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Samstag, 21. Januar 2023

Der Alkohol auf dem Prüfstand der Wissenschaft

Während das Rauchen in den letzten Jahrzehnten viel an Ansehen verloren hat und auch der Konsum von Tabak zurückgegangen ist, hat sich der Alkohol unbeschadet in einer zentralen Stelle unserer Gesellschaft behaupten können und in der Coronazeit noch zugelegt. Wir leben in einer alteingesessenen Alkoholkultur, die sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht und mit ihren Riten das Feiern aller Feste gestaltet. Es wird angestoßen, es findet ein Umtrunk statt, es wird jemand mit dem Glas in der Hand hochleben gelassen, und das gilt alles nichts, wenn sich im Glas kein Alkohol befindet. Rührselige Lieder sind ihm gewidmet, und aufmunternde Lieder sollen zum Genuss animieren. Der Alkohol genießt also ein hohes Renommee in unserer Gesellschaft. Es gilt noch immer als Initiationsherausforderung, die natürliche Hemmung gegen Alkohol zu überwinden; der erste Rausch oder das Trinken bis zur Bewusstlosigkeit stehen für eine Mutprobe und für den Einstieg ins Erwachsenenleben.

Auf der anderen Seite wissen wir, dass der Alkoholismus eine gefährliche Erkrankung darstellt. In Österreich gibt es ca. 340 000 Alkoholiker, und fast jeder vierte Erwachsene trinkt Alkohol in einem akut gesundheitsgefährdetem Ausmaß. Aber wir beruhigen uns, indem die Folgen des Alkoholkonsums kleinredet und verharmlost werden. Schließlich wollen wir uns ein wenig Genuss in einem immer wieder schwierigen Leben nicht aus- und schlechtreden lassen. Sollen wir uns nur mehr kasteien und einschränken? Was wäre das dann für ein amputiertes und fremdbestimmtes Leben?

Es gibt viele Verteidiger des Alkoholkonsums, an ihrer Spitze der Wiener Genussphilosoph Robert Pfaller. Bevor er oder Seinesgleichen hinter den folgenden Zeilen ein lebensfeindliches moralinsaures Lustverbot ausfindig macht und dann einer wortgewaltigen Kritik unterzieht, möchte ich den nachstehenden Ausführungen voranstellen, dass es hier nicht um die Verkündung von moralischen Geboten geht. Vielmehr folgt hier die Darstellung dessen, was die Wissenschaften insbesondere im Bereich der Neurologie in den letzten Jahren an Erkenntnissen über die Wirkungsweise des Alkohols im menschlichen Körper herausgefunden haben. Ich fasse hier zusammen, was der Stanford-Professor Andrew Huberman auf seinem Podcast zu diesem Thema referiert (). Unter dem Video finden sich auch die Links zu den einzelnen Studien.

Jeder Leser und jede Leserin dieses Artikels kann selbst beobachten und entscheiden, ob sich durch die Kenntnis dieser Fakten das eigene Verhalten verändert oder nicht. Jeder Mensch ist frei, und die Freiheit können wir am besten nutzen, wenn wir möglichst viel über uns selbst und die Vorgänge in unserem Körper wissen.

Aus den Erkenntnissen wird auch deutlich, warum jemand trinkt und sich unter Umständen schwer tut, davon loszukommen, oder auch, warum manche meinen, sie könnten jederzeit mit dem Trinken aufhören, wenn sie nur wollten, es aber nie probieren. Es wird deutlich, warum das Alkoholtrinken eine starke soziale Bedeutung enthält. Deshalb brauchen wir keinen mahnenden Zeigefinger vor jenen erheben, die „ein Alkoholproblem“ haben oder von denen wir meinen, dass sie eins haben. Falls wir selber frei von solchen Anfechtungen sind, gar nichts trinken oder nur selten mit einem Glas anstoßen, können wir uns anerkennen, auf unsere Gesundheit zu schauen, müssen aber niemanden verurteilen, der sich damit schwerer tut.

Wie wirkt Alkohol?

Es ist schon etwas seltsam, dass wir etwas trinken und trinken wollen, das uns nachher ein lausiges Gefühl gibt. Aber der Alkohol bewirkt selber, dass wir uns nicht mehr gegen ihn wehren können.

Alkohol ist wegen seiner chemischen Struktur sowohl wasser- wie auch fettlöslich. Wenn man Alkohol trinkt, kann er in jede Zelle und jedes Gewebe des Körpers eindringen, und das geht ganz leicht und schnell. Während andere Drogen an die Zelloberfläche andocken und von dort aus eine Kaskade von Wirkungen verursachen, kann der Alkohol direkt in die Zellen eindringen. Das ist der Hauptgrund für die vielfachen schädlichen Folgen von Alkoholkonsum.

Der Äthylalkohol ist die einzige Alkoholform, die der Mensch konsumieren kann. Dennoch ist er giftig, weil er schweren Stress und schwere Schäden an den Zellen anrichtet. Wenn man Alkohol konsumiert, muss er in etwas anderes umgewandelt werden, eben weil er für den Körper ein Gift ist. Wir haben in jeder Zelle ein Molekül, das NAD heißt und das das Ethanol in Acetaldehyd umwandelt. Acetaldehyd ist hochgiftig und zerstört Zellen, ohne jeden Unterschied. Der Körper geht mit dem Problem so um, dass er Acetaldehyd in Acetat umwandelt. Das ist eine Substanz, die der Körper als Treibstoff (ATP) verwenden kann. Wenn es dem Körper nicht gelingt, den dritten Schritt schnell und ausreichend genug zu machen, dann bleibt zu viel von dem schädlichen Acetaldehyd im Körper. Diese Prozesse laufen in der Leber ab. Wo der letzte Schritt gelingt, werden Kalorien produziert, die man leere Kalorien nennt, weil der ganze Stoffwechselprozess teuer ist und diese Kalorien keinen Nährwert haben. Man kann sie nicht speichern, und sie haben keine Vitamine, Aminosäuren, Fettsäuren. Der Alkoholkonsum ist also immer ein Verlustgeschäft für den Körper.

Es ist das Acetaldehyd, das das Gefühl von Betrunkensein hervorruft. Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, fühlen sich währenddessen energetischer und glücklicher; bei Menschen, die seltener Alkohol trinken, ist diese Phase kürzer, und sie kommen schneller in eine Phase, in der sie sich müde fühlen, motorische Fähigkeiten einbüßen oder undeutlich reden.

Alkohol überwindet die Gehirnschranke. Er kann in jede Nervenzelle des Gehirns eindringen, doch gibt es Bereiche, die bevorzugt werden: Nach den ersten Schlucken nimmt die Aktivität im präfrontalen Kortex ab.  Dieser Bereich hat mit Denken und Planen zu tun und auch mit der Unterdrückung von impulsivem Verhalten durch das Ausschütten des Botenstoffes GABA. Eine Folge davon ist z.B., dass Personen unter Alkoholeinfluss keine Bewusstheit über die Lautstärke beim Reden haben und ihre Stimmmodulation zurückgeht.

Der Alkohol hat einen stark unterdrückenden Effekt auf die Bereiche, die mit dem Entstehen und Speichern von Gedächtnisinhalten zu tun haben. Gehirnbereiche, die mit Flexibilität zu tun haben (ich könnte A machen oder B), werden völlig abgeschaltet. Unser Verhalten wird also stereotyper.

Das Folgende gilt für Menschen, die regelmäßig trinken (wenn auch nur einmal in der Woche): Man wird impulsiver und habitueller im Verhalten, auch in der Zeit, in der man nicht trinkt. Wenn man trinkt, dann werden diese Änderungen stärker sichtbar. Die Synapsen, die habituelles Verhalten (= etwas tun, von dem man schon weiß, wie es geht) steuern, werden vermehrt. Die Synapsen in den Bereichen, die impulsives Verhalten hemmen, werden verringert.

Diese Änderungen sind grundsätzlich reversibel, wenn auf das Trinken verzichtet wird: Nach zwei bis sechs Monaten mit Alkoholverzicht normalisiert sich das Verhalten. Ausgenommen sind Menschen, die über viele Jahre regelmäßig große Mengen von Alkohol konsumiert haben. Sie brächten wesentlich längere Zeiten der Abstinenz.

Manche Leute meinen, dass sie mit Nahrungsaufnahme die Wirkung von Alkohol verringern können. Das stimmt zum Teil: Wenn vor dem Trinken etwas gegessen wird, kommt der Alkohol nicht so schnell in den Blutkreislauf und die Entwicklung der Trunkenheit wird verlangsamt. Wenn man während des Trinkens isst, hat das keinen Einfluss auf das Ausmaß der Alkoholisierung.

Euphorisierung durch den Alkohol

Jeder Alkoholkonsum verändert Schaltkreise im Gehirn, indem er sie zunächst hyperaktiv macht. Deshalb reden die Leute viel und fühlen sich gut, sobald sie zu trinken beginnen. Nach mehr Alkoholkonsum oder wenn die Wirkung nachlässt, werden diese Schaltkreise schnell schwächer, und deshalb schwindet das Wohlgefühl. Sofort entsteht der Drang nach dem nächsten Drink, um sich wieder gut zu fühlen. Aber wenn man den dritten, vierten oder fünften Drink nimmt, gibt es absolut keine Chance, wieder in die gute Stimmung zurückzukommen. Die meisten Menschen fühlen sich mehr und mehr bedrückt. Das Frontalhirn schaltet ab, und Zentren, die mit der motorischen Koordination und willentliche Bewegungen befasst sind, werden stillgelegt. Man beginnt undeutlich zu reden, mit den Füßen zu scharren, sich anzulehnen oder in eine Couch zu sinken. Es kommt zur Verringerung der Wachheit und Erregung, und schließlich schläft man weg.

