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Dienstag, 23. September 2025

Die Empörung – Motivierung oder Polarisierung

Die Empörung ist ein Gefühl, das vor allem auf Ungerechtigkeiten bezogen ist, die einem selbst widerfahren sind, aber auch und vor allem solche, von denen andere betroffen sind, bis zur Gesellschaft, in der wir leben, und bis hin zur Menschheit als ganzer oder sogar bis zur Natur. Sie ist eine kurzfristig wirksame Emotion, die aber politisch immer wieder für langfristige Strategien genutzt wird.

Die Empörung ist an und für sich ein Motivator für Engagement. Sie hat dazu geführt, dass die Frauenrechte und die Bürgerrechte in den USA, die jetzt dort wieder von rechten Demagogen in Frage gestellt werden, eingeführt werden konnten. Wenn Menschen sich zusammenschließen, organisierte Gruppen bilden, können sie ihre Empörung in effektive Handlungen überführen, die zu sozialen Verbesserungen führen. Verbunden mit kritischer Reflexion, theoretischen Begründungen und ethischer Vernunft treibt die Energie der Empörung (der „heiligen Wut“)  den gesellschaftlichen Fortschritt voran.

Findet die Empörung aber keine konstruktiven Wege, so kann sie in Resignation umschlagen oder dazu verleiten, dass autoritäre Führer gesucht werden, von denen die Durchsetzung der Gerechtigkeit erwartet wird. Demagogen nutzen deshalb die Empörung, um Anhänger um sich zu scharen. Sie schüren die Wut unter ihren Anhängern, damit ihnen diese zur Macht verhelfen. 

Das Empören versetzt den Körper in einen Sympathikuszustand. Es kommt zu einer Handlungsbereitschaft aus einer Mischung aus Angst und Erfolgserwartung (Adrenalin und Dopamin). Sind es aber nur Stresshormone, die die Empörung am Kochen halten, so tritt die Aktivierung auf der Stelle, weil die konstruktive Zielorientierung fehlt. Die Menschen befinden sich dann in einem Zustand, in dem sie leichter lenk- und manipulierbar sind. Die Vernunft und das kritische Denken ebenso wie ethische Motive treten in den Hintergrund. Es werden keine Argumente abgewogen; stattdessen soll sofort etwas getan werden. 

Empörung und Manipulation

Vor allem die Rechtsparteien schöpfen aus dem Reservoir von enttäuschten empörten Menschen. Um sie bei der Stange zu halten, muss die Empörung immer wieder aufgefrischt werden. Deshalb werden in der Rechtspropaganda kontinuierlich Informationen hinausgeschleudert, die die Menschen aufregen sollen. Damit wird die Empörung, die eigentlich eine kurzfristig wirksame Emotion darstellt, chronifiziert, und es wird ein Trigger aufgebaut, der auf Reizworte trainiert wird und automatisch anspringt, sobald das Schlagwort fällt. Suchtartig werden dann diese Reize gesucht,      wie der Rezeptor einer Nervenzelle im Gehirn, der seinen gewohnten Botenstoff einfordert. Damit entsteht die Empörungssucht. Es geht nicht mehr um eine konstruktive Veränderung, sondern 

Deshalb sind konstruktive Ideen für die Zukunft rar in der Propaganda und Programmatik der Rechten. Es geht nur darum, die Quellen der Empörung zu beseitigen: Die Ausländer, die „Eliten“, die Linken, die geschlechtlich nicht Einordenbaren, die „Klimahysteriker“, die Vegetarier und Radfahrer, die „woken“ Kulturschaffenden, die schwerfällige Demokratie, die EU – und schließlich die Juden. Wenn das Böse einmal ausgerottet ist, ist automatisch alles gut. Alle können ihren Schweinsbraten genießen, nach Lust und Laune Auto fahren, die eigene Nationalität zelebrieren und müssen keine fremden Sprachen mehr hören. Für diese Form von Lebensqualität unter Ausschluss all dieser Störquellen treten die Rechtsparteien ein. 

Der Ruf nach „Männern der Tat“ oder nach „starken Männern“, der häufig am Gipfelpunkt von Empörungswellen erschallt, hat in der blinden Handlungswut, mit der die Angst- und Aggressionsenergie der Empörung abgebaut werden soll, seinen Ursprung. Weil man selbst schwer den Mut aufbringt, riskante Handlungen zu setzen, sucht man nach jemandem, der das für einen erledigt. Am rechten Rand des politischen Spektrums bieten sich schambefreite Gestalten an, die bereit sind, das „schmutzige Geschäft“ zu erledigen.

Hier unterscheiden sich die Empörungszusammenballungen auf der linken und auf der rechten Seite. Zur linken Ideologie gehört die Entpersonalisierung gesellschaftlicher Konflikte (z.B. ist der Kapitalismus schuld an sozialer Ungerechtigkeit und nicht einzelne Kapitalisten). Die rechten Ideologien personalisieren gerne Konflikte, indem sie Schuldige oder Sündenböcke für sie benennen. Sie haben den Vorteil, dass klar ist, wer bekämpft werden muss: Einzelne Bösewichter oder verschworene oder dekadente Gruppen.

Die Linken wollen den Staat, der Ungerechtigkeiten unterstützt, stürzen oder das Wirtschaftssystem, das Ungleichheiten produziert, abschaffen und durch ein besseres ersetzen. Sie sind wohl deshalb seit Jahrzehnten auf dem Rückzug, weil klar geworden ist, dass der Kapitalismus politisch nicht in die Knie gezwungen werden konnte und vielleicht auch in Zukunft nicht entmachtet werden kann. 

Die Empörung der Coronaleugner

Ein besonderes Empörungsszenario pflegen die Maßnahmen- und Impfgegner der Corona-Pandemie. Obwohl die Pandemie seit einigen Jahren abgeklungen ist, pflegen sie ihre Empörung weiter.  Immer wieder finden sich Leute, die angebliche massive Impfschäden „wissenschaftlich“ bestätigen oder scheinbare Verschwörungen der Mächtigen um die Coronamaßnahmen aufdecken. Das Bewusstsein der Ungerechtigkeiten, die viele in dieser Zeit erlebt haben, wird mit dem Schüren der Empörung aufrechterhalten. Und wieder sind es die rechten und rechtsextremen Parteien, die sich dieser Anliegen annehmen und sie in ihre Empörungskreisläufe einbauen.

