur Bewahrung des Bestehenden, das um jeden Preis verteidigt werden muss wie die Naturheilkunde gegen mRNA-Impfungen. In Wirklichkeit gibt es im Bereich der Ethik ein Besser und ein Schlechter in Hinblick auf die Fähigkeit eines ethischen Systems, kompliziertere Zusammenhänge so regeln zu können, dass möglichst viele Personen zufriedengestellt und soziale Spannungen reduziert werden. 

Das Vorgehen der Rechtspopulisten hingegen setzt auf vormoderne oder sogar tribale Modelle der Konfliktregelung, die unter den heutigen Umständen wie die sprichwörtliche Anwendung des Holzhammers wirken. Es gibt immer wieder Beispiele, wo bei sozialen Spannungen schnelle Lösungen durch den Einsatz von Gewalt gewählt werden statt mit den Betroffenen zu reden. Solche plumpe Maßnahmen verschärfen und vertiefen dann nur die Spannungen und bereiten den Boden für noch mehr gesellschaftlichen Unfrieden. Statt zu kalmieren, wird Öl ins Feuer gegossen und auf heftigere Proteste mit noch mehr Gewalt geantwortet – eine eskalierende zerstörerische Entwicklung, die immer mehr Opfer fordert und steigenden Hass hervorruft.

Hinter derartigen Manövern steckt die Ideologisierung des Fortschritts in der Ethik durch den Versuch, dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte ein Mäntelchen der Unmoral umzuhängen. Damit wird der ethische Fortschritt in der Gesellschaft behindert und Unheil gesät. Denn wir haben nur die Wahl, die Ethik entsprechend den ökonomischen und sozialen Veränderungen weiterzuentwickeln oder zuzulassen, dass die Lösungsmöglichkeiten für die entstehenden Konflikte unzureichend bleiben.

Zum Weiterlesen:
Die Verschämten, die Unverschämten und die Demokratie
Die Verschämten und die Unverschämten


Montag, 26. September 2022

Der Mythos vom verlorenen Glück

Es gibt den Mythos, dass die tribalen Gesellschaften, also die präzivilisatorischen Naturvölker ein „besseres“ Leben hatten als wir heute. Die Menschen hatten mehr Freizeit, entspannte Beziehungen und eine liebevolles Verhältnis zu den Kindern. Sie waren frei von den Belastungen und Problemen, die das moderne Leben kennzeichnen: Kein Stress, keine Gier, kein Geiz, also ein unbeschwertes Leben mitten in der Natur. 

Im Zug der Entdeckungs- und Eroberungsexpeditionen im 15. und 16. Jahrhundert kamen die Europäer in Kontakt mit Stammesgesellschaften. Zunächst galt das Hauptaugenmerk der Missionierung – die gottlosen Heiden sollten zum Christentum bekehrt werden. Bald wurde auch der „edle Wilde“ als Gemeinplatz der Zivilisationskritik salonfähig: Die verkommenen und dekadenten Sitten der in Luxus und Verschwendung lebenden adeligen Oberschichten wurden z.B. bei Jean-Jacques Rousseau einer unverdorbenen Naturverbundenheit und Ursprünglichkeit von „Eingeborenen“ entgegengestellt. Das glorreiche Duo von weißem Supermann und edlem wilden Indianerhäuptling prägt auch die Karl-May-Romantik, die Hauptlektüre vieler Generationen in den deutschsprechenden Ländern. 

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sorgte Jean Liedloff mit ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ (1980) (Original: The Continuum Concept, 1975) für eine neue Welle dieser Romantik. Liedloff hatte mehrere Jahre bei den Yequana in Venezuela verbracht und dort erkannt, dass der permanente Körperkontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Jahren entscheidend ist für das emotional und physisch gesunde Aufwachsen der Kinder. Außerdem plädierte sie für einen Stillrhythmus, der vom Kind und nicht von vorgegebenen Zeitplänen diktiert wird. Die aufwachsenden Kinder haben viele Vorbilder unter den Erwachsenen, mit denen sie zusammenleben, und lernen auf diese Weise, was sie fürs Leben brauchen. 

Liedloff unterschied zwischen evolvierenden Gesellschaften, die sich an die angeborenen Bedürfnisse der Menschen anpassen, und zivilisierten Gesellschaften, die von den Kindern ohne Rücksicht auf überlieferte Kenntnisse laufend neue Anpassungsleistungen einfordern. Wieder steht eine ideale Lebensform bei indigenen Völkern verkommenen Gesellschaftsformen gegenüber, die das Glück verloren haben. Verschiedene Autoren haben Liedloff vorgeworfen, die von ihr beschriebene Stammeskultur zu idealisieren und in ein simples Schwarz-Weiß-Schema einzubauen. Dabei habe sie auch Gewaltelemente in der Yequana-Kultur übersehen.

Gewalt bei Naturvölkern

In nicht allzu ferner Vergangenheit war die Familie in den meisten Fällen ein Ort von selbstverständlicher Gewalt. Die Einsicht, dass Gewalt gegen Kinder unmoralisch und auch für deren Entwicklung schädlich ist, ist relativ jung und stellt eine große Errungenschaft in der Bewusstseinsentwicklung dar. Gewalt gegen Kinder wurde in faktisch allen Kulturen sowohl theoretisch als auch in der Realität gerechtfertigt und als notwendig erachtet. 

Die entsprechenden Praktiken waren auch bei indigenen Völkern weit verbreitet, was dem Mythos von den glücklichen Stammeskulturen widerspricht. Zum Beispiel starben bei den Yanomano-Stämmen (die in Nachbarschaft zu den Yequanas leben) 43 % der Mädchen im ersten Lebensjahr, davon ca. die Hälfte durch Kindstötung. Ähnliche Praktiken berichtete Margaret Mead aus Neu-Guinea: Die Leute würden ständig ihre Babys wegschmeißen. Neugeborene wurden an den Fluss gebracht und ihre Lippen mit Wasser befeuchtet. Ein Kind, das das Wasser nicht annehmen wollte, wurde weggeworfen. In vielen Stammeskulturen gibt es grausame Initiationsriten, in denen z.B. den Jugendlichen die Frontzähne gefeilt werden, Zähne herausgeschlagen werden oder die Genitalien verstümmelt werden. Der französische Ethnologe Pierre Clastres schreibt: „In den primitiven Gesellschaften ist die Folter das Wesentliche des Initiationsrituals.“ Sexueller Missbrauch von Kindern war in vielen Gesellschaften Teil der Kultur, z.B. im alten Griechenland, wo die Jungen für die sexuellen Bedürfnisse der älteren Männer zur Verfügung stehen mussten. 

Untersuchungen haben ergeben, dass bei den Maori in Neuseeland, bei den Aborigines in Australien sowie bei den Indigenen in Nordamerika (USA und Kanada) das Ausmaß an körperliche Gewalt der Eltern gegen die Kinder sowie zwischen den Eltern weit stärker ist als bei der Vergleichsbevölkerung. Es gibt viele Befunde, die darauf hinweisen, dass in früheren Gesellschaften, gleich ob mehr oder weniger entwickelt, das Ausmaß an häuslicher Gewalt, das die Kinder betroffen hat, weit höher war und erst durch den zivilisatorischen Fortschritt sowie durch die damit verbundenen wirtschaftlichen Veränderungen zurückgedrängt wurde. Nicht-staatliche Gesellschaften zeigen insgesamt ein höheres Niveau an gewaltvollen Todesursachen. Während etwa die Mordrate in Österreich bei 0,7 (pro 100 000) liegt, beträgt sie im Schnitt von 93 untersuchten traditionellen Gesellschaften 182,9. 

Der Rückschluss scheint berechtigt: Gewalt wird ausgeübt, weil Gewalt erlebt wurde. Täter sind ehemalige Opfer. Diese Dynamik dürfte bei indigenen Gruppen besonders stark wirksam sein, während in staatlich organisierten Gesellschaften die Gewaltausübung in vielen Bereichen unter Strafe gestellt wurde – lange Zeit allerdings nicht die häusliche Gewalt und damit die Gewalt gegen Kinder.

