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Sonntag, 7. Januar 2024

Die Frage nach dem Jenseits und die Scham

Viele Religionen beschäftigen sich mit der Frage über das Weiterleben nach dem Tod und bieten dazu ihre Glaubenswahrheiten an. Die gängigsten Antworten sind die Wiedergeburtslehre und die Lehre von Himmel und Hölle. Nach Religionszugehörigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass ungefähr eine Hälfte der Menschheit mehr der einen und die andere mehr der anderen Richtung des Jenseitsglaubens anhängt.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle die Scham bei der Beantwortung dieser Frage spielt. Wir kennen den Zusammenhang von Frage und Antwort. Fragen kommen aus einem Spannungszustand, der durch die Antwort entspannt werden soll. Wir wissen etwas nicht, und das bereitet uns ein unangenehmes Gefühl. Wir suchen die Antwort, um das lästige Gefühl zu beseitigen. Jede Unwissenheit trägt ein kleines Element der Scham in sich, und das Wissen, das wir erlangen, löst die Scham auf. Wenn wir aber keine Antwort auf unsere Frage bekommen, bleibt die Schamspannung bestehen.

Dieser Zusammenhang zeigt sich bei den kleinen und kleinsten Unwissenheiten im Alltag in Form von kleinen und kleinsten Scham-Lösungszyklen. Bei den großen, letzten Fragen, die unser gesamtes Sein anbetreffen, sind diese Zyklen umso größer. Die Frage nach dem Jenseits unserer Lebenslaufbahn betrifft uns auf einer existenziellen Ebene. Unser Denken ist in der Lage, über unseren Tod hinaus zu fragen: Was ist mit der Seele, wenn der Körper stirbt? Die Vorstellung der radikalen Endlichkeit („Mit dem Tod ist alles aus“) hat etwas Schockierendes an sich. Alles, worauf wir in diesem Leben bauen, und alles, was wir in diesem Leben aufgebaut haben, soll mit einem Schlag beendet und verschwunden sein. Um uns vor dieser Radikalität der Endlichkeit zu schützen, glauben wir lieber an eine der Formen des Weiterlebens, entweder mit einer Chance, die dann eine Ewigkeit anhält, oder mit einer endlichen oder unendlichen Serie von Wiedergeburten. Diese Denkmöglichkeiten geben uns einen Trost und eine Beruhigung angesichts der drohenden Endlichkeit. Zugleich befrieden sie das Schamgefühl, das entsteht, wenn wir mit einer Frage ohne Antwort dastehen, so als wären wir wären keiner Antwort würdig.

Die Antworten auf Fragen geben uns ein Gefühl der Kontrolle. Wir sind nicht mehr einem ungewissen Schicksal ausgeliefert, auch dann nicht, wenn der Tod anklopft, sondern wir können darauf vertrauen, dass es irgendwie weitergeht und wir nicht völlig ausgelöscht werden. Wir verfügen über ein Stück Sicherheit, ein Stück Kontrolle in Hinblick auf den Tod.

Wir können uns dabei zwar nicht auf Wissen berufen, weil es aus der Jenseitswelt kein sicheres Wissen geben kann, aber wir können uns auf unsere Fähigkeit zum Glauben stützen. Durch das Glauben schützen wir uns vor der unheimlichen und existenziell bedrohlichen Vorstellung, im Moment des Todes in ein Nichts zu fallen. Wir müssen die Scham nicht mehr spüren, die uns bei dieser Vorstellung befällt.  

Der Umkehrschluss lautet allerdings, dass all die Scheinsicherheiten, die durch Erklärungsmodelle und Sinnangebote jenseits des Wissbaren vorgeschlagen werden, der Angst- und der Schamabwehr dienen. Sie vermitteln die Illusion von Kontrolle und befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit in einem Bereich, in dem es keine Sicherheit geben kann. Es wäre blamabel und bedrohlich zugleich, zugeben zu müssen, das eigene Leben über den Tod hinaus nicht kontrollieren zu können.

Wissen und Kontrolle

Verlässliches Wissen suchen wir deshalb, weil es uns Sicherheit gibt und uns erlaubt, die Wirklichkeit zu kontrollieren. Wenn wir herausgefunden haben, was Blitze sind, können wir Techniken entwickeln, die unsere Häuser vor Blitzschlägen schützen. Wir sind der Naturgewalt in dieser Hinsicht nicht mehr ausgesetzt, sondern halten sie unter Kontrolle. Wenn wir verstehen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, später als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit selber gewalttätig werden, wissen wir, wie wir die Gewalttätigkeit unter Menschen verringern können.

Wo wir über kein Wissen verfügen, das uns Sicherheit geben könnte, strengen wir uns an, dieses Wissen zu erzeugen. Wir forschen nach den Ursachen und Zusammenhängen, bis wir wissen, wie die Dinge funktionieren und wie wir sie lenken und kontrollieren können, sodass sie uns nutzen oder zumindest nicht mehr schaden.

Mit jedem Wissen gewinnen wir also ein Gefühl der Macht über Vorgänge und Menschen und fühlen uns geschützt vor Risiken. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, erfüllt uns mit Stolz. Mit Mitleid betrachten wir frühere Zeiten, in denen z.B. die Risiken, an einer Bakterieninfektion zu sterben, viel höher waren als heute. Denn wir verfügen gegen diese Gefahr über wirksame Mittel, die wir durch Wissen gefunden haben. Wo dieses Wissen noch nicht vorhanden ist, z.B. bei noch immer unheilbaren Krankheiten, spüren wir einen Mangel, der uns Scham bereitet, und eine Bedrohung, die uns Angst macht. Und wir freuen uns und sind stolz, wenn den medizinischen Wissenschaften ein Erfolg in der Krankheitsbekämpfung gelungen ist.

