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Sonntag, 28. Juni 2026

Die spirituelle Umgehung (spiritual bypassing)

In der Spiri-Szene hat der Begriff „spirituelles Bypassing“ eine gewisse Bekanntheit erworben. Grob gesprochen ist damit gemeint, dass spirituelle Konzepte dafür missbraucht werden können, eigene nicht aufgearbeitete emotionale Themen zuzudecken und zu verschleiern. Statt sich dem Schmerz und all den anderen Gefühlen zu stellen, die mit der Wurzel des Themas verbunden sind, hängt man sich ein spirituelles Mäntelchen um und schwindelt sich über die seelische Wunde hinweg. Der Begriff wurde von dem Psychologen und Schüler von Chögyam Trungpa Rinpoche John Welwood (1943–2019) geprägt, der erkannte, dass tiefe spirituelle Erfahrungen zu erweiterten Bewusstseinszuständen führen können, ohne dass die unbewussten Verletzungen aus der Kindheit davon berührt würden. Er hat unter „vorzeitiger Transzendenz“ verstanden, dass sich das Bewusstsein über die eigene fragmentierte und von Traumen erschütterte Seele erhebt, ohne mit ihm im Reinen zu sein. (Welwood 2010) Der Buddhist und Psychologe Jack Kornfield (*1945), hat darauf hingewiesen, dass die mühsame Arbeit darin besteht, die spirituellen Einsichten in das Alltagsleben, der voll von psychologischen Verstrickungen ist, zu integrieren, unter dem Motto: „Nach der Erleuchtung die Wäsche zu waschen.“ Der integrale Philosoph Ken Wilber (*1949) hat mit seinem Modell der Prä-Trans-Verwechslungen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Missbrauchs von Spiritualität für emotionale Zwecke beigetragen. Er hat zwischen „waking up“ und „growing up“ unterschieden, also zwischen dem Aufwachen und dem Aufwachsen. Beides braucht unsere Aufmerksamkeit und unser Engagement, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Emotional erwachsen werden wir, indem wir an unseren Kindheitsthemen arbeiten. Aufwachen im spirituellen Sinn geschieht durch die Meditationspraxis und durch Gnade.

Nach dem kanadischen Psychotherapeuten Robert Augustus Masters (*1947) handelt es sich beim spirituellen Überholen um einen Abwehrmechanismus (Masters 2010). Er beschreibt in seinem Buch Spiritual Bypassing eine Reihe von Erscheinungsformen dieser Abwehr.

Die übermäßige emotionale Distanzierung

Was sich als spirituelle Tugend des Gleichmutes und der Gelassenheit darstellt, kann die Auswirkung einer Dissoziation oder eines traumatischen Erstarrungszustandes sein. Die emotionale Taubheit, die oft hinter dem Rezitieren von spirituellen Sätzen steckt, dient dem Nichtspüren der tieferen Gefühle und dem Nicht-Einlassen auf interpersonale Beziehungen, die mit ihrer Emotionalität die Taubheitsabwehr herausfordern könnten.

Die zwanghafte oder giftige Positivität

Es gilt als unspirituell, negative Gedanken zu haben – sie könnten negative Ereignisse anziehen und sie passen nicht zum Selbstbild der eigenen Heiligkeit. Also müssen alle negativen Gedanken ausgerottet werden; für jeden dennoch auftretenden Gedanken aus dieser Richtung sollte man sich schämen. Negativ zur eigenen Negativität zu sein, verdoppelt nur die innere Belastung. Stattdessen wird verordnet: Denk ausschließlich positiv, dann wird alles gut. Dieser Ratschlag dient wiederum dem Vermeiden der aktuell auftauchenden unangenehmen Gefühle. „Da ich ja so spirituell bin, habe ich keine ‚negativen‘ Gefühle, sondern bin immer im göttlichen Licht.“ Das Denken hilft aus der Patsche, der Preis ist die Gefühlsvermeidung. 

Die voreilige Vergebung

Wenn Verletzungen durch andere Menschen geschehen sind, will die sich spirituell wähnende Person schnell vergeben, um nicht in einer negativen Haltung, die der Spiritualität widersprechen würde, festzuhängen. Doch kann eine echte Vergebung nur dann geschehen, wenn alle mit der Verletzung entstandenen Gefühle zugelassen und anerkannt wurden. Ansonsten bleiben diese Gefühle unterschwellig erhalten und führen zu Ressentiments in anderen Beziehungen. Der Konflikt schwelt weiter und besteht im Inneren fort. Außerdem wird der anderen Person die Chance genommen, aus der Situation zu lernen und das eigene Verhalten zu überdenken. Oft sind es in der Kindheit erworbene Muster, die hinter der Vermeidung von Konfrontation stecken. Dadurch wird nicht nur die Chance auf eine wirkliche Versöhnung vertan, zusätzlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass es wieder zu einer ähnlichen Verletzung kommen wird, weil die andere Person gar nicht mitbekommt, was sie angestellt hat.

