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Freitag, 28. April 2023

Vom Gruppenegoismus zur globalen Ethik

Wir Menschen sind keine genetisch programmierten selbstsüchtigen Egoisten, wie der seinerzeitige Bestseller „Das egoistische Gen“ von dem Neo-Darwinisten Richard Dawkins suggeriert. Mittlerweile wissen wir, dass Menschen genetisch auf ein soziales Miteinander angelegt sind, u.a. dadurch, dass sie das Hormon Oxytocin zur Verfügung haben. Dieser Botenstoff sorgt dafür, dass sich Menschen aneinander binden und füreinander sorgen. Menschen können nur als Gruppenwesen wachsen, gedeihen und überleben. Die altruistische Rücksichtnahme und Kooperation in der Gruppe ist eines der Erfolgsgeheimnisse des homo sapiens, der es als einzige Art geschafft hat, zur dominanten Tierart auf diesem Planeten zu werden, mit der Fähigkeit, die Existenz aller anderen Arten zu bedrohen.  

Wir verfügen noch immer über das Gehirn und das Menü an Botenstoffen unserer frühsteinzeitlichen Vorfahren. Allerdings sind wir schon viele Jahrtausende in größeren Verbänden organisiert, für die unsere genetische Ausstattung nur mangelhaft eingestellt ist. Die Ur-Menschengruppen waren überschaubar, die Kommunikation lief unter Bekannten und Vertrauten, meist auch Verwandten. Das ist die Reichweite der Oxytocin-Bindungen, darüber hinaus schlägt der Effekt ins Gegenteil um. Denn das hochgelobte Hormon steckt auch hinter Neid und Schadenfreude. Es beeinflusst die Menschen, die eigene Gruppe gegenüber anderen zu bevorzugen. Deshalb spielt es auch eine Rolle beim Ethnozentrismus, bei der Hochschätzung der eigenen Gruppe oder Großgruppe, verbunden mit dem Misstrauen gegen andere Gruppen. Die Binnenbindungen werden verstärkt, und die Abneigung gegen das Außen, gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, wird gesteigert.

Wir können also auf keine genetische Hilfe zurückgreifen, wenn es darum geht, soziale Beziehungen über die eigene Vertrauensgruppe hinaus zu stiften. Solche Beziehungen sind allerdings für das Funktionieren von größeren sozialen Gruppen, geschweige denn für Formen der globalen Kooperation unerlässlich. Wir müssen die Einstellungen, Fähigkeiten und Kompetenzen dafür aus anderen Quellen schöpfen. Wir haben gewissermaßen keine Wahl darin, die Nächsten, das heißt die vertrauten Menschen um uns herum, zu lieben, und das ist auch keine besondere Leistung und erfordert kein Lernen. Wir wissen, dass grausame SS-Schlächter liebevolle Familienväter waren, und das ist kein Widerspruch, sondern ein Beweis für die Mächtigkeit von Botenstoffen und von deren Grenzen. Es zeigt den eklatanten Mangel an der Ausbildung von Mitmenschlichkeit über den Rahmen der familialen Kleingruppe hinaus, der in weiten Bereichen der Gesellschaft verbreitet ist.

Der Hass auf das Fremde

Der Hass auf das Fremde und Andersartige, an dem viele Menschen leiden und häufig dieses Leiden in Aggression ummünzen, ist aus der Angst vor etwas Unbekanntem gespeist, vor etwas oder jemandem, dessen Reaktion nicht vorhersehbar ist. Denn außerhalb der engen Bezugsgruppe ist das Netz an Erwartungen und an der Bereitschaft, Erwartungen zu entsprechen, viel gröber beschaffen. Deshalb steigt die Unsicherheit darin, wie andere auf einen selber reagieren, je weiter man sich von der Ursprungsgruppe entfernt. Die Gesichter, Minen, Gesten der bekannten Menschen haben wir verinnerlicht und können ihre verbalen und nonverbalen Sprachsignale lesen und übersetzen. Wir wissen, woran wir sind. Kaum redet jemand in einer anderen Sprache oder verwendet andere Gebärden, setzt die Unsicherheit ein, und ängstliche Naturen wittern sogleich Gefahren und geraten in Stress. 

Das Einfachste ist es dann eben, den Gebrauch einer fremden Sprache oder das Praktizieren fremder Gebräuche im eigenen Bereich zu verbieten. Aber das ist der feige Weg in die Isolation, in die engen Grenzen der Herkunftsgruppe. Es ist das Verharren im Immergleichen, in den Gewohnheiten und Gepflogenheiten, wie in einer Freundesgruppe, in der immer die gleichen Witze erzählt werden. Es ist der Rückzug auf vermeintliche Inseln der Seligkeit.

Fremdenliebe ist eine Lernaufgabe

Der größere Horizont der Menschlichkeit beginnt an den Grenzen der Menschen, die uns bekannt und vertraut sind. Der Respekt vor dem Fremden ist uns nicht in die Wiege gelegt, sondern ist eine Lernaufgabe, eine höhere Stufe der moralischen Einstellung. Es geht um eine Haltung, die nicht selbstverständlich ist und die nicht einfach zur Verfügung steht, sondern erworben werden muss. Sie stellt vor eine Wahl: Zwischen einer eingeschränkten, bedingten und einer allumfassenden Menschenliebe.  Es geht um die Entscheidung für das Wachstum in der Humanität, also dafür, dass das Gute allen Menschen zukommen soll und dass wir uns dafür einsetzen. 