Es gibt aber auch Leute, die aufgrund von chronischem Alkoholkonsum und/oder von Genvariationen beim dritten oder vierten Drink zu mehr Wachheit und Erregung erleben. Sie reden mehr und haben viele Ideen, die ihnen Spaß machen. Das sind Leute, die eine höhere Alkoholtoleranz aufgebaut haben oder die genetisch bestimmte chemische Grundlagen haben, sodass sich, je mehr Alkohol konsumiert wird, das Wohlgefühl steigert und steigert. Aber auch bei ihnen gibt es eine Schwelle, bei der sie umfallen, einschlafen, nur ist die Schwelle viel höher.

Dabei ist das Blackout beim Trinken signifikant: Es gibt Leute, die im Zustand der Betrunkenheit alles Mögliche tun (im Meer schwimmen, Radfahren, Autofahren…), weil sie die Energie dazu haben. Und sie fühlen sich dabei gut, aber sie merken nicht, dass der Hippokampus, die Gedächtnisfunktion, völlig ausgeschaltet ist. Es gibt also keine Erinnerung über das, was geschehen ist. Wenn es öfters zu einer Betrunkenheit mit Blackout kommt, sollte man besorgt sein, denn das stellt eine Vorstufe zum Alkoholismus dar. Wer sich nach einigem Alkoholkonsum nicht sediert fühlt, hat eine Neigung zum Alkoholismus. Überaktivität im Zustand der Trunkenheit ist lebensgefährlich: Immer wieder sterben Menschen durch solche Aktionen.

Alkohol und die Stressachse

Der Alkoholkonsum führt zu Veränderungen im Verhältnis zwischen dem Hypothalamus, der Hypophyse und den Adrenalindrüsen in den Nebennierenrinden (HPA-Achse). Der Hypothalamus hat seinen Sitz oberhalb des Rachens und ist zuständig für Wut, Sextrieb, Temperaturregulation, Hunger und Durst etc. Er schickt der Hypophyse ganz spezielle Signale und diese schüttet dann Hormone aus, die zu den Adrenalindrüsen oberhalb der Nieren gehen. Sie setzen die Stresshormone Adrenalin und auch Cortisol frei.

Die HPA-Achse hält das physiologische Gleichgewicht zwischen Stress und Entspannung aufrecht. Sie wird bei Menschen geschwächt, die regelmäßig trinken (auch wenn es nur 1x die Woche ist). Sie haben einen signifikant höheren Cortisolspiegel, auch wenn sie nicht trinken. Folglich fühlen sie sich gestresst und empfinden mehr Angst, auch in den Zeiten, in denen sie nicht trinken. Deshalb sehnen sie sich nach einem Drink, der ihnen ein wenig Entspannung verspricht. So wird verständlich, warum Leute dann immer wieder trinken, weil sie dabei erleben, wie sie kurzzeitig vom Stress herunterkommen und ein Wohlgefühl erleben, das sie sonst nicht haben.

Der Teufelskreis besteht also darin, dass regelmäßiges Alkoholtrinken den Grundstress erhöht, die Stimmung verschlechtert und Wohlgefühle vermindert. Zugleich werden als Folge des Trinkens die neuronalen Schaltkreise, die den Konsum einschränken, umgepolt, sodass das neuerliche Trinken als einziger Weg erscheint, um das frühere Niveau der Stimmung wieder zu erreichen.

Wenn der Alkoholkonsum sehr früh im Leben beginnt, z.B. mit 13 oder 14, ist das Risiko, zum Alkoholiker zu werden, sehr hoch, unabhängig von der Familiengeschichte mit Alkohol. Wer erst mit 21 beginnt, ist weniger bedroht, Alkoholiker zu werden.

Die  Eingeweide-Leber-Hirn-Achse

Der Bauch und das Gehirn kommunizieren über Nervenverbindungen, vor allem über den Vagus und über chemische Signale. Die gleichen Kommunikationskanäle bestehen zwischen den Eingeweiden und der Leber und zwischen der Leber und dem Gehirn. Jeder Alkoholkonsum bringt das Darm-Mikrobiom durcheinander, das aus Billionen Bakterien besteht und das über chemische und elektrische Signale mit dem Gehirn kommuniziert und Hormone wie Serotonin und Dopamin in Umlauf bringt und die Stimmung im allgemeinen positiv beeinflusst. Alkohol wurde schon immer zur Desinfektion verwendet, also zum Abtöten von Bakterien. Deshalb geht der Alkohol auch auf das Mikrobiom los und tötet unterschiedslos Darmbakterien, auch und besonders die guten.

Zugleich ist der Prozess in der Leber, bei dem Alkohol umgewandelt wird, entzündungsfördernd. Es werden entzündungsförderliche Zytokine freigesetzt, u.a. IL6 und der tumornekrotische  Faktor Alpha. Diese Moleküle werden ausgeschüttet und in Umlauf gebracht. Im Darm entstehen zumindest vorübergehend Löcher. Durch diese können ungesunde Bakterien in den Blutstrom gelangen, die aus ungenügender Verdauung entstehen. Die Nahrung wird bei Alkoholkonsum nur teilweise aufgespalten und Abfallprodukte der Verdauung kommen aus dem Darm in den Blutkreislauf, während gesunde Bakterien direkt vom Alkohol abgetötet werden. Die ungesunden Bakterien können in die Blutbahn entkommen, noch bevor sie durch den Alkohol zerstört werden könnten, und gelangen bis ins Gehirn, was als Neuroimmunsignal bezeichnet wird. Dort kommt es zur schädlichen Entwicklung, dass speziell diejenigen Nervenbahnen unterbrochen werden, die den Alkoholkonsum einschränken und kontrollieren könnten, und die Folge ist die Neigung zu mehr Alkoholkonsum.

Die nachalkoholische Malaise (der Kater)

Bekannt sind die nachalkoholischen Symptome: Verdauungsbeschwerden, Kopfweh, Schwindel bis hin zu diffusen Angstzuständen, für die es im Amerikanischen den Ausdruck hangxiety (=hang over anxiety) gibt und die durch die erhöhten Cortisolwerte bewirkt werden.

Das verkaterte Gefühl entsteht durch Vasokonstriktion, durch das Zusammenziehen der Blutgefäße, das nach dem Trinken passiert. Der Alkohol wirkt als Gefäßerweiterer (Vasodilator), zumindest in manchen Blutgefäßen, als Folge des von ihm herbeigeführten parasympathischen Modus. In diesen Bereichen fließt mehr Blut. Durch das Nachlassen des Alkoholeinflusses ziehen sich die Blutgefäße zusammen und erzeugen z.B. Kopfschmerzen.

Alkohol und Schlaf

Schon ein einziges Glas Alkohol verändert den Schlaf: Langwelliger Schlaf, Tiefschlaf, REM-Schlaf werden unterbrochen, die Qualität des Schlafes wird also verschlechtert. Oft spricht man von Pseudoschlaf, der auch dafür verantwortlich ist, sich am nächsten Tag schlecht und ausgelaugt zu fühlen. Denn statt zu schlafen befindet man sich in einer Art von hypnotischer Trance mit häufigem Aufwachen, das gar nicht registriert wird. Der Erholungscharakter des Schlafes ist stark gestört.

Ein guter Schlaf wäre gerade wichtig nach Alkoholkonsum, weil der Körper die Ruhezeit nutzen kann, um die alkoholischen Getränke, das Äthanol und die Zusatzstoffe abbauen zu können. Einerseits verhindern die massiv notwendigen Entgiftungsprozesse einen guten Schlaf, andererseits können diese Prozesse nicht optimal ablaufen, weil der Schlaf zu seicht ist.

Absinken der Körpertemperatur

Der Alkohol führt zu leichter Hypothermie, also zu einem Absinken der Körpertemperatur, weil die Steuerung der Körpertemperatur im Hypothalamus unterbrochen wird. Kälteexposition, z.B. kaltes Duschen, führt zu einem Anstieg von Epinephrin, Adrenalin und Dopamin und kann die Alkoholisierungsfolgen abmildern.

Alkohol ist dehydrierend, und ausgeschieden wird nicht nur Wasser, sondern auch Natrium, das wichtig für das Funktionieren der Nervenzellen ist. Alkohol unterbricht auch die Vasopressin-Bahnen. Mit jedem Glas Alkohol sollten zwei Gläser Wasser, am besten mit Elektrolyten (Natrium, Magnesium, Kalium) getrunken werden. Geschieht das nicht, fällt der Kater umso heftiger aus.

Das Kater-Spektrum

Die Wissenschaftler haben ein Kater-Spektrum erforscht: Welche Form von alkoholischem Getränk führt zu weniger oder zu mehr Kater? Es gibt die Vermutung, dass das mit dem Zuckergehalt im Getränk zu tun hat, doch diese Annahme konnte nicht bestätigt werden. Die geringsten Nachwirkungen hat Bier, gefolgt von Wodka, Gin, Weißwein, Whisky, Rotwein, Rum, und der Brandy steht an oberster Stelle. Die Unterschiede entstehen durch Aromabestandteile (Kongener), die bei der Alkoholerzeugung entstehen, z.B. Methanol. Methanol wird im Körper in Ameisensäure und Formaldehyd umgewandelt, Stoffe, die die Leber und die Darmflora belasten und den Kater verstärken.