Die Empörungsökonomie

Die Aufmerksamkeit gilt im digitalen Kapitalismus als eine der wichtigsten Geldquellen. Wer möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird zum Multiplikator für Themen, mit denen Empörungswellen ausgelöst werden. Und jede solche Welle ist Goldes wert, denn sie löst starke Gefühle aus, motiviert die Empörten zu schnellen Reaktionen (Wutpostings) und zum leichten Weiterverbreiten, um die „Freunde“ im Netzwerk mit der Empörung anzustecken. Klicks und wellenartige Ausbreitungen im digitalen Feld lassen die Kassen klingeln. Da die Rechtsparteien die Orgel der Empörungsentfesselung am besten beherrschen, ist es verständlich, dass jene, die im digitalen Mediengeschäft absahnen, diese Parteien wort- und tatkräftig unterstützen. In der Folge werden die digitalen Plattformen zu Propagandaschleudern für die rechten und rechtextremen Ansichten – die Erfolge der demokratiefeindlichen Parteien zeugen von diesem Trend.

Zum Weiterlesen: 
Die Zumutung der Wahrheit
Demokratie und Gefühle


Freitag, 13. Juni 2025

Die Unverschämten und ihr Kampf gegen die Aufklärung

Die Unverschämten, die auf dem Machttrip sind, spüren, dass reflektierte, selbstbewusste und ethisch reife Menschen an dem Ast sägen, auf dem sie sich sesshaft und breit gemacht haben. Um ihr „Stimmvieh“ zu erhalten, das sie an die Macht bringt und dort hält, muss alles verhindert werden, was die Menschen von ihrer Scham befreit, denn nur Schambefangene sind in der Lage, den Unverschämten bedingungslos zu folgen. Also versuchen die unverschämten Machtpolitiker, das Bildungssystem zu ideologisieren, den obrigkeitlichen Gehorsam zu verstärken und jede Form von kritischer Reflexion zu diskreditieren oder zu unterbinden. Sie bekämpfen zu diesem Zweck auch die moderne Kunst und Kultur, die die Menschen aus ihren gewohnten Erfahrungsschienen herausholen und zum Nachdenken und Verändern von Sichtweisen motivieren will. Alles, was die Menschen innerlich freier macht und ihren Horizont erweitert, ist den Unverschämten ein Dorn im Auge. Denn sie wissen, dass ihre Macht darauf beruht, dass es genug Menschen gibt, die auf einem Bewusstseinsniveau verbleiben, das unterhalb oder vor der Aufklärung liegt. Ein zentrales Anliegen der Aufklärung war es ja, jede weltliche und geistliche Autorität auf den Prüfstand der kritischen Vernunft zu stellen und mit diesem Blick viele Emanzipationsbewegungen möglich zu machen. Wer die Prinzipien der Aufklärung verstanden und in die eigene Werthaltung übernommen hat, kann keinem populistischen Demagogen auf den Leim gehen.

Wer die Grundgedanken der Aufklärung nicht verstanden hat oder von zu vielen Ängsten davon abgehalten wird, entspricht hingegen dem Beuteschema der Rechtsdemagogen. Sie versuchen, Leute zu ködern, deren Werthorizont primär in der Stammesvergangenheit der Menschheit wurzelt, wo die Grundregel gilt, den nahen Menschen zu vertrauen und die entfernten oder fremden Menschen als Gefahr oder Bedrohung anzusehen. Solche archaischen Motive führen allerdings in moderneren komplexen Gesellschaften nur mehr zu Gruppenegoismen, die in Demokratien eingedämmt werden müssen, weil sie die Mächtigen und die Reichen auf Kosten der großen Mehrheit begünstigen. 

Die Vorläufer der Aufklärung waren Weisheitslehrer und Religionsstifter wie Buddha, Lao Tzu, Jesus und Muhammad. Sie haben den Menschen Mut gemacht, sich aus den Begrenztheiten der tribalen Regeln zu befreien und die Liebe und das Mitgefühl auf eine universelle Ebene zu erweitern. Nicht nur die Nächsten sollen geliebt werden, sondern auch die Fernsten. Das menschliche Mitgefühl hat keine Schranke an der eigenen Haustür, sondern gilt allem, was leidet. Diese Lehrer haben die Wirkung der Scham, die im kleinen Kreis darauf aufmerksam macht, dass wir uns lieblos verhalten haben, auf die gesamte Menschheit und noch darüber hinaus ausgeweitet. 

Die Aufklärung hat diese Impulse aufgegriffen und auf eine rationale Ebene gebracht, entkleidet der religiösen Dimension. Damit werden diese ethischen Prinzipien auf die ganze Menschheit hin verallgemeinerbar. Der kategorische Imperativ, den Immanuel Kant ausgearbeitet hat, trug dazu bei, diesen Ansatz zu verbreiten und damit den Gedanken des Weltbürgertums zu verbreiten.

Soziale Scham

Wir schämen uns, wenn wir Bettler sehen oder erfahren, dass Menschen in grausamer Weise deportiert werden. Wir schämen uns, wenn irgendwo auf der Welt ein schrecklicher Krieg tobt und wir es nicht schaffen, Frieden zu stiften. Die Unverschämten haben solche Schamregungen unterdrückt, während die Verschämten an ihrer Scham leiden. Um dieses Leiden zu lindern, schauen sie zu den Unverschämten auf, die ihnen erzählen, dass Bettler organisierte Kriminelle und Immigranten Parasiten sind, gegen die vorgegangen werden muss, um das eigene Volk zu schützen. Über Kriege werden immer wieder verbogene Begründungen hervorgebracht, wie z.B. die nicht vorhandene Nazi-Herrschaft in der Ukraine oder über nicht vorhandene Chemiefabriken im Irak.

