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Mittwoch, 14. Januar 2026

Misstrauen und Opferrolle

Das Thema Misstrauen gehört im Grund vor der Soziologie und Politologie zum Forschungs- und Erfahrungsbereich der Psychologie. Denn jedes Misstrauen ist eine subjektive Angelegenheit und entsteht im Inneren eines Menschen. Es wird oft durch objektive Faktoren in der Gesellschaft beeinflusst und verstärkt. Aber seine Wurzeln hat es in der individuellen Lebensgeschichte, von sehr früh an.

Menschen sind unterschiedlich empfänglich für Misstrauen, bzw. gehen unterschiedlich mit der Enttäuschung von Erwartungen um. Manche bleiben in ihrem Grundvertrauen, auch wenn sie nicht mit allen Abläufen einverstanden sind. Andere verschreiben sich einem Grundmisstrauen, weil sie nicht das bekommen, was ihnen nach ihrer Meinung zusteht. Solche Mangelgefühle haben kindliche Entstehungsbedingungen, die mit unsicheren Bindungen zusammenhängen. Kinder erwarten zu Recht, dass ihre emotionalen Bedürfnisse von den Eltern ausreichend erfüllt werden. Ist das nicht der Fall, so sind sie enttäuscht, und ihr Vertrauen in die Menschen und in die Welt wird erschüttert. An die Stelle der Zuversicht und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten treten Gefühle der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit.

Emotionale Mängel in den frühen Beziehungen werden später auf die Gesellschaft projiziert, und das Misstrauen, das eigentlich unzuverlässigen oder lieblosen Eltern gilt, die ihrem Kind vieles schuldig geblieben sind, richtet sich dann auf die „großen Eltern“, die Mächtigen in der Welt. 

Gerade, wenn die Herausforderungen schwierig erscheinen, braucht es Mut, um handlungsfähig zu bleiben. Das Misstrauen unterbricht die Verbindungen zu den eigenen Ressourcen und Potenzialen und führt zu einer Opferhaltung mit der Flucht aus der Verantwortung. Es ist bequemer, andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen als selber etwas daran zu ändern.

In der Projektion auf die Gesellschaft ist es ein Leichtes, auf Machthaber und Entscheidungsträger zu schimpfen, als selbst aktiv zu werden und sich für die eigenen Anliegen oder die der ganzen Gesellschaft einzusetzen. 

Verschärft sich das Misstrauen zu Hass und Feindschaft gegen die bestehenden Umstände, so entsteht das Gefühl einer gewissen Eigenmächtigkeit, die aber folgenlos bleibt, weil sie sich in Aggressionen auf Menschen und Institutionen austobt, die davon nicht angekratzt werden. Die hinter diesen Gefühlen steckende Ohnmacht wird auf diese Weise nur zusätzlich verstärkt. So entstehen selbstverstärkende Muster, die das Opfergefühl stabilisieren. 

Misstrauen ist Selbstmisstrauen

Misstrauen ist immer auch Selbstmisstrauen, also der Zweifel an sich selbst, an den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Oft sind es nicht verkraftete Enttäuschungen, die im Lauf des Lebens geschehen sind und sich im Inneren auftürmen und verdichten, wodurch der Selbstwert schrittweise untergraben wurde. Manche nehmen die Schuld an der eigenen Misere zur Gänze auf sich und entwickeln Depressionen. Andere wenden sie nach außen und beschuldigen die Gesellschaft, das System, die Eliten, die Ausländer usw. Den Hass, den sie auf sich wegen ihrem eigenen Unglück haben, richten sie gegen andere und entlasten sich dadurch vom Selbsthass. In der Folge graben sie sich in ihre misstrauische Abwehrhaltung gegen die Gesellschaft ein und isolieren sich von allen, die ihren Hass nicht teilen. So geraten sie in eine persönliche Abschottung, die sie sich gleichzeitig für die Gesellschaft wünschen: Wenn nichts Fremdes in das eigene System eindringen kann (z.B. durch Grenzzäune) und alles Fremde, das schon da ist, zuverlässig entfernt wird (z.B. durch „Remigration“), entsteht die Erwartung auf eine trügerische Sicherheit, in der es nichts Bedrohliches mehr gibt. 