Um es noch tiefer zu formulieren: Wir sprechen hier von einer Liebe, die keine prinzipiellen Grenzen hat, sondern alle Menschen umfasst, darüber hinaus alle Lebewesen und noch einmal darüber hinaus alles, was überhaupt existiert.  Die Fremden-, Fernen- und Feindesliebe gehört nicht zu unserer Grundausstattung, vielmehr können wir sie als Teil der Lebensaufgabe begreifen. Sie ist eine Stufe der moralischen Entwicklung, die uns von dem Gruppenegoismus zur allgemeinen Menschlichkeit führt. 

Die Religionen und die Menschenliebe

Die großen Religionen, die lange nach den großen Staatsgründungen entstanden sind, haben diese Erweiterung der Liebe in ihre zentralen ethischen Anliegen aufgenommen, eben weil sie nicht aus dem Grundrepertoire des Menschseins entspringt und weil sie für die Organisation des Zusammenlebens in größeren Staatsgebilden notwendig sind. Die meisten Religionen wollen die Menschen motivieren, ihren ethischen Horizont zu erweitern, über die eigenen Bedürfnisse und die der unmittelbaren Bezugsgruppen hinaus. Da die Impulse zu dieser Orientierung aufgrund der fehlenden hormonellen Ausstattung immer wieder versiegen, appellieren die Religionen mittels Geboten und Weisungen und motivieren mit Lohn- und Strafe-Versprechungen: Wer sich in seiner Haltung und in seinen Handlungen über den Gruppenegoismus hinaus entwickelt, kann mit einem bevorzugten Platz im Jenseits rechnen.

Im Christentum ist es die Nächstenliebe, die eben nicht auf die engsten Familienmitglieder und Freunde beschränkt ist, sondern sich auf jeden bezieht, der gerade in der Nähe ist und Not leidet. Das universelle Mitgefühl mit allen Wesen ist ein wichtiger Teil des buddhistischen Weges, ohne den niemand zur Erleuchtung gelangt. Die soziale Wohltätigkeit ist eine der Grundtugenden des Islams. Zumindest was die Mitmenschlichkeit und die Solidarität unter den Muslimen anbetrifft, geht diese Religion über den Tribalismus, also über die sozialen Verpflichtungen den eigenen Angehörigen gegenüber hinaus. Die Mitzwa ist ein Brauch im Judentum, bei dem regelmäßig die Mildtätigkeit gegenüber Bedürftigen praktiziert wird.  

Am weitesten geht wohl Jesus in der Bergpredigt: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“ 

Die zu lieben, die einen selber lieben und die einem sympathisch sind, ist einfach und selbstverständlich und erfordert keine ethische Anstrengung oder Selbstüberwindung. Die ethische Herausforderung beginnt bei den Menschen, bei denen es uns schwer fällt, in der Liebe zu bleiben. Das sind Andersdenkende, Fremde, Angehörige anderer Rassen, Menschen, die wir aus moralischen Gründen verachten, 

Die Kraft der ethischen Evolution

Die globalen Krisenphänomene im Verhältnis von Mensch und Natur, mit denen wir allerorts zu tun haben, sind – ohne jede Hysterie – schon viel zu weit fortgeschritten als dass wir in den nächsten Generationen zu den Werten von früher zurückkommen könnten. Sie stellen uns vor die Wahl: Den Kopf in den Sand stecken, wie das das Gros der Politiker mit Zustimmung des Gros der Bevölkerungen tut, oder eine Schritt in der Bewusstseinsevolution riskieren. Im Rahmen dieser Diskussion bedeutet es, den Schritt vom Gruppenegoismus zu einer ökologischen Ethik zu gehen, die die Interessen der Menschen mit den Belangen der Natur ausgleicht. Dieser Schritt gelingt nur, wenn wir unsere Liebesfähigkeit von den gewohnten Kleingruppen auf alle Mitglieder der Menschheit und auf die Natur ausweiten.

Die Evolution des moralischen Bewusstseins verläuft  nicht beliebig, sondern sie führt mit logischer Notwendigkeit vom Einzelnen zum Allgemeinen. Sie befindet sich in Einklang mit der Evolution der anderen Bereiche der Gesellschafts- und Bewusstseinsentwicklung. Die Ethik, wie wir schon lange wissen, muss ihren Bezugsrahmen von der Kleinräumigkeit auf die Globalität ausweiten, so wie sich Wirtschafts- und Rechtssysteme global ausgeweitet haben. Sie muss darüber hinaus die Natur mit umfassen, die schon immer Gegenstand der Ausbeutung war und nun in den Status eines Rechtssubjekts und eines ethischen Partners gehoben werden muss. Dieser Schritt ergibt sich aus den Anforderungen, vor denen wir stehen. Er wird nur dann geschehen, wenn sich immer mehr Menschen zu ihm entschließen, bis die notwendige kritische Masse erreicht ist. 

Zum Weiterlesen:
Die Schwachen und die Nächstenliebe
Keine Nachhaltigkeit ohne soziale Konfliktlösung
Erstspracheverbote und Zweitsprachgebote
Wann ist das Boot voll?