Die Unverschämten werden also von den Verschämten als Leitfiguren gesucht, damit sie sich von der Scham und der damit verbundenen Schuld entlasten können. Die Schamlosen geben ihren Anhängern durch ihre demonstrative Unmenschlichkeit die Erlaubnis, die eigene Menschlichkeit über Bord zu werfen und mit zynischer Miene soziale Grausamkeiten und Grauslichkeiten gut zu heißen. Sie erteilen den Verschämten die Absolution aus ihrem scham- und schuldbeladenen sündhaften Dasein, indem sie archaische Formen der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit unter dem Begriff des „Volkes“ reaktivieren.

Tribale Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit

Die Funktionsweise der Demokratie kann nur mit einem aufgeklärten Bewusstsein verstanden werden. Diese Regierungsform, die auch eine Gesellschaftsform darstellt, erfordert das Übersteigen und Überwinden von tribalen Prägungen, die Oxytocin-gesteuert sind, die also die Bindungen zu den face-to-face-Gruppenmitgliedern intensivieren und vertiefen und zugleich das Misstrauen und die Feindschaft gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, verstärkt. Die archaischen hormonellen Einflüsse bewirken, dass Nahestehende bevorzugt und Fernstehende als Bedrohung erlebt werden. Sie fördern das Ausschließen, die Exklusion von allem, was als fremd erlebt wird. Sie sind also antidemokratisch – deshalb waren auch in der ersten bekannten Demokratie im Athen des Altertums Frauen, Unfreie und Zugezogene vom Mitbestimmungsprozess ausgeschlossen.

Die Vernunft als Wegbereiterin des moralischen Fortschritts

Diese Prägungen können nur mit Hilfe der Rationalität, also der Vernunft überwunden werden. Es heißt zwar, die eigene Haut ist einem immer am nächsten, aber eine komplexe Gesellschaft kann nur im Gleichgewicht bleiben, wenn genügend Menschen in der Lage sind, neben den eigenen Vorteilen auch die vieler anderer mitzubedenken. Dazu ist Vernunft von Nöten. Diese menschliche Ressource entwickelt sich durch Bildungsprozesse und verwirklicht sich im Medium des Reflektierens der Lebensumstände mit der Fähigkeit, verschiedene Blickpunkte einnehmen zu können. Sie wurde über 2000 Jahre nach der attischen Demokratie durch die Aufklärung ins Zentrum gestellt und als Maxime für Politik und Ethik eingefordert. 

Wenn z.B. eine Gesellschaft die Altersversorgung ausverhandelt, kann das nur gelingen, indem die älteren Leute, die nicht mehr im Arbeitsprozess sind, Verständnis für die Einzahler ins Pensionssystem haben, und die anderen das System des Ausgleichs unterstützen, das ihnen selbst einmal Vorteile bringen wird, obwohl sie aktuell auf einen Teil ihres Einkommens verzichten müssen. Der Sozialstaat beruht also auf der Vernunft. Die Jüngeren zahlen für die Älteren, die Gesunden für die Kranken, die Unbehinderten für die Behinderten, die Besserbemittelten für die Wenigerbemittelten.

Die Scham als Sensorium für mehr Menschlichkeit

Es ist die Scham, die im Hintergrund die Fäden zieht, wenn es um soziale Anliegen geht, indem sie die Mitmenschlichkeit einfordert. Die Scham lässt nicht zu, dass Menschen ausgegrenzt oder schlechter behandelt werden. Sie sorgt für den gesellschaftlichen Ausgleich in Kleingruppen und in demokratischen Regierungssystemen. Mit Unterstützung der Vernunft wird das Schamempfinden von den nahen Bezugsgruppen auf das gesellschaftliche Ganze ausgeweitet: Jedes Mitglied der Gesellschaft verdient die gleichen Rechte und Rücksichtnahmen. Das Leid jedes einzelnen Mitglieds betrifft alle anderen. Aus diesem Blickpunkt der Vernunft sind die Grundsätze von Demokratie und Sozialstaat abgeleitet, die das Ziel verfolgen, möglichst vielen Menschen zu existenzieller Sicherheit und allen zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Unverschämtheit, die als Egoismus in jedem Gesellschaftsmitglied wirksam ist, effektive Grenzen gesetzt werden. Das Schambewusstsein liefert die emotionale Motivation des Einsatzes für eine menschenwürdige Gesellschaft, in der alle in Gleichheit und Freiheit ihren Platz haben.

Die versuchte Verbannung der Aufklärung ins linke Eck

Ein Propagandatrick der Rechten besteht darin, die Aufklärung als linkes Projekt zu definieren und nicht als einen Fortschritt im Bewusstsein, der allen zugutekommt und der eine konsistente Fortsetzung der Botschaft des Christentums und anderer Religionen darstellt. Mit dieser Zuordnung wird suggeriert, dass es die Alternative gibt, die Aufklärung zu unterstützen und sich damit links zu positionieren und dass man gegen die Aufklärung sein kann, weil man nicht links sein will. Die Aufklärung ist in dieser selbst ideologisch formulierten Zuordnung eine beliebige, von politischen Interessen gesteuerte Angelegenheit, also eine ideologische Festlegung, die von anderen Ideologien bekämpft werden kann oder muss.  Der Fortschritt in der Ethik im Sinn einer Universalisierung wird auf diese Weise eingeebnet und zur politischen Meinung degradiert; mehr Menschlichkeit wird als willkürliche Moralisierung abgetan. Damit wird dem Weiterbestehen von Unmenschlichkeiten die Legitimation verliehen.

Es geht dann nicht mehr um einen Zugewinn an Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, der notwendig wäre für die Stabilisierung des gesellschaftlichen und globalen Friedens. Es geht nicht mehr um die Entwicklung einer Ethik, die komplexen modernen Gesellschaftsstrukturen entspricht. Vielmehr wird das Bekenntnis zur Aufklärung in eine Wahl zwischen politischen Alternativen umgemünzt, die mit ihren jeweiligen Ideologien um Anhänger werben. Es wird so getan, als ginge es um willkürliche, interessensgeleitete Veränderungen im Gegensatz zur Bewahrung des Bestehenden, das um jeden Preis verteidigt werden muss wie die Naturheilkunde gegen mRNA-Impfungen. In Wirklichkeit gibt es im Bereich der Ethik ein Besser und ein Schlechter in Hinblick auf die Fähigkeit eines ethischen Systems, kompliziertere Zusammenhänge so regeln zu können, dass möglichst viele Personen zufriedengestellt und soziale Spannungen reduziert werden. 

