Posts mit dem Label globales Bewusstsein werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label globales Bewusstsein werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 17. März 2026

Verzerrungen der kollektiven Bewusstseinsfelder

Katastrophen erzeugen kollektive Emotionalfelder, die vor allem mit Angst, Scham und Schmerz aufgeladen sind. Wie im vorigen Artikel beschrieben, belasten diese Felder alle Mitglieder der Gesellschaft. Da es einfacher ist, diese Belastung durch Rechtfertigungen zu erleichtern als die unangenehmen Gefühle zu spüren, die sie übermitteln, gibt es einen ganzen Markt für solche Entlastungen. Diese bewirken Verzerrungen in den Bewusstseinsfeldern, die von ihren ursprünglichen Gefühlen entfremdet werden. Über diese Gefühle wird ein Schleier gelegt, der vor ihrer Macht schützen soll. Diese Unkenntlichmachung wird mit neuen Deutungen vorgenommen, die nicht aus der Realität, sondern aus der Fantasiewelt von Ideologien stammen. Die entsprechenden Angebote vertreten begrenzte Interessen und sind nicht am gesellschaftlichen Nutzen interessiert. Entweder geht es um wirtschaftlichen Gewinn oder um politische Macht. Für diese Ziele werden die arglosen Konsumenten der Propaganda benutzt und ausgebeutet.

Egoismus statt Empathie

Der Altruismus, der normalerweise durch das empathische Mitfühlen mit dem Leid anderer aktiviert wird, wird durch den Egoismus ersetzt, indem die Verzerrungsangebote Ängste schüren: Wenn du empathisch bist, kann es dir selber an den Kragen gehen.  Sobald wir in Angst geraten, werden unsere Überlebensprogramme angestachelt. Sie suggerieren uns, dass wir zuerst unsere eigene Haut retten müssen, bevor wir jemand anderem helfen können. Das ist die Grundregel für alle Ausreden zur Vermeidung von prosozialem und gemeinnützigem Verhalten. 

Klarerweise sind es alte Ängste, also solche, die in der Kindheit oder schon im Mutterleib entstanden sind, an die die Angstpropaganda andocken will. Viele Menschen in unseren Breiten leben mit einem Grad an Sicherheit, den es in der Geschichte vorher noch nie gegeben hat. Es gibt also wenig realen Anlass für Ängste, aber viele Stellen in unserem Unterbewusstsein, die angstsensibel sind. Denn dort sind Erinnerungen von früheren Verletzungen, Demütigungen und Bedrohungen gespeichert. Es ist wie bei Süchtigen, deren Empfänglichkeit für Reize von der Suchtsubstanz überschrieben wird, sodass bestimmte Empfindungen nur mehr durch die Droge zustande kommen. Diffuse Ängste bekommen eine Bedeutung, die aber nichts mit der Realität sowohl im Außen wie im Innen zu tun hat, sondern von den Interessen der Manipulatoren erfunden werden. Es wird also eine Pseudorealität suggeriert, die 

Die stetig steigende Unzufriedenheit von Wählern von Rechtsparteien

Eine deutsche Studie, die AfD-Wähler über mehrere Jahre begleitet hat, hat gezeigt, dass diese Personen im Lauf der Zeit immer unzufriedener wurden, ohne dass sich etwas Gravierendes in ihrem Leben verändert hätte. Sie haben aber die Negativpropaganda und Angstschürung in sich aufgesogen, die ihnen ihre Partei tagtäglich liefert. Ihre Lebensqualität verschlechtert sich durch diese Form der Gehirnwäsche, und zugleich festigt sich ihre Bindung an die Partei, die ihnen dieses stetig steigende Leid zufügt, denn sie verspricht zugleich die einzig zielführende Abhilfe. Bezogen auf den Glücksindex bedeutet dieser Befund, dass AfD-Anhänger 2400,- €/Monat mehr verdienen müssten, um wieder zufriedener zu werden. Die Studie hat auch ergeben, dass Personen, die sich von der AfD abwenden, schnell wieder zu einer durchschnittlichen Zufriedenheit zurückfinden. (Für Österreich hingegen liegt der Durchschnitt gar nicht mehr in einem Mittelwert an Zufriedenheit, weil 2024 fast 60 % der Befragten angaben, die Entwicklung der letzten fünf Jahre als negativ wahrzunehmen. Parallel dazu steigen die Stimmengewinne für die FPÖ, denn 40% jener „Systemunzufriedenen“ wählen diese Rechtspartei.)