Die Isolation in der eigenen Blase ähnelt der Abkapselung einer depressiven Person, mit dem Unterschied, dass das Ausdrücken von Hass und Feindschaft den Anschein von Mächtigkeit und Überlegenheit vermittelt.

Doch schränkt das Misstrauen unweigerlich die Freiheitsräume und Handlungsmöglichkeiten ein und immobilisiert langfristig die Personen – emotional und kognitiv. Die Gefühle kreisen um die Objekte des Hasses und der Feindschaft, die Gedanken rechtfertigen die Gefühle. Den eingeschränkten Handlungsalternativen entspricht das eingeschränkte Innenleben. Neue Perspektiven müssen abgewehrt werden, um nicht die durch das Misstrauen gewonnene Sicherheit zu verlieren.

Auswege aus der Fixierung auf das Misstrauen

Diese Muster können nur außer Kraft gesetzt werden, wenn sie erkannt und durchschaut sind. Dann können die ursprünglichen Verletzungen verstanden und angenommen werden. Ein verständnisvolles Gegenüber ist eine Gute Hilfe, um der Opferrolle zu entrinnen und die Selbstmächtigkeit wiederherzustellen. Denn Verständnis für das eigene Leid zu bekommen, stärkt das Vertrauen – in andere Menschen, in die Welt und in sich selbst.

Es gibt also Auswege, die aber nur gefunden werden, wenn das Leid, das in jeder Opferrolle steckt, erkannt wurde und wenn eine Erleichterung des Leidensdrucks gesucht wird. Um diesen Weg zu beschreiten, muss die Verantwortung für das eigene Schicksal übernommen und kompetente Unterstützung gesucht werden. Dann kann es gelingen, die Projektionen zurückzunehmen, mit der Erfahrung, dass jemand da ist, der ohne Urteil und Erwartung zuhört und für das Leid Empathie aufbringt.

Verständnisvolles Zuhören

Ein positives Zukunftsbild entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass mehr und mehr Menschen verständnisvolle Zuhörer und Wegbegleiter werden, für sich selbst und für die Menschen in ihrer Umgebung. Ein Gespräch, in dem ein Verstehen spürbar wird, erleichtert die Seele und erzeugt Vertrauen. Dieser Effekt tritt jedoch nur dann auf, wenn es sich nicht um ein naives oder blindes Verstehen handelt, indem einfach in allem Recht gegeben wird, sondern wenn das Gespräch hilft, sich selbst und die Zusammenhänge des Lebens realistischer zu sehen – mit den Stärken und Schwächen, die jeder hat, und mit dem Guten und dem Bösen, das es in allen Menschen gibt.

Sich tiefer verstanden zu fühlen gibt das Vertrauen und das Selbstbewusstsein, die Prüfungen des Lebens bestehen zu können. Kinder, die von früh an mitbekommen, dass sie wertvoll und fähig sind, und auch, dass sie für ihre Fehler und Mängel Verständnis bekommen, gehen zuversichtlicher durch ihr Leben und haben weniger Ängste vor der Zukunft. Kinder, die immer wieder ermutigt wurden – ermutigt, Neues zu erkunden, Abenteuer zu suchen, ihren Impulsen zu folgen –, werden mutig und bauen ihr Grundvertrauen und ihre Selbstsicherheit aus. Sie nehmen diese Gefühle  als solide Basis in ihr Leben mit und entwickeln daraus die Kraft, ihre Sicherheitszonen immer mehr ausweiten zu können. Ermutigte Kinder werden mutige Menschen. Zum Mut gehört, nicht nach jeder Enttäuschung die Flinte ins Korn zu werfen, sondern neue Kraft zu schöpfen, wenn etwas schief gegangen ist oder die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Mutige Menschen sind bereit für die kleinen Heldentaten des Alltags, deren Meisterung zu einer vertrauensvollen Sicht auf die Zukunft beitragen. Es sind auch Menschen, die ein Versagen oder eine Krise als Lernchance und als Aufgabe sehen, und nicht als Niederlage, durch die sie in die Opferrolle fallen. 

