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Samstag, 29. November 2025

Liebe und Tod des Cornets und der Patriarchalismus

Rainer Maria Rilke zum 150. Geburtstag

In dem Prosagedicht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Rainer Maria Rilke finden sich einige symbolträchtige Stellen, die aus einer rätselhaften Welt zwischen Wachen und Träumen zu stammen scheinen.

An einer dieser Stellen lesen wir:

„Einer, der weiße Seide trägt, erkennt, dass er nicht erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von Wirklichkeit. So flieht er bange in den Traum und steht im Park, einsam im schwarzen Park. Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: 

'Bist Du die Nacht?' 

Sie lächelt. 

Und da schämt er sich für sein weißes Kleid. Und möchte weit und allein und in Waffen sein. Ganz in Waffen.“

Dieser Text wird meist als Selbstfindung der Hauptfigur der Erzählung interpretiert. Der junge und unerfahrene Cornet sucht die Bestätigung in seiner Männlichkeit und findet zu seinem ersten (und letzten) Abenteuer in der Turmstube des Schlosses, mit der Gräfin. Der obige Text beschreibt die Anfänge dieser Begegnung.

Das Leiden am Patriarchalismus

Hier stelle ich eine Interpretation vor, die das Spannungsfeld des Patriarchalismus ins Blickfeld rückt. Das Prosagedicht ist an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, in einer Zeit, in der die traditionellen Geschlechtsrollen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ins Wanken geraten sind. Aus dieser Perspektive könnte der Ausbruch des 1. Weltkriegs (die „Stahlgewitter“ nach Ernst Jünger) als ein Aufbäumen des Patriarchalismus gegen seinen drohenden Verfall verstanden werden. Im „Cornet“ kündigen sich diese Entwicklungen an und werden mit feiner Hand vorgezeichnet.

Der als „Einer“ Bezeichnete ist der in die Anonymität eines Traumgebildes abgerutschte Cornet, der weiße Seide, ein „unmännliches“ Gewand trägt. Er ist noch nicht ganz Mann und hat deshalb keinen festen Platz in der patriarchalen Ordnung inne. Er will zwar dazugehören und schämt sich, weil er nicht dabei ist. Zugleich aber spürt er auch, dass der Eingang zur Männerwelt über die Frauen geht und dass er diesen Eingang nur finden kann, wenn er die Weiblichkeit in sich zulassen kann. Das gelingt erst, wenn die Ablösung von der Mutter vollzogen ist. Er denkt ein paar Seiten vorher an sie und schreibt ihr einen Brief, von dem er hofft, dass er ihr überbracht wird, auch wenn ihm etwas zustößt. Er bittet sie, auf ihn stolz zu sein, weil er als Cornet die Fahne tragen darf. Die Mutter wird dann nicht mehr erwähnt, bis auf den Schluss, wo ihr Leid über den verlorenen Sohn kurz erwähnt wird.

Im Niemandsland

Da er wohl nicht im Traum ist, weiß er nicht, weshalb er diese Bekleidung trägt und was sie bedeutet. Das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein ist so verwirrend wie das Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Die reife Vernunft und der ordnende Verstand stehen nicht zur Verfügung. Ganz in den Traum abzutauchen, soll helfen, der verstörenden Wirklichkeit zu entkommen. 

Im Traum, also in der Welt seines Unbewussten steht er alleine in einem „schwarzen Park“, abgeschnitten von den anderen. Der schwarze Park kann ein Symbol für das Totenreich sein, das im Schlafzustand näher rückt. Sein weißes Gewand steht im Kontrast zur Düsternis des unheimlichen Parks, aber nur scheinbar, denn die Leichen werden auch in weißes Leinen gekleidet. Denn er ist allein in dem Park, fern vom Fest der Unbeschwerten. 

Das Licht lügt, es scheint nur zum Schein, tut nur so, als würde es scheinen. Die Helligkeit gibt keine Sicherheit, sondern nur die Illusion. Die Lüge besteht im Hochhalten einer Moral, die schon längst brüchig ist, weil sie auf Macht und Gewalt beruht und mit der Liebe Schindluder treibt.

