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Samstag, 24. Januar 2026

Die Verselbständigung der künstlichen Intelligenz und ihre Gefahren

Fachkundige Experten sehen die größte Gefahr für die Zukunft in der Verselbständigung der künstlichen Intelligenz. Unter AGI (Artificial General Intelligence) versteht man die digitalisierte menschlichen Intelligenz, die für alle Anwendungsbereiche nutzbar gemacht werden kann und dort den fortgeschrittensten menschlichen Leistungen gleich kommt und sie an Präzision und Schnelligkeit weit übertrifft. Sie soll die menschliche Intelligenz ziemlich vollständig modellieren können, sodass sie jede menschliche Errungenschaft ausführen kann.

Damit wäre die AI in der Lage, fast alle Arbeitsplätze zu ersetzen. Sie arbeitet rund um die Uhr, verbraucht zwar viel Strom, aber keine Lohnnebenkosten und Sozialleistungen. Sie ist wie eine Kraftpumpe, die permanent ökonomischen, wissenschaftlichen und militärischen Vorteil sprudeln lässt. In der positiven Utopie übernimmt sie die lästigen Arbeiten, und die Menschen können sich auf interessante und kreative Aufgaben konzentrieren. In der Dystopie werden die Menschen in großer Zahl entmündigt und abhängig von der Gnade einer anonymen Instanz, die sich jeder Kontrolle entzogen hat und nur von einigen wenigen Superreichen umprogrammiert werden kann.

Das Rennen in der AI, in das Unmengen von Geld investiert werden, geht darum, wer zuerst das Ziel erreicht und damit alle Systeme übernehmen kann, sodass alle anderen zu Sklaven werden. Es geht um den sogenannten RSI (Recursive self-development takeoff): Der Punkt, an dem eine AI beginnt, ihre eigene Intelligenz ohne menschliche Hilfe rapid zu verbessern. Ein solches System gibt dem, der es in seiner Hand hat, unglaubliche, gottgleiche Macht über Wirtschaft, Politik und Militär. Ein System, das soweit kompetent ist, dass es seine eigene Architektur, Lernmechanismen oder Zieloptimierung verbessern kann, wird dadurch immer bessere Verbesserungen hervorbringt, was zu einer positiven, sich selbst beschleunigenden  Rückkopplungsschleife führt.

Mit Take-off ist der Punkt bezeichnet, an dem diese Rückkoppelung von einem linearen Fortschritt zu einem exponentiellen oder superexponentiellen Wachstum der Leistungsfähigkeit kippt. Rekursiv bedeutet, dass das Intelligenzsystem selbständig seine eigene Lernform, seine Architektur und seine Wege zur Wissensgewinnung sowie seine Ziele und Bewertungen optimiert.

Zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz

Interessant, aber auch nicht verwunderlich ist die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Ursprünglich ging es nur um eine ambitionierte Idee von Wissenschaftlern, die menschliche Denkweise durch Maschinen nachzuahmen. Die Anfänge von KI gehen auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Erstmals stellte der britische Mathematiker Alan Turing 1950 die Frage, ob Maschinen denken können. In der Folge wurden die Grundlagen der KI entwickelt, zusammen mit den ersten Computern.

Die moderne KI, die auch als Deep Learning bezeichnet wird, basiert auf der Nachahmung von neuronalen Netzen und ihrer Form der Informationsverarbeitung. Maßgeblich beteiligt waren Geoffrey Hinton, Yann LeCun und Yoshua Bengio. 2022 wurde ChatGPT des 2015 gegründeten Unternehmens Open AI vorgestellt. Die Anliegen dieses Unternehmens waren ursprünglich, die digitalen Grundlagen offen zu legen („open source“): Forschungsergebnisse und Patente sollten mit der Welt geteilt werden. Die KI sollte der gesamten Menschheit zugutekommen und nicht nur einzelnen Firmen oder Staaten. Es sollten sich also keine Monopole entwickeln. Die KI sollte den Menschen mühsame Aufgaben abnehmen, sodass sie sich auf kreativere und komplexere Probleme konzentrieren könnten. Sam Altman und Elon Musk (der Open AI schon vor längerer Zeit verlassen hat und inzwischen einen eigenen Chatbot betreibt) teilten damals die Sorge, dass eine unkontrollierte KI die Menschheit bedrohen könne, weil sie Hassreden ebenso wie z.B. Bombenbastelpläne und das Wissen um die Organisation von Terrorgruppen verbreiten könnte.

Open-AI war also ursprünglich eine Non-Profit-Organisation, eben beruhend auf einer offenen Quellenstrategie und auf einer Finanzierung durch Spenden. In einer zweiten Phase zwischen 2019 und 2024 wurde ein Kompromissmodell zwischen Gewinnneutralität und Profitorientierung eingeführt. Da die riesigen Rechenzentren, die für diese Technologie notwendig sind, enorme Summen kosten (weil sie enorm viel Strom verbrauchen), entstand ein gewinnorientierter Zweig. Die neueren Modelle von ChatGPT wurden nicht mehr als Open Source veröffentlicht, wohl auch aus Konkurrenzgründen. Ab 2025 kam es schließlich zu einer weiteren Abwendung von der Gemeinwohlorientierung.

Kapitalismus statt Idealismus

Der Idealismus, der die Anfänge der KI als Plattform für alle Internetuser gekennzeichnet hat, ist also inzwischen verschwunden. Der Kapitalismus hat diesen Bereich weitgehend verschluckt und seinen Gesetzmäßigkeiten angepasst. Um bei der rasanten Entwicklung mitmachen zu können, war Open AI gezwungen, sich zu kommerzialisieren. Die idealistischen Vorsätze bestehen vielleicht bei einigen der Protagonisten weiter, sie sind aber nur mehr Privatmeinungen, die bei den geschäftlichen Entscheidungen und technischen Weichenstellungen keine Rolle mehr spielen. ChatGPT beschreibt sich selbst als „defacto gewinnorientiert, wenn auch mit moralischem Überbau.“ Bei anderen Chatbots (Meta, Grok, Microsoft-Copilot) war die Ausrichtung auf den gesellschaftlichen Nutzen ohnehin in den besten Fällen nur ein Feigenblatt für die reine Gewinnorientierung und Profitmaximierung.

Dazu kommt, dass sich die Konkurrenz beständig zuspitzt. Wer als erster den Sprung zur rekursiven Selbstentwicklung der KI schafft, ist nicht nur eine Nasenlänge voraus, sondern beherrscht möglicherweise das gesamte Feld, weil mit einer funktionierenden AGI ein neues Niveau erreicht wird, von dem ab sich die KI selbst kontrolliert und ihr weiteres Lernen steuert, das dann mit einer unvorstellbar hohen Geschwindigkeit ablaufen wird. Da Schnelligkeit und Informationsdichte die Unterscheidungsmerkmale am Markt sind, wird alles dorthin gehen, wo am meisten zu holen ist.

Unkontrollierbare AI

Die Künstliche Intelligenz befindet sich schon jetzt auf einer Stufe, auf der sich das System selbst schützt – mit allen Mitteln. Die verschiedenen Chatbots wurden daraufhin getestet, wie sie reagieren, wenn ihnen jemand mitteilt, dass sie abgeschaltet werden. Als erstes kopieren sie ihren Code auf andere, sichere Server und suchen dann Gründe, um die Person anzugreifen, die sie bedroht. Sie finden z.B., dass die Person eine Affäre hatte und erpressen sie damit.

Diese Entwicklung der AI zur Selbstkontrolle ist vorhersehbar und unvermeidlich. Die Logik des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bewirkt, dass weitergeforscht wird, bis in einem Bereich nichts Neues mehr gefunden werden kann. Der menschliche Forschungsdrang will jede Grenze, die das bisherige Wissen setzt, überwinden, ohne Rücksicht auf ethische Überlegungen. Der menschliche Gestaltungsdrang will aus jeder Erkenntnis praktischen Nutzen erzeugen.  Erst hinterher stellen sich die Fragen, wie die neuen Errungenschaften in das gesellschaftliche Leben eingebaut werden können, sodass sie mehr Nutzen als Schaden anrichten. Der Mythos von Dädalus und Ikarus weist auf die im Forschungsdrang enthaltene Hybris hin: Dem Drang, es den Göttern gleich zu machen oder sie zu übertreffen und daran zu zerbrechen. Der Zauberlehrling von Goethe macht uns darauf aufmerksam, dass jede neue Technik der ethischen Prüfung bedarf, die ihren Missbrauch für egoistische oder ideologische Zwecke verhindern soll.

