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Donnerstag, 9. Oktober 2025

Parteilichkeit und Allparteilichkeit

Manchmal ist die Aussage zu hören: Man darf nicht Partei ergreifen in einem Konflikt, sonst wird man gleich Teil des Konflikts. Im Grund sind alle Seiten gleichermaßen an einem Konflikt beteiligt. Der einzige sinnvolle Standpunkt ist außerhalb des Konflikts, von dort aus kann dann niemand verurteilt werden. 

So weise diese Sichtweise klingt, so hohl ist sie als Forderung in der Praxis. Denn sie geht von einer wertungsfreien Position aus, die es nicht gibt. Wir können nicht nicht bewerten, wenn es um einen Konflikt geht, der uns emotional bewegt. Die Bewertung wird von unserem Unbewussten vorgenommen, ob wir es wollen oder nicht. Wir können uns die Bewertung bewusst machen, indem wir den Gefühlen nachspüren, die wir den Konfliktparteien gegenüber fühlen. Meistens wird es so sein, dass uns eine Konfliktpartei sympathischer ist und wir sie eher in der Opferrolle sehen. 

Das Bewusstmachen der Wertungen, die unser Unterbewusstsein vornimmt, kann uns in der Folge dazu führen, dass wir zu einer wertungsfreien Position gelangen, ohne dass dadurch die Wertungen in unserer Emotionalwelt verschwinden. Wir nehmen eine übergeordnete Sichtweise ein, durch die wir die Triebkräfte aller Konfliktparteien besser verstehen können und dann vielleicht Empathie mit allen, die im Konflikt involviert sind, empfinden. Allerdings enthebt uns diese Perspektive nicht von der Pflicht, Stellung zu beziehen, wenn im Konflikt Dynamiken im Gang sind, die die Menschlichkeit bedrohen.

Jeder Konflikt betrifft uns

Im Grund geht unser jeder Konflikt, der besteht, etwas an. Wir haben etwas damit zu tun, weil wir eben Teil der Menschheitsfamilie sind, und Spannungen in dieser Familie erzeugen auch bei uns Spannungen. Natürlich haben wir keine direkten Bezüge zu den allermeisten Konflikten in dieser riesigen Familie. Aber vor allem größere Auseinandersetzungen, die viele Opfer fordern, betreffen uns, sobald wir davon erfahren, selbst wenn wir weit vom Geschehen sind und persönlich nicht eingreifen können. Denn es ist menschliches Leid, das verursacht wird und das ein Ärgernis für das Menschheitsgewissen darstellt. Es darf uns nicht gleichgültig lassen, wenn Menschen gefoltert, vergewaltigt und umgebracht werden. Denn die Gleichgültigkeit gegenüber Leid lässt uns zum Teil der Unmenschlichkeit werden. Auch wenn es nicht in unserer Macht steht, das Leid zu lindern oder die Ursachen des Leides zu beseitigen, sind wir betroffen, denn es sind unsere Brüder und Schwestern, die ins Unglück gestoßen oder getötet werden.

Ausreden

Selbst die Rationalisierungen, mit denen wir unser Betroffensein wegwischen wollen, sind unmenschlich. Wir erfinden Gründe, warum wir nichts zu tun haben mit den Bösewichtern dieser Welt und ihren Untaten oder dass die Leidenden an ihrem Unglück schuld sind oder dass wir genug mit unserem eigenen Leben mit seinen kleinen Konflikten beschäftigt sind. Mit solchen Versuchen, uns vom Mitgefühl zu distanzieren, schneiden wir uns von dem Teil in uns ab, der weiß, was menschlich und was unmenschlich ist.

Parteinahme verengt den Blick

Bei jeder unbewusst vorgenommenen Parteinahme für eine Konfliktpartei werden Aspekte unterschlagen, sodass die Konfliktlage verzerrt erscheint. Aber wenn unser immer vorläufiges Urteil darüber klar, wer im Konflikt der Täter und wer das Opfer ist, dann müssen wir Partei ergreifen, um den Tätern eine Grenze zu setzen. Sie dürfen nicht einfach so weitermachen und noch mehr Opfer produzieren. 

Allparteilichkeit ist zwar eine Tugend, die Gruppenleiter, Konfliktmoderatoren oder Friedensstifter brauchen. Aber außerhalb dieser Rollen hat sie keinen Nutzen dort, wo Unrecht geschieht und dadurch Leid verursacht wird. Hier muss Stellung bezogen werden, sodass die Täter zur Verantwortung gezogen werden können. Sich in solchen Situationen das Mäntelchen der Allparteilichkeit überzuhängen, ist billig und feig. Wir müssen und können nicht immer mutig sein, es sollte uns aber bewusst sein, dass wir auch die Überparteilichkeit als Ausrede und Rechtfertigung missbrauchen können. 

Die Parteilichkeit enthält die Chance, Gleichgesinnte um sich zu scharen, trägt aber auch das Risiko, sich Feinde zu schaffen. Das mutige Eintreten für die Gerechtigkeit und Menschlichkeit gefällt nicht allen, vor allem jenen nicht, die von Ungerechtigkeit profitieren. Es ist besser, Feinde zu haben als die Wahrheit und die Ethik zu verraten. 

Die Grenzen der Parteilichkeit

Die Toleranz muss dort ihre Grenze haben, wo sie selbst angegriffen wird, es darf also keine Toleranz für die Feinde der Toleranz geben. Die Allparteilichkeit hat dort ihre Grenze, wo sie auf gewaltbereite und intolerante Parteilichkeit stößt. Sobald an den Fundamenten der Menschlichkeit und an den Grundrechten gesägt wird, muss Widerstand geleistet werden. Die Sichtweise der Allparteilichkeit hilft dabei, das Menschliche in den Gegnern und Feinden zu sehen, aber nicht dabei, ihnen notwendige Grenzen zu setzen.

Zum Weiterlesen:
Toleranz und ihre zweifache Grenze
Toleranz ist ein relativer Wert
Die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen
Identitätsideologie als Gefahr für die Demokratie
Über die Notwendigkeit und die Grenzen der Parteinahme


Montag, 11. November 2024

Über das Nichtbewerten und die Notwendigkeit des Bewertens

Nicht zu beurteilen ist eine hohe Tugend im zwischenmenschlichen Umgang. Wir sollten uns von Urteilen über andere fernhalten, weil wir uns mit jedem Urteil eine übergeordnete Position gegenüber der beurteilten Person anmaßen. Wir setzen uns auf einen Richterstuhl ein und fällen von dort aus das Urteil. Die beurteilte Person befindet sich damit automatisch in einer unterlegenen und beschämenden Position, selbst wenn das Urteil positiv ist. Denn das Urteil liegt im Ermessen der beurteilenden Person, die nach ihrem Gutdünken den anderen ihren Wert zu- oder abspricht. Es besteht ein Machtgefälle zwischen dem, der beurteilt, und dem, der beurteilt wird. Machtunterschiede enthalten immer die Elemente von Stolz auf der Seite der mächtigen Person und Scham auf der Seite der untergeordneten Person.

Gilt diese Tugend der Beurteilungsfreiheit für alle Fälle, unter allen Umständen, oder gibt es Bereiche, in denen es das Urteilen braucht, um Schaden abzuwenden oder bessere Lösungen zu erreichen? Werden wir unseren Werten gegenüber untreu, wenn wir eine Haltung oder Aussage, die unseren Werten widerspricht, nicht beurteilen? 

Grundsätzlich gilt: Menschen sind wichtiger als Werte. Werte entstehen aus eingeschränkten Sichtweisen auf die Wirklichkeit. Was ist aber mit Werten, die das Absolute widerspiegeln, wie z.B. der Wert, der Menschen vor Werte reiht? Auch dieser Wert ist nicht absolut, denn jeder Aspekt des menschlichen Lebens ist relativ. Zwar schulden wir Menschen einander den unbedingten Respekt und die uneingeschränkte Wertschätzung, schaffen sie aber immer nur auf bedingte und eingeschränkte Weise. Es ist und bleibt also ein Ideal, das wir anstreben, aber nur in besonderen Momenten annähernd verwirklichen können. 

Deshalb ist auch die bewertungsfreie Einstellung zu unseren Mitmenschen nur ansatzweise erreichbar, und wir sind in diesem Bemühen immer wieder fehleranfällig. Unser Unterbewusstsein unterläuft unser Bestreben beständig, weil es kontinuierlich Bewertungen produziert, die wir erst nachträglich, wenn sie uns bewusst werden, zurücknehmen können. Wir kommen nie mit dem Bewusstmachen nach. Die Bewertungen sind schon längst in unsere Bewertungskategorien eingeflossen, bevor wir sie überhaupt bemerken. 

Bewertung in der Kommunikation

Was wir in Hinblick auf die Bewertungsfrage kultivieren können und sollten, ist unsere Kommunikation. Wir sollten danach streben, sie möglichst frei von Bewertungen zu halten, um keine Ängste und Schamgefühle bei den Kommunikationspartnern auszulösen. Selbst wenn also unser Unterbewusstsein beständig Bewertungen aufstellt, sollten wir unsere Mitmenschen davor bewahren, indem wir die Bewertungen nicht äußern, sondern innerlich loslassen.

Weiters können wir in unserem Inneren mehr und mehr bewertungsfreie Räume schaffen. Das ist die Arbeit des Bewusstmachens. Wir erkennen, dass wir die Person A bewerten und können uns damit beschäftigen, woher diese Bewertung kommt, wie sehr sie mit der Realität übereinstimmt und was sie übersieht. Wir können erkennen, dass wir in uns Anteile haben, die dem, was wir an der anderen Person bewerten, ähnlich sind.  Auf diese Weise relativieren sich unsere Bewertungen und treten in den Hintergrund vor der größeren und wichtigeren Realität, die in der anderen Person enthalten ist. Wir öffnen uns für die Ganzheit des anderen Menschen, in der sein unschätzbarer Wert enthalten ist. 

Meditation ist eine gute Gelegenheit für die Pflege von bewertungsfreien Innenräumen. Gedanken, die aufsteigen, enthalten häufig Bewertungen, und wir können beim stillen Beobachten dieser Gedanken die Bewertungen erkennen und verabschieden.

Grenzen der Bewertungsfreiheit

Wir stoßen auf Grenzen der Bewertungsfreiheit, wenn wir im Kontakt mit Menschen sind, die konträre Werte vertreten. Wie gehen wir mit jemanden um, der rechtsextreme Positionen vertritt, oder mit jemanden, der den Klimawandel leugnet? Wie gehen wir mit Menschen um, die seltsamen Verschwörungstheorien anhängen und uns dann noch dazu davon überzeugen wollen?

Wir sollten die Welt verbessern, wo sie im Argen liegt. Dazu gehört, dass wir Menschen darauf aufmerksam machen sollten, wenn sie den Pfad der Menschlichkeit verlassen haben. Wir sollten die Fahne der Humanität  unerschrocken hoch halten. Dazu müssen wir diese Werte vertreten und Werte, die wir für schädlich halten, kritisieren. 