Zum Weiterlesen:
Misstrauen und Zukunftsbewältigung
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen


Donnerstag, 11. Mai 2023

Die Wissenschaftsskepsis und das Versagen der Klimapolitik

25 % der deutschen Bevölkerung glauben, dass Wissenschaftler:innen beim Klimawandel übertreiben, um mehr Geld und Anerkennung zu bekommen. Das hat eine repräsentative Umfrage im Jahr 2022 ergeben. Die Zahlen dürften für Österreich und die Schweiz ähnlich liegen. Denn es ist schon länger bekannt, dass die skeptische Einstellung gegenüber den Wissenschaften vor allem in den deutschsprechenden Ländern besonders stark ausgeprägt ist. Die Leerstelle, die durch die Ablehnung der Wissenschaften entsteht, wird vor allem durch Verschwörungstheorien und esoterische Glaubensformen gefüllt. Die Corona-Zeit hat dem Misstrauen gegenüber den Wissenschaften einen zusätzlichen Aufschwung beschert, vor allem dadurch, dass polemische Wissenschaftskritiker ein großes Publikum über soziale Medien und kommerzielle Fernsehsender erreichen konnten, ohne selber auf wissenschaftliche Standards Rücksicht nehmen zu müssen. 

Ist der Ruf der Wissenschaft nun mal in einem Bereich ramponiert, kann das Misstrauen leicht auf andere Forschungsbereiche übergreifen: Vielleicht wird uns die Klimakrise nur eingeredet, von den Mainstream-Medien, die ja nur die Interessen von Regierungen und Konzernen vertreten und nur Wissenschaftler zu Wort kommen lassen, die diesen Interessen gehorchen.

Vom Nutzen der Wissenschaftsskepsis für die eigene Bequemlichkeit  

Was bringt die Wissenschaftsskepsis? Die Wissenschaft bietet abgesicherte Informationen nach dem jeweils aktuell besten Stand der Erkenntnis und außerdem ein kritisches Korrektiv für jede Form von Wissen, einschließlich des wissenschaftlichen Wissens. Wir verfügen über kein besseres Wissen über die Realität als das, das durch die Wissenschaften erzeugt wird. Wir wissen überhaupt nur aus diesen Quellen, dass es überhaupt eine Klimakrise gibt. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben Wissenschaftler das Ozonloch entdeckt und die Verursacher, die Flourkohlenwasserstoffverbindungen identifiziert, die daraufhin verboten wurden. Ohne Wissenschaften wären viele Menschen an Hautkrebs verstorben, ohne dass die Ursachen gefunden worden wären. Damals hat es übrigens keinen Zweifel gegenüber diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen gegeben.

Auch was die Klimakrise anbetrifft, geht alles, was wir darüber wissen, auf die Wissenschaften zurück. Niemand von uns hat je den CO2-Gehalt der Atmosphäre gesehen, gerochen oder sonst wie erfahren. Allenfalls nehmen wir abnorme Wetterphänomene wahr, aber ohne wissenschaftliche Daten könnten wir nur raten oder fantasieren, was die Ursache dafür sein könnte. 