Die Verklärung indigener Kulturen und die pränatale Regression

Warum neigen wir dazu, einfachere Lebensformen zu idealisieren und sie wieder herbeizuwünschen? Wir wissen, dass diese Lebensformen gravierende Schattenseiten haben. Aus der Sicht der pränatalen Psychologie steckt hinter der „Suche nach dem verlorenen Glück“ die Sehnsucht, aus den Widrigkeiten des erwachsenen Lebens in die Geborgenheit des Mutterleibs flüchten zu können. Eine „unverdorbene“ oder „unschuldige“ Welt, in der das Glück selbstverständlich ist. Es gibt sie in der Rückprojektion, in der Ausflucht aus der Gegenwart in eine als heil konstruierte Vergangenheit. Es handelt sich dabei um einen dissoziativen Vorgang, also um eine Abspaltung von der aktuellen Erfahrungswelt.

Dieser psychische Mechanismus wird genutzt, wenn wir indigene Völker und ihre Lebensweisen verklären. Der schlechten modernen und westlichen Lebensweise wird ein scheinbar intaktes und glücksverheißendes Stammesleben gegenübergestellt. Wir kennen diesen Kontrast aus unserer eigenen Entwicklung; wir neigen allerdings auch hier besonders dann zur Verklärung der Vergangenheit, wenn sie besonders belastet war. Viele Menschen beschreiben ihre Kindheit als „glücklich“, und können sich an nichts mehr erinnern. Das ist ein Anzeichen dafür, dass es sich um eine Wunschfantasie handelt, mit der sich die Psyche vor Erinnerungen an dunkle und schwere Zeiten in der Kindheit schützen will.

Fortschritte in der Menschlichkeit

Die Impulse von Liedloff haben neben den Konzepten der sanften Geburt nach Leboyer und Odent und den Forschungen zur Bindungstheorie viele Einstellungen in Bezug auf Geburt und frühe Kindheit in der westlichen Kultur verändert. Eltern achten mehr darauf, ihren Babys ausreichenden Körperkontakt zu geben und auf ihre Rhythmen bei Ernährung und Schlaf zu achten. Die Konzepte der strengen oder schwarzen Pädagogik, die auch im Nationalsozialismus propagiert wurden, haben an Einfluss verloren, während gewaltbefreite und bedürfnisorientierte Umgangsformen mit den Kindern mehr und mehr zum Standard werden. 

Hier sind wichtige Erkenntnisse aus der Psychologie und eben auch aus der Ethnologie und Kulturanthropologie zusammengeflossen und haben neue Einstellungen hervorgebracht. Manchmal berichten Klienten in der Therapie, dass sie als Kinder geschlagen wurden und dass solche Praktiken gerechtfertigt gewesen wären. Aber ihre eigenen Kinder würden sie nie so behandeln.

Kindern wird heutzutage in unseren Breiten von Anfang an mehr Achtung und Respekt entgegengebracht und sie werden mehr in ihrer Eigenentwicklung gefördert, statt sie vordringlich an Erwartungen und Normen anzupassen. Diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass Kinder in der modernen Zivilisation mehr als eigene Individuen gesehen werden. Nachdem es keine vorgegebenen Lebensentwürfe mehr gibt, die z.B. festlegen, dass der erstgeborene Sohn den Hof oder den Handwerksbetrieb übernimmt und entsprechend sozialisiert werden muss, können und müssen die Kinder freier aufwachsen, indem sie ihre Fähigkeiten und Talente entwickeln, mit denen sie dann die Herausforderungen des Erwachsenenlebens meistern können. Kinder sind damit in schwächerem Ausmaß belastet von Rollenerwartungen und haben mehr Spielräume für die Eigenentfaltung und Kreativität, die sie in einer Gesellschaft brauchen, die sich schnell verändert.

Bei diesen Tendenzen handelt es sich um ein Zusammenspiel von individuell gewonnenen Einsichten und gesellschaftlichen Trends, die wiederum von ökonomischen Veränderungen beeinflusst sind. Damit ist es zu einem weitreichenden Bruch mit alten Erziehungsgewohnheiten gekommen, die von Generation zu Generation weiter gegeben wurden und die wir heute in ihrer Dysfunktionalität und Zerstörungskraft verstanden haben.

Die Geschichte der Kindheit enthält viel Grausamkeit und Unmenschlichkeit. Die Beschäftigung mit ihr lehrt uns aber auch, dass wir in einer neuen Epoche leben, in der die Integrität der Kinder mehr geschützt und geachtet wird als je zuvor. Es ist die Epoche des Respekts und der Wertschätzung unserer schwächsten und verletzbarsten Mitmenschen. Diese Epoche ist noch lange nicht auf der ganzen Welt angekommen: Denn weltweit wird die Mehrheit der Kinder regelmäßig von ihren Eltern geschlagen. Doch mehr und mehr Eltern erkennen, was sie ihren Kindern und sich selber antun, wenn sie das Kostbarste, das sie haben, misshandeln. Diese Entwicklung können wir unterstützen, und wir leisten damit einen wichtigen Beitrag, dass unsere Welt menschlicher wird.

Es gibt keine ideale Zeit in der Menschheitsgeschichte und es gibt keine ideale Kindheit. Aber es gibt eine deutlich sichtbare und auch empirisch nachweisbare Entwicklung, die es ermöglicht, dass die Kindheit für mehr und mehr Kinder eine Zeit des spielerischen Lernens und Erkundens der Welt ist, in der sie die Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt bekommen, dass sie zu mitfühlenden und emotional stabilen Menschen werden können.

Literatur:
Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch! Mattes Verlag 2019
Steven Pinker: Gewalt. Fischer Verlag 2011


Freitag, 16. März 2018

Unsicherheiten in sicheren Bindungen

Die Bindungstheorie gehört seit dreißig Jahren zum Grundbestandteil der Beziehungspsychologie und bildet ein wichtiges Hintergrundkonzept für die Psychotherapie. In diesem Modell werden drei unsichere Bindungstypen von einem sicheren unterschieden, dem nach verschiedenen Forschungen ca. die Hälfte der Mutter-Kind-Bindungen zugeordnet werden. In diesem Artikel geht es darum, das Bild eines einheitlichen Typs von sicherer Bindung zu differenzieren.

Eine sichere Bindung ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse nach Nähe und nach Distanz in einem fließenden Gleichgewicht halten zu können. Weder das Alleinesein noch das Zusammensein lösen Ängste oder Bedürfnisspannungen aus. Trennungen werden nicht als existenziell bedrohliches Verlassenwerden erlebt, und das Zusammensein steht nicht im Zwang, eine unlösbare Verschmelzung herzustellen.

Elemente von Unsicherheit


Allerdings gibt es auch sichere Bindungen, die Elemente von Unsicherheit beinhalten. Vermutlich ist es bei allen sicheren Bindungen so, dass solche Elemente bei einem oder bei beiden Partnern vorhanden sind, denn es wird auch kaum Eltern geben, die ihren Kindern eine vollständig sichere Bindung auf allen Ebenen anbieten können. 

Eine interessante Variante zeigt sich in folgendem Rahmen: Die Sicherheit der Bindung wird von den Eltern als mentales und emotionales Konstrukt genutzt, um die eigene Bindungsunsicherheit verdrängen zu können. Demonstrativ wird die Sicherheit einer Bindung oder eines gesamten familialen Systems hochgehalten. Oft ist dies der Fall bei Beziehungen, die unter großen äußeren Unsicherheiten zustande kommen und deshalb einen Hort von Sicherheit bilden sollen, z.B. während oder nach kriegerischen Auseinandersetzungen oder wirtschaftlichen Krisen in einem Land. Die Menschen flüchten aus der Unerträglichkeit der Wirklichkeit und bauen sich geschützte Nester, in denen sich das Leben regenerieren kann. 

Der Preis dafür liegt allerdings in der Aufgabe von individueller Freiheit zugunsten der stabilen Sicherheit. Freiheit wird als Bedrohung dieser Stabilität erlebt; die Menschen wollen, dass die anderen berechenbar sind und verhalten sich deshalb auch selber berechenbar. Um dieses an sich labile Geflecht an verlässlichen Erwartungen aufrecht zu erhalten, bedarf es viel subtilen Drucks und verdeckter Manipulation. 