Natürlich sollte es nicht darum gehen, die Menschen abzuurteilen, die die anderen Werte vertreten. Wichtig ist es aber, klar Stellung für „bessere“ Werte zu beziehen. Die Güte von Werten bemisst sich daran, wie nahe sie sich an der Menschlichkeit verbinden, also an den Notwendigkeiten, die ein respektsvolles und angstfreies Zusammenleben der Menschen möglich machen. Diese Nähe muss im Einzelfall überprüft werden, weil wir uns in dieser Hinsicht auch irren können. Im Diskurs, der möglichst gewaltfrei ablaufen sollte, kann sich herausstellen, welchen Werten der Vorzug gegeben werden muss, um an der Entwicklung Welt mitzuwirken, die für alle besser ist. Und diese Werte müssen von möglichst vielen Menschen kompromisslos vertreten und in Handlungen umgesetzt werden, damit sie in den allgemeinen  Bewusstseinsraum Eingang finden und dort Resonanzen erzeugen. Gute Werte, die also der Menschlichkeit dienen, üben eine Anziehungskraft auf alle Menschen aus, soweit sie nicht von ihren Überlebensimpulsen gesteuert sind.

Zum Weiterlesen:
Bewerten und Beziehungsstörung
Das Bewerten der Bewerter
Bewertungsfreiheit als Geschenk
Bewerten im bewertungsfreien Bereich


Montag, 8. August 2022

Verletzlichkeit, Teil des Menschseins

„Ich bin verletzt.“ „Du hast mich verletzt.“ „Sie war ganz verletzt.“ Solche Äußerungen fallen immer wieder in der Kommunikation, und in den meisten Fällen geht es nicht um körperliche Verletzungen, sondern um seelische Wunden. Wie wir wissen, können bei Menschen emotionale Verletzungen die gleichen Reaktionen im Gehirn hervorrufen wie körperliche Verwundungen.

Was sind Verletzungen? Sobald wir uns mit einem Messer schneiden, reagiert der Körper sofort durch das Austreten von Blut und signalisiert die Verletzung nach innen mit einem Schmerzreiz. Analog erleben wir seelische Verletzungen. Sie entstehen dadurch, dass etwas von außen in unsere Sphäre eindringt, das uns Schmerz bereitet, weil wir es als schädlich, feindlich und bedrohlich erleben. In diesem Fall reagiert die Seele. Obwohl der Körper heil bleibt, leiden wir.

Körperliche und emotionale Verletzungen tun weh, körperlich und/oder psychisch. Deshalb meiden wir die Gefahren für Verletzungen, so gut es geht, und wollen es auch tunlichst unterlassen, andere zu verletzen. Denn Verletzungen, die wir anderen zufügen, schmerzen uns auch selber, wenn wir emotional mit der Person verbunden sind, die wir verletzt haben. Zusätzlich dazu lösen sie bei uns ein Schamgefühl aus. Die Scham meldet sich nämlich sofort, sobald eine Verletzung im zwischenmenschlichen Bereich auftritt.

Da die Scham die Wächterin über die sozialen Beziehungen ist, schaut sie auch darauf, dass es im sozialen Netzwerk möglichst zu keinen Verletzungen kommt. Sie sagt: Hüte dich davor, jemandem weh zu tun, denn dann melde ich mich und bereite dir ein äußerst unangenehmes Gefühl. Sie wirkt also zur Abschreckung vor Respektlosigkeiten und Grenzüberschreitungen und hilft uns bei der Impulskontrolle, sodass wir die Neigungen, andere achtlos zu behandeln, möglichst im Keim unterbinden.

Wir können nicht nicht verletzen

Wir können nicht nicht verletzen, wenn wir uns in sozialen Beziehungen bewegen, und das tun wir die ganze Zeit. Es kommt deshalb immer wieder zu Störungen in der Kommunikation, zu Missverständnissen und zu Verletzungen. So unvollkommen die Menschen sind, so unvollkommen sind auch ihre Beziehungen. Wir können unsere Achtsamkeit verbessern und daran arbeiten, sensibler für die Grenzen und für die heiklen Punkte bei anderen Menschen zu werden. Dennoch sind und bleiben unsere Mitmenschen Mysterien, die wir nie zur Gänze verstehen können, und wir sind Mysterien für sie.

Die Unendlichkeit der Unterschiede unter den Menschen

Daraus folgt, dass die Menschen über ganz unterschiedliche Empfindlichkeiten und Störungsquellen verfügen, die in den verschiedenen Beziehungen aktiviert werden. Diese Unterschiede tragen zur enormen Komplexität und Vielschichtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen bei. Und deshalb ist es gar nicht möglich, einander nicht zu verletzen. Selbst bei den besten Absichten können wir nicht alle Faktoren berücksichtigen, die eine Verletzung bei anderen auslösen können.

Die Auslöser für Verletzungen sind nämlich so vielfältig wie es Menschen gibt. Was den einen stört und aufregt, ist für den anderen eine willkommene Abwechslung oder eine Hilfe. Es gibt Menschen, die sich verletzt fühlen, wenn sie einen Ratschlag bekommen, andere sind dankbar dafür. Viele reagieren beleidigt, wenn sie auf einen Fehler hingewiesen werden, andere nehmen es als sinnvollen Hinweis für eine Verbesserung.

Unter den Menschen treten auch unterschiedliche Grade der Verletzbarkeit auf. Manche Leute stecken Beleidigungen mit Humor weg oder bleiben so bei sich, dass sie nicht getroffen werden, sondern gelassen bleiben. Andere sind von feinen atmosphärischen Verstimmungen gleich tief verletzt. Was die eine gar nicht bemerkt oder nicht ernst nimmt, löst bei der anderen eine emotionale Krise aus. Jemand vergisst schnell, was ihm Schlimmes passiert ist, jemand anderer muss immer wieder und lange Zeit daran denken und bleibt dauerhaft gekränkt. Für die eine ist ein Vorkommnis eine Bagatelle, für die andere das gleiche Ereignis eine Katastrophe.

Menschen unterscheiden sich durch ihren Hauttypus; auf der emotionalen Ebene spricht man von dünnhäutig und dickhäutig, je nachdem, wie leicht oder schwer die Reaktion auf eine Verletzung ausgelöst wird. Dünnhäutige Menschen spüren sofort, wenn ihnen etwas zuwider läuft. Dickhäutige hingegen merken nicht oder kaum, wenn sie schlecht behandelt werden. Sie gehen scheinbar darüber hinweg, können aber oft dann nachträglich darunter leiden und sich ärgern, nicht rechtzeitig darauf reagiert zu haben. Den Dickhäutern spricht man deshalb ein Langzeitgedächtnis für erlittene Verletzungen und Demütigungen zu, das zu verheerenderen Reaktionen anstiften kann als sie bei Dünnhäutigen vorkommen. Sie verfügen über ein emotionales Fass, das lange nicht voll ist, aber dann kommt der Tropfen, der es zum Überlaufen bringt, und der bewirkt dann eine Explosion, die sich gewaschen hat. Er führt dann unter Umständen zu einer Gewaltaktion oder zum kompletten Beziehungsabbruch, der für die andere Person völlig überraschend kommt und nicht nachvollziehbar ist.

Das Bewerten der Verletzlichkeit

Es hilft nicht weiter, wenn wir Bewertungskriterien einführen und z.B. Menschen, die ganz leicht verletzbar sind, als übersensibel und hysterisch abwerten, oder die, die viel weniger verletzbar sind, als unsensibel und verhärtet diagnostizieren. Denn die Auslöser für Verletzungen und die Tiefe von Verletzungserfahrungen sind von Faktoren bestimmt, über die kein Mensch die Kontrolle hat, sondern die vom Unbewussten aus gesteuert werden. Sie reichen von genetischen und epigenetischen Komponenten über die persönliche Traumageschichte zu den im Leben erlernten Konditionierungen und Mustern, die in den verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen aktiviert werden.

Wer andere wegen ihrer leichten Verletzbarkeit abwertet, sollte lieber bei sich selber nachschauen, ob nicht hinter der Abwertung ein Schutz für die eigene Verletzlichkeit steckt. Die eigenen Wunden zu spüren ist riskant. Es könnte ja sein, dass jeder dann genau diese heiklen Stellen treffen könnte. Also ist es für manche leichter, sich unverletzlich zu geben und als projektiven Schutz die Verletzlichkeit anderer zu kritisieren. Der Halbgott Achill und der germanische Held Siegfried mussten qualvoll sterben, obwohl sie fast unverwundbar waren. Sie dienen als Mahnmal für die Brüchigkeit der Illusion der Nichtverletzbarkeit. Wilhelm Reich hat diese Abwehr als Panzerung bezeichnet und damit ebenfalls eine Analogie zur Gewalttätigkeit gezogen, die die Kehrseite der Verletzlichkeit darstellt: Wer nicht verletzbar ist, kann umso leichter andere verletzen. Wer nicht umgebracht werden kann, kann umso leichter andere Umbringen. Er ist der bessere Krieger, messbar an der Zahl der erschlagenen Feinde.

Selbstabwertung

Weiters ist es auch nicht hilfreich, sich selbst wegen der eigenen Verletzbarkeit abzuwerten und uns z.B. mit anderen zu vergleichen, die weniger empfindlich sind. Die eigene Verletzungsgeschichte können wir nicht ungeschehen machen, sie ist passiert, wie sie passiert ist, und sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Wir können aber aus den alten Belastungen herauswachsen und die alten Wunden heilen, sodass sie in der Gegenwart nicht mehr oder nicht mehr in dem früheren Ausmaß aktiviert werden.

Im selben Maß können wir unsere Kompetenz im Verständnis für die Täter erweitern und vergrößern. Statt ihnen böse Absichten zu unterstellen, können wir die „Unschuldsvermutung“ anstellen, d.h. annehmen, dass sie aus Unwissenheit und Unbewusstheit so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. Sie sind keine vollkommenen Menschen, wie wir selber.

Vermeidungsformen

So unterschiedlich die Quellen für Verletzungen sind, so unterschiedlich sind auch die Vermeidungsformen des Verletzens. Es gibt die Rationalisierung, z.B. durch die Erklärung, dass es wohl nicht so gemeint war. Oder die Umwandlung der Verletzung in Wut, nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Eine andere Möglichkeit bietet der Rückzug ins Beleidigtsein, indem durch einen Kontaktabbruch signalisiert wird, was einem angetan wurde. Oder die Retourkutsche, bei der z.B. eine Beleidigung mit einer Gegenbeleidigung beantwortet wird.

Entsprechend der Rollen, die wir in der Kindheit übernommen haben, bilden wir Programme aus, die später unser Leben bestimmen. Eines dieser Programme lautet: „Ich darf niemanden verletzen.“ Die Begründung dieses Verbots kann darin liegen, dass es fast unerträglich ist, andere in ihrem Verletztsein sehen zu müssen. Es handelt sich um eine Identifikation …ist so mächtig, dass der eigene Schmerz so stark ist wie bei der anderen Person. Es handelt sich gewissermaßen um eine Überreaktion der Spiegelneurone. Es fällt schwer, das Eigene vom Fremden zu unterscheiden. Sobald eine andere Person verletzt ist, brechen die Ich-Grenzen zusammen und der eigene Schmerzkörper schlüpft, bildlich gesprochen, in die verletzte Person hinein.

Hinter diesem Muster steckt das Verbot, die eigenen Verletzlichkeiten spüren zu dürfen, und das Gebot, die Leidenszustände und Schmerzen der anderen, vor allem der Eltern wichtiger zu nehmen als die eigenen. Das eigene Ich darf keine klaren Grenzen haben, damit es seine Sensoren bei den anderen hat, um deren Grenzen nicht zu verletzen.