Als Faustregel dient die Farbe des alkoholischen Getränks: Je dunkler es ist, desto mehr Methanol ist enthalten und desto schwerer wiegen die Nachwirkungen des Konsums.

Alkoholtoleranz

Darunter versteht man die verringerten Effekte des Konsum bei wiederholter Alkoholexposition. Die Wurzeln liegen im Gehirn: Als direkte Konsequenz der Giftigkeit von Alkohol werden Neurotransmitter im Gehirn verändert. Wer Alkohol trinkt, bewirkt, dass sich der Dopamin- und Serotoninspiegel rasch erhöht, aber nur für sehr kurze Zeit. Danach sinkt der Spiegel langsam und über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ab. Deshalb trinken Leute immer wieder, um wieder in einen Höhenflug zu kommen. Beim chronischen Trinken wird dieses Absinken noch langsamer und dauerhafter. Aber auch die erste Phase des Wohlfühlens wird kürzer. Es wird immer weniger Dopamin und Serotonin ausgeschüttet. Die lohnenden Aspekte werden weniger, die schmerzhaften und störenden mehr.

Alkohol und genetische Veränderungen

Jeder Alkoholkonsum, auch wenn er nur sehr gering ist, reduziert schon messbar die Dicke des Gehirns. Das Ausmaß dieser Verringerungen, die sowohl bei den grauen wie den weißen Zellen beobachtet werden kann, hängt ab von der Dosis. Doch nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ wirkt sich der Alkohol auf die Nervenzellen aus, denn er kann auch die DNA-Methylierung und die Genexpression in gefährlicher Weise verändern. Schon länger nachgewiesen ist der signifikanter Anstieg des Krebsrisikos, besonders für Brustkrebs, schon durch geringe Mengen von Alkohol. Mit einem kleinen Glas Bier oder einem Achtel Wein (10 Gramm Alkohol) pro Tag steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken, zwischen 4 und 13 % (je nach Studie). Es ist erstaunlich, dass der Konsum von Alkohol angesichts eines gut erforschten und enormen Gesundheitsrisikos keinerlei legalen Einschränkungen unterliegt.

Alkohol und Geschlechtshormone

Testosteron und Östrogen sind wichtig für die Ausbildung der Geschlechtsteile vor und nach der Geburt, für die Libido und die sexuelle Entwicklung. Östrogen unterstützt das Gedächtnis und die Kognition und auch die Gelenksgesundheit. Alkoholkonsum führt dazu, dass die Umwandlung von Testosteron in Östrogen verstärkt wird, bei Frauen wie bei Männern. Man nennt das die Aromatisierung von Testosteron zu Östrogen, weil das Amoritase-Enzym dafür zuständig ist. Dieser Vorgang kann bei Frauen das Brustkrebsrisiko erhöhen und bei Männern zum Wachsen von Brustgewebe führen. Das bewirkt wieder einen verringerten Sextrieb und stärkere Fettspeicherung.

Was steht auf der Positivseite?

Nach der Beschreibung von so vielen Belastungs- und Risikofaktoren, die der Alkoholkonsum im menschlichen Körper hervorruft, sollte es doch auch Vorteile im Alkoholkonsum geben. Schließlich konsumieren die Menschen die Substanz seit Tausenden von Jahren, in vielen Kulturen. Doch schaut es damit auf der objektiven Seite äußerst mager aus: Alkohol ist und bleibt ein Gift. Es gibt die Geschichte von der Gesundheit des Rotweins wegen der Substanz Resveratrol und ihrer antioxidantischen Wirkungen. Allerdings müssten recht große Mengen von Rotwein getrunken werden, damit es zu nennenswerten Wirkungen kommen kann, und die Nebenwirkungen würden wohl die möglichen Vorteile übertreffen.

Es bleiben nur die subjektiven Faktoren, die angenehmen Gefühle, die das Trinken zumindest kurzfristig auslöst. Der Preis ist nicht unerheblich – im Subjektiven sind es die unangenehmen Gefühle, die mit Regelmäßigkeit nachher auftauchen, und auf der physiologischen Ebene die schweren Folgen der Vergiftungsprozesse, die den Körper auf vielen Ebenen destabilisieren und durch die Einwirkungen auf das Genom nachhaltig schädigen können. Wer gesundheitlich auf der sicheren Seite sein will, hat nur eine Option, nämlich nichts zu trinken. Wer nur moderat konsumiert, sollte auch über die Konsequenzen Bescheid wissen, die mit jeder Alkoholzufuhr verbunden sind. Und wer viel trinkt, sollte sich umschauen, welche Unterstützung ihm helfen könnte, dem Zwang der Sucht zu entkommen.

Die Entmachtung der Alkoholkultur

Die Alkoholkultur bedarf einer kritischen Reflexion. Sie verleitet zum Alkoholtrinken und verharmlost dessen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und auf die Gesundheit. Wer im Alkoholismus landet, wird auch aus der feineren Alkoholkultur ausgegrenzt und als subjektiver Versager abgestempelt; die Verantwortung, die bei allen liegt, jemandem ins Trinken einzuführen, zum Trinken zu ermuntern und die „Trinkfestigkeit“ zu glorifizieren, wird dabei ausgeblendet.

Die Auswirkungen des Alkoholkonsums sollten in der Schulbildung umfassend vermittelt werden, als Informationen und nicht als moralische Unterweisungen; in Ländern, in denen der Alkohol einen erstaunlich zentralen und positiv konnotierten Stellenwert einnimmt, braucht es ein Gegengewicht aus solider Information, das jedem deutlich macht, welches Risiko auch schon mit leichter Alkoholisierung verbunden ist.

An der Zeit ist es, die Alkoholkultur zu relativieren und den Alkohol seines Nimbus zu entheben. Er ist ein Genuss- und Suchtgift, mit der Funktion, ein Bedürfnis zu befriedigen, das wir erst durch die Gewöhnung an den Alkohol entwickelt haben und das durch den Alkoholkonsum aufrechterhalten und verstärkt wird. Wir brauchen keine Kultur, die zum Trinken animiert und dessen Folgen verharmlost oder romantisiert. Wir brauchen eine klare Bewusstheit über die Auswirkungen des Alkohols auf unseren Körper, unsere Psyche und unsere sozialen Beziehungen. Wir brauchen eine alternative Kultur, in der ohne Konsum von Giftstoffen gefeiert werden kann.

Das Leben ist bekanntlich lebensgefährlich. Überall gibt es Risiken und es gibt kein risikoloses Leben. Der Alkohol ist eine dieser Gefahren. Am besten kommen wir durch das Leben, wenn wir die Gefahren, die uns drohen, einschätzen können. Dann können wir entscheiden, ob wir uns wir uns einer Gefahr aussetzen wollen, ob wir also bereit sind, ein Risiko auf uns zu nehmen.  

Es ist im Grund ein trauriger Befund für eine Gesellschaft, wenn viele ihrer Mitglieder glauben, dass sie zu Unbeschwertheit und Lebensfreude nur mit Hilfe einer Giftzufuhr gelangen können. Wir sollten stattdessen andere Quellen für unsere Glücksfähigkeit und Leichtigkeit erschließen, fördern und verbreiten, solche, die uns nicht schädigen, schwächen und abhängig machen, sondern die uns ohne Nebenwirkungen zu mehr Lebensglück führen, und das sind Quellen, die wir tiefer in uns selber tragen.

Zum Weiterlesen:

Der Alkohol und seine Kultur 1
Der Alkohol und seine Kultur 2
Neue Genusskultur
Verbindungen zwischen Missbrauch und Alkoholkonsum
Serotonin und Lebensfreude

Donnerstag, 3. November 2022

Ein Plädoyer für die Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien

Suchterzeugende Medien

Dass die Nutzung von sozialen Medien zur Sucht ausarten kann, wird uns immer bewusster. Es geht hier um fremdgesteuerte Dopaminzyklen, mit denen die User bei Stange gehalten, sprich zur permanenten Dauernutzung der Medien konditioniert werden. Die Programme sollen uns mit an- und aufregenden Kicks versorgen, die die Langeweile vertreiben und die Stimmung heben. So scrollen wir gespannt von Bild zu Bild, von App zu App, stets auf der Suche nach etwas besonders Aufregendem, ohne jemals bei der ersehnten Befriedigung anzukommen.

Die Süchte, die auf diese Weise entstehen, sind keineswegs harmlos, sondern können zu drastischen Auswirkungen auf die betroffenen Personen führen. Die Zahl der Kinder, die am Aufmerksamkeitsdefizit leiden, steigt seit 2005, also seit der Einführung der Smartphones massiv an. Dazu kommt die Anforderung, gleichzeitig mehrere unterschiedliche Informationskanäle zu kontrollieren, die jedem Gehirn enorm viel Energie abverlangt, ohne dass es entsprechende Erholungszeiten gibt, weil die spannungsgeladenen Suchtvorgänge in den Schlaf hineinwirken oder zu verkürzten Schlafzeiten führen. Gleichzeitig gibt es da immer noch die äußere Realität, auf die geachtet werden muss (z.B. müssen wir einem entgegenkommenden Fußgänger Platz machen, während der Blick durch das Smartphone gebannt ist). Die Folgen sind höhere Fehleranfälligkeit, Gedächtnisschwächen und verringerte Kreativität. Das Gehirn befindet sich gewissermaßen in einem Dauerstress und wird süchtig danach. Jede Beschäftigung der Aufmerksamkeit wird vom nächsten Reiz unterbrochen, sodass keine Gefühle für Kontinuität zustande kommen können.