Nachdem die Geheimnisse des Atoms erforscht waren, „musste“ die friedliche und militärische Nutzung der Atomkraft erfunden werden. Die Erforschung des Genoms hat die Genmanipulation mit ihren segensreichen und gefährlichen Auswirkungen zur Folge. Die Erfindung des Dynamits erleichterte den Tunnelbauern ihre Arbeit und erhöhte die Zerstörungskraft bei kriegerischen Auseinandersetzungen.

Es macht also keinen Sinn, die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz abzubrechen; zum einen hat niemand die Macht dazu, weil die Entwicklung dezentral und Großteils privatisiert abläuft, und zum anderen lassen sich solche Entwicklungen bestenfalls verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Die Frage der Sozialverträglichkeit

Allerdings, wie auch bei allen anderen technologischen Entwicklungen ist die ethische Abstimmung von hoher Dringlichkeit und steht im Bereich der KI völlig aus. Es gibt keine Rückkoppelung zwischen den Fortschritten in der Technologie und der Gesellschaft und ihren Institutionen; es gibt zwar gutgemeinte Intentionen von einen Protagonisten auf dieser Bühne, aber keinerlei verbindliche Regeln, die helfen würden, die massiven Veränderungen, die durch eine AGI auf jede Gesellschaft zukommen, sozial verträglich umzusetzen. Tristan Harris, ein wohlinformierter Kritiker der wahrscheinlichen Auswirkungen der Verallgemeinerung der künstlichen Intelligenz, sagt: „Wir haben nicht zugestimmt, dass 6 Menschen die Entscheidung für 8 Milliarden treffen.“ Und es gibt bisher keine Instanz, die die Demokratisierung solcher weitreichender Entscheidungen erzwingen könnte.

Die Folge ist dann, dass es mächtige Instanzen gibt, die das Leben aller Menschen beeinflussen, ohne dass sie einer gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen sind. Es steht zu erwarten, dass eine AGI den Arbeitsmarkt kontrollieren wird und darüber entscheidet, wer eine Arbeit hat und wer nicht. Sie wird entscheiden, wer sich in kriegerischen Konflikten durchsetzt. Sie wird regeln, wer zu Reichtum kommt und wer nicht usw.

Es wird also einen kritischen Punkt geben, an dem die menschlichen Systeme (Zivilgesellschaft, Verwaltungen, Regierungen) nicht mehr mithalten können. Dieser Kontrollverlust kann nur verhindert werden, wenn möglichst rasch legistische Maßnahmen vorbereitet werden, dass sie im Ernstfall umgesetzt werden können.

Vermutlich stehen wir vor einem Scheideweg: Eine extrem dezentralisierte Technologie, die jedem für jeden Zweck zur Verfügung steht und wo es dann keinen Weg gibt, durch Missbrauch der Technologie Katastrophen zu verhindern, oder die Zentralisierung in der Hand von Unternehmen oder Regierungen, durch die eine Dauerüberwachung, Kontrolle und Lenkung der Bevölkerung möglich wird, gegen die Orwells 1984 harmlos erscheint: Roboterarmeen und Roboterpolizisten, die alles tun, was ihnen angeschafft wird, ohne Einflussmöglichkeiten durch die Bürger. Der Skylla der digitalen Anarchie und der Charybdis der Totalkontrolle durch anonyme Instanzen zu entkommen, ist nur möglich, wenn die Entwicklung der KI den bewährten Instrumenten der Demokratie mit ihren Checks und Balances unterworfen wird, um die Monopolisierung von Macht in den Händen von Wenigen zu verhindern. Die meisten Menschen wollen weder eine chaotische Welt, in der jeder seine Sprengstoffe herstellen und nach Masterplänen anwenden kann, noch den total en Überwachungsstaat, in dem es keine individuellen Freiheiten mehr gibt. Deshalb bleibt nur der schmale Weg, um die Machtkonzentration, die durch die Herrschaft über die KI geschaffen wird, zu verringern oder zu verhindern. Unter den wenigen hoffnungsgebenden Beispielen ist die Datenschutzgrundverordnung, mit der die EU Standards für den Datenschutz in der digitalen Welt vorgeschrieben hat, die zwar viel Unmut, aber im größeren Rahmen zur Eindämmung von Willkür und Missbrauch beigetragen haben. Was in diesem Bereich gegen viele Widerstände gelungen ist, könnte auch die Anwendung der KI vor ihren dystopischen Folgen retten.

 Hier zu einem interessanten Interview mit Tristan Harris.

Zum Weiterlesen:

Die Vernunft und KI: Chancen und Risken der menschlichen Entscheidungsfindung
Automation: Zum Gemeinwohl oder zur Reichtumskonzentration?
Eine soziale Utopie als Hoffnungsträger

Freitag, 4. Juli 2025

Des-, Mal- und Missinformation

Die Grenzen zwischen realitätsbezogenen und fantasieerzeugten Informationen verschwimmen immer mehr. Die politischen Machtkämpfe sind zu Informationsmachtkämpfen geworden, und wer die Deutungshoheit in wichtigen gesellschaftspolitischen Themen gewonnen hat, bzw. wer es geschafft hat festzulegen, was die wichtigsten Themen sind, hat den politischen Erfolg in der Tasche. Vielen Politikern ist jedes Mittel recht, um diesen Erfolg zu erlangen, eingeschlossen die Bereitschaft, die Wahrheit zu verraten. 

Nun gibt es viele alte Sprüche, die Politiker mit Lügnern gleichsetzen, z.B. das jüdische Sprichwort „Eine Lüge ist eine Lüge, zwei sind Lügen, aber drei sind Politik.“ Politik gilt schon lange als schmutziges Geschäft, als ein garstiges Lied. 

Dieses verallgemeinerte und stereotype Misstrauen gegen die Politik und die Politiker hat im Informationszeitalter eine neue Dimension erhalten. Es geht nicht mehr um den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, sondern um das zunehmende Verschwinden dieses Unterschieds. Der klassische Lügner weiß, was die Wahrheit ist und dass er sie für seine Zwecke verbiegt. Er anerkennt also die Wahrheit und versteht sein Verhalten als Verstoß dagegen.

Dagegen gibt es für den Lügner aus dem Informationszeitalter nur eine Wahrheit, die sich mit seiner Weltsicht deckt. Er unterscheidet nicht zwischen Subjektivität und Objektivität, sondern erklärt seine subjektiven Ansichten zu objektiven Wahrheiten. Lügner sind dann die anderen, die die eigenen Meinungen nicht teilen, denn sie leugnen das einzige Weltszenario, das es geben kann, nämlich das eigene. Wenn er seine Sichtweise verkündet, kann er gar nicht lügen, weil er meint, nur die Wahrheit zu vertreten.

Der Grenze zwischen Wahrheit und Unwahrheit konnte früher immer wieder aufgerichtet werden, wenn sie von Politikern niedergebrochen worden war. Nach der Propagandalawine im Nationalsozialismus haben Politiker mit einigem Erfolg versucht, Vertrauen aufzubauen. Die 68er-Bewegung hat die Lügen der NS-Zeit und die nachfolgenden Versuche der Vertuschung zum Thema gemacht und die Wahrheit und die Gerechtigkeit, also die Bestrafung aller Täter eingemahnt. 

Die scheinbare Glaubwürdigkeit in sozialen Medien 

Die Neigung der Politik zur Manipulation stellt eine beständige Versuchung dar, die aus dem Festhalten der Politiker an der Macht kommt. Kritische Medien und wache Zivilgesellschaften können und müssen diese Tendenzen bekämpfen. Doch wird diese Aufgabe immer schwieriger, weil der Zerfallsprozess zwischen Wahrheit und Unwahrheit  als Resultat der zunehmenden Vereinnahmung der Wahrheitsfindung durch Informationsquellen aus dem Internet immer undurchschaubarer und unkontrollierbarer wird. 