Manche Menschen halten es für riskant, andere zu verletzen, weil sie sich vor der Reaktion fürchten, die verheerend ausfallen könnte. Diesem Muster liegen entsprechende Erfahrungen aus der Kindheit zugrunde: Das Kind verärgert einen Elternteil, der darauf mit viel Zorn oder physischer Gewalt reagiert. Es wird die Schlussfolgerung gezogen, dass es überlebenswichtig ist, penibel auf die Grenzen der anderen Menschen zu achten, um ja keinen Fehler zu begehen. Falls doch ein Schritt zu weit geschehen ist, der bei den anderen Unmut auslösen könnte, muss schnell die Notbremse gezogen werden. Die rechtzeitige oder besser noch vorzeitige Zurücknahme der eigenen Impulse wird zum Programm. Zu diesem Zweck entwickelt sich eine verfeinerte Wahrnehmung für die subtilen Signale, die andere aussenden, bevor sie noch ihre Grenzen als überschritten erachten. Die Wahrnehmung ist also vorwiegend auf solche Signale ausgerichtet, mit dem Zweck, schon im Vorfeld jegliche Gefahr von aggressiven Reaktionen zu unterbinden. Diese eingeprägte Haltung bewirkt, dass der Kontakt nach innen geschwächt wird und die eigenen Bedürfnisse hintan gereiht werden. Damit wird der Selbstwert geschwächt und statt dessen die Anpassungshaltung gestärkt: „Andere sind wichtiger als ich. Was ich will, ist weniger wichtig als das, was die anderen wollen.“ Es verbergen sich hinter dieser Haltung viele Ängste und Schamgefühle.

Freilich gibt es zu diesem Muster auch das Gegenprogramm, das in die Aggression statt in die Anpassung geht und die Opfer- in eine Täterposition umwandelt: „Ich muss andere verletzen, sonst bin ich nicht sicher.“ Es entsteht aus einer Vielfalt und langen Dauer von Verletzungserfahrungen und soll als präventiver Schutz vor weiteren schmerzhaften Erfahrungen dienen. Lieber sollen andere leiden als ich, der ich schon so viel erdulden und durchleben musste, so die Devise. Es handelt sich dabei um eine eingeprägte Rachereaktion, mit der die Seele versucht, ihr Gleichgewicht auf Kosten anderer wieder herzustellen. Solche Programme führen allerdings vor allem dazu, dass die Hemmschwelle zum Verletzen anderer sinkt und damit das Ausmaß an Leid und Unsicherheit wächst. Langfristig wird die Basis des wechselseitigen Vertrauens zerstört, und ihr Wiederaufbau ist dann sehr mühsam und langwierig.

Verständnis für die Schwächen stärkt

Jede menschliche Gesellschaft braucht für ihren Zusammenhalt den Respekt und die Achtung für die individuelle Verletzlichkeit ihrer Mitglieder. Das Menschsein umfasst starke und schwache Seiten, sichere und unsichere Element, und das gesamte Spektrum gehört gesehen und wertgeschätzt. Eine Gesellschaft ist umso stärker, je mehr Raum sie für die Schwächen ihrer Mitglieder hat.

Zum Weiterlesen:
Die toxische Männlichkeit und die Verletzlichkeit
Scham und Verletzlichkeit
Verletzlichkeit und Würde
Die Zerbrechlichkeit und Unzerstörbarkeit der Menschenwürde

 

Montag, 23. November 2020

Das Bewerten der Bewerter

In esoterischen oder spirituellen Kreisen ist es üblich, das Bewerten als schlimmer Verstoß gegen die Regeln der Achtsamkeit anzusehen. So lautet die Ansicht: Wer andere Menschen bewertet, verstößt gegen die universelle Menschenliebe. Er stellt sich über andere und schaut auf sie herab und begibt sich in eine Position der Überordnung, die keinem Menschen zusteht.

In hierarchischen Verhältnissen wird angenommen, dass die Bewertung eine wichtige Sache ist, um die Herrschaftsordnung aufrechtzuerhalten. Aber die Aufklärung deckte diese Ideologie und ihre machtlüsternen Grundlagen auf und propagierte stattdessen den Grundgedanken der Gleichheit aller Menschen. Auch in vielen religiösen Traditionen ist von der Gleichheit aller vor Gott die Rede. Vor diesem Hintergrund ist die Ansicht gut fundiert, dass es wichtig ist, von Bewertungen abzulassen und allen Personen die gleiche Wertschätzung zukommen zu lassen. Vor allem in einer ganzheitlichen Sichtweise, der sich spirituelle Kreise verpflichtet fühlen, ist jede Bewertung fragwürdig.

Die Bewertung der Bewerter

In einem anderen Sinn fragwürdig ist dagegen das Hervorstreichen der Bewertungsfreiheit: „Dauernd bewertest du, du solltest endlich davon wegkommen und mit dem Bewerten aufhören.“ Das Bewerten wird bewertet, ein Zirkel tut sich auf. Wie komme ich aus dem Bewerten der Bewerter heraus?

Wenn wir uns eingestehen, dass wir nicht nicht bewerten können, wenn wir Stellung beziehen, reihen wir uns ein ins Glied der Bewerter, die dennoch eine wichtige Botschaft haben, aber nicht aus einer überlegenen Position, sondern als Angebot an Gleichrangige: „Auch ich bewerte immer wieder und komme besonders dann ins Bewerten, wenn ich merke, was andere mit dem Bewerten anrichten. Ich weiß, dass ich einen Bewertungsstandpunkt einnehme, wenn ich aufzeige, was passiert, und bin bereit, anzuhören und aufzunehmen, wenn mich jemand aufs Bewerten aufmerksam macht. Wir alle können voneinander lernen.“ Selbstreflexion ist also immer wieder der Ausweg. Die „Auch-ich“-Schleife befreit uns schnell aus der Projektionsfalle: Ich habe alles in mir, was mich an anderen stört.

Die Notwendigkeit der Bewertungsbewertung

Es macht andererseits keinen Sinn, einfach nur den Mund zu halten oder den anderen blind rechtzugeben, weil man nicht bewerten will. Denn da steckt man schnell wieder in einer Arroganzfalle: „Ich bin so nobel und bewerte nie, wie es diese unbewussten Proleten dauernd machen.“ Vielleicht ist da jemand nur zu feig, seine Meinung zu sagen und versteckt sich unter dem Mantel der Bewertungsfreiheit – aber das ist natürlich auch eine bewertende Außensicht. 

Also stellt sich gleich wieder die Selbstreflexion ein und hilft uns nachzufragen, was unsere Tendenzen zur Überheblichkeit sind, denen wir immer wieder auf den Leim gehen. Niemand ist frei von solchen Versuchungen, aber jeder ist zur Selbstbesinnung fähig. Wir können diese Fähigkeit auch bei unseren Mitmenschen einmahnen, aber eben nicht aus einer lehrerhaften Position, sondern aus einer mitfühlenden Grundhaltung. 

Die Ursprünge von Bewertungen

Bewertungsneigungen stammen meist aus Erfahrungen mit unfairer Behandlung, Herabsetzung, Ignoriert- und Verletztwerden. Bewertungen dienen häufig zu Kompensation von Beschämungserfahrungen. Besonders fiese Abwertungen sind die Folge von besonders verletzenden Erfahrungen in der Kindheit.

Die Bitte um Selbstreflexion

Das Verstehen der Hintergründe enthebt uns einerseits nicht, Bewusstheit bei denen, die uns bewertend begegnen, einzufordern. Schließlich sind wir auch dazu auf der Welt, um voneinander zu lernen, wie wir bessere Mitmenschen werden können. Andererseits sollte dieses Einfordern nie mehr sein als eine Bitte zur Selbstreflexion, die es jedem freistellt, darauf einzugehen oder bei der eigenen Perspektive zu bleiben. Nur aus dieser Haltung kann die Macht der Bewertung gebrochen werden und die eigene innere Freiheit wachsen. 

Je mehr wir davon für uns gewonnen haben, desto geringer fällt die emotionale Reaktion aus, die wir als Adressaten von abwertenden Bemerkungen erleben. Desto schwächer wird auch die Neigung sein, uns aggressiv, lehrerhaft, arrogant oder verächtlich für die Bewertung zu revanchieren. Wenn wir besonders gut gelaunt sind, wird uns der Humor zur Seite stehen, um die Macht der Bewertung zu entschärfen. Dem heiteren Lachen hält keine noch so gemeine Abwertung stand. 

Zum Weiterlesen:
Bewertungsfreiheit als Geschenk
Bewertung: Anmaßung und Beziehungsstörung
Bewertung im bewertungsfreien Bereich


Samstag, 21. November 2020

Bewertungsfreiheit als Geschenk

Häufig befinden wir uns in einem Bewertungszustand. Wir wollen über unsere Umwelt und unsere Mitmenschen Bescheid wissen und taxieren sie deshalb nach bestimmten Kriterien.  Diese Validierungen helfen uns, uns zu orientieren und Entscheidungen zu treffen. Makler bewerten Wohnungen und Häuser, und die möglichen Käufer ebenfalls. Ingenieure bewerten den Zustand einer Brücke, um festzustellen, ob sie saniert werden muss. Broker bewerten Aktien, um zu entscheiden, ob sie gekauft oder abgestoßen werden sollen. Lehrer bewerten Schülerinnen, ob sie zum Aufstieg in die nächste Klasse ausreichend vorbereitet sind usw. 

Bewertungen sind also ein integraler Teil des sozialen Lebens und beschäftigen unser Denken in vielerlei Hinsicht. Es gibt aber auch einen Raum jenseits von Bewertungen, der seine eigenen Qualitäten hat. In ihm atmet es sich freier als im Bewertungsraum. Wir fühlen uns menschlicher, und merken, dass es uns leichter fällt, unsere Mitmenschen so anzunehmen, wie sie sind, und mit der Umwelt in Frieden zu sein.

Wenn wir uns in einem bewertungsfreien Zustand befinden, können wir dafür dankbar sein. Wir haben ein Geschenk erhalten, das uns innerlich reich macht. Wir fühlen uns frei und verbunden. Wir können die Welt, die Menschen und uns selbst wertschätzen. Wir fühlen uns in einem tieferen Sinn menschlich als wenn wir uns in Bewertungszusammenhängen  befinden.

Abhängigkeit durch Bewertungen 

Bewertungen binden uns an das Objekt der Bewertung. Wir hängen uns gewissermaßen an dessen Eigenschaften an, ob sie nun im Licht unserer Bewertung gut oder schlecht sind. Wir sind innerlich entweder damit beschäftigt, das andere, das uns nicht passt, zu verändern, damit es uns passt, oder uns selbst zu verändern, damit wir zu dem passen, wie wir gerne wären oder wie wir meinen, dass uns die anderen gerne hätten. Wir sind nicht bei uns im Ganzen, sondern haften an dem Teil von uns, der wertet und uns mit dem Bewertungsobjekt vergleicht.

Das Bewerten macht uns kleiner und enger, weil wir die Welt um uns herum auf bewertbare Aspekte reduzieren müssen. Wir verlieren also immer an Qualität, was wir an Quantität herausstreichen. Menschsein ist jedoch eine Qualität, die in keiner Quantität abgebildet werden kann.