„Wir sind keine Kunden von Apps wie TikTok, Facebook, Twitter, unsere Aufmerksamkeit ist das Produkt, das die Unternehmen an die echten Kunden, die Werbetreibenden, verkaufen.“ (Johann Hari, Medienforscher und Autor des Buches „Stolen Focus“ im Falter 42/22, S. 26) Je mehr Menschen süchtig gemacht werden können, desto mehr Geld wird in die Kassen der Medienbetreiber gespült.

Es ist eine Tatsache, dass Menschen länger auf Dinge schauen, die sie aufregen, als auf jene, die sie glücklich machen (negativity bias). Daraus folgt, dass die Medien jene Leute belohnen, die schockierende, angstmachende und beschämende Inhalte verbreiten: Solche Nachrichten werden öfter geteilt und länger konsumiert. Damit haben die menschenfeindlichen oder menschenverachtenden Triebkräfte der Leute einen mächtigen Verstärker auf ihrer Seite. Solche Meinungen und Sichtweisen werden tendenziell höher belohnt als menschenfreundliche.

Suchtbekämpfung als öffentlicher Auftrag

Die Suchtprävention ist nicht nur eine private Herausforderung, sondern auch Teil der staatlichen Aufgabe, die darin besteht, Menschen vor Gefahren zu schützen, vor denen sie sich selber nicht oder nur mangelhaft schützen können. Es handelt sich in diesem Fall um Gefahren, die nicht direkt wahrnehmbar sind, sondern sich im Anschein eines harmlosen Zeitvertreibs verstecken. Sie wirken aber auf Körper und Psyche mit weitreichenden schädigenden Folgen. Ebenso wenig wie Staaten nicht zulassen können, dass ihre Bevölkerung dem Opium oder anderen suchterzeugenden Drogen verfällt, müssten sie auch verhindern, dass raffiniert manipulative Medienmaschinen die Gehirne der Menschen in Besitz nehmen und sie zu emotionalen und sozialen Krüppeln machen.

Die sozialen Medien befinden sich im Privatbesitz und stellen eigene, in sich weitgehend autonome Wirtschaftsbetriebe dar, die gewinnorientiert arbeiten. Das Suchtmodell ist der beste Garant für steigende Werbeeinnahmen und Unternehmensgewinne. Es wird deshalb immer weiter ausgebaut und verfeinert. Vonseiten der Betreiber ist es logisch, möglichst viele Menschen süchtig zu machen, denn je stärker die Sucht verbreitet ist, desto stärker sprudeln die Gewinne. Indem die Leute vermehrt das Medium konsumieren und mit eigenen Inhalten füttern, agieren sie als nützliche Idioten, die sich freiwillig vor den Karren der Medienbetreiber spannen lassen. Es ist die Logik des Kapitalismus, der sie unterliegen und durch die sie sich ausbeuten und abhängig machen lassen, ohne es zu merken. 

Für diese Logik wird riskiert, auf einer riesigen und fortlaufend wachsenden Basis Menschen zu infantilisieren und in Konsumidioten zu verwandeln, die hilflos ihrer Sucht ausgeliefert sind. Die Folgen für die mentale und emotionale Gesundheit der Menschen haben die Medien und ihre Eigentümer nicht zu tragen, für sie ist natürlich die Allgemeinheit zuständig. Die Privaten streichen die Gewinne ein, die öffentliche Hand kommt für die Schäden auf, das ist ein beliebtes Modell, das im Rahmen eines ungeregelten Kapitalismus gut gedeiht.

Immer wenn massiv wirksame Suchtformen in der Geschichte aufgetreten sind, haben sich Regierungen eingeschaltet, um die Schäden einzudämmen. In der gegenwärtigen Situation ist es dringlich erforderlich, dass die Medien mit ihren massiven Zugriffsmöglichkeiten auf das Bewusstsein der Individuen unter staatliche Kontrolle gestellt werden. Da die Medien zugleich auch eine wichtige Rolle in der Informationsbereitstellung und Kommunikation leisten, hätte ein Verbot oder die Abschaffung keinen Sinn. Vielmehr sollten sie dem kapitalistischen Gewinnzwang entzogen und dem Gemeinwohl untergeordnet werden.

Die Untätigkeit der staatlichen Organe in diesem Bereich hinzunehmen, ist so, als würde man argumentieren, dass der Opium- oder Heroingebrauch einerseits der individuellen Verantwortung unterliegt und andererseits ein privatwirtschaftliches Geschäftsgebaren ist, in das sich der Staat nicht einmischen soll. Jeder soll nach seiner Fasson süchtig werden, und jeder Drogenproduzent oder -dealer soll seinem Geschäft im Rahmen der freien Marktwirtschaft ungehindert nachgehen können. Die meisten Staaten messen zwar in diesem Bereich mit unterschiedlichen Maßstäben, weil z.B. der Drogenvertrieb unter Strafe gestellt ist, der Alkoholvertrieb aber nicht. Aber diese Inkonsequenz enthebt sie nicht der Pflicht, dort regulierend einzugreifen, wo systematisch und raffiniert die Schwächen der Individuen, und hier vor allem der Kinder und Jugendlichen ausgenutzt werden, um sich an ihnen zu bereichern und die verursachten Schäden durch andere ausbaden lassen. Denn auch vor Alkoholkonsum werden Minderjährige staatlicherseits geschützt.

Anfälligkeiten für die Mediensucht

Erwähnt sei auch, dass es innerpsychische Faktoren gibt, die die „meta“-modernen Süchte beeinflussen. Sie liefern Scheinbefriedigungen für emotionale Mängel und Scheintröstungen für erlittene Verletzungen. Sie fördern narzisstische Persönlichkeitszüge, vor allem, wenn die Grundlagen durch unsichere Bindungsmuster schon in früher Kindheit gelegt wurden. Sie dienen paranoiden Angstmustern, wenn es frühe Wurzeln für solche Neigungen gibt. Stabile und flexible Persönlichkeiten fallen weniger leicht auf die Verlockungen der medialen Konsumwelt herein und tun sich auch leichter darin, ihren Mediengebrauch einzuschränken. Diese Schiene zur Reduktion des Suchtverhaltens ist in gewisser Weise wichtiger als staatliche Regelwerke, weil sie das Problem an der Wurzel packt. Aber die dafür notwendige Arbeit ist langwierig und herausforderungsreich und erfordert viel Eigeneinsatz der Betroffenen. Sie kann nur dort beginnen, wo der Leidensdruck entsprechend hoch ist, dass der Aufwand auf sich genommen wird. Bis eine genügend große Zahl an Menschen durch solche Bewusstwerdungsprozesse durchgegangen ist, vergeht viel zu viel Zeit, in der laufend weitere Personen und Personengruppen in die Sucht fallen, in immer jüngerem Alter und in immer mehr Gesellschaftsschichten. 

Medienbildung

Es ist sicher mehr und mehr Medienbildung notwendig, um zumindest die ärgsten Auswüchse der Mediensucht hintan zu halten und deren Folgen bewusst zu machen. Eine kritische Haltung den virtuellen Inhalten gegenüber kann nicht über die Medien erlernt werden, sie erfordert Anregungen und Auseinandersetzungen auf der persönlichen Ebene und sie gedeiht im Teamwork und in Kleingruppen. Die Entwicklung der Medien hat ein hohes Tempo; die entsprechenden Bildungsprozesse hinken immer hinterher, aber wenn es gelingt, bei Jugendlichen und Erwachsenen Basiskompetenzen in der Mediennutzung aufzubauen, ist ein wichtiger Schritt gegen die Sucht gelungen. 

Gesellschaftliche Kontrolle

Zusätzlich ist ein Hebel notwendig, der noch tiefer ansetzt, um ein Gegengewicht gegen die Machtkonzentration, die die großen Informationskonzerne bei sich monopolisieren, zu etablieren. Es kann nicht angehen, dass eine superreiche Person ein Medium aufkauft und ihm die Linie verpasst, die ihm selbst gefällt – man stelle sich nur kurz vor, die Person wäre nicht Elon Musk, sondern Donald Trump oder ein ähnliches Kaliber. Medien, die Millionen und Milliarden von Menschen erreichen, die von dort ihre Informationen beziehen und sich ihre Meinungen bilden, die dann auf die Gesellschaft zurückwirken, können nicht der subjektiven Willkür und den politischen Ideen einzelner Menschen überantwortet werden, seien sie noch so gewiefte Geschäftsleute.

Zu diesem Zweck halte ich hier ein Plädoyer für die Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der medialen Schlüsselindustrien, nicht in der Weise, dass staatliche Organe die operationalen Geschäfte übernehmen, sondern in der Weise, dass die Gesellschaft mit Hilfe der Macht des Staates die Richtlinien und Werte vorgibt, nach denen die Algorithmen gestaltet und die Informationskanäle gesteuert werden. So sollten z.B. nicht nur pornografische oder radikalisierende Inhalte herausgefiltert werden, sondern auch alle, die Hass schüren, und solche, die die Demokratie gefährden. In jedem Fall sollten alle Abläufe, die Sucht erzeugen, abgestellt und Mediennutzer zum Medienfasten angeregt werden. Außerdem könnten die Medien danach ausgerichtet werden, bei den Konsumenten Bildungsprozesse auszulösen und ihre Kreativität anzuregen.

