Es gibt scheinbar nichts, was weiter auseinanderliegt: Spiritualität als der Zugang zur höchsten und reinsten Form des menschlichen Bewusstseins und sexueller Missbrauch als grausame Unmenschlichkeit. Aber auf dieser dunklen Erde gibt es nichts, was nicht miteinander in Beziehung gebracht werden kann, wovon der jahrelange Austausch zwischen Jeffrey Epstein, dem zweifach verurteilten Missbrauchstäter und Mädchenhändler, und Deepak Chopra, dem spirituellen Lehrer und Buchautor zeugt. In 3466 dokumentierten Nachrichten kommunizierten die beiden Männer in den Jahren 2016 bis 2019, also zu einer Zeit, als Epstein bereits als Sexualverbrecher verurteilt war. Der spirituelle Lehrer wusste also, mit wem er da auf äußerst freundschaftliche Weise über verschiedene Themen – und allzu häufig über die „girls“ plauderte.
Die Links zu den Quellen, bei denen auch die Zahlencodes für die Originaldokumente, wie sie vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden, nachgeschaut werden können, stehen am Ende des Artikels. Wenn man die diversen Email-Nachrichten liest, kommt man aus dem Entsetzen nicht mehr heraus. Der spirituelle Lehrer versorgt den Freund bei dessen schlüpfrigen Witzchen mit Gemeinplätzen aus der nondualen Erkenntnis. Es wirkt, als würde sich ein Schüler über die Macken seiner Freundin beschweren und der Meister erklärt, dass jedes menschliche Leid nur aus der Anhaftung an ein Konstrukt entsteht. Allerdings geht es hier um gewerbsmäßige Prostitution mit Minderjährigen.
So schreibt Epstein: „... Ich ziehe es vor, dass meine Darsteller gute Körper haben.“ Darauf Chopra: „Bilder und Töne sind in der Bewusstheit, ebenso wie das cringe (das Peinliche, das zum Fremdschämen anregt)! Nichts ist außerhalb der Bewusstheit. Wann immer das Peinliche auftaucht, frage dich: ‚Wer oder was hat diese Erfahrung?‘ ... Die Person ist also nur ein Konstrukt.“
Chopras Antwort wäre ohne den Kontext eine unverfängliche spirituelle Beratung. Da aber beide wissen, dass es um Verbrechen geht, erhalten die eingestreuten spirituellen Weisheiten die missbräuchliche Rolle der Reinwaschung und der Rechtfertigung.
Spaß und Mädchen
Hier ein paar Beispiele des Austausches zwischen den beiden Freunden:
Chopra teilte mit Epstein ein Video der Schauspielerin und Autorin Kat Foster: „Sie ist gut.“ Epstein: „Ist sie in New York?“ Chopra sagte ihm, sie sei in Kalifornien. Sie habe ihn für ein Wochenende besucht. Und er habe sie „in Zukunft wieder eingeladen“. Er beschrieb sie als „unschuldig und klug zugleich“. Epstein darauf: „Zweitrangig gegenüber Niedlichkeit.“
Der Missbrauch wird nicht direkt angesprochen, auch nicht vom „Lehrer“, der um diese Schattenseite seines „Schülers“ weiß, schwingt aber immer im Hintergrund mit, offensichtlich auf beiden Seiten. Es ist, als ob die beiden älteren Herren über ihre geheimen Leidenschaften (junge Mädchen) in scheinbar harmloser und verharmlosender Weise reden, in völliger Vermeidung und Ignoranz in Hinblick auf die verbrecherischen Dimension dieser Triebe.
Chopra lud Epstein nach Israel ein: „Komm mit uns nach Israel. Entspann dich und hab Spaß mit interessanten Leuten. Wenn du willst, kannst du einen falschen Namen benutzen. Bring deine Mädchen mit. Es wird Spaß machen, dich dabei zu haben. Liebe Grüße.“ Epstein lehnte ab. Chopra drängte: „Deine Mädchen würden es lieben, genauso wie du.“
Chopra lud Epstein nach Israel ein: „Komm mit uns nach Israel. Entspann dich und hab Spaß mit interessanten Leuten. Wenn du willst, kannst du einen falschen Namen benutzen. Bring deine Mädchen mit. Es wird Spaß machen, dich dabei zu haben. Liebe Grüße.“ Epstein lehnte ab. Chopra drängte: „Deine Mädchen würden es lieben, genauso wie du.“
Chopra lud Epstein zu seinem Workshop in Zürich ein: „Du solltest mit deinen Mädchen zu meinem zweitägigen Workshop in der Schweiz in Zürich kommen – einem kleinen Dorf in einem Vorort. Das wird Spaß machen.“
Fortwährend geht es um Spaß und um Mädchen, und niemand fragt, wie alt die Mädchen sind, wie sie heißen und ob sie freiwillig mitkommen. Sie sind die Vehikel, die den Spaß ermöglichen, Objekte für die eigene Lust. So ist das Innere von Sexualverbrechern beschaffen. Dazu kommt, dass diese jungen Frauen von Chopra als Objekte für seine pseudospirituellen Spielchen missbraucht wurden.
Dieses seltsame Duo war über vier Jahre in tiefster Freundschaft verbunden: „Ich bin zutiefst dankbar für unsere Freundschaft.“ (Chopra an Epstein, 11. Juli 2017) Allerdings war einer von beiden schon als Sexualtäter registriert, während der andere heute noch frei herum läuft, spirituelle Bücher schreibt und sich abputzt. Chopras Frau, mit der er 56 Jahre verheiratet ist, wurde in den Tausenden ausgetauschten Nachrichten ein einziges Mal erwähnt. Auf der Spielwiese, auf der die beiden real und virtuell ihre pubertären Fantasien austobten, war sie offensichtlich nicht erwünscht.
