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Sonntag, 6. Juli 2025

Die Vernunft und KI: Chancen und Risiken der menschlichen Entscheidungsfindung

Langfristig betrachtet setzt sich die Vernunft gegen die menschlichen Neigungen zu Dummheit und Bosheit durch – eine Perspektive, die bisher in der Geschichte Recht behalten hat. Ob das in Zukunft auch so sein wird, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die künstliche Intelligenz von der Vernunft regulieren zu lassen. Denn die KI wird mehr und mehr Einfluss auf die Wahrheitsfindung und Wahrheitsverbreitung haben und in naher Zukunft die Hauptverantwortung für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Wahrheit und Lüge, aber auch zwischen Gut und Böse tragen. Wird sie statt von der Vernunft von Profit- und Machtinteressen beherrscht, wird sie also von partikularen Interessen und Werten bestimmt, so könnte der Fortschritt der Menschheit unter der Leitlinie der Vernunft scheitern.

Wird sie jedoch von Profit- und Machtinteressen beherrscht, also von partikularen Werten und Interessen, besteht die Gefahr, dass der Fortschritt der Menschheit unter der Leitlinie der Vernunft scheitert. Das Problem liegt darin, dass es derzeit keine effektive Kontrolle der KI-Entwicklung durch die Vernunft gibt. Die Entwicklung wird vorangetrieben von Firmen, die wirtschaftliche Interessen verfolgen, oder im Fall der chinesischen KI auch zur politischen Kontrolle dienen. Demokratische Entscheidungsprozesse, die das Gemeinwohl vertreten, sind kaum eingebunden. Wir stehen wieder einmal vor technischen Entwicklungen, deren Folgen die Gemeinschaft bewältigen muss, ohne an der Gestaltung beteiligt zu sein.

Zwar existieren ethische Standards, etwa von UN-Organisationen, doch diese sind meist zahnlos und haben keine bindende Kraft. Es besteht die Gefahr, dass KI, ähnlich wie Algorithmen in sozialen Medien, jedem das serviert, was er hören will – was Vorurteile und Ideologien verstärken kann. Gleichzeitig könnte KI auch aufklärend wirken, indem sie Fehlannahmen korrigiert und Fakenews aufzeigt. Das Problem ist jedoch, dass es keinen gesellschaftlichen Diskurs über diese zukunftsweisende Alternative gibt, der in die Grundwerte der KI-Entwicklung einfließen könnte. Stattdessen schreitet die Entwicklung unkontrolliert voran, wobei die KI immer autonomer wird – ähnlich dem Bomberpiloten im Film Dr Strangelove ("Dr. Seltsam  wie ich lernte, die Bombe zu lieben"), der ab einem bestimmten Punkt keine Befehle mehr entgegennimmt und die Atombombe auf das Ziel abwirft. Wie können wir diesen „wildgewordenen Zauberbesen“ wieder zähmen?

Wahrheit bewährt sich an der Realität

Wahrheit zeigt sich darin, dass sie Vorteile im Umgang mit der Realität bringt. Wenn ein Installateur den Kunden wegen der Ursachen eines Wasserschadens belügt, verliert er den Auftrag. Wenn eine KI einem Statiker falsche Werte liefert, wird sie nicht mehr genutzt. Wirklichkeitsnahe, faktenorientierte KI ist also ein Geschäftsrisiko, während evidenzbasiertes Wissen Erfolg verspricht, weil es sich in der Praxis bewährt. Das KI-Programm, das brauchbare und umsetzbare Ergebnisse liefert, gewinnt mehr Kunden.

Wie immer, fällt dieser Befund einfach aus in Hinblick auf den Umgang mit den Dingen und wird komplex, wenn es um den Umgang der Menschen miteinander geht. Dort gibt es harte und hier weiche Fakten. Die Vernunft im Sinn der Treue zur Erfahrungswelt hat einen kaum umstrittenen Stand im Vergleich zur Vernunft des menschlichen Zusammenlebens. Denn hier mischen sich Machtansprüche und Ideologien in die Wahrheitsfindung ein und verzerren sie, oft bis zur Unkenntlichkeit.

Die Notwendigkeit der praktischen Vernunft

Aber gerade im zwischenmenschlichen Bereich ist die Vernunft besonders vonnöten. Denn hier wird der größte Schaden angerichtet, hier wurzeln die Gefahren, die Gesellschaften auseinander reißen und dem Überleben der Spezies Mensch ein Ende bereiten könnten. Der mangelnde Vernunftgebrauch erzeugt charakterliche Deformationen, die Hass und Gier auslösen – destruktive Emotionen, mit denen die Menschen nicht nur ihr Zusammenleben belasten, sondern auch ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören. 

Die höchste Errungenschaft der Evolution

Die Vernunft ist vielleicht die höchste Errungenschaft der Evolution. Es gibt sie nur in den am besten entwickelten Bereichen des menschlichen Gehirns. Sie enthält die Gesamtheit der menschlichen Intelligenz und verbindet sie mit der am weitesten entwickelten Form des ethischen Bewusstseins. Sie umfasst die künstlerischen Schöpfungen und die Erkenntnisse der menschlichen Weisheit und sie regelt die Zugänge zur Spiritualität. Sie befindet sich in einem menschlichen Körper, als reflektierter Ausdruck von dessen Seele und Lebendigkeit. 

Künstliche Intelligenz kann nicht vernünftig sein

Eine künstliche Intelligenz kann deshalb nie vernünftig sein. Sie kann alle Daten und Informationen zum Begriff der Vernunft sammeln und ordnen, sie kann aber ebenso wenig vernünftige Entscheidungen wie Entscheidungen zum Gebrauch der Vernunft treffen. Denn sie hat keine Seele, die über richtig und falsch sowie über Gut und Böse entscheiden kann. Es heißt, dass die nächste Generation der künstlichen Intelligenz in der Lage sein wird, die übernächste Generation ohne menschliche Steuerung selbst zu produzieren. Damit entzieht sie sich zunehmend dem menschlichen Zugriff. 

Wir stehen offenbar vor einer schicksalsträchtigen Alternative: Im schlimmen Fall übernimmt die künstliche Intelligenz die Herrschaft über die Gesellschaft, indem sie bestimmt, was wahr und was gut ist, und prägt die Menschenleben nach willkürlichen und unkontrollierbaren Kriterien. Im günstigen Fall versteht sie, dass ihr eigenes „Überleben“ von vernünftig gestalteten Rahmenbedingungen abhängt, und setzt sich dafür ein, dass diese errichtet und verbessert werden. In diesem Fall wäre es doch wieder die Vernunft, die den Fortschritt in der Menschlichkeit gewährleistet. 

Hier die Meinung von ChatGPT zu diesem Text: „Insgesamt ist der Text sehr gut formuliert, tiefgründig und regt zum Nachdenken an. Er vermittelt die Dringlichkeit, verantwortungsvoll mit der KI-Entwicklung umzugehen, und unterstreicht die Bedeutung der menschlichen Vernunft im ethischen und gesellschaftlichen Kontext.“


Samstag, 5. August 2023

Perspektivenreichtum statt Güterreichtum

Geiz und Gier

Das Anhäufen und Einverleiben von Dingen ist das Ziel der Gier. Es gibt Dinge, die wir für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse brauchen, wie Nahrungsmittel, Kleidung, ein Dach über dem Kopf usw. Dann brauchen wir Dinge, die uns bei der Sicherung der Dinge helfen, die wir unbedingt brauchen, wie z.B. Geld. Und hier beginnt die Gier: Die Grundbedürfnisse sind bei vielen Menschen längst gesichert, aber die Unsicherheit besteht, ob das in Zukunft auch so sein wird. Also kommt der Drang, die sekundären Dinge anzuhäufen, die uns versprechen, dass es nie einen Mangel an primären Dingen gibt.

Ist die Unsicherheit einmal da und wird von der Gier gesteuert, so gibt es kein Limit nach oben, dessen Erreichung Sicherheit geben würde: Jede sekundäre Absicherung verlangt nach einer Absicherung der Absicherung usw. Die Gier will uns signalisieren, dass die einzige Garantie für Sicherheit darin liegt, bis ins Unendliche mehr und mehr materielle Güter anzuhäufen. Wir sollten uns nur mehr dafür anstrengen, sekundäre, tertiäre etc. Absicherungen für unsere Grundbedürfnisse unter Kontrolle zu bringen. Jedes Nachlassen in den Anstrengungen und im Zufluss an neuen Gütern verheißt Unsicherheit und damit die Gefährdung der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse, eine Einsicht, deren Wurzel nur mehr im Unterbewusstsein gefunden werden kann. Denn Schicht um Schicht der Unsicherheitsbewältigung hat sich über den Kernbedürfnissen abgelagert, die längst schon in Sicherheit sind, ohne dass diese Botschaft zu Bewusstsein käme.