Dienstag, 15. Juni 2021

Die Schwachen und die Nächstenliebe

In zumindest zwei der verbreitetsten Religionen, dem Christentum und dem Buddhismus, steht nicht der eigene Läuterungs- und Erwachungsweg im Zentrum, sondern die Zuwendung zu anderen Menschen, und zwar gerade zu denen, die am meisten leiden, zu den Schwachen, Kranken und Beladenen. Die christliche Nächstenliebe, ähnlich wie die buddhistische Praxis des Mitgefühls, enthält im Kern eine radikale Absage an jede Form der Kategorisierung der Menschen und den Appell, die Aufmerksamkeit und das Engagement dorthin zu richten, wo am meisten Hilfe von Nöten ist, also dorthin, wo am meisten Leid besteht. Die im vorigen Blogartikel beschriebene spirituelle Überheblichkeit wird durch diese Perspektive ausgehebelt.

Diese Wendung vom Ich zum Du ist frei von Selbstbestätigung des Ichs durch das Du. Es geht also nicht darum, sich wegen einer karitativen Arbeit selbst aufzuwerten. Vielmehr ist ein Akt der Hingabe gemeint, oder, wie es im Buddhismus heißt, des selbstlosen Mitgefühls. In dieser Perspektive gibt es keine Unterschiede unter den Menschen in Hinblick auf Reifegrade oder individuelle Erleuchtungsfortschritte, sondern nur im Hinblick auf die Unterstützungsbedürftigkeit. Jedes Leid verdient Mitgefühl. Je mehr Leid besteht, desto mehr Mitgefühl und Nächstenliebe braucht es.

Es ist die Haltung der Du-Orientierung, die für das eigene innere Wachstum entscheidend ist, nach der biblischen Feststellung: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Der Maßstab für das gelungene Leben ist also der Geringste, nicht der am weitesten Entwickelte oder spirituell Fortgeschrittenste. Vervollkommnung vollzieht sich durch aktives Tun, durch den Einsatz für Leidende. Solange es Menschen gibt, die leiden, braucht es Menschen, die sich ihnen zuwenden und für sie da sind. Solange es irgendwo auf der Welt leidende Lebewesen gibt, leidet jedes Lebewesen.

Dass diese Auffassung auch im Islam vertreten ist, belegt das wunderbare Gedicht des persischen Dichters Sa`di:

ند بنى آدم اعضای یکدیگر

که در آفرینش ز یک گوهرند

چو عضوى بدرد آورَد روزگار 

دگر عضوها را نمانَد قرار

تو کز محنت دیگران بی غمی 

نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind Glieder eines einzigen Körpers,
da sie alle aus derselben Essenz erschaffen sind.
Wenn ein Glied schmerzt,
bleibt den anderen Gliedern keine Ruhe.
Wenn du den Schmerz der anderen nicht spürst,
verdienst du es nicht, Mensch genannt zu werden.

Grundlage der Gesellschaft

Es handelt sich bei der Idee der Nächstenliebe nicht um ein idealistisches Konzept für die Anhänger bestimmter Religionen. Vielmehr geht es um zentrale Grundlagen für jede Gesellschaft, die Sicherheit und Zusammenhalt gewährleistet, die also einen langfristigen Bestand haben will. Hier gilt das Beispiel der Kette, die so gut ist wie ihr schwächstes Glied. Denn Gesellschaften, die die Schwachen aussondern oder „ausmerzen“ (ein Lieblingswort der Nationalsozialisten), erzeugen ein hohes Maß an Angst: Jeder kann einmal schwach werden, jeder wird einmal schwach werden. Sie können nur mit massiver Gewaltandrohung bestehen.

Sicher fühlen können wir uns nur, wenn wir darauf vertrauen können, dass jemand für uns da ist, wenn wir schwach sind, und nicht, dass wir fallen gelassen werden, sobald wir unsere Leistungen nicht mehr erbringen können. Diese Sicherheit geben wir uns, indem wir uns immer wieder darin üben, uns dem Leiden der anderen zu widmen.

Die Ideologie der Vereinzelung

Jeder ist nicht nur seines Glücks, sondern auch seines Überlebens Schmied. So lautet die Losung der Moderne. Die Auffassung, dass jeder für sein eigenes Fortkommen verantwortlich ist und sich nicht um andere zu kümmern braucht, ist der Ideologie des Kapitalismus zu verdanken. Sie hat die Idee dekretiert, dass der individuelle Überlebenstrieb und nicht die sozialen Bedürfnisse die Grundlage für die Gesellschaft darstellen, und damit wurde den Konkurrenzkampf aller gegen alle um die Lebenschancen und Ressourcen entfesselt. Im Neoliberalismus lebt dieses Modell weiter. 

Die Konsequenz liegt in der Entsolidarisierung des menschlichen Zusammenlebens, der der Sozialismus mit der Errichtung eines Sozialstaates entgegenwirken wollte. Doch auch dieser Bereich ist mittlerweile voll in die scheinbaren Sachzwänge des Kapitalismus eingepasst, mit dem Streben nach Kosteneffizienz als oberster Maxime. Gesundheit wird mehr und mehr zur individuellen Verantwortung: Wer bessere Behandlung will, muss dafür tiefer in die Tasche greifen.

