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Montag, 30. November 2020

"Jemanden ausrichten" - eine perfide Form des Mobbing

Im Österreichischen gibt es den interessanten Ausdruck: „Jemanden ausrichten“. Damit ist gemeint, über jemanden, der gerade nicht anwesend ist, Schlechtes und Abwertendes zu reden. In dieser Redewendung verbirgt sich der Zweck des Bewertens: Jemand, der die von einer Gruppe vorgegebene Linie verfehlt oder von ihr abweicht, soll wieder ausgerichtet, also in die richtige Richtung gelenkt und auf den allgemeinen Kurs gebracht werden. Zugleich verständigen sich die Sprecher, die „Ausrichter“, dass sie einer Meinung sind und damit ein Recht darauf haben, die abwesende Person zu kritisieren.

Weiters steckt in dem Ausdruck auch das Richten, also die Ausübung eines Richteramtes. D.h. die Gruppe derer, die über jemanden herziehen, maßt sich die Befugnis an, diese Person zu richten, also feststellen, was an deren Tun oder Verhalten oder „Sein“ Recht und was Unrecht ist. Die Gruppe der Ausrichter stellt sich über die Einzelperson und gefällt sich in der Rolle, eine Norm gegen Abweichler zu sichern. 

Das Wohlgefühl, das solche Aktionen für die Ausrichtenden mit sich bringen mag, liegt darin, sich in einer überlegenen Position der Sicherheit zu fühlen: Mir kann nichts passieren, denn abgewertet und ausgegrenzt wird die abwesende Person. Ich bin mit den Anwesenden darüber einig, was sich gehört und was daneben ist. Damit bin ich auf der sicheren Seite. 

Doch bleibt die Gefahr bestehen, dass auch ich Opfer der ausrichtenden Recht-Sprechung werde, die hinter meinem Rücken abgehalten wird, wenn ich gerade nicht dabei bin. Um dem vorzubeugen, muss ich mich besonders bemühen, immer wieder und rechtzeitig zu den „Ausrichtern“ zu gehören, und am besten in diesem Sektor eine führende Rolle einzunehmen. So sichere ich meine Position und Zugehörigkeit ab, auf Kosten der ausgerichteten Menschen. 

Die Dynamik der Abwertung

Die weite Verbreitung des Phänomens, dass Menschen Zeit damit verbringen, über andere Menschen Schlechtes zu reden, also das zu benennen, was ihnen nicht gefällt, was sie stört oder ärgert, kann aus dieser selbstverstärkenden Dynamik verständlich werden. Sie erklärt auch, warum es schwer ist, aus der Dynamik auszusteigen. 

Da der Inhalt dessen, was die „Ausrichter“ bereden, in der Regel der betroffenen Person nicht mitgeteilt wird, ihr also nicht ausgerichtet wird, wird auch der Grund des verdeckten Ausrichtens weiter bestehen und stellt unversiegbare Nahrung für neuerliches Gerede zur Verfügung.

Damit bleiben die Spannungen bestehen, und die ausgerichtete Person kann sie zwar spüren und sich mit den Personen, die hinter ihrem Rücken Abwertungen oder Kritik geteilt haben, unwohl fühlen, ohne aber genau zu wissen weshalb.  

Das Netz des Misstrauens

Das Schlechtreden sät also Misstrauen und Unklarheit, nicht nur im betroffenen System, sondern auch in den beteiligten Einzelnen, den Tätern der Abwertungen, und den Opfern. Die Feigheit, die mit dem Hinter-dem-Rücken-Abwerten verbunden ist, ist von einer Angst getrieben, selber ausgegrenzt zu werden. Mit jedem Ausrichten wird sie scheinbar verringert, doch das Misstrauen wird mit jedem entsprechenden Akt tiefer ins Netz des Systems eingewoben und setzt alle unter Angst.

Das Mobbing, das schon viele Menschen in schwierige Situationen gebracht hat und sogar für manche Selbstmorde verantwortlich zeichnet, hat seine Wurzeln in solchen Dynamiken des Schlecht-über-Andere-Redens. 

Der Ausstieg

Wie kann ich aussteigen? Zunächst kann ich mir vorstellen, was es für mich bedeuten würde, wenn jemand gleichermaßen über mich herziehen würde. Als nächstes ist es wichtig, an die positiven Eigenschaften der Person zu denken und sich vorzustellen, dass diese Person auch in der Lage ist, etwas Gutes zu tun. Das kann auch die innerliche Aufregung und den Ärger besänftigen, der sich mit dieser Person verbunden hat.  