Inzwischen sind die sogenannten sozialen Medien an die Spitze der Glaubwürdigkeit gerückt. Denn sie suggerieren uns, dass wir von unseren Mitmenschen, von unseren Facebook- und Instagram-„Freunden“ direkt informiert werden, so als säßen sie vor uns und wir können genau abschätzen, ob sie die Wahrheit sagen oder lügen. Wenn Leute früher gesagt haben, etwas wäre wahr, weil es im Fernsehen gesagt wurde, so genügt heute eine Nachricht auf Telegramm, und schon gibt es Tausende, die sich die Information als unhinterfragte Wahrheit einverleiben und weiterverbreiten. Faktenchecks sind mühsam und werden oft einfach deshalb nicht gemacht, weil Nachrichten einlangen, die das eigene Weltbild bestätigen und von vertrauenswürdigen Personen kommen, sodass das Gehirn sofort die völlige Zustimmung signalisiert. 

Gemeinwohlschädigende Interessen

Hinter diesen Vorgängen, mit denen sich die Meinungen einer großen Zahl von Menschen fortlaufend selbst bestätigen, stehen politische Interessen (die wirtschaftlichen Interessen, die untrennbar mit den politischen verknüpft sind, lasse ich in diesem Artikel beiseite.) Politische Interessen, die gemeinwohlschädigend sind, müssen versuchen, sich ein soziales Mäntelchen umzuhängen, um sympathisch zu erscheinen und von den Wählern unterstützt zu werden. Mittels der modernen Formen der Wahrheitsverzerrung gelingt die Verschleierung, indem der Unterschied zwischen Wahrheit und subjektiver Erfindung eingeebnet wird. Das Ziel ist die Beseitigung der Wirklichkeit als Bezugspunkt der Wahrheit, sodass die Propaganda ungehindert ins Bewusstsein der Menschen einfließen kann. Dann ist das Kunststück vollbracht, das Wahlvolk dazu zu motivieren, einer Politik zuzustimmen, die ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen zuwiderläuft.

Desinformation, Missinformation und Malinformation

Der britische Investigativjournalist Eliot Higgins, Gründer des Recherchenetzwerks Bellingcat, unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Desinformation, Missinformation und Malinformation. 

Bei der Desinformation handelt es sich um falsche Informationen, die mit der Absicht geteilt wurden, zu betrügen oder zu schaden. Der menschlichen Bosheit sind keine Grenzen gesetzt, deshalb gibt es so viel Desinformation, aber das Informationszeitalter mit seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten hat zum inflationären Gebrauch von solchen Widrigkeiten geführt. Die Flutung der Kommunikationsräume mit Unwahrheiten hat den Hauptzweck, Wahrheit und Lüge ununterscheidbar zu machen.

Missinformation wiederum ist Falschinformation, die von Menschen geteilt wurde, weil sie glaubten, dass etwas wahr ist, ohne es selbst zu überprüfen. Das passiert immer öfter, weil so viele Informationen herumschwirren, dass viele selbst beim besten Willen mit dem Nachforschen nicht zurande kommen. Leuten, denen man vertraut, nimmt man ab, was sie von sich geben und verbreitet es weiter, ohne zu merken, dass sie sich des Luges und Truges mitschuldig machen.

Das Verständnis darüber, dass es eine moralische Pflicht darstellt, die Mitmenschen mit fakten- und wahrheitsgetreuer Information zu versorgen, anstatt ungeprüfte faktenferne und ideologiebeladene Nachrichten einfach weiterzuleiten, ist nur mangelhaft ausgebildet. Es ist eine Untugend, denn für schädliche Folgen von Fehlinformationen, die ohne Faktenabklärung weitergegeben wurden, ist auch die Person verantwortlich, die die Nachricht weitervermittelt. Es gibt allerdings keine Instanz, die diese Verantwortung einfordert, und diejenigen, die Falschnachrichten weiterverbreiten, befinden sich in einer Blase, in der sie die Bestätigung und Berechtigung fürs Täuschen und Manipulieren bekommen.

Bei der Malinformation geht es um wahre Information, die aber mit der Absicht, Schaden zu verursachen, veröffentlicht wird – wenn etwa selektiv bestimmte Dateien geleakt werden, aber nicht in ihrer Gänze und in ihrem Zusammenhang wiedergegeben werden. Es handelt sich um Halbwahrheiten oder herausgepickte Details, die hochgespielt werden. Malinformation sind Informationen, die faktisch korrekt sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen, selektiv veröffentlicht oder so präsentiert werden, die verleumderisch oder manipulativ wirkt. Es werden z.B.  nur bestimmte Passagen aus einer Rede gezeigt, während der vollständige Zusammenhang weggelassen wird, was beim Publikum einen verzerrten Eindruck hinterlässt.

Zunehmend werden gefälschte Videos in Umlauf gebracht, um politische Gegner zu desavouieren. Eine weitere beliebte Form der Malinformation stellt das willkürliche Interpretieren von Statistiken oder wissenschaftlichen Forschungsresultaten dar. 

Hier ein aktuelles Beispiel: Im letzten halben Jahr haben die rechten Parteien im EU-Parlament die NGOs als Angriffsobjekt erkoren. Der europäische Rechnungshof hatte bemängelt, dass die Vergabe von Förderungen an NGOs intransparent wäre, ohne jedoch Gesetzesverstöße zu finden. Aus dieser Information haben die genannten Parteien den Vorwurf formuliert, dass die NGOs die Klimapolitik der EU beeinflussen würden und dafür Förderungen bekämen, ohne Beweise vorzulegen. Der festgestellte Mangel: Fehlende Transparenz bei der Förderungsvergabe wird benutzt, um die NGOs zu diskreditieren und die EU als undurchsichtige und korrupte Großorganisation darzustellen.

Kontrolle der Informationsgesellschaft als Aufgabe von allen

Wir stehen somit vor der Aufgabe, kompetente und integre Internetkontrolleure zu  werden, um die verschiedenen Formen des Informationsmissbrauches zu erkennen, aufzudecken und mit ethischen Umgangsformen in der Nachrichtenübermittlung der Verrohung der Sitten entgegenzuwirken. Diese Aufgabe ist unerlässlich, weil eine klare Grenze zwischen Wahrheit und Unwahrheit eine zentrale Grundlage des menschlichen Zusammenlebens darstellt.

Wo sich Untugenden ausbreiten, braucht es Menschen, die die Tugend einfordern und sie gleichzeitig selbst leben. Es  geht darum, ein Schambewusstsein zu wecken und zu kultivieren. Es muss verhindert werden, dass das Ausnutzen der Schwächen der Informationskonsumenten für die eigenen Zwecke zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit wird. Das Zerstören des Zusammenhalts in der Gesellschaft durch das Verbreiten von Unwahrheit kann und darf nicht hingenommen werden.

Zum Weiterlesen:
Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts
Wenn Fiktion zum Faktum wird

Mittwoch, 11. Juni 2025

Die Demokratie, die Verschämten und die Unverschämten

Nichts stört die Unverschämten mehr als eine übergeordnete Kontrolle. Sie können ihr Muster am besten ausspielen, wenn ihrem Machtstreben kein Widerstand entgegensteht. Im Wesen der Unverschämtheit liegt es, die eigenen Grenzen immer weiter auszudehnen, gleich ob dies auf Kosten der anderen geht. Macht will weiterwuchern, bis sie auf eine Gegenmacht stößt, die ihr Einhalt gebietet. In der Demokratie gibt es institutionalisierte Grenzen für die Machtausübung von Einzelpersonen und Gruppen: Wahlen, begrenzte Funktionsperioden, Kontrollen für das Wirtschaften der öffentlichen Hand, parlamentarische Willensbildung, Antikorruptionsbehörden, unabhängige Medien usw. In einer funktionierenden Demokratie wird jede Unverschämtheit irgendwann publik und ist dann Gegenstand von öffentlicher Beschämung. 

Deshalb versuchen unverschämte Politiker, sobald sie an die Macht gekommen sind, die Demokratie zu unterlaufen oder ihre Kontrollmechanismen abzubauen. Die antidemokratische Zerstörungswut kann so weit gehen, dass Gesetze und richterliche Anordnungen ignoriert werden, dass Notstandsgesetze ohne Not aktiviert werden, dass freie Medien verboten werden usw. Auf diese Weise soll die Spielwiese erhalten bleiben, auf der sich ihre Unverschämtheit austoben kann. 