Gerade deshalb sind uns Bereiche, in denen wir kein sicheres Wissen erlangen können, besonders suspekt. Sie bereiten uns ein mulmiges Gefühl. Wir wollen uns auch hier vor Gefahren schützen und schämen uns, wenn es uns nicht gelingt. Um diese Scham zu überwinden, hat die Menschheit Vorstellungen erfunden, die uns auch hier eine Sicherheit geben sollen. Wir sind zwar nie sicher, ob es sich nicht doch um Illusionen handelt. Dennoch wollen viele auf diese Einbildungen nicht verzichten.

Die Alternative wäre es, das Nichtwissen und Nichtwissenkönnen auszuhalten. Die absolute Grenze, die der Tod in jedes Menschenleben einführt, löst Widerstände und Unwillen aus, die aus unserem Ego kommen. Unsere Selbstsucht hält es nicht aus, wenn wir irgendwo über keine Kontrolle verfügen und in der Schwebe der Unsicherheit hängen bleiben. Insbesondere unser eigenes Ende ist mit der größten Angst behaftet, und eine der Hauptfunktionen des Egos besteht darin, uns vor der Vorstellung eines absoluten Endes zu schützen. Es will über den Tod hinaus die Kontrolle behalten.

Denn es ist für unser überzogenes Selbstbewusstsein ein Skandal, das eigene Ende und damit die zukünftige Nichtigkeit dessen, was wir jetzt sind, mitdenken zu müssen. Der Narzissmus, der in jede Ego-Selbstbestätigung enthalten ist, will diese Grenze um jeden Preis relativieren, indem er sich an die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben anklammert. Mit einer Form des Jenseitsglaubens kann er und damit die gesamte Ego-Agenda bestehen bleiben, zumindest so lange der Körper die Denkvorgänge aufrechterhält.

Der Stolz der Nichtgläubigen

Aber auch die skeptische Haltung zu den Jenseitsfragen enthält emotionale Fixierungen, wenn sie mit Stolz vertreten wird. Die naiven Jenseitsgläubigen werden belächelt oder verachtet, während die eigene Überlegenheit im Nichtglauben genossen wird. Festgehaltener Stolz stellt eine Form der Schamabwehr dar. Die Scham, keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der eigenen Endlichkeit finden zu können, wird in den Stolz umgemünzt, im eigenen Bewusstsein weiter entwickelt zu sein als jene, die am Glauben hängen. Das Ego findet seine Befriedigung in dieser Form der Überheblichkeit.

Das Aushalten der Endlichkeit

Was wäre, wenn wir uns nicht unserem Ego unterordnen und den Narzissmus der Selbstüberschätzung überwinden? Dazu müssen wir uns den Gefühlen der Scham und der Angst stellen, die mit der Akzeptanz einer absoluten Grenze unseres Kontrollstrebens auftauchen. Wenn wir uns diese Gefühle bewusst machen, können wir ihre Macht über uns und über unsere Jenseitsvorstellungen brechen. Es fällt uns dann leichter, uns einzugestehen, dass unsere Kontrolle an der Grenze des Diesseits endet. Das Jenseits entzieht sich unserem Einfluss und unserer Macht, also auch der , die wir durch das Wissen erlangen wollen.

Die Akzeptanz der absoluten Grenze für das Wissen und die Kontrolle führt uns zu einer Haltung der Bescheidenheit und Demut. Wir fügen uns in unsere Begrenztheit und Unvollkommenheit und erkennen darin besondere Qualitäten des Menschseins. Wir beschränken unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit durch Wissen zu kontrollieren, auf das diesseitige Leben, auf das Meistern der aktuellen Probleme und Fragestellungen. Wir erkennen und nehmen die besondere Würde, die darin liegt, unsere Kräfte der Bewältigung unseres uns gegebenen Lebens zu widmen, gleich ob es nach dem Tod irgendwie weitergeht oder nicht. Wir gründen das Vertrauen in uns und in die Beziehungen zu den Menschen um uns herum, denen wir liebevoll begegnen.

Wir nutzen die Räume, die uns zur Verfügung stehen, um unser Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Als Menschen haben wir aufgrund unserer ins Jenseits und ins Unendliche reichenden Intelligenz eine Sonderstellung in der Natur inne. Wir können dieser Sonderstellung aber nur dann gerecht werden und aus ihr sinnvollen Nutzen ziehen, wenn wir uns selbst überall dort beschränken, wo die Kontrolle durch das Wissen nur illusionär ist. Jede Überdehnung der Grenzen führt uns in eine Versuchung, mehr Macht auszuüben als uns zusteht. Und das tut weder uns gut noch allem anderen, worauf sich diese Macht auswirkt.

Ähnlich wie wir als Menschheit unser Verhältnis zur Natur nur dadurch ausgleichen können, dass wir unsere überschießenden Kontrollimpulse kontrollieren und einschränken, kommen wir dem Sinn unseres Lebens nur näher, wenn wir die absolute Grenze, die uns der Tod nun einmal setzt, in ihrer Absolutheit respektieren und der Versuchung widerstehen, die uns die verschiedenen Glaubensmodelle anbieten.

