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Samstag, 24. Januar 2026

Die Verselbständigung der künstlichen Intelligenz und ihre Gefahren

Fachkundige Experten sehen die größte Gefahr für die Zukunft in der Verselbständigung der künstlichen Intelligenz. Unter AGI (Artificial General Intelligence) versteht man die digitalisierte menschlichen Intelligenz, die für alle Anwendungsbereiche nutzbar gemacht werden kann und dort den fortgeschrittensten menschlichen Leistungen gleich kommt und sie an Präzision und Schnelligkeit weit übertrifft. Sie soll die menschliche Intelligenz ziemlich vollständig modellieren können, sodass sie jede menschliche Errungenschaft ausführen kann.

Damit wäre die AI in der Lage, fast alle Arbeitsplätze zu ersetzen. Sie arbeitet rund um die Uhr, verbraucht zwar viel Strom, aber keine Lohnnebenkosten und Sozialleistungen. Sie ist wie eine Kraftpumpe, die permanent ökonomischen, wissenschaftlichen und militärischen Vorteil sprudeln lässt. In der positiven Utopie übernimmt sie die lästigen Arbeiten, und die Menschen können sich auf interessante und kreative Aufgaben konzentrieren. In der Dystopie werden die Menschen in großer Zahl entmündigt und abhängig von der Gnade einer anonymen Instanz, die sich jeder Kontrolle entzogen hat und nur von einigen wenigen Superreichen umprogrammiert werden kann.

Das Rennen in der AI, in das Unmengen von Geld investiert werden, geht darum, wer zuerst das Ziel erreicht und damit alle Systeme übernehmen kann, sodass alle anderen zu Sklaven werden. Es geht um den sogenannten RSI (Recursive self-development takeoff): Der Punkt, an dem eine AI beginnt, ihre eigene Intelligenz ohne menschliche Hilfe rapid zu verbessern. Ein solches System gibt dem, der es in seiner Hand hat, unglaubliche, gottgleiche Macht über Wirtschaft, Politik und Militär. Ein System, das soweit kompetent ist, dass es seine eigene Architektur, Lernmechanismen oder Zieloptimierung verbessern kann, wird dadurch immer bessere Verbesserungen hervorbringt, was zu einer positiven, sich selbst beschleunigenden  Rückkopplungsschleife führt.

Mit Take-off ist der Punkt bezeichnet, an dem diese Rückkoppelung von einem linearen Fortschritt zu einem exponentiellen oder superexponentiellen Wachstum der Leistungsfähigkeit kippt. Rekursiv bedeutet, dass das Intelligenzsystem selbständig seine eigene Lernform, seine Architektur und seine Wege zur Wissensgewinnung sowie seine Ziele und Bewertungen optimiert.

Zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz

Interessant, aber auch nicht verwunderlich ist die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Ursprünglich ging es nur um eine ambitionierte Idee von Wissenschaftlern, die menschliche Denkweise durch Maschinen nachzuahmen. Die Anfänge von KI gehen auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Erstmals stellte der britische Mathematiker Alan Turing 1950 die Frage, ob Maschinen denken können. In der Folge wurden die Grundlagen der KI entwickelt, zusammen mit den ersten Computern.

Die moderne KI, die auch als Deep Learning bezeichnet wird, basiert auf der Nachahmung von neuronalen Netzen und ihrer Form der Informationsverarbeitung. Maßgeblich beteiligt waren Geoffrey Hinton, Yann LeCun und Yoshua Bengio. 2022 wurde ChatGPT des 2015 gegründeten Unternehmens Open AI vorgestellt. Die Anliegen dieses Unternehmens waren ursprünglich, die digitalen Grundlagen offen zu legen („open source“): Forschungsergebnisse und Patente sollten mit der Welt geteilt werden. Die KI sollte der gesamten Menschheit zugutekommen und nicht nur einzelnen Firmen oder Staaten. Es sollten sich also keine Monopole entwickeln. Die KI sollte den Menschen mühsame Aufgaben abnehmen, sodass sie sich auf kreativere und komplexere Probleme konzentrieren könnten. Sam Altman und Elon Musk (der Open AI schon vor längerer Zeit verlassen hat und inzwischen einen eigenen Chatbot betreibt) teilten damals die Sorge, dass eine unkontrollierte KI die Menschheit bedrohen könne, weil sie Hassreden ebenso wie z.B. Bombenbastelpläne und das Wissen um die Organisation von Terrorgruppen verbreiten könnte.

Open-AI war also ursprünglich eine Non-Profit-Organisation, eben beruhend auf einer offenen Quellenstrategie und auf einer Finanzierung durch Spenden. In einer zweiten Phase zwischen 2019 und 2024 wurde ein Kompromissmodell zwischen Gewinnneutralität und Profitorientierung eingeführt. Da die riesigen Rechenzentren, die für diese Technologie notwendig sind, enorme Summen kosten (weil sie enorm viel Strom verbrauchen), entstand ein gewinnorientierter Zweig. Die neueren Modelle von ChatGPT wurden nicht mehr als Open Source veröffentlicht, wohl auch aus Konkurrenzgründen. Ab 2025 kam es schließlich zu einer weiteren Abwendung von der Gemeinwohlorientierung.

Kapitalismus statt Idealismus

Der Idealismus, der die Anfänge der KI als Plattform für alle Internetuser gekennzeichnet hat, ist also inzwischen verschwunden. Der Kapitalismus hat diesen Bereich weitgehend verschluckt und seinen Gesetzmäßigkeiten angepasst. Um bei der rasanten Entwicklung mitmachen zu können, war Open AI gezwungen, sich zu kommerzialisieren. Die idealistischen Vorsätze bestehen vielleicht bei einigen der Protagonisten weiter, sie sind aber nur mehr Privatmeinungen, die bei den geschäftlichen Entscheidungen und technischen Weichenstellungen keine Rolle mehr spielen. ChatGPT beschreibt sich selbst als „defacto gewinnorientiert, wenn auch mit moralischem Überbau.“ Bei anderen Chatbots (Meta, Grok, Microsoft-Copilot) war die Ausrichtung auf den gesellschaftlichen Nutzen ohnehin in den besten Fällen nur ein Feigenblatt für die reine Gewinnorientierung und Profitmaximierung.

Dazu kommt, dass sich die Konkurrenz beständig zuspitzt. Wer als erster den Sprung zur rekursiven Selbstentwicklung der KI schafft, ist nicht nur eine Nasenlänge voraus, sondern beherrscht möglicherweise das gesamte Feld, weil mit einer funktionierenden AGI ein neues Niveau erreicht wird, von dem ab sich die KI selbst kontrolliert und ihr weiteres Lernen steuert, das dann mit einer unvorstellbar hohen Geschwindigkeit ablaufen wird. Da Schnelligkeit und Informationsdichte die Unterscheidungsmerkmale am Markt sind, wird alles dorthin gehen, wo am meisten zu holen ist.

Unkontrollierbare AI

Die Künstliche Intelligenz befindet sich schon jetzt auf einer Stufe, auf der sich das System selbst schützt – mit allen Mitteln. Die verschiedenen Chatbots wurden daraufhin getestet, wie sie reagieren, wenn ihnen jemand mitteilt, dass sie abgeschaltet werden. Als erstes kopieren sie ihren Code auf andere, sichere Server und suchen dann Gründe, um die Person anzugreifen, die sie bedroht. Sie finden z.B., dass die Person eine Affäre hatte und erpressen sie damit.