Das Vorgehen der Rechtspopulisten hingegen setzt auf vormoderne oder sogar tribale Modelle der Konfliktregelung, die unter den heutigen Umständen wie die sprichwörtliche Anwendung des Holzhammers wirken. Es gibt immer wieder Beispiele, wo bei sozialen Spannungen schnelle Lösungen durch den Einsatz von Gewalt gewählt werden statt mit den Betroffenen zu reden. Solche plumpe Maßnahmen verschärfen und vertiefen dann nur die Spannungen und bereiten den Boden für noch mehr gesellschaftlichen Unfrieden. Statt zu kalmieren, wird Öl ins Feuer gegossen und auf heftigere Proteste mit noch mehr Gewalt geantwortet – eine eskalierende zerstörerische Entwicklung, die immer mehr Opfer fordert und steigenden Hass hervorruft.

Hinter derartigen Manövern steckt die Ideologisierung des Fortschritts in der Ethik durch den Versuch, dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte ein Mäntelchen der Unmoral umzuhängen. Damit wird der ethische Fortschritt in der Gesellschaft behindert und Unheil gesät. Denn wir haben nur die Wahl, die Ethik entsprechend den ökonomischen und sozialen Veränderungen weiterzuentwickeln oder zuzulassen, dass die Lösungsmöglichkeiten für die entstehenden Konflikte unzureichend bleiben.

Zum Weiterlesen:
Die Verschämten, die Unverschämten und die Demokratie
Die Verschämten und die Unverschämten


Sonntag, 16. März 2025

Musk: "Empathie - eine Schwäche der westlichen Zivilisation"

Wenn Elon Musk ein Milliardär wäre, der skurrile Dinge von sich gibt, wäre das nicht besonders bedenkenswert. Gegenwärtig ist dieser Mann allerdings nicht nur der reichste, sondern auch einer der mächtigsten Menschen auf dieser Welt, durch die Stellung, die ihm der US-Präsident gegeben hat. Die Einsichten, die er offenherzig teilt, sind aber nicht bloß Privatmeinungen, die man als folgenlose Spinnereien eines verzogenen Rotzers abtun könnte, sondern entsprechen einer Geisteshaltung, die vor allem in den rechten Kreisen weit verbreitet ist, denen er angehört. Es ist übrigens wenig bekannt, dass Musk aus der Ahnenreihe einschlägig vorbelastet ist: Der Großvater mütterlicherseits, Joshua Haldemann, war Anhänger der Herrschaft der Weißen, Rassist und Antisemit. Er hielt Südafrika bis zum Fall des Apartheitregimes für den „Himmel der weißen christlichen Zivilisation“ und pflegte nach Medienberichten Nazi-Traditionen.

In einem Podcast-Gespräch mit Joe Rogan, einem bekannten US-Podcaster, teilte Musk nicht nur die seltsame Theorie, dass die Demokraten daran arbeiteten, so viele Einwanderer ohne Papiere wie möglich ins Land zu holen, damit sie die US-Regierung für immer übernehmen können. „Wenn sie noch vier Jahre hätten, würden sie genug Illegale in den Swing-States legalisieren, um die Swing-States zu Nicht-Swing-States zu machen“, sagte Musk zu Rogan. “Sie wären einfach blaue Staaten. Dann würden sie ... die Präsidentschaftswahl gewinnen; sie würden das Repräsentantenhaus, den Senat und die Präsidentschaft gewinnen.“ Diese Theorie hat deshalb keine Grundlagen, weil Illegal Eingewanderte nicht wählen dürfen. Also handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, ein Hauptthema der rechten Propaganda. Leider wird das Gegenteil angebahnt: Die Agitatoren von Trump und Musk arbeiten daran, die Demokratie in den USA zu untergraben und die Gewaltenteilung auszuhebeln, um die Herrschaft der Republikaner auf Dauer zu stellen. 

Was aber noch bedenkenswerter ist, ist Musks Einstellung zur Empathie. Er meint, dass Mitgefühl für den Einzelnen der Gemeinschaft teuer zu stehen kommt. In Hinblick auf den Schritt Kaliforniens, auch Menschen ohne Papiere, die für das einkommensschwache Medi-Cal-Programm in Frage kommen, eine Krankenversicherung anzubieten, meinte er: „Wir haben es mit einer zivilisatorischen selbstmörderischen Empathie zu tun“. Einerseits meint er, dass man sich um andere Menschen kümmern sollte, aber zugleich auch dass die Empathie die Gesellschaft zerstört. „Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie, die Ausbeutung von Empathie“, sagte Musk. „Dort wird ein Fehler in der westlichen Zivilisation ausgenutzt, nämlich die Empathie-Reaktion.“ Empathie, sagte er, sei zur Waffe gemacht (“weaponized”) worden - offenbar nur eine Waffe gegen die Feinde der Empathie.

Mit krassen sozialen Statusunterschieden und Schlechterstellungen geht ein kollektives Schamgefühl einher. Soziale Strömungen in der Politik, die das Auseinanderdriften zwischen arm und reich sowie zwischen mächtig und ohnmächtig ausgleichen will, geraten im Weltbild von Musk zu Ideologien der schädlichen Übertreibung der Empathie. Es kreuzen sich bei diesem Angriff auf die Empathie rechte und neoliberale Abwertungen von den Schwächeren in der Gesellschaft. Zur neoliberalen Ideologie zählt die Verachtung von jenen, die weniger leisten oder weniger leistungsfähig sind. (Der Maßstab für Leistungen liegt dabei im monetären Erfolg, deshalb gelten z.B. die Leistungen von alleinerziehenden Personen nicht.) Es wird deshalb z.B. Druck ausgeübt, die Arbeitslosenunterstützung möglichst gering zu halten, damit die Betroffenen gedrängt werden, schnellstens wieder Leistungen zu erbringen. In der rechtsgerichteten Propaganda wird der Neid auf jene geschürt, die angeblich für Wenig- oder Nichtstun vom Staat erhalten werden oder im Krankheitsfall Hilfe bekommen. Es soll die Angst geschürt werden, dass einem diese Leute etwas wegnehmen, was einem zustünde. In diese Kerbe schlägt die Angstmache vor Migranten, die ebenfalls als Gefahrenträger für den eigenen Wohlstand dargestellt werden.