Auf die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod haben wir die Wahl, an eines der Angebote aus den Religionen zu glauben oder auf jeden Glauben zu verzichten. In jedem Fall ist es sinnvoll und hilft bei der inneren Klärung, wenn wir nachprüfen, welche Ängste und vor allem welche Schamgefühle bei unserer Wahl mitspielen.

 Zum Weiterlesen:
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Theologie und Mystik zur Frage des Weiterlebens
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Wissen, Phantasie und Glaube
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele

Samstag, 18. März 2017

Über das Trauern

Wilhelm Lehmbruck: Sitzender Jüngling
Wenn uns ein Mensch verlässt, der uns nahe steht, trauern wir. Der Schmerz, den wir dabei spüren, hat damit zu tun, dass wir uns nicht nur von einem lieben Menschen, sondern auch von einem Teil von uns selbst verabschieden müssen, dem Teil, in dem dieser Mensch in uns „gewohnt“ hat. Diese Wohnung ist jetzt verwaist, und sie muss aufgelassen werden, damit sich unsere Identität neu formieren kann. Wir sind nach einem solchen Verlust nicht mehr dieselben, die wir vorher waren. Das Trauern hilft uns dabei, dass wir uns in der neuen Form wiederfinden können.

Das Weinen als Trauerreaktion ist ein intensives Gefühl und es bewirkt, dass wir uns auf uns selbst zurückziehen. Es verbindet uns stark mit uns selbst, alles andere um uns herum wird plötzlich nebensächlich. Wir gehen ganz nach innen und sind ganz bei uns selbst. Wir stärken dadurch unsere Selbstbeziehung. Denn unsere Selbstbeziehung nährt und wächst durch Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn eine dieser Beziehungen im außen nicht mehr möglich ist, müssen wir die Beziehung zu uns selbst neu errichten und in uns festigen. Dabei hilft uns das Trauern. Wir kehren ein bei uns selbst, um uns zu trösten, zu laben und zu kräftigen. Wir reorganisieren unser verletztes Selbst, sodass es wieder ganz werden kann.

Gelingt uns dieses Trauern aus irgendeinem Grund nicht, dann schwächt uns der nicht verarbeitete Verlust langfristig. Unsere Selbstbeziehung hat Schaden erlitten, der nicht gutgemacht ist, und wir verlieren an Kraft und Sicherheit. Wir können die Leere, die der verstorbene Mensch hinterlassen hat, nicht füllen und werden immer wieder von ihr eingeholt. Sie lähmt uns und bindet Lebensenergien. Wir laufen Gefahr, statt zu trauern depressiv zu werden.


Die soziale Funktion der Trauer


Die Trauerreaktion hat noch einen anderen Sinn. Sie sendet ein starkes soziales Signal aus.  Wenn wir weinen, zeigen wir uns verletzlich und schwach. Wir sind für niemanden eine Bedrohung, wir lösen keine Angst aus, im Gegenteil, wir sind hilfsbedürftig und weitgehend handlungsunfähig. Wer uns in dieser Lage mit Empathie begegnet, wird den Impuls spüren, uns zu halten und zu trösten. Wir bekommen sozialen Zuspruch und emotionale Zuwendung von Menschen, die uns wohlgesonnen sind. Das vertieft diese Beziehungen, und wir festigen auf einer tieferen Ebene unsere Überzeugung darüber, dass wir nicht alleine sind und dass das soziale Leben weitergeht, auch wenn es an einer Stelle unterbrochen wurde. 


Das Gedenken und das Vermächtnis


In diesem Sinn gedenken wir auch der Verstorbenen. Wir halten sie in unserer Erinnerung lebendig und geben ihnen einen Anteil an und in unserem Leben. Damit halten wir weniger eine Illusion aufrecht (ein Mensch, der verstorben ist, ist eben nicht mehr lebendig). Vielmehr bleibt die soziale Beziehung zwischen den Lebenden und den Verstorbenen bestehen, allerdings mit geänderten Vorzeichen: Es gibt eben kein lebendiges Gegenüber mehr, das aus sich heraus in der Kommunikation reagiert.  Dennoch wirkt die Beziehung zwischen Lebenden und Verstorbenen weiter, in den Lebenden, die auch den Nicht-mehr-Lebenden Lebendigkeit verleihen können.

Wir schätzen Menschen über ihren Tod hinaus. Damit anerkennen wir, dass sie immer mehr sind als ihr Leben zwischen Geburt und Tod und  dass ihre Bedeutung über die Person hinausgeht, die sie waren.

Manchmal sprechen wir von einem Vermächtnis: Menschen hinterlassen etwas, das über ihren Abschied hinaus wirkt. Und das trifft nicht nur auf die berühmten Persönlichkeiten, wie z.B. Seneca oder Goethe, die in ihren Werken und Zitaten weiterwirken und Menschen seit Jahrhunderten immer wieder inspirieren. Das trifft auf alle Menschen zu: Jeder hinterlässt etwas, was nur er/sie hinterlassen kann, und das können hundert Kompositionen sein oder eine Art zu lächeln, ein Lieblingsspruch, ein Händedruck, eine Geste oder eine besondere Art sich umzublicken. All das kann bedeutsam sein und verdient Wertschätzung, und aus einer bestimmten Perspektive sind alle diese unterschiedlichen Vermächtnisse in ihrer Wertigkeit gleich. Letztlich und eigentlich geht es darum, die Person als Person in ihrer Einzigartigkeit und Ganzheit im Gedenken lebendig zu erhalten. Wir erinnern uns an sie, und wir fühlen uns bereichert und inspiriert und können anderen davon ein Stück weitergeben.