Deutungsverluste der traditionellen Religionen

Im Zug dieser Entwicklung ist auch die Bedeutung der christlichen Kirchen mit ihrer Botschaft der Nächstenliebe zurückgegangen und verhallt oft folgenlos angesichts der gewinngetriebenen Vorgänge auf diesem Planeten und in unseren Gesellschaften. Abgesehen von den vielen Beispielen des Hasses und der Gewalt aus der Geschichte der Kirchen haben die Belastungen und Verlockungen des Kapitalismus das Ihre dazu beigetragen, dass die religiösen Botschaften ihre Attraktivität und Glaubwürdigkeit verloren haben. Die Menschen sind voll beschäftigt mit den ökonomischen Drucksituationen, die auf den Einzelnen lasten, und den materiellen Vorteilen, die zum ausgleichenden Konsumieren und Genießen verleiten. Das Weiterwirken der Botschaft der Nächstenliebe in karitativen Nischen ist löblich, erscheint aber angesichts der stetig auseinanderklaffenden Schere zwischen den Reichen und den Armen sowie der Zunahme der Lebensprobleme durch die exzessive Wirtschaftsform wie ein paar Tropfen auf die vielen heißen Steine.

Genug Menschen, die sich ein wenig vom Wohlstand erarbeitet haben, sind von der Angst getrieben, dieses Niveau wieder zu verlieren und vertreten deshalb die neoliberale Ideologie von der Leistungsverantwortung. Sie lassen sich von den entsprechenden Parteien vor ihren Wagen spannen. 

Die herrschende Pandemie hat hier die Gewichte wieder etwas verschoben und die eminente Wichtigkeit des Sozialstaates und des öffentlichen Gesundheitswesens bezeugt, auch hat sich die Diskussion um den Schutz der Schwachen, in diesem Fall der Todkranken auf den Intensivstationen zu deren Gunsten gedreht. Wir wissen aber nicht, wie es nach diesen Erfahrungen weitergeht. In Hinblick auf die Finanzierung der Auswirkungen der Infektionswelle werden sich wieder die wirtschaftsliberalen Stimmen einbringen und nach dem schlanken Staat und dem Zurückfahren der Sozialleistungen rufen.

Die Psychologie der Nächstenliebe

Es gibt auch noch andere, immanente Gründe, warum das Engagement für die Schwachen in ein schiefes Licht geraten ist. Sie sind psychologischer Natur. 

Die Hilfe und Unterstützung, die den Schwachen zukommen, kann die verschiedensten Formen annehmen. Oft wurde kritisiert, dass die Hilfe in Gestalt von Überheblichkeit, Besserwisserei und Entmündigung daherkommt. Eine Hilfe, die die Hilflosen noch hilfloser macht, ist fehlgeleitet. Außerdem: Eine Hilfe, die dem Ruhm der helfenden Person dienen soll, ist heuchlerisch. 

Dazu kommt, dass der Anspruch, das Leid der Mitmenschen zu lindern, angesichts des Ausmaßes an Leid, das es in nächster Nähe und global gibt, zu scheitern. Wenn der vordringliche Daseinszweck der Menschen darin liegt, das Los der Leidenden und Schwachen zu verbessern, entsteht, angesichts all der anderen Motiven und Bedürfnisse, die Menschen abdecken müssen und wollen, ein fortwährender innerer Konflikt: Was darf ich mir selber gönnen angesichts all der Misslichkeiten? Die Folge sind unlösbare Schuldgefühle und eine permanente innere Überforderung. Das Helfersyndrom ist geboren. Friedrich Nietzsche hat von der Sklavenmoral gesprochen, von einer Form der inneren Unfreiheit, die darin besteht, um jeden Preis, auch den der Selbstverleugnung, Nächstenliebe pflegen zu müssen. 

Eine andere, ebenso mangelhafte Form des Umgangs mit dieser ethischen Herausforderung bietet sich in der zynischen Aufkündigung des Anspruchs überhaupt. Es macht ja doch keinen Sinn, weil nur minimal Verbesserungen in der Welt erzielt werden können, während die eigentlichen und hauptsächlichen Probleme, die immer wieder Schwachstellen hervorbringen, unberührt bleiben. Da und dort zu helfen, bringt nicht wirklich etwas, solange sich grundlegend nichts ändert. Oder: Die Schwachen tun nur so, als hätten sie keine Möglichkeiten und machen sich in Wirklichkeit schmarotzend einen Lenz.

Die Nächstenliebe als universelle Aufgabe

Für die Bewältigung der Aufgabe der Nächstenliebe, die sich jedem Menschen stellt, sind alle vorgefertigten oder moralisch formulierten Konzepte überflüssig und hinderlich. Entsprechende Appelle an die Moral sollten wir vordringlich nicht an andere, sondern an uns selber richten. Die Mitte zwischen der Selbstausbeutung im Tun für andere und der autarken Selbstbezogenheit zu finden, erfordert einen lebenslanger Suchprozess, der nie zu Ende ist. Jede neue Situation braucht eine Neubewertung, die auf die äußeren wie auf die inneren Zustände Rücksicht nimmt und die rechte Balance anstrebt. Die Zuwendung zum Du umfasst auch Formen wie ein stilles Mitgefühl, ein Gebet oder ein liebevolles Präsentsein angesichts von Leidenszuständen.

Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns im Helfen ausbluten und ausgebrannt dann selber Hilfe brauchen. Wir müssen immer auch auf unsere eigenen Ressourcen achten und für sie ausreichend sorgen. Wir dürfen die Verantwortung für uns selber nie aus den Augen verlieren.