Empathie als Grundbedrohung

Musk geht noch weiter: Empathie ist nicht nur eine Schwäche von moralinsauren Linken, sondern sie führt zum Selbstmord der Zivilisation. Sie bedroht also die Grundlagen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Sie sei zur Waffe gemacht worden. Aus diesem Bedrohungsbild leuchtet ein, mit welchem Furor Musk die Institutionen des Staates demolieren will, als müsste möglichst schnell alles, was den Bazillus der Empathie in sich trägt wie Entwicklungshilfe- oder Gleichberechtigungsprogramme vernichtet werden.

Diese Besessenheit rührt daher, dass Musk Empathie mit Barmherzigkeit oder Mitmenschlichkeit verwechselt. Empathie impliziert nicht bestimmte Handlungen, sondern bezeichnet einen inneren Zustand, bei dem das Leid anderer Menschen im eigenen Gefühlsleben wahrgenommen wird. Wohl kann die Empathie zu einem Tun führen, aber nicht notwendigerweise. 

Der Hass auf die Empathie, den Musk, stellvertretend für viele Gleichgesinnte, zum Ausdruck bringt, kann nur durch einen Mangel an erfahrener Empathie erklärt werden. Wer nie oder viel zu wenig Mitgefühl für die eigenen Schwächen und Mängel bekommen hat, kann andere Menschen mit Schwächen und Mängeln nur verachten und muss sie aus der Gesellschaft ausschließen oder an den äußersten Rand drängen. Außerdem wird für ihn die Empathie zum gefährlichsten Gift, denn sie trägt dazu bei, dass die Schwachen und Mangelhaften einen geachteten Platz in der Gesellschaft einnehmen können. 

Das Kapern von Begriffen der Menschlichkeit

Es steht zu befürchten, dass ein Schlüsselbegriff für ein gutes menschlicheres Zusammenleben in Misskredit gebracht wird und damit der Entwicklung Vorschub geleistet wird, deren Fahnenträger mit dem Pathos des heroisierten Empathieverzichts zu Initiatoren von Unmenschlichkeiten werden. Eine in vorhergehenden Blogbeiträgen beschriebene Taktik rechter und rechtsextremer Publizisten und Politiker besteht ja im Aufgreifen von Begriffen mit prosozialem oder emanzipativem Gehalt, die ihrer ursprünglichen Bedeutung entkleidet, umgedeutet und dann gegen die Aufrechterhaltung der Menschlichkeit in Stellung gebracht werden. Eine Gesellschaft, in der die Empathie in Verruf gerät, reißt die Dämme gegen die brutalen Machtkämpfe von schrankenlosen Egoisten nieder. In diesem Zusammenhang wird jetzt häufig Hannah Arendt zitiert: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade der Barbarei verfällt.“

Wie es auch bei anderen Begriffen dringlich erforderlich ist, sollten wir alles tun, um die Werte der Mitmenschlichkeit und der gegenseitigen Fürsorge, für die wir die Fähigkeit zur Empathie brauchen, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Wir dürfen uns auf keinen Fall die Begriffe, mit denen wir das Gute vom Bösen unterscheiden, von radikalisierten Propagandisten wegnehmen lassen. 

Zum Weiterlesen:
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff
Verschwörungstheorien und Realitätstauglichkeit
Taktiken zur Machergreifung

Hier zur Videofassung


Montag, 2. Dezember 2024

Was macht aggressive Politiker attraktiv?

In vielen demokratischen Ländern des globalen Nordens sind die rechten und rechtsextremen Parteien im Vormarsch. Was dabei auffällt ist, dass die Politiker dieser Parteien mit aggressiven Botschaften Wähler ansprechen und für sich gewinnen können. Um die Themen, die dabei angesprochen werden, nehmen sich auch andere Parteien an. Vor allem rechtskonservative Parteien fahren einen harten Kurs in der Migrationsfrage, verschärfen andauernd die Regelungen für Flüchtlinge und Asylsuchende, und doch verlieren sie ihre Wähler an die noch weiter rechts positionierten Parteien, die sich eine aggressive Rhetorik erlauben. Rechtskonservative haben ihre Wählerschaft auch in Bevölkerungsgruppen, die von Hassparolen abgeschreckt werden und müssen sich deshalb in ihrer Ausdrucksweise mäßigen. Der einzige Unterschied besteht also im Ausmaß der Aggression, das an die Öffentlichkeit gebracht wird. Es ist zwar zu beobachten, dass einzelne rechtskonservative Politiker in die Wortwahl der Rechtsextremen verfallen, doch werden sie dann meistens von ihrer Partei zurückgepfiffen. Die extremeren Politiker können dagegen hasserfüllte Wutreden halten, im Bewusstsein, dass sie ihren Anhängern aus dem Bauch reden, also deren Aggressionen in Worte fassen und in der Öffentlichkeit verbreiten. Wenn jemand anderer die eigene Wut, für die man sich vielleicht selbst schämt, ausdrückt (oder auskotzt), ist man entlastet und fühlt sich zugleich in der eigenen Aggressivität bestätigt und gerechtfertigt. 