Was aber diese Daten zeigen, was eben von Tausenden von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt erforscht, dokumentiert und berechnet wurde, ist in hohem Maß beängstigend. Es geht nicht mehr darum, ob es zu einer Klimakatastrophe kommt, sondern nur darum, wann, wo und in welchem Ausmaß sie eintritt. Das Szenario ist düster, nur die Schattierung und der Dunkelheitsgrad sind offen und hängen davon ab, welches der Wahrscheinlichkeitsmodelle über Temperaturanstiege man für realistisch hält. Wir wissen, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern und dass das, was wir dagegen tun, viel zu wenig und viel zu zaghaft ist. Die Klimaziele, also die Reduktion der Treibhausgasemissionen, sind im Vertrag von Paris 2015 nach langen und schwierigen Verhandlungen festgelegt worden. Die Erderwärmung sollte auf unter 2 Grad begrenzt werden – eine aus wissenschaftlicher Sicht minimale Übereinkunft, da selbst bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad zu unabsehbaren Folgen mit wahrscheinlich irreversiblen Kipppunkten führen wird. In Bezug auf die Klimaziele der EU (die Reduktion der CO2-Emissionen auf 55% der Werte von 1990 bis 2030 und das Erreichen der Treibhausgasneutralität bis 2050) wissen wir jetzt schon, dass sie z.B. Österreich bis 2030 nicht erreichen wird. 

Skepsis und das politische Geschäft

Ein gewichtiger Faktor bei der Verzögerung der Maßnahmen zum Schutz vor einer Klimakatastrophe liegt bei der verbreiteten Wissenschaftsskepsis, die sich auch durch die politische Landschaft zieht und von vielen Politikern geteilt wird. Regierungen zaudern auch deshalb mit dem Beschluss von Maßnahmen, weil sie der Bevölkerung keine einschränkenden Änderungen der Lebensweise vorschreiben wollen, was ihre Wähler vergraulen würde. Sie nutzen die Ambivalenz in der Haltung der Bevölkerung, die durch das Misstrauen in die Wissenschaften verschärft wird, um sich zurückzulehnen und auf irgendwelche Zaubermittel zu warten.

Wenn die Politiker aber die Wissenschaften und zugleich die eigene Verantwortung als maßgebliche Entscheidungsträger ernst nähmen, hätten sie schon längst einschneidende Maßnahmen beschlossen und umgesetzt. Bei der Pandemie ist das relativ rasch gelungen, weil die Menschen schnell gespürt haben, dass es um Leben und Tod geht. Bei der Klimakrise muss niemand akut um sein Leben fürchten, und die mittel- oder langfristig wirkenden Schäden kennen wir in ihrer Massivität nur aus den Szenarien der Wissenschaftler. 

Da setzt ein Beschwichtigungsmechanismus ein, der besagt, dass alles nicht so schlimm werden wird. Wir wollen uns lieber selbst täuschen und in die eigene Tasche lügen als uns mit dem Bedrohungsszenarien auseinandersetzen, die die Wissenschaften vor unseren Augen ausbreiten. Und was wir – die Bevölkerung – als Wirklichkeitsverzerrung nutzen, kommt ebenso den Politikern zu pass, die sich da vor unangenehmen und unpopulären Maßnahmen schrauben können. Sie geben ihre Verantwortung ab und können sich darauf ausreden, dass  ja der Wille zu Veränderungen in der Bevölkerung nur schwach ausgeprägt ist und für die meisten andere Themen wichtiger sind.

Immer wieder erscheinen Umfragen mit dem Ergebnis, dass sich die Menschen große Sorgen wegen des Klimas machen (die Informationen aus den Wissenschaften sind angekommen) und dass sie ihr Verhalten nur minimal ändern wollen (die Verantwortung wird nicht übernommen). Diese Diskrepanz entsteht auch dadurch, dass die Ergebnisse der Wissenschaften verharmlost und abgeschwächt und mit der eigenen Bequemlichkeit gegengerechnet werden. Genau darum geht es bei den Sonntagsreden der Politiker, die gravitätisch ihre Sorgen ausdrücken und zugleich betonen, dass schon genug geschehen ist und dass eine Einschränkung des Wohlstandes und der luxuriösen Lebensweise nicht notwendig sein wird.