Das Privileg der Bewertungsfreiheit

Die Freiheit von den Bewertungsbindungen ist ein „Privileg“  nach Hanzi Freinacht: Wir sind in eine Position geraten, die uns innere Freiheit schenkt, im Wesentlichen ohne unser Zutun. Wir meinen vielleicht, dass wir besser sind als jene, die bewerten. Wir befinden uns allerdings nicht in einer Position moralischer Überlegenheit, denn eine derartige Position beruht ihrerseits auf Bewertung und Abwertung. Sobald wir uns moralisch über andere drüberstellen, die wir als weniger moralisch einschätzen, sind wir damit schon bestenfalls auf deren moralischer „Stufe“. 

Frei sind wir nur, wenn wir erkennen, dass unsere Tendenz zum Werten gerade einmal ausgesetzt und eine Pause gemacht hat und dass wir mit einem Moment der Bewertungsfreiheit beschenkt wurden. Wir brauchen uns dieses Geschenk nicht als Wirkung einer Leistung oder eines Einsatzes, also als eine persönliche Errungenschaft  gutschreiben, denn damit zerstören wir es gleich wieder. Die Kunst liegt darin, es als etwas Wundersames stehen lassen zu können. Der besondere Genuss dieses Zustandes öffnet sich für uns nur dann, wenn wir die Verantwortung, die in der Geschenkhaftigkeit liegt, übernehmen: Rücksichtnahme, Barmherzigkeit, Geduld, Gleichmut, Mitgefühl – das sind die emotionalen und moralischen Qualitäten, die aus der Bewertungsfreiheit fließen und die wir unseren Mitmenschen schulden, als Ausgleich für das Geschenk, das uns gewährt wurde. 

„Schulden“ heißt hier nicht, dass es eine einforderbare Pflicht gäbe, die uns zwingt, diese Haltungen unseren Mitmenschen gegenüber einzunehmen, sondern dass wir uns selber nur treu bleiben können, wenn wir andere an unserem Zustand teilhaben lassen. Noblesse oblige, Adel verpflichtet, hieß es in der vormodernen Gesellschaft. Eine privilegierte Stellung innezuhaben ist mit einem Auftrag verbunden, der vom Ich zur Menschheit führt.

Die der Bewertungsfreiheit innewohnende Qualität ist also nur dann wirksam ist, wenn sie durch uns zu anderen durchfließen kann, statt in uns selbst zu kreisen, indem wir uns an ihr delektieren. Wenn wir also der Energie und der Orientierung folgen, die in dem bewertungsfreien Zustand enthalten ist, geschieht es von selbst, dass wir uns menschenfreundlich und liebevoll verhalten. Wir können nicht anders, weil es in dem Moment ganz unserem Wesensausdruck entspricht.

Sobald wir uns jedoch als etwas Besonderes fühlen und mit anderen vergleichen, die an dieser Besonderheit nicht teilhaben, sind wir schon wieder herausgefallen aus dem begnadeten Zustand. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Bewertungsfreiheit gibt es nur zusammen mit spiritueller Demut, nicht mit spiritueller Egobestätigung. 

Die Erfahrung, dass die Bewertungsfreiheit etwas Bezauberndes und Wunderbares ist, motiviert uns, sie immer wieder aufzusuchen. Aufsuchen heißt, sie in Momenten wahrnehmen, uns ihrer bewusst werden, wenn sie sich gerade in uns geoffenbart hat. Es ist also eine Achtsamkeitsübung, die wir mit uns selber durchführen und die über das Erkennen und Loslassen unserer gewohnheitsmäßigen Bewertungstendenzen führt. 

Zum Weiterlesen:
Bewertung: Anmaßung und Beziehungsstörung
Bewertung im bewertungsfreien Bereich
Das Bewerten der Bewerter


Freitag, 28. Dezember 2018

Die "Schande" und ihre Rolle bei der sozialen Kontrolle

In Märchen und Sagen wird oft ein entlarvter Missetäter „mit Schimpf und Schande“ verjagt. Das bedeutet eine ganz schlimme Demütigung, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft verdient hat. Jede Würde ist verloren, und das Leben muss irgendwo anders von vorne begonnen werden. Was hat es mit der Schande auf sich?

Die Schande ist eine enge Verwandte der Scham. Sie trägt einen offizielleren Charakter, der viel mit öffentlicher und moralischer Bewertung zu tun hat. (Im Englischen oder Französischen gibt es übrigens diese Unterscheidung gar nicht.) Schande ist gewissermaßen die explizite, von außen kommende Form der Scham. Sie wird angewendet, wenn etwas geschehen ist, wofür sich jemand (innerlich) schämen müsste, während sich die Öffentlichkeit verpflichtet fühlt, das Geschehene als Schande zu brandmarken und den Täter der allgemeinen Verachtung preiszugeben.

Es gilt schon als Schande, wenn jemand sein Potenzial nicht ausschöpft und die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Es gilt erst recht als Schande, wenn jemand absichtlich und unverfroren Böses tut. Und ganz besonders gilt es als Schande, wenn jemand moralische Normen übertritt. Jedes angeprangerte Fehlverhalten, für das sich jemand schämen sollte, kann von den Mitmenschen als Schande bezeichnet werden.

Aber nicht nur Einzelpersonen können Schande auf sich laden. Es wird von vielen als Schande angesehen, wie die Schweiz in der Zeit des Nationalsozialismus schutzsuchende Juden abgewiesen hat. Ebenso können wir es schändlich finden, wenn reiche Länder asylsuchende Jugendliche ausweisen, die sich jahrelang im Integration bemüht haben, die Sprache erlernt und Ausbildungen absolviert haben. Und es darüber hinaus grenzt es an ein schändliches Verbrechen, wenn Behörden solche Schritte setzen, wissend, dass abgeschobene Asylsucher in manchen Rückkehrländern mit hoher Wahrscheinlichkeit bald umgebracht werden.


Schändliche Sexualität


Eine enge Verbindung gibt es zwischen dem Sexualverhalten und der Schande, vor allem dort, wo dieses Verhalten einer starken moralischen Kontrolle unterliegt. In ländlichen Gegenden galt es durch den Einfluss der katholischen Kirche vor einigen Jahrzehnten noch als schändlich, wenn Kinder unehelich empfangen und geboren wurden. Im katholischen Irland wurden den Müttern unehelich geborene Kinder systematisch von der Kirche weggenommen und in Heimen ausgebeutet, wenn nicht überhaupt umgebracht. Soweit die Macht der katholischen Kirche reichte: Wer aus welchen Gründen auch immer die Norm nicht einhielt, dass Kinder in einer aufrechten Ehe empfangen und geboren werden müssen, wurde sozialer Verachtung und Ausgrenzung ausgesetzt, die bis zur physischen Vernichtung reichte.

Hier spielt die seltsame Einschränkung und Moralisierung der Sexualität in der christlichen Tradition die maßgebliche Rolle, die man selber schändlich finden kann. Sexualität gilt nach dieser – ca. 300 Jahre nach Jesus Christus in das junge Christentum eingeführten – leibfeindlichen Auffassung als sündige Fleischeslust, die einzig zur Fortpflanzung als notwendiges Übel gerechtfertigt ist und dafür den Bestand einer ehelichen Gemeinschaft erfordert. Im Grund beginnt nach dieser Theorie die Schande schon dort, wo jemand die Sexualität als solche genießt, ohne mit ihr einen Vermehrungszweck zu verfolgen. Doch öffentlich sichtbar und damit zur Schande wird das Fehlverhalten, wenn es zur Schwangerschaft ohne ehelichen Kontext kommt.


Der Schatten fällt auf das Kind


Welche Auswirkungen kann die Schande auf das empfangene Kind haben? Wenn die Umstände des eigenen Lebensanfangs unter einem moralischen Problemdruck standen, weil sie von den Eltern und ihrer Umgebung als Schande erlebt wurden, kann sich dieses dunkle Gefühl über die Seele des Kindes breiten und dessen Leben überschatten. Das menschliche Zellgedächtnis speichert die Gefühle und Einstellungen der Eltern am Anfang des neuen Lebens und bewahrt sie im Unterbewusstsein auf. Von dort aus wirken sie als Hemmungen und Blockierungen später im Leben weiter. 

Als Folge kommt es zu Beeinträchtigungen für den Selbstwert und das Selbstvertrauen. Betroffene Personen haben auf einer tiefen Ebene das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist und dass sie keinen vollwertigen Platz in der Gesellschaft einnehmen dürfen. Sie müssen sich dauernd beweisen und denken dennoch, dass sie nicht genug tun. Ihre Aufmerksamkeit ist stark auf das Außen bezogen, auf die Angemessenheit des eigenen Tuns und die Reaktionen der anderen Menschen darauf. Sie neigen dazu, sich selber zu überwachen und leiden an einer latenten Angst, etwas Unrechtes oder zu wenig des Guten zu tun. 

Der Schatten der Schande kann eine destruktive Lebensspannung in Gang setzen, die in manchen Phasen stärker und in anderen schwächer aktiviert wird: Wegen des mangelnden Selbstvertrauens gelingt wenig im Leben, und in der Eigenwahrnehmung sehen alle Anderen diesen Mangel überdeutlich mit ihren kritischen und abwertenden Augen, was wiederum die eigene Motivation schwächt. Es kann über einige Zeit gelingen, sich immer wieder anzustrengen, um in der Gesellschaft Anerkennung zu gewinnen, aber viele Bemühungen werden oft vor dem Erfolg abgebrochen, wie z.B. bei einem Studienabbruch – gleichsam um der Außenwelt zu beweisen, dass man es nicht Wert ist, Erfolg zu haben. 

Diese selbstquälerische Dynamik kann dann schließlich in Burnout und Depressionen versiegen. Damit stellt sich erst recht ein Zustand her, der subjektiv stark mit Scham verbunden wird und, von außen betrachtet, als Schande. Ähnlich wie bei der Scham, entfaltet die Schande ihre selbstschädigende Wirkung, indem von den anderen Leuten vermutet wird, dass sie heimlich mit dem Finger auf einen zeigen und „Was für eine Schande!“ rufen, wodurch dann die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit und moralischen Unzukömmlichkeit ausgelöst werden. Es findet keine Realitätsprüfung statt, indem nachgefragt würde, was andere Menschen wirklich über einen selbst denken, wie sie werten und urteilen. Die vermuteten Verurteilungen werden ohne Widerspruch angenommen. Da diese Vorgänge unbewusst ablaufen, findet auch keine Konfrontation mit der Realität statt, in der geklärt werden könnte, wem überhaupt ein Urteil über die eigene Person zusteht und nach welchen Wertkriterien dieses gerechtfertigt wäre.


Die ererbte Schande


Die ererbte Schande gehört zu den Eltern, die sich durch ihre Handlungen einem sozialen Druck ausgesetzt haben. Wenn jemand, der von dieser Form der Schande betroffen ist, erkennt, dass die Last auf dem eigenen Leben eigentlich ins Leben der Eltern gehört, löst sich der Schatten. Aus Liebe zu den belasteten Eltern nehmen die Kinder die Lasten der Eltern auf sich, in diesem Fall die Schande. In einem nächsten Schritt darf und muss den Eltern die Last zurückgegeben werden, wodurch das eigene Leben erleichtert und befreit wird.

Aus dieser Einsicht heraus wird dann erst deutlich, in welcher Zwangslage zwischen Leidenschaft und rigider Sexualkontrolle sich die Eltern befanden. Das Verständnis für den Mut der Eltern, sich für ihre Gefühle gegen die gesellschaftlichen Zwänge zu entscheiden, kann den Weg zur Dankbarkeit für das eigene Leben öffnen: trotz widriger Anfangsbedingungen sind viele Kräfte und Potenziale mit auf den Weg gegeben worden, die es, unbeschadet aller Schatten, zu nutzen gilt.