Wie kann ich andere zum Aussteigen aus der Ausrichte-Dynamik motivieren? Hier müssen wir sehr achtsam vorgehen, wollen wir nicht in den Angriffskreis des Opfers der schlechten Handlung kommen. Es könnte uns schnell dem feindlichen Lager zurechnen und der Illoyalität und des Bruches der Freundschaft verdächtigen: „Aha, du hältst also nicht zu mir, sondern zu dem Bösewicht, bist also selber einer.“ 

Der erste hilfreiche Schritt kann sein, dem Opfer Recht zu geben und verstehen, dass es sich verletzt fühlt und dass solche Handlungen der Korrektur bedürfen. Dann können wir darauf hinweisen, dass niemand immer alles richtig machen kann und dass es gut wäre, dem „Täter“ zu verzeihen. Dann kann sich das Opfer wieder entspannen und die Welt in einem größeren Ganzen sehen. Die beengende und Ärger erzeugende Perspektive auf das Erlittene weitet sich in diesem Schritt und kann angenehmeren Gefühlen Platz geben.

Jede Form von Mobbing sollte bewusst gemacht und überwunden werden, denn Mobbing ist Gift in der Gesellschaft und richtet viel Schaden an Menschen und Gruppen an, die zum Opfer gemacht werden. Es vergiftet aber auch die Mobber.

Zum Weiterlesen:
Bewertung: Anmaßung und Beziehungsstörung
Bewertung im bewertungsfreien Bereich
Das Bewerten der Bewerter



Mittwoch, 28. Februar 2018

Müssen Kränkungen krank machen?

Wer hat sich nicht schon einmal gekränkt gefühlt? Wenn uns etwas, oder eher jemand verletzt, reagieren wir mit Beleidigtsein: Du hast mir ein Leid zugefügt. Jetzt leide ich und habe eine Wunde, die du mir zugefügt hast. Ursprünglich verfügen wir über zwei Möglichkeiten, um dieses Beleidigtsein zum Ausdruck zu bringen: Mit Aggression oder mit Rückzug. In jedem Fall brechen wir den fließenden Kontakt ab und fangen statt dessen zu streiten an oder verziehen uns. 

Eine Kränkung bedeutet, dass wir das Gefühl haben, wir hätten an Wert verloren. Jemand anderer hat uns abgesprochen, ein wertvoller Mensch zu sein, indem er z.B. auf unseren Geburtstag vergessen oder uns bei einer Beförderung übersehen hat. Wir zeigen jemandem unsere kreative Produktion, z.B. ein Bild, das wir gemalt haben oder ein Lied, das wir erlernt haben, und stoßen auf höflich kaschiertes Desinteresse. Wir beziehen unseren Wert (für das, was wir tun und für das, was wir sind) aus der Wertschätzung durch andere, und wenn wir statt dessen Ignoranz oder Abwertung bekommen, sind wir enttäuscht und fühlen den Mangel als Beleidigtsein und Kränkung.

Lob und Wertschätzung lässt uns wachsen, Kritik und Abwertung engt uns ein. Was dabei wächst oder schrumpft, ist unser Selbstwertgefühl. Jede Form von Nicht-Annahme einschließlich der Nicht-Beachtung und subtiler Möglichkeiten wie Sarkasmus oder Zynismus kann eine solche Kränkung zur Folge haben. 

Wir verfügen über unterschiedliche Reaktionsmuster: Empörung, Kränkungswut, Ohnmacht, Traurigkeit, Verzweiflung, Scham. Ob wir die Kränkung nach außen zurückgeben oder nach innen wenden, hängt vom Persönlichkeitstyp, von den kindlichen Vorerfahrungen und von der Situation ab. Wenn die Kränkung nicht beigelegt werden kann, sondern immer wieder neu entfacht wird oder lange dahinschwelt, kommt es meist zum Beziehungsabbruch: „Mit so jemandem möchte ich nie wieder etwas zu tun haben.“ Doch ist damit die Kränkung noch nicht ruhiggestellt, vielmehr kann sie immer wieder aufs Neue aufflammen, wenn irgendwelche Gedanken den ursprünglichen Kränkungsanlass beschwören.

Jemand war gemein zu uns, hat uns abgewertet oder benachteiligt, war unfair, und wir haben uns abgewendet und die Beziehung beendet. Doch sobald jemand den Namen der Person erwähnt oder eine andere Assoziation auf die alte Geschichte aufmerksam macht, kann das wurmende Gefühl im Inneren aufsteigen und aggressive Gedanken auslösen: Hätte ich mir damals nicht so viel gefallen lassen, wäre ich doch schon früher ausgestiegen usw.

Gekränktsein ist ein Zeichen für einen Selbstwertmangel


Je vielfältiger die möglichen Auslöser für Beleidigungen sind und je häufiger sie auftreten, desto schwächer ist das Selbstwertgefühl ausgeprägt. Menschen, die sehr an sich selbst zweifeln, neigen dazu, sich sofort in Frage gestellt zu fühlen, wenn sie irgendwo eine Ablehnung vermuten. Oft stellt sich heraus, dass es von anderen Personen gar nicht so gemeint war, aber der Verdacht kommt leicht und schnell, dass andere einen selbst nicht mögen könnten. Solche Menschen haben ihre Sensoren auf Ablehnungsreize geschärft und scannen permanent die Umwelt ab nach möglichen Anzeichen für eine Zurückweisung. Kleinigkeiten können dann schon die Kränkungsreaktion auslösen und eine Wunde im Emotionalkörper erzeugen. Bzw. meint die betroffene Person überhaupt nicht, dass es eine Kleinigkeit ist, sondern ist überzeugt von der Gravität der Ungerechtigkeit oder Respektlosigkeit ebenso wie von der Angemessenheit der Intensität ihrer Reaktion darauf. 