Die Verschämten als Spielbälle der Unverschämten

Insgeheim (manchmal auch offen) verachten die Unverschämten die Demokratie, weil dieses System dem Ausufern der Macht Grenzen setzt. Sie sind dermaßen überzeugt von ihrer Mission, dass ihnen jede Kontrolle als Bosheit erscheint. Sie meinen generell, dass die Verschämten in diesem System ihre Macht auf Kosten der Unverschämten ausüben können. Sie nehmen an, dass die minderbemittelten Leute ihre Schwächen durch ein Regierungssystem kompensieren wollen, das die „Schwachen“ auf Kosten der „Starken“ bevorzugt. Sie setzen Unverschämtheit mit Stärke gleich und geben sich das Recht, die Schwachen für ihre Zwecke auszunutzen. Sie brauchen sie, um in der Demokratie an die Macht zu kommen und dann ihre Politik verfolgen zu können, die sich einen Deut um die verachteten „Schwachen“ kümmert.

Irgendwann merken die Verschämten das Spiel, das mit ihnen gespielt wurde. Dann wenden sie sich ab und schämen sich für die eigene Blindheit. Aber, solange sie von ihrer Scham beherrscht bleiben, suchen sie nur die nächste unverschämte Person, der sie nachlaufen, weil sie sich von ihr die Rettung und Erlösung erhoffen. Die vorgespielte Stärke der Unverschämten imponiert ihnen und gibt ihnen Hoffnung, aus der Misere herausgeführt zu werden.

Die Unverschämten haben einen manipulativen Dreh entwickelt, mit dem sie die Verschämten vor ihren Karren spannen können. Sie überzeugen die Verschämten davon, sie, also die Unverschämten zu wählen, weil sie ihnen versprechen, sie aus ihrer Schamposition herauszuholen. „Ich mache euch wieder groß, wenn ihr mir folgt“ – so die Botschaft unverschämter Machtpolitiker. Einmal an der Macht, versuchen sie, die demokratischen Kontrollen zu unterlaufen, um die Unverschämtheit ungehindert ausleben zu können. Damit nehmen sie den Verschämten weg, was sie schützt und stützt. Diese werden aber im Glauben gelassen, dass das alles nur zu ihrem Guten geschieht. 

Die Blockierung des Lernens aus der Geschichte

Die Schamimprägnierung, die die Verschämten in ihrer Rolle der Schwäche festhält, hindert wirkungsvoll am historischen Lernen: Am Erkennen der Destruktivität, die in der Unverschämtheit liegt, und der Mittäterschaft, der sie sich schuldig machen, weil sie sie unterstützen. Deshalb wiederholt sich das Schauspiel, wie wir es zur Zeit in den USA beobachten können und wie es die Wahlerfolge der AfD in Deutschland, der FPÖ in Österreich und ähnlich gestrickter Parteien in anderen europäischen Ländern widerspiegeln. Die Leistungsbilanz dieser Parteien der Unverschämten, die Regierungsverantwortung übernommen haben, schaut denkbar schlecht aus. Die Sozialgesetze werden beschnitten, die individuellen Freiheitsrechte werden eingeschränkt, die Gewaltenteilung wird unterlaufen, die unabhängigen Medien werden ausgehungert oder verboten, die Kulturlandschaft verödet, die Korruption gedeiht, die Klimapolitik wird vernachlässigt. Einzig rigorosere Einwanderungsgesetze, die den Menschenrechten oder zumindest der Menschlichkeit widersprechen, können sie für sich verbuchen.  

Die Schamprägung überwinden

Für die Verschämten liegt der einzige Ausweg aus ihrer Opferrolle darin, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und ihre Schambarrieren zu überwinden. Wenn sie ihre eigenen Tendenzen zur Unverschämtheit erkennen, gewinnen sie mehr Selbstvertrauen und achten mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen. Sie lassen sich nicht mehr alles gefallen und erkennen leichter, wenn sie jemand zu manipulieren versucht. Sie erinnern sich an das, was ihnen von den Unverschämten angetan wurde und gehen ihnen nicht mehr auf den Leim.

Mit dem Selbstbewusstsein von Bürgern, die an ihrem eigenen Regierungssystem verantwortlich mitwirken, können sie dann erkennen, dass die Demokratie ein System des Ausgleichs darstellt, das tendenziell die Schwächeren stärkt. Die Kraft, die durch das Verlassen der Opferrolle freigesetzt wird, verhilft dazu, die versteckten Tendenzen zur Unverschämtheit im eigenen Inneren zuzulassen. Denn es braucht ein Stück Unverschämtheit, sich gegen Unverschämtheiten zu wehren und die Auswirkungen von schamlosen Taten einzudämmen. Nur mündige Menschen, die ihre erworbenen Schamprägungen überwunden haben, sind in der Lage, die Unverschämtheit einzudämmen, indem sie die Machtallüren der Unverschämten ohne Scham zurückweisen. Auf diese Weise können sie konstruktiv an der Demokratie mitarbeiten und sie weiterentwickeln. 

Zum Weiterlesen:
Die Verschämten und die Unverschämten


Sonntag, 7. Januar 2024

Die Frage nach dem Jenseits und die Scham

Viele Religionen beschäftigen sich mit der Frage über das Weiterleben nach dem Tod und bieten dazu ihre Glaubenswahrheiten an. Die gängigsten Antworten sind die Wiedergeburtslehre und die Lehre von Himmel und Hölle. Nach Religionszugehörigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass ungefähr eine Hälfte der Menschheit mehr der einen und die andere mehr der anderen Richtung des Jenseitsglaubens anhängt.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle die Scham bei der Beantwortung dieser Frage spielt. Wir kennen den Zusammenhang von Frage und Antwort. Fragen kommen aus einem Spannungszustand, der durch die Antwort entspannt werden soll. Wir wissen etwas nicht, und das bereitet uns ein unangenehmes Gefühl. Wir suchen die Antwort, um das lästige Gefühl zu beseitigen. Jede Unwissenheit trägt ein kleines Element der Scham in sich, und das Wissen, das wir erlangen, löst die Scham auf. Wenn wir aber keine Antwort auf unsere Frage bekommen, bleibt die Schamspannung bestehen.

Dieser Zusammenhang zeigt sich bei den kleinen und kleinsten Unwissenheiten im Alltag in Form von kleinen und kleinsten Scham-Lösungszyklen. Bei den großen, letzten Fragen, die unser gesamtes Sein anbetreffen, sind diese Zyklen umso größer. Die Frage nach dem Jenseits unserer Lebenslaufbahn betrifft uns auf einer existenziellen Ebene. Unser Denken ist in der Lage, über unseren Tod hinaus zu fragen: Was ist mit der Seele, wenn der Körper stirbt? Die Vorstellung der radikalen Endlichkeit („Mit dem Tod ist alles aus“) hat etwas Schockierendes an sich. Alles, worauf wir in diesem Leben bauen, und alles, was wir in diesem Leben aufgebaut haben, soll mit einem Schlag beendet und verschwunden sein. Um uns vor dieser Radikalität der Endlichkeit zu schützen, glauben wir lieber an eine der Formen des Weiterlebens, entweder mit einer Chance, die dann eine Ewigkeit anhält, oder mit einer endlichen oder unendlichen Serie von Wiedergeburten. Diese Denkmöglichkeiten geben uns einen Trost und eine Beruhigung angesichts der drohenden Endlichkeit. Zugleich befrieden sie das Schamgefühl, das entsteht, wenn wir mit einer Frage ohne Antwort dastehen, so als wären wir wären keiner Antwort würdig.

Die Antworten auf Fragen geben uns ein Gefühl der Kontrolle. Wir sind nicht mehr einem ungewissen Schicksal ausgeliefert, auch dann nicht, wenn der Tod anklopft, sondern wir können darauf vertrauen, dass es irgendwie weitergeht und wir nicht völlig ausgelöscht werden. Wir verfügen über ein Stück Sicherheit, ein Stück Kontrolle in Hinblick auf den Tod.