Das Einnehmen und Verstehen dieser Perspektive fördert das Engagement, mit dem solche menschenfeindlichen sozialen Normierungen und Kontrollvorkehrungen angeprangert und relativiert werden können. Mit diesem Bewusstsein wird der Vergangenheit mit ihren moralischen Verengungen die Macht über das eigene Leben genommen. 


Repressive Normen


Generationen haben unter Normen gelitten, die einem stark reduzierten und repressiven Menschenbild entsprungen sind. Eigentlich gehört dieses Menschenbild zu einem System gesellschaftlicher Zwänge, das in vormodernen Zeiten maßgeblich war. Damit das Erbrecht im landwirtschaftlichen Bereich das Weiterbestehen von ausreichenden Flächen gewährleisten kann, wurden die ehelichen und die unehelichen Kinder strikt unterschieden („mit Kind und Kegel“). Die einen erbten, die anderen nicht; die einen waren geachtet, die anderen verachtet. Den unehelichen Kindern wurde gewissermaßen die „Schandtat“ der Eltern umgehängt, als wären sie schuld daran, und sie waren deshalb dazu verurteilt, ein Leben lang die untersten Arbeiten zu verrichten, ohne jede Chance, selbst heiraten und einen Hof führen zu können. 

Immer wieder im Verlauf der Geschichte können wir solche Produktionen und Proklamationen von schändlichem Verhalten zum Zweck der Herrschaft und des Machterhalts beobachten. Den beherrschten Menschen werden Ängste eingeredet, damit sie ihre spontanen oder auch überlegten Impulse unterdrücken und kontrollieren und damit sie ein Misstrauen untereinander sowie zu sich selbst entwickeln. Menschen, die einander nicht vertrauen können, sind leichter zu beherrschen. Vor allem in Hinblick auf die Sexualmoral hat die Kirche dabei eine Schlüsselfunktion in der Machtausübung übernommen und über viele Jahrhunderte ausgespielt.

Die fehlende Einsicht in die historische Bedingtheit dieser Zusammenhänge ist mit verantwortlich dafür, dass die kirchlich verordnete Sexualkontrolle weiter wirken konnte, auch wenn sich die sozioökonomischen Umstände schon lange verändert hatten und das bäuerliche Erbrecht kaum mehr eine Rolle spielte. Umgekehrt haben die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Landwirtschaft und den damit verbundenen sozialen Regulierungen nur mehr eine Randfunktion überließen, auch zum rapiden Einflussverlust der Kirchen und der von ihnen vertretenen Moralvorstellungen geführt. Immer weniger Menschen billigen der Religion eine Mitsprache bei ihren Entscheidungen und Werten zu, offenbar unter dem Eindruck des massiven Schadens an den Seelen der Menschen, den die beschränkten und beschränkenden Gebote, die mit Hilfe des Instruments der Schande durchgesetzt wurden, hinterlassen haben. Niemand will sich heute noch wegen sexueller Vorlieben und Leidenschaften an einen moralischen Pranger stellen lassen, noch dabei mitwirken, dass gegen andere so verfahren wird. Solange sich die involvierten Personen mit Respekt und Achtung begegnen und solange die Verantwortung für entstehende Schwangerschaften gemeinsam übernommen wird, braucht es auch keine übergeordnete Normierungen und braucht es keine Vorgabe von Beschämung und keine Erklärungen von Schande in diesem Bereich.


Die „Rassenschande“


Als besonders bösartiges Beispiel des Missbrauchs der Schande für ideologische Zwecke sei hier der von den Nationalsozialisten propagierte Begriff der „Rassenschande“ erwähnt. Der Geschlechtsverkehr zwischen „Ariern“ und Juden wurde als „Schändung des deutschen Blutes“ (damit auch als Blutschande) dargestellt und ab 1935 unter Strafe gestellt. Der Begriff der Rassenschande diente zur Vorbereitung der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich.  Erfolgreich wurden mit den Mitteln der Propaganda soziale Ängste aufgebaut, indem Handlungen auf einmal massiv in aller Öffentlichkeit als Schande bezeichnet wurden, die vorher niemanden gestört hätten. Menschen auf dieser Weise mit Schimpf und Schande der öffentlichen Beschämung preiszugeben, war ein erster Schritt, sie ihrer Menschenwürde zu entkleiden; wer keine Würde hat, dessen Leben ist nichts mehr wert.

Mit dieser Indienstnahme der Schande als politisches Machtmittel griff der Nationalsozialismus, wie auch in anderen Bereichen, auf vormoderne gesellschaftliche Konventionen zurück. Damit wurden vor allem bei verunsicherten Menschen tiefer liegende Gefühlsschichten angesprochen, die dann als zerstörerische Brutalität zum Ausdruck kamen. Der Faschismus wird von vielen Forschern als Reaktion auf die Modernisierung der Gesellschaft und Wirtschaft verstanden, und von daher wird es auch verständlich, warum er sich extrem konservativer Wertvorstellungen bedient. Denn zur Modernisierung gehört die Schwächung der traditionellen freiheitsbeschränkenden Werte und der Aufbau und die Verbreitung der grundlegenden Menschenrechte.


Befreiung durch Modernisierung


Der Modernisierungsschub durch die Industrialisierung seit dem 18. Jahrhundert hat viele Menschen aus den Fesseln von moralischen Zwängen befreit und dem personalistischen Bewusstsein mit den Werten der Toleranz und der Entdiskriminierung zum Durchbruch verholfen. Der kreativen menschlichen Individualität wurde dadurch mehr Einfluss auf die Kulturentwicklung gegeben. Der Preis war allerdings die Entfremdung von der Natur, mit der frühere Gesellschaften noch enger verbunden waren.

Der Begriff der Schande hat seinen Anwendungsbereich seither von der Bewertung des individuellen Tuns mehr in den kulturellen und politischen Bereich verlagert, ausgenommen der Bereich der Kriminalität und Gewalttätigkeit. Was die Varianten der menschlichen Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität anbetrifft, herrscht heutzutage viel mehr Toleranz, sodass Beurteilungen, die hier mit Schade operieren, antiquiert und verschroben klingen. Damit steigt der wechselseitige Respekt und die Achtung der Menschen füreinander, ein Beitrag zum sozialen Frieden.

Montag, 9. Juli 2018

Achtsamkeit: Jeder Moment hat die gleiche Bedeutung

Achtsamkeit heißt, jedem Moment des Erlebens die gleiche Bedeutung zu verleihen. Gleich heißt dabei gleichwertig im formalen Sinn, es gibt also keine Wertunterschiede und keine Vergleichbarkeit. Denn jeder Moment trägt als Inhalt eine einzigartige Qualität in sich und unterscheidet sich von jedem anderen. Deshalb gehört zur Haltung der Achtsamkeit, jedem Moment die gleiche Achtung entgegenzubringen, also nicht einen Moment über oder unter den anderen zu stellen. 

Wenn uns diese Haltung gelingt, erübrigen sich alle Unterschiede von wichtig oder unwichtig, spannend oder fad, intensiv oder flach, exzeptionell oder banal. Gerade da jede Erfahrung eine spezifische Wertigkeit in sich trägt, die mit keiner anderen verglichen werden kann, sind alle von der übergeordneten Position der Achtsamkeit grundsätzlich gleich. 

Um zu dieser Einsicht zu gelangen, bedarf es allerdings der vollen Präsenz im Moment. Die Unterschiede in der Bewertung stammen aus dem Verstand und erscheinen, sobald sich die Präsenz aus dem Moment entfernt, sobald also die Achtsamkeit hinter dem Denken verschwindet. Dann sagen wir etwa: Das war eine wichtige Einsicht, das war ein herausragendes Erlebnis, gestern war alles besser im Vergleich zu heute oder umgekehrt. Wir erzählen die „Highlights“ des Tages, und das sind die Erlebnisse, die der Verstand aus der Vielzahl an Möglichkeiten nach seinen Kriterien herauspickt. 


Was bleibt dann noch zu erzählen?


Natürlich können wir nicht alles, was wir erleben, wiedergeben, wenn uns jemand nach unserem Tag fragt. Das wäre unsinnig und langweilig bis unhöflich für die fragende Person:“ Ich habe, nachdem ich das Haus verlassen habe, zuerst den linken Fuß auf den Boden gesetzt und bin dabei auf ein Eichenblatt gestiegen.“ Usw. Der Gesprächspartner ist ja nicht an jedem Detail unseres Erlebens interessiert, und auch nicht jeder Moment eines Tageserlebens kann in unserem Gedächtnis gespeichert werden. 

Der Wert für Erzählen oder Erinnern ist ein ganz anderer als der des Erfahrens, und darauf ist die Intention der Achtsamkeit gerichtet. Wenn wir erzählen, müssen wir eine Auswahl treffen, müssen diese Auswahl aber nicht mit einer Bewertung versehen, die sie über die anderen Erfahrungen stellt. Wir verleihen  diesen ausgewählten erzählungswerten Erfahrungen nur eine weitere Bedeutung, die im aktuellen Geschehen des Erzählens oder Erinnerns entsteht.

Die Achtsamkeit verweilt dabei auf der Auswahl, auf dem Erzählen, auf dem Erinnern, auf dem Teilen und auf der Reaktion der zuhörenden Person. Diese Momente eines lebendigen Geschehens wiederum haben die gleiche Bedeutung wie das, was vorher war und was nachher sein wird.


Auf Augenhöhe mit der Wirklichkeit


Aus der Perspektive der Achtsamkeit begegnen wir der Realität im Außen wie im Innen auf Augenhöhe. Wir nehmen eine egalitäre und demokratische Perspektive ein, weil es gar keine andere geben kann, wenn wir uns auf dieser Erfahrungsebene befinden. Sie schenkt uns den Einblick in die universale Gleichwertigkeit des Seins. 


Die Menschenrechte – eine Voraussetzung für eine achtsame Menschheit


Die allgemeinen Menschenrechte beinhalten die Gleichstellung aller Menschen gegenüber jeder Form von Diskriminierung, sie es wegen der Geburt, des Standes, des Geschlechts usw. Diese fundamentale Gleichheit aller Menschen in der Wertigkeit ihres Menschseins ist deshalb intuitiv so einleuchtend, weil sie eine Anwendung der achtsamen Welterfahrung darstellt. Sie ist nur ein Sonderfall, freilich einer, der eine ebenso grundlegende und unhinterfragbare Geltung hat wie alle anderen Teile der Realität. Was für alles gilt, was es gibt, sollte in jedem Fall für die Menschen gelten. Deshalb muss jedem Rütteln und Relativieren dieser Grundrechte mit vehementer Kritik begegnet werden. Grundrechte müssen verteidigt werden, da sonst der Überlebenskampf zur Regel wird und damit jede Form von Gewalt legitimiert wird.

Leider sehen das viele Menschen anders, die noch in fixen Abwertungen und diskriminierenden Ansichten stecken. Denn der Zugang zu dieser Form der Realitätserfahrung ist nur möglich, wenn wir uns tiefer mit uns selbst verbinden statt dem an- und nachzuhängen, was uns von anderen vorgebetet und eingebläut wird. Wir spalten uns gleichzeitig von anderen Menschen und von Teilen von uns ab, sobald wir uns mit den angstbesetzten Aspekten unserer Seele identifizieren. 