In Wahlbefragungen geben z.B. Wähler der FPÖ an, dass sie allein dieser Partei zutrauen, die Missstände, die es gibt oder die sie erleben, abzustellen und bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Es handelt sich dabei offensichtlich um ein Bauchgefühl, weil die Lösungen, die die österreichische Rechtspartei anbieten kann, entweder nicht durchführbar sind (weil sie der Verfassung oder EU-Regeln widersprechen) oder von anderen Parteien genauso oder ähnlich vertreten werden, und weil in den Bundesländern und Gemeinden, wo die Blauen mitregieren, die Zustände auch nicht besser sind. Aber die aggressive Wortwahl der Rechtspartei vermittelt offenbar vielen Wählern die Zuversicht, dass „endlich etwas geschieht“: Da packt wer zu und zieht die Sache durch. Wer auf den Tisch hauen kann, wird auch alles, was einen stört, abstellen. Die eigene mangelhafte Tatkraft und das eigene Ohnmachtsgefühl werden an die starken Männer da oben übertragen, die es dann mit ihrer Durchschlagskraft richten sollen. 

Aggressionen machen Angst, sie versprechen aber auch Abhilfe gegen die Angst. Ohne Zugang zum Gefühl der Wut sind wir ohnmächtig und schwach. Wut ist allerdings niemals konstruktiv. Mit zu viel Aktivierung wird sie immer gewalttätiger und neigt schließlich zur Zerstörung. 

Allzu viele weiße US-Männer wählen keine Frau, und schon gar nicht eine Farbige. Denn sie haben Angst um die Privilegien aus ihrer Männlichkeit und ihrer rassischen Überlegenheit. Nur ein weißer Mann an der Macht kann ihre Ängste beruhigen und ihre Vormachtstellung absichern. Die toxische Mischung aus Patriarchalismus, Autoritätshörigkeit und Aggression habe ich schon an anderer Stelle besprochen.

Die Wut auf „das System“

Die Aggression der rechten Demagogen richtet sich immer wieder gegen abstrakte und anonyme Gestalten wie „das System“. Dieses wird so mächtig und so böse dargestellt, dass es nur einen sinnvollen Weg geben kann, eben dieses System zu zerstören. Und das geht nach der Logik der Revolutionen nur mit Gewalt. Verschwörungsmythen werden genutzt, um diese geheimnisvolle Bedrohung noch mehr aufzublasen.

Alle Rechtsparteien, die an die Macht gekommen sind, haben allerdings „das System“ nie zerstört, sondern im Gegenteil dazu ausgenutzt, um die eigenen Taschen zu füllen. Das Orban-System in Ungarn, das Vorbild für viele Rechtsextreme bis in die USA, ist von systematischer Korruption gekennzeichnet. In Österreich war die FPÖ in diesem Jahrhundert zweimal in der Regierung; die zahlreichen Korruptionsprozesse aus diesen Zeiten (2000 – 2013 und 2017-2019) beschäftigen bis heute die Gerichte.

Aggression als Reaktion auf Komplexität

Schon Alexander der Große hat den komplexen gordischen Knoten nicht durch besonnenes Erforschen und Experimentieren ausgelöst, sondern mit einem Gewaltakt durchschlagen. Die „Männer der Tat“ sind es, die vielen Wählern Hoffnung geben, die sich durch die steigende Komplexität der Welt und der Gesellschaft überfordert fühlen. Donald Trump hat in der Zeit seiner ersten Präsidentschaft kaum Erfolge nachzuweisen, sowohl was die Einwanderung in die USA als auch was die Wirtschaft und den Lebensstandard anbetrifft, und er hat weltpolitisch sehr viel Unsicherheit erzeugt und damit viele Konflikte angeheizt. Aber sein großspuriges und wutdurchtränktes Reden erweckt bei vielen den Eindruck, dass hier jemand bereit ist, die Dinge mit Tatkraft anzugehen, ohne Rücksicht auf Konventionen und Widerstände, ohne sich um die Details zu kümmern, ja sogar, ohne sich um die Wahrheit oder die Gesetze zu scheren. Es ist nicht wichtig, ob die Vorschläge, der er vorgebracht hat, sinnvoll oder zielführend sind; es geht um den emotionalen Eindruck von einem Menschen, der keine Scham kennt und deshalb zu jeder Tat und Schandtat bereit ist. 

Wenn das eigene Leben unüberschaubar oder unkontrollierbar erlebt wird, wenn man sich selber nicht mehr hinaussieht, weil es keine einfachen Lösungen gibt, kommt jemand gerade recht, der selbstbewusst auftritt und seine Vereinfachungen und Falschinformationen lauthals und immer wieder in die aggressionsgeile Medienwelt hinaus posauniert. Je öfter und je eindringlicher etwas gesagt wird, desto wahrer und hilfreicher erscheint es, vor allem, wenn eine innere Deutungsnot besteht. Der Demagoge wird zum Heilsbringer, zum Retter vor allem Übel. Viele Trumpwähler sagen, dass sie zwar die Wortwahl ihres Idols nicht schätzen, aber dennoch meinen, er wäre als einziger in der Lage, für ein besseres Leben zu sorgen. Diese Einschätzung stammt weder aus der Rationalität noch aus einem Wirklichkeitsbezug, weil sie auf einer emotionalen Ebene getroffen wird. Eine rationale Bewertung der Lösungskompetenz und emotionalen Stabilität des Kandidaten müsste zu dem Schluss führen, dass gerade diese Person aufgrund von massiven Persönlichkeitsdefiziten im hohen Maß ungeeignet ist, die Position des mächtigsten Mannes der Welt einzunehmen. Doch treffen Menschen im Allgemeinen keine rationalen Entscheidungen, auch und gerade nicht, wenn sie ihre Stimme bei einer Wahl abgeben. Entscheidungen werden unbewusst in den emotionalen Zentren unseres Gehirns getroffen. Die Rationalität mischt sich nachher ein, indem sie Gründe für die Entscheidung liefert. 

Die Verbreitung der Gewaltsprache

Viele Wähler wählen ja die Rechtsparteien nicht, weil sie so aggressiv auftreten. Es scheint sich die Bevölkerung in den demokratischen hochentwickelten Ländern in zwei Lager abzuspalten: Die einen, denen die Aggressivität in der Politik Angst macht und die sich dafür schämen, und die anderen, die in ihr den einzigen Weg in die Zukunft sehen. Wer auf diese Form der Aggressivität anspricht, verspricht sich von Gewaltlösungen mehr als von abgewogenen und auf unterschiedliche Situationen abgestimmte Maßnahmen. 