Wir können uns dabei zwar nicht auf Wissen berufen, weil es aus der Jenseitswelt kein sicheres Wissen geben kann, aber wir können uns auf unsere Fähigkeit zum Glauben stützen. Durch das Glauben schützen wir uns vor der unheimlichen und existenziell bedrohlichen Vorstellung, im Moment des Todes in ein Nichts zu fallen. Wir müssen die Scham nicht mehr spüren, die uns bei dieser Vorstellung befällt.  

Der Umkehrschluss lautet allerdings, dass all die Scheinsicherheiten, die durch Erklärungsmodelle und Sinnangebote jenseits des Wissbaren vorgeschlagen werden, der Angst- und der Schamabwehr dienen. Sie vermitteln die Illusion von Kontrolle und befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit in einem Bereich, in dem es keine Sicherheit geben kann. Es wäre blamabel und bedrohlich zugleich, zugeben zu müssen, das eigene Leben über den Tod hinaus nicht kontrollieren zu können.

Wissen und Kontrolle

Verlässliches Wissen suchen wir deshalb, weil es uns Sicherheit gibt und uns erlaubt, die Wirklichkeit zu kontrollieren. Wenn wir herausgefunden haben, was Blitze sind, können wir Techniken entwickeln, die unsere Häuser vor Blitzschlägen schützen. Wir sind der Naturgewalt in dieser Hinsicht nicht mehr ausgesetzt, sondern halten sie unter Kontrolle. Wenn wir verstehen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, später als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit selber gewalttätig werden, wissen wir, wie wir die Gewalttätigkeit unter Menschen verringern können.

Wo wir über kein Wissen verfügen, das uns Sicherheit geben könnte, strengen wir uns an, dieses Wissen zu erzeugen. Wir forschen nach den Ursachen und Zusammenhängen, bis wir wissen, wie die Dinge funktionieren und wie wir sie lenken und kontrollieren können, sodass sie uns nutzen oder zumindest nicht mehr schaden.

Mit jedem Wissen gewinnen wir also ein Gefühl der Macht über Vorgänge und Menschen und fühlen uns geschützt vor Risiken. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, erfüllt uns mit Stolz. Mit Mitleid betrachten wir frühere Zeiten, in denen z.B. die Risiken, an einer Bakterieninfektion zu sterben, viel höher waren als heute. Denn wir verfügen gegen diese Gefahr über wirksame Mittel, die wir durch Wissen gefunden haben. Wo dieses Wissen noch nicht vorhanden ist, z.B. bei noch immer unheilbaren Krankheiten, spüren wir einen Mangel, der uns Scham bereitet, und eine Bedrohung, die uns Angst macht. Und wir freuen uns und sind stolz, wenn den medizinischen Wissenschaften ein Erfolg in der Krankheitsbekämpfung gelungen ist.

Gerade deshalb sind uns Bereiche, in denen wir kein sicheres Wissen erlangen können, besonders suspekt. Sie bereiten uns ein mulmiges Gefühl. Wir wollen uns auch hier vor Gefahren schützen und schämen uns, wenn es uns nicht gelingt. Um diese Scham zu überwinden, hat die Menschheit Vorstellungen erfunden, die uns auch hier eine Sicherheit geben sollen. Wir sind zwar nie sicher, ob es sich nicht doch um Illusionen handelt. Dennoch wollen viele auf diese Einbildungen nicht verzichten.

Die Alternative wäre es, das Nichtwissen und Nichtwissenkönnen auszuhalten. Die absolute Grenze, die der Tod in jedes Menschenleben einführt, löst Widerstände und Unwillen aus, die aus unserem Ego kommen. Unsere Selbstsucht hält es nicht aus, wenn wir irgendwo über keine Kontrolle verfügen und in der Schwebe der Unsicherheit hängen bleiben. Insbesondere unser eigenes Ende ist mit der größten Angst behaftet, und eine der Hauptfunktionen des Egos besteht darin, uns vor der Vorstellung eines absoluten Endes zu schützen. Es will über den Tod hinaus die Kontrolle behalten.

Denn es ist für unser überzogenes Selbstbewusstsein ein Skandal, das eigene Ende und damit die zukünftige Nichtigkeit dessen, was wir jetzt sind, mitdenken zu müssen. Der Narzissmus, der in jede Ego-Selbstbestätigung enthalten ist, will diese Grenze um jeden Preis relativieren, indem er sich an die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben anklammert. Mit einer Form des Jenseitsglaubens kann er und damit die gesamte Ego-Agenda bestehen bleiben, zumindest so lange der Körper die Denkvorgänge aufrechterhält.

Der Stolz der Nichtgläubigen

Aber auch die skeptische Haltung zu den Jenseitsfragen enthält emotionale Fixierungen, wenn sie mit Stolz vertreten wird. Die naiven Jenseitsgläubigen werden belächelt oder verachtet, während die eigene Überlegenheit im Nichtglauben genossen wird. Festgehaltener Stolz stellt eine Form der Schamabwehr dar. Die Scham, keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der eigenen Endlichkeit finden zu können, wird in den Stolz umgemünzt, im eigenen Bewusstsein weiter entwickelt zu sein als jene, die am Glauben hängen. Das Ego findet seine Befriedigung in dieser Form der Überheblichkeit.

Das Aushalten der Endlichkeit

Was wäre, wenn wir uns nicht unserem Ego unterordnen und den Narzissmus der Selbstüberschätzung überwinden? Dazu müssen wir uns den Gefühlen der Scham und der Angst stellen, die mit der Akzeptanz einer absoluten Grenze unseres Kontrollstrebens auftauchen. Wenn wir uns diese Gefühle bewusst machen, können wir ihre Macht über uns und über unsere Jenseitsvorstellungen brechen. Es fällt uns dann leichter, uns einzugestehen, dass unsere Kontrolle an der Grenze des Diesseits endet. Das Jenseits entzieht sich unserem Einfluss und unserer Macht, also auch der , die wir durch das Wissen erlangen wollen.

Die Akzeptanz der absoluten Grenze für das Wissen und die Kontrolle führt uns zu einer Haltung der Bescheidenheit und Demut. Wir fügen uns in unsere Begrenztheit und Unvollkommenheit und erkennen darin besondere Qualitäten des Menschseins. Wir beschränken unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit durch Wissen zu kontrollieren, auf das diesseitige Leben, auf das Meistern der aktuellen Probleme und Fragestellungen. Wir erkennen und nehmen die besondere Würde, die darin liegt, unsere Kräfte der Bewältigung unseres uns gegebenen Lebens zu widmen, gleich ob es nach dem Tod irgendwie weitergeht oder nicht. Wir gründen das Vertrauen in uns und in die Beziehungen zu den Menschen um uns herum, denen wir liebevoll begegnen.

Wir nutzen die Räume, die uns zur Verfügung stehen, um unser Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Als Menschen haben wir aufgrund unserer ins Jenseits und ins Unendliche reichenden Intelligenz eine Sonderstellung in der Natur inne. Wir können dieser Sonderstellung aber nur dann gerecht werden und aus ihr sinnvollen Nutzen ziehen, wenn wir uns selbst überall dort beschränken, wo die Kontrolle durch das Wissen nur illusionär ist. Jede Überdehnung der Grenzen führt uns in eine Versuchung, mehr Macht auszuüben als uns zusteht. Und das tut weder uns gut noch allem anderen, worauf sich diese Macht auswirkt.

Ähnlich wie wir als Menschheit unser Verhältnis zur Natur nur dadurch ausgleichen können, dass wir unsere überschießenden Kontrollimpulse kontrollieren und einschränken, kommen wir dem Sinn unseres Lebens nur näher, wenn wir die absolute Grenze, die uns der Tod nun einmal setzt, in ihrer Absolutheit respektieren und der Versuchung widerstehen, die uns die verschiedenen Glaubensmodelle anbieten.

Auf die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod haben wir die Wahl, an eines der Angebote aus den Religionen zu glauben oder auf jeden Glauben zu verzichten. In jedem Fall ist es sinnvoll und hilft bei der inneren Klärung, wenn wir nachprüfen, welche Ängste und vor allem welche Schamgefühle bei unserer Wahl mitspielen.