Unzufriedenheit und Angst

Unzufriedene Menschen sind mehr von Ängsten gesteuert als Menschen, die vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Ängstliche Menschen sind leichter manipulierbar und ungeschützt den Wirkungen der kollektiven Traumafelder ausgeliefert. Da Ängste immer die rationale Prüfung der Wirklichkeit einschränken, gelingt es schwerer, zu unterscheiden, wo die Quellen der Angst liegen. Kindheitstraumen werden durch kollektive Katastrophen aktiviert, doch versucht die politische Propaganda, diesen Zusammenhang zu verschleiern und umzudeuten. Die Taktik besteht darin, den Menschen ihre Ängste bewusst zu machen und einen Kontext zu liefern, der die eigenen Machtinteressen befördert. Du sollst Angst spüren, und ich sage dir, woher sie kommt und worin die Abhilfe besteht. Die diffuse Angst, die z.B. von kriegerischen Ereignissen auf der Welt ausgelöst wird, wird aufgegriffen und auf ein anderes Thema umgelenkt, z.B. auf die Migration. Du sollst Angst spüren und sie auf die Menschen richten, die in dein Land gekommen sind und die du als fremd und bedrohlich wahrnehmen solltest. Komm zu uns, denn wir sind diejenigen, die dafür sorgen werden, dass die Urheber der Angst, die Fremden, rausgeworfen werden. Dann kannst du wieder frei von Angst leben.

Dass dieses Versprechen nie eingelöst werden kann, weil die Ängste  von ganz wo anders herkommen, ist den Ängstlichen nicht bewusst; sie klammern sich an jeden Strohhalm, der ihnen Hilfe in der Not zu bieten scheint. Sie vertrauen nicht auf die eigene Vernunft, die ihnen den Weg zeigen könnte, die Ursprünge seiner Angst zu finden und dort aufzulösen. Sie vertrauen auf jene, die sie scheinbar in ihrer Not verstehen, weil sie ihnen ein einfaches Feindbild und eine einfache Abhilfe liefern.

In Angst zu leben macht es unmöglich, Empathie zu empfinden. Die Identifikation mit dem eigenen Leid ist zu groß, dass fremdes Leid im Bewusstsein einen Platz finden könnte. Vielmehr wird das Leid der anderen als Bedrohung erlebt, und die Verzerrungen, die die Propaganda liefert, dienen als Rechtfertigung und Entlastung von der Macht der kollektiven Emotionalfelder. Jeder Mangel an Empathie hat ein Schamgefühl zur Folge, denn das Mitgefühl ist ein wesentlicher Teil der Menschlichkeit. 

Zurück zur Menschlichkeit

Wir wollen weder Angst noch Scham spüren, weil es unangenehme Gefühle sind. Wenn wir aber tiefer verstehen wollen, woran wir leiden, müssen wir uns dieser Gefühle annehmen und sie in ihren Ursprüngen erkunden. Gefühle, die wir sowohl mit unserer Biografie als auch mit der Menschengemeinschaft und ihrer Geschichte in Verbindung bringen können, kommen in Frieden, indem wir sie zu Herzen nehmen und innerlich transformieren. Wo Angst und Scham war, entsteht ein Raum für Liebe und Mitgefühl.  

Zum Weiterlesen:
Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung



Dienstag, 8. Juli 2025

Die vielen Guten und die wenigen Bösen

Viele, viele Menschen sind grundsätzlich gegen Krieg, Unterdrückung, Hunger, Ungerechtigkeiten und Ausbeutung eingestellt. So verhalten sich Menschen im Normalfall. Sie wollen das Gute und lehnen das Böse ab. In Einzelfragen gibt es Unterschiede, und bei moralischen Fragen tauchen oft auch widerstreitende Meinungen auf. Doch geht es dabei um unterschiedliche Auffassungen von dem, was unter dem Guten verstanden wird.

Wir haben es nur mit einer kleinen Gruppe von Personen zu tun, die voller Überzeugung Hass und Gewalt in Wort und Tat propagieren und ausleben. Es sind Menschen voll innerer Verbitterung und Verzweiflung, die es geschafft haben, sich einen Habitus von Stärke und Durchsetzungskraft zu geben und damit andere zu beeindrucken. 

Damit erwecken sie bei vielen den Eindruck, dass es sinnvoll ist, dem Guten mit Hass und Gewalt zum Durchbruch verhelfen zu wollen. Es sind die Ängstlichen und Verschämten, die sich verblenden lassen und die Nöte der Hetzer und Unverschämten nicht durchschauen. Vielmehr erhoffen sie sich von den Hasspredigern Abhilfen für ihre eigenen Ängste und Nöte. 