Lebensverbessernde statt ausbeutende Medien

Es braucht eine Massenbewegung, die sich auf die Fahnen schreibt, dass wir Technologien wollen, die unser Leben verbessern und nicht solche, die uns ausbeuten und versklaven. Wir wollen Medien, die allen gehören und deren Grundfunktionen dem Gemeinwohl dienen, das in manipulationsfreien Diskursen festgelegt wird. Wir brauchen virtuelle Räume, in denen sich Menschen austauschen können, ohne dass sie dabei von Geschäftsinteressen gegängelt und durch Daten- und Identitätsklau missbraucht werden. Wir wollen Medien, die die gesunde Gehirnentwicklung der Kinder fördern und ihre Entwicklung zu kreativen, selbstbewussten und kritischen Menschen unterstützen. 

Die Medienkonzerne sind Unternehmen, die nach den Regeln des Kapitalismus funktionieren. Wenn klar wird, wo wir als Gesellschaft hinwollen, was die Werte sind, nach denen wir uns orientieren, und wenn wir uns klarmachen, dass wir die Macht darüber haben, was in unserer Gesellschaft passiert, dann ist der Schritt naheliegend, die Konzerne zu kontrollieren, statt dass wir uns von ihnen kontrollieren lassen. Die Konzerne werden sich anpassen und ihre Geschäftsmodelle neu justieren. Sie haben von sich aus kein Interesse, dass die Menschen dümmer und desorientierter werden; wir können aber auch nicht von ihnen erwarten, dass sie von sich aus dem Fortschritt der Menschheit zu mehr Menschlichkeit dienen, solange sie gewinnorientiert arbeiten. Das ist unser Job als Zivilgesellschaft, und wo wir dafür die staatliche Macht brauchen, sollten wir sie auch einfordern.

Mit dem Hauptargument gegen die staatliche oder gesellschaftliche Kontrolle von sozialen Medien, der Gefahr der Einschränkung der Meinungsfreiheit, werde ich mich am nächsten Artikel beschäftigen.

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 21. Februar 2021

Kreative und reaktive Fantasien

Die Fantasie, zu der uns unser Gehirn befähigt, öffnet ein vielfältiges Feld von Möglichkeiten. Es reicht von Angstfantasien bis zu schöpferischen Inspirationen. Wir wollen keine fantasielosen Wesen sein, sollten uns aber auch nicht in unseren Fantasien verlieren. Hier geht es darum, ein paar Wegmarken im weiten Land der Fantasie anzulegen.

Fantasien sind Realitäten, die in unserem Kopf produziert werden. Sie unterscheiden sich von den äußeren Realitäten dadurch, dass sie mit keinen äußeren Wahrnehmungen korrespondieren. Sie haben also keine Fundierung und keine Referenzpunkte in der Außenwelt. Wohl stammen die Inhalte unserer Fantasien in irgendeiner Weise aus der Realität, die außerhalb von uns selbst vorhanden ist, aber unsere fantastische Kraft kombiniert sie zu neuen Gebilden und darin liegt das kreative Potenzial unserer Fantasie.

Bei der Entstehung von Kunstwerken ist es häufig so, dass innere Vorstellungen von dem Resultat, das erschaffen werden soll, den Prozess einleiten. Mit den ersten Schritten zur Verwirklichung kann sich das Fantasiebild ändern, aber oft ist die Fantasie der Produktion immer ein Stück voraus. Die Fantasie nimmt also das Resultat vorweg, indem sie es so wahrnimmt, als wäre es schon wirklich. 

Hier wirken Fantasien als treibende Kräfte zur Kreativität. Ohne die Fähigkeit zur Imagination gäbe es wohl keine Kultur, keine Kunst, Technik oder Wissenschaft. Die Neugier bedient sich der Fantasie, und beide zusammen haben großartige Schöpfungen der Menschheit verwirklicht.

Doch auch zur Erreichung anderer Ziele können wir die Kräfte unserer Imagination nutzen, um unsere Energien auf den Manifestationsprozess zu fokussieren. Kreative Bilder stärken die Motivation und Tatkraft und helfen dabei, Widerstände und Hindernisse zu überwinden. (vgl. den Artikel zur kreativen Lebensorientierung). 

Reaktive Fantasien

Auf der anderen Seite des Fantasiespektrums finden sich Formen der Innenwelt, die aus Reaktionen auf bedrohliche und verunsichernde Erfahrungen in der Außenwelt gebildet werden. Es handelt sich dabei um Bilder, die als Gefühlsersatz dienen. Typischerweise entstehen sie aus Dissoziationen, also aus Brüchen zwischen Innen- und Außenerfahrungen, die im Rahmen von Traumen entstehen. Die Innenwelt dient als Fluchtraum, die mit Fantasien eingerichtet werden wie mit Möbeln und Bildern. Hier ist die heile Welt, draußen ist es gefährlich. 

Dazu zählen auch sexuelle Fantasien, die das gesamte Pornogeschäft in Gang halten: Sichere Formen der sexuellen Lust, die nicht von den Risiken einer zwischenmenschlichen Begegnung belastet sind. Denn die Verletzungen, die hinter der Begierde nach solchen Bildern und Videos stecken, sind durch Personen verursacht worden. Deshalb enthält der Konsum von Pornografie immer auch ein Element der Rache an den Verursachern der eigenen Verletzungen.

Diese Verletzungen hängen mit unerfüllten frühkindlichen Bedürfnissen und Sehnsüchten zusammen, die eigentlich nur wenig oder gar nichts mit Sexualität zu tun haben. Nur bietet sich dieses Erlebnisfeld als Ersatz an, sobald die erwachsenen Sexualinteressen erwachen. Die entsprechenden Triebe sind stark geladen, und die diversen Angebote gehen darauf erfolgreich ein indem sie starke Anreize verkaufen, die risikolos konsumiert werden können.

Kindliche Fluchtrouten

Kinder erwerben früh die Fähigkeit, Bedürfnisse, die keine Befriedigung erfahren, in der Innenwelt zu stillen. Dieser Trick, den das Gehirn zur Verfügung stellt, hilft, mit der Frustrationserfahrung zurechtzukommen. Es bleibt zwar eine Diskrepanz bestehen zwischen dem real unerfüllten Bedürfnis und der Scheinbefriedigung in der Fantasie, aber zumindest wird eine teilweise Erfüllung erfahrbar. Diese hilft auch, die ursprünglichen Gefühle (den Schmerz, die Angst und die Scham) zu begraben, die mit der Frustrationserfahrung verbunden sind.

Es kann sich die Tendenz verfestigen, sich mit der fantasierten teilweisen und ersatzweisen Wunscherfüllung zufrieden zu geben. Die Ersatzbefriedigung hilft im weiteren Leben immer wieder, sich den aktuellen Herausforderungen der Wirklichkeit zu entziehen und die Freuden von erfüllten Sehnsüchten und errungenen Erfolgen in der Scheinwirklichkeit zu genießen, als ob sie wirklich wären. Damit steht ein Mechanismus zur Verfügung, unangenehmen Gefühlen oder praktischen Herausforderungen im Leben auszuweichen. Der Fantasieraum bietet sich immer als Fluchtpunkt mit seinen angenehmen oder erregenden Bildern an, wenn es brenzlig oder langweilig wird.

Süchte und reaktive Fantasien

Viele Süchte und selbstschädigende Verhaltensweisen haben ihren Ursprung in dieser Dynamik. Die illusionäre Befriedigung, die sie gewähren, entfesselt immer wieder die Gier nach noch mehr davon. Das Illusionäre verhindert das vollständige und endgültige Stillen der Bedürfnisse, sondern hält sie im Irrealen fest. In der Folge werden die Bedürfnisse selbst bald zu Fantasieprodukten. Zunehmend überlagert ein Scheinleben das wirkliche. Die an die Suchtobjekte gebundene und von ihnen okkupierte Fantasie verkümmert und in ihrer kreativen Seite verstummt. 

Reaktive Fantasien und Scham

Die Scham mischt auf mehreren Ebenen bei reaktiven Fantasien mit. Sie liefert zunächst einen Anlass dafür, dass überhaupt der Ausweg aus der Realität in die Fantasie gesucht wird. Die Scham ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das umgangen werden kann, wenn sich eine dissoziative Welt öffnet, in der alles in Ordnung ist. Sobald jedoch bewusst wird, dass es sich um eine Traumwelt handelt, kommt erst recht wieder Scham. Manchmal hören Kinder: „Was bist du für ein Traummännlein?“, wenn sie gerade mit ihren Fantasien beschäftigt sind, und schämen sich dafür. Ist das Fantasieren dann im Aufwachsen zur Gewohnheit geworden, die allenthalben auftritt und den Alltag durchzieht, kann es zu peinlichen Fehlern und Pannen kommen. „Ich war so in Gedanken und habe übersehen, dass die Ampel schon auf Rot geschaltet war.“ Als Folge tritt wieder die Scham auf den Plan. 

Alle Suchtformen sind mit Scham verbunden, obwohl sie zu einem wichtigen Teil gerade der Schamentlastung dienen sollen. Die ritualisierten Abläufe, die mit jeder Sucht verbunden sind, sollen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln und Schutz vor Beschämungen bieten. Andererseits unterliegt die Ausübung des Suchtverhaltens in zweierlei Hinsicht einer Schambelastung: Die Sucht ist nicht konform mit den eigenen Werten und steht im Widerspruch zur Integrität. Sie ist auch nicht sozialverträglich, sondern wird von der Gesellschaft im allgemeinen abgelehnt. Es bilden sich zwar manchmal Subgruppen von Suchtabhängigen, die sich gegenseitig bestätigen, die sich aber zugleich nach außen abgrenzen müssen, weil sie wissen, dass sie mit massiver Ablehnung und Abwertung rechnen müssen. Es ist dann wieder die Scham, die auf der emotionalen Ebene das Suchtverhalten aufrechterhält und dafür sorgt, dass es in vielen Fällen geheim gehalten wird und im Verborgenen ausgeübt wird, womit sich ein weiterer Schamkreis schließt.