Erkennen wir, dass wir in uns Licht- und Schattenseiten tragen, sehen wir schnell, dass wir weder besser noch schlechter als irgendjemand anderer sind. Selbst wenn wir weniger Unheil als einer der Gräueldiktatoren angerichtet haben, sollten wir zu allen Unbewusstheiten stehen, die uns unterlaufen sind, bevor wir uns vergleichen. Quantitative Vergleiche auf dieser Ebene anzustellen, bringt nichts, weil sie nur auf graduelle Unterschiede verweisen, die nichts über das Menschsein als solches aussagen. Unser eigenes „kleines“ Menschenleben ist genauso bedeutsam und inhaltsreich wie das eines berühmten oder eines berüchtigten Menschen. 


Die innere Seite der Achtsamkeit


Auf der subjektiven Seite dieser Medaille können wir folgendes entdecken: Nicht nur jeder Moment hat die gleiche Bedeutung, sondern auch jede Erfahrung, also das, was unser subjektives Erleben jedes Momentes ausmacht. In diesem Sinn deckt sich Inneres und Äußeres, Subjektives und Objektives. Damit nehmen wir zugleich uns selbst als Erfahrende so an, wie wir gerade die Realität wahrnehmen. Spielen wir dagegen Erfahrungen gegeneinander aus, indem wir z.B. eine Situation als besser bewerten als eine andere, so bewerten wir uns dabei als Erfahrende: Im einen Moment war ich besser mit der Realität verbunden als im anderen.  

Natürlich genügen wir diesem Anspruch an Achtsamkeit nicht in jedem Moment. Einmal sind wir eins mit dem, was gerade ist, ein andermal nicht. Wir haben Momente der Achtsamkeit und Momente der Unachtsamkeit. Und auch hier gilt es, den Anspruch der Achtsamkeit zu berücksichtigen, sobald uns das gelingt: Ob wir gerade achtsam sind oder nicht – beides zählt gleich viel. Diese Gleichwertigkeit fällt uns allerdings nur auf, wenn wir in der vollen Präsenz der Achtsamkeit sind.

Sollen wir das Bewerten von Situationen überhaupt sein lassen? Indem wir eine Erfahrung als mangelhaft oder unangenehm bewerten, haben wir die Möglichkeit, daraus zu lernen. Wir können dafür sorgen, unser Verhalten und unsere Einstellung zu verändern, Fehler und Unbewusstheiten vermeiden und rücksichtsvolles und liebevolles Handeln vermehren.


Lernen in der Achtsamkeit


Auf der Ebene der Achtsamkeit gibt es kein inhaltliches Lernen, weil alles, was sich gerade ereignet, gleich wichtig und stimmig ist. Es gibt nur ein Lernen in Hinblick auf das Praktizieren der Achtsamkeit, durch die Steigerung unserer Bewusstheit. So bekommen wir ein Gespür dafür, wann wir uns im Zustand der Achtsamkeit befinden und wann nicht. Wir können z.B. durch die Praxis der Meditation oder anderer Achtsamkeitsübungen lernen, schneller und dauerhafter in die Präsenz zurückzukehren.
Alles Lernen, das im Rahmen der Achtsamkeit stattfindet, z.B. das achtsame Lernen einer Fremdsprache oder des Umgehens mit Gefühlen usw., gilt gleichviel wie andere Erfahrungen, in denen nicht gelernt wird, sondern z.B. spazieren gegangen oder ein Frühstück bereitet wird. 


Warum wir Erfahrungen bewerten


Bedeutung messen wir unseren Erfahrungen in der Weise zu, wie wir glauben, dass sie auf die Zukunft wirken. Wir sagen z.B., dass das Erlebnis, am Gipfel eines Berges zu stehen, von größerer Wichtigkeit ist als einzelne mühsame Momente beim Aufstieg. Oder: Die Fahrt mit der Eisenbahn war langweilig, aber die Begegnung mit dem Menschen, den wir am Zielort getroffen haben, bereichernd. Wir nehmen an, dass wir von der Eisenbahnfahrt oder vom Bergaufstieg weniger Gewinn für unser Leben mitnehmen können als vom Gipfelerlebnis oder vom freundschaftlichen Gespräch. Doch woher wollen wir das wissen? Woher nehmen wir diese Gewissheit in Hinblick auf unsere Zukunft?  

Wir glauben intuitiv, dass unangenehme oder langweilige Erlebnisse weniger bedeutsam sind als angenehme, glückbringende und erfüllende. Aber auch hier gibt es keine Gewissheit. Oft haben unangenehme Erfahrungen angenehme Folgen, und auf besonders tolle Erlebnisse folgen schlechtere Zeiten. Wir messen also unseren Erfahrungen situativ Bedeutungen zu, die sich im Lauf der Zeit verändern, tun aber so, als wären sie für alle Zeiten festgelegt. 

Die achtsame Haltung hält sich von solchen Festlegungen frei. Alles an unserem Erleben ist in dauernder Veränderung, und die Achtsamkeit nimmt den jeweiligen Moment in diesem Fließen wichtig, während alles, was davor gewesen sein könnte oder danach werden könnte, ausgeblendet bleibt. Unsere Einzelerlebnisse sind wie die Wellen in diesem Fließen, mal so und mal so, aber ohne Unterschiede untereinander. Jede Welle ist anders und jede Welle ist gleich.

Deshalb verfügen wir in dieser Position über keinen Vergleichsmaßstab und brauchen diesen auch nicht. Wir vergleichen Optionen, wenn wir etwas erwerben wollen: Welches der angebotenen Lebensmittel ist gesünder, frischer, geschmackvoller, natürlicher, ökologischer usw.? Auch in solchen Entscheidungsprozessen können wir in der Haltung der Achtsamkeit bleiben, indem wir beobachten, was da geradeabläuft. Warum jedoch sollten wir etwas, das jetzt ist und gleich darauf für immer verschwunden sein wird, vergleichen mit etwas, das genauso nur in einem Jetzt existiert hat und dann für immer vorbei war? 

Wenn wir eine Erinnerung mit einer anderen vergleichen, füttern wir einfach unseren Verstand. Wenn wir zur Achtsamkeit zurückkommen, sind wir im Moment, in dem es nichts zu vergleichen und zu bewerten gibt. Wir können natürlich unsere Aufmerksamkeit auf die Aktivität des Vergleichens und Bewertens lenken und erkennen damit die Ebene, auf der es abläuft, eben die Ebene des Verstandesdenkens. 


Achtsamkeit: Meta- und In-Position


Achtsamkeit ist eine Meta-Fähigkeit oder Meta-Position, die sich nicht in die Realität, also in das, was ist und was geschieht, einmischt. Vielmehr ist sie in und mit allem, was ist und geschieht. Da sie keine Distanz zu allem, was ist, einnimmt, kann sie gar nicht bewerten oder vergleichen. In diesem Sinn verfügt die Achtsamkeit über keine Meta-Position als etwas, das über der Realität stünde, sondern nimmt eine In-Position ein, indem sie den Unterschied von Subjekt und Objekt überwindet. Deshalb führt der Weg zur achtsamen Präsenz zur Erfahrung der Einheit des Seins. 

Zum Weiterlesen:
Die Gleichberechtigung des Seins
Demut als spirituelle Haltung
Achtsamkeit und Lebenspraxis

Samstag, 19. Mai 2018

Die Gleichberechtigung des Seins

In unserer Alltagswahrnehmung sind viele Filter eingebaut, sie dienen dazu, die Vielfalt der Eindrücke zu sichten und zu ordnen. Wir klassifizieren alles, was wir erleben, nach verschiedenen Kriterien, deren Herkunft zumeist in unseren unbewussten Motivationen verborgen ist. In den meisten Fällen wissen wir also nicht, warum wir das eine Erlebnis positiv und das andere negativ bewerten. Wir denken uns zwar, nachdem die Bewertung schon stattgefunden hat, Gründe aus, warum wir so oder so bewerten, aber es sind gefühlsmäßige Reaktionen, deren Herkunft im Dunkeln unseres Unterbewussten liegt, die bewirken, dass wir uns bestimmten Aspekten der Wirklichkeit zuwenden und andere vermeiden.

Die Wirklichkeit, auf die wir uns mit unseren Wahrnehmungen beziehen, geschieht unabhängig von unseren Filtern und Bewertungen. Eine Flutwelle, die uns Angst und Schrecken bereitet und enormes menschliches Leid verursachen kann, läuft als an sich emotionsloses Naturphänomen ab. Der Regen fällt auf das Land, dem einen, der gerade ein Sonnenbad nehmen will, zum Missfallen, dem anderen, der ein Feld bestellt, zur Freude, dem, dessen Besitz durch Hochwasser zerstört wurde, zum Entsetzen. Er findet die Natur grausam und feindlich, während irgendwo anders jemand anderer zur gleichen Zeit durch einen Wald spaziert und ebendiese Natur als wunderschön und friedlich empfindet.


Überlebensfilter


Unsere Bewertungsmaßstäbe haben ihre Wurzeln in den frühen Phasen der Menschheitsgeschichte, in denen es ums Überleben und um die Sicherung des sozialen Zusammenhalts gegangen ist.  Was uns Sicherheit und Zugehörigkeit verspricht, bewerten wir als gut, was uns bedroht, als schlecht oder böse. Das Überleben der Menschen hing davon ab, die richtigen Filter aufzubauen und anzuwenden. Daraus leiten sich die Grundfilter: Gut/Schlecht, bzw. Gut/Böse ab. Vom einen wollen wir mehr, das andere soll so wenig wie möglich auftreten.

Deshalb teilen wir die Welt in diese zwei Kategorien, sobald wir uns im Überlebensmodus befinden. In dieser Perspektive ordnen wir die Wirklichkeit unseren Zwecken unter und streben die maximale Kontrolle über sie an. Es soll nichts Unvorhergesehenes geschehen, weil es uns bedrohen könnte. Bekanntes ist bereits eingeordnet, Neues muss erst klassifiziert werden und erzeugt deshalb Unsicherheit und Misstrauen.


Schönheit gibt es nur ohne Bewertung


Wir müssen aus dem Überlebensmodus heraustreten, wenn wir der Wirklichkeit näher kommen wollen. Wir brauchen einen bewertungsfreien Blick, um die Schönheit der Welt aufnehmen zu können. Denn in dieser Welt ist alles gleichrangig, und das macht die Schönheit ihrer Gesamtheit aus. Kein Teil dieser Welt ist an sich schöner oder hässlicher als ein anderer, keiner besser oder schlechter als ein anderer. Alle diese Elemente, die großen und die kleinen, bewegen sich in einem dynamischen Strom, mal näher, mal weiter weg voneinander. Schönheit können wir nicht im starren Gut-Böse-Schema finden, sondern im Wundern über die Gleichwertigkeit aller Teilchen des Seins.

Wir Menschen haben da die Unterschiede hineingebracht, wie es im Alten Testament symbolisch ausgedrückt wird: Durch das Kosten von der verbotenen Frucht, die vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen stammt. Mit dem Geist der Unterscheidung infiziert, bewegen sich die Menschen fortan mit ihren komplexen Bewertungsprogrammen durch die Geschichte und erzeugen andauernd Gutes und Böses aus einer neutralen Wirklichkeit. Es ist, als ob sie mit Farbtöpfen herumlaufen würden, mit denen sie einen Teil grün und den anderen rot einfärben, während gleich die nächsten kommen und wieder alles in ihrem Sinn übermalen. 