Menschen, die ein fundierteres Selbstwertgefühl haben, sind weniger leicht kränkbar. Sie nehmen weniger von dem, was passiert, persönlich und beziehen weniger Vorgänge in der Umwelt auf sich. Im besten Fall fühlen sie sich nicht betroffen, wenn sie jemand anderer beschimpft, weil sie von sich überzeugt sind, dass sie keine Idioten oder Vollkoffer sein können, auch wenn ihnen das jemand ins Gesicht schreit. Sie können bei sich bleiben und steigen nicht in den Konflikt ein, der sich anbietet.

Das Selbstwertgefühl ist nicht genetisch bedingt oder einfach eine angeborene Charaktersache, von dem die einen mehr und die anderen weniger haben, sondern spiegelt den Grad an Angenommensein und Wertschätzung wieder, der in den frühen Lebensphasen vorherrschend war, begonnen mit der Form des Willkommens beim Eintritt in die Welt. Das Selbstgefühl entwickelt sich in dem Maß, in dem es von außen, von den wichtigen Personen der frühen Kindheit, bestätigt und bestärkt wird. Bei permanenter Infragestellung, Abwertung und Kritik kann sich kein stabiles Gefühl für den eigenen Wert bilden. Wenn dazu noch tiefwirkende Traumatisierungen kommen, wird die Haut noch dünner und die Empfindlichkeit noch größer. Das Misstrauen in die Welt, die es immer wieder böse mit einem selbst meinen könnte, ist ein Misstrauen sich selbst gegenüber, dieser Welt und ihren Unsicherheiten nicht standhalten zu können.

Menschen mit schwächerem Selbstwertgefühl tappen leicht in die Falle des Vergleichens. Sie sehen, dass jemand anderer besser, schöner, intelligenter usw. ist als sie selber, und schon sind sie gekränkt und fühlen sich benachteiligt. Beim Vergleichen schneidet die vergleichende Person immer schlechter ab, auch wenn sie meint, sie wäre besser als jemand anderer, denn dieses Bessersein hängt dann nur vom Schlechtersein der anderen Person ab. Wieder „entscheiden“ andere Menschen über den eigenen Selbstwert.

Wo hingegen eine positiv wertschätzende Atmosphäre in der Kindheit vorherrschte und schwerere Schicksalsschläge ausgeblieben sind, kann sich ein stabileres Selbstwertgefühl bilden, das auf einem festeren Vertrauen in die Welt und ihre Unwägbarkeiten beruht. Es fällt solchen Menschen leichter, die Vielfalt des Lebens im Blick zu haben und sich bei Erfahrungen von Ablehnung andere Erfahrungen zu vergegenwärtigen, die die Ablehnung relativieren. Ein Vorgesetzter kritisiert die eigenen Fremdsprachenkenntnisse, und man findet das Urteil ungerechtfertigt. Statt sich zu kränken, vergegenwärtigt man sich vieler positiver Rückmeldungen und Erfahrungen im Gebrauch der Fremdsprache. Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl wissen auch, dass die Umwelt nicht primär dafür da ist, den eigenen Selbstwert zu steigern und dass sie genauso wenig dauernd darauf erpicht ist, diesen Selbstwert zu schmälern. Vielmehr gibt es im Leben immer wieder mal mehr von dem einen und dann wieder mehr von dem anderen.

Der Prozess der Kränkung


Kränkung ist ein Prozess, der in unserem Inneren abläuft und zur Minderung des Selbstwertes führt und uns in Unruhe und Unfrieden bringt. Wir haben das Gefühl, dass uns jemand mit Gewalt etwas weggenommen hat, was unsere Aggressionen mobilisiert. Sie kann sich gegen uns oder nach außen richten. Sobald wir die Kränkung in uns spüren, gehen wir auf uns selber los, indem wir die Kritik von außen mit uns selber wiederholen (Ich bin ja wirklich ein Idiot, wie kann ich nur …), oder greifen die andere Person an (Wie kannst du nur? Was erlaubst du dir?). Der andere ist schuld, dass ich mich gekränkt fühle. Sobald der Vorwurf draußen ist, meint man, das Problem los zu sein. Meistens jedoch reagiert die andere Person mit einem Gegenangriff, und es beginnt der Kampf um die Schuld, jeder will sie loswerden und keiner nimmt sie. Jede Konfliktpartei legt kleinweise ein Schäufchen mehr drauf, der Konflikt eskaliert und wird immer zerstörerischer. Dazu trägt insbesondere die Kränkungswut bei, denn sie will „das Böse“ in der anderen Person zerstören. „Ich will dir noch mehr antun, damit du spürst, wie weh du mir getan hast und damit du es ja nie mehr in der Zukunft wieder probierst.“ 

Im schlimmsten Fall entwickelt sich ein Flächenbrand, der kollektive Dimensionen erreichen kann und irgendwann zu Kriegen führt. Vermutlich könnte die Weltgeschichte als Geschichte von Kränkungen geschrieben werden.