Anerkennen des Versagens

Wir müssen anerkennen, dass wir es als Menschheit viel zu weit haben kommen lassen. Wir haben versagt, die Katastrophe rechtzeitig abzuwenden, obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass sie eintreten wird, wenn wir keine energischen Gegenmaßnahmen setzen. Diesen Tatsachen in die Augen zu schauen, macht Angst und beschämt. Ein einfacher Ausweg aus diesen unangenehmen Gefühlen ist es, die Überbringer der Unheilsnachricht  in Verruf zu bringen: Wir stellen sie als Übertreiber oder gar als Lügner hin, unterstellen ihnen selbstsüchtige Interessen oder werten sie emotional ab: Solche Hysteriker! Verantwortlich sind nicht wir aufgrund unserer Versäumnisse, sondern die, die uns darauf aufmerksam machen. 

Das Ernstnehmen der Schlussfolgerungen der Wissenschaften würde bedeuten, den eigenen Lebensstil radikal zu überdenken und neu aufzustellen. Angesichts der erdrückenden Faktenlage bliebe keine Wahl, für sich selbst die nachhaltigste Form des Lebens zu übernehmen, die nur irgendwie möglich ist. Es hieße, sich einzugestehen, selber am Elend kommender Generationen eine Mitschuld zu tragen. Denn all die Ressourcen, die man selber verbraucht hat, stehen nicht mehr zur Verfügung, stattdessen müssen unsere Nachfahren noch dazu an den klimatischen Folgen des eigenen Überkonsums leiden. 

So aber, wenn es gelingt, den Wissenschaftstreibenden unlautere selbstsüchtige Interessen oder Wichtigtuerei zu unterstellen, werden die düsteren Zukunftsaussichten in ein neutraleres Licht getaucht: Diese Leute sind ja wie alle anderen Menschen auch käuflich und korrupt. Was sie an scheinbaren Fakten verbreiten, hat nichts mit der Realität zu tun. Die Realität ist eben nur das, was man selber direkt erlebt – sonnige und regnerische Tage, heiß war es schon immer im Sommer, was soll da das Problem sein? Die Überschwemmungen, Wirbelstürme und Trockenheitsperioden sind schlimm, aber solange sie einen selber nicht betreffen, genügt ein kurzes Bedauern der leidenden Menschen. Der Anstieg des Meerwasserspiegels findet vielleicht irgendwo statt, auf 500 Metern Meereshöhe wird einem schon nichts passieren. 

Und im Übrigen kommt die nächste Eiszeit bestimmt. Oder ein Komet macht dem Planeten den schnellen Garaus. Die Welt steht auf kan‘ Fall mehr lang, hat schon Nestroy als Knieriem 1834 gesungen, und sie steht noch immer. Also alles nur Angstmache von mieselsüchtigen Schlechtmachern.

Sobald die Wissenschaft in bestimmten Kreisen delegitimiert ist, also ihrer Deutungsmacht entkleidet wird, lässt es sich so weiterleben und weiterkonsumieren wie bisher. Der mehr oder weniger luxuriöse Lebensstil kann beibehalten werden, das Gewissen ist beruhigt. Ändern sollen sich allenfalls die anderen, die noch viel mehr als man selbst verbrauchen, wie auf dem Cartoon, wo ein Mann von sich gibt, dass die Chinesen endlich ihren Treibgasausstoß reduzieren sollen und auf allen Gegenständen um ihn herum einschließlich seiner Kleidung steht „Made in China“.  Plumpe Ausreden zu finden, ist einfacher als die komplexen Modelle der Wissenschaften zu studieren. Sie dienen der trägen Anhänglichkeit an die gewohnten Lebensformen und ihre Vorzüge. 