Während in den früheren Jahren der Nachkriegszeit die aggressiven Töne in der Politik verpönt waren – allen hallten die menschenverachtenden Propagandareden der Nationalsozialisten in den Ohren nach –, begann sich die Szene in den letzten vierzig Jahren langsam zu verschieben. Immer mehr Gewaltsprache schleicht sich in die politische Debatte ein, und die Leute gewöhnen sich dran. Sie wird Teil des Wortschatzes und zunehmend als normal empfunden. Auf diese Weise werden immer mehr rhetorische Keulen eingeführt und angewendet, und es entsteht eine unheilvolle Dynamik der Aufladung mit immer schärferen Waffen. Irgendwann ist der Schritt zur manifesten Gewalt nicht mehr weit, wie beim Sturm des aufgehetzten rechtsradikalen Mobs auf das Kapitol am 6.1.2021.

Einen wichtigen Beitrag zu der Gewaltaufladung stellt die Verrohung durch die sozialen Medien in den letzten zwanzig Jahren dar. Mit Verrohung ist einerseits ein höherer Grad an Aggression gemeint und andererseits ein höherer Grad an Vereinfachung. Vereinfachte Aggression ist der direkte Weg zur Gewalt. Feindbilder, die die Gewaltbereitschaft steigern, beruhen immer auf vereinfachenden Verallgemeinerungen. Solche plumpen Konstrukte werden von den Demagogen erzeugt und durch die sogenannten sozialen Medien vervielfältigt. 

Von einer ausgleichenden zu einer machtbesessenen Politik

Damit verschiebt sich das öffentliche Gewicht immer mehr vom Überwiegen einer ausgleichenden Erwartung an die Politik zu der Einstellung, dass Politik in Konfrontation und aggressiven Durchsetzung von Machtinteressen besteht. Offenbar wollen immer mehr Menschen, dass nur ihre eigenen Interessen von der Politik befördert werden und verlieren die Sicht auf das Ganze einer Gesellschaft, die nur zusammenhalten kann, wenn möglichst viele Interessen berücksichtigt werden.

Diese Verschiebung bedeutet auch, dass die Rechtsparteien  die anderen Parteien längerfristig dazu zwingen, den gleichen Ton anzuschlagen, mit gleicher Münze zu bezahlen, sobald sie an der Macht sind. Sie zahlen scheinbar nur drauf, wenn sie eine ausgleichende, möglichst viele Teile der Bevölkerung erreichende, also auf eine demokratische Politik verfolgen. Denn viele Wähler und Wählerinnen honorieren nicht das, was ihnen eine ausgewogene Politik gebracht hat, sondern schauen auf das, was ihnen noch immer fehlt oder noch immer zu wenig an materieller Zuwendung oder emotionaler Sicherheit ist. 

Diese Entwicklung, die die Demokratie immer mehr aushöhlt, kann nur umgedreht werden, indem immer mehr Menschen die Gefühlsdynamiken hinter ihrem Wahlverhalten reflektieren und sich nicht mehr von aggressiven Parolen beeindrucken lassen. Zur staatsbürgerlichen Reife gehört auch, dass die Vernunft eine wichtige Rolle bei der Wahlentscheidung spielen muss: Die rationale Einschätzung der politischen Ideen der einzelnen Parteien in Hinblick auf die eigene Lebenssituation, aber auch auf die ganze Gesellschaft, deren Teil jede*r ist.

Zum Weiterlesen:
Gendern und die Wunden des Patriarchats
Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Petromaskulinität

Samstag, 23. Dezember 2023

Die pubertären Wurzeln der Ideologien

Die Zwischenzeit der Adoleszenz besteht darin, eine Antithese zur Kindheit zu bilden. Adoleszente wollen keine Kinder mehr sein und lehnen deshalb alles Kindliche ab. Sie orientieren sich an Werten, die sie absolut setzen. Sie fordern die Erwachsenen und ihre Ansichten heraus. Sie treten mit neuen Ideen und neuen Programmen auf, die die Gesellschaft verändern und vorantreiben sollen. Sie kritisieren die Widersprüche der von den Erwachsenen eingerichteten Welt und fordern die Widerspruchsfreiheit ein. Sie vertreten ihre Ideale bedingungslos, und sie können das auch, weil sie noch keine Handlungen setzen können und noch keine Verantwortung tragen müssen. Oft werden sie deshalb von den Erwachsenen als Träumer oder als weltfremde Idealisten belächelt. Die Jugendlichen wiederum sehen in den Erwachsenen in ihren Haltungen festgefahren und stur im Festhalten an alten Strukturen und an ihrer Macht. Sie betrachten das Bestehende als Hemmschuh für ihr Fortkommen und bekämpfen es, um Freiräume für eine Neugestaltung zu gewinnen. Die Adoleszenten treten mit vielen Forderungen auf, die sie leicht stellen können, weil sie nicht die Verantwortung für deren Verwirklichung tragen können.

Offenbar dient es dem gesellschaftlichen Fortschritt, dass jede junge Generation mit einem Elan zur Erneuerung und zur Überwindung von alten Verkrustungen antritt. Sie zeigt die Widersprüche zwischen Moral und Praxis, zwischen Idealen und Realität auf und fordert oft radikal eine Kehrwende ein, zurück zu mehr Gerechtigkeit und Offenheit. Denn die Jugend braucht eine offene Welt, in der es viele Chancen gibt, nicht nur für wenige Privilegierte, sondern für alle. Sie wissen noch zu wenig über sich selbst und sind unsicher, ob sie ihren Platz in der Welt finden können. Deshalb neigen sie zu radikaleren Vorstellungen über die notwendigen Veränderungen als viele Erwachsene, die sich eine pragmatischere Sicht auf die Wirklichkeit erworben haben. 