Der Ausweg

Reaktive Fantasien haben einen mächtigen Einfluss, wenn sie sich einmal etabliert haben. Sie versprechen eine sofortige Belohnung und Erleichterung. Deshalb ist es auch schwer, sie wieder loszuwerden, wenn die Erkenntnis über ihre Schädlichkeit eingesickert ist.

Der Weg zurück aus den Verwicklungen der Fantasiebedürfnisse ist deshalb oftmals mühsam. Er beginnt mit der Überwindung der Scham, die das Verhalten verstecken will. Er führt dann über das Freilegen der frühen Wurzeln mit ihren Verletzungen und über das Durchleben des hinter den Frustrationen steckenden Schmerzes bis zur Befreiung. Jetzt können die kreativen Potenziale der Fantasie wieder zum Fließen kommen und schöpferische Resultate hervorbringen.

Zum Weiterlesen:

Freitag, 21. Februar 2020

Die guten und die schlechten Gewohnheiten

Wenn wir uns im Bereich unserer liebgewonnenen Gewohnheiten suhlen, nennen wir das die Komfortzone. Sie wird bewacht von Ängsten und Schamgefühlen. Lieber bleiben wir als genügsame Schuster bei unserem Leisten, als dass wir Neues ausprobieren, bei dem wir uns blamieren könnten. Lieber umgeben wir uns mit Menschen, die wir seit Ewigkeiten kennen, als dass wir neue Kontakte knüpfen, von denen wir nicht wissen, ob sie uns guttun. Gewohnheiten machen das Leben bequem, aber engen es ein und bewirken Langeweile, Ödigkeit bis hin zu allen suchtartigen Verhaltensweisen. 

Gewohnheiten sind also auch die Wurzel von vielem Üblen. Die eingefleischten Hirnbahnen, die uns zu immer gleichen Handlungen treiben, von denen wir wissen, dass sie uns schaden – von Denkzwängen bis zu ungesundem Essen und Trinken, von Nörgelschleifen bis zu Drogenabhängigkeiten.


Die Wurzeln der Erforschungsambivalenz


Gewohnheiten machen uns das Leben einfacher und ersparen uns viele kleine Entscheidungen, die wir durch Routine ersetzen. Sie sind aber auch Sand im Getriebe unserer Wachstumsenergie, die Grenzen erweitern und neue Räume erschließen will. Wir sind Wesen, die immer dazu lernen wollen, bis ins hohe Alter. Die Gegner der Neugier sind Angst und Scham, verbündet mit dem Zweifel, deren kognitivem Bruder. Die Ambivalenz zwischen dem Erforscher- und Erkunderdrang und der Scheu davor geht zurück auf die sogenannte Übungsphase (nach Margaret Mahler), die mit dem Erringen des aufrechten Ganges und der verbalen Sprache um die Wende vom ersten zum zweiten Lebensjahr beginnt und ungefähr eineinhalb Jahre andauert. 

In dieser Phase entwickelt sich das explizite und lebhafte Interesse des Kindes an seiner Umwelt, die es nun viel aktiver erforschen kann. Das entdeckte Neue wird zu einer Quelle von Interesse, Freude, positivem Selbstgefühl und erwachender Selbstwirksamkeit. Das Kind kann spielerisch mit Nähe und Distanz experimentieren und erweitert damit seinen Raum für Vertrauen und Sicherheit in die äußere Welt hinein. Andererseits schwankt es zwischen Trennungsangst und Expansionslust. 

Kommt es in dieser Phase aber zu Verstörungen, die durch überängstliche und überfürsorgliche oder andererseits durch vernachlässigende Betreuungspersonen oder auch durch eine frühzeitige Überlassung an Kinderkrippen oder Zieheltern hervorgerufen werden, so ist dieser Drang nach dem Neuen von Unsicherheit und Misstrauen geprägt. Der Raum für das Experimentieren wird kleingehalten und verbindet sich mit verschiedenen Ängsten. Fixe Gewohnheiten bilden sich als Rettungsanker aus, bei denen sich sicher anfühlt, dass nichts Unangenehmes passieren kann. 

Der überfürsorgliche Erziehungsstil schränkt neben der Impulsivität auch die Kreativität ein und vermindert damit die Lebenschancen in der Gesellschaft, die kreative Kräfte braucht.  
Die überfordernden und vernachlässigenden Eltern hingegen vermitteln ihren Kindern eine Welterfahrung, in der das Kindliche nur wenig Platz erhält und in der es darum geht, dass die Kinder das Kindliche möglichst schnell überwinden und erwachsen werden. Der Bezug zum Spielerischen wird eingeschränkt und mit Scham belegt, von Erwachsenen geschätzte Kompetenzen und Leistungen stehen im Vordergrund und bekommen Lob und Anerkennung. Das Kind bildet dann seine Gewohnheiten in diesen Bereichen aus.


Krankhafte Gewohnheiten


Gewohnheiten, die eine hilfreiche Funktion in unserem Lebensalltag ausüben, erleichtern uns das Leben, weil sie uns von Entscheidungen entlasten und unsere Energien für andere Aufgaben nutzen lassen. Andere Gewohnheiten sind dagegen aus frühen Verhaltensmustern entstanden, die uns als Kleinkindern das Überleben von schwierigen Situationen ermöglicht haben. Sie können sich im späteren Leben zu Neurosen und Süchten entwickeln und das eigene Leben einschränken. Es sind Abläufe, die sich im Gehirn fest eingegraben haben und wichtige Botenstoffe monopolisieren, sodass wir meinen, nur durch solche Gewohnheiten einen Lustgewinn zu erzielen oder zumindest ein angenehmes Wohlgefühl zu finden. 

Dieser Zusammenhang führt zu den Süchten aller Art, vom Alkohol bis zum Medienkonsum, von der Streitsucht bis zum chronischen Stress. Unser Essverhalten kann davon geprägt sein wie die Zeiten unseres Schlafengehens. Zwangsneurosen und Zwangsgedanken beruhen auf ähnlichen Zusammenhängen.


Dissoziative Gewohnheiten


Eine besondere Gruppe unter den Gewohnheiten bilden jene, die auf Dissoziationen beruhen. Dieser psychische Mechanismus ist die Reaktion auf traumatische Erfahrungen und dient ursprünglich dafür, die Schmerzen und den Stress, die durch die Erfahrung ausgelöst werden, nicht spüren zu müssen. Die Situation wird so erlebt, als würde sie jemand anderem passieren. Das Gehirn verfügt über einen Vorgang, in dem es die Schmerzleitungen stilllegt und das Bewusstsein vom Körper abspaltet. Es kann sich dann der Mechanismus entwickeln, dass bei weiteren unangenehmen und belastenden Erfahrungen die Aufmerksamkeit vom aktuellen Moment und von der aktuellen Wirklichkeit verabschiedet und in einen Fantasieraum ausweicht, in dem Ruhe und Frieden herrscht. 

In der harmlosen Form betreffen uns solche Gewohnheiten immer dann, wenn wir nicht im Moment sind und keine bewusste Verbindung zu unserem Körper spüren. In der krankhaften Form können sie Gedächtnislücken bis zu Lähmungen hervorrufen.


Die Befreiung von Gewohnheiten


Wir sind nicht dazu verpflichtet, die Sklaven unserer krankmachenden Gewohnheiten zu sein. Solche Gewohnheiten sind zunächst unbewusst entstandene, aber heute selbstauferlegte Qualen, deren Wirkungen wir nicht immer gleich merken, die aber langfristige Schäden an unserem Körper und unserer Psyche anrichten können. Gewohnheiten loszuwerden ist jedoch ähnlich schwierig wie sie zu erwerben. Sie sind unter erschwerenden Umständen entstanden und hatten oft viele Jahre Zeit, um sich fest in unseren Gehirnwindungen zu etablieren. Vieles in uns wehrt sich vor allem auf unbewusster Ebene, sie zu überwinden.

Es braucht viel Konsequenz, Disziplin und Geduld, um aus der Macht dieser Gewohnheiten zu entkommen. Das sind leider Fähigkeiten, die durch solche Gewohnheiten untergraben werden, sodass die erste Arbeit darin besteht, sie wieder zu kultivieren und zu stärken. Die ersten Schritte werden klein sein, aber je mehr Anerkennung wir ihnen schenken können, desto besser werden sie sich etablieren; es ist wie die Trockenlegungsarbeit, mit der Sigmund Freud die Arbeit am Unterbewusstsein vergleicht: Stück für Stück neue Gewohnheit wird der alten abgerungen. Jeder Schritt verdient ein Quäntchen Selbstzufriedenheit und Stolz. Denn jede Selbstanerkennung wirkt als Selbstverstärkung.

Und jeder Rückschritt braucht Verständnis. Denn das innere Wachsen verläuft nicht linear nach oben. Manchmal sind die Widerstände stärker als der Wille zur Veränderung. Statt uns mit Vorwürfen zu überhäufen, ist es sinnvoller, die Macht der alten Gewohnheiten zu verstehen und mit uns selber nachsichtig und geduldig zu sein. Selbstanklagen helfen uns nicht weiter, sondern nur die Besinnung auf das, was wir wirklich verändern wollen. Aus Vorwürfen können Vorsätze werden, und aus Vorsätzen Willensentscheidungen.