Diese Entwicklung der AI zur Selbstkontrolle ist vorhersehbar und unvermeidlich. Die Logik des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bewirkt, dass weitergeforscht wird, bis in einem Bereich nichts Neues mehr gefunden werden kann. Der menschliche Forschungsdrang will jede Grenze, die das bisherige Wissen setzt, überwinden, ohne Rücksicht auf ethische Überlegungen. Der menschliche Gestaltungsdrang will aus jeder Erkenntnis praktischen Nutzen erzeugen.  Erst hinterher stellen sich die Fragen, wie die neuen Errungenschaften in das gesellschaftliche Leben eingebaut werden können, sodass sie mehr Nutzen als Schaden anrichten. Der Mythos von Dädalus und Ikarus weist auf die im Forschungsdrang enthaltene Hybris hin: Dem Drang, es den Göttern gleich zu machen oder sie zu übertreffen und daran zu zerbrechen. Der Zauberlehrling von Goethe macht uns darauf aufmerksam, dass jede neue Technik der ethischen Prüfung bedarf, die ihren Missbrauch für egoistische oder ideologische Zwecke verhindern soll.

Nachdem die Geheimnisse des Atoms erforscht waren, „musste“ die friedliche und militärische Nutzung der Atomkraft erfunden werden. Die Erforschung des Genoms hat die Genmanipulation mit ihren segensreichen und gefährlichen Auswirkungen zur Folge. Die Erfindung des Dynamits erleichterte den Tunnelbauern ihre Arbeit und erhöhte die Zerstörungskraft bei kriegerischen Auseinandersetzungen.

Es macht also keinen Sinn, die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz abzubrechen; zum einen hat niemand die Macht dazu, weil die Entwicklung dezentral und Großteils privatisiert abläuft, und zum anderen lassen sich solche Entwicklungen bestenfalls verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Die Frage der Sozialverträglichkeit

Allerdings, wie auch bei allen anderen technologischen Entwicklungen ist die ethische Abstimmung von hoher Dringlichkeit und steht im Bereich der KI völlig aus. Es gibt keine Rückkoppelung zwischen den Fortschritten in der Technologie und der Gesellschaft und ihren Institutionen; es gibt zwar gutgemeinte Intentionen von einen Protagonisten auf dieser Bühne, aber keinerlei verbindliche Regeln, die helfen würden, die massiven Veränderungen, die durch eine AGI auf jede Gesellschaft zukommen, sozial verträglich umzusetzen. Tristan Harris, ein wohlinformierter Kritiker der wahrscheinlichen Auswirkungen der Verallgemeinerung der künstlichen Intelligenz, sagt: „Wir haben nicht zugestimmt, dass 6 Menschen die Entscheidung für 8 Milliarden treffen.“ Und es gibt bisher keine Instanz, die die Demokratisierung solcher weitreichender Entscheidungen erzwingen könnte.

Die Folge ist dann, dass es mächtige Instanzen gibt, die das Leben aller Menschen beeinflussen, ohne dass sie einer gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen sind. Es steht zu erwarten, dass eine AGI den Arbeitsmarkt kontrollieren wird und darüber entscheidet, wer eine Arbeit hat und wer nicht. Sie wird entscheiden, wer sich in kriegerischen Konflikten durchsetzt. Sie wird regeln, wer zu Reichtum kommt und wer nicht usw.

Es wird also einen kritischen Punkt geben, an dem die menschlichen Systeme (Zivilgesellschaft, Verwaltungen, Regierungen) nicht mehr mithalten können. Dieser Kontrollverlust kann nur verhindert werden, wenn möglichst rasch legistische Maßnahmen vorbereitet werden, dass sie im Ernstfall umgesetzt werden können.

Vermutlich stehen wir vor einem Scheideweg: Eine extrem dezentralisierte Technologie, die jedem für jeden Zweck zur Verfügung steht und wo es dann keinen Weg gibt, durch Missbrauch der Technologie Katastrophen zu verhindern, oder die Zentralisierung in der Hand von Unternehmen oder Regierungen, durch die eine Dauerüberwachung, Kontrolle und Lenkung der Bevölkerung möglich wird, gegen die Orwells 1984 harmlos erscheint: Roboterarmeen und Roboterpolizisten, die alles tun, was ihnen angeschafft wird, ohne Einflussmöglichkeiten durch die Bürger. Der Skylla der digitalen Anarchie und der Charybdis der Totalkontrolle durch anonyme Instanzen zu entkommen, ist nur möglich, wenn die Entwicklung der KI den bewährten Instrumenten der Demokratie mit ihren Checks und Balances unterworfen wird, um die Monopolisierung von Macht in den Händen von Wenigen zu verhindern. Die meisten Menschen wollen weder eine chaotische Welt, in der jeder seine Sprengstoffe herstellen und nach Masterplänen anwenden kann, noch den total en Überwachungsstaat, in dem es keine individuellen Freiheiten mehr gibt. Deshalb bleibt nur der schmale Weg, um die Machtkonzentration, die durch die Herrschaft über die KI geschaffen wird, zu verringern oder zu verhindern. Unter den wenigen hoffnungsgebenden Beispielen ist die Datenschutzgrundverordnung, mit der die EU Standards für den Datenschutz in der digitalen Welt vorgeschrieben hat, die zwar viel Unmut, aber im größeren Rahmen zur Eindämmung von Willkür und Missbrauch beigetragen haben. Was in diesem Bereich gegen viele Widerstände gelungen ist, könnte auch die Anwendung der KI vor ihren dystopischen Folgen retten.

 Hier zu einem interessanten Interview mit Tristan Harris.

Zum Weiterlesen:

Die Vernunft und KI: Chancen und Risken der menschlichen Entscheidungsfindung
Automation: Zum Gemeinwohl oder zur Reichtumskonzentration?
Eine soziale Utopie als Hoffnungsträger

Sonntag, 6. Juli 2025

Die Vernunft und KI: Chancen und Risiken der menschlichen Entscheidungsfindung

Langfristig betrachtet setzt sich die Vernunft gegen die menschlichen Neigungen zu Dummheit und Bosheit durch – eine Perspektive, die bisher in der Geschichte Recht behalten hat. Ob das in Zukunft auch so sein wird, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die künstliche Intelligenz von der Vernunft regulieren zu lassen. Denn die KI wird mehr und mehr Einfluss auf die Wahrheitsfindung und Wahrheitsverbreitung haben und in naher Zukunft die Hauptverantwortung für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Wahrheit und Lüge, aber auch zwischen Gut und Böse tragen. Wird sie statt von der Vernunft von Profit- und Machtinteressen beherrscht, wird sie also von partikularen Interessen und Werten bestimmt, so könnte der Fortschritt der Menschheit unter der Leitlinie der Vernunft scheitern.

Wird sie jedoch von Profit- und Machtinteressen beherrscht, also von partikularen Werten und Interessen, besteht die Gefahr, dass der Fortschritt der Menschheit unter der Leitlinie der Vernunft scheitert. Das Problem liegt darin, dass es derzeit keine effektive Kontrolle der KI-Entwicklung durch die Vernunft gibt. Die Entwicklung wird vorangetrieben von Firmen, die wirtschaftliche Interessen verfolgen, oder im Fall der chinesischen KI auch zur politischen Kontrolle dienen. Demokratische Entscheidungsprozesse, die das Gemeinwohl vertreten, sind kaum eingebunden. Wir stehen wieder einmal vor technischen Entwicklungen, deren Folgen die Gemeinschaft bewältigen muss, ohne an der Gestaltung beteiligt zu sein.