Die Mitglieder dieser Systeme werden nicht in ihrer gesamten Individualität anerkannt und vor Liebesverlust abgesichert, sondern nur insoweit sie sich an die vorgegebenen Erwartungen anpassen. Die Eltern fordern von den Kindern, ihnen die Sicherheit zu geben, die sie selber nicht hatten, selbstverständlich auf einer unbewussten Ebene, und die Kinder fügen sich in diese Rolle, weil sie keine Alternative haben und verzichten auf eigensinnige Strebungen.

Tribale Wurzeln


Diese Struktur des Verzichts auf die Individualität zugunsten des Gesamtsystems ist aus der tribalen Gesellschaftsorganisation bekannt. Die Stammesgemeinschaften in der frühen Geschichte der Menschheit konnten nur ein kleines Maß an Individualität zulassen, weil der Rahmen eng gestrickt war und tradiertes Wissen heilig gehalten werden musste. Im Lauf der Geschichte haben sich neue Entwicklungen ergeben, die diesen engen Rahmen gesprengt und dem Individuum mehr Raum zur Entfaltung zugestanden haben. Dennoch ist die Erinnerung an die Geborgenheit dieser frühen Phase nie verloren gegangen und kann deshalb leicht durch verschiedenartige Ideologien instrumentalisiert werden.

Ideologische Scheinsicherheiten


Für unsere Geschichte in Mitteleuropa interessant ist der Zusammenhang mit der Scheinsicherheit, die der Nationalsozialismus und andere faschistische Bewegungen vor 90 Jahren versprochen haben, die in einer berechenbaren völkischen Gemeinschaft bestehen sollte. Voraussetzung dafür war die ethnische „Reinheit“, die Unvermischtheit mit anderem „Blut“, wodurch sichergestellt sein sollte, dass es keine Abweichungen von einem unbewusst formulierten völkischen Konsens gäbe. Von daher ist auch die brutale Rabiatheit zu verstehen, mit der man alles „rassisch“ Fremde ausrotten zu müssen vermeinte. Bedroht war in Wirklichkeit nicht die „Reinheit der Rasse“, sondern die Sicherheit eines Netzes von Vorannahmen und Vorurteilen, das die innere Sicherheit garantieren sollte. Alles Fremde wurde erfolgreich mit Unberechenbarkeit und damit mit Bedrohlichkeit gleichgesetzt. Die Wirksamkeit dieser Ideologie ist ja bis heute ungebrochen und zieht viele Menschen in ihren Bann (vgl. den Betrag zum Rechtsextremismus auf dieser Seite).

Subtile Abhängigkeiten


Ebensowenig wie heute (außerhalb der Köpfe von nationalistischen Populisten) ein funktionierendes tribales Gemeinwesen errichtet werden kann, gibt es absolute Sicherheiten in den familialen Bindungen. Unter dem Deckmantel von Liebe und Gemeinschaft werden häufig subtile Abhängigkeiten aufgebaut, vom Unbewussten der Eltern aus unbefriedigten Bindungsbedürfnissen der Kindheit gespeist. Die Seele will sich von den eigenen Kindern zurückholen, was in ihr unerfüllt geblieben ist. Die sichere Bindung, die die Eltern anbieten, dient dem Zweck, die Liebe zu bekommen, die anfangs gefehlt hat. Die Kinder decken dieses Defizit ab und leiden selber an einem nur unterschwellig wahrnehmbaren Liebesmangel.

Die Ablösungskonflikte in der Pubertät können allerdings dann besonders heftig ausfallen. Für die Eltern stehen die Sicherheiten auf dem Spiel, die sie sich über die Kinder aufgebaut haben und erschweren das Loslassen, für die Kinder geht es um ihr eigenes Leben, ihre Seele will sich das Geburtsrecht auf Anerkennung des eigenen Selbst zurückholen.

Jede Seele will frei werden. Jugendliche, die aus zu engen Vorgaben ihrer Familie ausbrechen, erweisen sich und ihren Eltern den Dienst, die Konzepte von Liebe zu überprüfen und neu zu definieren. Solange Liebe mit Abhängigkeiten vermischt ist, gibt es innere Kräfte, die in Konflikten zum Ausdruck kommen. Gelingt es, diese Spannungen konstruktiv aufzulösen, können abhängige Bindungen in frei fließende Beziehungen umgewandelt werden. Dann zeigt sich als tiefere Weisheit, dass Sicherheit nur in der inneren Freiheit gefunden werden kann.

Zum Weiterlesen:
Übersicht über die Bindungstypen
Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehr
Am Anfang brauchen wir ein Willkommen
Empathie
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial

Montag, 19. Februar 2018

Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen

Da wir Menschen soziale Wesen sind, verfügen wir auch über ein soziales Gewissen und die soziale Scham als dessen Agentin im Gefühlsbereich. Diese Instanzen sollen uns darauf aufmerksam machen, wenn wir die Grenzen der sozialen Fairness überschreiten. Jedes Sozialgefüge braucht einen Ausgleich und eine Balance zwischen den einzelnen Individuen. Da jedes Mitglied einer sozialen Gruppe mit verschiedenen Begabungen, Interessen, Gefühlsmischungen und Antrieben ausgestattet ist, muss dieses Gleichgewicht immer wieder hergestellt werden. Wenn es aus dem Lot gefallen ist, fühlen sich alle Mitglieder der sozialen Einheit mehr oder weniger belastet. Wenn es wieder in den Ausgleich zurückgefunden hat, können sich alle entspannen.

Aus der sozialen Scham entstehen die Schuldgefühle. Sie haben damit zu tun, dass der eigene Beitrag zu einer sozialen Störung auf einer bewussten oder unbewussten Ebene deutlich wird. Diese Gefühle sollen dazu motivieren, Handlungen zu setzen, die zur Behebung der Störung beitragen, z.B. eine Entschuldigung. Jemand hat auf den Geburtstag eines Freundes vergessen, er erinnert sich daran und empfindet ein Schuldgefühl, das ihn motiviert, aktiv zu werden, um das Versäumnis gutzumachen. 

Im vorhergehenden Blogartikel war von der Verachtung des Schwachen die Rede. Im Kontext des sozialen Gewissens hat sie die Funktion, vor Schuldgefühlen zu schützen. Wir tragen alle ein Gefühl für Fairness in uns und es sagt, dass es einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Menschen geben muss: zwischen den Besseren und den Schlechteren, den Schnelleren und den Langsameren, den Ärmeren und den Reicheren, den Stärkeren und den Schwächeren, die Mächtigeren und den Ohnmächtigeren. Das ist Teil des tribalen Bewusstseins, der Urverfasstheit menschlicher Gemeinschaftsbildung, unserer ursprünglichsten sozialen Prägung. Diese Prägung steckt in uns allen, wir haben nur die Wahl sie anzuerkennen oder zu verleugnen, sprich wir können uns die Schuldgefühle bewusst machen, oder sie wirken unbewusst. Die Prägung hatte zur Folge, dass alle weiter entwickelten gesellschaftlichen Organisationsformen Mechanismen des sozialen Ausgleichs eingerichtet haben, von den Almosen aus der Schatulle des Herrschers bis zu den komplexen Regelungen eines modernen Sozialstaates. Viele Superreiche geben einen Teil ihres Überflusses an Schwächere und Benachteiligte.


Der Vorrang des Eigennutzes und seine Folgen


Doch haben wir im Lauf der Zeit (menschheits- und lebensgeschichtlich gesehen) gelernt, vorrangig auf unseren Eigennutzen zu achten und die sozialen Motiven nachzureihen. In einer hochkomplexen Gesellschaft ist für ein einzelnes Individuum nicht mehr möglich, den sozialen Ausgleich zu schaffen. Wollten wir uns um all das Leid kümmern, das die Menschen belastet, kämen wir in einer Großstadt kaum bis zur nächsten Straßenkreuzung. Da bittet ein Bettler um eine Gabe, dort schleppt sich eine alte Frau ab, daneben kommt eine Mutter mit ihrem Kleinkind nicht zurecht, es begegnen uns leere Blicke, einsame und depressive, hektische und verlorene Menschen, so viel Anspannung, sowenig innere Balance. Aber wir können nicht für alle da sein, die etwas brauchen, obwohl uns das soziale Gewissen dazu mahnt. 