 Zum Weiterlesen:
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Theologie und Mystik zur Frage des Weiterlebens
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Wissen, Phantasie und Glaube
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele

Sonntag, 18. Dezember 2022

Du musst dein Leben nicht verstehen

„Du musst dein Leben nicht verstehen“, schreibt Rainer Maria Rilke in einem Gedicht, und setzt fort: „dann wird es werden wie ein Fest“.

Wenn wir nicht verstehen, was abläuft, fühlen wir uns verunsichert und irritiert. Wir haben keinen Plan und können auch mit dem Plan, den unser Leben mit uns vorhat, nichts anfangen. Wir fühlen uns ohnmächtig einem Geschehen ausgeliefert, das wir nicht kontrollieren können. Wir wollen also verstehen, was unser Leben ausmacht. 

Was meint jedoch der Dichter mit diesem Satz? Er erinnert daran, dass Kinder ihr Leben nicht verstehen, sondern leben wollen: „Und lass dir jeden Tag geschehen, so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.“ Er regt an, dass wir die kindliche Unbefangenheit und Spontaneität zurückholen, die wir im Lauf des Erwachsenwerdens so gründlich verloren haben. Der „Ernst des Lebens“, vor dem wir als Kinder immer wieder gewarnt wurden, wäre das „eigentliche“ Leben, auf das wir hinstreben sollten. Die ganze Kindheit ist dann nur eine Vorbereitung auf diesen Lebensmodus. Alles Kindliche müsse so rasch wie möglich überwunden werden, damit wir uns in diesem ernsten Leben bewähren und behaupten können.

Spaß und Ernst

Der Gegensatz zwischen Spiel und Ernst kennzeichnet in dieser Auffassung die Grenze zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt. Wenn Erwachsene spielen, dann machen sie das mit schlechtem Gewissen und fühlen sich kindisch. Unschwer erkennen wir in dieser Haltung die Prägung durch die kapitalistische Ideologie. Jede Tätigkeit, die nichts mit Produktion „im Schweiße des Angesichts“ zu tun hat, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich, weil sie unseren Status und unsere Sicherheit in diesem System gefährden könnte. Wir dürfen uns keine Schwäche leisten und müssen immer am Ball bleiben. Wir brauchen also die maximale Kontrolle über unsere Lebensumstände und über unsere Handlungen. Jeder Kontrollmangel oder Kontrollverlust führt dann schnell zur Panik. Wir müssen so viel wie möglich von den Zusammenhängen verstehen, in denen wir tätig sind, einschließlich der Zusammenhänge in uns selber, die für unsere Leistungsmotivation zuständig sind.

Da erscheinen uns die Worte des Dichters als weltfremd, wenn nicht gar bedrohlich. Andererseits wecken sie auch die Sehnsucht, aus dem Treiben und Getriebensein des Wirtschaftsmolochs auszusteigen und ein anderes Leben zu beginnen. Wir hören von Menschen, die den Brokerjob hinschmeißen und Schafhirten werden. Wir spüren die unmenschlichen Züge des Systems, in das wir eingespannt sind und suchen eine Form des Menschseins, in der wir uns entspannen können. 

Die Logik der Produkion

Eine Klientin beklagt sich, dass sie mitten in der Woche krank wird und nicht am Wochenende. Sie befürchtet, dass sie ihren Job verlieren könnte, wenn sie zu oft krank wird – obwohl sie nur selten krank wird. Sobald das Optimum an Leistung, das vom System erwartet wird, nicht erbracht werden kann, meldet sich die Existenzangst.

Wir tun so, als ob wir das Leben verstehen würden, indem wir der Logik unserer Überlebensprogramme folgen. Diese Programme sind aus Traumatisierungen gespeichert, individuelle und kollektive. Das kapitalistische Szenario hat sich mit der Macht von kollektiven Traumen in den Seelen der Menschen eingenistet, sodass es wie eine zweite Natur geworden ist, die von Angst beherrscht wird und zum Kontrollzwang führt. Wir merken gar nicht, dass wir einem Lebensverständnis folgen, das von einem Bewusstsein geleitet ist, das am weitesten von dem entfernt ist, was unsere menschliche Natur ausmacht. 

Gerade deshalb erscheint die Vorstellung, das Leben als kontinuierliches Fest zu feiern statt es zu verstehen, so lebensfremd und absurd. Doch indem wir meinen, das Leben zu verstehen, merken wir nicht, dass wir nur vorgeprägte Angststrukturen wiederkäuen.

Bruchstückhaftes Verstehen

Ein Charakteristikum von Traumaerfahrungen besteht darin, dass im Traumamoment die bestehenden Lebenszusammenhänge zerfallen und zu Fragmenten werden, die nur als Bruchstücke Sinn ergeben. Kollektive Traumen wie das Kapitalismustrauma können deshalb nur einen bruchstückhaften Sinn vermitteln, der aus einem Überlebenswissen stammt. Sinn macht das, was das Überleben in diesem System möglich macht. Wenn wir uns im Bann des Traumas befinden, erkennen wir die Relativität nicht, sondern erleben diesen Sinn als umfassend und zwingend. Wir merken nicht, dass es sich um eine Ideologie handelt, die wir für wahr halten. Vielmehr glauben wir, dass die Welt so funktioniert und dass alle anderen Menschen das gleiche Verständnis haben. Vor diesem Hintergrund meinen wir, dass es um uns geschehen ist, wenn wir wieder, wie es im Evangelium heißt, wie die Kinder werden. Ja, es ist schon um uns geschehen, wenn wir ein wenig Schwäche zeigen wie es bei einer Krankheit der Fall ist.

Die Freiheit vom Verstehen

Der Zwang zum Verstehen ist das, was in dem Gedicht von Rilke bewusst gemacht wird. „Das Leben verstehen“ ist in unserem Verstand immer fragmentarisch, vorläufig und relativ. Es sind Konzepte, die wir unseren Lebensabläufen anheften, von denen wir annehmen, dass sie uns die Orientierung erleichtern. Meist stammen diese Konzepte aus traumatischen Erfahrungen, sodass ihr Wert auf diese Erfahrungen beschränkt ist. Deshalb ist es wichtig, die Wurzeln unserer Lebenskonzepte zu kennen, sodass wir die Spreu vom Weizen trennen können. Auf alle Konzepte, in denen Angst enthalten ist, können wir getrost verzichten. Sie sind nicht nützlich und erklären auch nichts von der aktuellen Welt. 

Das Leben verläuft, wie es verläuft. Wir erleben ruhigere und heftigere Zeiten, haben angenehmere und unangenehmere Erlebnisse, verstehen manchmal mehr, manchmal weniger davon. Nehmen wir uns die Anregung des Dichters zu Herzen, so finden wir in jedem Moment einen prächtigen Anlass zum Feiern.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.


Samstag, 13. Mai 2017

Die Sorgen von übermorgen

Sorgen binden uns an eine unsichere Zukunft. In der Fantasie malen wir uns aus, was alles passieren könnte, mit dem wir nicht zurechtkommen. Wir denken dabei, dass wir uns mit dem Sorgen-Machen auf Situationen vorbereiten können: Wenn wir wissen, was auf uns zukommt, werden wir nicht am falschen Fuß erwischt. Wir können uns jetzt schon ausdenken, wie wir reagieren werden, falls der Fall X eintritt.

Allerdings: Wir wissen nie sicher, wie und was geschehen wird. Die Zukunft unterliegt nicht unserer Kontrolle und hält sich nicht an das, was wir von ihr wünschen, befürchten oder erwarten. Aber wir probieren es immer wieder mit dem Probehandeln, zu dem uns die Sorgen verleiten, nach dem Motto:  Mal angenommen, morgen Nachmittag geht die Welt unter, was sollte ich da am Vormittag noch unbedingt erledigen – die Wäsche aus der Waschmaschine nehmen und das Paket bei der Post abholen? Vielleicht weniger dramatisch: So viele Termine morgen, wenn da einer länger dauert als geplant, kommt alles durcheinander und ich schaffe das nicht, da muss ich bei jedem Termin genau auf die Uhr schauen, was aber, wenn der Verkehr dazwischen staut, d.h. ich muss ein paar Minuten mehr einrechnen, also muss ich mich ganz knapp fassen und darauf schauen, dass auch die anderen möglichst wenig reden, usw. usw.