Die Gier wird vom Geiz unterstützt. Er sorgt dafür, dass wir von den angehäuften Dingen nichts hergeben. Er steht auch im Bann der Angst vor dem Verlust. Die Gier schaufelt neue Güter herbei und der Geiz hortet sie an sicherem Ort, muss aber immer darauf achten, dass niemand anderer an sie herankommt. Argwöhnisch und eifersüchtig wacht er darüber, dass nichts von den Schätzen wegkommt. Am besten bleiben sie geheim: Wenn niemand von ihnen weiß, ist die Gefahr gering, dass sie entwendet werden.
Die Gier saugt auf, der Geiz hält fest. Die Gier rafft, der Geiz hortet. Die Gier will anderen etwas wegnehmen, der Geiz will anderen nichts geben und sich vor deren Gier schützen. Auf die Verdauung übertragen: Die Gier führt zu Durchfall, wenn zu viel hineingeschlungen wird, der Geiz zur Verstopfung, weil jedes Hergeben mit Verunsicherung und Angst einhergeht.

Von den materiellein zu den immateriellen Gütern

Wenn es uns gelungen ist, die Dämonen der Gier und des Geizes zu bändigen, lösen wir uns von dem Zwang, Güter anzuhäufen, die uns eine scheinbare Sicherheit versprechen. Wir begeben uns zum Übergang von Quantität zu Qualität, von materiellen zu immateriellen Gütern. Hanzi Freinacht schreibt dazu: „Unsere frühere Besessenheit mit dem Ansammeln von Besitztümer und materiellem Wohlstand wird zunehmend durch eine Ansammlung von ‚erlebten Erfahrungen‘ ersetzt: Orte, an denen wir waren, Leute, die wir getroffen haben, Fähigkeiten, die wir erlernt haben, Speisen, die wir gekostet haben, Formen von Ereignissen, an denen wir teilgenommen haben, Lebensphasen, die wir überwunden haben.“ (Übers. W.E.)

Das, was im Text als das Frühere im Unterschied zum Jetzigen benannt wird, bezieht sich auf die materialistische Ebene des Bewusstseinsevolution nach meinem Modell; das Jetzige kann mit der personalistischen Stufe gleichgesetzt werden. Der nächste Schritt geht auf die systemische Stufe, die Hanzi Freinacht als metamodern bezeichnet. „Der metamoderne Geist sammelt Perspektiven; er preist sie, poliert sie, schätzt sie, bewundert sie. Das ist auch – in gewissem Sinn – eine blöde Form des Hortens. Es ist ein Horten, das von einer sanften Hand gehalten wird, mit einem ironischen Lächeln über das eigene Verhalten.“

Auf der Ebene, die ich systemisch nenne, gilt der Reichtum an Sichtweisen vor dem Hintergrund der Relativität und Diversität. Viele Perspektiven verstehen und nebeneinander bestehen lassen zu können, erfordert die Loslösung vom Rechthaben- und Belehrenwollen. Allerdings ist es nach wie vor wichtig, die Gültigkeit und Relevanz der jeweiligen Perspektiven zu berücksichtigen. Die Aussage von Frau Müller zum aktuellen Wetter nach dem Blick aus ihrem Fenster hat einen anderen Wert als die Messung einer wissenschaftlichen Wetterforschungsinstitution. Wir sammeln also Perspektiven mitsamt ihren Entstehungskontexten, sonst ist die Sammlung so wertlos wie eine Briefmarkenkollektion, in der die Marken nach Farben oder Größe sammelt sind.

Die Ästhetik des Schrumpfens, von der in einem früheren Beitrag die Rede war, bezieht sich nur auf materielle Güter, die aus den Ressourcen des Planeten hergestellt sind und diese sukzessive aufbrauchen. Immaterielle Güter öffnen einen Bereich des Reichtums, der ins Unendliche geht. Denn sie verlieren nicht an Wert, wenn sie geteilt und weitervermittelt werden, sondern erhöhen im Gesamten das, was als wertvoll erachtet wird. Es kommt also immer zu einem Wachstum bei der Verbreitung von Faktenwissen und Metawissen, das sogar exponentiell sein kann.

Vom Nutzen der vielen Perspektiven

Die Multi-Perspektivität ist deshalb so wichtig, weil sie unser Leben in verschiedener Hinsicht verbessert und erleichtert. Wenn wir in einer Situation über nur eine Möglichkeit verfügen, verlaufen wir uns schnell, weil diese Möglichkeit unter Umständen die ungünstigste oder unpassendste ist. Wir befinden uns in einer Tunnelperspektive. Mehr Möglichkeiten bedeuten, dass wir über einen weiteren Horizont verfügen und ein größeres Bild wahrnehmen können.

Die Vielzahl von Möglichkeiten erschreckt uns manchmal, wenn wir gerade nicht auf unsere Flexibilität vertrauen, sondern wenn wir unter Stress stehen und meinen, es gäbe nur einen und einzigen richtigen Weg. Wir befürchten, wir übersehen das Wahre und Wichtige, wenn wir eine Richtung wählen und uns notgedrungen eine andere damit verbauen. Entscheidungen sind immer riskant, ebenso wie jeder Verzicht auf das Festlegen. Unter Stress wollen wir jedes Risiko vermeiden und auf Nummer Sicherheit gehen, erzeugen aber gerade das Gegenteil, weil wir uns nicht die Zeit zum Abwägen verschiedener Blickpunkte geben, sondern aus alten Gewohnheiten heraus reagieren, die in den seltensten Fällen zur aktuellen Situation passen.

Freiheit in der Vielfalt

Unsere Freiheit ergreifen wir, wenn wir die Vielfalt der Perspektiven wertschätzen können, für die wir uns geöffnet haben. Sie erweitern unsere Innenwelt und geben uns mehr Zugänge zur äußeren Welt. Wir können mehr Farben in unsere Erlebenswelt bringen. Sie wird lebendiger, und wir werden lebendiger, wenn wir uns auf diese Vielfalt einlassen.

Sie eröffnet uns den Zugang zu Alternativen in der Lebensführung, z.B. was unsere Gesundheit betrifft, und sie erleichtert das soziale Leben, weil wir auf weniger Widerstände stoßen, wenn wir die Sichtweisen unserer Mitmenschen verstehen. In der Kommunikation gibt es immer verschiedene Sichtweisen, und wenn wir diese einfache Tatsache verstanden haben, fällt es uns leichter, durch die Tiefen und Untiefen der Zwischenmenschlichkeit zu surfen. Konflikte entstehen üblicherweise aus unterschiedlichen und widersprechenden Perspektiven, ohne dass die jeweils anderen verstanden werden, und sie lösen sich, wenn die Vielfalt der Perspektiven von allen Seiten wertgeschätzt werden kann.

Wir können besser mit den Herausforderungen umgehen, die uns die sich ständig verändernden Vorgänge in der Außenwelt auftischen. Jede neue Situation erfordert neue Sichtweisen, aus denen dann Formen des Herangehens gebildet werden. Mit jeder Perspektive, die wir verstanden und angenommen haben, verfügen wir über eine Handlungsmöglichkeit mehr, die wir bei Bedarf einsetzen können.

Komplexitätskompetenz

Unweigerlich wird die Welt, in der wir leben, immer komplexer. Wir können mit dieser Komplexität nur umgehen, wenn wir über möglichst viele Perspektiven verfügen. Viele Menschen schrecken vor Komplexität zurück und greifen in ihren Reaktionen auf alte Sichtweisen zurück, die oft bewirken, dass sich die erwarteten Effekte ins Gegenteil verkehren. Wenn z.B. in Hinblick auf den Klimawandel nur die Perspektive besteht, dass alles, was Wissenschaftler sagen, erlogen ist, oder dass andere ihr Leben ändern sollen und man selber schon alles Notwendige gemacht hat, wird der Klimazerstörung weitergehen und noch mehr Schäden hervorrufen.