Wenn wir unsere Veränderungsziele zu hoch gesteckt haben und dann gleich beim ersten Versuch scheitern, ist es besser, die Ziele auf ein realistisches Maß zu stutzen. Besser ein kleiner Schritt in die richtige Richtung als ein übermäßiger Sprung, bei dem wir uns den Knöchel verrenken. 

Hilfreich ist es auch, wohlgesonnenen Mitmenschen die eigenen Ziele mitzuteilen, damit die eigenen Absichten an die Öffentlichkeit kommen und dadurch mehr Kraft erhalten. Noch mehr wirkt eine kleine Gruppe von Leuten, die am gleichen Thema arbeiten, z.B. das Rauchen aufzuhören oder den Smartphonegebrauch einzuschränken. Der Austausch mit Gleichgesinnten motiviert zusätzlich und nutzt das Konkurrenzprinzip auf kreative Weise. 

Wir können zusätzlich regelmäßig mit der Vorstellung arbeiten, was sich alles durch das Aufgeben der alten Gewohnheit ändern wird und wie es uns dann gehen wird. Weitere Hilfen sind: Den eigenen Vorsatz durch oftmaliges Wiederholen stärken und sich klarmachen, dass es um das eigene Wollen geht, um die selbstgewählte Motivation. Wenn die Widerstände sehr stark sind, lohnt es sich, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn nachhaltig lösen sich die Hindernisse erst auf, wenn sie in ihren Wurzeln in früher Kindheit oder in der Pränatalzeit verstanden werden.

Kreativität ist der Ausdruck unseres Lebendigseins. Wenn wir unproduktive und selbstschädigende Gewohnheiten verabschieden können, öffnen wir den Raum für neue Ideen, Sichtweisen und Aktivitäten. So bereichern wir unser Leben und das unserer Mitmenschen.

Zum Weiterlesen:
Musterveränderung - aber wie?
Kreativitätshemmungen und ihre Lösung
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Selbstqual mit Selbstvorwürfen
Widerstand und Verwandlung

Montag, 18. Juni 2018

Achtsamkeit im Shopping-Center

Wie werden wir in Zukunft einkaufen? Was wird unsere heißgeliebte shopping experience im Jahr 2028 sein? Der Einzelhandel geht nach verschiedenen Prognosen auf eine Krise zu. Die Leute gehen ins Geschäft, schauen sich die Produkte an, lassen sich beraten und kaufen dann online woanders. Oder sie nutzen das Geschäft nur mehr, um eine online-Bestellung abzuholen.

Doch können auch die Großgeschäfte von den neuen technologischen Entwicklungen profitieren. Die australisch-amerikanisch-britische Kaufhauskette Westfield hat dazu Pläne vorgestellt. Darunter: die Gänge voll von artifizieller Intelligenz, ein Bauernhof, auf dem man selber Gemüse ernten kann, und kluge WCs, die gleich eine Gesundheitsdiagnose liefern: „Sie könnten noch etwas mehr Vitamin C vertragen, und schnell noch einen Drink erwerben, bevor Sie dehydrieren,“ so könnte es bald aus dem Spülkasten tönen.

Die Shoppingzentren der Zukunft werden „Mikrostädte mit Hyperanbindung“ sein. Hängende sensorische Gärten, Augenscanner, die den Kunden sagen, was sie neulich eingekauft haben, und smarte Umkleidekabinen, in denen die Kunden ihre virtuelle Gestalt im neuen Gewand begutachten können. 

All diese Angebote wundern mich nicht und werden mich vermutlich auch nicht dazu motivieren, meine kärglichen Shopping-Leidenschaften zu steigern. Erstaunt hat mich nur ein Punkt: Es soll im Shopping-Center der Zukunft Achtsamkeitskurse geben. 

Die Idee gefällt mir gut, allerdings könnte das Projekt nach hinten losgehen: Wenn Menschen achtsamer werden, schätzen sie vielleicht das äußere Shopping weniger als den inneren Reichtum. Der Reiz des Einkaufens, der aus selbstlaufenden Suchtmechanismen entsteht, die durch die Werbewirtschaft angestachelt werden, verliert an Wirkung. Die Menschen werden genügsamer und bescheidener, ihre Bedürfnisse vereinfachen sich wieder und der Konsum verlagert sich auf Langlebiges im Unterschied zu kurzfristigen Modetrends. Damit kann auch ein wesentlicher Beitrag zur Eindämmung der dynamisierten Ressourcenverschwendung geleistet werden.

Also: Mehr Achtsamkeit im Shopping-Center!

Hier zur Quelle!

Sonntag, 27. Mai 2018

Aus der zuckersüßen Welt

Viele Ernährungsexperten und Gesundheitsmediziner gehen davon aus, dass Zuckerkonsum suchtbildend wirkt. Und zwar vor allem dann, wenn es um Industriezucker geht. Denn Zucker stimuliert das Belohnungszentrum im Gehirn, und beim normalen Zucker ist die Wirkung rasch verflogen, sodass schnell der Wunsch nach mehr entsteht. Wir haben eine angeborene Vorliebe für Süßen, weil solche Nahrungsmittel früher sehr selten und kostbar waren. 

Der Durchschnittsösterreicher nimmt pro Jahr ca. 33 Kilo Zucker zu sich, das entspricht 110 Gramm oder ca. 33 Zuckerwürfel/Tag. Die WHO empfiehlt, den Konsum von freiem Zucker auf 50 Gramm/Tag (das wären 18,5 kg im Jahr) zu beschränken, noch besser wäre nur die Hälfte. Österreicher nehmen also im Schnitt doppelt bis viermal so viel Zucker zu sich als es gesund wäre und liegen damit in etwas gleichauf mit den USA, die oft wegen ihrer ungesunden Ernährung gescholten werden. In Deutschland wird etwa 10 Prozent weniger Zucker konsumiert, auch noch viel zu viel. Die Schweizer nehmen mit 52 Kilo den vierten Rang im Zuckerranking ein. Die Chinesen und Japaner rangieren mit 3 -4 Kilo/Jahr am unteren Ende der Liste, was sich auch in einer niedrigen Adipositaszahl auswirkt.


Kleine Zuckerkunde


Beginnen wir mit einer kleinen Zuckerkunde: Unter freiem Zucker versteht man vor allem Traubenzucker (Glucose, Dextrose), Fruchtzucker (Fructose), Haushaltszucker (Saccharose) sowie Malzzucker (Maltose) oder auch Zucker, der in Honig, Sirupen (z.B. Maissirup), Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten vorkommt. 

Einfache Kohlehydrate werden in Monosaccharide und Disaccharide eingeteilt. Fruktose und Glukose sind Monosaccharide, und sie können sich zu Disacchariden zusammenschließen und werden dann Saccharose genannt. Glukose kann der Körper schnell aufnehmen, während Fruktose in der Leber abgebaut werden muss. Glukose hebt schnell den Blutzucker- und den Insulinspiegel, beides fällt schnell danach wieder ab. 


Fruktose


Fruktose ist nicht das Gesunde am Obstessen, vielmehr dient die Süße als Anreiz für den Konsum Obst enthält viele Mineralstoffe und Vitamine. Es wird auch anders verdaut als reiner Zucker, weil es viele Fasern und Ballaststoffe enthält. Da Fruktose in der Leber abgebaut wird, sollte ein Übermaß an Obstverzehr vermieden werden, doch liegt die Bedenklichkeitsgrenze laut Experten bei 20 Äpfeln am Tag, und das muss man erst mal schaffen, wobei ja Äpfel zu den Obstsorten mit der meisten Fruktose zählen. Gefährlich ist allerdings der Zusatz von Maissirup (High Fructose Corn Syrup – HFCS) in vielen Lebensmitteln, wodurch unsere Leber kontinuierlich belastet wird, ohne dass wir merken, was da vor sich geht.


Zuckerkrankheiten


Jeder weiß, dass Zucker und Zahnkaries zusammenhängen und dass wir von zu viel Zucker dick werden. Während des 2. Weltkriegs, als Japan kaum über Zucker verfügte, sind die kariösen Fälle deutlich zurückgegangen. Zucker raubt unserem Körper Mineralstoffe und Vitamine und bringt unseren Stoffwechsel durcheinander. Er übersäuert unseren Körper. Die Symptome, die in Folge von übermäßigem Zuckerkonsum auftreten können, sind sehr vielfältig und reichen von Immunschwäche bis Depressionen. 


Zuckerfrei leben


Wir wissen wohl, dass Zucker, obwohl er gut schmeckt, eigentlich nicht gesund ist. Und trotzdem hören wir nicht einfach auf, Naschwerk zu genießen: Bonbons bestehen durchschnittlich aus 97% Zucker, Gummibärchen aus 76% und Vollmilchschokolade enthält durchschnittlich 55 % Zucker (das sind etwa 13,5 Stück Würfelzucker). In einem Glas Coca-Cola befinden sich 11% Zucker, also ein paar Stück Würfelzucker; wenn nicht so viel Säure im Cola wäre, brächten wir das süße Zeug gar nicht runter.