Deshalb schaffen es immer wieder viele der von Bosheit getriebenen Menschen, in verantwortungsvolle Machtpositionen zu gelangen. Dort richten sie großes Unheil an, in der Überzeugung, damit letztendlich dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Ihre menschenverachtenden und Zerstörung bewirkenden Taten versuchen sie durch Manipulationen und Wahrheitsverdrehungen zu verschleiern. Sie rechtfertigen das Böse, das sie tun, mit der moralisch verbrämten Überzeugung, es wäre der einzige Weg zur Verbesserung der schlechten Zustände. 

Tue Böses, damit daraus Gutes erwachse

Die Formel: Tue Böses, damit daraus Gutes erwächst, spielt eine zentrale Rolle bei der Popularisierung von Hass und Gewalt. Sie hat ihre Wurzel in gewaltvoll agierenden Erziehungspraktiken, die davon ausgehen, dass Kinder von Natur aus böse sind und von Anfang an gemaßregelt werden müssen. Mehr dazu im nächsten Blogartikel.

Eine überwältigende Mehrheit will das Gute und nur wenige das Böse, aber allzu viele nehmen das Böse hin, ohne sich dagegen zu wehren oder folgen ihm sogar, weil sie dadurch Besseres erhoffen. Dennoch haben wir viel Grund für die Hoffnung, dass es Erscheinungen sind, die sich mit aller Macht in den Vordergrund drängen, aber dann wieder zurücktreten müssen, wenn sich die anderen Kräfte gesammelt haben. Denn die Rückschritte in der Moral und in den (Menschen)rechten auf ein mittelalterliches Niveau (vgl. die Propagierung des "Rechts des Stärkeren") können nicht von Dauer sein. 

Allerdings haben es allzu viele von diesen Menschen in verantwortungsvolle Positionen geschafft, mit Unterstützung der Ängstlichen und Verschämten, denen sie Abhilfen für ihre Nöte versprochen haben. Das Unheil, das von solchen Manipulatoren angerichtet wird, ist groß. Fällt die Politik auf eine archaische Ebene zurück, so entstehen unweigerlich massive Spannungen in der Gesellschaft. Das ganze Gefüge beginnt zu krachen, weil die ökonomischen, sozialen und kulturellen Kräfte nach vorne ziehen, während die Politik mit aller Macht versucht, in die andere Richtung zu zerren.

Rückwärtsgewandte Ideologien können keine Zukunft gestalten

Wir haben trotz zahlreicher gegenteiliger Vorkommnisse, Grund für die Hoffnung, dass die manifesten Erscheinungen von bösen Taten, die sich mit aller Macht in den Vordergrund drängen, wieder zurücktreten müssen, wenn sich die anderen fortgeschrittenen Kräfte gesammelt haben. Denn die Rückschritte in der Moral und in den (Menschen)rechten auf ein mittelalterliches Niveau (vgl. die Propagierung des "Rechts des Stärkeren") können nicht von Dauer sein, weil sie kein Lösungspotenzial enthalten, sondern die Probleme nur verschärfen. Z.B. kann mit dem Prinzip „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ kein Handel und Güteraustausch betrieben werden. Mit Machtausübung können keine Konflikte nachhaltig gelöst werden. Mit Schuldzuschreibungen statt Verantwortungsübernahme für eigene Fehler wird das Lernen unterbunden. Mit dem Hass auf Minderheiten kann keine globale Verständigung aufgebaut werden. Die Ablehnung der Verantwortung in Bezug auf die Zukunft der Umwelt führt dazu, dass die Kosten für die entstandenen Schäden umso größer werden.

Ab einem gewissen Grad an Zerstörung, der durch solche Rückentwicklungen angerichtet wird, wird immer mehr Menschen bewusst, dass sie durch das Tun des Bösen zum Zweck des Guten stärker verlieren als gewinnen. Der Widerstand wird schließlich so mächtig, dass sich die Kräfte des Fortschritts durchsetzen.

Die menschlichen Bestrebungen, die Lebensbedingungen zu verbessern, sind langfristig übermächtig 

Viele maßgebliche Entwicklungen schreiten voran, in der Wirtschaft, Technologie, im Sozialleben und in den Künsten. Sie sind angetrieben vom Bestreben nach der Verbesserung des Lebens. Sie führen unweigerlich zu mehr globaler Zusammenarbeit und beruhen auf ethischen Maßstäben, die von gegenseitigem Respekt und von der Achtung für die individuellen Unterschiede geprägt sind. Die meisten Bereiche stehen in globalen Zusammenhängen, sodass eine Politik, die auf kleinräumige oder auf die Vergangenheit gerichtete Interessen bezogen ist, keine Lösungen und Weiterentwicklungen anbieten kann, sondern an den Realitäten scheitern muss. Das Nationale hat keine Zukunft, wenn die Wirtschaft und viele Bereiche der Kultur längst die Staatsgrenzen überschritten haben. Das Gestrige liefert kein Verständnis für das Morgige, geschweige denn das Vorgestrige für das Übermorgige. 