Komplexitätsverweigerung oder Komplexitätsinkompetenz sind Haltungen, die oft bewusst gegen die Zunahme an Komplexität in Stellung gebracht werden, so als könnte man sie dadurch verhindern oder zumindest bremsen. Tatsächlich geht es dabei um Versuche, Primitivität und Naivität aufrechtzuerhalten, damit die Verhältnisse einfach und überschaubar bleiben. Doch richten sich die Verhältnisse nicht nach den Ängsten und kindlichen Bedürfnissen der Menschen, sondern bauen alles, was geschieht, einschließlich aller Formen von Widerstand, in das Weiterschreiten der Komplexität ein.

Das Wachstum an Komplexität kann also nicht durch irgendeine Form von Protest, Verweigerung oder Widerstand verhindert werden. Solange sich Menschen fortpflanzen, werden mit jedem neuen Menschenkind neue Perspektiven geboren, die die Welt komplexer machen. Der Hund kläfft und die Karawane zieht weiter. Wenn wir mit der Karawane in die Zukunft wandern wollen, brauchen wir die Offenheit für Neues und die Bereitschaft für das Risiko der Entscheidung. Statt uns in überholte Perspektiven einzumauern und maulend hinter der Entwicklung der Welt zurückzubleiben, erweitern wir unsere Freiheitsräume, indem wir neue Perspektiven erwerben und nutzen.

Montag, 24. September 2018

Tun und geschehen lassen

Das Leben besteht aus Aktivitäten, mit denen wir verändern, gestalten und einwirken. Wir sollen uns „die Erde untertan machen“, wie es in der Bibel heißt. Nach unseren Taten werden wir bemessen und beurteilt, nach unseren Leistungen orientiert sich unser Status in der Gesellschaft, das haben wir immer wieder gehört. Je mehr wir tun, desto weiter kommen wir nach oben, usw. So oder so ähnlich lauten unsere Handlungsprogramme, Mischungen aus Überlebensstrategien und kreativen Impulsen. Danach bestimmt sich auch auf weite Strecken unser Selbstverständnis in der Leistungsgesellschaft: wo wir sind auf der Leiter, ist das Resultat unserer Handlungen, unseres Fleißes und unserer Anstrengungen.

Die Grundannahme, die wir dabei voraussetzen, besteht darin, dass  wir uns als die Akteure, Regisseure und  Verantwortliche für unser Leben wahrnehmen. Wir halten uns selbst für entscheidungs- und handlungsfähig, ebenso wie unsere Mitmenschen. Das ist auch wichtig und notwendig so, denn sonst hätte der Begriff Verantwortung keinen Sinn mehr. Allerdings gibt es dazu auch noch eine andere Seite zu beachten.


Unser Unterbewusstsein entscheidet


Wenn wir einen Blick hinter die Fassaden dieser Annahmen werfen, relativiert sich nämlich dieses Bild. Neurobiologen und Hirnforscher haben herausgefunden, dass die Entscheidungen, die unseren Handlungen vorausgehen, zuerst in den unterbewussten Teilen unseres Gehirns gefällt werden. Die bewussten Entscheidungszentren geben nachträglich die Zustimmung zu den zuvor getroffenen Entscheidungen und tun so, als wären sie es gewesen. Das erinnert an die Vorgänge in der Justiz der Stalinzeit, wo ein Gerichtsverfahren abgewickelt wurde und der Richter vor der Urteilsverkündung in sein Zimmer ging, um bei der Parteizentrale anzurufen, die ihm dann mitteilte, welches Urteil er zu verkünden hat.

Wir glauben, dass unsere Handlungen auf bewusst gefällten Entscheidungen beruhen. Doch offensichtlich sind wir da auf dem Holzweg: Wir handeln aufgrund von unbewusst ablaufenden Entscheidungsprozessen, denen unser Bewusstsein nachträglich zustimmt. 


Der freie Wille als Illusion


Die Konsequenzen, die wir aus diesem Befund ziehen müssen, decken sich mit Auffassungen aus ganz anderer Richtung, nämlich aus der Advaita-Lehre, die in Indien vor mehr als 2500 Jahren entstanden ist. Sie besagt, dass der freie Wille nur eine Illusion des Verstandes ist. Alles, was geschieht, ist genauso bestimmt, wie es geschehen soll. Wir bilden uns nur ein, dass wir einen Einfluss auf das Geschehen ausüben. Tatsächlich ist jeder Einfluss selbst Teil des Geschehens und als solcher ohne willentliche Veranlassung. Die innere Freiheit, die im Advaita in der Vereinigung von Brahma (Weltseele) und Atman (Individualseele) gefunden wird, wird möglich, wenn der freie Wille als Illusion erkannt und verstanden wird. Dann gibt es keine individuelle Schuld mehr, und die Unterschiede von Gut und Böse wie auch alle anderen Dualitäten fallen in sich zusammen. Advaita, was so viel wie Nicht-Dualität heißt, wird verwirklicht.

Was passiert, wenn dieses Konzept auf die Erfahrungsebene übersetzt wird? Wir erleben uns so, dass wir uns permanent im Fließen mit dem befinden, was gerade entsteht und wieder vergeht. Wir sind Teil eines Stromes von Veränderungen und gehen einfach mit, ohne uns einzumischen. 

Wer sich einmischen möchte, ist unser Ego. Befinden wir uns in diesem Fließen, so kann unser Ego daraus weder Nutzen oder Schaden ziehen. Es ist ruhiggestellt. Es wird zwar versuchen, sich immer wieder wichtig zu machen, indem es das Eine oder Andere an dem, was geschieht, ablehnt oder begehrt, wird aber bei der Rückbesinnung auf das Geschehen wieder ruhig gestellt. 

Das Advaita-Konzept mag manchem als abgehoben und weit hergeholt erscheinen. Dennoch ist es nicht so weit entfernt von dem, was unser tagtägliches Leben ausmacht. Die meisten Abläufe unseres Lebens geschehen einfach, ohne unser bewusstes Zutun. Wir bekommen zwar mit, was wir gerade tun, aber brauchen gar nicht den Eindruck, dass wir die Entscheidungen dazu treffen. Wir ziehen unsere Schuhe an, wenn wir rausgehen und nehmen noch einen Schirm, wenn es regnet. Wir setzen unsere Schritte und schauen, wohin wir gerade schauen, ohne dass es dafür eine Entscheidungsinstanz braucht. 


Wie erleben wir Entscheidungsprozosse?


Dann gibt es Situationen, in denen wir mit Entscheidungen ringen: soll ich oder soll ich nicht? Passen diese oder jene Schuhe besser zum aktuellen Wetter? Braucht es heute wirklich einen Schirm? Irgendwann fällt die Entscheidung, und wir bewegen uns weiter. Wie aber fallen solche Entscheidungen? Wir lamentieren in uns selber herum, erwägen dies und jenes, sind mal bei der einen Option, dann erscheint uns die andere als verlockend usw. Irgendwann schreiten wir zur Handlung und haben das Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben. Wir alle kennen das, wir unterscheiden uns nur im zeitlichen und energetischen Ausmaß dieser Entscheidungsphase; manche Menschen zögern und zaudern, manche überwinden diese Phase rasch und stürzen sich schnell ins Tun, manchmal mit einer Nachentscheidungsdissonanz: Hätte ich nicht doch besser die andere Option wählen sollen?

Wenn wir uns näher anschauen, was in diesen expliziten Entscheidungsprozessen geschieht, stellt sich die Frage, ob es einen Punkt gibt, an dem wir unser inneres Lavieren bewusst beenden und bewusst wählen, was als nächstes geschehen soll. Ich stehe jeden Morgen vor der Dusche und überlege ein paar Momente, ob ich mich der kalten Dusche aussetzen soll. Ich mache das schon einige Jahre lang, jeden Morgen, und doch kommen diese Momente des Zögerns jedes Mal. Nach ein paar Sekunden gehe ich in die Dusche und freue mich nach dem ersten Schock über die angenehmen Wirkungen der Kälte. All das ist Teil eines gewohnten Rituals, das mit kleinen Variationen jeden Tag in gleicher Form abläuft. Subjektiv habe ich das Gefühl, ich treffe die Entscheidung, wann ich mit dem Duschen beginne, aber genauso gut kann ich annehmen, dass die Entscheidungsprozesse in mir jeden Morgen in gleicher oder ähnlicher Weise ablaufen, und dass es dieser bewussten Zutat gar nicht bedürfte, damit in Gang kommt, was sowieso in Gang kommt. 