Deshalb müssen wir das Gewissen beruhigen, um nicht in Schuldgefühlen zu versinken, und nutzen dazu verschiedene Konstrukte, von denen eines die soziale Verachtung erzeugt. Es ist ein radikales Konzept, weil es die menschliche Gemeinschaft in zwei Kategorien teilt, die Starken und die Schwachen. Es ist deshalb erfolgreich, weil es ein weiteres Element des tribalen Bewusstseins aufgreift, die Unterscheidung von Innen und Außen: Das soziale Gewissen ist reduziert auf die Mitglieder der eigenen Gruppe, des eigenen Stammes, der eigenen Gemeinschaft. Alle, die nicht dazugehören, sind potenzielle Feinde und zählen deshalb nicht zu den Menschen, mit denen wir einen Ausgleich suchen müssen. Mit der Komplizierung der menschlichen Organisationsformen verlieren sich auch die eindeutigen Zuordnungen von Freund und Feind, und die Differenzierung wird im Inneren aufgebaut und emotional durch Verachtung abgesichert. Die Adeligen verachten die Nichtadeligen, das Bürgertum, zunächst selber noch vom Adel verachtet, verachtet die Bauern und Arbeiter, und so schichtet sich die Gesellschaft von oben nach unten. Die soziologischen Schichten heute werden vor allem durch Einkommen und Vermögen definiert, und damit sind wir bei der Verachtung jener, die es nicht so weit gebracht haben wie wir selber. 


Ideologien der Verdrängung


Individuen gehen mit ihren Schuldgefühlen unterschiedlich um. Ganze ideologische Gedankengebäude wurden errichtet, um bei der Verdrängung des sozialen Gewissens zu helfen. Ein zentrales Dogma unserer Gesellschaft ist darauf gegründet, dass die eigene Leistung ausschlaggebend für die gesellschaftliche Position sein soll (was ja auch in unserer Gesellschaft nur teilweise zutrifft, weil die große Zahl der Riesenvermögen in unserem Land nicht durch Leistung, sondern durch Erbe erlangt werden). Wer genügend geleistet hat, achtet diejenigen, die ähnlich viel leisten, und verachtet jene, die das nicht schaffen. Neoliberale wie konservative Parteien tragen dieses Dogma auf ihren Fahnen vor sich her. Nationale Parteien verachten weniger die Schwachen als eher die Fremden.


Verachtung muss durch Achtung ersetzt werden


Verachtung der Schwachen ist Menschenverachtung. Das bedeutet, dass die Menschheit nur dann in eine bessere Zukunft gelangen kann, wenn sie der Verachtung von Menschen keinen Raum mehr gibt. Verachtung muss überall, wo sie auftritt, durch Achtung und Wertschätzung ersetzt werden, und das gilt ganz besonders im Bereich der Politik, die über das Schicksal von so vielen Menschen bestimmen kann. Wir brauchen also dringend Politiker, die sich dem  Respekt und der Menschenwürde für die Starken und die Schwachen in ihrem Handeln (nicht nur in ihrem Reden) verpflichtet fühlen.

Zum Weiterlesen:
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Leistung statt Freude

Donnerstag, 5. Mai 2016

Donald Trump und die Ängste in der "strengen Weltsicht"

Die Soziologin Elisabeth Wehling (University of Berkeley) beschreibt in einem Artikel im Standard die Erfolge von Donald Trump im US-Präsidentschaftswahlkampf damit, dass er ganz bestimmte Werthaltungen, die in Nordamerika tief verwurzelt sind, konsequent anspricht und damit seine Wähler emotional engagiert. Sie benennt das als „strenge Weltsicht“, die auf fünf Säulen ruht:  Selbstbezogenheit, Sozialdarwinismus, Hierarchie, Fürsorge für die eigene Gemeinschaft und ihre Verteidigung gegen das Böse auf der Welt durch eine starke, männliche Autoritätsfigur. Ich möchte in diesem Artikel die angesprochenen Werte auf das Modell der Bewusstseinsevolution beziehen.

Die Selbstbezogenheit


Trump präsentiert sich als vollkommener und rücksichtsloser Egoist und begeistert damit seine Anhänger. Seine Botschaft ist: „Wenn du so egoistisch bist wie ich, kommst du an die Spitze. Wenn wir als Land so egoistisch sind wie ich, dann bleiben wir an der Spitze.“

Der Egoismus als Ideologie hat seine Wurzeln im Zerfall der tribalen Strukturen und im daraus resultierenden Zerfall der verbindenden Werte der Gemeinschaft. Er entsteht im Übergang zur emanzipatorischen Bewusstseinsebene und ist von der Angst bestimmt, dass man niemandem vertrauen kann als sich selbst und dass man deshalb primär immer das eigene Überleben sichern muss.

Wie schon öfter auf diesen Seiten belegt wurde, ist der Egoismus keine „natürliche“ Eigenschaft des Menschen, sondern eine Reaktionsform auf frustrierte Bedürfnisse, also die Trotzhaltung, die entsteht, wenn die sozialen Beziehungen brüchig werden.

Sozialdarwinismus


Trump im Originalton: „Das Gute an mir ist, dass ich reich bin, reiche Menschen sind reich, weil sie schwierige Probleme lösen.“ Der Sozialdarwinismus ist die Ideologie des Egoismus. Er besagt, dass der rücksichtslose Kampf um die knappen Mittel zeigt, wer der stärkere ist, und dass dem Sieger im Kampf legitimerweise die Beute plus die Macht über den Unterlegenen gehört.

Das darwinistische Prinzip für die Evolution des Lebens besagt: Survival of the fittest, also das Überleben der am besten Angepassten. Der Sozialdarwinismus macht daraus: Survival of the strongest, also je brutaler, desto überlebensfähiger. Diese Ansicht war grundlegender Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie (die ja auch in den USA viele Anhänger hatte) und diente als Rechtfertigung für die Vernichtung alles Schwachen und Minderen. Der Machtwahn, der aus dieser Denkfigur stammt, kann nur gebrochen werden, wenn er in der eigenen Vernichtung endet, denn er muss bis zum letzten Quäntchen seiner Kraft beweisen, dass er der Stärkere ist.

 Der Sozialdarwinismus ist ein Produkt der personalistischen Ebene der Bewusstseinsentwicklung, in der zwar die Persönlichkeit des Einzelnen verherrlicht und verfeinert wurde, aber auch eine ideologische Überhöhung stattfand. Der Sozialdarwinismus überträgt die Brutalität des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes und der rücksichtslosen Ausbeutung auf den gesamten gesellschaftlichen Prozess und umgibt sie mit einem ideologischen Glorienschein. Er wird mit der Macht der Natur und der Natürlichkeit ausgestattet: Im Ganzen des Lebens ginge es so zu, also kann es unter den Menschen nicht anders sein.

Hierarchie


Diese Werthaltung sieht es als gottgegeben an, dass es unter den Menschen Rangordnungen gibt, die einigen Menschen die moralische Autorität über andere verleihen: Männer über Frauen, Weiße über Schwarze, Heteros über Homos usw.

Die Idee der political correctness dagegen besagt, dass niemandem aufgrund von Merkmalen wie Geschlecht oder Hautfarbe Rechte und Privilegien, die andere haben, vorenthalten werden dürfen, die andere genießen. Sie ist eines der größten Feindbilder für  die konservativen Amerikaner.

Diese Idee ist eine Anleihe aus dem hierarchischen Bewusstsein. Dieses stellt den Ausweg aus der Schrankenlosigkeit des emanzipatorischen Egoismus dar. Es installiert Unterschiede unter den Menschen, die durch die Geburt definiert werden und unveränderlich sind. Damit gibt es eine klare Zuordnung der Vorrechte für die einen und der Benachteiligung für andere, und niemand darf sich beklagen.

Es widerspricht freilich auch im konservativen Weltbild dem „naturgegebenen“ Überlebensegoismus, denn die jeweils Untergeordneten müssen zugunsten der Übergeordneten auf ihre Egoismen verzichten und werden mit der Gewalt der Rechtmäßigkeit der „heiligen Ordnung“ in ihrer Selbstdurchsetzung eingeschränkt, wie die Demonstranten bei Trumps Veranstaltungen, die verprügelt werden müssen, weil ihnen als Untergeordneten keine Meinungsäußerung zusteht.