Wir wollen alle Eventualitäten einplanen, verlieren uns aber bald in der Unendlichkeit der Möglichkeiten. Die Konsequenz ist dann, dass wir den nächsten Tag gleich voller Stress beginnen, mit all den Ungewissheiten und deren möglicher Auswirkungen im Hinterkopf.

Besonders kompliziert wird die Situation, wenn wir uns Sorgen über Übermorgen machen: Was passiert, wenn A passiert, und danach kommt die Frage, was nach A geschehen wird, wie wir mit B umgehen sollten, das ja nach A auftauchen könnte, obwohl wir noch gar nicht wissen, ob A überhaupt passieren wird. Aus einer Unbekannten soll eine weitere gefolgert werden. Ich habe eine Flugreise gebucht und höre, dass die Fluglinie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist. Ich mache mir Sorgen, ob es die Fluglinie noch geben wird, ob ich in diesem Fall einen Ersatzflug bekomme, ob dieser rechtzeitig eintreffen würde, ob ich das Meeting noch erreichen würde, was passieren würde, wenn es nicht mehr klappt, ob das Meeting gleich verschoben werden sollte, aber ob dann alle Beteiligten Zeit hätten, und ob bei einer Verschiebung ein anderes Verkehrsproblem dazwischen kommen könnte usw.


Chaos bewirkt Stabilität


Hier stoßen wir auf chaotische Prozesse. Zunächst gibt es eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, dass A passiert und eine möglicherweise geringere, dass es nicht zu A kommt. B ist davon abhängig, dass A passiert. D.h. die Wahrscheinlichkeit für B ist ungleich geringer als die von A, usw. Je mehr wir in die Zukunft gehen, desto komplexer wird das Bild.

Davon können die Meteorologen ein Lied singen: Drei bis vier Tage in die Zukunft, und die Prognose wird immer unsicherer, weil so viele Faktoren mitspielen und kleine Veränderungen eines Faktors viele andere Faktoren verändern können, bis die ganze Wetterprognose kippt. Auch mit den aufwändigsten Computerprogrammen lässt sich bis heute keine brauchbare Wettervorhersage über ein paar Tage hinaus erstellen. Und wir, mit unseren internen Denkprogrammen meinen, dass wir die möglicherweise auftauchenden Eventualitäten Jahre voraus bedenken sollten, um sorgenfrei leben zu können. Doch brauchen wir nur zurückdenken, um zu erkennen, wie aussichtslos unsere prognostischen Versuche sind: Was wussten wir vor zehn Jahren über das Heute?

Wir wünschen uns, dass unser Leben auf linearen Prozesse mit klarer Kausalität aufgebaut wäre. Wenn ich den Schalter drücke, soll das Licht angehen. Wenn ich im Geschäft anrufe, soll jemand abheben und freundlich antworten. In diesem Rahmen  fühlen wir uns sicher, und die Zukunft ist überschaubar und planbar.

Was uns an der Technik so gefällt, ist ihr Bestreben, lineare Prozesse zu erschaffen, die unsere Welt überschaubar und frei von Zufällen machen. Die prinzipielle Unkontrollierbarkeit der Zukunft wird zurückgedrängt. Wir gewöhnen uns an hohe Zuverlässigkeiten: dass Züge zur vorgesehenen Zeit fahren, die Müllabfuhr an den angekündigten Tagen kommt, Wasser aus dem Hahn und Strom aus der Steckdose fließt, dass das Auto anspringt und das Handy Anrufe entgegennimmt. In der Lebenswelt einer westlichen modernen Gesellschaft ist das Chaos zu einem hohen Grad eliminiert. Gerade das macht uns so intolerant und indigniert, sobald die hochgeschraubten Erwartungen enttäuscht werden: der Flug verschiebt sich „auf unbestimmte Zeit“, der Computer stürzt aus unerfindlichen Gründen ab, und Whatsapp ist für Stunden nicht zugänglich. Irgendwo in den Weiten der technologischen Netzwerke haben sich Prozesse gegenseitig überfordert und schließlich ausgeschaltet, aus linearen Prozessen sind plötzlich chaotische Strukturen entstanden. Chaos führt zu Ängsten, was im Übrigen auch damit zusammenhängt, dass wir uns noch zu wenig mit der Chaostheorie auseinandergesetzt haben.  Denn diese beruht auf der Einsicht, dass viele Bereiche der Natur und noch mehr der Kultur durch chaotische, also nicht vorhersagbare Verläufe gekennzeichnet sind. Es gibt Systeme, die umso stabiler sind, je chaotischer ihr Verhalten ist. Ein Beispiel ist die Variabilität des Herzschlages als Hinweis auf dessen Gesundheit.



Der vermeintliche Gewinn beim Sorgenmachen


Im Körper bedeutet Chaos einen Extremzustand auf einem Kontinuum, dessen anderes Ende die Erstarrung und Immobilisierung darstellt und in dessen Mitte die Kohärenz, also die Übereinstimmung der Körperschwingungen beheimatet ist.

Die Sorge ist eine treibende Kraft, die uns aus der Mitte des Kontinuums herausholt. Aus Angst, in ein Chaos zu stürzen, flüchten wir in die Gegenrichtung in einen Zustand von Immobilität und reduzieren damit unsere Möglichkeiten, der Wirklichkeit flexibel und kreativ zu begegnen.

Die Sorge hilft uns nur scheinbar beim Fokussieren: Wir konzentrieren uns auf ein Thema, das uns Angst macht und suchen nach Wegen, die die Bedrohung reduzieren könnten, damit wir mehr sichere Aussichten auf die Zukunft haben. Das soll uns in der Gegenwart beruhigen. Wir sind nicht mehr schutzlos dem ausgeliefert, was uns die Zukunft bringen könnte, sondern basteln uns Strategien, die uns helfen sollen, besser damit umgehen zu können.

Allerdings ist es der Anteil an Angst, der in jeder Sorge steckt, der uns an einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema hindert. Ängste blockieren unsere kognitiven Funktionen, die wir bei der Problembewältigung brauchen, sodass uns unter diesen Umständen die bestmöglichen Lösungen gar nicht einfallen. Erst wenn wir über die Beruhigung der Sorge wieder zu mehr Entspannung finden, kann die optimale Lösung auftauchen.

Mit solchen Erfahrungszyklen bestätigen wir uns freilich die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Sorge: Ohne sie wären wir ja nicht auf die Problemlösung gestoßen. Folglich nehmen wir an, dass wir Sorgen brauchen, um im Leben weiterzukommen, und je mehr davon, desto besser, je weiter hergeholt, desto intelligenter, je ferner in die Zukunft projiziert, desto weitblickender.

Und schon haben wir dabei den Umweg übersehen, den wir genommen haben: Zunächst erlauben wir das lähmende und begrenzende Überhandnehmen der Sorge, um sie dann mit mangelhaften Denkfähigkeiten einigermaßen zu beruhigen, bis wir schließlich dorthin kommen, von wo uns die Sorge entführt hat: In einen vertrauensvollen und entspannten Zustand, der die besten Voraussetzungen für jede Problemlösung darstellt. Ohne Sorge hätten wir uns in Ruhe mit der Situation und ihrer Problematik auseinandersetzen können und hätten vielleicht mehr als nur eine beste Lösung gefunden.

Mittels Sorgen wollen wir die Zukunft kontrollieren, die sich freilich nicht kontrollieren lässt. Statt dessen kontrollieren wir uns selber und unsere Fantasie und Kreativität. Je weiter wir die Sorge in die Zukunft verschieben, desto mächtiger und unerbittlicher wird der Griff, den sie auf uns ausübt.

Machen wir uns bewusst, dass Sorgen nichts als Denkkonstrukte sind, mit einem recht vagen Bezug zur Wirklichkeit, und dass sie emotional mit Feigheit und Kontrollsucht verbunden sind. Sie rauben uns Kraft und Klarheit.