Das blinde Mitgefühl

Opfer von Misshandlungen nutzen spirituelle Versatzstücke, um ihre Traumen nicht spüren zu müssen. Oft werden sie darin von spirituellen Lehrern unterstützt, die ihnen raten, die Täter zu verstehen, die ja in den entsprechenden Situationen nicht anders konnten und im Grund göttliche Wesen wären. Viele Opfer erzählen bereitwillig, welch schwere Kindheit ihre Eltern hatten, sodass sie auch nicht immer das Richtige tun konnten, statt das eigene Leid anzuerkennen. Die Gefühle von Ohnmacht, Wut, Trauer, Angst und Scham, die mit solchen Erfahrungen verbunden sind, müssen nicht gespürt und integriert werden, wenn die Täter mit spirituellen Phrasen entschuldigt werden. Die „neurotische Toleranz im Gewand der Fürsorge“ (Masters 2010 S. 57) stellt eine sehr wirksame Form der Selbstentmächtigung dar.

Die zwanghafte Vermeidung von Beurteilungen

Wir können nicht anders, als permanent zu bewerten und zu beurteilen, was um uns herum und in uns selbst geschieht. Allerdings ist es in spirituellen Kreisen verpönt zu beurteilen, weil man sich mit jedem Urteil über die andere Person stellt. Doch das eigene Urteil verschwindet nicht, indem man so tut, als wäre es nicht da. Es geht nicht darum, dass wir innerlich urteilsfrei werden, sondern dass wir einen guten Umgang mit dem Urteilen finden, indem wir unsere Urteile bewusst wahrnehmen und sie reflektieren, also klären, ob sie angebracht, sinnvoll oder verletzend und abwertend sind. Es gibt Urteile über das Verhalten von anderen, die ausgesprochen werden sollten, damit einem missbräuchlichen Handeln eine Grenze gesetzt wird. 

Die Illusion der Abkürzung

Viele spirituelle Lehrer verkünden, dass sich alle persönlichen Probleme durch die Meditation oder durch andere von ihnen vertretene Methoden lösen lassen. Es gäbe also einen Abschneider, der von der Neurotizität direkt ins Nirvana führt und auf dem man sich die mühsame therapeutische Auseinandersetzung mit den Traumen erspart. 

Nicht-Nichtduale spirituelle Lehren

Die Lehre von der Nichtdualität, die den Kern vieler Richtungen der Spiritualität vor allem aus den östlichen Traditionen bildet, kann leicht missbraucht werden, indem reale aktuelle Probleme bagatellisiert und entwertet werden, statt ihre Lösung anzugehen. Jemand sagt: „Ich leide an der Hitze“, und wir antworten darauf: „Es gibt ja gar kein Ich“, dann ignorieren und entwerten wir das Leid der Person und fügen ihr obendrauf eine Verletzung zu, weil wir sie implizit als spirituell uneinsichtig verachten. „Wenn wir sagen: „Alles ist eine Illusion“, ist ein sich aus der Affäre ziehen, zugemüllt mit den Trümmern eines Verstehens aus zweiter Hand und verfrühten Ansprüchen auf eine fortgeschrittene spirituelle Verwirklichung.“ (Masters 2010, S. 304) „Aus nondualen Verkündungen eine intellektuelle Immobilie zu machen, begründet keine Weisheit.“ (Ebd. S. 307) Werden Erkenntnisse, die nur in einem nondualen Erfahrungszustand zugänglich sind, auf alltägliche Probleme angewendet, laufen sie ins Leere und bewirken allenfalls eine Beschämung von Mitmenschen, die an ihren Problemen leiden.

Magisches Denken

Zentral für diese Art des Denkens ist die Annahme, dass hinter allen Zufällen eine Kausalität steckt. Daraus leitet sich die Annahme ab, durch die Kraft des eigenen Denkens die Realität kontrollieren zu können. Natürlich stammt die Idee der Allmacht aus der Kindheit, als Umkehrung von Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der Unterlegenheit gegenüber den mächtigen Erwachsenen. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir unsere Wirklichkeit nicht bewältigen können, hilft das magische Denken, um scheinbar handlungsmächtig zu sein. Wir können alles haben, wenn wir nur affirmativ genug denken, so lautet ein verbreiteter Satz aus dem magischen Denken. 