Fürsorge


Man sorgt für Seinesgleichen, und zwar gut. Andere gehen einen nichts an, die sollen selber schauen, wie sie zurecht kommen. Der Kreis der „Seinesgleichen“ wird willkürlich definiert: Wer sich den eigenen Werthaltungen unterwirft, gehört dazu und wird unterstützt, wer andere Einstellungen vertritt, bleibt ausgeschlossen.

Hier tritt das Urmotiv des tribalen Bewusstseins auf, allerdings in der pervertierten Form der willkürlichen Zuordnung und der aggressiven Ausgrenzung. Dazu gehört der, der sich unterordnet, im Sinn der NS-Parole: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Wer das Volk ist, wird ideologisch festgelegt.

Das tribale Bewusstsein dagegen ist begründet in einer selbstverständlichen und vorgegebenen Zugehörigkeit, die nicht willkürlich festgelegt und verändert werden kann. Alle Menschen tragen die Sehnsucht nach einer derartigen Zugehörigkeit in sich, weil nur diese ihnen Geborgenheit und Sicherheit auf einer ganz tiefen emotionalen Ebene gewähren kann. Die Gemeinschaftsideologien, die in späterer Zeit, besonders im 19. Jahrhundert, in dem auch die Hauptbesiedelung in Nordamerika stattgefunden hat, entstehen, nutzen diese emotionalen Bedürfnisse für ihre Zwecke aus.

Freund-Feindschema und starke männliche Autorität


„Die Welt ist gespalten in Gut und Böse, und um die eigene – selbstredend gute! – Gemeinschaft zu verteidigen, braucht es eine starke männliche Autorität, die nicht zimperlich ist und auch mal zupacken kann – zum Beispiel in Form von Angriffskriegen oder Folter.“ (Wehling)

Hier finden wir wieder das Motiv des Helden, der als der Gute gegen das Böse kämpft, Thema in all den bombastischen Hollywood-Leinwandepen. Der Preis der vereinfachenden Aufteilung der Welt in Schwarz und Weiß ist die Paranoia, die Angst, die auf Dauer gestellt ist. Wir müssen immer auf der Hut sein, das Böse schläft nie und schlägt gerade dann zu, wenn wir uns am sichersten fühlen. Wie sagte der Psychiater zum Paranoiker: „Bloß weil Sie Paranoiker sind, brauchen Sie nicht zu glauben, dass Sie nicht verfolgt werden.“

Der Preis der Paranoia ist auch der Wirklichkeitsverlust, denn diese ist weder gut noch böse, sondern vielschichtig und differenziert, und sie verändert sich dauernd. Wer sich dem Freund-Feind-Schema verschreibt, hat es nicht mehr mit der Wirklichkeit zu tun, sondern mit den Gespenstern im eigenen Kopf.

Das Freund-Feindschema stammt nach meiner Auffassung unmittelbar aus dem Kampf-Flucht-Mechanismus unserer urtümlichen Stressreaktion. Unter Gefahr müssen wir uns schnell orientieren, um der Bedrohung effektiv zu entgehen und brauchen dafür das einfachste Schema, das es gibt: Sicher oder unsicher, gut oder böse. Wenn wir das Schema internalisiert haben, haben wir eine Daueranspannung in uns etabliert.

Wieder wird am Übergang von der tribalen Sicherheit in die emanzipatorische Willkür angesetzt. Außerhalb der Stammesgemeinschaft gibt es nur feindliche Wildnis, und ich brauche eine einfache Perspektive, um damit zurechtzukommen. Jedem, der mir eine solche verspricht, muss bedingungslos gefolgt werden.

Zusammenfassung


Diese Analyse zeigt, dass sich dieses „strenge Weltbild“, an dem sich das konservative Amerika orientiert, aus den Ängsten verschiedener Bewusstseinsschichten nährt, dass dabei die erste Ebene in ihrer ursprünglichen Qualität ausgeblendet bleibt und die sechste und siebte Stufe nicht vorkommen, weil diese alle durch diesen Wertkomplex repräsentierten Einstellungen in Frage stellen und als mangelhaft und überholt erklären. Die weiße und noch schlimmer die schwarze Bevölkerung der USA ist im Bewusstsein des endgültigen und unwiederbringlichen Verlustes der tribalen Sicherheit in ihr neues Land gekommen. Ein völliger Neuanfang, bei dem jeder ganz auf sich gestellt ist, musste gewagt werden. Manche haben das gut geschafft, manche weniger. Danach teilt sich das Land ein, und jeder seiner Bewohner weiß um seinen Platz in der unsichtbaren Hierarchie. Eine selbstverständliche Zugehörigkeit gibt es nicht (und deshalb auch keine selbstverständliche Sozialfürsorge). Donald Trump steht für diesen Pioniergeist und bietet sich als Identifikationsfigur an für alle, die es so weit bringen wollen wie er.

Dieses wilde Gemisch an Bewusstseinselementen kann auch die Folie sein, vor der vielen von uns Donald Trump wie ein skurriles Wesen von einem anderen Stern oder aus einer anderen, längst überwundenen Zeit vorkommt. Tatsächlich tragen wir alle die Spuren der angesprochenen Bewusstseinsschichten in uns. Womit wir allerdings einen Unterschied machen können, ist die Bereitschaft, die eigenen Werthaltungen beständig zu überprüfen und dafür die Maßstäbe des systemischen und des holistischen Bewusstseins zu nutzen. Dann fällt es uns leichter, Licht in die dunkelsten Vorgänge zu bringen und zugleich die eigenen Verwicklungen mit diesen Bereichen der Seele zu lösen.

Für deutsche Leser: Was bedeutet dieses Profil für das Verständnis von Pegida und AfD? Für österreichische Leser: Wie kann man die Erfolge der FPÖ vor diesem Hintergrund verstehen?

Donnerstag, 28. März 2013

Spirituelles Erleben und Krankheit

Spirituelles Erleben passt oft nicht in den engen Rahmen unserer Gesellschaft. Viele kleine Kinder haben einen direkten Bezug zu einer Welt, die den Erwachsenen fremd geworden ist. So tun sie es abschätzig oder irritiert ab, wenn Kinder von Naturwesen oder Geistern reden und wenn sie in andere Welten reisen – „Das sind halt noch Kinder mit ihrer seltsamen Fantasie. Wichtig ist es nur, dass sie rechtzeitig das logische und rationale Denken erlernen, damit sie in Schule und weiterem Leben erfolgreich sein können.“ Das erwarten wir von der Schule, und diese bemüht sich redlich, diese Erwartungen zu erfüllen. Es hilft nichts, jeder muss die Mathematik und die Grundbegriffe der Physik erlernen und das abstrakte Denken so lange einüben, bis die überschießenden Fantasien in ein kleines Gärtchen weit hinten in der kognitiven Landschaft verbannt sind.

Kinder kommen mit einer rechtshemisphärischen Dominanz auf die Welt. Deshalb erleben sie die Welt momentan, ganzheitlich und fließend.  Alles ist mit allem verbunden, die verschiedenen Weisen des Erlebens zwischen Wahrnehmung und Fantasie gehen ineinander über und kennen keine klare Abtrennung. Erst im Lauf des 2. Lebensjahres beginnt sich die linke Gehirnhemisphäre stärker zu entwickeln, verbunden mit dem Erlernen der verbalen Sprache und der grammatischen Strukturen. Die Wirklichkeit wird auseinandergelegt, in Einzelteile, die dann untersucht werden können. Grundformen der Logik bilden sich aus, z.B. der Zusammenhang von Ursache und Wirkung oder von Bedingung und Konsequenz: Wenn du mit dem Jammern aufhörst, kriegst du dein Spielzeug wieder.

In der Folge sind Kinder vor die Aufgabe gestellt, die unterschiedlichen Modi der beiden Hemisphären miteinander zu verbinden. Meist setzt sich gegen Ende des Vorschulalters die linke Hemisphäre durch, was eine gute Prognose für die Schullaufbahn ergibt, denn unsere Gesellschaft verlangt die rationalen und ökonomischen Denk- und Verhaltensweisen.

Gelingt die Integration nur mangelhaft, d.h. nicht den Erwartungen unserer modernen Gesellschaft gemäß, können sich Anpassungsschwierigkeiten ergeben, die dann nachhaltig die Lebensplanung beeinflussen – Schulprobleme gefolgt von Berufsproblemen bis hin zur Psychiatrisierung. Denn es gibt für solche „Störungen“ einen Krankheitsbegriff: Schizotypie.