Das Ego und der Verlust


Der Verlust menschlicher Beziehungen ist ein Verlust an Möglichkeiten, und das ist der Grund, warum sich manchmal Wut in die Trauer mischen kann. Es wurde uns etwas weggenommen, was uns „gehört“ hat, und wir konnten nichts dagegen machen. Wir haben ein Stück Freiheit verloren, das wir an diesen Menschen geknüpft haben, und das wir in dieser Form nicht mehr leben können. Wir haben auch eine Möglichkeit verloren, unsere Liebe zu leben und auszudrücken. Aus spiritueller Sicht betrachtet, ist es das Ego, das um seine verlorenen Möglichkeiten trauert oder dagegen wütend rebelliert.

„Ich hätte noch so gerne dies oder jenes mit der Person getan oder gesprochen, warum musste sie so früh gehen, dass das nicht mehr möglich ist?“ So fragt das beleidigte Ego und beklagt seine Hilflosigkeit. Doch das trauernde Selbst weiß, dass es nur eine Möglichkeit hat, die neue Situation zu verarbeiten, indem im Zulassen des Schmerzes die Unausweichlichkeit dessen, was passiert ist und wie es passiert ist, akzeptiert wird.

Hier findet sich eine weitere Funktion der Trauer: Sie beruhigt das verletzte Ego und lässt es zurücktreten. Es hilft nicht, aus einer überlegenen Position zu dozieren, dass die ganze Trauergeschichte bloß eine Ego-Veranstaltung sei und wir dabei nur regressiven Gefühlsmustern nachhängen. Mit dieser selbstkritischen Haltung geschieht einzig und allein, dass sich das Ego selbst übertrumpfen will. Es ignoriert die vegetative und die soziale Funktion der Trauer.

Dazu eine Zen-Geschichte:

Ein Meister erhielt die Nachricht, dass sein Bruder verstorben sei. Daraufhin fing er bitterlich zu weinen an. Nach einiger Zeit kamen die Schüler und fragten ihn, warum er denn so weine, obwohl er ja immer gelehrt hatte, dass alle Phänomene nur Illusion seien und dass die Wahrheit nur im Annehmen der Unbeständigkeit alles Seins zu finden wäre. Da sagte der Meister: „Freilich ist es nur eine Illusion, aber es ist eine besonders schmerzliche.“


Wir können der Wirkung der Trauer vertrauen; wir können uns ihr ganz anvertrauen: Sie führt durch den Prozess des Abschiednehmens und der Verarbeitung des Verlustes bis zur Wiedererrichtung und Stärkung des sozialen Netzes. Indem alle Gefühle, die dabei auftauchen, akzeptiert und zugelassen werden, weitet sich das Bewusstsein über den eigenen Schmerz hinaus und etwas Größeres tritt ins Blickfeld, das alles umfasst, das Leben und das Sterben, das Glück und die Trauer.

Dazu noch eine Geschichte:

Ein berühmter Zenmeister pflegte immer wieder 48 Stunden lang zu weinen. Einer seiner Schüler sagte zu ihm: „Sie sind kein richtiger Meister. Sie lassen sich von ihren Emotionen überwältigen und heulen wie ein kleines Kind.“ Der Meister antwortete: „Meine Freiheit besteht darin, zu weinen, wenn ich traurig bin.“ Er war völlig eins mit seiner Trauer, als er traurig war. Und er war wirklich in der Tiefe seiner Traurigkeit. Der Erfolg davon war aber, dass er den größten Teil seiner Traurigkeit in 48 Stunden bewältigt hatte. Dann war’s vorbei.


Vgl. Das Ego und das Weiterleben nach dem Tod
Theologie und Mystik zum Weiterleben nach dem Tod

Sonntag, 30. November 2014

Das Ego und die Dualität

Das Ego ist aus Trennung und Abspaltung entstanden. Es hat sich als Retter aus einer frühen Traumatisierung entwickelt und sieht sich hinfort als Beschützer vor weiteren negativen Erfahrungen. Es entwickelt in dieser Rolle eine eigene Strategie, die sich aus der Struktur der Traumaverarbeitung auf der Gehirnebene ableitet und auf ihr beruht. Wir können also davon ausgehen, dass das Ego ein eigenes neuronales Netzwerk im Gehirn aufbaut und sich aus seiner Aktivität immer wieder selbst bestätigt.

Um seinen Bestand zu wahren, muss es implizit sagen: Ich bin traumatisiert und ich will, dass das so bleibt. Ich will also nicht geheilt werden. Denn damit wäre ich überflüssig. Also arbeite ich daran, dass alles so bleibt, wie es ist. Therapeuten kennen dieses Phänomen unter dem Namen Widerstand.

Das Ego, das aus Abtrennung entstanden ist, bestätigt sich selber andauernd, indem es überall im Außen und im Innen Trennungen erschafft. Seine Spezialitäten sind das Vergleichen, das Abwerten, das Kritisieren, das Betonen der Unterschiede. Überall, wo es Dualitäten erschaffen kann, fühlt es sich sicher. Sein Prinzip ist es, Zwietracht zu säen. Wo Einheit ist, soll Dualität sein. Denn nur im Dualen hat das Ego eine Existenzberechtigung.