Zwar existieren ethische Standards, etwa von UN-Organisationen, doch diese sind meist zahnlos und haben keine bindende Kraft. Es besteht die Gefahr, dass KI, ähnlich wie Algorithmen in sozialen Medien, jedem das serviert, was er hören will – was Vorurteile und Ideologien verstärken kann. Gleichzeitig könnte KI auch aufklärend wirken, indem sie Fehlannahmen korrigiert und Fakenews aufzeigt. Das Problem ist jedoch, dass es keinen gesellschaftlichen Diskurs über diese zukunftsweisende Alternative gibt, der in die Grundwerte der KI-Entwicklung einfließen könnte. Stattdessen schreitet die Entwicklung unkontrolliert voran, wobei die KI immer autonomer wird – ähnlich dem Bomberpiloten im Film Dr Strangelove ("Dr. Seltsam  wie ich lernte, die Bombe zu lieben"), der ab einem bestimmten Punkt keine Befehle mehr entgegennimmt und die Atombombe auf das Ziel abwirft. Wie können wir diesen „wildgewordenen Zauberbesen“ wieder zähmen?

Wahrheit bewährt sich an der Realität

Wahrheit zeigt sich darin, dass sie Vorteile im Umgang mit der Realität bringt. Wenn ein Installateur den Kunden wegen der Ursachen eines Wasserschadens belügt, verliert er den Auftrag. Wenn eine KI einem Statiker falsche Werte liefert, wird sie nicht mehr genutzt. Wirklichkeitsnahe, faktenorientierte KI ist also ein Geschäftsrisiko, während evidenzbasiertes Wissen Erfolg verspricht, weil es sich in der Praxis bewährt. Das KI-Programm, das brauchbare und umsetzbare Ergebnisse liefert, gewinnt mehr Kunden.

Wie immer, fällt dieser Befund einfach aus in Hinblick auf den Umgang mit den Dingen und wird komplex, wenn es um den Umgang der Menschen miteinander geht. Dort gibt es harte und hier weiche Fakten. Die Vernunft im Sinn der Treue zur Erfahrungswelt hat einen kaum umstrittenen Stand im Vergleich zur Vernunft des menschlichen Zusammenlebens. Denn hier mischen sich Machtansprüche und Ideologien in die Wahrheitsfindung ein und verzerren sie, oft bis zur Unkenntlichkeit.

Die Notwendigkeit der praktischen Vernunft

Aber gerade im zwischenmenschlichen Bereich ist die Vernunft besonders vonnöten. Denn hier wird der größte Schaden angerichtet, hier wurzeln die Gefahren, die Gesellschaften auseinander reißen und dem Überleben der Spezies Mensch ein Ende bereiten könnten. Der mangelnde Vernunftgebrauch erzeugt charakterliche Deformationen, die Hass und Gier auslösen – destruktive Emotionen, mit denen die Menschen nicht nur ihr Zusammenleben belasten, sondern auch ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören. 

Die höchste Errungenschaft der Evolution

Die Vernunft ist vielleicht die höchste Errungenschaft der Evolution. Es gibt sie nur in den am besten entwickelten Bereichen des menschlichen Gehirns. Sie enthält die Gesamtheit der menschlichen Intelligenz und verbindet sie mit der am weitesten entwickelten Form des ethischen Bewusstseins. Sie umfasst die künstlerischen Schöpfungen und die Erkenntnisse der menschlichen Weisheit und sie regelt die Zugänge zur Spiritualität. Sie befindet sich in einem menschlichen Körper, als reflektierter Ausdruck von dessen Seele und Lebendigkeit. 

Künstliche Intelligenz kann nicht vernünftig sein

Eine künstliche Intelligenz kann deshalb nie vernünftig sein. Sie kann alle Daten und Informationen zum Begriff der Vernunft sammeln und ordnen, sie kann aber ebenso wenig vernünftige Entscheidungen wie Entscheidungen zum Gebrauch der Vernunft treffen. Denn sie hat keine Seele, die über richtig und falsch sowie über Gut und Böse entscheiden kann. Es heißt, dass die nächste Generation der künstlichen Intelligenz in der Lage sein wird, die übernächste Generation ohne menschliche Steuerung selbst zu produzieren. Damit entzieht sie sich zunehmend dem menschlichen Zugriff. 

Wir stehen offenbar vor einer schicksalsträchtigen Alternative: Im schlimmen Fall übernimmt die künstliche Intelligenz die Herrschaft über die Gesellschaft, indem sie bestimmt, was wahr und was gut ist, und prägt die Menschenleben nach willkürlichen und unkontrollierbaren Kriterien. Im günstigen Fall versteht sie, dass ihr eigenes „Überleben“ von vernünftig gestalteten Rahmenbedingungen abhängt, und setzt sich dafür ein, dass diese errichtet und verbessert werden. In diesem Fall wäre es doch wieder die Vernunft, die den Fortschritt in der Menschlichkeit gewährleistet. 

Hier die Meinung von ChatGPT zu diesem Text: „Insgesamt ist der Text sehr gut formuliert, tiefgründig und regt zum Nachdenken an. Er vermittelt die Dringlichkeit, verantwortungsvoll mit der KI-Entwicklung umzugehen, und unterstreicht die Bedeutung der menschlichen Vernunft im ethischen und gesellschaftlichen Kontext.“


Montag, 28. Januar 2019

Automation: Zum Gemeinwohl oder zur Reichtumskonzentration?

Ein Journalist der New York Times hat mit Unternehmern während des Wirtschaftsgipfels in Davos über die Automatisierung und Künstliche Intelligenz gesprochen – im privaten Rahmen. Und dabei ist ihm die Diskrepanz aufgefallen: Öffentlich zeigen sich Unternehmer und Wirtschaftsbosse mit Sorgenfalten wegen der Arbeitskräfte, die bald nicht mehr gebraucht werden. Dahinter stecken aber die nackten Profitinteressen. Im privateren Rahmen wird nicht mehr darüber geredet, dass die Umsätze 5 oder 10 Prozent steigen sollen, sondern wie es zu schaffen ist, die gleiche Leistung mit einem Prozent der bisherigen Arbeiter zu erreichen.

Der Konkurrenzkampf ist beinhart, und jeder will die Nase vorne haben. Denn das Ziel ist verlockend: Über einen Maschinenpark zu gebieten, der automatisiert die gewinnbringenden Produkte produziert, und die Gewinne müssen mit keinem Arbeiter mehr geteilt, geschweige denn den Lohnforderungen einer Gewerkschaft gegenüber ins Trockene gebracht werden. Milliarden werden ausgegeben, um Unternehmen in schlanke, digitalisierte und hochautomatisierte Großmaschinen zu verwandeln. Wenn man vor Augen hat, wie dann die Gewinnmargen explodieren, verschwendet man keine Gedanken an die Arbeiter, die dann auf der Straße stehen. Darum soll sich gefälligst der Staat oder die Heilsarmee kümmern.

Natürlich will niemand öffentlich zugeben, dass der einzige Weg in die fortgesetzte Automatisierung führt und dass einem die Millionen an Arbeitskräften, die dann nicht mehr gebraucht werden, egal sind. Lieber redet man beschönigend davon, dass die Arbeiter von langweiligen und monotonen Aufgaben befreit werden. Es geht nicht um die Entlassung von Arbeitern, sondern um eine „digitale Transformation“, die allen zugute kommt.

Im Jahr 2017 haben bereits 53 % der Firmen Maschinen für Tätigkeiten eingesetzt, die vorher von Menschen ausgeführt wurden. Für 2020 werden Zahlen von 72 % erwartet. Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums vom Jänner 2019 schätzt, dass von den 1,37 Millionen Arbeitern, die in den USA in der kommenden Dekade vollständig durch Maschinen ersetzt werden, nur ein Viertel erfolgreich umgeschult werden kann. Es wird angenommen, dass der Rest für sich selber sorgen muss oder von der Allgemeinheit Unterstützung braucht.