Nahe spürt er nur die Nacht, die sich wie eine Frau zu ihm neigt, denn die Nacht ist ein Symbol für das Weibliche. Er ist also dem Geheimnis auf der Spur. Er fragt sie, ob sie die Nacht ist. Ihre Antwort ist ein Lächeln. Ein Lächeln kann viel bedeuten: Wertschätzung, Zuwendung, Verführung, Trost, Entlarvung oder Verachtung. Er kann ihr Lächeln aber nicht lesen, weil ihm dafür die Sensibilität fehlt. Wo hätte er sie je lernen können? Das Aufwachsen im Patriarchalismus fordert von den Männern, ihre Verletzlichkeit durch Härte zu kompensieren.

Die Scham über die Anima

Deshalb trifft ihn von all den Bedeutungen des Lächelns nur eine: Er sieht sich erkannt, in seinem weißen Kleid, in seiner Unschuld und in seiner „Unmännlichkeit“. Dieser Scham will er entrinnen, indem er in eine trotzige Männlichkeit flüchtet: Allein und ganz in Waffen sein. So unerträglich ist die Weichheit und Verletzbarkeit unter der Last des patriarchal verordneten Mannseins. Die Flucht in die Symbole der Gewalt soll ihm Sicherheit vor seinem Unbewussten geben, in dem die Weiblichkeit, seine Anima, ihren Platz beansprucht. In einer von starrer Männlichkeit dominierten Welt muss er sich für die Weichheit und Zartheit, für die weiße Seide schämen und alle diese Strebungen in sich unterdrücken, damit er vor Verachtung und Ausgrenzung geschützt bleibt.

Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.“ Deshalb ist es gar nicht wichtig, die Umstände ihrer Begegnung zu wissen. Es spielt keine Rolle, was mit dem Mann der Gräfin ist noch welchen Namen der Geliebte trägt, denn: „Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.“

Es ist ein neues Geschlecht, weil es nicht an die herrschenden Rollenbilder angepasst ist. Es ist also ein neues Geschlechterverhältnis, das die Normen des Patriarchalismus hinter sich lässt. Es entsteht aus dem Moment der Begegnung und bleibt auf ihn beschränkt. Und es ist von kurzer Dauer, wie alles Vergängliche. Aber es trägt alle Namen in sich.

Liebe und Tod

Die Verbindung von Liebe und Tod, die bei Rilke oft auftaucht, ist ein Erbe des Patriarchalismus. Liebe ist in diesem System begrenzt und beschränkt. Die zugeteilten Geschlechtsrollen erweisen sich als mächtiger als die Liebe, sodass sie dem Tod geweiht ist, kaum dass sie erblühen konnte. Der typische Verlauf einer Liebesbeziehung im Patriarchat beginnt mit Verliebtheit und endet in einem dumpfen ehelichen Nebeneinander-Her-Leben. Wo der Fluss der Gefühle war, herrscht Stillstand und Leblosigkeit. Das ist die milde Form des Todes der Liebe, die brutale findet dort statt, wo die Gewalt  Einzug hält, indem der Hass die Liebe ersetzt. Die Allgegenwart des Todes als Ausfluss von Hass und Gewalt ist die unvermeidliche Nebenwirkung des Geschlechterungleichgewichts im Patriarchalismus. Wenn die Achtung fehlt, bricht sich unweigerlich die Bosheit ihre Bahn, um sich zu rächen. Der Kampf der Geschlechter ist ein Ringen um Anerkennung und Achtung, die beide Seiten schmerzlich vermissen. Es gibt aber kein Entrinnen, solange die Macht der Rollenfixierungen weiter besteht. 