„Eine Störung mit exzentrischem Verhalten und Anomalien des Denkens und der Stimmung, die schizophren wirken, obwohl nie eindeutige und charakteristische schizophrene Symptome aufgetreten sind.“ Unter anderem kommen folgende Symptome vor: „gelegentlich vorübergehende, quasipsychotische Episoden mit intensiven Illusionen, akustischen oder anderen Halluzinationen und wahnähnlichen Ideen.“ (ICD 10, F21)

Ich folge nun zu diesem Thema den Überlegungen von Edgar Harnack, der den Zusammenhang von diesem „Störungsbild“ und außergewöhnlichen spirituellen Erlebnissen untersucht hat. Er verwehrt sich dagegen, die mit der Diagnose verbundenen Phänomene zu pathologisieren, also als behandlungsbedürftig zu sehen. Statt dessen vertritt er die These, dass eine „pneumophobe” (das Spirituelle fürchtende) Gesellschaft spirituellen oder mystischen Erfahrungen, wie sie Kinder und Jugendliche machen, mit Abwehr und Ausgrenzung reagiert, wodurch sich erst die Störungen bei den betroffenen Menschen entwickeln, die lernen müssen, ihren eigenen Erfahrungen zu misstrauen und damit in Verwirrung geraten.

Denn die Erfahrungen, von denen dabei die Rede ist, sind in allen Kulturen verbreitet und gelten bei Naturvölkern als Anzeichen einer schamanistischen Berufung. In den tribalen Gesellschaften hatten verschiedene Welten ihren selbstverständlichen Platz, und es gab angesehene Mitglieder, die besondere Fähigkeiten hatten, sich zwischen den Welten zu bewegen. Erst die Moderne mit ihrer starken Betonung der Rationalität hat diese Formen einer tribalen Wirklichkeitssicht in den Bereich der Pathologie verbannt und damit Menschen mit besonderen Begabungen krank gemacht.

Ich möchte nun die Überlegungen von Edgar Harnack durch die Einbeziehung der Erkenntnisse der Gehirnforschung erweitern. Bei vielen Phänomenen, die (nach einer typisch linkshemisphärischen Leidenschaft) als Schizotypie klassifiziert werden, kann die Integration der beiden Gehirnhälften nicht der „Norm“ entsprechend abgelaufen sein. Dabei können familiäre Probleme in den ersten Lebensjahren, Bindungsstörungen (z.B. unterschiedliche Bindungsmuster zum Vater und zur Mutter) ebenso eine Rolle spielen wie Folgen des Geburtstraumas (Probleme beim Zusammenwachsen der Fontanelle) und schließlich pränatale Traumatisierungen bis hin zur ersten Zellteilung.

Als Folge können Menschen aufwachsen, deren rechte Hemisphäre ein seltsam anmutendes Eigenleben entfaltet, seltsam für eine gesellschaftlich geprägte Wahrnehmung, die sequentiell und kategorisierend denkt. Und für alles Seltsame werden dann pathologisierende Kategorien entwickelt, wie die der Schizotypie. Dann geht es nicht mehr um innere Erfahrungen und darum, wie diese mit dem Alltagsbewusstsein und den Abläufen der technisierten Gesellschaft verbunden werden können. Statt dessen wird alles, was den engen Normen der Rationalität nicht entspricht, zur Krankheit erklärt.

Wollen wir bei diesem Trend nicht mitmachen, geht es auch darum, dass wir uns in mehr Toleranz und Verständnis üben, wenn wir Menschen begegnen, deren Erlebniswelt und ihre Versprachlichung uns bizarr, abgehoben oder esoterisch erscheinen mag. Wenn wir therapeutisch mit transpersonalen Themen arbeiten, brauchen wir auch das Hintergrundwissen und die Einsicht in Zusammenhänge, damit wir nicht eine Krankheit kurieren oder eine Störung beheben müssen, sondern einem Menschen helfen können, sich selber besser zu verstehen und sich selber mit sich besser zu verständigen sowie einen sicheren Platz in einer nüchternen und harten Realität zu begründen.

Literatur:
Edgar W. Harnack: Außergewöhnliche Wahrnehmungen und schizotype Sprachmuster im Kreislauf von gesellschaftlicher Ursache und Wirkung. Bewusstseinswissenschaften. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie. Unabhängige Fachzeitschrift 2/2012, 68 - 78

Webseite von Edgar Harnack: www.transpersonale-psychotherapie.de

Sonntag, 23. September 2012

Die Wehrpflicht in Österreich aus der Sicht der Bewusstseinsevolution



Wie üblich, wenn die Meinungen und Positionen in einer politischen Frage aufeinanderprallen und wenn heftig gestritten wird, werden verschiedene Schichten unseres Bewusstseins aktiv und bringen ihre Sichtweisen und Ängste ein. So kann es auch an der Frage der Wehrplicht in Österreich beobachtet werden. Sie überforderte offenbar die politischen Entscheidungsträger unseres Landes, sodass sie sie dem Volk zur Entscheidung vorlegen wollen.

Die wichtigen Fragen unserer Gesellschaft haben praktisch immer einen Bezug zur tribalen Bewusstseinsstufe. Immer wenn Politiker den Begriff der „Heimat“ strapazieren, appellieren sie an diese tiefe Schicht unserer Entwicklung. Der Heimatbegriff suggeriert eine Gemeinsamkeit und Verbundenheit, wie sie die frühen Stammeskulturen geprägt hat. Die Sehnsucht nach dieser Form der sozialen Sicherheit ist noch immer in uns lebendig, da wir aber über keine Stämme mehr verfügen, weichen wir auf abstrakte Ersatzbegriffe aus, die dann gerne sentimental beladen werden. (Wenn z.B. ein Oberösterreicher seine Landeshymne hört  - Hoamatland, Hoamatland, dann sollten ihm die Augen feucht werden.)

Vielleicht sprechen wir auch deshalb vom Vaterland (und nicht vom Mutterland – die Erde, also das Land, ist ja dem Weiblichen zugeordnet), weil das Land, auf dem der Stamm herumwanderte, mit Hilfe des Wissens der alten Männer erschlossen und nutzbar gemacht wurde. Ohne dieses tradierte Wissen gab es kein Überleben des Stammes. In einer Stammeskultur konnte es in extremen Gefahrensituationen vorkommen, dass einzelne Stammesmitglieder ihr Leben für die Gemeinschaft hingaben, meist junge Männer oder, in Zeiten von Nahrungsknappheit, auch alte Menschen.

Auf der zweiten Stufe bildet sich der Heldenmythos. Der Held bricht aus der Enge der „Heimat“ aus und riskiert sein Leben für ein Ziel, das nur mehr rhethorisch in die Rahmenbedingungen des Stammesdenkens passt, und statt dessen zunehmend aus Quellen wie dem Streben nach individuellem Ruhm oder Abenteuerlust gespeist ist. Gewalt zur aggressiven Aneignung des Fremden, also das Erobern anderer Gebiete, wird dadurch legitimiert, dass sie zur Regel wird, und dadurch, dass der Held selber sein Leben aufs Spiel setzt. Teil des Heldenmythos ist die Skrupellosigkeit und die Aggressivität und das Riskieren des eigenen Lebens. 

Das Motiv, dass die Preisgabe des eigenen Lebens für ein selbstgesetztes Ziel in Kauf genommen werden kann, das nur scheinbar dem Ganzen dient, pflanzt sich bis in die Ideologien der Selbstmordattentäter unserer Tage weiter. Gewalt gegen andere wird legitimiert dadurch, dass der Täter bereit ist, sich selbst Gewalt anzutun.

Auf der dritten Stufe bilden sich dann der Begriff der abstrakten Pflicht. Die Menschen werden vom Herrscher oder vom Staat in die Pflicht genommen. Er legt fest, was sie zu tun haben – Pyramiden zu bauen, Kanäle auszubuddeln, in den Krieg ziehen und dort zu sterben. Verstöße gegen die Anordnungen werden bestraft, die Einhaltung der Pflichten wird mit allen Mitteln erzwungen. Die Individuen haben dagegen keine Rechte und kaum Möglichkeiten, sich der Verpflichtung zu entziehen. Sie haben jedoch den „Vorteil“, dass sie nicht mehr persönlich für das verantwortlich sind, was sie bei ihrer Pflichterfüllung anrichten, sie haben ja nur ausgeführt, was ihnen befohlen wurde, und sei das auch die Ermordung von Babys. Wenn jemand seine Taten (oder Untaten) damit rechtfertigt, dass er „nur seine Pflicht“ getan habe, dann bezieht er sich auf diese Bewusstseinsschicht.