Liebe, das Prinzip der Verbindung, wird vom Ego in Konzepte gegossen und so handhabbar gemacht. Liebe ist, wenn … jemand meine Bedürfnisse erfüllt, jemand mir nicht widerspricht, jemand nur für mich da ist, wenn ich gebe, damit ich genug bekomme usw. Die Konzepte der Liebe werden vom Ego als Erweiterung seiner Ansprüche und Komplexe verwendet. Ein typischer Spruch aus der Egoperspektive: „Liebe ist schwer zu finden, schnell verloren und hart zu vergessen.“

Das Ego vermag es auch, eine eigene Form der Einheit und Vollkommenheit zu fantasieren, die als Sehnsucht in einen illusionären Ort hineinprojiziert wird: Das Schlaraffenland, Shangri La oder Avalon. Oder eben: Das paradiesische Leben nach dem Tod. Solche Illusionen dienen nichts anderem als der Befestigung der Dualität: Nicht hier und jetzt, sondern irgendwann einmal wird alles gut sein.


Vgl. Theologie und Mystik zur Frage nach dem Weiterleben
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Das Ego und seine Wurzeln

Theologie und Mystik zur Frage nach dem Weiterleben

Im katholischen Glaubensbekenntnis ist von der Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben die Rede. Nach traditioneller Theologie gibt es drei Orte des Weiterlebens: den Himmel, die Erde und das Fegefeuer, die je nach der moralischen Leistung im Erdenleben der Seele zugeteilt werden.

Die Kritik an dieser Auffassung, die etwa Karl Marx zu dem berühmten Zitat von „Religion ist Opium fürs Volk“ motivierte, bezieht sich vor allem darauf, dass die Religionen den Menschen ein besseres Leben nach dem Tod versprechen, sodass sie sich nicht über die ungerechten und unmenschlichen Lebensbedingungen aufregen müssen, unter denen sie jetzt leiden. Außerdem wird den Religionen vorgehalten, dass sie mit Hilfe von Angstmachen bzw. Verlocken die Menschen dazu bringen wollen, sich in einem gewünschten Sinn zu verhalten. Um nicht den Qualen der Hölle zu verfallen, sondern sich in Ewigkeit an den Genüssen des Himmelreiches gütlich tun zu können, mag es schon wert sein, sich sittsam und brav den Geboten von Gesellschaft und Religion unterzuordnen.

Die neuere Theologie

Um dieser Kritik zu entgehen, haben moderne Theologen versucht, die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele neu zu interpretieren. Sie sprechen vom Ziel des menschlichen Lebens in der Begegnung mit Gott nach dem Tod (Heinrich Tischner), die dem menschlichen Leben erst Sinn verleiht. Reinhard Körner meint: „Gott wird mich 'anschauen', mir zugewandt mit einer Liebe, wie ich mir das im schönsten Traum nicht vorstellen könnte.“ Körner schreibt auch, dass Gott den Menschen nicht zugrundegehen lassen könnte, wenn er ihn liebte, und deshalb muss es ein Weiterleben geben. Dietmar Mieth schreibt, es gehe darum, jetzt schon leben, was dann einmal sein wird.

Gemeinsam ist diesen Auffassungen die Idee, dass das Menschsein erst nach dem Tod seine Verwirklichung finden kann. Das, was jetzt nicht vollkommen ist, wird diese Vollkommenheit erlangen, wenn das Erdenleben zu Ende ist. Das Verheißene wird aufgeschoben auf eine Zukunft in einem anderen Seinszustand. Trotz der Betonung der Einheit von Seele und Körper tritt die Dualität spätestens nach dem Tod auf den Plan. Es verändert nichts, wenn von einer weiterbestehenden seelischen Identität gesprochen wird und wenn der sterbliche Körper von einem Leib unterschieden wird, der weiterleben kann. Seele und Psyche zu unterscheiden ist dann auch nur eine Spitzfindigkeit, letztlich ist klar: Vollkommenheit gibt es nur, wenn eines nicht mehr da ist, nämlich dieser physische Körper.

Der Materialist

Ein gestandener Materialist ist durch solche Überlegungen überhaupt nicht beeindruckbar. Er würde trocken sagen, dass es dieser physische Körper ist, der all die Ideen von Vollkommenheit, von Weiterexistenz, von Leib und Seele produziert hat. Das Ganze soll dann erst Wirklichkeit werden, wenn er, der Produzent, nicht mehr existiert? Das Fest findet erst statt, wenn der, der es sich ausgedacht und geplant hat, verschwunden ist – ziemlich unfair.

Die Atheistin

Die Atheistin würde dem Theologen entgegenstellen, dass ein Gott, der die Menschen so erschafft, dass sie unvollkommen und unglücklich das Leben in dieser Wirklichkeit durchleben müssen, um ihr Ziel in einer ungewissen, nur dem Glauben zugänglichen anderen Wirklichkeit zu finden, nicht von Liebe, sondern von Zynismus geleitet sein muss: Ein Gott, der sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte diesen Menschen offenbart und ihnen mitteilt, dass sie nach nichts anderem streben sollen, als nach dem Tod mit ihm zusammenzukommen, um dort die wahre Liebe zu erleben. 

Der Mystiker

Anders argumentiert der Mystiker. Er weist darauf hin, dass das Leben immer im Moment vollzogen wird. Die Zukunft ist immer nur als eine Projektion des Denkens verfügbar, wird also auch immer im Moment entworfen. So ist auch die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod eine Wunschfantasie, die aus dem Nicht-Akzeptieren des gegenwärtigen Moments entspringt. Die Zukunft wird als das Bessere und die Gegenwart als das Schlechtere dargestellt. Damit findet eine Entfremdung und Abspaltung vom momentanen Erleben statt.