Es geht im großen wie im kleinen, internen Kampf darum, für sich selber die Sicherheit vor Bedrohung herzustellen, indem der Gegner unterworfen und entwaffnet werden soll. Wenn die andere Person endlich fertiggemacht ist, kann ich mich sicher fühlen. Natürlich ist diese Hoffnung trügerisch; ein besiegter Gegner wird immer auf Rache sinnen. Und der Aufwand des Kampfes macht mich selber müde, während die Kränkung im Inneren weiter schwärt.

Das Bedürfnis nach Rache verspricht mir ja, dass es mir besser ginge, wenn die andere Person leidet. Dann würde sie ja verstehen, was ich durchmache. Doch die Rache befreit nicht, weil sie den Konflikt nicht löst, und ihre Folgen sind unabsehbar. Rache erzeugt Rache und so weiter, theoretisch bis ans Ende der Zeit, praktisch bis ans Ende der Ressourcen. Wir können die Lawine der Rache nicht mehr kontrollieren, sobald wir sie losgetreten haben. 

Verantwortung übernehmen


Der Schlüssel für die Heilung der Kränkung liegt im Übernehmen der Verantwortung. Die Kränkung ist mein Problem, ich bin es, der so reagiert, ich könnte auch anders, und primär muss ich selber damit zurecht kommen. Kränkungen setzen dort an, wo ich einen wunden Punkt habe, wo ich eine frühe verletzende Erfahrung nicht verarbeitet habe und wo Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden. Diese alten Punkte sind der Grund dafür, dass ich aktuell empfindlich und verletzt reagiert habe und die Erfahrung nicht an mir vorbeiziehen lassen kann. Da gibt es wunde Punkte, die nicht vernarbt sind. Sobald ich erkenne, dass da etwas in mir offen ist, wenn ich gekränkt werde, kann ich mich in diesem Bereich schützen und an dem offenen Thema arbeiten. 

Erst wenn ich die Kränkung als meine Unfähigkeit, mit einer unliebsamen oder unerwarteten Erfahrung umzugehen, akzeptiert habe, kann ich einen konstruktiven Weg finden, der den Konflikt mit der anderen Person löst. Das Akzeptieren der eigenen Unfähigkeit erfordert, alle Gefühle anzunehmen, die damit verbunden sind, ohne sie nach außen loswerden zu wollen. Es bedeutet also, den Schmerz der Verletztheit zuzulassen, die Angst (z.B. vor dem Verlassenwerden) zu sich zu nehmen, die Wut zu verlangsamen und die Scham anzunehmen.

Noch ein Wort zur Verlangsamung der Wut. Wut ist ein heftiger Impuls, der häufig übers Ziel hinausschießt, wenn er sofort und ohne Kontrolle losgelassen wird. Er entfaltet dann eine zerstörerische Kraft, die schwere Schäden anrichten kann. Ein australischer Kabarettist hat deshalb den Amerikanern vorgeschlagen, statt automatischer Gewehre nur Musketen zuzulassen, denn das Stopfen und Laden dieser Waffen erfordert ein paar Minuten, und in dieser Zeit könnte der Zorn abkühlen, dass der Impuls, den anderen umzubringen, schon längst verraucht ist, bis die Waffe einsatzbereit ist.

Sobald ich mich selber in meiner Verantwortung angenommen und gestärkt habe, kann ich die andere Person an ihre Verantwortung erinnern. Vorher macht das keinen Sinn, weil es nur dazu führt, dass mit der Schuld Ping-Pong gespielt wird. Einsicht und die Bereitschaft, die eigene Position des Rechthabens zu verlassen, entsteht nur, wenn keine Bedrohung herrscht und keine Aggressionen im Spiel sind. Ich muss also in mir selber zu Ruhe und Klarheit gekommen sein, wenn ich eine konstruktive Verständigung mit der anderen Person schaffen will. Dann wird es wahrscheinlicher, dass die Person, durch die es zur Verletzung gekommen ist, bereit ist, sich mit mir auseinanderzusetzen und den eigenen Anteil an dem Konflikt zu reflektieren. So kann es zu dem Mitgefühl kommen, das uns hilft, die Kränkung zu verarbeiten, Missverständnisse klären sich auf und die Spannung kann versöhnlich beigelegt werden.

Literatur:
Bärbel Wardetzki: Ohrfeige für die Seele: Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können. Dtv, München 2004
Ein Vortrag von Bärbel Wardetzki kann hier gehört werden.

Samstag, 7. Oktober 2017

Bewerten: Anmaßung und Beziehungsstörung

Bewertungen schlagen einen Keil in den Beziehungsraum, schreibt Annette Kaiser in ihrem Buch: Erwachende Seele. Die zwölf Phasen des Gebets (München: Kösel 2010). Immer wieder sind wir verletzt, wenn wir von nahestehenden Menschen abgewertet werden. Immer wieder verfallen wir selbst ins Bewerten, wenn wir uns über etwas oder jemanden ärgern, und richten damit in den Beziehungsräumen Schaden an.