Es ist aber auch uns selbst nicht geholfen, wenn wir uns gegen Bedürftigkeit und Schwäche um uns herum oder weiter entfernt abhärten und unser Herz vor der Not verschließen und abschotten. Wir werden mit dieser Form der Abwehr ein Stück unmenschlicher. Leute, die die Bettler aus ihrer Stadt vertreiben wollen, machen das nur, weil ihnen das Bild der Armut Angst und Scham einjagt: Die Angst, selber abstürzen zu können, und die Scham, auf der fetteren Seite gelandet zu sein. 

Mitverantwortung für das Wohlergehen aller

Mensch sein heißt, mitverantwortlich zu sein für die Menschengemeinschaft, d.h. für das Wohlergehen aller. In der Praxis gibt es natürlich immer Grenzen, in denen wir diese Verantwortung wahrnehmen können. Doch dürfen diese Grenzen nicht starr werden, indem wir uns vor bestimmten Formen des leidenden Menschseins, die uns Angst machen, Ekel auslösen oder mit Scham konfrontieren, schützen wollen.

Die Herzlosigkeit, die z.B. in Zusammenhang mit der Migrationsfrage, in der Öffentlichkeit und im privaten Rahmen von vielen Menschen propagiert wurde und wird, ist aus Ängsten vor Übervölkerung, Überranntwerden, vor dem legendären Boot, das wegen Überfüllung sinkt, genährt. Sie hat also irrationale Gründe, die tiefer in der Seele verwurzelt sind, als den Betroffenen bewusst ist. Indem diese irrationalen Ängste verbreitet werden, steigt das Unsicherheitsgefühl in der Gesellschaft, das wiederum auf die Protagonisten der Fremdenangst rückwirkt und deren propagandistischen Eifer verstärkt. 

Die offene Gesellschaft, die Karl Popper 1945 proklamiert hat, ist eine Gesellschaft der Solidarität, der gelebten Nächstenliebe, die sich aller, und damit auch der Schwachen und Schwächsten annimmt und zwischen reich und arm, oben und unten ausgleicht, nicht im Sinn einer Gleichmacherei, sondern im Sinn einer gerechten Verteilung und einer gerechten Teilhabe am Ganzen. Grundlage ist die prinzipielle Gleichheit aller Menschen und die unbedingte Werthaftigkeit jedes Menschenwesens.

Die Idee der Gleichheit aller Menschen, was ihre Geburts- und Lebensrechte anbetrifft, ist ein Abkömmling des Begriffs der Nächstenliebe aus dem Christentum, der aber erst durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert Breitenwirkung erlangte und in die ersten Verfassungen aufgenommen wurde. Seither gilt er als Grundbestandteil von modernen Staatswesen und wurde auch von der UNO weltweit deklariert. Das oben zitierte persische Gedicht ziert einen Sitzungssaal im UNO-Hauptquartier in New York. 

Zum Weiterlesen:
Spirituelle Überheblichkeit
Bescheidenheit als Tugend
Die Solidaritätsschranke
Armut ist ein Ärgernis - dem kann abgeholfen werden
Reich und arm - Demut und Würde


Freitag, 31. Januar 2020

Gibt es Grenzen des Mitgefühls?

Mitzufühlen ist eine Grundeigenschaft der Menschen, die diese Fähigkeit brauchen, um als Gruppenwesen füreinander da zu sein, wenn Not besteht und jemand Unterstützung braucht. Wir können uns in vielen Situationen des Lebens nicht alleine helfen und sind darauf angewiesen, dass uns jemand hilft. Dazu dient das Mitgefühl, das dazu motiviert, dem Schwachen unter die Arme zu greifen, der Kranken zur Seite zu stehen und der seelisch Leidenden Trost zu spenden. 

Das Mitfühlen hat aber auch seine Grenzen. Angesichts des massiven Leides, das auf dieser Erde herrscht, werden wir irgendwann unempfindlich. Es überfordert unsere kognitiven Kapazitäten und unsere Vorstellungskraft sowie das Nervensystem und erzeugt Stress. Wenn wir etwas Distanz gegen die Überflutung gewinnen können, wie sie uns medial begegnet, kann sich das Mitgefühl wieder regen. 

Die Nächsten und die Übernächsten 


Aus dieser Überlastung heraus entwickeln wir Abwehrformen gegen das Leid und Kategorien für das Mitgefühl. Wir unterscheiden die Nächsten, die Näheren und die Ferneren und dosieren dementsprechend unser Betroffensein. Den Nächsten zu lieben, fällt meistens leichter als dem Übernächsten und noch weiter Entfernten unsere Liebe zu schenken. Dennoch hat das Mitgefühl keine natürliche Grenze, ab der es nicht mehr wirkt, sondern ist grundsätzlich unendlich.   

Das Mitgefühl hat eine ererbte Komponente, hier nicht im genetischen Sinn gemeint, sondern bezogen auf die vor allem elterlichen Vorbilder, mit denen Kinder aufwachsen. Eltern, die ihr Mitgefühl auf den engen Familienkreis beschränken und über andere, die nicht dazugehören, schlecht reden, obwohl sie vielleicht arm dran sind und Hilfe bräuchten, können den Kindern eine zwiespältige Haltung weitergeben: Wer mir nahe ist, verdient Rücksichtnahme und Fürsorge, wer weiter weg ist, soll selber schauen, wie er zurechtkommt und ist eher eine Bedrohung, der mit Misstrauen begegnet werden soll.
  
„Man kann sich schließlich nicht um alle kümmern.“ So lautet das Credo des selektiven Mitgefühls. Auch wenn diese Aussage logisch klingt, verwechselt sie Mitgefühl mit hilfreichem Handeln. Sie dient auch zur Abwehr, um das Elend und Leid anderer Menschen nicht an sich heranlassen zu müssen.  