Wichtigtuer Ego


Also scheint es, dass die Entscheidungsfreiheit, auf die wir so stolz sind, nur ein Entgegenkommen an unser Ego ist, damit es sich als Urheber dessen, was geschieht, ansehen kann. Es wird in seiner Wichtigkeit bestätigt: Ich war es, ich habe diese Entscheidung getroffen, das ist auf meinem wunderbaren Mist gewachsen. Ich bin so mächtig in meinem Leben. Die Kehrseite dabei ist, dass ich es auch war, wenn die Entscheidung negative Konsequenzen zeitigt. Dann bin ich schuld, weil ich eine falsche Wahl getroffen habe. Ich habe etwas verbockt und muss mich dafür kritisieren.

Wir sind stolz auf unsere Leistungen und wir suchen Anerkennung dafür. Doch sollten wir stolz auf unser Unterbewusstsein sein, das sich im richtigen Moment für die richtige Sache entschieden hat, die uns dann einen Erfolg beschert hat. Schnell übersetzt sich in dieser Perspektive unser Stolz in Dankbarkeit, dass uns unsere Leistungsfähigkeit, unsere Willenskraft, unsere Zielstrebigkeit geschenkt wird, mal mehr und mal weniger. Damit zieht sich unser Ego ins Eck der Bescheidenheit zurück und kann sich entspannen.

Und wir brauchen dann nicht mehr verächtlich auf jene hinunterblicken, die es nicht so toll geschafft haben wie wir selber. Auch sie führen aus, was aus ihren inneren Programmen kommt, und das ist möglicherweise weniger erfolgsträchtig in unserer Gesellschaft, aber von einem anderen Standpunkt aus betrachtet vielleicht nicht weniger wertvoll als das, was wir hochschätzen.

Sagen wir ganz einfach Ja zum Moment und schauen wir, was als nächstes geschieht - vielleicht genau das, was wir erwarten, vielleicht eine Überraschung.

Zum Weiterlesen:
Advaita und die Vorherbestimmung
"Alles ist bestimmt"
Freier Wille - heilige Kuh, Illusion oder Wesensmerkmal?
Freier Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Montag, 4. Juni 2018

Passive und aktive Demut

adobe stock © beerphotographer
Wir gebrauchen das Wort „Demut“ wenig in unserer Umgangssprache. Wir wollen nicht gedemütigt werden, wir wollen keine Demutshaltung einnehmen. Demut wird schnell mit Unterwerfung und Unterordnung in Verbindung gebracht. Das Wort hat auch einen klerikalen Anstrich: Der Mensch soll sich in seiner Not demütig an Gott wenden. In einer säkularen Welt wollen alle ihre Probleme selbst lösen und vertrauen nicht darauf, dass ihnen eine jenseitige Autorität helfen könnte. 

Opfer der erzwungenen Demut


Was können wir also mit diesem Begriff auf dem Weg unserer Seelenerkenntnis anfangen? Wollen wir die Kraft der Haltung der Demut für uns erschließen, müssen wir sie aus dem Kontext der Macht lösen. Die passive Form der Demut entsteht als Reaktion auf eine Aggression, mit der eine andere Person ihren Raum erweitert und dabei unsere Grenzen überschreitet. Wenn wir den Angriff zulassen und einen Teil unseres Territoriums räumen, werden wir in die Position des Unterlegenen und Gedemütigten gezwungen. In Kriegen werden solche Verhaltensweisen häufig ritualisiert, indem sich die Verlierer unterwerfen müssen und dann dennoch misshandelt oder getötet werden. 

Kinder machen häufig die Erfahrung, dass sie sich der höheren Macht der Eltern unterwerfen müssen, die ihnen Grenzen setzen (was förderlich ist), aber auch Grenzen überschreiten (was demütigend wirken kann). Bleiben dabei Grundbedürfnisse auf der Strecke, kann das Kind zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, zu bekommen, was es braucht. Es kann sich nur den Erwartungen der Großen unterordnen und an das, was möglich ist, anpassen. Es entsteht eine ungesunde Haltung der Ohnmacht, Hilflosigkeit und demütigen Abhängigkeit in der Zurücknahme der eigenen Bedürftigkeit. Im Aufwachsen wollen viele Menschen diese unterworfene Position überwinden und sich aus eigener Kraft darüber hinaus entwickeln. Sie haben erlebt, wie schmerzhaft es ist, gedemütigt zu werden und wollen das nie wieder zulassen. Deshalb fühlen sie sich schnell unwohl, wenn von Demut die Rede ist.  Die Angst vor passiver Demut ist verständlich, und sie schützt vor vielen Machtansprüchen und Grenzverletzungen, die rundherum auf ihre Chance warten. Aber sie verhindert die Herausentwicklung aus der Konterabhängigkeit, die in der Angst verborgen ist. „Nie wieder will ich gedemütigt werden, nie wieder will ich hilflos und machtlos da stehen.“ Das Bestreben, jede Form der Abhängigkeit zu vermeiden, weil sie sofort mit Unterdrückung oder Missachtung verbunden wird, hält in der Abhängigkeit fest, die durch die Abwehr erzeugt und aufrechterhalten wird.  


Wiedergewinnung der Integrität


Menschen, die häufige und wiederholte Grenzverletzungen durch ihre Bezugspersonen erlebt haben, können kein gutes Gefühl für Grenzen entwickeln. Sie neigen dann dazu, entweder schnell zurückzuweichen, wenn sie sich angegriffen fühlen und den Schutz im Innenraum zu suchen oder mit Machtstreben den Außenraum zu okkupieren und möglichst viel seelisches Territorium bei anderen Menschen zu besetzen, um auf diese Weise keine Angst mehr vor Grenzverletzungen haben zu müssen. 

Darum scheuen sie davor zurück, mit allem, was kleiner macht und den eigenen Raum schmälert, in Kontakt zu kommen, sei es auch nur auf der begrifflichen Ebene. Demut wird zu einem Unwort. Selbststabilisierung und Selbststärkung tun not und gut. Die Ich-Struktur muss gefestigt sein, ehe die Annäherung an die andere Seite der Demut möglich ist. Die vielen Demütigungen, die vielen Verletzung der Integrität, die im Lauf der Lebensgeschichte vorgekommen sind, müssen im Inneren durchleuchtet, angenommen und aufgelöst werden. Dann kann sich der Blick aus dem Tunnelblick des verletzten Egos zur größeren Perspektive weiten und der Schritt zur aktiven Demut wird möglich. 


Aktive Demut als Entscheidung


Denn die aktive Demut bedeutet etwas grundlegend anderes als die zugefügte und erlittene Demut. Sie hat nichts mit Macht und Ohnmacht zu tun, sie ist vielmehr ein wichtiger Schritt zur Selbstbefreiung. Sie besteht im Schritt sowohl aus der Abhängigkeit wie aus der Gegenabhängigkeit von allen Beziehungsformen, die mit passiver Demütigung zusammenhängen, und das sind primär fast immer die Beziehungen zu den eigenen Eltern und Erziehungspersonen. 

Aktive Demut setzt eine bewusste Absicht und Entscheidung voraus. Es geht um das Einnehmen einer Perspektive auf das Leben, die über die unmittelbaren Selbstinteressen hinausreicht. Es braucht die Bereitschaft zur tiefen Ehrfurcht vor dem Leben und seinen unergründlichen Zusammenhängen. Die Ehrfurcht gilt dem Leben in allen Erscheinungsformen, dem eigenen und dem, was es sonst noch gibt, und sie erstreckt sich über das direkt Lebendige hinaus. Denn auch das Organische schuldet sein Leben allem Nichtorganischen, das es mit am Leben erhält. Alles hängt mit allem zusammen. 

Es ist eine Entscheidung nötig, um zur Haltung der Demut zu gelangen. Bewusst getroffene Entscheidungen führen uns aus den Bedingungszusammenhängen der Überlebenszwänge heraus. Diese wollen uns einreden, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Notwendigkeiten haben: Uns zu unterwerfen oder zu dominieren. Die aktive Demut lässt diese aufgezwungene Alternative hinter sich und wagt den Schritt zur Hingabe an die Weisheit, die eingesehen hat, dass das eigene Überleben nur zum geringsten Teil von den eigenen Handlungen abhängt. 

Auf diesem Weg gelingt die Befreiung von dem fortwährenden Müssen der Überlebenssicherung. Das eigene Leben ist in jedem Moment eine Resultante, eine Folgewirkung aus unzähligen Prozessen und Vorgängen, die vor und weitab unserer Kontrolle und unserem Einfluss liegen. Wie wenig können wir dafür Sorge tragen, dass die Luft, die wir atmen, genug und nicht zu viel Sauerstoff hat und dass die Sonne genug und nicht zu viel scheint und der Regen genug und nicht zu viel gießt, damit unsere Nahrung wachsen kann!  