Die Kehrseite des Wegerklärens von allem, was zufällig sein könnte, ist eine egozentrische Sichtweise: Dinge, die in der Welt passieren, sind durch uns verursacht oder sollen uns eine Lektion erteilen. Der Bus kommt zu spät – was habe ich daraus zu lernen? Wir tun so, als käme der Bus nur unseretwegen zu spät. Wir können natürlich aus allem lernen, aber nicht alles, was geschieht, zeigt sich, um uns etwas zu lehren; so wichtig sind wir nicht.

Manche meinen, dass Krankheiten und Schicksalsschläge durch die eigene Mangelhaftigkeit im Denken oder im spirituellen Wachstumsprozess verursacht sind. Mit dieser Einstellung ist eine permanente Selbstabwertung verbunden, die mit ihren Schuld- und Schamgefühlen im Extremfall selbst krankheitswertig ist – in jedem Fall ist sie dem eigenen Schicksal geschuldet und bedarf einer therapeutischen Aufarbeitung.

Bewusstheit und Unterscheidungskraft

Wir alle entwickeln Neigungen zu der einen oder anderen Form des spirituellen Bypassing, sobald wir uns mit diesem Bereich näher befassen. Je mehr uns davon bewusst wird, desto schneller kommen wir aus den „Flitterwochen mit der Spiritualität“ (Ebd. S. 330) heraus und können unterscheiden zwischen den unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen aus der Kindheit und den Herausforderungen des inneren Wachsens und der Öffnung für das Mystische. Auf diesem Weg gelangen wir zu einer erwachsenen und integren Form der Spiritualität. Auf diesem Weg gelangen wir zu einer erwachsenen und integren Form der Spiritualität.

Literatur: 

Jack Kornfield: A Path with Heart. New York: Bantam Books 1993
Robert Augustus Masters: Spiritual Bypassing: When Spirituality Disconnects Us from What Really Matters. Berkeley: North Atlantic Books 2010
John Welwood: Psychotherapie & Buddhismus. Der Weg persönlicher und spiritueller Transformation. Freiburg: Arbor Verlag 2010
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos: Eine Jahrtausend-Vision. Fischer Taschenbuch 2011 (1995)

Zum Weiterlesen:

Die Prä-Trans-Verwechslung
Prä- und transrationale Erfahrungen unterscheiden
Narzissmus und Prä-Trans-Verwechslungen
Spiritualität und sexueller Missbrauch: Epstein und Deepak Chopra



Mittwoch, 25. Februar 2026

Spiritualität und sexueller Missbrauch – Jeffrey Epstein und Deepak Chopra

Es gibt scheinbar nichts, was weiter auseinanderliegt: Spiritualität als der Zugang zur höchsten und reinsten Form des menschlichen Bewusstseins und sexueller Missbrauch als grausame Unmenschlichkeit. Aber auf dieser dunklen Erde gibt es nichts, was nicht miteinander in Beziehung gebracht werden kann, wovon der jahrelange Austausch zwischen Jeffrey Epstein, dem zweifach verurteilten Missbrauchstäter und Mädchenhändler, und Deepak Chopra, dem spirituellen Lehrer und Buchautor zeugt. In 3466 dokumentierten Nachrichten kommunizierten die beiden Männer in den Jahren 2016 bis 2019, also zu einer Zeit, als Epstein bereits als Sexualverbrecher verurteilt war. Der spirituelle Lehrer wusste also, mit wem er da auf äußerst freundschaftliche Weise über verschiedene Themen – und allzu häufig über die „girls“ plauderte.

Die Links zu den Quellen, bei denen auch die Zahlencodes für die Originaldokumente, wie sie vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden, nachgeschaut werden können, stehen am Ende des Artikels. Wenn man die diversen Email-Nachrichten liest, kommt man aus dem Entsetzen nicht mehr heraus. Der  spirituelle Lehrer versorgt den Freund bei dessen schlüpfrigen Witzchen mit Gemeinplätzen aus der nondualen Erkenntnis. Es wirkt, als würde sich ein Schüler über die Macken seiner Freundin beschweren und der Meister erklärt, dass jedes menschliche Leid nur aus der Anhaftung an ein Konstrukt entsteht. Allerdings geht es hier um gewerbsmäßige Prostitution mit Minderjährigen. 