Denn die moralische Frage bleibt: Kümmere ich mich um genug viele Menschen, oder beschränke ich mein mitfühlendes Handeln auf eine viel zu kleine Zahl? Es gibt in diesem Zusammenhang keine absoluten Maßstäbe, und die ebenso gebräuchliche Aussage: „Ich bin ja nicht die Mutter Teresa“ führt hier nicht weiter. Die individuelle Verantwortung muss jeder für sich definieren und vor sich selbst rechtfertigen. 

Wir müssen für uns selber die Linie finden, wo wir aus ehrlichem Herzen für andere da sein können und Hilfe geben und wo wir nur aus “schlechtem Gewissen” oder aus einer angenommenen Rolle helfen, aus einem diffusen Pflichtgefühl, angetrieben von Schuldgefühlen. Das bekannte Syndrom des zwanghaften Helfens stammt häufig aus einer Rolle, die ein Kind früh in einer dysfunktionalen Familie angenommen hat, um das System zu stabilisieren und die Schwächen der Eltern auszugleichen. Im späteren Leben resultiert aus dieser Rolle häufig ein Burn-Out. Dieses Muster hat nichts mit Empathie zu tun, sondern mit unzureichenden Versuchen, Empathiemängel der eigenen Kindheit über das Tun für andere auszugleichen. 

Eine andere Reaktion auf fehlendes Mitgefühl in der eigenen Geschichte ist die Abhärtung, das Sich-Abfinden mit dem Defizit und das Einlassen auf ein trotziges Überlebensmuster, das sich selbst und auch den anderen wenig gönnt. Empathie auf Sparflamme heißt auch Leben auf Sparflamme. 

Der Preis der Herzenshärte 


Wer sein Herz verhärtet, mutiert schließlich zum Unmenschen. Manche tun so, als könnten sie selektiv ihr Mitgefühl abstellen - gegen die Fremden usw., während sie für Freunde oder ihre Familie da sind. Aber jede Verhärtung des Herzens führt zur inneren Abstumpfung und schädigt die Beziehungsfähigkeit auf allen Ebenen. Die brutalen KZ-Wächter, die abends mit ihren Kindern spielten, verstellen sich für eine verlogene Idylle, mit der die eigenen Kinder missbraucht werden; viele dieser Kinder haben später mit ihrem Vater gebrochen und die Abwehrmechanismen der Falschheit, Selbsttäuschung und Abspaltung, die hinter diesem Doppelspiel stecken, durchschaut.  

Ehrlicher klingt ein Vietnamveteran, der am Tag nach dem grausigen Tod eines Kameraden bei einer Patrouille Kinder erschossen und eine Vietnamesin vergewaltigt hat und später erkennen musste, dass er seinen eigenen Kindern nicht mehr in die Augen schauen kann, weil dabei die Leichen der vietnamesischen Kinder auftauchen. Es braucht einen langen Weg der inneren Heilung, dass die tiefe Scham, die mit solchen Erfahrungen verbunden ist, gelöst werden kann, eine Arbeit, die viel mit Selbst-Mitgefühl zu tun hat. Wenn diese innere empathische Beziehung wieder aufgerichtet werden kann, wird sich wie von selber das Mitgefühl ausweiten und die Opfer der eigenen Gewalttätigkeit ebenso umfassen wie die Opfer jeder anderen Misshandlung. 

Universelles Mitgefühl 


Das Mitgefühl ist mehr als ein Gefühl. Es ist eine innere Ausrichtung, eine Haltung und Einstellung, die wir willentlich einnehmen und stärken können. Gefühle kommen und gehen, diese Abläufe sind von unserem Unterbewusstsein gesteuert. Zum Mitfühlen können wir uns entscheiden. Es ist eine Fähigkeit, die wir üben können und die in der Ausübung angenehme und erfüllende Gefühle erzeugt. Denn das Mitgefühl weitet das Innere, über die Enge der eigenen Interessen und Bedürfnisse hinaus. Es lässt das Ego in den Hintergrund treten und führt zu einem Gefühl der Verbundenheit über die eigenen Tellerränder hinaus hin zur großen Gemeinschaft der Menschen und der Natur. Das Bindemittel in diesem großen Netz ist das Mitgefühl, das durch all die vielen Kanäle fließen kann und auf diesen Wegen viele Wunden heilt. 

Deshalb kann das Mitgefühl nie selektiv sein. Denn jede Auswahl würde andere ausschließen, und dazu fehlt uns das Recht. In der Praxis beschränken wir das Mitgefühl und müssen es beschränken, wir sollten jedoch uns bewusst sein, dass jeder Versuch der Eingrenzung des Mitgefühls willkürlich ist, weil er Ausgrenzungen beinhaltet, so nichts auszugrenzen ist. Alle fühlenden Wesen verdienen unsere Empathie, wie es in den buddhistischen Übungen heißt. Wir finden erst dann unseren vollständigen inneren Frieden, wenn ihn alle andere gefunden haben, und solange dieses Ziel nicht erreicht ist, gilt es, den Mangel an Frieden mit Mitgefühl auszufüllen, durch beständiges Üben im Ausweiten der Horizonte unserer Empathie. 