Wenn ich eine andere Person oder ihr Verhalten bewerte, stelle ich mich über sie. Ich gebe vor, dass ich über einen Maßstab verfüge, an dem ich Menschen abmesse, und lege diesen Maßstab an, wie ein Schneider an den Anzugsstoff. Ich will über die Messung feststellen, ob die andere Person zu meinen Kriterien passt. Das ist grundsätzlich nicht falsch und etwas, das wir die ganze Zeit automatisiert machen: Was passt zu uns, was unterscheidet sich von uns, was gefällt uns, was nicht, wer ist uns sympathisch, vor wem müssen wir uns in Acht nehmen usw. Diese unbewusst fortwährend ablaufenden Bewertungen dienen ja dazu, dass wir uns in der unübersehbaren Vielgestaltigkeit der Welt zurechtfinden.

Wenn wir die Bewertungen auf die bewusste Ebene bringen und sie in die Kommunikation einbringen, gilt es, ethisch mit ihnen umzugehen. Wir müssen uns klarmachen, dass sowohl unsere Maßstab als auch die Kriterien, der er abbildet, aus unseren eigenen Normen von richtig und falsch abgeleitet sind. Wir nehmen an, dass unsere eigenen Maßstäbe und Kriterien richtig sind und dass sie andere notwendiger Weise und zu ihrem besten Nutzen übernehmen sollten und dass mit ihnen etwas falsch ist, wenn sie das nicht tun.

In der Bewertung gebe ich also vor, eine übergeordnete objektive Position einnehmen zu können, von der ich auf andere herunterschauen kann, die an einem objektiv auffälligen Mangel leiden, nämlich dass sie meine objektiv überlegenen Standards nicht teilen. Mit der Bewertung will ich erreichen, dass sie auf diesen Mangel aufmerksam werden und gebe ihnen die Chance, den „besseren“ Standard zu übernehmen. Dann kann ich von meiner Bewertung lassen; im anderen Fall muss ich sie aufrechterhalten, bis bei der anderen Person eine Besserung, eine Veränderung in meine Richtung eingetreten ist. 


Die Überheblichkeit im Bewerten


Als Bewerter bin ich von der Überzeugung getragen, dass ich der anderen Person etwas Gutes tue, wenn ich sie bewerte, weil ich meine, ich müsse sie auf ihrem Irrtum, der ihr ja schadet, aufmerksam machen. Wenn sie meine Standards übernähme, würde sie von diesem Irrtum genesen, ein besserer Mensch werden –  und mir mein Leben leichter machen.

Das Ego mischt sich beim Bewerter also mehrfach ein: Zum einen will es im ethischen und kognitiven Sinn besser sein als die bewertete Person. Zum zweiten will es vermeintlich Gutes für die Adressatin der Bewertung und zum dritten möchte es ein eigenes Problem aus der Welt schaffen, an dem es leidet, das es sich aber nicht anschauen möchte. Für das Ego ist es immer die Patentlösung, dass andere sich ändern, wenn es Probleme mit ihnen hat.


Die Seite des Empfangens


Aus der Sicht des Empfängers der Bewertung betrachtet, schaut das Bild naturgemäß anders aus. Nur wenn die emotionale Schwingung, mit der die Bewertung ausgesprochen wird, wertschätzend und annehmend ist, also wenn die Bewertung im Rahmen einer gleichrangigen Beziehung ohne Involvierung des Egos geäußert wird, wird sie der Empfänger als Hilfe und Unterstützung annehmen können. Sobald sich auf der emotionalen Ebene Überheblichkeit und Besserwisserei oder sogar aggressive Ablehnung dazumischt, wird die Bewertung als verletzend und beleidigend empfunden. Die Kommunikation erleidet eine Störung und Belastung, und der Beziehungsraum wird in Mitleidenschaft gezogen.

Bewertungen können also schnell zu kommunikativen Waffen werden, mit denen wir andere Menschen in Frage stellen und sie auf diese Weise in ihrem Existenzrecht bedrohen. Sie dienen uns dazu, uns anzumaßen, über andere Macht auszuüben, nämlich die Macht, Wert zu- oder abzusprechen. Eine ethische Einstellung zu anderen Menschen beginnt mit dem Anerkennen des individuellen Wertes jedes Menschen. Das ist die Grundlage für zwischenmenschlichen Respekt: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Niemand kann mehr Wert für sich beanspruchen als jemand anderer. Nur wenn diese Ebene sicher und von Vertrauen getragen ist, macht es Sinn, andere Menschen auf ihre Schwächen und Fehler aufmerksam zu machen.