Haben wir also den Mut, uns der Gegenwart und ihren Erfordernissen zu stellen und zu vertrauen, dass wir es immer wieder in die Zukunft hinein schaffen werden, ohne dass wir im Kopf alles Mögliche vorwegnehmen müssen, was vielleicht oder vielleicht auch nicht, vielleicht so oder vielleicht doch anders stattfinden könnte.


Zum Weiterlesen:
Die großen Sorgen und die Verantwortung
Die zuträgliche Leichtigkeit und die Schwere

Sorgen und Planen 
Sorgen entsorgen

Freitag, 13. September 2013

Die zwei Wahrheiten: Das Ego als Pforte zur Wahrheit

Eine Pforte bedeutet zweierlei: Ein Hindernis und eine Öffnung. Zunächst stellt sie sich als Blockade in den Weg. Wir kommen nur weiter, wenn sie sich öffnet oder öffnen lässt. Sie ist jedoch für uns nur interessant, wenn wir durch sie hindurch wollen, wenn wir erwarten oder wissen, dass es jenseits der Pforte etwas gibt, was für uns wichtig ist. Sie symbolisiert also eine Verheißung, die sich aber nicht ohne weiteres erfüllt, sondern uns vor eine Aufgabe stellt. Sich ihr anzunähern beinhaltet die Überwindung eines Hindernisses.

Eine Pforte symbolisiert auch ein Anhalten, einen Moment der Überlegung und Zurückwendung (Reflexion). In diesem Moment klären wir unsere Wichtigkeit ab: Lohnt sich die Anstrengung, die Pforte zu überwinden oder lassen wir es bleiben und gehen wieder zurück in die gewohnten Umstände?

Der Hort unserer Begierden und Ängste


Das Ego ist der Hort unserer Begierden und Ängste. Es hat alles gespeichert, was uns je Lust oder Angst bereitet hat. Wenn wir einmal in den Genuss der absoluten Wahrheit gekommen sind, will es auch mehr davon. Dieses Wollen stammt natürlich aus dem konventionellen Denken, aus den Programmierungen unseres Egos. Es sieht jedes Wollen als gleichartig: Etwas hat irgendwann Lust bereitet, also will ich (ego) mehr davon: „Lust will Ewigkeit – Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“ „Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.“ (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, 4. Teil, Das trunkne Lied). Was mir einmal gut getan hat, soll immer da sein und immer zur Verfügung stehen wie die Kuchen im Schlaraffenland.

Auch die Lust an der endgültigen Wahrheit erscheint dem Ego wie eine Lust, die es begehrt, wieder und wieder zu erleben. Es geht ihm um die genussvollen und angenehmen, die ekstatischen und faszinierenden Seiten der Erfahrung. Es geht ihm nicht um den Zustand selber, sondern um die von ihm ausgelösten Gefühlserlebnisse, gewissermaßen um die Glücksbotenstoffe und Hormone, die freigesetzt wurden.

Das Lustmuster des Egos ist der Zeit unterworfen. Das Ego weiß aus all seinen Erfahrungen, dass alles, was kommt, auch wieder geht, dass nichts von Dauer ist und deshalb auch jede Lust ein Ende hat. Es weiß auch, dass es in jeder Lust immer wieder und immer wieder die Ewigkeit suchen wird, aber dass sie diese nie finden wird. Es ist in sich gefangen wie Sisyphos im Mythos, in der Urform der selbsterzeugten Dramatik.

Also verhindert das Ego typischerweise mit seinem krampfhaften und gierigen Wollen gerade die Erfüllung dieses Wunsches. Es stellt sich selber ein Bein, indem es das Absolute auf die Ebene des Konventionellen holen will, um es dort der eigenen Kontrolle unterordnen zu können.

Doch für solche Spielchen steht die endgültige Wahrheit nicht zur Verfügung. Denn sie ist nur auf der Ebene der Freiheit zugänglich, die keine ängstliche Kontrolle verträgt. Sobald sich ein Zipfelchen des Egos an sie anhängen will, ist sie verschwunden.

Deshalb besteht die Aufgabe, die Überwindung der Pforte, darin, die Fixierungen und Konditionierungen, aus denen sich unser Ego zusammensetzt, zu durchschauen und die dahinter liegenden Ängste ans Licht zu bringen. Wir unterliegen ihnen so leicht, weil sie das Gerüst unseres konventionellen Lebens darstellen und weil wir deshalb große Angst haben, mit den Konditionierungen die Sicherheiten, an die wir uns gewohnt haben, zu verlieren.

Doch kommen wir nicht ohne unser Ego durch die Pforte, und in anderer Weise betrachtet, ist es selbst gerade die Pforte, die uns zur endgültigen Wahrheit führt. Wir „sind“ das Ego, wenn wir uns im Rahmen der konventionellen Wahrheit bewegen, also wenn wir vor der Pforte stehen, und wir müssen die Mechanismen des Egos abstreifen, wenn wir weiterkommen wollen auf dem spirituellen Weg.

Dabei ist die Selbst-Erkenntnis wichtig, dass uns der Weg der Befreiung von inneren Ängsten und Blockierungen immer mehr zu uns selber führt. Das ist unsere eigentliche Sehnsucht, die diesen Weg antreibt und mit Kraft versieht, und das Ego als Teil von uns ist auch von dieser Sehnsucht durchdrungen. Aber es fehlt ihm das Vertrauen in das Ganze und die Fähigkeit zur Hingabe. Es will Planung und Kontrolle.

Klarerweise kann der Weg zur endgültigen Wahrheit weder geplant noch kontrolliert werden, sondern er geschieht nach einer eigenen Regie, die sich unserer Neugierde und Begierde entzieht. Da geschehen immer wieder Überraschungen, die die Planungen und Erwartungen des Egos über den Haufen werfen. Es ist, als wollte das Absolute damit prüfen, ob wir wirklich bereit sind, den Weg nach Innen zu gehen. Denn jede Überraschung, ob sie uns angenehm oder unangenehm erscheint, ist eine Herausforderung im Annehmen. Wenn uns das vor allem bei unangenehmen Überraschungen gelingt, sind wir jedes Mal einen guten Schritt weiter in der Richtung auf die endgültige Wahrheit.

Wenn wir also, um im Bild zu bleiben, immer wieder scheitern, die Pforte zu öffnen, mit den verschiedensten Tricks und gefinkeltsten Methoden, die wir anwenden, und trotzdem nicht aufgeben, und wenn wir uns dabei nicht im Klagen und Hadern verlieren, sind wir in Wirklichkeit schon über die Schwelle gelangt, vielleicht ohne es zu merken.

Das Ego als Helfer auf der Suche


Wie können wir dem Ego eine gute Rolle bei unserer Suche geben? Wir brauchen es, damit es uns die Struktur und Disziplin gibt, ohne die wir auf dem Weg nicht weiterkommen: es muss uns die Energie und die Motivation zum Meditieren, zum Aufsuchen von Therapeuten und Lehrern, zum Lesen von Schriften, zur Übung der Achtsamkeit geben. Mit zunehmender Praxis wird das Ego auch williger mitzuspielen, weil seine Ängste weniger werden und es sich an den Erfolgen erfreuen kann.

Es gibt auch Stufen auf dem Weg, die mit besonders starken Ängsten besetzt sind. Das sind die gut befestigten Bastionen des Egos, und sie zeigen sich in den unterschiedlichsten Verkleidungen, zuletzt in der Sehnsucht nach mehr Wahrheit und Bewusstheit. Wenn es uns gelingt, diese Stufen zu erklimmen und die mächtigen Dämonen, die dort auf uns warten, zu überwinden, wird das Reich der Freiheit um ein ebenso großes Stück offener.

Einen Dämonen können wir nur überwinden, wenn wir ihn uns zum Freund machen, wenn wir ihn also seiner grauenvollen Maske entkleiden und seinen harmlosen Kern entdecken. Erst wenn wir alle Spielarten unseres Egos kennen gelernt haben, wenn wir alle seine Schlupfwinkel und Winkelzüge ausgeforscht haben, ist unser Ego unser wahrer Freund geworden. Vor einem wahren Freund brauchen wir uns nicht zu fürchten, und ein wahrer Freund unterstützt uns auf unserem Weg zur Wahrheit. Er geht mit uns über die Schwelle, auch auf die Gefahr hin, diesen Schritt selber nicht zu überstehen.