Freitag, 27. September 2019

Tiefe, eine Dimension des Menschlichen

Es gibt Menschen, die uns durch eine besondere Eigenschaft beeindrucken, die nicht viel mit Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit, Kunstfertigkeit oder Spiritualität zu tun hat, sondern mit einer eigentümlichen Qualität des Menschseins im Sinn von Weisheit und reifem Verständnis der menschlichen Seele. Hanzi Freinacht hat sie als „Tiefe“ bezeichnet und beschrieben.

In seinem Buch zur „Listening Society“ hat er eine Erweiterung der Modelle der Bewusstseinsevolution vorgelegt und neue Dimensionen zu deren besserem Verständnis eingeführt. Eine davon, die Entwicklung der kognitiven Kompetenzen nach Commons habe ich im vorangegangenen Blogbeitrag vorgestellt. Wichtig finde ich, dass dieser evolutionäre Ansatz nicht nur äußere Phänomene aus Natur und Kultur zum Verständnis der Wirklichkeit heranzieht, sondern sie immer mit subjektiven Faktoren in Zusammenhang bringt. Es gibt keine objektive Erkenntnis ohne innere, also subjektive Prozesse bei denen, die erkennen.


„Zustände“ und „Tiefe“


Es erscheint mir eine Dimension des Modells von Freinacht besonders interessant. Zunächst unterscheidet er niedrigere und höhere Zustände, in denen sich die Menschen befinden: Mal ist man gut drauf, mal weniger. Manche Menschen grummeln von Tag zu Tag auf emotionaler Sparflamme herum, andere sind immer gut drauf, und noch weniger sind mehr oder weniger permanent in den höheren Sphären der Glückseligkeit. Das ist die Skala der inneren Zustände zwischen Hölle und Himmel, mit vielen Abstufungen dazwischen. Hanzi weist auch darauf hin, dass diese Zustände volatil sind, also sich schnell ändern können, dass aber die meisten Menschen innerhalb einer bestimmten Bandbreite der Stimmungen leben und dass durch Meditation und andere innere Praktiken dauerhaftere höhere Zustände erreicht und aufrechterhalten werden können.

Diese Dimension der Zustände unterscheidet er von der Dimension der Tiefe, die nun im Folgenden genauer geschildert und mit eigenen Gedanken garniert wird.

Unter „Tiefe“ versteht er die Beziehung zur Wirklichkeit als Ganzer, als eine innere Qualität, die häufig mit Weisheit verbunden wird. Es ist die Fähigkeit, die vielen Aspekte des Lebens zu umarmen. Je mehr innere Zustände jemand kennengelernt hat, intuitiv und körperlich, hohe und niedrige, desto mehr Tiefe ist vorhanden. Kennenlernen heißt dabei nicht nur das Durchgeschütteltwerden von heftigen Emotionen oder Lebenskrisen, sondern auch die bewusste Erfahrung im Durchgehen durch solche Prozesse, also eine Form des Verarbeitens. „Tiefe“ Menschen sind demnach nicht solche, die immer gut gelaunt sind und denen zu jeder Situation ein Scherz einfällt, sondern Menschen, die im Lauf ihres Lebens Höhen und Tiefen erlebt haben, die durch Krisen gegangen und gewachsen sind, die das Leben vor Herausforderungen gestellt hat, die gemeistert werden konnten. 

Aufgrund solcher Lebenserfahrungen entwickelt sich eine gründliche Beziehung zu fundamentalen Aspekten der Wirklichkeit im subjektiven Erleben. „Tiefe ist die Anzahl der Zustände, die zu einem untrennbaren Teil von uns geworden sind; integriert in unsere Erinnerungen und in unsere Persönlichkeit.“ (S. 282). Die Spannbreite dieser Dimension umfasst die Agonie, den Zustand der Verzweiflung und Ausweglosigkeit und die Ekstase, das Heraustreten aus allen beschränkenden Gewohnheiten und Feiern des Lebens in der Fülle, sowie alle Facetten zwischen diesen Extremen der menschlichen Existenz. „Tiefe ist die innerste Erkenntnis der Größe und/oder Ernsthaftigkeit der Wirklichkeit.“ (S. 283) Die Entwicklung von Tiefe verändert nachhaltig das Bezogensein auf die Welt und die Existenz als ganzer in der Form eines „implizites Wissens“, mehr Weisheit, die aus dem Erkennen des Moments spricht, als erlerntes Bücherwissen.

Diese Tiefe kann in drei Aspekte gegliedert werden, nach der klassischen Dreiheit des Wahren, Guten und Schönen geht es hier um die Schönheit, das Mysterium (das Wahre) und die Tragödie (das Gute).


Das Schöne


Im Erleben und Erfahren von Schönheit geht es um eine Tiefe in völliger Subjektivität: Schönheit ist immer an das Auge des Betrachters gebunden. Es ist eine Erste-Person-Beziehung zur Wirklichkeit. Der Blick, der sich auf das Schöne richtet, ist auf eine ganz tiefe, einzigartige Weise mit der Wirklichkeit in Kontakt, die bereit ist ihren ganzen Reichtum zu schätzen. Er legt das Individuelle bloß, das in all seinen Varianten und Formen Bewunderung verdient, sobald es der Blick auf das Schöne aus der Gleichförmigkeit der Erscheinungen holt. Dieser Blick ist die höchste Form von Wertschätzung, die möglich ist.