Die postpatriarchale Utopie

Das Zwischenreich, das in dem Zitat vorherrscht, deutet auf die noch lange nicht real gewordene Utopie einer neuen, postpatriarchalen Ordnung hin, in der zwischen Männern und Frauen die Anerkennung der Unterschiede und die Obsorge für die Gemeinsamkeiten im Rahmen von Respekt und Achtung stattfinden. Es ist eine Zukunft, in der die Geschlechter die Geheimnisse der Liebe ohne Machteinflüsse und starre Rollenbilder erkunden können. Diese Utopie umfasst alle Formen der Geschlechtlichkeit, befreit von den Fesseln der patriarchalen Ideologie.

Der Eine, der seine Anima nicht aushalten und sich mit ihr nicht anfreunden kann, der nicht zu seiner Verletzlichkeit stehen darf, muss dann, wieder einsam und verlassen, im Kampf sterben. Die Tragik des männlichen Geschlechts im Patriarchalismus ist in ihrer vollen Tragweite eingetreten. Der männliche Held, der sich auf der Flucht vor der Weiblichkeit (seiner eigener und der in Gestalt der Frauen) der Gewalt verschreibt, muss durch sie umkommen. Zurück bleiben Frauen, die trauern.

Zum Weiterlesen:

Genderspektrum und "Dekadenz"
Geschlechtsidentität - genetisch - biologisch - sozial
Animus und Anima im 21. Jahrhundert
Das Reizthema LBTQ und der Patriarchalismus


Sonntag, 18. Dezember 2022

Du musst dein Leben nicht verstehen

„Du musst dein Leben nicht verstehen“, schreibt Rainer Maria Rilke in einem Gedicht, und setzt fort: „dann wird es werden wie ein Fest“.

Wenn wir nicht verstehen, was abläuft, fühlen wir uns verunsichert und irritiert. Wir haben keinen Plan und können auch mit dem Plan, den unser Leben mit uns vorhat, nichts anfangen. Wir fühlen uns ohnmächtig einem Geschehen ausgeliefert, das wir nicht kontrollieren können. Wir wollen also verstehen, was unser Leben ausmacht. 

Was meint jedoch der Dichter mit diesem Satz? Er erinnert daran, dass Kinder ihr Leben nicht verstehen, sondern leben wollen: „Und lass dir jeden Tag geschehen, so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.“ Er regt an, dass wir die kindliche Unbefangenheit und Spontaneität zurückholen, die wir im Lauf des Erwachsenwerdens so gründlich verloren haben. Der „Ernst des Lebens“, vor dem wir als Kinder immer wieder gewarnt wurden, wäre das „eigentliche“ Leben, auf das wir hinstreben sollten. Die ganze Kindheit ist dann nur eine Vorbereitung auf diesen Lebensmodus. Alles Kindliche müsse so rasch wie möglich überwunden werden, damit wir uns in diesem ernsten Leben bewähren und behaupten können.

Spaß und Ernst

Der Gegensatz zwischen Spiel und Ernst kennzeichnet in dieser Auffassung die Grenze zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt. Wenn Erwachsene spielen, dann machen sie das mit schlechtem Gewissen und fühlen sich kindisch. Unschwer erkennen wir in dieser Haltung die Prägung durch die kapitalistische Ideologie. Jede Tätigkeit, die nichts mit Produktion „im Schweiße des Angesichts“ zu tun hat, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich, weil sie unseren Status und unsere Sicherheit in diesem System gefährden könnte. Wir dürfen uns keine Schwäche leisten und müssen immer am Ball bleiben. Wir brauchen also die maximale Kontrolle über unsere Lebensumstände und über unsere Handlungen. Jeder Kontrollmangel oder Kontrollverlust führt dann schnell zur Panik. Wir müssen so viel wie möglich von den Zusammenhängen verstehen, in denen wir tätig sind, einschließlich der Zusammenhänge in uns selber, die für unsere Leistungsmotivation zuständig sind.

Da erscheinen uns die Worte des Dichters als weltfremd, wenn nicht gar bedrohlich. Andererseits wecken sie auch die Sehnsucht, aus dem Treiben und Getriebensein des Wirtschaftsmolochs auszusteigen und ein anderes Leben zu beginnen. Wir hören von Menschen, die den Brokerjob hinschmeißen und Schafhirten werden. Wir spüren die unmenschlichen Züge des Systems, in das wir eingespannt sind und suchen eine Form des Menschseins, in der wir uns entspannen können. 

