Vermutlich tragen wir es in unseren Genen: Wir finde es besser, stark zu sein als schwach. Wer stark ist, kann sich selbst verteidigen; wer schwach ist, ist Stärkeren ausgeliefert und muss sich von ihnen beschützen lassen. Er ist von deren Gnade abhängig. Stärke ist ursprünglich mit Körperkraft gleichgesetzt, später mit Geschicklichkeit: Der geübte Bogenschütze ist dem muskelprotzenden Ringkämpfer überlegen. Auch der schmächtige David hat den riesigen Goliath mit einer Steinschleuder zur Strecke gebracht. Mit dem kulturellen Fortschritt tritt die körperliche Stärke in den Hintergrund, ohne je ihre Bedeutung zu verlieren. Aber anderen Formen der Stärke, die auf Intelligenz beruhen, werden immer wichtiger. Auch im Arbeitsleben schwindet die Bedeutung der Körperkraft zugunsten der Geisteskraft.
Stärke und Härte
Da die Stärke eng mit der Notwendigkeit der Selbsterhaltung verbunden ist, wird sie schnell mit der Härte assoziiert. Wer stark ist, muss auch hart sein. Hartsein bedeutet Durchhaltevermögen, Ausdauer, Selbstdisziplin, aber auch Rücksichtslosigkeit und Unbarmherzigkeit gegenüber anderen, bis zur Gewalttätigkeit. Die Härte zu sich selbst kann als Tugend durchgehen, falls sie von der Härte gegen andere unterschieden ist. Allerdings enthält die Härte zu sich selbst die Schlagseite der Selbstausbeutung und der Selbstüberforderung. Das Ignorieren der Bedürfnisse, die mit Schwäche zu tun haben, rächt sich langfristig.
Härte gegen andere auszuüben, ist von dem Drang nach Macht angetrieben. Die Selbsterhaltung soll dadurch abgesichert werden, dass andere der eigenen Macht unterworfen werden. Die Objekte der Härte sollen ihre Unterlegenheit spüren und sich unterordnen. Die Androhung von Härte ist mit der Bereitschaft verbunden, andere zu verletzen. Sie sollen durch den Schmerz spüren, dass es besser ist, in die ohnmächtige Rolle zu gehen und ihren Willen aufzugeben.
Wenn Hartes auf die weiche Haut trifft, die einen Körper begrenzt, entsteht Schmerz. Eine Wunde, die etwas Hartes im Körper bewirkt hat, wird im Heilungsprozess von einem harten Schorf abgesichert, gewissermaßen als Schutz davor, nochmals verletzt zu werden. In der Wunde ist auch die Angst gespeichert, nochmals verletzt zu werden. So gibt es nur die Alternative, sich dem Harten unterzuordnen oder Hartes mit Hartem zu bekämpfen.
Animus und Anima
Das Harte kann dem männlichen Archetyp zugeordnet werden und das Weiche dem Weiblichen. In der Sexualität müssen die Männer hart und die Frauen weich sein, damit eine Vereinigung zustande kommt. Diese Zuordnung spielt auch in anderen Lebensbereichen eine Rolle, z.B. in der Erziehung (Männer sollen [harte] Grenzen setzen, Frauen sollen [weiche] Geborgenheit bieten) oder in der Partnerwahl (Männer sollen äußere Sicherheit vermitteln, Frauen sollen empathische Wärme geben).
Das Harte befindet sich in der Nachbarschaft des Kriegerischen und Gewalttätigen – ohne emotionale Abhärtung, also ohne der Verleugnung von empathischen Gefühlen ist es nicht möglich, andere Menschen absichtlich und planmäßig zu verletzen oder zu töten. Ohne Empathie werden solche Taten auch ohne Scham und damit ohne Reue ausgeübt. Kriege sind also der Ausfluss des männlichen Archetyps, dem die Balance durch den weiblichen Gegenpol abhandengekommen ist.
Das Weiche dagegen ist mit Einfühlung, Verständnis und Offenheit für Gefühle von Angst, Scham und Hingabe verbunden. Es enthält die Bereitschaft, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen, wenn es anders nicht geht, ebenso wie die Bereitschaft, für andere da zu sein, wenn diese in Not sind.
Archetypen und Stereotypen
Die Archetypen sind immer auch mit Stereotypen verbunden. In Bezug auf die Geschlechtsrollen sind trotz aller Emanzipationsbestrebungen die Zuordnungen weiterhin relativ starr. In der „typisch“ männlichen Sichtweise wird die Weichheit als Symbol für Nachgiebigkeit, Rückgradlosigkeit und Manipulierbarkeit angesehen. Abgewertet als Weichei oder Feigling werden Menschen, die nicht dem Prototyp des martialischen Männlichen entsprechen. Die Verachtung des Weichen enthält eine Verachtung des Weiblichen. In diese Kerbe schlägt das Zitat von Adolf Hitler: „In unseren Augen da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“ (Rede an die Hitlerjugend am 14. September 1935)
Aber auch „harte“ Frauen, die „ihren Mann stehen“, werden als unweiblich abgewertet, mit Misstrauen betrachtet und als unsympathisch wahrgenommen. Als gäbe es keine weibliche Form, Stärke zu zeigen und damit Respekt einzufordern. Auch hier spielt die Verachtung eine Rolle: Frauen mit Durchsetzungskraft und Machtstreben wird die Weiblichkeit abgesprochen, womit sie verachtet werden können.
Die rigiden Stereotype befestigen die Rollenzuordnung. Sie behindern die Emanzipation und den Ausgleich der Geschlechtsrollen. Die starren Zuordnungen werden sehr stark von den politischen Rechtsparteien vertreten. Damit wird die Verachtung des Weiblichen gestärkt und die gewaltbereite Seite des Männlichen gerechtfertigt. Deshalb sind rechte Demagogen immer wieder als Kriegstreiber erfolgreich. Die ideologische Aufladung der Geschlechterstereotypen verschärft nur die Spannungen im gesellschaftlichen Klima und darf deshalb nicht gefördert werden. Wo es gelingt, den Austausch zwischen dem Männlichen und Weiblichen, dem Harten und den Weichen ins Fließen zu bringen, in uns selbst und in der Kommunikation, entsteht ein solider Boden für die friedliche Weiterentwicklung der Menschlichkeit.
Die alchymische Hochzeit
C.G. Jung hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass die Männer im Lauf ihrer inneren Entwicklung ihren weiblichen Archetyp, die Anima entwickeln und die Frauen den männlichen Animus erschließen. Nur auf diese Weise könne sich der Individuationsprozess seinem Ziel der Ganzheit annähern. Die Vereinigung dieser beiden Seelenteile hat er als alchymische Hochzeit bezeichnet.
Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften belegen diese Einsicht. Menschen mit Offenheit für beide Seiten des Spektrums (Männer, die offen sind für weibliche Qualitäten, und Frauen, die offen sind für männliche Qualitäten) sind anpassungsfähiger und flexibler. Sie sind als Führungskräfte viel effizienter. (Hier zur Quelle)
Es ist wichtig, mehr von der vollen Bandbreite menschlichen Verhaltens zur Verfügung zu haben. So können wir uns in einer Welt, die immer komplexer wird, besser behaupten und orientieren. Je mehr wir über möglichst viele Qualitäten und Handlungsoptionen verfügen, desto besser können wir das Maß an Härte oder Weichheit an die Erfordernisse der jeweiligen Situation anpassen.
Zum Weiterlesen:
Das Schwache besiegt das Starke
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