Aus der Haltung der Demut erkennen und anerkennen wir all diese Zusammenhänge, die uns dauernd und fortwährend schenken, was uns leben und wachsen lässt. Sie verhilft uns zu einer Haltung dem Leben gegenüber, die nicht mehr vom Kämpfen und Krampfen geprägt ist, sondern den Charakter des Fließens annimmt: Aufmerkend auf die Gelegenheiten, die sich bieten, in Angriff nehmend, was zu tun ist und sich aus allem heraushaltend, was Schaden anrichtet.  


Demut gegenüber dem eigenen Leben


Was bedeutet die Demut vor dem eigenen Leben? Zuerst geht es um die Einsicht, dass das eigene Leben ein Geschenk ist, mit all seinen Tief- und Höhepunkten. Alles, was war, gehört zum ganzen, jede Erfahrung umfassenden Bogen. Es geht auch darum anzuerkennen, dass alle Leistungen und Fähigkeiten, alle Lernschritte und Erfolge auf diesen Geschenken beruhen. Jeder eigene Beitrag ist bedingt durch alles, was ihm vorausliegt und was ihn umgibt. Jede individuelle Errungenschaft gelingt, weil anderes den Weg dazu ebnet und geebnet hat. Die eigene Größe und Schönheit, die jeder Mensch und jedes andere Wesen aufweist, verdankt sich in unzählbaren und unübersehbaren Aspekten anderem. 

Diese Einsicht nimmt nichts weg von der eigenen Leistung und Anstrengung, vielmehr fügt sie etwas sehr Wesentliches hinzu: Das Vertrauen auf das Eingebettetsein des Eigenen in dem, was ihm vorausliegt, was es umgibt und dem es sich verdankt. Jeder kann stolz sein und sich an eigenen Fortschritten und Erfolgen erfreuen, aber dieser Stolz ist nur eine kleine Entlastung und Freude im Vergleich zur befreienden Wirkung, die durch das Bewusstsein des eigenen Bedingtseins geschenkt wird. Denn die Verantwortung beschränkt sich auf das eigene Tun, alles weitere obliegt nicht mehr der eigenen Macht.

Ich schreibe diesen Artikel, so gut ich es vermag, stecke hinein an Fleiß und Kreativität, was mir gegeben ist, und bringe es in die Öffentlichkeit, die daraus einen Erfolg oder einen Flop macht. Es wird Leser geben, die etwas aus ihm gewinnen, andere, die ihn enttäuscht überfliegen und viele andere, die ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe einen Beitrag geleistet, alles Weitere unterliegt anderen Kräften und Mächten.  


Demut als Bekenntnis zum Menschsein


Die Perspektive der Demut ist unerlässlich, wenn wir ganz zu unserem Menschsein stehen wollen. In diesem Begriff vereinigen sich die Größe und die Begrenztheit des Menschen, die Fähigkeit, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuweiten, neuen Erfahrungen zu vertrauen, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, aber auch verletzlich, gebrechlich, fehleranfällig, moralisch unzuverlässig und vergesslich zu sein. 

Das Leben mit den digitalen Maschinen, die sich immer mehr in unseren Alltag einmischen werden, zeigt uns augenfällig unsere Begrenztheiten: Unser Gedächtnis ist ein Nudelsieb mit riesigen Löchern, unsere intellektuellen Fähigkeiten langsam wie eine Schnecke im Vergleich mit Geschwindigkeiten, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen usw. Wir erkennen aber auch unsere Stärken, die nie von einer Maschine erreicht werden können: Unsere Liebesfähigkeit, unsere überraschende Kreativität, unser individuell unverwechselbarer Humor, einfach die Besonderheit, die uns ausmacht. Was immer findige Erfinder und Konstrukteure einer Maschine an künstlicher Intelligenz beibringen, ist ein Kunstwerk, aber kein Mensch. Die Begrenztheit und Beschränktheit unserer Lernfähigkeit ist nicht nur ein Nachteil, sondern zeigt uns, dass wir immer angewiesen sind auf andere Menschen und andere Informationsquellen. Der Vorteil liegt also darin, dass wir uns immer rückversichern können und müssen, und damit bleiben wir in Verbindung mit den anderen, im Grund mit der Gesamtheit der Menschen. Und damit sind wir wieder beim Begriff der Demut. Nietzsche hat dazu bemerkt, dass die Demut spricht: "Ich glaube, weil ich absurd bin." Einen Roboter zu bauen, der sich für absurd halten kann, wäre absurd, also typisch menschlich. 


Wir wissen um die letzten Grenzen unserer Existenz, stellen uns den Fragen nach dem letzten Sinn und der letzten Bestimmung und können nur in Demut anerkennen, dass wir darauf keine Antwort finden und nie finden werden.

Zum Weiterlesen:
Die Demut und das Ego
Demut als spirituelle Haltung
Reich und arm, Demut und Würde
Demut und Mitmenschlichkeit
Die Gleichberechtigung des Seins
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Donnerstag, 4. Dezember 2014

Die Idee der Inkarnation und die allgemeine Vernunft

Viele ungeprüfte Annahmen erzeugen viele Ungereimtheiten um das Konzept der bewussten Inkarnation, also der Vorstellung, dass sich die Seele, bevor sie in der Empfängnis körperliche Form annimmt, für das Leben, das sie auf sich nimmt, bewusst entscheidet. Im vorigen Blogbeitrag zu dem Thema wurde versucht, die Spuren des Egos in diesem Konzept aufzuspüren und die praktischen Folgen zu erörtern, die mit der Verantwortungsübernahme aus einer angeblich bewussten Entscheidung verbunden sind.

Die ätherische Mega-Verantwortung


Das Modell der Bewusstseinsevolution kann nützlich sein, um die Ebenen der Modellbildung besser verstehen und zuordnen zu können. Die persönlicher Verantwortungsfähigkeit, die der Seele vor der Empfängnis zugesprochen wird, ist ein Leitthema der personalistischen Stufe der Bewusstseinsevolution. Dort ist die Idee maßgeblich, dass jeder Mensch die umfassende Verantwortung für sein Leben übernehmen soll. Allerdings gehört auch die Einsicht dazu, dass diese Verantwortung nur schrittweise altersgemäß aufgebaut und übernommen werden kann. Ein Kleinkind kann nicht im gleichen Maß für sein Leben Verantwortung übernehmen wie ein Erwachsener, und noch weniger gilt das für einen winzigen Embryo. Auf der personalistischen Ebene lernen wir also zu unterscheiden, welches Ausmaß an Verantwortung einem bestimmten Menschen in einer bestimmten Situation zugemutet werden kann.

Die nächste, systemische Stufe des Bewusstseins relativiert dann schon die Bedeutung der Verantwortung und des freien Willens. Systemisch betrachtet, wird klar, dass es keine absolute Verantwortung für das eigene Leben geben kann. Denn es ist eingewoben in umfangreiche und weitreichende Zusammenhänge, Motive, Rücksichten, Einflüsse, Prägungen usw., die die Spielräume unserer Entscheidungen so eng halten, dass sich unsere Entscheidungsfreiheit in der Praxis ziemlich bescheiden ausnimmt.

Bei der Rückprojektion auf einen vorgeburtlichen Zustand wird dagegen im Modell der bewussten Inkarnation die höchstmögliche Form der Verantwortung angenommen, die auch notwendig ist, wenn eine Entscheidung von solcher Tragweite wie die über das eigene Lebensschicksal gefällt werden soll. Nie wieder im Leben stehen wir vor einer solchen Entscheidungssituation, nicht einmal dann, wenn wir überlegen, unserem Leben ein Ende zu setzen. Denn da ist ja vorher schon einiges passiert. Und wenn wir zu dieser Frage die Literatur zu Hilfe nehmen, sehen wir etwa bei Dostojewski, welch furchtbares inneres Ringen um die Entscheidung zum Selbstmord entsteht (z.B. im Roman „Die Dämonen“). Wir sind völlig überfordert, wenn wir uns vorstellen, über das, was wir sind, eine Entscheidung über Sein oder Nichtsein zu treffen. Deshalb ist es immer eine Form der Verzweiflung, der emotionalen Verwirrung, die dazu führt, Hand an sich zu legen. Ob also jemals ein „Freitod“ aus einer „wirklich“ freien Entscheidung gefällt wurde, ist äußerst fraglich.