Die Sichtweise der Schönheit offenbart Erkenntnisse über die Wirklichkeit, die eine unschätzbare Qualität zum Menschsein hinzufügen. Sie sieht immer mehr als die Oberfläche, auch wenn es scheinbar nur Oberflächen zu sehen gibt; dieser besondere Blick geht in die Tiefe und erkennt dabei das Ganze im Einzelnen. Ein Bild von Van Gogh oder Picasso, das wir in einem Museum betrachten, kann eine überwältigende Erfahrung sein, wenn wir uns auf die Tiefendimension der Schönheit einlassen.

Nicht nur die Kunst, auch die Natur und das Menschliche – in der Zwischenmenschlichkeit und in der Selbstbegegnung – bieten Zugänge zum Schönen und damit zur Tiefe des Erlebens. Das Leben wäre ohne das Schöne ein Irrtum, um einen Satz von Nietzsche zu paraphrasieren.


Das Wahre


Die Suche nach der Wahrheit führt ins Mysterium. Es gibt eine besondere Erhabenheit in der Begegnung mit der Wirklichkeit, die durch den Willen zum Wissen geschaffen wird – dem Willen, das fundamentale Geheimnis der Wirklichkeit zu entschlüsseln. Das Geheimnis “entbirgt” sich nur dann in seiner Größe, wenn es eine Suche nach Wahrheit um der Wahrheit willen ist. 

Dabei bezieht sich das Ich auf die Realität als unpersönliches „Es“ – als eine dritte Person, als ein Objekt, dessen Sein allerdings auf eine besondere Weise geachtet wird: Es soll nicht primär einem menschlichen Verwendungszweck dienen, sondern soll so erkannt werden, wie es um seiner selbst willen innerlich wirkt. 

Wahrheitssucher brauchen nicht notwendigerweise ein Studium oder eine wissenschaftliche Qualifikation. Denn der Wille zu wissen ist zunächst ein existentielles und spirituelles Unterfangen, an dem jeder Mensch Anteil haben kann. Wissenschaftler und Forscher sind nur Professionisten und Spezialisten in diesem weiten Feld menschlicher Mystik.


Das Gute


Die Frage nach dem Guten konfrontiert uns unweigerlich mit der Tragödie der menschlichen Existenz. Menschliches Leben verläuft nie nach Plan, in irgendwelchen vorausgedachten geregelten Bahnen, sondern es nimmt jeden Tag unvorhersehbare und überraschende, manchmal überfordernde Wendungen. Manchmal haben wir den Eindruck, alles unter Kontrolle und im grünen Bereich zu haben, und dann wirft es uns wieder herum, dass wir nur mit Mühe Halt finden.

Damit kommen wir zur Tatsache des universellen Leidens: „Es gibt eine grundlegende und logischerweise notwendige Gebrochenheit in der Wirklichkeit selbst. … Und bevor du es weißt, fängst du schon an auseinanderzufallen, während du für einen Crashkurs für den Tod angemeldet wirst. All das Blühen, die Kindheit, Liebesbeziehungen und Freundschaften miteingeschlossen, müssen entweder verrotten oder verkümmern, um verlorenzugehen und für immer vergessen zu werden.“ (S. 292) 

Das Leben ist keine Spielerei, es hat eine wesentliche Dimension der Ernsthaftigkeit, die wir nicht wegdiskutieren oder wegmeditieren können. Das ist der Teil der Tragödie, und nach Hanzi erwächst gerade daraus der Impuls zum Handeln aus Mitmenschlichkeit. Aus der klaren Erkenntnis der Tragödie der Existenz folgert er, dass es eine Hingabe an den Primat des „Du“ braucht. Das Du-Sein zeigt sich als eigene Form der Wirklichkeit in der zweiten Person: „Ich bin nichts ohne dich. Ich bin durch dich geboren, und ich muss letztlich im Dienst an dir leben.“

Angesichts des Tragischen also sollen wir in die aktive Nächstenliebe einsteigen, die mit ihrer Arbeit nie an ein Ende gelangen kann, die aber in jedem Akt lohnend und gewinnbringend für den gebenden und empfangenden Teil ist. Wo Tragik ist, soll durch Liebesdienste Glück wachsen, indem das Gute in der Welt gemehrt wird. 

Da würde ich noch hinzufügen: Das Tun des Guten kann auch aus Zuständen der inneren Freiheit fließen, als besondere Form des Selbstausdrucks. Wenn wir frei von Angst sind, sind wir nicht nur nicht gemein zu unseren Mitmenschen, sondern helfen ihnen gerne und mit Freude. 

Freinacht schließt dieses Kapitel seines Buches mit den Sätzen: „Nur ein Gefühl der Tragödie kann uns dazu antrieben, für die Verdammten dieser Erde zu arbeiten: Lieben bis es weh tut. … Nur gebrochene Herzen können die Welt retten.“ (S. 293) Sicher sind es nicht die eindimensionalen Verwalter der Macht, die mit ihren polierten Egos die menschlichen Geschicke in eine konstruktive Richtung lenken können, sondern Menschen mit Tiefe und Reife. Doch bis diese Erkenntnis in die Tiefen der Seelen einer genügend großen Menge von Bürgern und Wählern gesickert ist, wird es wohl noch einige Zeit brauchen.

Hanzi Freinacht: The Listening Society. Metamodern Guide to Politics. Book One. Metamoderna 2017
Übersetzung der Zitate: Wilfried Ehrmann

Zum Weiterlesen:
Metamodernismus - eine Übersicht
Komplexe Themen und komplexes Denken