Widersprüchliche Realität

Die Realität ist geprägt von Gegensätzen und Widersprüchen, und das Erwachsenenleben gelingt in dem Maß, in dem diese Widersprüchlichkeit sein darf, ausgehalten wird und den Rahmen für das Handeln bildet. Viele Vorkommnisse sind weder gut noch böse, oder beides, keinesfalls aber eindeutig zuordenbar. Wir täten uns leichter mit der Wirklichkeit, wenn es immer die Täter (die Bösen) auf der einen und die Opfer (die Guten) auf der anderen Seite gäbe. Aber Vereinfachungen haben immer ihren Preis, während die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten bestehen lassen zu können, die Handlungsfähigkeit erweitert. Wir können besser auf die Wirklichkeit und ihre Erfordernisse eingehen, wenn wir sie in ihrer Ambiguität tolerieren. Je mehr Sichtweisen wir entwickeln, desto mehr Optionen haben wir. 

Ideologien sind pubertäre Erlösungsfantasien 

Jede Ideologie stellt einen Versuch dar, Widersprüche auf Kosten der Realität zu harmonisieren. Das scheinbar eindeutige Benennen von einfachen Ursachen für Missstände begeistert viele Anhänger und Parteigänger. Vereinfachungen vermitteln Illusionen der Handlungsfähigkeit, weil sie vorgaukeln, dass mit der Beseitigung des so-genannten Bösen die Probleme gelöst werden und sang- und klanglos verschwinden. Die gesellschaftlichen Probleme sind allerdings immer komplex und können nicht durch ein einfaches Dreinhauen gelöst werden. Meist verstärken einfache Lösungsansätze die Probleme zusätzlich. Ein Beispiel bilden die ökonomischen Maßnahmen, die von vielen rechtspopulistischen Regierungen durchgeführt werden. Sie geben aus dem gesellschaftlichen Füllhorn gern Geschenke für ihre Klientel, die den Staatshaushalt belasten; und den kleinen Leuten wird dann auf andere Weise wieder das Geld aus der Tasche gezogen. Oft reduzieren diese Politiker die Steuern für die Reichen, was den Schlechterverdienern mehr Lasten aufbürdet, aber Geld von den Reicheren in die Parteikassen der Rechtsparteien spült, die damit ihre Propagandamaschinen betreiben können. 

Wir können erkennen, dass die Neigung zu Ideologien pubertäre Wurzeln hat. Jugendliche neigen zu radikalen Sichtweisen und einfachen Lösungswegen, wie sie von Ideologien angeboten werden. Z.B. wird gefordert, riesige Zäune zu bauen, um das Flüchtlingsproblem für das eigene Land zu lösen. Das Problem wird damit in andere Länder exportiert und im eigenen Land kann man sich selbstzufrieden abputzen. Das Problem wurde also nur von den eigenen Leuten und Anhängern weggeschoben, aber nicht gelöst. Echte Lösungsschritte müssen in den Herkunftsländern ansetzen, damit die Bedingungen dort so verbessert werden, dass niemand mehr flüchten will. Aber das sind langwierige und komplexe Bemühungen, die zwar nachhaltig wirken, aber in den Zielländern der Fluchtbewegungen nicht populär sind, weil sie keine unmittelbare Entlastung von den Ängsten bewirken, die durch die Migrationen ausgelöst werden. 

Ideologen und Ideologieanhänger sind in ihrer Weltsicht nicht erwachsen geworden. Sie befinden sich in einer Fundamentalopposition zur Realität, die die objektive Entsprechung der Erwachsenenwelt darstellt. Sie wollen eine Gegenwelt, nicht die Weiterentwicklung der bestehenden. Sie erhoffen sich schnelle Lösungen und übersehen die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, indem sie die Komplexitäten auf Einfachheit reduzieren und damit alle Details und Zusammenhänge, die dem eigenen Weltbild widersprechen, ausblenden. Deshalb bringen sie im besten Fall Scheinlösungen oder nur kurzfristig wirksame Verbesserungen zustande. Der Verantwortungshorizont reicht nicht aus, um nachhaltige oder langfristig haltbare Maßnahmen zu verwirklichen.

Verantwortungsbewusstes politisches Handeln trägt der Komplexität Rechnung und versucht, verschiedene Interessenslagen zu bedienen. Im 21. Jahrhundert bedeutet das immer auch, dass die Perspektive des gesellschaftlichen Handelns immer auch die Bedürfnisse der Natur und der künftigen Generation mit einschließt – Bereichen, denen sonst nachhaltiger Schaden zugefügt wird. Viele rechtsextreme Politiker vermeiden diese wichtige Sicht, indem sie den Klimawandel leugnen und damit Raubbau an den Ressourcen des Planeten fördern, die auch die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen einschränken. 

Reifes Erwachsensein

Das reife Erwachsensein besteht nicht in der Negation der Adoleszenz, sondern in einer Integration von Kindheit, Jugend und Erwachsenem. Im Sinn von Georg Wilhelm Friedrich Hegel geht es beim Fortschritt immer um eine Synthese aus These und Antithese, aber nicht um eine reine Negation der Negation. Die Pubertierenden neigen zwar zur Negation von Kindheit und Erwachsenenwelt, aber die Weiterentwicklung führt zur Synthese, zur Verbindung der Kräfte und Energien.

Erwachsene dürfen immer wieder mal kindlich und pubertär sein. Es sind Aspekte der Lebendigkeit, die unterschiedliche kreative Impulse enthalten, die in jedem Erwachsenenleben mitwirken sollten. Das Erwachsensein, das sich nur als Abkehr und Überwindung von Kindheit und Jugendzeit versteht, neigt zur emotionalen Trockenheit und schöpferischen Farblosigkeit. Die Hauptausrichtung der Erwachsenen ist der produktive Umgang mit der Realität und ihren Herausforderungen mit den Mitteln der Rationalität und Pragmatik. „Reine“ Erwachsene sind nur Verwalter der Realität und keine Gestalter. Die Impulse zur Gestaltung kommen aus der Kreativität des Kindes und des Jugendlichen. Sie erfordern die Fähigkeit, die Welt immer wieder ganz anders sehen zu können, als sie ist.  

Die frühkindlichen Wurzeln der Ideologien
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