Jedenfalls schafft es das hierarchische Denken, die Dienstverpflichtung der Menschen zunehmend zu abstrahieren, indem sie nicht mehr auf konkrete Personen bezogen ist (wie im mittelalterlichen Lehenswesen), sondern auf „alle“ oder auf „alle in einem bestimmten Alter“ usw. So kam es zum ersten Aufruf zur allgemeinen Wehrpflicht in der modernen Zeit während der französischen Revolution, genannt „levée en masse“, also Erhebung der Massen. Begründet wurde dieser Aufruf mit der Notwendigkeit, die Errungenschaften der Revolution und die Integrität der Nation zu verteidigen. Hier mischen sich Elemente aus dem tribalen Bewusstsein („Verteidigung der Heimat“) mit hierarchisch-totalitären Ansprüchen („alle müssen zu den Waffen“) unter dem Schirm von Ideen aus der personalistischen Stufe („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). 

In diesem Cocktail an Motiven geht es mit der Wehrpflicht im 19. und 20. Jahrhundert weiter. Nach dem Ende des Kalten Krieges ab 1989 wenden sich viele Länder vor allem in der sogenannten freien Welt von der Wehrpflicht ab, während sie vor allem nur mehr in totalitären Staaten beibehalten wird. Das entspricht der Verwurzelung des Wehrpflichtgedankens in der hierarchisch-autoritäten Bewusstseinsstufe, die Wehrpflicht als Disziplinierung der Menschen und der Demonstration der Macht des Staates über seine Bürger. 

Österreich ist hier ein Spezialfall mit manchen Skurrilitäten. Es hinkt in der Abschaffung der Wehrpflicht den meisten EU-Staaten hinten nach. Ein Grund liegt in der Vequickung mit dem Zivildienst. Lange Zeit gesellschaftlich abgewertet und zurückgedrängt, ist er mittlerweile von der Partei, die ihn immer am meisten bekämpft hat und einschränken wollte, der ÖVP, zu einem Hauptargument für die Beibehaltung der Wehrpflicht gemacht worden. Die Organisation der Rettungsdienste sei ohne Wehrpflicht-Zivildienstpflicht nicht mehr zu gewährleisten. Wie schaffen das die anderen Länder in Europa und sonstwo, wo es einen funktionierenden Rettungsdienst gibt? 

Interessant und verwunderlich ist auch, dass die genannte Regierungspartei ÖVP über längere Zeit die Idee eines Berufsheeres propagiert hat, aber am Widerstand der Regierungspartei SPÖ gescheitert ist. Nun haben beide Parteien die Fronten gewechselt, um sich mit ausgetauschten Argumenten gegenüber zu stehen, bereit zum nächsten Scharmützel. Die SPÖ will mit dem Berufsheer punkten, zu dem niemand mehr gezwungen wird, und die ÖVP mit Rettungs-Zivildienern und Soldaten als Katastrophenhelfer. 

Auch hier passt wieder einiges nicht zusammen: Für Katastrophen braucht es Katastrophenhelfer, aber keine Soldaten, die braucht man für Kriege. Ein Katastrophenhelfer muss nicht schießen und Panzerfahren können. Aber auch andere Länder schaffen es, mit ihren Katastrophen zurecht zu kommen, ohne verpflichtenden Einsatz von jungen Männern, die quasi als Bereitschaftstruppe ihre Zeit absitzen sollen, bis die nächste Naturkatastrophe kommt. 

Ich denke, wir sollten uns die Elemente des tribalen Bewusstseins in dieser Debatte bewusst machen und erkennen, dass wir im 21. Jahrhundert mitten in einem integrierten Europa keine Landesverteidigung brauchen. Unsere Heimat ist so sicher vor ausländischen Aggressoren wie noch nie in der Geschichte zuvor. Wir können uns unseres Landes erfreuen wie die Einwohner von Costa Rica, die schon lange kein Heer unterhalten und dennoch oder deshalb in Frieden leben.

Wir können die Motive des emanzipatorischen Bewusstseins aufgreifen und transformieren, indem wir Heldentum überall dort zulassen, wo es dem Gemeinwohl und der Gesellschaft dient, im Einsatz für Minderheiten oder sozial Ausgegrenzte, in der Stärkung der Zivilgesellschaft und alternativen ökonomischen und ökologischen Modellen. 

Wir sollten den Brocken des Zwangsdienstes für junge Männer aus dem hierarchischen Bewusstsein verabschieden. Er passt nicht in eine demokratische Gesellschaft, er passt nicht in eine Gesellschaft der Geschlechtergleichheit, er passt nicht in eine ökonomisch und organisatorisch fortgeschrittene Gesellschaft, die alle Dienstleistungen öffentlich oder privat so gestalten kann, dass sie finanzierbar sind und funktionieren.

Donnerstag, 15. März 2012

Der menschliche Körper und die Bewusstseinsevolution

Hier möchte ich ein paar Gedanken zur Rolle des Körpers in den ersten drei Stufen der Bewusstseinsevolution entwickeln.

Auf der ersten, der tribalen Stufe, ist das Verhältnis von Mensch und Körper noch ganz einfach. Diese Stufe ist die körperlichste von allen. Denn die Beziehung zum eigenen Körper und zu den Körpern der anderen ist so direkt und unmittelbar, wie sonst auf keiner der folgenden Stufen. Es gibt noch wenige kulturelle Imprägnierungen des Körpers. Da diese Stufe durch eine fast intime Nähe von Mensch und Natur gekennzeichnet ist, werden auch die Körper als Teil der Natur erfahren und in Ritualen gefeiert. Allerdings ist die Nähe keine Einheit, der Unterschied besteht und ist ebenfalls Gegenstand von Ritualen.

Auf der zweiten emanzipativen Stufe gewinnt die Bekleidung des Körpers, also seine Verhüllung größere Bedeutung. Damit wird die Vergrößerung des Abstandes zur Natur zum Ausdruck gebracht. Es geht ja auch um die Emanzipation aus der Kontrolle durch die Natur. Wie sich die Menschen Häuser bauen, um sich vor den Unbilden der Natur zu schützen, werden auch die Körper von Hüllen umgeben, zum Schutz und zur Symbolisierung, dass die Körper jetzt nicht mehr der Natur gehören. Der Eigentumsbegriff, der auf dieser Stufe eingeführt wird, hinterlässt auch auf den Körpern der Menschen seine Spuren. In der Sklaverei werden Menschen und damit vor allem ihre Körper in Besitz genommen. Für den Freien ist der Körper sein Eigentum, das er aber auch verlieren kann.

Mit der Konzentration und Verkleinerung der Familie, die auf dieser Stufe stattfindet, werden die Besitzansprüche in den Geschlechtsbeziehungen verstärkt. Der trojanische Krieg wird durch einen „Frauenraub“ Helenas durch Paris ausgelöst. Auf Wikipedia heißt es dazu: „Helena galt als die schönste Frau ihrer Zeit. Ihre Schönheit soll so groß gewesen sein, dass jeder Mann, der sie sah, Helena besitzen wollte.“ Selbst der Wikipedia-Erzähler berschreibt das Begehren einer Frau durch einen Mann als den Wunsch nach Besitz. Frauenkörper werden zum Eigentum der Männer. Bei Verletzung des Eigentumsrechtes gibt es Krieg (selbst wenn „das Eigentum“ dem Besitzerwechsel zugestimmt hat).

Die männliche Dominanz, die in den homerischen Epen im Bewusstsein schon fest verankert ist, hat keine andere Begründung als die überlegene Körperkraft, die für die emanzipatorischen Großtaten notwendig war. Damit verschärfen und vertiefen sich die Unterschiede unter den Geschlechtern. Diese Neubewertungen und Kategorisierungen legen sich über die Körper wie die Kleider, die sie verhüllen und schleichen sich in die Körper ein, um ihren Lebensausdruck zu prägen.