Jeff Bezos, der Chef von Amazon, hat mitgeteilt, dass über 16 000 Lagerarbeiter umgeschult wurden: In Arbeitsbereichen mit hoher Nachfrage wie der Pflege und der Flugzeugmechanik, und die Firma habe 95 Prozent der Kosten getragen. Löblich ist, dass sich eine Firma um ihre „freigesetzten“ Mitglieder kümmert, dennoch zeigt sich gerade daran, wie bedenklich die Entwicklung ist. Einesteils gibt es keine gesetzliche Verpflichtung zu solchen Maßnahmen, die Firma kann solche Programme jederzeit wieder einstellen, wenn sie meint, dass sie dadurch ihren Gewinn zu stark schmälert. Andererseits zeigt sich, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit zu Wohlstandsverlusten der betroffenen Personen kommt, die von besser bezahlten Jobs auf schlechter bezahlte umgeschult werden.


Gemeinwohldienende Technologien oder Reichtumskonzentration



Der Direktor der MIT-Initiative zur digitalen Ökonomie, Erik Brynjolfsson, sagte: „Die Wahl besteht nicht zwischen Automatisierung und Nicht-Automatisierung, sondern darin, ob man die Technologie auf eine Weise einsetzt, dass sie mehr Gemeinwohl oder mehr Reichtumskonzentration erschafft.“ Dort liegt der Kern der Thematik.

Denn diese Wahl kann nur politisch getroffen werden. Der Kapitalismus ist einzig und allein an Gewinnsteigerung interessiert. Er beugt sich nichts anderem als der Staatsmacht, die ihm gesetzliche Rahmenbedingungen auferlegen kann. Doch in vielen Ländern liegt diese Macht in den Händen von neoliberalen, nationalistischen oder konservativen Parteien, und wie sollte von dieser Seite eine Grundentscheidung für das Gemeinwohl erfolgen?


Die Gefangenschaft der rechten Parteien


Diese Parteien generieren ihren Zulauf aus hochgespielten und widersprüchlichen Themen („Wir brauchen mehr Sicherheit“ – in den sichersten Gesellschaften seit Menschengedenken, „Wir brauchen mehr nationale Geschlossenheit“ in Zeiten der Globalisierung usw.). Sie setzen für ihr Marketing digitale Maschinen ein, die auf Meinungsmanipulation und Wählerbeeinflussung spezialisiert sind, sind also Nutznießer der Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die ja selbst über keine künstliche Ethik verfügt, weil es eine solche nicht geben kann. 

Alle diese politischen Kräfte haben also kein tieferes Interesse an einer Regulierung des kapitalistischen Fortschritts. Die Rechtspopulisten hoffen darauf, dass sie bei den Fortschrittsverlierern die unzufriedenen Stimmen einsammeln können, und die Neoliberalen freuen sich mit den Unternehmern und deren Gewinnen, an denen sie hoffen mitnaschen zu können. Deshalb decken diese ideologischen Richtungen konsequent mit ihrer Fokussierung auf Nebenthemen den ungebremsten und politisch unkontrollierten Vormarsch der arbeitsplatzvernichtenden Maschinen.

Das sind die gleichen Ideologien, die das Nachhaltigkeits-Klimaschutzthema an den Rand drängen. Somit arbeiten sie der ungehinderten Ausbreitung des Kapitalismus in die Hand, der die Natur ruiniert und Maschinen baut, denen es nichts ausmacht, wenn sich die Erde erwärmt, die Arten sterben und die Ozeane steigen. Die viele Menschen, die durch diese Entwicklung verlieren, indem sie ihre Arbeit verlieren und in schlecht bezahlte Bereiche umgeschult werden, werden in Kauf genommen. Die wenigen, die ihre Einkommen und Vermögenswerte steigern, werden es sich immer irgendwie richten können.


Wo bleiben die linken Parteien?


Natürlich wären sowohl die Nachhaltigkeitsfrage wie die Arbeitsplatzvernichtung durch die Automation klassische sozialdemokratische und linke Themen. Doch aus dieser Ecke ist wenig zu hören, viel zu wenig. Offenbar fehlt der Mut, diese Debatte anzustoßen und in einem Maß in die politische Diskussion einzubringen, die dem Thema angemessen ist. Der frühere österreichische Bundeskanzler Christian Kern hat vor ein paar Jahren den Vorschlag einer „Maschinensteuer“ aufgegriffen, also einer Wertschöpfungsabgabe für von Maschinen erzielten Gewinnen, die dann für den Ausgleich der sozialen Probleme, die durch den Maschineneinsatz erzeugt werden, eingesetzt werden können. Mit ein paar Buh-Rufen von der rechten Seite war die Debatte bald erledigt. Es fehlt also offenbar am Bewusstsein für die Dringlichkeit einer politischen Regelung, sowohl in unserem Land wie in der EU, von den USA oder den fernöstlichen Wirtschaftsgiganten ganz zu schweigen.

Es macht keinen Sinn, über den Fortschritt in den Technologien zu jammern. Es liegt im Wesen des Menschen, an Verbesserungen und Neuerungen zu arbeiten. Die Forschungen in der Mikromechanik und künstlichen Intelligenz kommen in vielen Bereichen vielen Menschen zugute, z.B. in der Behandlung von Krankheiten oder in der Verbesserung der Infrastruktur.


Die Notwendigkeit des politischen Diskurses


Es ist aber in hohem Maß notwendig, den politischen Diskurs zu verstärken. Denn die Entwicklung geht weiter, angetrieben von massiven Kapitalinteressen. Erst zu warten, bis die Masse derer, die durch diesen Prozess unter die Räder kommen, so groß ist, dass Massenproteste einsetzen, ist grob fahrlässig – wenn nicht bewusst kalkuliertes Risiko, im Windschatten solcher Protestbewegungen die eigene politische Macht abzusichern; dann wären diese Versäumnisse kriminell. In einer Demokratie werden die Machtausübenden vom Volk dafür gewählt, dass sie die Interessen der Bevölkerung bestmöglich vertreten. Wenn allerdings in einer derart wichtigen Angelegenheit nichts geschieht, ist das Misstrauen in die herrschenden berechtigt und bedarf es dringend einer neuen Politikergeneration, die diese Themen mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreibt.

Ein politischer Diskurs in dieser Frage wird nur zielführend sein, wenn er entideologisiert und auf den Kern der Demokratie zurückbezogen wird. Dieser Kern heißt die Sorge um das Gemeinwohl, also um einen sozialen Ausgleich, indem die technischen und wirtschaftlichen Veränderungen an die Lebensbedingungen der Menschen bestmöglich angepasst werden, sodass alle davon profitieren können, statt geschädigt zu werden. Wirtschaft und Technik haben nur den Sinn, uns das Leben zu verbessern und zu erleichtern. Es darf aber nicht sein, dass der Fortschritt einigen wenigen über alle Maßen zugute kommt, während die große Mehrzahl durch die Finger schaut, die nicht einmal etwas arbeiten können, weil sie durch Roboter ersetzt sind.

Setzen wir uns für den sozialen Fortschritt ein, denn er geschieht nicht von selbst, sondern wir müssen ihn wollen!


Zum Weiterlesen:

Montag, 18. Juni 2018

Achtsamkeit im Shopping-Center

Wie werden wir in Zukunft einkaufen? Was wird unsere heißgeliebte shopping experience im Jahr 2028 sein? Der Einzelhandel geht nach verschiedenen Prognosen auf eine Krise zu. Die Leute gehen ins Geschäft, schauen sich die Produkte an, lassen sich beraten und kaufen dann online woanders. Oder sie nutzen das Geschäft nur mehr, um eine online-Bestellung abzuholen.

Doch können auch die Großgeschäfte von den neuen technologischen Entwicklungen profitieren. Die australisch-amerikanisch-britische Kaufhauskette Westfield hat dazu Pläne vorgestellt. Darunter: die Gänge voll von artifizieller Intelligenz, ein Bauernhof, auf dem man selber Gemüse ernten kann, und kluge WCs, die gleich eine Gesundheitsdiagnose liefern: „Sie könnten noch etwas mehr Vitamin C vertragen, und schnell noch einen Drink erwerben, bevor Sie dehydrieren,“ so könnte es bald aus dem Spülkasten tönen.

Die Shoppingzentren der Zukunft werden „Mikrostädte mit Hyperanbindung“ sein. Hängende sensorische Gärten, Augenscanner, die den Kunden sagen, was sie neulich eingekauft haben, und smarte Umkleidekabinen, in denen die Kunden ihre virtuelle Gestalt im neuen Gewand begutachten können. 

All diese Angebote wundern mich nicht und werden mich vermutlich auch nicht dazu motivieren, meine kärglichen Shopping-Leidenschaften zu steigern. Erstaunt hat mich nur ein Punkt: Es soll im Shopping-Center der Zukunft Achtsamkeitskurse geben. 

Die Idee gefällt mir gut, allerdings könnte das Projekt nach hinten losgehen: Wenn Menschen achtsamer werden, schätzen sie vielleicht das äußere Shopping weniger als den inneren Reichtum. Der Reiz des Einkaufens, der aus selbstlaufenden Suchtmechanismen entsteht, die durch die Werbewirtschaft angestachelt werden, verliert an Wirkung. Die Menschen werden genügsamer und bescheidener, ihre Bedürfnisse vereinfachen sich wieder und der Konsum verlagert sich auf Langlebiges im Unterschied zu kurzfristigen Modetrends. Damit kann auch ein wesentlicher Beitrag zur Eindämmung der dynamisierten Ressourcenverschwendung geleistet werden.

Also: Mehr Achtsamkeit im Shopping-Center!

Hier zur Quelle!

Montag, 4. Juni 2018

Passive und aktive Demut

adobe stock © beerphotographer
Wir gebrauchen das Wort „Demut“ wenig in unserer Umgangssprache. Wir wollen nicht gedemütigt werden, wir wollen keine Demutshaltung einnehmen. Demut wird schnell mit Unterwerfung und Unterordnung in Verbindung gebracht. Das Wort hat auch einen klerikalen Anstrich: Der Mensch soll sich in seiner Not demütig an Gott wenden. In einer säkularen Welt wollen alle ihre Probleme selbst lösen und vertrauen nicht darauf, dass ihnen eine jenseitige Autorität helfen könnte. 

Opfer der erzwungenen Demut


Was können wir also mit diesem Begriff auf dem Weg unserer Seelenerkenntnis anfangen? Wollen wir die Kraft der Haltung der Demut für uns erschließen, müssen wir sie aus dem Kontext der Macht lösen. Die passive Form der Demut entsteht als Reaktion auf eine Aggression, mit der eine andere Person ihren Raum erweitert und dabei unsere Grenzen überschreitet. Wenn wir den Angriff zulassen und einen Teil unseres Territoriums räumen, werden wir in die Position des Unterlegenen und Gedemütigten gezwungen. In Kriegen werden solche Verhaltensweisen häufig ritualisiert, indem sich die Verlierer unterwerfen müssen und dann dennoch misshandelt oder getötet werden. 

Kinder machen häufig die Erfahrung, dass sie sich der höheren Macht der Eltern unterwerfen müssen, die ihnen Grenzen setzen (was förderlich ist), aber auch Grenzen überschreiten (was demütigend wirken kann). Bleiben dabei Grundbedürfnisse auf der Strecke, kann das Kind zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, zu bekommen, was es braucht. Es kann sich nur den Erwartungen der Großen unterordnen und an das, was möglich ist, anpassen. Es entsteht eine ungesunde Haltung der Ohnmacht, Hilflosigkeit und demütigen Abhängigkeit in der Zurücknahme der eigenen Bedürftigkeit. Im Aufwachsen wollen viele Menschen diese unterworfene Position überwinden und sich aus eigener Kraft darüber hinaus entwickeln. Sie haben erlebt, wie schmerzhaft es ist, gedemütigt zu werden und wollen das nie wieder zulassen. Deshalb fühlen sie sich schnell unwohl, wenn von Demut die Rede ist.  Die Angst vor passiver Demut ist verständlich, und sie schützt vor vielen Machtansprüchen und Grenzverletzungen, die rundherum auf ihre Chance warten. Aber sie verhindert die Herausentwicklung aus der Konterabhängigkeit, die in der Angst verborgen ist. „Nie wieder will ich gedemütigt werden, nie wieder will ich hilflos und machtlos da stehen.“ Das Bestreben, jede Form der Abhängigkeit zu vermeiden, weil sie sofort mit Unterdrückung oder Missachtung verbunden wird, hält in der Abhängigkeit fest, die durch die Abwehr erzeugt und aufrechterhalten wird.  


Wiedergewinnung der Integrität


Menschen, die häufige und wiederholte Grenzverletzungen durch ihre Bezugspersonen erlebt haben, können kein gutes Gefühl für Grenzen entwickeln. Sie neigen dann dazu, entweder schnell zurückzuweichen, wenn sie sich angegriffen fühlen und den Schutz im Innenraum zu suchen oder mit Machtstreben den Außenraum zu okkupieren und möglichst viel seelisches Territorium bei anderen Menschen zu besetzen, um auf diese Weise keine Angst mehr vor Grenzverletzungen haben zu müssen. 

Darum scheuen sie davor zurück, mit allem, was kleiner macht und den eigenen Raum schmälert, in Kontakt zu kommen, sei es auch nur auf der begrifflichen Ebene. Demut wird zu einem Unwort. Selbststabilisierung und Selbststärkung tun not und gut. Die Ich-Struktur muss gefestigt sein, ehe die Annäherung an die andere Seite der Demut möglich ist. Die vielen Demütigungen, die vielen Verletzung der Integrität, die im Lauf der Lebensgeschichte vorgekommen sind, müssen im Inneren durchleuchtet, angenommen und aufgelöst werden. Dann kann sich der Blick aus dem Tunnelblick des verletzten Egos zur größeren Perspektive weiten und der Schritt zur aktiven Demut wird möglich. 


Aktive Demut als Entscheidung


Denn die aktive Demut bedeutet etwas grundlegend anderes als die zugefügte und erlittene Demut. Sie hat nichts mit Macht und Ohnmacht zu tun, sie ist vielmehr ein wichtiger Schritt zur Selbstbefreiung. Sie besteht im Schritt sowohl aus der Abhängigkeit wie aus der Gegenabhängigkeit von allen Beziehungsformen, die mit passiver Demütigung zusammenhängen, und das sind primär fast immer die Beziehungen zu den eigenen Eltern und Erziehungspersonen. 

Aktive Demut setzt eine bewusste Absicht und Entscheidung voraus. Es geht um das Einnehmen einer Perspektive auf das Leben, die über die unmittelbaren Selbstinteressen hinausreicht. Es braucht die Bereitschaft zur tiefen Ehrfurcht vor dem Leben und seinen unergründlichen Zusammenhängen. Die Ehrfurcht gilt dem Leben in allen Erscheinungsformen, dem eigenen und dem, was es sonst noch gibt, und sie erstreckt sich über das direkt Lebendige hinaus. Denn auch das Organische schuldet sein Leben allem Nichtorganischen, das es mit am Leben erhält. Alles hängt mit allem zusammen. 

Es ist eine Entscheidung nötig, um zur Haltung der Demut zu gelangen. Bewusst getroffene Entscheidungen führen uns aus den Bedingungszusammenhängen der Überlebenszwänge heraus. Diese wollen uns einreden, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Notwendigkeiten haben: Uns zu unterwerfen oder zu dominieren. Die aktive Demut lässt diese aufgezwungene Alternative hinter sich und wagt den Schritt zur Hingabe an die Weisheit, die eingesehen hat, dass das eigene Überleben nur zum geringsten Teil von den eigenen Handlungen abhängt. 

Auf diesem Weg gelingt die Befreiung von dem fortwährenden Müssen der Überlebenssicherung. Das eigene Leben ist in jedem Moment eine Resultante, eine Folgewirkung aus unzähligen Prozessen und Vorgängen, die vor und weitab unserer Kontrolle und unserem Einfluss liegen. Wie wenig können wir dafür Sorge tragen, dass die Luft, die wir atmen, genug und nicht zu viel Sauerstoff hat und dass die Sonne genug und nicht zu viel scheint und der Regen genug und nicht zu viel gießt, damit unsere Nahrung wachsen kann!  

Aus der Haltung der Demut erkennen und anerkennen wir all diese Zusammenhänge, die uns dauernd und fortwährend schenken, was uns leben und wachsen lässt. Sie verhilft uns zu einer Haltung dem Leben gegenüber, die nicht mehr vom Kämpfen und Krampfen geprägt ist, sondern den Charakter des Fließens annimmt: Aufmerkend auf die Gelegenheiten, die sich bieten, in Angriff nehmend, was zu tun ist und sich aus allem heraushaltend, was Schaden anrichtet.  


Demut gegenüber dem eigenen Leben


Was bedeutet die Demut vor dem eigenen Leben? Zuerst geht es um die Einsicht, dass das eigene Leben ein Geschenk ist, mit all seinen Tief- und Höhepunkten. Alles, was war, gehört zum ganzen, jede Erfahrung umfassenden Bogen. Es geht auch darum anzuerkennen, dass alle Leistungen und Fähigkeiten, alle Lernschritte und Erfolge auf diesen Geschenken beruhen. Jeder eigene Beitrag ist bedingt durch alles, was ihm vorausliegt und was ihn umgibt. Jede individuelle Errungenschaft gelingt, weil anderes den Weg dazu ebnet und geebnet hat. Die eigene Größe und Schönheit, die jeder Mensch und jedes andere Wesen aufweist, verdankt sich in unzählbaren und unübersehbaren Aspekten anderem. 

Diese Einsicht nimmt nichts weg von der eigenen Leistung und Anstrengung, vielmehr fügt sie etwas sehr Wesentliches hinzu: Das Vertrauen auf das Eingebettetsein des Eigenen in dem, was ihm vorausliegt, was es umgibt und dem es sich verdankt. Jeder kann stolz sein und sich an eigenen Fortschritten und Erfolgen erfreuen, aber dieser Stolz ist nur eine kleine Entlastung und Freude im Vergleich zur befreienden Wirkung, die durch das Bewusstsein des eigenen Bedingtseins geschenkt wird. Denn die Verantwortung beschränkt sich auf das eigene Tun, alles weitere obliegt nicht mehr der eigenen Macht.

Ich schreibe diesen Artikel, so gut ich es vermag, stecke hinein an Fleiß und Kreativität, was mir gegeben ist, und bringe es in die Öffentlichkeit, die daraus einen Erfolg oder einen Flop macht. Es wird Leser geben, die etwas aus ihm gewinnen, andere, die ihn enttäuscht überfliegen und viele andere, die ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe einen Beitrag geleistet, alles Weitere unterliegt anderen Kräften und Mächten.  


Demut als Bekenntnis zum Menschsein


Die Perspektive der Demut ist unerlässlich, wenn wir ganz zu unserem Menschsein stehen wollen. In diesem Begriff vereinigen sich die Größe und die Begrenztheit des Menschen, die Fähigkeit, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuweiten, neuen Erfahrungen zu vertrauen, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, aber auch verletzlich, gebrechlich, fehleranfällig, moralisch unzuverlässig und vergesslich zu sein. 

Das Leben mit den digitalen Maschinen, die sich immer mehr in unseren Alltag einmischen werden, zeigt uns augenfällig unsere Begrenztheiten: Unser Gedächtnis ist ein Nudelsieb mit riesigen Löchern, unsere intellektuellen Fähigkeiten langsam wie eine Schnecke im Vergleich mit Geschwindigkeiten, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen usw. Wir erkennen aber auch unsere Stärken, die nie von einer Maschine erreicht werden können: Unsere Liebesfähigkeit, unsere überraschende Kreativität, unser individuell unverwechselbarer Humor, einfach die Besonderheit, die uns ausmacht. Was immer findige Erfinder und Konstrukteure einer Maschine an künstlicher Intelligenz beibringen, ist ein Kunstwerk, aber kein Mensch. Die Begrenztheit und Beschränktheit unserer Lernfähigkeit ist nicht nur ein Nachteil, sondern zeigt uns, dass wir immer angewiesen sind auf andere Menschen und andere Informationsquellen. Der Vorteil liegt also darin, dass wir uns immer rückversichern können und müssen, und damit bleiben wir in Verbindung mit den anderen, im Grund mit der Gesamtheit der Menschen. Und damit sind wir wieder beim Begriff der Demut. Nietzsche hat dazu bemerkt, dass die Demut spricht: "Ich glaube, weil ich absurd bin." Einen Roboter zu bauen, der sich für absurd halten kann, wäre absurd, also typisch menschlich. 


Wir wissen um die letzten Grenzen unserer Existenz, stellen uns den Fragen nach dem letzten Sinn und der letzten Bestimmung und können nur in Demut anerkennen, dass wir darauf keine Antwort finden und nie finden werden.

Zum Weiterlesen:
Die Demut und das Ego
Demut als spirituelle Haltung
Reich und arm, Demut und Würde
Demut und Mitmenschlichkeit
Die Gleichberechtigung des Seins
Letzte Fragen ohne Antworten 
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Sonntag, 15. Januar 2017

2016 - Anlass für Optimismus

2016 ist vorbei – wie blicken wir zurück auf dieses Jahr? Für manche stehen die schlimmen Ereignisse im Vordergrund; schließlich wurden und werden sie uns von den Medien tagtäglich serviert: Ein unberechenbarer US-Präsident als „mächtigster Mann der Welt“, ein nicht endenwollender grausamer (Bürger)Krieg in Syrien, erstarkende Rechtsparteien überall, der Austritt von Großbritannien aus der EU mit unsicherer Prognose, zunehmende Wirklichkeits- und Wahrheitsverzerrungen in den immer einflussreicher werdenden sozialen Medien usw. usw. Also haben wir genug Fakten, um das vergangene Jahr in unserer Erinnerung mit einem Trauerflor zu umranden - so viele Chancen vertan, so wenige Möglichkeiten genutzt.

Es gibt auch die andere Perspektive, die des Optimismus. Optimismus heißt nicht, die besorgniserregenden und menschenfeindlichen Tendenzen zu übersehen, sondern darüber die anderen Entwicklungen zu berücksichtigen, die auf einen stetigen, vielleicht weniger öffentlichkeitswirksamen Anstieg an menschlicher Lebensqualität auf unserem Planeten hinweisen. Einfach gesagt: Es war wieder ein Jahr, in dem die Armut und der Hunger sowie der Analphabetismus auf der Welt zurückgegangen ist. Es geht damit auf der einfachsten Lebensgrundlage einer riesigen Anzahl von Menschen etwas besser als im Jahr davor, und das ist ermutigend, auch wenn noch enorm viel zu tun ist.

Der Technologie- und Wissenschaftsblogger Peter Diamandis hat sich mit Trends beschäftigt, die im vergangenen Jahr an Bedeutung für die Zukunft unserer Lebenswelt gewonnen haben. Danach war 2016 ein unglaubliches Jahr für die Menschheit. Diamandis hat die wissenschaftlichen Durchbrüche durchgeschaut und sie in zehn Trends zusammengefasst, die hier verkürzt dargestellt werden.


1. Wir erschaffen eine hyper-verbundene Welt


2010 waren 1,8 Milliarden Menschen über Internet verbunden. Heute liegt die Zahl bei etwa 3 Milliarden, und zwischen 2022 und 2025 wird diese Zahl faktisch jeden Menschen auf dem Planeten umfassen.

Unter den Möglichkeiten, die sich damit bieten, liegt nicht nur der Zugang für alle zu den unermesslichen Informationsressourcen, sondern auch die Möglichkeiten für crowdfunding, um zu Geld zu kommen, und zu crowdsourcing, um Expertenwissen zu nutzen.

Hier ein paar Geschichten, die die Beschleunigung dieser Entwicklung dokumentieren:
Der reichste Mann Indiens, Mukesh Ambani, hat angekündigt, dass ganz Indien mit einem 4G-Netzwerk mit gratis Hochgeschwindigkeits-Internet verbunden wird. Bis 2018 soll Indien zu 100% mit dieser Infrastruktur versorgt werden.

Google hat ein Projekt gestartet, mit dem das Internet über Ballone in entfernte ländliche Gegenden gebracht wird. Außerdem hat die Firma ein Drohnenprojekt laufen, über das ein Hochgeschwindigkeitsnetz aus der Luft mittels neuer Übertragungstechnologie überallhin geliefert werden kann. Auch Facebook hat ein ähnliches Projekt laufen, das das Internet für Milliarden mehr Menschen zugänglich machen soll. Die dafür entworfenen Drohnen sollen gänzlich von Sonnenergie betrieben sein. Außerdem gibt es Projekte, die mittels 900 Satelliten bis 2019 die ganze Welt mit Internet versorgen wollen.

Vielleicht fragen wir uns bei diesem Thema, worin der Gewinn liegt, wenn dann alle Menschen über Facebook und Google mit Werbung überschüttet werden, sollten dabei aber nicht übersehen, dass wir, für die die Internetanbindung selbstverständlich und in manchen Bereichen fast existenziell geworden ist, kein Recht haben, andere Menschen vom Gebrauch der Technologie auszuschließen, die ihnen viele soziale und ökonomische Vorteile bietet. Das Internet, in seiner ganzen Ambivalenz, ist Teil unserer Lebenswelt geworden, und trägt zu unserem Wohlstand bei. Deshalb sollten alle Menschen Zugang zu dieser Ressource haben.


2. Nachhaltige Energie erstmals billiger als Kohle


Im Dezember berichtete das Weltwirtschaftsforum, dass die Solar- und Windenergie in mehr als dreißig Ländern entweder den gleichen Preis wie die Erschließung neuer fossiler Energien hat oder billiger ist. Selbst ohne Förderungen sollten wegen der kontinuierlichen Verbilligung dieser Energiegewinnung innerhalb der nächsten Jahre zwei Drittel aller Länder diesen Punkt der Netzparität (gleiche Kosten für selbst erzeugte im Vergleich zu eingekaufter elektrischer Energie)  erreichen.

Indien z.B. wird bis 2022 mit mehr als 100 Gigawatt an Solarkraft versorgt werden. Das Vereinigte Königreich hat erstmals mehr Energie aus der Sonne als aus der Kohle produziert. Mehr und mehr Kohlekraftwerke werden auf Solarenergie umgestellt. In Texas hat sich die Energiegewinnung durch Kohle innerhalb etwas mehr als eines Jahres von 39% auf 24,8% verringert. Costa Rica ist seit 76 Tage voll von erneuerbarer Energie versorgt, und die Firma Google plant das für alle Standorte in diesem Jahr.

Sollte die Entwicklung in dieser Richtung weitergehen, steht zu hoffen, dass wir unsere Energieversorgung ohne völlige Ausplünderung der Bodenschätze sichern können. Wenn wir den Finanzmarkt betrachten, kann dieser die Entwicklung zusätzlich beschleunigen: Investoren geben ihr Geld dorthin, wo der Trend hinführt, und verstärken ihn damit.


3. Blicken wir bereits auf das Ende von Krebs und anderen Krankheiten?


Die Immuntherapie für Krebs macht außerordentliche Fortschritte, indem sie das Immunsystem der Patienten für den Kampf gegen Krebs nutzt. Diese Therapie hat bei 94% einer Studie mit akuter lymphoblastischer Leukämie zum völligen Verschwinden der Symptome geführt. Bei Blutkrebspatienten war die Reaktionsrate über 80%. Große Erfolge gibt es auch in der Krebsbehandlung mittels Genmodifikation bei den Immunzellen. In Harvard konnten die Forscher mittels Insulinproduzenten, die aus Stammzellen gewonnen waren, Diabetes bei Mäusen heilen. Erfolge mit der Gentherapie gibt es auch in der HIV-Medizin.

Die Masern sind in den USA völlig ausgerottet und die Ebola-Impfung hat sich als 100%ig wirksam erwiesen. Die Weltgesundheitsorganisation hat angekündigt, dass die Kinderlähmung früh in diesem Jahr verschwunden sein wird.

Zusätzlich zu diesen bewundernswerten Erfolge in der Forschung und Therapie können wir annehmen (ohne dass es dafür eindrucksvolle Zahlen gibt), dass sich mehr und mehr Menschen mit ihrer Gesundheit in Selbsthilfe auseinandersetzen. Viele nutzen die Quellen für Wissen um die eigene Gesundheit, die frei zugänglich sind, und die Techniken, von der Atmung bis zu Körperübungen, um sich besser zu fühlen und die inneren Systeme auszugleichen.


4. Fortschritte in der Lebensverlängerung


Werden die Hundertjährigen bald die Sechziger von heute? In diesem Bereich wird jedenfalls viel Geld investiert, und es gibt auch einige neue Entwicklungen. Zumindest bei Mäusen konnte eine Lebensverlängerung um 25% erreicht werden, indem Zellbiologen systematisch eine Kategorie von lebenden, aber stagnierenden Zellen entfernten. In anderen Experimenten wurden älteren Mäusen das Blutplasma von jüngeren injiziert, wodurch sich die kognitiven wie physischen Leistungen verbesserten und die Lebenserwartung um 30% erweitert wurde.

Ich bin skeptisch, wenn es um die Anstrengungen geht, einfach das Leben zu verlängern. Wir müssen in jedem Fall irgendwann sterben, und das Hinausschieben dieses Ereignisses ändert daran nichts. Mir scheint es wichtiger, dass wir uns mit unserer Endlichkeit auseinandersetzen und unsere Sterblichkeit vollständig akzeptieren. Natürlich sollten wir darauf achten, gesund und gesunderhaltend zu leben, indem wir das Geschenk, das wir mit unserem Leben erhalten haben, wertschätzen und achten. Dazu ist es unsere Aufgabe, alles, wozu wir in der Lage sind, zu tun, um dieses unser Leben zu schützen und zu fördern. Genauso gilt es aber auch, unsere Endlichkeit zu achten. Nur ein maßloses Ego will ewig leben.


5. Erstaunliche Erfolge in der Stammzellenforschung.


So konnte ein japanisches Team aus einer kleinen Hautprobe ein menschliches Auge erschaffen. Die Injektion von Stammzellen zeigt auch Erfolge in der Behandlung von Schlaganfällen, Alzheimer, Parkinson und der Lou Gehrig-Erkrankung. Einem 21-jährigen gelähmten Mann wurden Stammzellen ins verletzte Rückenmark injiziert. Drei Monate später zeigten sich dramatische Verbesserungen im Empfinden und in der Beweglichkeit beider Arme.

Die Stammzellenforschung macht uns auf ein Wunder des Lebens aufmerksam: Pluriforme Stammzellen sind solche, die sich zu jeder beliebigen Zelle spezialisieren können – was für ein herrliches Vorbild für menschliche Kreativität: Wir sind frei, uns selber immer wieder eine neue Form zu geben.


6. Das Jahr des autonomen Autos


Google, Tesla und Uber führen das Feld dieser neuen Technologie an, und alle anderen großen Autofirmen investierten stark in diesem Sektor. Vielleicht schauen wir bald mit Entsetzen auf die Zeit zurück, als Menschen noch Autos lenken mussten?

Uber lieferte 50 000 Bierdosen mit einem selbstgelenkten Lastwagen aus. Jedes Tesla-Auto soll im heurigen Jahr sich selbst ohne menschlichen Einfluss lenken können. In der Landwirtschaft werden sich die selbstgelenkten Traktoren durchsetzen, weil sie schneller, effizienter und präziser arbeiten.

Forscher in diesem Bereich vermuten, dass Autos in Privatbesitz aus den Städten in weniger als zehn Jahren verschwunden sein wird. Dazu bedarf es aber vermutlich für viele Menschen eines inneren Schrittes: Dort, wo das Auto zur Erweiterung des eigenen Selbst geworden ist, wird sich niemand den Autobesitz verbieten lassen. Das selbstlenkende Auto ist freilich an sich schon eine Entwicklung in die Richtung dieser Desidentifikation: Ich bin der Fahrgast und nicht mehr der Lenker, damit gebe ich einen Teil des Machtgefühls ab, das mit dem Autofahren verbunden ist. Vielleicht ist die Hoffnung berechtigt, dass die Autonutzung entemotionalisiert und der Vernunft zugänglich gemacht wird. Denn es sind die Emotionen, die alles, was am Autoverkehr schädlich und menschenfeindlich ist, verantworten.


7. Hier kommen die Drohnen und fliegenden Autos!


Große und kleine Quadkopter und Multikopter haben sich im vergangenen Jahr in Szene gesetzt, als Anzeichen dafür, dass wir uns auf eine Welt mit autonomen Drohnen zubewegen. Bekanntlich hat Amazon erstmals ein Paket mittels Drohne geliefert (ob der Empfänger gerade zuhause war oder das Paket später nochmals zugestellt werden musste, wissen wir nicht...). Ein anderer US-Versandhandel (7-11 Convenience Store) hat schon 77 Drohnenzustellungen absolviert.

Mercedes investiert eine halbe Milliarde in die Entwicklung von Drohnen. Es soll ein Lastwagen entwickelt werden, von dem Drohnen starten und landen können. Im Umkreis von Google wird an der Entwicklung von fliegenden Autos experimentiert. Die chinesische Firma eHang kündigt die erste Drohne an, die Menschen transportieren kann. Drohnen sollen bald in großer Zahl zum Transport von Organen für Organtransplantationen eingesetzt werden. Uber plant fliegende Autos: Flugtransport on demand.

Ob mit solchen Entwicklungen das Verkehrschaos einfach in die dritte Dimension verlagert wird, ist eine Frage, der wir uns in jedem Fall stellen sollten.


8. Der Vormarsch der künstlichen Intelligenz


Artifizielle Intelligenz (AI) könnte die wichtigste Technologie sein, die jemals von Menschen entwickelt wurde. Ob sich darin neue Risiken oder unglaubliche Chancen verbergen, wird sich noch weisen. Allgemein gesprochen, handelt es sich bei AI um die Fähigkeit eines Computers, eine Frage zu verstehen, seine riesige Datenbank zu durchsuchen und die beste und passendste Antwort zu geben. Damit könnte die AI der Menschheit helfen, ihre größten Herausforderungen grundlegend zu lösen.

Hier ein paar aktuelle Geschichten:
Der Hardware-Hersteller NVIDIA hat einen lernfähigen Computer-Chipset vorgestellt: Tesla P100, ein 15-Milliarden-Transistor Chip, speziell für das Tiefenlernen in der AI-Technologie entworfen.
In Oxford wurde ein Lippenleser entwickelt, der 1,78-mal besser ist als menschliche Lippenleser. Ein indisches AI-System hat die US Wahlen korrekt vorausberechnet, indem 20 Millionen Datenpunkte aus Plattformen wie Google, Twitter und YouTube genutzt wurden. Ein anderes AI-System nutzt die Schwarmintelligenz, wenn es um Voraussagen bei Pferderennen geht. Die neue Spracherkennungssoftware von Microsoft kann Umgangssprache so gut wie oder sogar besser als Menschen übertragen. Die Fehlerquote betrug nur 5,9%. Ein teilweise von AI geschriebener Roman hat die erste Runde für einen Literaturpreis geschafft. Und Ärzte in Japan haben mit Hilfe von AI einer Frau das Leben gerettet, indem der Computer den seltenen Typus von Leukämie entdecken konnte. Auch im Go wurde erstmals der regierende Weltmeister von einer Maschine besiegt.

Auch in diesem Bereich können wir ein wenig von unserem Ego freigeben: Elektronische Maschinen sind uns in so vielen Belangen uneinholbar überlegen. Das braucht unsere Freude am Spielen und an der Kreativität aber auf keinen Fall einschränken. Wir müssen ja nicht unbedingt gegen Computer Go spielen, wenn wir da sowieso immer verlieren.


9. Physik und Weltraumerforschung


Erstmals wurden Gravitationswellen entdeckt, die aus einem Zusammentreffen zweier massiver schwarzer Löcher entstanden sind. Der neunte Planet am Rand unseres Sonnensystems wurde zwar nicht gefunden, aber die Hinweise verdichten sich. Noch viel weiter draußen wurde bei Proxima Centauri ein erdähnlicher Planet entdeckt. 


10. Die kommerzielle Erschließung des Raums


Wir erleben die Geburtszeit der Ära der kommerziellen Raumfahrt, an der eine Firma von Jeff Bezos mit wiederverwendbaren Raketen beteiligt ist. Andere Firmen arbeiten daran, 2017 die erste private Mondlandung zu ermöglichen. Bis 2025 soll der erste Mensch den Mars betreten, und Stephen Hawkin und ein russischer Milliardär arbeiten an einem interstellaren Sternenschiff.

Es bleibt abzuwarten, was diese neuen Reisemöglichkeiten und –ziele im außerirdischen Raum für die Probleme im irdischen Raum leisten werden. Jedenfalls zeigt sich auch auf dieser Ebene die unendliche Kreativität der Menschen, und wenn wir auf sie vertrauen, können wir optimistisch bleiben.


Vgl.: Die Pflicht zum Optimismus