Das Nachher relativiert


Übersehen wird bei dieser Rot-Grün- oder Schwarz-Weiß-Malerei die nuancierte Form der Wirklichkeit, die sich nicht an Entweder-Oder-Schemas hält. Das fällt uns manchmal bei Erlebnissen auf, die uns zunächst völlig gegen den Strich gehen, aufregen oder irritieren und sich nachträglich als Segen herausstellen oder zumindest auch gute Folgen zeitigen. 

Aus dem momentanen Gefühl kommt unsere bewertende Reaktion, die darüber entscheidet, ob uns ein Vorkommnis in den Kram passt, unseren Erwartungen entspricht und uns Vorteile bringt. Wenn nicht, wird das Ereignis schnell in die negative Kiste abgelegt. Wir wenden viel Energie und Denkkraft für die Rechtfertigung und Stabilisierung von solchen Einordnungen auf, indem wir unsere Gedanken um das Erlebte kreisen lassen und uns von anderen bemitleiden lassen. Oft bekommen wir gar nicht mit, wenn solche Ereignisse ihre guten Seiten zeigen, außer es fragt uns jemand nach dem „Guten im Schlechten“. 

Wir vergessen schnell, dass wir schon oft im Leben gelernt haben, wie die Zeit alle Wunden heilt. Unglücke, Unfälle, Verletzungen und Bosheiten, die uns so schwer zu schaffen gemacht haben, verblassen in der Rückschau und haben sich schon längst in Erfahrungen verwandelt, von denen wir erzählen, wieviel wir daraus lernen konnten und wie sie uns weitergebracht haben. Die Zeit macht aus den riesigen Ecken, scharfen Kanten und abgrundtiefen Brüchen unserer Geschichte kleine amüsante Anekdoten, aufgefädelt auf der langen Perlenkette unserer Lebenssaga. 


Auf dem Weg zur Weisheit


Weisheit besteht wohl darin, die Relativität all unseres Leidens zeitgerecht zu erkennen und die Festlegung durch spontan getroffene Bewertungsentscheidungen zu vermeiden. Wir sind nicht die Kontrolleure über unsere Zukunft und wissen nichts über die Konsequenzen aus dem, was uns widerfährt. Wir brauchen uns von Spekulationen nicht irritieren zu lassen, sondern können darauf vertrauen, dass das Leben weitergeht, dass es immer wieder angenehme und unangenehme, verletzende und wohltuende, bedrohliche und förderliche Erfahrungen geben wird, und dass sich viele dieser Erfahrungen im nachträglichen Licht betrachtet gar nicht so eindeutig gut oder böse, sondern in bunt schillernden Farben zeigen. Mit unserer Geschichte kommen wir in Frieden, wenn wir deren Schönheit in all ihren Facetten erkennen und anerkennen können.

Wir erlangen diese Sichtweise leichter, wenn wir uns immer wieder darin üben, bei verschiedenen Gelegenheiten die Gleichberechtigung alles Existierenden zu erkennen. Immer wenn wir die Schleier der Bewertungsmuster wegziehen, zeigt sich uns Vielfalt, Reichtum und Fülle, Überraschendes und Wunderbares, und wir finden damit die gleiche faszinierende Mannigfaltigkeit in uns selber. Mit jeder Bewertung, die wir loslassen und durch das Akzeptieren im Moment austauschen können, tauchen wir in unsere dynamische Natur ein, in das von Erfahrung zu Erfahrung weiterfließende wachsende, nie fertige Leben, das wir sind und das uns umgibt.

Dazu kommt, dass die Sichtweise auf die fundamentale Gleichwertigkeit aller Menschen, Dinge und Lebensformen nicht nur Voraussetzung für jede Demokratie in der menschlichen Gesellschaft ist, sondern auch die Grundlage für Artenschutz, nachhaltiges Handeln und Umwelterhaltung bildet. Sie hängt zusammen mit der Haltung der Demut und ist vermutlich die Perspektive, die sowohl ein menschenwürdiges Leben für möglichst viele und auch den Erhalt der natürlichen Lebensvoraussetzungen auf diesem Planeten sichert, als conditio sine qua non, also als unabdingbare Grundbedingung für eine Zukunft menschlicher Existenz.


Wer weiß, wozu es gut ist...


Zu dieser Thematik passt die bekannte „Wer-weiß-wozu-es-gut-ist“-Geschichte, die es in verschiedenen Varianten gibt:

Es war einmal ein kleines Indianerdorf. Am Rande dieses Dorfes lebte ein alter Indianer. Er besaß nicht viel, aber genug, um zufrieden zu leben. Jeden Morgen schaute er nach seinem einzigen Pferd, um eine Weile bei ihm zu sein. Eines Morgens, als er wieder nach seinem Pferd schauen wollte, war es verschwunden.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich:
»Oh du Armer! Dein einziges Pferd ist dir weggelaufen. Du tust mir leid, jetzt ist dein einziger wertvoller Besitz dahin! Das ist wirklich schlimm für dich!«
Der alte Indianer lächelte und sprach:
»Was bedeutet das schon? Das Pferd ist weg, das stimmt, aber bedeutet das wirklich etwas Schlimmes? Warten wir es ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Der alte Indianer ging auch am nächsten Morgen an die Koppel, dort wo sein Pferd gewesen war. Und auch am übernächsten Morgen tat er es. Plötzlich hörte er herangaloppierende Pferde. Als er aufschaute, da erblickte er sein Pferd. Es war zurückgekommen und mit ihm zwölf der prächtigsten Wildpferde. Sein Pferd führte alle in die Koppel.
Der Nachbar des alten Indianers sah es als erster und rief sogleich: »Oh du Glücklicher. Das ist ja unglaublich, wie viel Glück du hast. Dein Pferd ist zurück gekommen und nun hast du dreizehn Pferde! Das ist toll! Nun bist du der reichste Mann im Dorf!«
Der alte Indianer lächelte und sprach: »Ja richtig, ich habe nun dreizehn Pferde. Aber warum bist du so aufgeregt? Wer weiß, wozu es gut ist!«
Der alte Indianer hatte nur einen Sohn, und dieser begann bald darauf, die zwölf Wildpferde zuzureiten, eines nach dem anderen. Es war eine anstrengende Arbeit, selbst für einen jungen, kräftigen Mann. Und an einem Nachmittag ereignete es sich, dass der junge Sohn, sehr erschöpft, von einem der temperamentvollen Pferde stürzte und sich das Becken brach.
Der Bruch war so kompliziert, dass er nur schlecht verheilte und alsbald war klar, dass der Sohn des alten Indianers für den Rest seines Lebens ein Krüppel sein würde. Nie wieder würde er seine Beine richtig gebrauchen können.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich: »Oh du Armer! Dein einziger Sohn ist ein Krüppel und wird es immer bleiben. Du tust mir wirklich leid, jetzt hast du gar keine Freude mehr am Leben! Ich glaube, es lastet ein Fluch auf dir!«
Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: »Und wieder bist du so aufgeregt. Mein Sohn wird vielleicht nie wieder laufen können – das ist möglich! Aber warum sprichst du von einem Fluch? Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Es begab sich, dass das Volk des alten Indianers in immer größeren Spannungen mit dem Nachbardorf lebte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eines der Dörfer das Kriegsbeil ausgraben würde.
Alsbald herrschte große Aufregung im Dorf des alten Indianers, denn man wollte gehört haben, dass das Nachbardorf einen Überfall plante. Der Ältestenrat entschied, dem Angriff zuvor zu kommen und das Nachbardorf unverzüglich zu überfallen. Alle jungen und gesunden Krieger hatten sich sofort für den Krieg zu rüsten.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Verzweiflung davon: »Stell dir nur vor – mein Sohn muss in den Krieg ziehen. Was hast du für ein Glück, dein Sohn darf im Dorf bleiben, denn er ist ja ein Krüppel. Du hast wirklich großes Glück! Zwar ist dein Sohn nicht gesund, aber er wird leben. Wer weiß, ob ich meinen Sohn jemals wieder sehe. Wie musst du dich glücklich schätzen, dass dein einziger Sohn verschont bleibt!«
Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: »Und wieder bist du so aufgeregt. Hast du denn gar nichts aus der Vergangenheit gelernt? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Die jungen Krieger überfielen das Nachbardorf und hatten leichtes Spiel, denn dort hatte man nicht mit ihrem Angriff gerechnet. Sie machten reiche Beute und kehrten siegreich und mit schwer beladenen Pferden zurück.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Stolz davon: »Stell dir nur vor, wie viel unsere Krieger erbeutet haben. Wir sind jetzt alle reich, nur du nicht, du armer alter Mann, denn dein Sohn war ja nicht dabei! Du hast wirklich Pech! Das muss ja furchtbar für dich sein! Wir werden unsere Zelte reichlich mit der Kriegsbeute füllen!«
Der alte Indianer schaute ihn an, seufzte tief und ging wortlos in sein Zelt zurück.
Aber dann wandte er sich doch noch einmal um, sah seinen Nachbarn eine Weile an und sprach: »Und wieder lernst du nichts aus der Vergangenheit? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Wir sehen doch immer nur einen kleinen Teil vom Ganzen. Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Die Stammeskrieger feierten den Sieg bis tief in die Nacht und stolze Väter und stolze Mütter sorgten für das beste Essen, viel Tanz und viele Getränke. Es war kurz vor dem Morgengrauen, als sich alle müde in ihre Zelte begaben.
Im Nachbardorf hatte man unterdessen einen Gegenangriff vorbereitet, und im Morgengrauen kam die Rache für die erlittene Demütigung. Die Krieger des Nachbardorfs drangen in jedes Zelt ein und wenn sie dort etwas von ihren Gegenständen fanden, wurden alle im Zelt grausam getötet. Niemand überlebte den Gegenangriff – nur der alte Indianer und sein Sohn wurden verschont!
Der alte Indianer dachte an seinen Nachbarn, lächelte und sprach zu sich: »Siehst du, wie wenig wir doch vom Ganzen sehen. Erst viel später erkennen wir, wozu etwas gut war!«

Zum Weiterlesen:
Achtsamkeit: Jeder Moment hat die gleiche Bedeutung
Demut als spirituelle Haltung
Polaritäten lähmen, Kontinuen befreien
Polaritäten - Ursprünge und Folgen


Samstag, 20. Januar 2018

Die Jagd nach der Erfahrung

Unser Leben ist die Summe unserer Erfahrungen, entlang der Zeitleiste, die uns zugemessen ist. Wir haben den Drang, diese Zeit bestmöglich zu füllen. Sonst könnte es passieren, dass dieses unser Leben seinen Sinn und seine Bedeutung verliert, was soviel heißt wie, dass wir selber unseren Sinn und unsere Bedeutung verlieren, und diese Vorstellung verursacht ungute bis grauenvolle Gefühle.