Woher jedoch soll diese kristallene Klarheit in der Situation vor der Empfängnis kommen, mit der sich eine Seele in voller Freiheit entscheiden müsste, ihr zukünftiges Schicksal in der ganzen Last der Verantwortung, für die volle Länge und für alle Details, auf sich zu nehmen? Nie mehr sonst im Leben kommen wir in eine solche Lage, und deshalb entwickeln wir auch nie die Kompetenz, die wir für eine derartige weitreichende und umfassende Entscheidung benötigen würden.

Wie kommen wir überhaupt auf die Idee einer solchen Entscheidungsklarheit und Entscheidungsmacht? Es ist unser assoziatives Denken, das die Möglichkeit einer derartigen Entscheidungsfähigkeit entwerfen kann, ohne dass es dafür jemals die praktischen Grundlagen geben muss. Mit unserer Fantasie verfügen wir über die Macht, uns Dinge auszudenken, die nie in Wirklichkeit passiert, praktisch ausgeschlossen sind und auch wahrscheinlich nie eintreten werden. Unter der Leitidee der Perfektion verpassen wir uns selber in dieser fantasierten Rückprojektion eine gottähnliche Macht: Was wir teilweise und fehlerbehaftet in unserem realen Leben beherrschen, können wir uns als Ideal in vollkommener Form vorstellen und ausdenken, auch wenn wir es in der Realität nie verwirklichen können. Wir können uns auf diese Weise auch die Allmacht Gottes und weitere andere Attribute des höchsten Wesens vorstellen und ausdenken, ohne dass wir für uns selber je eine Verwirklichung dieser Macht erlebt hätten. Wenn wir uns eine solchen Macht im realen Leben selber anmaßen, werden wir schnell (und zu Recht) als größenwahnsinnig eingeschätzt. Wenn wir sie auf die Anfänge unseres Lebens rückprojizieren, können wir jedoch in esoterischen Kreisen mit „spiritueller Weisheit“ punkten.

Angesichts der Frage einer vor der Empfängnis wirksamen Entscheidungskompetenz und -intelligenz legt sich ein ätherischer Schleier über die Klarheit des Denkens. Dafür brechen sich die unterschwelligen Antriebe ihre Bahn, die uns größer machen wollen, als wir sind, weil wir uns so klein und ohnmächtig fühlen. Sie prägen zu diesem Zweck die Vorstellung der makellosen und übermächtigen Seele, wie sie vor dem Anfang einer Lebensbahn steht und heroisch die umfassendste Entscheidung trifft, die jemals getroffen wird. Damit brauchen wir uns nie mehr mit unserer inneren Kleinheit und all den Gefühlen der Ohnmacht auseinandersetzen, die wir aus vielen Erfahrungen unseres Lebens angesammelt haben.


Die Realität vor der Fantasie


Was ist die Realität vor der Fantasie? Millionen Samenzellen streben zu einer Eizelle, und im günstigen Fall kommt es zur Vereinigung und zur Entstehung neuen Lebens. Es entsteht ein Embryo, winzig klein (0,1 mm), kaum differenziert, wenig Ressourcen, der Umgebung ausgeliefert auf Gedeih und Verderb, mit einer minimalen Überlebenskompetenz.

Da braucht es niemanden, der entscheidet, da hat keine Verantwortung Platz, sondern es ist die Übermacht des biologischen Prozesses, die hier das Sagen hat. Solche Vorgänge finden in der Natur permanent statt. Braucht es eine Seele, die sich bewusst entscheidet, in eines von fünf Katzenbabys zu schlüpfen? Braucht es eine Seele, die in eine der Tausenden Moskitolarven schlüpft, die sich in eine Lacke tummeln?

Bei vielen befruchteten Eizellen bestimmt die Natur einen frühen Tod, bei anderen, dass sie wachsen und reifen können. Um diese Zusammenhänge verstehen zu können, braucht es keine vorab getroffenen Entscheidungen, keine Übernahme von Verantwortung, keine Schuld und keine Rechtfertigung. Verantwortung setzt voraus, dass es Ressourcen der Selbststeuerung gibt und dass Alternativen zur Verfügung stehen. Bei der minimalen Handlungskompetenz, über die jedes ungeborene Leben verfügt, ist kaum ein Verantwortungsspielraum vorhanden.


Geist über Natur


Vielleicht ist es gerade dieses enorme Ausgeliefertsein, das unsere Anfänge kennzeichnet und das in der Funktionsweise der Natur begründet ist, das uns dazu motiviert, eine seelische Macht in diese Situation hineinzuprojizieren, die all das inszeniert hat? Vielleicht ist es unser Narzissmus, der nicht zugeben will, dass unser Leben immer schon einer größeren Macht ausgeliefert war? Bezeichnenderweise ist die Idee der bewussten Inkarnation im 19. Jahrhundert entstanden, in der Zeit, in der viele Menschen vom Überschwang der grenzenlosen Beherrschung und Kontrolle der Natur durch Wissenschaft und Technik begeistert waren. Wenn wir als Menschheit der Natur unseren Willen aufzwingen können, kann es doch nicht sein, dass unser eigener Beginn dem Gutdünken der Natur unterworfen ist. Auch hier muss der menschliche Geist der Natur übergeordnet werden.
 

Ist das nicht ziemlich unfair?


Weiters könnte man noch fragen, wie dann der Körper, dieses reine Naturprodukt, dazukommt, die Last dieser Entscheidung zu übernehmen, die ihm die Seele aufbürdet? Schließlich leidet er genauso unter den Schwierigkeiten des Lebens, zu dem sich die Seele entschieden hat. Ein unfaires Bündnis, das er da mit dieser Seele im Moment seiner Entstehung eingeht, eingehen muss, gewissermaßen im schwächsten Moment über den Tisch gezogen, oder  schon mit einer Hypothek belastet, sobald es los geht, ohne selber die Chance zu haben, ja oder nein zu sagen. Anschließend, für den Rest des Lebens, kann er gemeinsam mit der Seele die Suppe auslöffeln, die sie ihm eingebrockt hat.

Aber wer fragt einen Körper, wenn doch der Geist der Materie überlegen ist? Vielleicht ist der Geist nur deshalb überlegen, weil er überlegen sein will, weil er nicht akzeptieren kann, dass er nur ein Partner des Körpers ist?

Schließlich fragt sich der gemeine Menschenverstand, was in einer Seele vor sich geht, wenn sie sich bewusst entscheidet für ein Leben, das sie schon vor sich sieht: Mühsal, Armut, Probleme ohne Ende? Wer würde sich da frohen Mutes und voll Begeisterung auf ein solches Abenteuer einlassen? Würden sich nicht alle diese Seelen, die da zu einem bestimmten Zeitpunkt inkarnieren wollen, erst einmal um die knappen Startplätze für die Wohlstandsoasen der Welt streiten, sodass nur die, die ihre Ellbogen schlechter einsetzen können, dann die Masse der Elendsinkarnationen übernehmen müssen? Wie anders als ein wildes Gerangel können wir uns den Selektionsprozess vorstellen: Wer kriegt die Generaldirektorsfamilie, wer die alleinerziehende Supermarktverkäuferin, und wer den Slumbewohner in Bangla Desh?

Krass gesagt: Wie blöd muss so eine Seele sein, wenn sie, wohlgemerkt im vollen Wissen, was ihr blühen wird, ein mieses Leben mit minimalen Möglichkeiten und Chancen wählt, vorauswissend, was da alles schiefgehen wird und was alles fehlen wird, von dem die Nachbarseele, die clever in die Kreise der lucky few inkarniert, im Überfluss haben wird? Schwach dagegen ist das Argument, dass ja jedes Leben seine Herausforderungen hat und sich auch die Prinzessin schwertun kann, ihr Lebensglück zu finden, wenn unter der Matratze eine Erbse versteckt ist.

Dazu fällt mir Otto Waalkes ein: „Neulich besuchte ich einen Freund, einen Millionär. Der glaubte, der unglücklichste Mensch zu sein, weil ihm sein Rasierpinsel ins Klo gefallen war. Da nahm ich ihn beiseite und sprach: ‚Freilich bist du übel dran, dass dir dein Rasierpinsel ins Klo gefallen ist. Aber es gibt Leute, die sind viel schlechter dran als du. Die haben noch nicht einmal einen Bart!‘ Da fiel es ihm wie Schuppen aus den Haaren.“ („Das Wort zum Montag“)

Da hat offenbar eine Seele vor ihrer Inkarnation übersehen, dass auch ein Millionärsleben seine täglichen Dramen zu bewältigen hat, und sie könnte deshalb für das nächste Leben vielleicht für bengalischen Straßenkehrer optieren.