Das ökonomische Werten


Hier trennt sich die ethische von der ökonomischen Einstellung. In der letzteren hat alles einen unterschiedlichen Wert, Dinge sowieso, deren Wert in einem Preis berechnet wird, und Menschen ebenfalls, die mittels der unterschiedlichen Verfügung über Dinge (messbar an der Menge an Geld und Sachwerten, die die betreffende Person besitzt) auf einer unendlichen Skala voneinander unterschieden sind. Für US-Amerikaner ist ihr Jahreseinkommen Teil ihrer Identität. Der ökonomische Wert kann in Zahlen ausgedrückt werden und ist damit eindeutig fixiert. Er wird vom Markt bestimmt und ändert sich gemäß Angebot und Nachfrage.

Auf der ethischen Ebene hingegen lassen sich die Menschen nicht quantitativ (=messbar) voneinander unterscheiden, sondern qualitativ. Diese Unterschiede können nicht mit einer Messlatte verglichen werden, weil jeder Mensch einen eigenen Maßstab bräuchte. Qualitative Unterschiede können nicht eindeutig bewertet werden, wir können sie nur differenziert beschreiben, wie wir die Unterschiede zwischen den Blättern eines Baumes oder den Blüten einer Pflanze verbal oder zeichnerisch darstellen können, aber nicht in Zahlenverhältnissen. Menschen sind unausschöpflich und unausdeutbar, unbegrenzt und unendlich individuell im Sinn von einzigartig. Deshalb gibt es keine ethisch vertretbare Rangfolgen unter den Menschen, keine Rankings, sondern eine grundsätzliche Gleichbewertung der jeweiligen Individualität.

Auf der ethischen Ebene wissen wir, dass die menschliche Gemeinschaft nur auf dieser Grundlage existieren kann, dass sie somit auch die Basis für jede Form von Ökonomie darstellt. Menschliche Gesellschaften können nur einen begrenzten Rahmen von Ungleichheit und Ausgrenzung erlauben, sonst brechen sie zusammen. Und das Bestreben nach Wertgleichheit unter den Menschen wird immer ein mächtiger Impuls zur gesellschaftlichen Änderung sein. Denn im Grund leiden alle Mitglieder der Gesellschaft an bestehenden Ungleichheiten, die auf Abwertungen von Menschen gegründet sind. Die Kerben, die sich durch die Gesellschaft ziehen, betreffen alle, ob sie auf der einen oder auf der anderen Seite stehen. 


Zum Ursprung des Bewertens


Wir verstehen und erkennen leicht, dass das Bewerten ein Reflex ist, der aus unserer Kindheit stammt. Eltern sind oft der Meinung, dass sie ihre Kinder in eine bestimmte Richtung erziehen müssen, die sie für richtig und förderlich erachten, und versuchen das innere Wachstum ihrer Sprösslinge mit positiven wie negativen Bewertungen auf diesen Weg zu lenken. Kleine Kinder nehmen grundsätzlich an, dass die Eltern mit ihren Ansichten und Strategien Recht haben, obwohl sie spüren, dass sie in ihrem Sein und Werden beschnitten werden.

Üblicherweise tun wir unseren Mitmenschen das an, was uns als Kindern angetan wurde, zu einem Zeitpunkt, als wir uns nicht wehren konnten, sodass wir damals schon den unbewussten Glauben entwickelten, dass es normal und sinnvoll ist, andere Menschen abzuwerten. Sobald wir als Erwachsene irgendwie in die Enge kommen und uns etwas Angst bereitet, haben wir die Strategie des Abwertens bei der Hand, um uns zu schützen. Das ist der einfache psychologische Mechanismus hinter der Gewohnheit des Abwertens, den wir erst außer Kraft setzen können, wenn wir uns den Ängsten stellen, die wir als Kind erlebt haben, wenn uns die Erwachsenen abwertend und abschätzig behandelt haben, am besten in der Gegenwart von einer Person, die uns bewertungsfrei und akzeptierend begegnet.


Zum Weiterlesen: Bewerten im bewertungsfreien Raum

Donnerstag, 10. März 2016

Schuldgefühle und ihre Hintergründe

Wir machen uns schuldig, wenn wir anderen Menschen etwas antun und ihnen Leid zufügen. In den seltensten Fällen tun wir das absichtlich, geplant und gewollt. In den meisten Fällen handeln wir aus der Einsicht und den Kräften heraus, die uns gerade zugänglich sind. Es passiert jedoch etwas, was anderen Personen Probleme bereitet, sie verletzt und enttäuscht, sie unter Stress setzt und irritiert.

Dann sind wir, wie es schon die griechische Tragödie thematisiert hat, unschuldig schuldig. Unschuldig, weil wir nicht wissen konnten, dass die andere Person verletzt wird, schuldig, weil wir die Verletzung verursacht haben.


Schuld und Entschuldigung


Für diese Fälle gibt es die Ent-Schuldigung, um die wir die andere Person bitten, wenn wir erkannt haben, dass unser Handeln einen physischen oder emotionalen Schaden bei ihr angerichtet hat. Mit der Entschuldigung gestehen wir ein, dass wir in unserem Handeln nicht alle Auswirkungen mitbedacht haben und dass wir einsehen und anerkennen, dass unser Handeln Auswirkungen hatte, die die andere Person belasten.