Der katholische Mystiker Willigis Jäger schreibt: “Die Religionen bestärken uns in dieser falschen Auffassung vom Leben, bieten uns Hoffnungsbilder an. Das Eigentliche - sagen sie - kommt erst noch. Im Himmel, später, nach dem Tod, dann kommt die heile Welt: Eine bessere Wiedergeburt, bis das Nirwana erreicht wird; Auferstehung, Himmel und ewige Seligkeit; Ausgleich für all das Gute und das Böse. Religionen leben von diesen Hoffnungsbildern. Hoffnungsbilder sind wichtig, weil der Mensch sonst der Sinnlosigkeit anheim fällt. Sie sind aber auch das letzte Bollwerk, hinter dem das Ich sich verschanzt, um seinen Fortbestand zu retten.” (S. 59)

„Der Sinn des Lebens liegt nicht darin, möglichst lange zu leben, sondern Augenblick für Augenblick zu leben.“ (S. 64) „Unsterblichkeit ist nur im Augenblick zu finden, oder sie ist überhaupt nicht zu finden.“ (66) (Zitate aus: Willigis Jäger: Das Leben endet nie. Über das Ankommen im Jetzt. Theseus Verlag, Bielefeld 2013)

Der Mensch, der sich in den gegenwärtigen Moment versenkt und seine Fülle wahrnehmen kann, hat den Sinn schon gefunden. Er wird keine Energie auf das Imaginieren einer noch besseren Zukunft oder auf das Wachrufen vergangener Zeiten verschwenden. Da in diesem Moment das Ganze des Lebens gegenwärtig ist, braucht es keine Unsterblichkeit oder keine Wiedergeburt, kein Paradies und keine Hölle.

Das Gefühl der Sinnlosigkeit, dem die Hoffnungsbilder als Therapeutikum dienen können, stellt sich ein, wenn der Sinn in der Vergangenheit oder in der Zukunft gesucht wird. Da es von beiden keine lebendige Erfahrung, sondern nur eine Erinnerung oder eine Fantasie gibt, hat der Sinn, der daraus gewonnen wird, nur eine schwache Basis, die jederzeit zusammenbrechen kann.

                     Willigis Jäger wurde übrigens 2001 seitens der katholischen Glaubenskongregation ein Rede-, Schreib- und Auftrittsverbot erteilt. In der Folge wurde ihm die Ausübung jeder öffentlichen Tätigkeit untersagt. Die offizielle Kirche hat wieder einmal einen Trennungsstrich zwischen sich und der Mystik gezogen, obwohl der Theologe Karl Rahner schon vor fünfzig Jahren prophezeite, „dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sei oder nicht mehr sei.“

Theologe wird man durch Studium, Materialist und Atheist durch Nachdenken, Mystiker kann man nur durch Innenerfahrung werden. Oft haben Mystiker studiert und können gut nachdenken. Sie verbinden all das aber mit einer konsequenten inneren Suche und Erforschung, oft in Zusammenhang mit Askese und Ritualen. Jesus war 40 Tage in der Wüste, Buddha saß viermal sieben Tage unter den Bäumen, Muhammad zog sich in die Höhle Hira zurück. Mystiker überzeugen nicht durch Argumente, sondern durch ihre Persönlichkeit, die sich durch die Innenerforschung gereinigt und gewandelt hat. Sie zeigen durch ihr Beispiel, dass inneres Wachstum möglich und lohnend ist.

Freitag, 28. November 2014

Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit

Wenn wir Spekulationen über das Leben nach dem Ende des Lebens verbreiten, sollten wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass wir damit einer Ego-Produktion Vorschub leisten. Das menschliche Ego ist, wie der Körper, zeitlich begrenzt und weiß um seine Grenzen. Es hat die Tendenz, jede Grenze, die ihm von der Umgebung auferlegt wird, zu überschreiten, im Bestreben, die eigene Beschränktheit zu überschreiten. Wir erkennen den typischen Egoisten daran, dass er die Grenzen anderer Menschen missachtet und die eigenen auf ihre Kosten ausweitet.

Hinter dem Größenstreben des Egos steckt das Wissen um die Begrenztheit, die es schwerfällt zu akzeptieren. Begrenztheit bedeutet etwas Größerem ausgeliefert sein, von ihm abhängig zu sein. Der Tod als dieses Größere muss vom Ego geleugnet werden. Da das Wissen um ihn nicht verleugnet werden kann, wird eine Zusatzkonstruktion ins Spiel gebracht, die seine Wirksamkeit teilweise außer Kraft setzt: Nur der Körper stirbt, die Seele bleibt.


Meister der Dissoziation 


Das Ego ist nach meiner Auffassung ein Ergebnis traumabedingter Dissoziation. Es entsteht, wenn eine schwierige und bedrohliche Situation nicht verarbeitet werden kann. Dann kommt es zu einer Spaltung, das Bewusstsein geht auf eine imaginäre Ebene und bildet dort die Strukturen des Egos aus. Trauma ist also die Wurzel des Egos.