So schreibt Epstein: „... Ich ziehe es vor, dass meine Darsteller gute Körper haben.“ Darauf Chopra: „Bilder und Töne sind in der Bewusstheit, ebenso wie das cringe (das Peinliche, das zum Fremdschämen anregt)! Nichts ist außerhalb der Bewusstheit. Wann immer das Peinliche auftaucht, frage dich: ‚Wer oder was hat diese Erfahrung?‘ ... Die Person ist also nur ein Konstrukt.“

Chopras Antwort wäre ohne den Kontext eine unverfängliche spirituelle Beratung. Da aber beide wissen, dass es um Verbrechen geht, erhalten die eingestreuten spirituellen Weisheiten die missbräuchliche Rolle der Reinwaschung und der Rechtfertigung.

Spaß und Mädchen

Hier ein paar Beispiele des Austausches zwischen den beiden Freunden:

Chopra teilte mit Epstein ein Video der Schauspielerin und Autorin Kat Foster: „Sie ist gut.“ Epstein: „Ist sie in New York?“ Chopra sagte ihm, sie sei in Kalifornien. Sie habe  ihn für ein Wochenende besucht. Und er habe sie „in Zukunft wieder eingeladen“. Er beschrieb sie als „unschuldig und klug zugleich“. Epstein darauf: „Zweitrangig gegenüber Niedlichkeit.“

Der Missbrauch wird nicht direkt angesprochen, auch nicht vom „Lehrer“, der um diese Schattenseite seines „Schülers“ weiß, schwingt aber immer im Hintergrund mit, offensichtlich auf beiden Seiten. Es ist, als ob die beiden älteren Herren über ihre geheimen Leidenschaften (junge Mädchen) in scheinbar harmloser und verharmlosender Weise reden, in völliger Vermeidung und Ignoranz in Hinblick auf die verbrecherischen Dimension dieser Triebe.

Chopra lud Epstein nach Israel ein: „Komm mit uns nach Israel. Entspann dich und hab Spaß mit interessanten Leuten. Wenn du willst, kannst du einen falschen Namen benutzen. Bring deine Mädchen mit. Es wird Spaß machen, dich dabei zu haben. Liebe Grüße.“ Epstein lehnte ab. Chopra drängte: „Deine Mädchen würden es lieben, genauso wie du.“

Chopra lud Epstein zu seinem Workshop in Zürich ein: „Du solltest mit deinen Mädchen zu meinem zweitägigen Workshop in der Schweiz in Zürich kommen – einem kleinen Dorf in einem Vorort. Das wird Spaß machen.“

Fortwährend geht es um Spaß und um Mädchen, und niemand fragt, wie alt die Mädchen sind, wie sie heißen und ob sie freiwillig mitkommen. Sie sind die Vehikel, die den Spaß ermöglichen, Objekte für die eigene Lust. So ist das Innere von Sexualverbrechern beschaffen. Dazu kommt, dass diese jungen Frauen von Chopra als Objekte für seine pseudospirituellen Spielchen missbraucht wurden.

Dieses seltsame Duo war über vier Jahre in tiefster Freundschaft verbunden: „Ich bin zutiefst dankbar für unsere Freundschaft.“ (Chopra an Epstein, 11. Juli 2017) Allerdings war einer von beiden schon als Sexualtäter registriert, während der andere heute noch frei herum läuft, spirituelle Bücher schreibt und sich abputzt. Chopras Frau, mit der er 56 Jahre verheiratet ist, wurde in den Tausenden ausgetauschten Nachrichten ein einziges Mal erwähnt. Auf der Spielwiese, auf der die beiden real und virtuell ihre pubertären Fantasien austobten, war sie offensichtlich nicht erwünscht. 

Folgenschwere Prä-Trans-Verwechselungen

Dass es bei diesen Vorgängen um gegangen ist, ist noch das Mindeste, das man sagen muss. Transpersonale Einsichten werden verwendet, um präpersonal angetriebene Handlungen zu rechtfertigen und der personalen Verantwortung zu entziehen. Der Missbrauch von Minderjährigen ist dann kein Verbrechen mehr, sondern das Produkt von Illusionen. Personen haben nur einen fiktionalen Charakter, deshalb kann man mit ihnen machen, was man will, so lautet die Logik dieser folgenschweren Verwechslung der Ebenen.

Gerade spirituell (und damit meist auch finanziell) erfolgreiche Menschen geraten schnell in die Fänge ihres Egos, das sieht man an vielen der Nachrichten, die Chopra an Epstein geschickt hat. Es handelt sich um Missbrauch der Spiritualität für Ego-Zwecke, die leider weit verbreitet ist in der Szene. 