Zum Weiterlesen:
Fortschritt trotz Rückschritten
Moralischer Fortschritt
Das "Recht des Stärkeren"


Donnerstag, 14. Juli 2022

Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Wir leben in Krisenzeiten, hört man oft. Wann nicht, könnte man fragen, wenn man schon einige Jahrzehnte am Buckel hat. Aber die Pandemiezeit und der Ukrainekrieg haben das Krisenbewusstsein in unseren Breiten enorm verstärkt. Die Wetteranomalitäten konfrontieren hautnahe mit dem Klimawandel, von dem Wissenschaftler und Aktivisten seit Jahrzehnten warnen. Das Gefühl, die Entwicklungen nicht mehr unter Kontrolle zu haben, haben wir viel stärker als je zuvor. Daran zeigt sich auch unsere privilegierte Position, da wir in den reichsten und sichersten Ländern der Welt leben und seit dem 2. Weltkrieg das Krisenbewusstsein weitgehend von unseren Lebensräumen fern halten konnten. Alle, die im ex-jugoslawischen Raum leben oder gelebt haben, sehen das naturgemäß anders, ebenso jene, die aus anderen Kriegsgebieten flüchten mussten oder flüchten müssen. Menschen, die in Dürre- und Hungerzonen leben und ihr Überleben von Tag zu Tag sichern müssen, kennen nicht einmal eine Alternative zur Krise, die ihr Leben ausfüllt.

Das Bewusstsein, in einer Krisenzeit zu leben, verunsichert und bereitet Ängste und Sorgen, erzeugt also Stress. Es fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt nur, wenn aus der Krise eine Katastrophe wird, wenn z.B. ein Krieg ins eigene Land überschwappt oder wenn ein Dorf von Unwettern weggeschwemmt wird. Ängste mobilisieren egoistische Überlebensstrategien, die Bestrebungen, die eigene Haut zu retten. Wohin könnte ich auswandern, um den Klimaveränderungen zu entgehen und vor Kriegen und Seuchen sicher zu sein? Wo kann ich einen sicheren Ort finden, ohne dass die anderen davon wissen? Welchen Urlaub muss ich mir noch gönnen, bevor das Reisen nicht mehr möglich ist? Wie kann ich meine Schäfchen ins Trockene bringen, bevor das Finanzsystem zusammenbricht?

Angst als Veränderungsmotor

Die von Ängsten gesteuerte Reaktion auf Krisen ist die am weitesten verbreitetste. Sie ist aber auch die primitivste. Sie steht im Bann des Wiederholungszwanges von schon früh erlebten Traumatisierungen oder von kollektiven Traumen, die sich in tiefen Schichten der Seele festgesetzt haben. Deshalb ist die verbreitete Reaktion auf Krisen zunächst die Verleugnung („Das hat nichts mit mir zu tun.“ „Das ist alles übertrieben.“ „Da stecken ganz andere Interessen dahinter.“ „Das geht alles wieder vorüber.“ usw.). Mit Beschwichtigungen soll die Angst beruhigt werden, damit das Leben in den gewohnten Bahnen weiter verlaufen kann.

Erst wenn einem die Krise auf den eigenen Pelz rückt, wenn Leute in der Umgebung an einer Seuche versterben, Verwandte zu Kriegsopfern werden oder durch die Hitze getötet werden, wenn das eigene Haus weggeschwemmt wird, entsteht der Impuls zum Handeln und zur Änderung von Gewohnheiten. Es handelt sich dabei um ein reaktives Handlungsmuster: Es wird erst dann etwas getan, wenn das Wasser bis zum Hals steht, wenn die Krise so augenfällig ist, dass sie unmittelbar das eigene Leben betrifft. Solange sich die Katastrophen irgendwo anders ereignen, kann man ein wenig Mitgefühl aufbringen und ansonsten die Hände in den Schoß legen.