Im Grund können wir nicht mehr tun als das. Wir stehen zu unserer Schuld und tragen sie. Es liegt dann bei der anderen Person, die Entschuldigung anzunehmen und damit den Zyklus abzuschließen. Wir können diese Annahme nicht einfordern, sie kann nur aus der anderen Person kommen.

Die Annahme der Entschuldigung beinhaltet, dass der Fall damit einvernehmlich geschlossen und in die Vergangenheit verabschiedet wird. Wenn die Person, die sich beleidigt fühlt, nach dem Akt des Entschuldigens und der Annahme weiter Vorwürfe und Beschwerden über den Vorfall äußert, hat sie die Entschuldigung nicht wirklich akzeptiert und setzt sich damit selbst ins Unrecht, lädt Schuld auf sich. Wenn wir eine Entschuldigung nur scheinbar oder überhaupt nicht annehmen können, die offen und ehrlich von der anderen Person kommt, liegt es daran, dass die Verletzung, die passiert ist, eine tiefere Wunde in uns angerührt hat, die weit in die Vergangenheit zurückreicht und nichts mit der Person zu tun hat, die sie aktiviert hat.

Wenn wir auf den weisen Teil in uns hören, können wir jeder Person, die uns gekränkt hat, danken, dass sie uns auf ein Thema aufmerksam gemacht hat, das wir noch nicht aufgelöst haben. Wir können uns für die Hilfe, bewusster zu werden, bedanken. In jeder Verletzung steckt ein möglicher Gewinn für uns selber, wenn wir sie annehmen und ihre Hintergründe erforschen.


Unschuldig in der Schuld


Leider tun wir Menschen uns schwer damit, einzusehen, dass wir in jeder Situation immer nur das tun, was wir gerade als das Beste in unseren Kräften stehende zu tun vermögen; denn könnten oder wüssten wir es besser, würden wir es anders machen. Wir haben in jedem Moment genau jene Kräfte und Potenziale, Fähigkeiten und Durchblicke zur Verfügung, die uns zugänglich sind. Wir sind in jedem Moment genau so gut oder schlecht, wie wir eben sind. Dafür sollten wir uns selbst zuallererst Verständnis und Nachsicht gewähren. Diese Barmherzigkeit uns selbst gegenüber dient dann als Brücke für die Versöhnung mit denjenigen, die uns etwas angetan haben.

Die Überheblichkeit des Schuldgefühls


Wir leiden an Schuldgefühlen. Sie machen uns innerlich Druck, schmälern unseren Selbstwert und verringern unser Wohlgefühl. Unter ihrem Einfluss stellen wir uns selbst in Frage, werten uns ab und machen uns schlecht.

Deshalb mag es seltsam klingen, Schuldgefühle mit Überheblichkeit in Zusammenhang zu bringen. Schuldgefühle entspringen der Annahme, dass wir perfekt sein müssten, unfehlbar und makellos. Und dass wir die Kontrolle und Übersicht über die Wirklichkeit haben müssten, ebenso über die Folgen unserer Handlungen. Doch sind wir nur beschränkte Wesen mit begrenzten Wahrnehmungen und Denkfähigkeiten. Wir sind der Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit der Welt ausgesetzt. Wenn wir diese Tatsache ignorieren, sind wir überheblich. Wir halten uns für mächtiger als wir jemals sein können, wir verwechseln Möglichkeit und Wirklichkeit.

Letztlich ist im Schuldgefühl ein Sich-über-den Lauf-der-Dinge-Stellen-Wollen enthalten, so als hätten wir eine umfassende Macht über das, was passiert – wir haben sie aber nicht. Und das Eingestehen der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit ist der erste Schritt zum Verabschieden der Schuldgefühle. Die Regie in unserem Leben liegt nicht bei uns, wir haben nur einen kleinen Gestaltungsspielraum bei dem, was das Ausfüllen unserer Rolle anbetrifft. Wir können neues lernen und damit unsere Freiheitsräume erweitern. Aber der große Teil unseres Denkens und Tuns, selbst unseres Wahrnehmens ist unserer willentlichen Kontrolle entzogen. Nur ein Bruchteil der Operationen, die unser Gehirn vollzieht, ist dem Bewusstsein und der willentlichen Steuerung zugänglich.

Bei unseren Mitmenschen ist es genauso. Deshalb können wir uns vornehmen, ihren Fehlerhaftigkeiten und Unzulänglichkeiten mit Nachsicht und Verständnis zu begegnen, auch wenn wir uns im ersten Moment beleidigt und verletzt fühlen.