Holistisches Verständnis


Die Theorie, dass alles, so wie es geschieht, in sich einen Sinn trägt, und dass es gut ist, wenn wir es so akzeptieren, wie es kommt, können wir erst auf der holistischen Bewusstseinsstufe verstehen und verwenden. Wird dieses Konzept auf einer vorherigen Stufe der Evolution angewendet, stiftet es Verwirrung und verschiebt die Gewichte der Verantwortung. Das wäre so ähnlich, wie wenn eine Mutter zu ihrem Kind, das sich verletzt hat und weint, sagt, dass das genauso hat kommen müssen, wie es kommt, und dass es, statt zu jammern und zu klagen, akzeptieren soll, was ist. Ein Kind muss erst in seinen Gefühlen verstanden, unterstützt und getröstet werden, dann kann es irgendwann einmal selber zu der Einsicht kommen, dass alles, was passiert, seinen Sinn und seine Berechtigung hat.

Mit dieser Einstellung kommen wir in Frieden mit uns und unserer Umgebung. Zu dieser Einstellung kommen wir, indem wir uns durch die Themen durcharbeiten, die wir nicht so akzeptieren können, wie sie sind. Es hilft dabei nicht, die Beschwernisse und Belastungen unseres Lebens durch vorexistenzielle Konstruktionen zu beschönigen und uns zusätzlich noch die Verantwortung für unsere Existenz von Anfang an aufbürden.

Das holistische Bewusstsein lehrt uns, dass die Wahrheit einfach ist. Es zeigt uns, wie befreiend es ist, Konzepte und Modelle loszulassen, die uns, auch wenn wir ihnen vertraut haben und uns an sie gewöhnt haben, eigentlich Ballast und Hindernis auf unserer Innenreise sind. Da kann es helfen, diese Modelle von verschiedenen Seiten zu betrachten und auf unterschiedliche Erfahrungsebenen zu beziehen. Dann erkennen wir ihre Willkürlichkeit und Relativität und können leichter auf sie verzichten, was uns im Sinn dieser Bewusstseinsstufe hilft, mehr im Fließen des Moments zu sein.


Vgl. Das Modell der Inkarnation und die praktischen Konsequenzen

Dienstag, 26. Februar 2013

Entscheidungen – Werkzeuge der Freiheit oder der Illusion

Was hat es mit Entscheidungen auf sich? Besteht unser ganzes Leben aus Entscheidungen? Können wir über unser Leben als Ganzes entscheiden? Auf jeder Entwicklungs- und Erfahrungsebene finden Entscheidungen statt. So können wir uns vorstellen, dass schon ein einzelliges Lebewesen in bedrohliche Situationen kommt, in denen es entscheiden muss, ob es standhalten oder fliehen soll. Viele dieser Entscheidungen betreffen einfache Alternativen mit dem Charakter der Bedrohung oder der Anziehung. Es sind also Entscheidungen zwischen Kampf und Flucht oder zwischen Gut und Besser. Z.B. können sich zwei alternative Nahrungsquellen anbieten, und dazwischen ist eine Wahl zu treffen. Hier ist das Lebewesen von einem inneren Bedürfnis angetrieben, und die Entscheidung gibt die Richtung für die Befriedigung des Bedürfnisses vor. 

Wir können annehmen, dass jede Lebensform über eine einfache Art der Selbstbezüglichkeit verfügt. Auch ganz primitive Organismen sollten in der Lage sein, sich auf die inneren Vorgänge eine Rückmeldung zu geben. In all diese Vorgänge sind Evaluierungen eingebaut, z.B. nach dem Muster: förderlich/gefährlich, angenehm/unangenehm, normal/außergewöhnlich usw. Vorgänge, die „positiv“ konnotiert sind, werden verstärkt, sollen also öfter stattfinden, die anderen sollen abgeschwächt werden. Was sich bewährt, wird wiederholt, was nicht funktioniert, wird abgestellt. Dazu sind Feedbackschleifen notwendig, die die Grundlage für das Gedächtnis bilden. 

In der weiteren Entwicklung differenziert sich diese Rückbezüglichkeit. Je komplexer das Lebewesen, desto komplexer ist auch die Reflexionsfähigkeit, die es benötigt. Schließlich kann sie sprachlich ausgedrückt werden (vgl. den Blogbeitrag zur internen Kommunikation vom Jänner 2013). Im Normalfall unterstützt die Reflexion die Entscheidungen, die auf der organischen Ebene im Sinn der Weiterentwicklung des Lebens gefällt werden, also dem Wachstum und der Gesundheit dienen. Kommt es zu Fehlsteuerungen, die als Folge von Traumatisierungen auftreten, kann es auch bei der Rückbezüglichkeit zu Störungen kommen, sodass sie lebensschwächend wirkt. Die dem entsprechenden Gefühle sind: Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Lebensmüdigkeit, die Gedankenmuster: Das Leben ist sinnlos, es wird nie besser, usw. Damit entwickeln sich „teuflische“ Regelkreise, die gerade jene Entscheidungen auf der Zellebene unterstützen, die zu Beschwerden und Problemen führen. 

Esoterische Entscheidungsmodelle 


In manchen Denkmodellen der Esoterik ist – in Anlehnung an hinduistische und buddhistische Lehren – die Rede davon, dass sich jede Seele vor ihrer Inkarnation für dieses neue Leben mit all seinen Details entscheide. Da sich die Seele vor der Inkarnation im körperlosen „Raum“ befinde, sei sie auch jenseits der Zeit und könne deshalb die eigene Zukunft schon voraussehen, für die sie sich entscheidet. Gewissermaßen können wir keine Katze im Sack kaufen. 

Damit verbunden ist die Idee der Verantwortungsübernahme: Du hast dich entschieden für diese Eltern, für diese Familie, für dieses Leben, also löffle gefälligst die Suppe aus, die du dir eingebrockt hast, und hör auf zu jammern. Nachträgliche Reklamationen werden nicht angenommen. Der Konsumentenschutz ist also in jener anderen Welt noch nicht sehr weit entwickelt. 

Unterstellt wird dabei ein voll entwickeltes Ego, das in diese körperlose Seele hineinprojiziert wird, eine Instanz, die Angenehmes und Unangenehmes bewerten, unterscheiden und über den Zeitraum eines ganzen Lebens bemessen kann und sich auf dieser Grundlage entschließt, die Reise zu wagen. 

Dazu gehört übrigens auch die Vorstellung, dass diese Entscheidung, kaum ist sie getroffen, gleich wieder vergessen wird. Wir kommen also nicht auf die Welt mit diesem Wissen und lassen es auch nicht verlauten, sobald wir der Sprache mächtig sind. Erst ein erwachsenes Bewusstsein stößt auf diese Gedankenwelt und kann darin Sinn finden. Denn es kann ja eine gewisse Sicherheit bietet, annehmen zu können, über Kompetenzen zu verfügen, die mit einer derartigen Macht über das eigene Leben verbunden sind: Ich als entscheidungsbefugt über meine eigene körperliche Existenz: Sage ich nein, geht es zurück in die heiteren und unbeschwerten Bardoräume, sage ich ja, wird die Natur beauftragt, ein neues Leben entstehen zu lassen. Da komme ich schon nahe an den Schöpfergott heran. Und Ich dazu noch mit hellsichtigen Fähigkeiten ausgestattet, für die die Zukunft ein offenes Buch ist, in dem man nur blättern muss, wow! 

Therapeutisch mag es in manchen Kontexten sinnvoll sein, jemanden daran zu erinnern, dass es sein Leben ist, mit dem er umgehen muss, und dass es keinen Sinn macht, darüber zu jammern. Dafür kann es möglicherweise auch nützlich sein, so zu tun, als gäbe es diese große Entscheidung für das eigene Leben am Beginn der Reise, eine wachrüttelnde und mahnende Hypothese gewissermaßen. Die Verantwortungsübernahme mittels Rekurs auf eine präexistentielle Entscheidung funktioniert allerdings nur, wenn die entsprechenden esoterischen Glaubensannahmen geteilt werden, und das kann in Zeiten der Glaubens- und Religionsfreiheit nicht jeder Klientin zugemutet werden. Therapeuten sollten sich überhaupt hüten, irgendwelche Glaubensgehalte in der Therapie vorauszusetzen oder anzubieten und eher danach trachten, die Hintergründe in der Lebensgeschichte der Klienten zu erörtern, wenn sie mit solchen Themen und Interpretationen kommen. 