Vor ein paar Monaten habe ich aufgehört, freien Zucker zu essen (Fruktose nehme ich nach wie vor zu mir, aber eben nur als Obst). Ich wollte herausfinden, wie tief die seit Kindheit eingeprägte Gewohnheit sitzt. Zumindest von mir kann ich jetzt sagen, dass das Zuckerfasten gar nicht schwer ist. Es geht vor allem darum, Gewohnheiten zu erkennen und zu verändern sowie die vielfältigen emotionalen Anker, an denen sich Zucker eingenistet hat, aufzulösen. Dazu gehört auch, die Wahrnehmung zu schärfen und Produktangaben zu studieren. Denn Industriezucker (freier Zucker) ist in sehr vielen „Lebensmitteln“ verborgen. Vor allem in Form von Maissirup wird unsere Zuckersucht mehr und mehr systematisch gefördert. 

Ich habe mir deshalb die köstlichen Produkte, die unsere Bäckereien anbieten, etwas näher angesehen – und siehe da, viele der unverdächtig wirkenden Gebäcksorten sind mit Zucker angereichert:

Anker:
Topfenkornweckerl:              1,4 g Zucker
Salzstangerl:                              1,9 g Zucker
BIO Dinkelvollkornweckerl: 2,75 g Zucker
Kornspitz:                               1,77 g Zucker
Kürbiskernweckerl:               1,6 g Zucker
Cashew-Vollkornweckerl:     4,4 g Zucker
Herzhaftes Roggenbrot mit 22% Walnüssen: 0,5 g Zucker

Ströck: 
Bio-Dinkelweckerl: 1,7 g Zucker
Bio-Handsemmel: 1,1 g Zucker
Dreisaatweckerl: 1 g Zucker
Laugencroissant: 4,1 g Zucker

Mann: 
Dinkelgebäck: 1,2 g Zucker
Roggen Dinkelweckerl:      0,6 g Zucker
Bio-Salzstangerl: 1,8 g Zucker
Korn-Croissant:                 0,8 g Zucker
Vollkornweckerl: 1,2 g Zucker

Zum Vergleich: 1 g Zucker enthält 4 Kalorien; ein Stück Würfelzucker wiegt 3 Gramm. Die Mengen sind nicht riesig, aber es handelt sich bei diesen Waren ja nicht um Süßigkeiten, und vermutlich nehmen die meisten Konsumenten an, dass sie zuckerfrei essen, wenn sie sich einen Kornspitz genehmigen. Ob es eine bewusst gewählte Strategie ist, die Konsumenten an immer mehr Zucker zu gewöhnen, oder ob mit Zucker nur der Geschmack optimiert werden soll, wissen wir nicht. Für das Resultat ist es auch egal – unser Körper wird auf übermäßige Zuckerzufuhr programmiert. 

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Der Kapitalismus als kollektive Sucht und wie wir damit umgehen könnten

Der Kapitalismus verhält sich als Ganzer wie ein Süchtiger als Individuum. Er kann von der von ihm eingeschlagenen Richtung nicht mehr abgehen. Er kann keine Einflüsse, die seiner Logik widersprechen, berücksichtigen. Er ist nur im Kontext seiner Fixierungen lern- und veränderungsfähig.

Deshalb muss der Kapitalismus von außenstehenden, selber nicht süchtigen Instanzen in die Pflicht genommen werden. Seine Eindämmung erfordert politische Kräfte, die ihm übergeordnet sind und die anderen, nicht-materialistischen  Werten und Richtlinien verpflichtet sind.

Und das ist die Ordnung, die für die Weiterentwicklung der Menschheit wichtig ist: Die Wirtschaft muss der Politik untergeordnet sein, und die Politik darf nicht nach den Prinzipien der Wirtschaft vorgehen, sondern muss sich auf personalistische (z.B. die Rechte der Menschen auf ein menschliches Leben) und systemische (z.B. die Berücksichtigung aller Interessen, die der Starken und die der Schwachen) Grundorientierungen stützen.
Das politische System muss auch in der Lage sein, die Beweglichkeit des Kapitals zu kontrollieren. Kaum fühlt sich das Kapital irgendwo durch äußere Regulationen in seiner Gier beschnitten, weicht es aus und sucht sich ein Territorium, in dem es niemand kennt oder niemand da ist, der etwas gegen seine Auswüchse unternimmt. Das politische System braucht also eine übernationale Macht, die über die Grenzen von Staaten und Staatenverbindungen hinaus wirken kann.

Letztlich wird der Kapitalismus nur dann voll im Dienst der gesamten Menschheit arbeiten können, d.h. seine Suchtmechanismen als Dienstleistungen zur Verfügung stellen, wenn es ein Welt-Wirtschaftsministerium gibt, das die Regeln festsetzt, durchführt und überwacht, nach denen sich die Wirtschaft in ihrem Funktionieren richten muss. Krisen, die in der Wirtschaft zyklisch auftreten, würden dann nicht mehr die treffen, die beständig ihre Arbeitskraft in die Wirtschaft einbringen, sondern die, die durch günstige Voraussetzungen und nicht durch ihre Arbeit mehr an den Aufschwüngen verdienen, als die, die ihn erarbeiten; "Blasen“, die das Finanzsystem immer wieder aus sich heraus gebiert, würden schon im Ansatz erkannt und therapiert. Fantasiegehälter, die aus solchen Blasen hervorsprudeln, gäbe es dann nicht mehr. (Niemand wäre so wichtig, dass er einen privaten Hubschrauber und eine eigene Insel als Wohnsitz benötigt.)

Es kann uns schwindlig werden, wenn wir auf die die Geschwindigkeit schauen, mit der der Kapitalismus operiert, verglichen wird mit der Langsamkeit, in der sich die politischen Institutionen entwickeln. Freilich hinkt das politische System meistens hinterdrein (auch, weil es vergessen hat, dass es Visionen braucht) und sieht gerade noch die roten Lichter, wenn die nächste Firma mit Sack und Pack in die nächste Steueroase losfährt. Die sorgsame Beachtung aller unterschiedlichen Interessen, wie sie das politische System braucht, um zu guten Lösungen zu kommen, braucht Zeit. Wenn jedoch solche Lösungen geschaffen werden, die die Menschen als ihnen selber gerecht erkennen, nimmt das den Suchtstrukturen die Kraft. Süchtig wird nur der, der die Aussicht auf das, was ihm im Inneren guttut und was ihn wirklich nährt, verloren hat.  Die Hoffnung, aus den Fängen der Sucht zu entkommen, lebt, solange der Süchtige lebt.

Statt dessen könnte auf den Ausgleich der verschiedenen Regionen hingearbeitet werden, bis ein ausbalanciertes Niveau des Wohlstandes auf der Welt entstanden ist. Irgendwann dann sollte jede Arbeitsleistung, die ein Mensch erbringt, durch einen annähernd gleicher Ausgleich kompensiert werden. Es sind das keine revolutionären Ideen, sondern das, was wir alle wissen, wenn wir ein wenig nachdenken, und was uns allen wichtig ist, wenn wir ein wenig nachspüren.

Mancher mag solche Perspektiven als sozialromantisch abtun. Aber sie sind eigentlich ganz offensichtlich – wohin sonst sollte sich die Welt entwickeln? Jeder will im Grunde, dass es allen gut geht, dass nicht einzelne sich maßlos bereichern und die anderen dafür die Zeche bezahlen. Naiv ist nur die Annahme, dass alles einfach und schnell gehen müsste oder dass irgendein Patentrezept alles schlagartig zum Besseren wendet. Auch die Hoffnung auf Polsprünge oder Sonnenproturberanzen, auf wohlmeinende Aliens halte ich nicht für ausreichend.

Vielmehr macht es Sinn für unser Wohlbefinden, wenn wir über die Tellerränder der aktuellen Medienberichte hinausblicken. Wir brauchen nicht wegen trister Nachrichten und angstmachender Prophezeiungen in Depressionen zu verfallen, sondern können darauf vertrauen, dass die Kraft der Evolution langsam, aber beständig daran arbeitet, die Lebensbedingungen auf diesem Planeten zu verbessern. Machen wir uns frei von der Ungeduld, mit der uns unser Verstand drängt, dass alles schneller gehen müsste. Wie lange das Universum, um einen Stern zu erschaffen? Wie lang braucht die Natur, um eine neue Tierart hervorzubringen?

Im Vergleich dazu hat sich die Menschheit in ihrem Bewusstsein in den letzten Jahrhunderten geradezu rasant entwickelt: Die Menschenrechte wurden zu einem allgemein anerkannten Standard auf der ganzen Welt, die Sklaverei wird geächtet, ebenso wie jede andere Form von Gewalt gegen Menschen, nicht nur und Taten, sondern auch in Worten.

Dass das, was für gut, richtig und menschlich angesehen wird, deshalb noch lange nicht in alle Schichten des Verhaltens und in alle Strukturen des Zusammenlebens eingedrungen ist, liegt in der fehlbaren Natur des Menschen. Andererseits führt der Weg der Veränderung über die Veränderung der Einstellungen zur Veränderung der Verhaltensweisen. Das soziale Gewissen hat sich verfeinert und ausgeweitet, und diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie wird immer mehr Menschen dazu bringen, nicht mehr mitzuspielen, wenn es um Menschenverachtung geht, aber sich dort einzubringen, wo die Würde der Menschen gestärkt und gefestigt wird.

Damit stärken und festigen sich die Kräfte, die neuen Ordnungen des Wirtschaftens, der Güterproduktion und –verteilung sowie der Dienstleistungen zum Durchbruch verhelfen. So kann das Vertrauen der Menschen wieder wachsen, und wachsendes Vertrauen setzt Kräfte und Ideen frei. Wo Vertrauen herrscht, weitet sich das Innere und schafft Platz für Mut und Kreativität.