Wurzeln in der Kindheit


Unsere Schuldgefühle haben sich ausgeprägt, als wir noch klein waren. Scheinbar waren die Großen, die uns umgeben haben, frei von Fehlern und Irrtümern, scheinbar haben sie immer alles richtig gemacht. Als die Kleinen konnten wir ja nicht wissen, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Erst langsam haben wir erkannt, dass auch die erwachsenen Bezugspersonen unvollkommen sind. Doch da waren unsere Selbstabwertungen innerlich längst schon fest etabliert. Oft wurden wir in unseren Fähigkeiten, uns richtig zu verhalten überfordert, und haben bald begonnen, uns selbst zu überfordern. Deshalb ist der Leistungsdruck eng mit Schuldgefühlen verbunden: Wann immer wir nach irgendeinem Maßstab nicht genug leisten, sollten wir uns schuldig fühlen.

Doch blockiert das Schuldgefühl die Leistungsfähigkeit. Wir können uns zwar von ihm angetrieben und motiviert fühlen, kommen aber unter seinem Druck schnell in Stress, der dann wieder die Leistungsfähigkeit hemmt, weil diese auch einen Entspannungsfaktor braucht. Stress macht uns unkonzentriert und dadurch fehleranfälliger, was die Schuldgefühl-Spirale antreibt und verstärkt.

Schuldgefühle können deshalb die Selbstausbeutung fördern: Über unsere Grenzen gehen, um ja nicht äußerer Kritik zu verfallen, um ja die Erwartungen anderer lückenlos zu erfüllen, tun wir alles, was in unseren Kräften steht, bis diese über die Maßen erschöpft sind. Dieser Mechanismus ist leider eine zentrale Antriebskraft der Leistungsgesellschaft, die die Menschen über die Erfolge definiert, die sie im Leben erzielen, von denen ihre Fehler und Misserfolge abgezogen werden.


Ungeschehen machen


Manchmal wollen wir ungeschehen machen, was passiert ist. Wir haben einen blöden Fehler gemacht, und haben das Gefühl, dass wir mit den Folgen des Fehlers nicht fertig werden können. Deshalb fantasieren wir den Fehler weg, indem wir denken, wie wir anders hätten handeln müssen, damit der Fehler nicht passiert wäre. Wir werden zu Kindern, die noch glaubten, dass magische Kräfte die Welt regieren, die Vergangenheit wie die Zukunft, und dass diese Kräfte auch etwas, was schon geschehen ist, wieder löschen können. Wir meinen, wir könnten die Zeit zurückdrehen und die Geschichte in einer harmloseren Version neu schreiben, sodass wir als die Guten und Vollkommenen aussteigen.

So sind wir mit diesen Fantasien beschäftigt und müssen uns nicht mit den Folgen unseres Fehlers praktisch auseinandersetzen – was uns allerdings in den allermeisten Fällen nicht erspart bleibt. So schieben wir nur hinaus zu tun, was zu tun ist, was wiederum in vielen Fällen den Fehler noch verschlimmert, sodass noch mehr getan werden muss, um ihn auszubügeln. Wir vertrauen nicht auf die Kraft, die wir haben, um nach jedem Versagen wieder aufzustehen, sondern klammern uns an die Illusion, dass wir ohne Anstrengung weiterkommen.

Ein Psychologe sagt vielleicht, dass die Fantasien, die die Vergangenheit umschreiben wollen, einem Probehandeln dienen: Wir wollen imaginär üben, wie wir es beim nächsten Mal besser machen. Mir ist der Blumentopf beim Gießen runtergefallen und indem ich die missglückte Aktion Revue passieren lasse, wie sie hätte ablaufen sollen, ich präge mir ein, wie ich den Fehler das nächste Mal vermeide. Nur: Das nächste Mal gibt es nicht in dieser Weise, die Bewusstheit ist bei der nächsten ähnlichen Handlung ohnehin erhöht. Ich lerne unmittelbar aus den Folgen meines Tuns, was in das nächste Mal einfließt. Fehler schulen meine Achtsamkeit.


Das Vergangene der Vergangenheit


Was geschehen ist, ist geschehen, es lässt sich nicht mehr ändern. Wir wissen es ja, wollen es aber oft nicht wahrhaben, wenn wir noch im Schock des Fehlers stehen. Auch der Fehler gehört in die Vergangenheit, ins Jetzt gehört das Umgehen mit den Folgen – Reparieren, was kaputt gegangen ist, Wiedergutmachen, was als Schaden angerichtet wurde usw. Wenn getan wurde, was getan werden kann, sollte das Leben wieder weitergehen und das ganze Ereignis, die fehlerhafte Handlung und die Bewältigung der Folgen, in die Vergangenheit verabschiedet werden. Wir haben die Lektion gelernt und sind in Bewusstheit und Achtsamkeit gewachsen.

Wenn wir die von Überheblichkeit geprägte Haltung der eigenen Selbstüberschätzung hinter uns gelassen haben, brauchen wir keine Schuldgefühle mehr. Wir wissen, dass wir manches gut und manches weniger gut machen, dass wir fehleranfällig sind, eben Projekte im Werden, die durch Lernen flexibler und kreativer werden. Mit Schuldgefühlen binden wir uns an die Vergangenheit und hindern uns daran, den gegenwärtigen Moment voll auszuschöpfen und mit unserer Kraft und Gestaltungsfreude mitzugestalten.