Folgenschwere Prä-Trans-Verwechselungen
Dass es bei diesen Vorgängen um gegangen ist, ist noch das Mindeste, das man sagen muss. Transpersonale Einsichten werden verwendet, um präpersonal angetriebene Handlungen zu rechtfertigen und der personalen Verantwortung zu entziehen. Der Missbrauch von Minderjährigen ist dann kein Verbrechen mehr, sondern das Produkt von Illusionen. Personen haben nur einen fiktionalen Charakter, deshalb kann man mit ihnen machen, was man will, so lautet die Logik dieser folgenschweren Verwechslung der Ebenen.
Gerade spirituell (und damit meist auch finanziell) erfolgreiche Menschen geraten schnell in die Fänge ihres Egos, das sieht man an vielen der Nachrichten, die Chopra an Epstein geschickt hat. Es handelt sich um Missbrauch der Spiritualität für Ego-Zwecke, die leider weit verbreitet ist in der Szene.
Diesen Machenschaften gehen Menschen auf den Leim, die den Unterschied zwischen prä- und transpersonaler Ebene aufgrund ihrer nicht aufgearbeiteten Traumatisierungen nicht verstehen können, während ihnen von den Lehrern versichert wird, dass sie sich nicht mehr darum kümmern müssen, weil ja alles „gut ist, wie es ist“, „vergangen ist, was vergangen ist, und nur die Gegenwart zählt“, „weil alles Illusion ist“, usw., und das alles vom hohen Stuhl mit der unbestreitbaren Macht der Erleuchtung.
Die Falle besteht oft darin, dass Personen an diesen Positionen niemanden neben sich haben oder dulden, der sie auf ihre Schattenseiten aufmerksam macht. Und dann passieren alle möglichen Verwechslungen, weil ihr Ego meint, sie würden wegen ihrer Grandiosität verehrt und verdienten wegen ihrer spirituellen Errungenschaften eine erhabene Position oberhalb all der anderen, die spirituell nicht so weit gekommen sind.
Deepak kann den Zyniker Epstein mit seinen spirituellen Drehs beeindrucken und kriegt von ihm die Anerkennung (auch finanzieller Natur), offensichtlich für die Entlastung vom moralischen Druck. Wo es nur Illusionen von Personen gibt, gibt es auch keine persönliche Verantwortung und keine Schuld – ein ideales Konzept für einen Verbrecher und die Erlaubnis, weiterhin den eigenen perversen Antrieben ohne Gewissensdruck folgen zu können.
Toxische Erleuchtung
Günter Enzi schreibt in seinem Kommentar zu dieser Thematik, der mit „Wenn ‚Erleuchtung' toxisch wird: Die Gefahr der entkörperten Nondualität“ übertitelt ist: „Eine reife, sonamatische Nondualität hätte zu Epstein sagen können: ‚Auch wenn auf absoluter Ebene alles Bewusstsein ist – auf relativer Ebene hast du gehandelt. Und dein Handeln hat reale Körper verletzt. Bevor wir über Illusion sprechen, musst du körperlich spüren, was du getan hast.'
Nondualität ist keine Flucht aus Verantwortung. Sie vertieft sie. Das wäre Zumutung gewesen. Keine Entwirklichung – sondern Konfrontation im Kontakt.“
Die Schuldverdrängung beim Sexualverbrecher Epstein und seinem Komplizen Chopra war möglich durch Flucht von der körperlichen Ebene auf eine mentale, von der aus der mit allen spirituellen Wassern gewaschene Chopra dem zynischen Genießer Epstein einen Persilschein für seine Untaten ausstellen konnte, statt ihn mit dem Leid zu konfrontieren, das er angerichtet hat.
Der Körper ist der Ort der Schamgefühle, die sich bei jeder unmenschlichen Tat melden, und ihre Botschaften müssen unterdrückt werden, damit das böse Tun weiter bestehen kann. Eine der perfidesten Formen, solche Handlungen zu rechtfertigen, besteht darin, gerade das exquisite und in einem tiefen Sinn heilige Wissen, das aus der Erfahrung der Nondualität gewonnen wurde, für Zwecke der schamlosen Egobefriedigung zu missbrauchen.
Eine integre Ethik hat ihren Ort im ganzen Menschen, in seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist. Wer aus der Übereinstimmung mit diesen Bereichen handelt, handelt gut. Das Böse entsteht, wenn sich einer dieser Bereiche gegen die anderen durchsetzt, mit dem Imperativ von Überlebensimpulsen.
Ebenso wird eine integre und integrale Spiritualität vom ganzen Menschen getragen, nicht nur von seinem Geist. Unser Körper enthält die Sensoren für das Gute, das Wahre und das Schöne. Der Geist allein ist hilflos, wenn es um die Themen der relativen Wirklichkeit geht. Er ist in der Lage, in die Sphären des absoluten Erkennens vorzustoßen. Was er dort findet, ist aber in der Regel nicht brauchbar für die Themen des Alltags. Dafür verfügen wir über andere Bewältigungsinstanzen.
Die Grenze zwischen dem Absoluten und dem Relativen muss klar bleiben. Wenn es hier zu Grenzüberschreitungen kommt, die durch unbewusste Mechanismen ablaufen, kommt es leicht zum Auftreten von Missbrauch, sei es sexuell, physisch oder spirituell.
Quellen und Links zu den E-Mails zwischen Chopra und Epstein:
https://www.dailymail.co.uk/.../deepak-chopra-epstein...
https://drscottwmills.substack.com/.../the-silence-inside...
https://lissarankinmd.substack.com/.../blowing-the...
https://spuren.ch/single-ansicht-buch-1?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5022&cHash=b44156a178891943517a1eac752988b3
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