Wir müssen also herausfinden, wie wir diese Zeit optimal nutzen. Im Grund können wir unser Leben als die Suche nach diesem Optimum beschreiben, als eine Reise, die weniger ein fix definiertes Ziel hat, wie Schruns-Tschagguns oder Paris, als vielmehr einem Herumirren zwischen Versuchen und Irrtümern gleicht. Denn auch wenn wir in Paris als unserem Reiseziel angelangt sind, müssen wir erst die Zeit, die wir dort verbringen, auf eine optimale Weise mit Erfahrungen füllen. Es erschiene ja seltsam, in diese Stadt zu reisen und die Zeit dort nur mit Fernsehen oder Kreuzworträtsellösen im Hotel zu verbringen. Wer würde von einer solchen Erfahrung seinen Freunden erzählen? Vielmehr wollen wir uns möglichst vollsaugen mit dem Neuen, was sich uns zeigt: Die Sehenswürdigkeiten, die Schönheiten, die Besonderheiten. Davon können wir, so hoffen wir zumindest, in der Zukunft zehren, wenn es uns an Neuem in unserem Leben mangelt. Wir speichern die spezielle Erfahrungsqualität eines Pariser Frühstückcroissants oder des Lächelns der Mona Lisa herein, und unser zukünftiges Leben ist vor Leere und Langeweile gefeit, so hoffen wir. Jederzeit können wir uns die Erinnerung zurückholen, wenn wir nur die Erfahrung möglichst intensiv gemacht haben.

Spitzenerfahrungen als Versicherung gegen das Unglück


Wir wollen all diese besonderen, herausragenden Erfahrungen sicher und dauerhaft abspeichern, damit sie uns die Gefühle, die mit den Erfahrungen verbunden waren, möglichst zuverlässig und dauerhaft abrufbar machen. Dieser einzigartige Sonnenuntergang bekommt einen prominenten Platz in unserem Erinnerungsspeicher, wir haben viel darin investiert, ihn zu finden, nun soll er in aller Zukunft von Nutzen sein. Deshalb bilden wir ihn ab, und deshalb schicken wir die Abbildung an all die Menschen um uns herum. Indem sie wissen, was wir erlebt haben, können sie uns daran erinnern, sollten wir die Erinnerung und ihren Erfahrungsgehalt vergessen.

„Der Versuch, unser Leben nicht zu einer Vergeudung zu machen, indem wir ein paar besonders bemerkenswerte Ereignisse suchen, macht den Rest unseres Lebens zur Vergeudung.“ (Mark Greif: Against Everything. On Dishonest Times, Verso 2016, S. 94) Der Versuch also, unser Leben besonders optimal anzufüllen, kann darin münden, dass wenigen Spitzenerfahrungen eine beängstigend große Menge an belanglosen Zeiten gegenübersteht. Mehr noch, im Kontrast zur Grandiosität einzelner Erfahrungsmomente kann der Rest, der Großteil des Lebens, umso mehr in die Bedeutungslosigkeit absinken.

Um das zu verhindern, wollen wir an den hervor-ragenden Ereignissen festhalten, wir wollen die Zeit um sie herum in die Länge ziehen, damit wir nie wieder ins öde Umland zurückkehren müssen. „Das Konzept der Erfahrung macht uns zu Siedlern in einem Dorf am Plateau, die an einem Mythos von einer glücklicheren Menschenrasse festhalten, die auf den Gipfeln leben. Manchmal klettern wir hinauf, aber nur mit Vorbereitung, für kurze Expeditionen. Wir können dort nicht bleiben, und alle sind dann unruhig und unzufrieden zuhause.“ (ebd.)

Das Rezept zur Unzufriedenheit liegt in der Hochstilisierung des Herausragenden, wodurch eine starre Spannung zum Normalen, Alltäglichen, Unspektakulären erzeugt wird. Je intensiver wir die spezielle Erfahrung in uns verankern, desto weiter fallen die vielen anderen weniger extravaganten Ereignisse unseres Lebens dagegen ab. Und sie müssen auch abfallen, denn die Intensiverfahrung lebt aus dem Kontrast zum ausgebreiteten Flachland, das vor allem mit Bedeutungslosigkeiten angefüllt ist. Je mehr wir in den Zeiten des eingeebneten Lebens an der Leere und am Nichtvorhandensein von Sondererfahrungen leiden, desto erfüllter offenbart sich das Leben, wenn es uns Gipfelerfahrungen zuschanzt. In der westlichen Lebensweise ist diese Spannung abgebildet als das  Pendeln zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Job und Urlaub. Die Hoffnung auf die Erlösung aus dem Müssen in der öden Ebene dient als Quelle zum Aushalten der langen Durststrecken zwischen den kurzen Phasen des Hochgefühls. Dazu hoffen wir auf einen Lottogewinn oder eine gut dotierte Frühpension, um endlich den Urlaubszustand zum Dauerzustand machen zu können.

Bewertungskriterien


Was ist optimal? Hier leben sich emotionale Muster aus, die sich aus erlittenen Frustrationen und deren Bewältigungsstrategien ableiten. Die ganz besondere Erfahrung, nach der wir jagen, soll uns alles vergessen lassen, was wir je an Widrigkeiten überstehen mussten. Es muss etwas ganz Neues, Überraschendes, Noch-nie-Dagewesenes sein, damit keine alte schlechte Erinnerung etwas davon anpatzen kann. Diese exquisite Speise liefert deshalb eine so besondere Erfahrung, weil sie mit nichts assoziiert ist, was in der Kindheit Essprobleme bereitet hat. Sie ist absolut unschuldig und lässt uns unser Leiden vergessen.

Erfahrungsabstinenz?


Wie können wir uns aus der Spannung befreien? Offensichtlich bringt es nichts, wenn wir den Erfahrungshunger und die Erfahrungsgier durch ihr Gegenteil, die Erfahrungsabstinenz ersetzen und die Spannung dadurch wegkürzen, dass wir das Besondere der Erfahrung verkleinern, indem wir z.B. die Unvollkommenheiten von intensiven Erfahrungen in den Vordergrund rücken: Den unangenehmen Geruch einer Abfallhalde in der Nähe des Punktes, von dem der Sonnenuntergang am schönsten beobachtet werden kann, der Autolärm beim Genuss eines Pariser Frühstücks oder die Touristenschwärme um den Eiffelturm. Es macht uns auch nicht glücklicher, wenn wir das Besondere zum Alltäglichen machen, indem wir z.B. den Urlaub dort verbringen, wo es dem Zuhause am ähnlichsten ist und wir all unseren Alltagsgewohnheiten weiter frönen können.

Wenn wir uns resignativ im Gewohnten verschanzen, weil alles andere mit Risiken und Unwägbarkeiten behaftet ist und uns mit Ängsten konfrontiert, richten wir uns bloß bequem in der Komfortzone ein und bauen einen Zaun mit Sichtschutz um sie herum auf. Wir ebnen das Unebene ein, damit nichts den seichten Strom des Immergleichen irritieren kann. Es regt nur mehr das auf, was außerhalb der eigenen Einflusszone steht, im Inneren wird die ewige Ruhe ausgerufen.

Die Radikalität der Erfahrung


Der wirkliche Ausweg ist radikaler. Er liegt darin, dass wir das Konzept von Ebene und Gipfel, von Alltag und Extravaganz, vom Belanglosen und Besonderen überwinden und hinter uns lassen. All diese Entgegenstellungen verzerren die Realität. Auf ihrer Grundlage basteln wir ein Lebensmodell, mit dem wir die Wirklichkeit polarisierend auseinanderreißen und uns dann wundern, wenn unsere Unzufriedenheit nicht weniger wird.

Wir müssen aufhören, die Möglichkeit einer optimalen Erfahrung irgendwo in die Zukunft oder an einen möglichst weit entfernten Ort zu verbannen, sodass wir sie immer wieder mühsam suchen müssen. Alles, was es braucht, ist,  sie im jetzigen Moment zu aufzufinden, denn nur dort gibt es sie. Wenn wir in diesen Moment eintauchen, ist diese Erfahrung weder eben oder öd noch herausragend, sondern sie ist da in ihrer Unvergleichlichkeit, weder toll noch fad, weder schön noch hässlich, weder pointiert noch flach. 

Wir müssen nur das Vergleichen rausnehmen, das die Gewohnheit hat, sich wie ein Zerrschleier über das Erleben breitet, indem es jedem Inhalt eine Bewertungsmarke von einem anderen Inhalt anhängt. Nichts darf so sein, wie es ist, vielmehr wird alles in Bezug zu etwas anderem gesetzt, und aus diesem Bezug wird der Wert abgeleitet. Die Erfahrung A ist gut, weil sie besser ist als B, aber nicht so gut wie C usw. Das Vergleichen nimmt der Erfahrung ihren Eigenwert, ihre eigene ganz besondere Bedeutung, die wir im Moment des Erlebens aufnehmen können, wenn wir eben nicht ins vergleichende Bewerten gehen.

Die Qualität des Optimalen, die wir in der Spitzenerfahrung suchen, die Intensität des Erlebens, hängt nicht vom Äußeren ab, sondern bildet sich durch unsere innere Einstellung. Wir können davon ausgehen, dass jede Erfahrung auf einer Skala soundso weit vom Optimalen entfernt ist, oder dass diese Erfahrung in diesem Moment das Optimale ist, das wir haben. Mit dieser Einstellung können wir überall und jederzeit den unvergleichlichen Sonnenuntergang, die traumhaft schöne Natur und das wunderschöne Kunstwerk erleben. Das Leben zeigt sich uns in jedem Moment in all diesen Qualitäten, und es liegt an uns, sie wahrzunehmen oder zu ignorieren. Wählen wir den vorurteilslosen Blick, die un-befangene Wahrnehmung, statt die Verschleierung durch Vergleichen und Bewerten! Das gibt uns auch in unangenehmen Situationen, also solchen, die nicht unseren Präferenzen und Erwartungen entsprechen, einen Anlass zum Staunen.

Die Erfahrung als Erfahrung akzeptieren


Der erste Schritt, damit wir uns mit dem Optimalen der jeweils aktuellen Erfahrung verbinden können, liegt im Akzeptieren der Erfahrung als Erfahrung. Die Erfahrung ist das, was uns der Moment gibt, nicht mehr und nicht weniger. Wir haben die Wahl, uns darauf einzulassen, d.h. dass wir keine Konzepte und Vergleiche, keine Interpretationen und Einordnungen über das Erlebte drüberstülpen, sondern es als das, was es ist, da sein lassen. Es mag angenehm oder unangenehm, schön oder hässlich, gut oder böse sein – es ist, was es ist, und im Akzeptieren nehmen wir es an.

Was ist, macht sowieso im nächsten Moment Platz für das nächste, was ist. Die Angst, die uns am Akzeptieren hindert, ist oft, dass wir glauben, was jetzt ist, bleibt und wird sich nie verändern (wenn es unangenehm ist), oder verschwindet und kommt nie wieder (wenn es angenehm ist). Sobald wir annehmen, was unsere Erfahrung ist, merken wir, dass es sich von Moment zu Moment ändert. Wir erkennen, dass es wieder nur unsere Vorstellungen und Denkkonzept sind, die uns suggerieren, wir müssten etwas an unseren Erfahrungen loswerden oder festhalten. Das ist die zentrale Botschaft des Buddha: Alles Leiden entspringt aus dem Loswerdenwollen oder Festhaltenwollen. Die Heilung liegt immer im Sein-Mit, im annehmenden Umfangen dessen, was sich gerade als unsere Erfahrung zeigt. Da gibt es nichts mehr zu suchen oder zu finden, da ist einfach, was ist. 


Zum Weiterlesen:
Halbwahrheiten - schlimmer als Unwahrheiten