Diesen Machenschaften gehen Menschen auf den Leim, die den Unterschied zwischen prä- und transpersonaler Ebene aufgrund ihrer nicht aufgearbeiteten Traumatisierungen nicht verstehen können, während ihnen von den Lehrern versichert wird, dass sie sich nicht mehr darum kümmern müssen, weil ja alles „gut ist, wie es ist“, „vergangen ist, was vergangen ist, und nur die Gegenwart zählt“, „weil alles Illusion ist“, usw., und das alles vom hohen Stuhl mit der unbestreitbaren Macht der Erleuchtung. 

Die Falle besteht oft darin, dass Personen an diesen Positionen niemanden neben sich haben oder dulden, der sie auf ihre Schattenseiten aufmerksam macht. Und dann passieren alle möglichen Verwechslungen, weil ihr Ego meint, sie würden wegen ihrer Grandiosität verehrt und verdienten wegen ihrer spirituellen Errungenschaften eine erhabene Position oberhalb all der anderen, die spirituell nicht so weit gekommen sind.

Deepak kann den Zyniker Epstein mit seinen spirituellen Drehs beeindrucken und kriegt von ihm die Anerkennung (auch finanzieller Natur), offensichtlich  für die Entlastung vom moralischen Druck. Wo es nur Illusionen von Personen gibt, gibt es auch keine persönliche Verantwortung und keine Schuld – ein ideales Konzept für einen Verbrecher und die Erlaubnis, weiterhin den eigenen perversen Antrieben ohne Gewissensdruck folgen zu können.

Toxische Erleuchtung

Günter Enzi schreibt in seinem Kommentar zu dieser Thematik, der mit „Wenn ‚Erleuchtung' toxisch wird: Die Gefahr der entkörperten Nondualität“ übertitelt ist: „Eine reife, sonamatische Nondualität hätte zu Epstein sagen können: ‚Auch wenn auf absoluter Ebene alles Bewusstsein ist – auf relativer Ebene hast du gehandelt. Und dein Handeln hat reale Körper verletzt. Bevor wir über Illusion sprechen, musst du körperlich spüren, was du getan hast.'
Nondualität ist keine Flucht aus Verantwortung. Sie vertieft sie. Das wäre Zumutung gewesen. Keine Entwirklichung – sondern Konfrontation im Kontakt.“

Die Schuldverdrängung beim Sexualverbrecher Epstein und seinem Komplizen Chopra war möglich durch Flucht von der körperlichen Ebene auf eine mentale, von der aus der mit allen spirituellen Wassern gewaschene Chopra dem zynischen Genießer Epstein einen Persilschein für seine Untaten ausstellen konnte, statt ihn mit dem Leid zu konfrontieren, das er angerichtet hat. 

Der Körper ist der Ort der Schamgefühle, die sich bei jeder unmenschlichen Tat melden, und ihre Botschaften müssen unterdrückt werden, damit das böse Tun weiter bestehen kann. Eine der perfidesten Formen, solche Handlungen zu rechtfertigen, besteht darin, gerade das exquisite und in einem tiefen Sinn heilige Wissen, das aus der Erfahrung der Nondualität gewonnen wurde, für Zwecke der schamlosen Egobefriedigung zu missbrauchen.

Eine integre Ethik hat ihren Ort im ganzen Menschen, in seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist. Wer aus der Übereinstimmung mit diesen Bereichen handelt, handelt gut. Das Böse entsteht, wenn sich einer dieser Bereiche gegen die anderen durchsetzt, mit dem Imperativ von Überlebensimpulsen. 

Ebenso wird eine integre und integrale Spiritualität vom ganzen Menschen getragen, nicht nur von seinem Geist. Unser Körper enthält die Sensoren für das Gute, das Wahre und das Schöne. Der Geist allein ist hilflos, wenn es um die Themen der relativen Wirklichkeit geht. Er ist in der Lage, in die Sphären des absoluten Erkennens vorzustoßen. Was er dort findet, ist aber in der Regel nicht brauchbar für die Themen des Alltags. Dafür verfügen wir über andere Bewältigungsinstanzen.

Die Grenze zwischen dem Absoluten und dem Relativen muss klar bleiben. Wenn es hier zu Grenzüberschreitungen kommt, die durch unbewusste Mechanismen ablaufen, kommt es leicht zum Auftreten von Missbrauch, sei es sexuell, physisch oder spirituell. 

Quellen und Links zu den E-Mails zwischen Chopra und Epstein:
https://www.dailymail.co.uk/.../deepak-chopra-epstein...
https://drscottwmills.substack.com/.../the-silence-inside...
https://lissarankinmd.substack.com/.../blowing-the...
https://spuren.ch/single-ansicht-buch-1?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5022&cHash=b44156a178891943517a1eac752988b3