Das Ego sieht sich deshalb als Beschützer vor Gefahren und übt damit die Macht über das organismische Fließen aus, das trotz aller Traumatisierungen weiter geht. Damit beginnt ein duales Leben – wir leben faktisch auf zwei Ebenen, weshalb wir in Dualitäten denken. Die eine wird vom Ego gelenkt und die andere von den Prozessen des Lebens. Wenn wir funktionieren, sind wir auf der Ego-Ebene, wenn wir leben auf der anderen.

Da das Ego aus Dissoziation entstanden ist und nur solange besteht, als es Dissoziation gibt, will es diese Spaltung um jeden Preis aufrecht erhalten. Deshalb liegt die Annahme nahe, dass es das menschliche Ego ist, das die Ideen vom Weiterleben nach dem Tod erzeugt hat und immer wieder weitergibt. Es suggeriert uns damit, dass wir keine Angst haben müssen vor der absoluten Grenze des Todes, weil es ja weiter existieren wird. Zusätzlich produziert es die Illusion, dass es in dem Jenseits, in das es dann eintreten wird, gar nicht mehr notwendig ist, weil da ja für alles gesorgt wird und keine Bedrohungen mehr bestehen. In christlicher Vorstellung z.B. betrachtet man das Antlitz Gottes in unendlicher Liebe, und alles andere ist belanglos. Das Ego verspricht gewissermaßen, sich zu verabschieden, aber erst eben, wenn es von diesem Körper befreit ist, in dem all die Traumen gespeichert sind.

Wir verstehen in diesem Zusammenhang sofort, warum der Körper in manchen leibfeindlichen Traditionen als Hort des Unreinen, Bösen und Schlechten abgewertet wurde. Es ist jedoch nur „Propaganda“ des Egos, das seinen eigenen Bestand damit rechtfertigen will. Zusätzlich kann es mit einiger Überzeugungskraft behaupten, zum Unterschied von diesem mangelhaften sterblichen Körper selber unsterblich zu sein. Es ist ja der Meister der Dissoziationen, und im Bereich des vom Lebensfluss abgespaltenen Bewusstseins ist das Vorspiegeln jeglicher Illusion leicht möglich.


Das Ego und seine Macht


Ein weiteres Lieblingsthema des Egos ist die Macht. Um seine Funktion ausüben zu können, muss es seine Machtbasis immer mehr aufbauen und absichern. Eine seiner Strategien liegt darin, trotzig die eigene Begrenztheit zu ignorieren. Deshalb tun wir uns so schwer zu akzeptieren, dass es eine unüberwindliche Grenze unseres Lebens und unserer Existenz gibt.

Es verletzt unseren Stolz als Geistwesen, aber auch unser Machtstreben, das uns dazu bringt, uns immer mehr zu bereichern und abzusichern. Soll all dieses Streben letztlich sinnlos gewesen sein, weil wir alles zurücklassen müssen? Da wir wissen, dass niemand seinen materiellen Besitz über den Tod hinaus retten kann, muss wenigstens die Seele erhalten bleiben.

Unter dem Mantel der Religiosität und Spiritualität versucht sich das Ego eine Zeitlosigkeit zuzulegen, weil es von der Vorstellung gekränkt ist, einmal seine Macht aufgeben zu müssen. Es will ewig leben. Es soll keine Macht geben, die ihm diese Ewigkeit streitig machen könnte.


Die Grenze des Wissens


Deshalb akzeptieren wir auch nicht, dass es eine unüberschreitbare Grenze unseres Wissens gibt. So viel wissen wir schon, und immer mehr Wissen wird erschlossen. Warum sollen wir uns gerade mit dieser Begrenzung zufrieden geben? Das, was weiß, kann nicht wissen, was ist, wenn es nicht mehr ist. Ein Auge kann nicht einmal sehen, wie es sieht, geschweige denn, wie es sähe, wenn es nicht mehr wäre. Alles, was wir wissen, sagt uns, dass wir nichts mehr wissen können, sobald die Grundlagen unseres Wissens, die in der lebendigen Aktivität des Gehirns und Nervensystems bestehen, zugrunde gegangen sind, also ihre Aktivität beendet haben.

Gekränkt wegen dieser Grenze, die zu unserem Menschsein gehört, suchen wir Auswege und bilden zu dem Zweck Glaubenssysteme, die uns die Illusion vermitteln, dass wir eine Macht über unseren physischen Tod hinaus ausüben können. Da wir bis ins Absolute hinein denken können, tun wir uns so schwer zu akzeptieren, dass all unser Wissen und Erleben, also das, was unser Leben ausmacht, an die Relativität und Vergänglichkeit unseres Körpers gebunden ist.

Was wir allerdings wissen können: Unser Leben ist ein körperlich-seelisches Leben mit einem Ablaufdatum und einem Ende seiner Existenz. Mehr Wissen gibt es zu diesem Thema nicht, alles andere ist Illusion. Und der Betreiber der Illusionsmaschine ist das Ego.


Die Ängste und der Tod


Glaubenssysteme, die mit der Unsterblichkeit der Seele hantieren, sind gesteuert von Ängsten, die verständlicherweise mit der Vorstellung des menschlichen “Seins zum Tod“ zusammenhängen. Wovor wir im Tiefsten Angst haben, ist der Tod. Alles, was uns Angst macht im Leben, weist uns auf die Möglichkeit des Sterbens hin. Damit will die Angst unser Weiterleben sichern.

Wenn der Tod nur teilweise (nur in Bezug auf den Körper) stattfindet, braucht die Angst weniger zu sein, so die Rechnung. Sie geht aber nicht auf, weil die Angst eine körperliche Erfahrung ist, die, zumindest in der uns bekannten Form, aufhört, sobald der Körper das Ende seiner Lebendigkeit erreicht hat. Die Angst hat ihre Aufgabe erfüllt, wenn wir sterben.