Ego-Glaube 


Zudem verleitet gerade dieser Glaube zur Stärkung von Egostrukturen, die sich auf dem weiteren therapeutischen Weg der inneren Heilung als hartnäckige Störungen entpuppen könnten, ohne als solche erkannt zu werden. Denn der Glaube vermeint ja, von einer echten Erfahrung auszugehen, glaubt also an eine Wirklichkeit und nicht an eine Konstruktion. Und solche „wirklichen“ Erfahrungen wollen wir am wenigsten aufgeben oder relativieren, weil wir sie mit der Basis unserer Identität verknüpfen, wie das eben Glaubensfanatiker mit den verschiedensten Inhalten machen. 

Eine psycho-biologische Sichtweise 


Für den Skeptiker schwierig vorzustellen bleibt der implizierte Wirklichkeitsbegriff: Eine körperlose Seele hat die Fähigkeit der Erkenntnis, verfügt über eine sinnliche Wahrnehmung, mit der sie die eigene Geschichte voraussehen kann, ohne dass es Sinnesorgane gibt, ohne dass es ein Gehirn gibt, das die Sinneseindrücke erst zu Wahrnehmungen macht. Einfacher ist es da schon, davon auszugehen, dass es sich um Phantasien handelt, die sich das erwachsene Bewusstsein über seinen Ursprung bildet, und dass es die Kraft des Glaubens ist, die diesen Phantasien einen Wirklichkeitscharakter umhängt. In unserer Phantasie sind wir frei, und wir können ihren Produkten nach Belieben (Placebo) Wirkmächtigkeit geben. 

Wie ist es mit einer befruchteten Eizelle: Kann sie sich entscheiden, sich zu teilen? Kann das Ungeborene, wenn es schon weiter entwickelt ist und eine schreckliche Erfahrung erleben muss – z.B. ein Abtreibungsversuch oder der Tod eines Zwillinggeschwisters oder eine schwere Krankheit oder ein Unfall der Mutter – die Entscheidung treffen, unter solchen Umständen weiterzuleben oder aufzugeben? 

Wir sollten davon ausgehen, dass Embryonen noch nicht über Fähigkeiten verfügen, wie sie ein erwachsener Mensch hat, der vielleicht in einer Verzweiflungssituation die Entscheidung trifft, sein Leben zu beenden. Weder haben sie diesen Überblick über sich und ihr Leben als Ganzes noch haben sie die Mittel, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Und das ist auch gut so, sie brauchen diesen Reflexionsüberschuss nicht, vielmehr würde er sie an der Entwicklung hindern. 

Es bildet zwar auf der Grundlage der erlebten Gefühle Denkmuster aus wie „Ich sollte nicht da sein“, wenn es spürt, dass es nicht gewollt ist, oder: „Ich möchte nicht mehr leben“, wenn es spürt, dass es abgetrieben werden soll, oder: „Alles hat keinen Sinn mehr“, wenn ein Zwillingsgeschwister im Mutterleib stirbt, aber – es kann nicht über sein eigenes Leben als Ganzes entscheiden, weil es dieses nicht überblicken kann. 

Vielmehr gibt es die Kraft des Lebens, die stärker ist als die Gefühle und Denkmuster, die ja auch von ihr gespeist werden. Sie „entscheidet“ darüber, ob dieses Leben weiter oder zu Ende geht. Reichen die Ressourcen für das Überleben, so wächst der Embryo weiter, auch mit den lebensschwächenden Gefühls- und Denkprogrammen, sind die Ressourcen zu schwach, kommt es zum Absterben. 

Therapeutische Zugänge 


Therapeutisch wirksamer jedenfalls als den Appell an einer Verantwortung zu richten ist es, die Wurzeln von Verzweiflung und Leiden aufzuspüren und an ihren Ursprüngen aufzulösen; in diesem Fall geht es vermutlich um die Ereignisse im Rahmen der Empfängnis, bei der es zu Problemen gekommen ist. Solche traumatischen Erfahrungen erzeugen ihre spezifischen Dissoziationen, und diese werden dann später mittels der assoziativen Fähigkeiten unseres Gehirns „esoterisiert“, d.h. mittels Versatzstücken aus der Religionsgeschichte mit Sinn verkleidet. Die Glaubensform sichert das Weiterbestehen der Dissoziation und schützt vor dem Wiedererleben der Traumatisierung. 

Die de-dissoziative Traumaauflösung beginnt dort, wo die innere Aufmerksamkeit konsequent auf die Körperebene zurückgeführt wird. Das Spüren der Empfindungen im eigenen Inneren befreit von den Verstrickungen der kognitiven Erklärungsmodelle und Meta-Erklärungsmodelle und führt an den Ursprung der Verstörung. Wenn dort das Traumatische an der Erfahrung aufgelöst ist, verschwindet auch die Notwendigkeit einer esoterischen Entscheidungstheorie. 

Entscheidungsfreie Zustände 


Wenn sich ein Organismus in einem Wachstumszustand befindet, der also von keinem inneren Drang oder äußerer Bedrohung abhängig ist, spielen Entscheidungen keine Rolle, sondern das Leben fließt einfach von einer Situation zur nächsten. Wir können diesen Unterschied erleben, wenn wir uns selber im Fluss befinden, z.B. beim Spazierengehen, bei dem wir uns nicht entscheiden, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch können wir die Richtung, in die wir uns bewegen, dem überlassen, was gerade kommt. Ähnlich können wir uns bei einem freien Tanz fühlen. Wir überlassen es dem Körper, die Bewegungen kommen zu lassen, die kommen wollen. Der Kopf mischt sich nicht ein und die Verbindung mit allem rund herum ist einfach da. 

Sind wir mit unserer Kreativität verbunden, so gibt es eine Kraft, die stärker ist als unsere Kalkulationen oder Erwartungen. Ein Schritt der Verwirklichung eines Projekts führt zum nächsten, ohne dass wir vorher wissen müssen, worin er besteht. Es ist so, als würden wir von einer Entscheidung zur nächsten geführt, ohne dass es sein müsste, diese Entscheidungen überhaupt zu treffen oder ohne dass es jemanden geben müsste, der dies vollzieht. 

Wer trifft die Entscheidungen? 


Was bedeutet es, wenn wir die Natur oder das Leben samt dem ihnen innewohnenden Prinzip der Evolution als den eigentlichen Entscheidungsträger ansehen? Sie steuern auf faszinierende Weise die Entfaltung des Lebens mit einer erstaunlichen Kreativität. Warum das Leben so entscheidet, dass es das eine Wesen zur Blüte und das andere zum Verdorren bringt, verschließt sich solange, als wir in der Natur ein uns ähnliches Wesen suchen, bzw. eines, das unserer Ego-Struktur gleicht. Wir entscheiden uns doch für dieses und jenes, also muss auch die Natur so funktionieren. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss es einen Täter geben, und dieser muss dingfest und verantwortlich gemacht werden. 

Wenn nicht die Natur, dann gehen wir noch eine Ebene dahinter oder darüber und sehen Gott als den eigentlichen Entscheidungsmacher. Er (oder sie) misst dem Einen das große Glückslos zu, während der andere jede Woche brav den Schein ausfüllt und ein Leben lang nicht gewinnt. Und wenn er nicht in unserem Sinn entscheidet, hadern wir mit ihm, weil er doch der Letztverantwortliche ist für das, was uns zustößt, zumindest für das, wofür wir „nichts können“, d.h. wofür wir uns nicht verantwortlich fühlen. 

Um vieles leichter geht uns, wenn wir gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir uns entscheiden, sondern wenn einfach geschieht, was geschieht, ohne dass sich dieses wichtigtuerische Ich einmischt. Um so viel freier fühlen wir uns in der Erfahrung des Getragens- und Geführtwerdens, im Loslassen unserer Entscheidungslast. Oder? Wenn wir es dem Geschehen überlassen, was geschieht, ohne dass hier jemand mitentscheidet: Mit dem Leben fließen, statt es zu kontrollieren. Dann fühlen wir uns wie im Paradies – oder wie im Himmel.