Deshalb entsteht der Eindruck, dass Menschen nur durch Krisen auf dieser Ebene lernfähig sind. Erst wenn man einen Hitzekollaps erlitten hat, überlegt man, was man selber tun könnte, um die Krise zu bekämpfen. Erst wenn der Öl- und Gaspreis rasant nach oben geht, denkt man daran, wie man fossile Brennstoffe einsparen könnte.

Diese reaktive Orientierung hat sich bei vielen Problemlagen bewährt. Sie ist aber für große Krisen viel zu schwach und nicht geeignet, nachhaltige Richtungsänderungen zu bewirken. Denn sie schwenkt sofort in alte Muster zurück, wenn sich die Bedingungen ändern: Gehen die Energiepreise wieder nach unten, wird weiter konsumiert, als wäre nichts gewesen. Wenn die Infektionszahlen runtergehen, werden sofort alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord geworfen. Wenn der Krieg vorbei ist, geht es darum, die Geschäfte mit allen Beteiligten möglichst schnell zu reaktivieren.

Global denken und handeln

Wir brauchen also eine andere Ausrichtung, wenn wir mit den großen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, zurechtkommen wollen – was wir in Wirklichkeit müssen, weil nicht nur die Qualität unseres Weiterlebens, sondern unsere Existenz als Individuen und als Menschengattung auf dem Spiel steht. Wir müssen uns der systemischen Vernunft bedienen, d.h. einen wichtigen Schritt in der Evolution des Bewusstseins vollziehen, vor allem in Hinblick auf die Krisenphänomene. Das systemische Bewusstsein führt uns heraus aus der Selbstbezogenheit, aus den individuellen und kollektiven Egoismen. Es ist getragen von der Einsicht, dass die großen Probleme nur durch globale Zusammenarbeit gelöst werden können, zu der möglichst viele Menschen durch ihr Wollen und ihren Einsatz beitragen. Wir kennen diese Art des Denkens und des aus ihr abgeleiteten Handelns, doch wenden es noch viel zu wenige Menschen an. Es sind wiederum Ängste, die davon abhalten, das, was eigentlich als vernünftig erkannt ist, in das Tun zu übersetzen. Ängste zwingen uns, am Gewohnten festzuhalten und erst zu handeln, wenn die Bedrohung unübersehbar ist. Ängste zwingen uns zu Reaktivität. Alles, was von einer Angst angetrieben ist, hält nur kurzfristig an, denn Ängste konsumieren viel Energie, sodass sehr bald die Erschöpfung auftritt und damit die alten Muster zurückkehren.

Wir müssen also unsere Ängste überwinden, wenn wir unser Handeln proaktiv leiten, indem wir uns nicht von äußerem Druck motivieren lassen, sondern von unserer Einsicht und unserem Wollen. Wir verzichten auf Annehmlichkeiten oder Bequemlichkeiten, auf Konsumgewohnheiten nicht, weil es nicht anders geht, sondern weil uns die Lösung globaler Probleme wichtiger ist als die Befriedigung von Luxusbedürfnissen.

Was wir also aus den gegenwärtigen Krisen lernen können, ist die Wichtigkeit, unsere Motivations- und Handlungsmuster zu verändern. Wir können unseren Blick weiten und ein globales Bewusstsein entwickeln, das unsere Handlungen danach ausrichtet, wie es im Blick auf die gesamte Menschheit und ihre Zukunft am sinnvollsten, nutzbringendsten und hilfreichsten ist, bzw. wie es am wenigsten Schaden anrichtet. Und wir können andere motivieren, ebenso über ihre Eigeninteressen hinaus zu blicken, und laden auf diese Weise mehr und mehr Menschen ins systemische Bewusstsein ein.

Die Grundzüge dieser Bewusstseinsform sind einfach dargestellt. Wir berücksichtigen unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche, nehmen sie aber nicht als oberste Richtschnur für unsere Entscheidungen. Vielmehr achten wir darauf, möglichst viele andere Interessen mitzubedenken, soweit sie global ausgerichtet sind. Wir agieren aus einem Verständnis der geteilten Verantwortung, im Prinzip mit allen Menschen und sogar allen Lebewesen. Wir tragen unseren Teil dieser Verantwortung so gut es uns möglich ist und bemühen uns darum, in dieser Fähigkeit zu wachsen. Wir nutzen Krisen als Chance zur Weiterentwicklung, brauchen aber keine Krisen dafür, sondern sind von der Überzeugung getragen, dass das Leben an sich Weiterentwicklung und permanente Veränderung ist. Wir versuchen, diesen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen eine Richtung zu geben, die dem Überleben der Menschheit in sozial ausgeglichener, gesunder und friedlicher Weise am besten dient.