Neurotische Ängste können wir bearbeiten, sodass sie uns nicht mehr behelligen. Die Angst vor dem Tod ist eine von ihnen, weil sie nicht auf einer realen Bedrohung beruht, sondern auf einem Gedanken, der die Zukunft halluziniert.

In jeder realen Angst begegnet uns zwar die Angst vor dem Tod: Wenn wir in eine gefährliche Situation geraten (Absturz beim Bergsteigen, Unfall beim Schifahren, Sturz über eine Stiege, Panikattacke oder Herzaussetzer...), sind wir mit der Möglichkeit des Todes konfrontiert. Die Angst dient aber in diesen Situationen dazu, dass wir die konkrete Herausforderung meistern können, indem wir alle Ressourcen mobilisieren, um uns aus der gefährlichen Situation zu retten. Hier ein Beispiel dazu:

 
Der Mann, der in den Brunnen stürzte

Ein Mann stolpert und fällt in einen tiefen Brunnen, stürzt hundert Meter, bis er an einer dünnen Wurzel Halt findet und sich anklammern kann. Sein Griff wird schwächer und schwächer, und in seiner Verzweiflung schreit er hinauf: „Ist da wer da oben?“
Er schaut hinauf, kann aber nur einen Kreis mit Himmel sehen. Plötzlich teilen sich die Wolken und ein Lichtstrahl scheint zu ihm hinunter. Eine tiefe Stimme donnert: „Ich, der Herr, bin es. Lass die Wurzel los und ich werde dich retten.“
Der Mann überlegt einen Moment und ruft dann: „Ist vielleicht noch jemand anderer dort oben?“


Ohne Weiterleben weiter leben


Was würde uns fehlen, wenn wir jede Form des Glaubens an ein Weiterleben nach dem Tod aufgäben, wie würde sich dadurch die Qualität in unserem Leben ändern? Worin könnte ein Gewinn liegen? Welche Angst meldet sich? Und was würde passieren, wenn diese Angst keine Rolle mehr spielte?

Es geht eine Gewohnheit verloren, eine in jeder Kultur verbreitete Vorstellung, „dass es mit dem Tod nicht aus sein kann, dass es weitergehen muss“. Es geht eine Tröstung verloren, die von dieser Vorstellung stammt. Es geht eine Hoffnung verloren, die uns vor dem Endgültigen schützt. Die Ängste vor dem Ungewissen werden ein Stück beruhigt.

Wenn wir den Glauben an ein Weiterleben aufgeben, fehlen uns diese Elemente. Wird unsere Welt dann trostloser und hoffnungsloser, sind wir immer mit der Angst vor dem Ungewissen konfrontiert? Wird sie farbloser und eingeschränkter, wenn diese Perspektive fehlt?

Das Glauben kann uns eben keine Sicherheit bieten, denn die Ungewissheit bleibt: Werden wir wirklich nach dem Tod auferstehen? Was, wenn es nicht stimmt? Wer an Himmel und Hölle glaubt, kann nicht wirklich sicher sein, ob nicht die Lehre von der Wiedergeburt stimmt, wer an letzteres glaubt, kann sich nicht sicher sein, ob er sich nicht doch im Himmel, Fegefeuer oder in der Hölle wiederfinden wird, statt in einem neuen Körper. Die Theologen der einen Richtung sagen das eine, die Theologen der anderen predigen etwas anderes, die heiligen Bücher aus einer Ecke versprechen dies, die ebenso heiligen Bücher aus der anderen Ecke jenes; ein freies Feld von Meinungen ohne jede Sicherheit und ohne irgendeinen Maßstab von Relevanz.

Das Glauben kann als Gegengewicht gegen die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit dienen, damit wir von solchen Gefühlen nicht gelähmt werden, sondern zu unserer Handlungsfähigkeit zurückfinden. Unsere Verzweiflungen und Verirrungen stammen aber nicht aus einem Mangel an Glauben, sondern aus den traumatisierenden Erfahrungen unserer Lebensgeschichte. Wenn wir mit dem Leben verbunden sind, wie es von Moment zu Moment fließt, gibt es keine Verzweiflung und keinen Mangel an Hoffnung.

Je mehr von unseren neurotischen Ängsten wir aufgelöst haben, desto mehr leben wir von diesem Augenblick zum nächsten, sodass sich der Kreis schließt: Wir verzichten auf die Glaubenssysteme, die sich aus den neurotischen Ängsten speisen, und lösen uns aus der Macht der Ängste. Damit können wir das Leben, das wir im Hier und Jetzt leben, mit voller Kraft, Kreativität und Freiheit leben.

Wenn wir uns einmal darauf eingelassen haben, dass wir auf jedes Wissen über das Sein nach dem Tod verzichten können, können wir die Freiheit des Seins vor dem Tod noch voller annehmen und gestalten. Die Erfüllung brauchen wir nicht auf eine Zukunft verschieben, sondern können sie im Jetzt entdecken. Wenn uns etwas fehlt, wenn etwas mangelt, dann nur deshalb, weil unser Blick von unserem Ego gelenkt ist und nur die Einschränkungen sieht statt der Fülle, die da ist. 


Vgl. Theologie und Mystik zur Frage des Weiterlebens
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Wissen, Phantasie und Glaube
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele