Wie schon in den vorigen Blogartikeln beschrieben, hält die Stärke ein wesentlich besseres Prestige als die Schwäche. Im Gefühl der Stärke brauchen wir niemand anderen und können uns selbst in der Welt behaupten. Wir können stolz und selbstsicher durch die Welt gehen und brauchen keine Scham zu spüren. Im Gefühl der Schwäche dagegen werden wir hilfsbedürftig und abhängig. Wir haben nichts, worauf wir stolz sein können und schämen uns.
Allerdings liegt in der Stärke die Versuchung zur Selbstverherrlichung, wenn sie sich mit der Härte verschwistert. Auf dieser Schiene wird die Stärke zu einem Merkmal des Patriarchalismus und wirkt heute vor allem als Ingredienz der toxischen Männlichkeit. In diesem Sinn soll die Stärke zur Unverwundbarkeit führen, das ersehnte Markenzeichen aller Helden. Immer wieder staunen wir, wie die Helden der Leinwand unbeschadet die fürchterlichsten Gefahren überstehen. Wir identifizieren uns mit Figuren, die einen Zugang mit übermenschlichen Kräften haben, an Wänden hochklettern und fliegen können oder mit 100prozentiger Gehirnkapazität alle Gegner vaporisieren usw.
Die Sage weist allerdings auf die Illusion in dieser Sehnsucht hin, denn die großen unverwundbaren Helden der Sagenwelt, Achilles und Siegfried, hatten beide eine Stelle in ihrem Körper, an der sie verletzbar waren, und wenn sie dort getroffen wurden, war es vorbei mit ihrem Leben. Diese Verletzbarkeit macht auf die Brüchigkeit des Menschseins aufmerksam, die letztlich durch keine Rüstung und Aufrüstung überwunden werden kann. Die Kontrolle der Wirklichkeit und der Bedrohungen, die in ihrer Unvorhersehbarkeit immer wieder entstehen, kann nie lückenlos sein. Die Endlichkeit findet allzu leicht winzige Löcher im Panzer, der eigentlich die vollständige Sicherheit garantieren soll. Durch diese Lücken dringt die Sterblichkeit in den Körper ein, der vermeint, die Unsterblichkeit errungen zu haben.
Die Polarität von Stärke und Schwäche
Es gibt also keine Stärke, die jede Schwäche ausmerzen könnte. Vielmehr ist die Schwäche die oft ungeliebte, aber unverzichtbare Partnerin der Stärke. Unser Sicherheitsgefühl können wir nur dann tiefer verankern, wenn wir diese Polarität annehmen können und damit die Schwäche ihren Schrecken verliert. Wer die Schwäche schätzen kann, weiß um den Wert von Zeiten für Innehalten, Regeneration und Neusammlung. Nicht stark sein zu müssen, ermöglicht erst den Zugang zu Entspannung und Erholung. Schwach sein zu können heißt, sich zu erlauben, aus dem Dauerdruck des Starksein-Müssens auszutreten. Ein Menschenleben kann nur dann in Balance sein, wenn das Starke mit dem Schwachen einen guten Ausgleich gefunden hat.
Großmächte und Stärkedemonstration
Was für ein einzelnes Menschenleben gilt, trifft umso mehr auf die menschliche Gesellschaft zu. Die Überbetonung der Stärke, die aus kollektiven Ängsten entsteht, hat in der Geschichte immer wieder zu Kriegen geführt. Ich gehe hier auf ein paar Szenen aus der US-amerikanischen Geschichte ein:
Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von 1773 – 1781 waren die aufständischen Kolonien an der Ostküste die Schwächeren gegenüber den britischen Truppen, die gerade im Siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen erfolgreich waren und die Weltmacht Nummer 1 zur damaligen Zeit darstellten. Dennoch haben sich die Aufständischen durchgesetzt und die USA gegründet. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts sind die USA zur führenden Weltmacht herangewachsen, was die militärische Stärke anbetrifft. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass der 1. und der 2. Weltkrieg beendet wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer Reihe von Kriegen, die die USA als die stärkste Weltmacht gegen Kleinstaaten führten, mit großspurigen Ambitionen und blamierenden Ergebnissen. Die Liste beginnt mit Korea (1950 – 1953) – das Land ist bis heute geteilt und es gibt nicht einmal einen Friedensvertrag. Das nächste Desaster spielte sich in Vietnam ab (ca. 1955 – 1975): 1973 Abzug der US-Truppen, 1975 Vereinigung von Nord- und Südvietnam unter kommunistischer Führung. Der damalige Luftwaffenchef General Curtis E. LeMay hat damals gegen Nordvietnam den destruktiven Spruch vom „Zurückbomben in die Steinzeit“ geschleudert, den der gegenwärtige US-Präsident auf den Iran angewendet hat. Erreicht wurde dieses Ziel weder da noch dort.
Der Afghanistankrieg von 2001 – 2021 hat zunächst zum Sturz des Taliban-Regimes geführt, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Die Taliban konnten sich reorganisieren und schließlich nach 20 Jahren die internationalen Truppen aus Afghanistan vertreiben. Der Krieg kostete die USA schätzungsweise über 2 Billionen Dollar und forderte das Leben von mehr als 2.400 US-Soldaten sowie zehntausenden afghanischen Zivilisten und Sicherheitskräften.
Der Irakkrieg von 2003 – 2011, der mittels einer bewussten Täuschung des US-Kongresses vom damaligen Präsidenten Bush jr. begonnen wurde, hat zwar das Regime von Saddam Hussein gestürzt, aber im Land ein Chaos erzeugt, das bis heute anhält.
Der Irankrieg 2026 wurde von den USA mit ähnlich überheblichen Erwartungen wie die anderen Kriege begonnen: Wir sind die Supermacht und werden die Schwächlinge solange quälen, bis sie klein beigeben. Nach ein paar Wochen mit massiven Zerstörungen stellt sich die Situation momentan so dar, dass das iranische Regime trotz vieler Verluste gestärkt wurde, während die Supermacht vor einem Trümmerhaufen steht und nicht mehr weiter weiß. Die ganze Welt muss die ökonomischen Folgen bezahlen, die dieser Krieg ausgelöst hat. Dieser Krieg hat nach Schätzungen allein in den ersten 100 Stunden ca. 3,7 Milliarden $ und insgesamt bisher ca. 25 Milliarden an operativen Kosten verursacht. Die Kosten für die Weltwirtschaft durch die Verknappung von Erdöl und anderen Rohstoffen schlagen sich auf einen geschätzten BIP-Verlust von 300 Mrd. $ nieder.
Auch die Atommacht Russland könnte ein Lied von solchen Desastern singen, ein Lied mit dem Titel „Afghanistan und Ukraine“. Der Größenwahn führt unweigerlich ins Scheitern und hinterlässt blutige Spuren und zerstörte Landschaften.
Die Schwachen gewinnen gegen die Starken
Diese Beispiele zeigen ein Muster: Der Stärkere greift den Schwächeren an, um ihm seinen Willen aufzuzwingen. Aber trotz viel angerichteter Zerstörung scheitert er, und langfristig triumphieren die Schwächeren über die Stärkeren. Die Schwächeren gehen gestärkt aus diesen Kriegen hervor, die Stärkeren geschwächt. Außer einem riesigen Blutzoll und dem Rückfall in die Barbarei auf vielen Ebenen haben diese Kriege im besten Fall nichts bewirkt als die Befestigung des Status Quo. Sie haben jedes Mal statt Fortschritten in der Menschlichkeit zu massiven Rückfällen geführt, viele tiefe Wunden, Wut und Hass erzeugt, bis hin zu Wellen von Terrorüberfällen, geschürt aus Rachegefühlen der Schwächeren den Mächtigen gegenüber.
Offenbar sollten die Entscheidungsträger der Großmächte endlich die Weisheit des Tao-te-King berücksichtigen: Das Schwache besiegt das Starke. Tun sie das nicht, wiederholen sie wie Zwangsneurotiker die gleichen Fehlerschleifen wieder und wieder, mit enormen Folgekosten, Zerstörung von Menschenleben und Vernichtung von Ressourcen. Interessanterweise hat die neuere Großmacht China bisher auf diese Form der ruinösen Selbsttäuschung verzichtet – vielleicht ist das alte Wissen dort noch immer lebendig.
Möglicherweise gibt es eine Vernunft, die wie in den Märchen auch in der Menschheitsgeschichte wirkt: Der Hochmut wird langfristig bestraft und die Benachteiligten werden belohnt. Würden die Starken und Mächtigen auf die Stimme der Vernunft hören statt auf ihren Hochmut, so hätten sie auf die Wünsche und Bedürfnisse der Schwächeren einzugehen. Damit sparen sie sich die enormen Kosten, die aus dem Wiederholungszwang zur demonstrativen und brachialen Stärke resultieren, einschließlich der eigenen Demütigung durch die erfolglosen Machtdemonstrationen. Sie gewinnen die Schwachen als Partner und können sich selbst mehr Schwäche gestatten. Die Schwachen gewinnen mehr Sicherheit und können dadurch ihre Stärke aufbauen. In der Gesellschaft werden Spannungen reduziert und die ausgleichenden Kräfte gestärkt. Das Maß an sozialer und individueller Sicherheit wächst bei allen. Die gesellschaftliche Mitte wird auf Kosten der Randzonen, in denen sich extreme Gruppierungen befinden, maßgeblich.
Zum Weiterlesen:
Die Schwachen und die Starken
Das Schwache besiegt das Starke
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