Die Logik der Produkion

Eine Klientin beklagt sich, dass sie mitten in der Woche krank wird und nicht am Wochenende. Sie befürchtet, dass sie ihren Job verlieren könnte, wenn sie zu oft krank wird – obwohl sie nur selten krank wird. Sobald das Optimum an Leistung, das vom System erwartet wird, nicht erbracht werden kann, meldet sich die Existenzangst.

Wir tun so, als ob wir das Leben verstehen würden, indem wir der Logik unserer Überlebensprogramme folgen. Diese Programme sind aus Traumatisierungen gespeichert, individuelle und kollektive. Das kapitalistische Szenario hat sich mit der Macht von kollektiven Traumen in den Seelen der Menschen eingenistet, sodass es wie eine zweite Natur geworden ist, die von Angst beherrscht wird und zum Kontrollzwang führt. Wir merken gar nicht, dass wir einem Lebensverständnis folgen, das von einem Bewusstsein geleitet ist, das am weitesten von dem entfernt ist, was unsere menschliche Natur ausmacht. 

Gerade deshalb erscheint die Vorstellung, das Leben als kontinuierliches Fest zu feiern statt es zu verstehen, so lebensfremd und absurd. Doch indem wir meinen, das Leben zu verstehen, merken wir nicht, dass wir nur vorgeprägte Angststrukturen wiederkäuen.

Bruchstückhaftes Verstehen

Ein Charakteristikum von Traumaerfahrungen besteht darin, dass im Traumamoment die bestehenden Lebenszusammenhänge zerfallen und zu Fragmenten werden, die nur als Bruchstücke Sinn ergeben. Kollektive Traumen wie das Kapitalismustrauma können deshalb nur einen bruchstückhaften Sinn vermitteln, der aus einem Überlebenswissen stammt. Sinn macht das, was das Überleben in diesem System möglich macht. Wenn wir uns im Bann des Traumas befinden, erkennen wir die Relativität nicht, sondern erleben diesen Sinn als umfassend und zwingend. Wir merken nicht, dass es sich um eine Ideologie handelt, die wir für wahr halten. Vielmehr glauben wir, dass die Welt so funktioniert und dass alle anderen Menschen das gleiche Verständnis haben. Vor diesem Hintergrund meinen wir, dass es um uns geschehen ist, wenn wir wieder, wie es im Evangelium heißt, wie die Kinder werden. Ja, es ist schon um uns geschehen, wenn wir ein wenig Schwäche zeigen wie es bei einer Krankheit der Fall ist.

Die Freiheit vom Verstehen

Der Zwang zum Verstehen ist das, was in dem Gedicht von Rilke bewusst gemacht wird. „Das Leben verstehen“ ist in unserem Verstand immer fragmentarisch, vorläufig und relativ. Es sind Konzepte, die wir unseren Lebensabläufen anheften, von denen wir annehmen, dass sie uns die Orientierung erleichtern. Meist stammen diese Konzepte aus traumatischen Erfahrungen, sodass ihr Wert auf diese Erfahrungen beschränkt ist. Deshalb ist es wichtig, die Wurzeln unserer Lebenskonzepte zu kennen, sodass wir die Spreu vom Weizen trennen können. Auf alle Konzepte, in denen Angst enthalten ist, können wir getrost verzichten. Sie sind nicht nützlich und erklären auch nichts von der aktuellen Welt. 

Das Leben verläuft, wie es verläuft. Wir erleben ruhigere und heftigere Zeiten, haben angenehmere und unangenehmere Erlebnisse, verstehen manchmal mehr, manchmal weniger davon. Nehmen wir uns die Anregung des Dichters zu Herzen, so finden wir in jedem Moment einen prächtigen Anlass zum Feiern.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.