Der Männerkörper wird freigespielt (in Spiel und Sport), weil er die Abenteuer bestehen muss, während der Frauenkörper den Besitzansprüchen untergeordnet wird. Deshalb wird der letztere umfangreicher verhüllt, manchmal bis zur völligen Verbergung. Die griechischen Männer vollzogen ihre olympischen Wettkämpfe nackt, die Frauen waren dabei nicht einmal anwesend. Mit dieser Freilegung des Männerkörpers (und auch mit seiner Ästhetisierung in der griechischen Kunst) einher geht die Entfesselung des männlichen Gefühlskörpers, insbesondere der Wut. Zugleich findet eine Einschränkung statt, denn der männliche Körper ist nur in seiner aggressiven Form brauchbar, während seine Verletzlichkeit nicht gefragt ist. Der Männerkörper hat zwei widerstrebende Aspekte zu vereinigen, die Öffnung für die Energie der Wut und die Abschottung gegen die des Schmerzes. Das ist das Programm der Körpererziehung und Körperbildung für die weitere Geschichte, und das ist die Geburt des Macho-Körpers.

Der Frauenkörper erfährt die gegenteilige Prägung – die Freilegung der Verletzlichkeit und die Unterdrückung der Aggression. Möglicherweise sprechen hormonelle und andere organische Dispositionen für die Plausibilität dieser Unterscheidung, doch werden sie im emanzipatorischen Bewusstsein polarisiert und festgeschrieben, d.h. die Mittelbereiche der Streuung – weniger aggressive Männer und weniger verletzliche Frauen – müssen sich den Polen zuschlagen. Dieser Prozess des Auseinanderdrängens der nach Geschlecht unterschiedenen Körper wird in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft und Kultur übersetzt. Eine Folge ist, dass die Frauenkörper faktisch weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Wir können nur spekulieren, ob sich durch diese kulturellen Zuschreibungen die Körper selbst verändert haben; nach den Erkenntnissen der Epigenetik ist das durchaus denkbar – dass also durch den sozialen Druck zur Polarisierung die Frauenkörper „weiblicher“ und die Männerkörper „männlicher“ geworden sind. Jedenfalls wurden Zwischenbereiche, die sich z.B. in der Homosexualität ausdrücken, massiven Sanktionen ausgesetzt, während die verkörperten Pole, die starken Männer und die schwachen Frauen, Karriere machen konnten und zu prägenden Stereotypen wurden.

Die Körper auf der dritten Stufe der Bewusstseinsevolution

Die oben skizzierte Entwicklung des Auseinanderdriftens der geschlechtlich differenzierten Körper in der zweiten Stufe der Bewusstseinsentwicklung wird in der dritten, der hierarchischen, fortgesetzt und institutionalisiert, z.B. durch kirchliche Verbote des Waffentragens für Frauen.

Es geht jetzt darum, die Körper der Macht der Bürokratie unterzuordnen und sie in das Über- und Unterordnungssystem einzupassen. Da Körper als solche nicht einfach formbar sind, muss die Bekleidung der sozialen Differenzierung dienen. Zu diesem Zweck gibt es in vielen Kulturen Kleiderordnungen, die die öffentliche Darstellung der sozialen Stellung einer Person regeln. „Kleider machen Leute“ und machen auch Körper – das Tragen bestimmter Kleidungsstücke formt die Körper und die Körpersprache der Bekleideten. Ein König kann nicht irgendwie gekleidet sein und sich nicht irgendwie bewegen, sondern hat sich an die vorgesehenen Normierungen zu halten. Er hat sich imponierend und majestätisch zu bewegen, sonst ist er der Lächerlichkeit preisgegeben und muss um seine Macht fürchten. 

Ähnliches gilt auch für die Angehörigen des Adelsstandes, in abgestufter Form. Die Formung der Körpersprache reicht hinein in die verbale Sprache, die auch solchen Normen folgt. Ein gutes Beispiel ist dafür England nach der Invasion durch die Normannen, die eine neue Herrschaftssprache mitbrachten. Ein Engländer hat mir einmal erzählt, dass die sprachlichen Feinregulierungen zur sozialen Differenzierung nach wie vor in Geltung sind und genutzt werden, sodass jeder Engländer „hören“ kann, aus welcher Schicht eine Person kommt. Ähnliches gilt sicher auch für andere Kulturen, wenn auch die Tendenz zur Einebnung solcher Unterschiede im Zug der Demokratisierung im Laufen ist.

Die Untertanen haben eine Untertanenhaltung einzunehmen, mit der sie eine jederzeitige Unterwerfung signalisieren. Diese ist uns so eingeprägt, dass sich unsere Nackenmuskeln anspannen, um den Kopf zu senken, wenn wir Vorgesetzte treffen. Der Schuster hat bei seinem Leisten zu bleiben, und nur im Märchen wird der Müllerssohn zum König.

Es geht dabei auch um die Fesselung des Gefühlskörpers. Er darf der Herrschaftshierarchie nicht in die Quere kommen und muss kontrolliert werden. Auf die Aggressionsenthemmung der zweiten Stufe folgt die Aggressionshemmung auf der dritten. Damit sollen die Menschen massentauglich gemacht werden, also in die Lage versetzt werden, in einer Großgesellschaft zu funktionieren. Und dazu ist es wichtig, genau den eigenen Rang und den der anderen in der Hierarchie zu kennen, ähnlich wie die Inder trotz offizieller Abschaffung des Kastenwesens die Kastenzugehörigkeit jedes Gesprächspartners sofort erkennen.
Die Verfügung über den Körper wird öffentlich kundgemacht durch die grausamen Bestrafungen von Verbrechern und „Regimegegnern“, die der Bevölkerung nicht nur zeigen sollen, dass der Staat, der Herrscher, den Untertanen das Leben wegnehmen kann, sondern dass er die Verfügungsmacht über ihre Körper hat, mit denen er tun und lassen kann, was er will. Die Verbreitung der Folter für die Wahrheitsfindung in der Justiz ist ein weiteres Zeichen für den ungehemmten Zugriff des Staates auf die Körper der Menschen. Wenn der Verdächtige nicht freiwillig die Wahrheit sagt, wird sie aus seinem Körper heraus gepeinigt.

Erwähnenswert ist noch der Einfluss des Christentums auf die Körperformung im hierarchischen Bewusstsein. Unter dem Einfluss des Manichäismus, einer Glaubensrichtung aus dem vorderen Orient, nahm die Leibfeindlichkeit Einzug ins frühe Christentum, mit Folgen bis in unsere Zeit, vor allem in der katholischen Kirche. Der Körper galt als sündig und unrein.

Die Frauenkörper erfahren auf dieser Stufe bis ins Absurde gehende Verformungen. Die spanische Mode des 16. Jahrhunderts z.B. sollte den Frauenkörper derart einschnüren, dass er ein streng geometrisches Aussehen erreichte, zwei auf ihren Spitzen ruhende Dreiecke mit einem Kreis obenauf. Ein anderes Beispiel bieten die verunstalteten Füße der chinesischen Frauen, die mit diesem „Schönheitsmerkmal“ ihre Fortbewegungsfähigkeit einbüßten.

Jede selbständige Möglichkeit des Ausdrucks soll unterbunden werden, für die Frauen noch stärker als für die Männer. Die körperliche Leidenschaftlichkeit hat keinen Platz in der Öffentlichkeit, und die Gewissensprägung durch die Religionen sorgen zusätzlich dafür, dass auch im Privaten oder Intimen intensive Gefühlserregungen mittels Schuldgefühlen gedrosselt werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen (bis heute) den Körper als Gefängnis der Seele erleben und diese Verkümmerung der freien Lebendigkeit manchmal noch als spirituelle Erkenntnis verbrämen.

Die Befreiung des Körpers muss warten. Auch die vierte Bewusstseinsstufe, die den Körper für die Produktionsprozesse in Dienst nimmt, verheißt der körperlichen Freiheit nichts Gutes, im Gegenteil, die Ausbeutung der Arbeitskraft im Kapitalismus ist vor allem eine Ausbeutung der Körper bis an den Rand des Zusammenbruchs. Erst auf der fünften Stufe des personalistischen Bewusstseins wird langsam und vorsichtig der Körper wieder entdeckt und seine Lebendigkeit zurückgewonnen.