Geschäftsinteressen und Wissenschaftsskepsis

Natürlich gibt es viele Profiteure der Wissenschaftsskepsis. All die Firmen und Konzerne, die ihre Geschäfte mit der Zerstörung des Lebens auf dem Planeten machen, haben ein vitales Interesse daran, dass möglichst viele Menschen nicht auf die Wissenschaft vertrauen, sondern deren Ergebnisse bezweifeln und relativieren. Wir wissen nicht genau, mit welchen Mitteln die Wissenschaftsskepsis von diesen Konzernen betrieben und gefördert wird; wir kennen allerdings aus der Vergangenheit die Bemühungen der Zuckerindustrie, mittels gekaufter Studien die Gefahren des Zuckerkonsums zu widerlegen, sowie ähnliche Bestrebungen der Tabakindustrie, die die Harmlosigkeit des Rauchens belegen sollten. Für viele Bereiche der Industrie, vor allem jene, die mit dem Vertrieb von fossilen Energieträgern leben, stellen die Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen der Klimaforschung eine Bedrohung dar. Für ihre Betreiber ist es nur logisch, dass sie alles tun, um den Glauben an die Wissenschaften zu unterminieren.

Das Streuen von Fake-Informationen hat immer den Seiteneffekt, dass Leute sagen, sie wissen nicht, wer Recht hat, und eine Haltung einnehmen, die sich nicht festlegt, sodass schließlich erfundene „Fakten“ gleichrangig neben erforschten Fakten stehen. Damit steht es im subjektiven Belieben, sich z.B. aus Bequemlichkeit oder zur Gewissensberuhigung einer wissenschaftsskeptischen Position anzuschließen.

Und jeder, der sich aus freien Stücken, aber ohne grundlegende Kenntnisse in der Wissenschaftstheorie, der Wissenschaftsskepsis anschließt, indem er z.B. ein Klimawandelleugner wird, sollte sich im Klaren sein, dass er diesen Geschäftsinteressen, die auf der Ausplünderung des Planeten beruhen, einen willkommenen Dienst erweist.

Zum Weiterlesen:
Atemresilienz angesichts der Krise
Impfen, Wissen und Wissenschaft
Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Die Eso-Hasser und das Skeptiker-Syndrom
Wenn Fiktion zum Faktum wird
Nachhaltigkeit in der Demokratie


Montag, 30. November 2020

"Jemanden ausrichten" - eine perfide Form des Mobbing

Im Österreichischen gibt es den interessanten Ausdruck: „Jemanden ausrichten“. Damit ist gemeint, über jemanden, der gerade nicht anwesend ist, Schlechtes und Abwertendes zu reden. In dieser Redewendung verbirgt sich der Zweck des Bewertens: Jemand, der die von einer Gruppe vorgegebene Linie verfehlt oder von ihr abweicht, soll wieder ausgerichtet, also in die richtige Richtung gelenkt und auf den allgemeinen Kurs gebracht werden. Zugleich verständigen sich die Sprecher, die „Ausrichter“, dass sie einer Meinung sind und damit ein Recht darauf haben, die abwesende Person zu kritisieren.

Weiters steckt in dem Ausdruck auch das Richten, also die Ausübung eines Richteramtes. D.h. die Gruppe derer, die über jemanden herziehen, maßt sich die Befugnis an, diese Person zu richten, also feststellen, was an deren Tun oder Verhalten oder „Sein“ Recht und was Unrecht ist. Die Gruppe der Ausrichter stellt sich über die Einzelperson und gefällt sich in der Rolle, eine Norm gegen Abweichler zu sichern. 

Das Wohlgefühl, das solche Aktionen für die Ausrichtenden mit sich bringen mag, liegt darin, sich in einer überlegenen Position der Sicherheit zu fühlen: Mir kann nichts passieren, denn abgewertet und ausgegrenzt wird die abwesende Person. Ich bin mit den Anwesenden darüber einig, was sich gehört und was daneben ist. Damit bin ich auf der sicheren Seite. 

Doch bleibt die Gefahr bestehen, dass auch ich Opfer der ausrichtenden Recht-Sprechung werde, die hinter meinem Rücken abgehalten wird, wenn ich gerade nicht dabei bin. Um dem vorzubeugen, muss ich mich besonders bemühen, immer wieder und rechtzeitig zu den „Ausrichtern“ zu gehören, und am besten in diesem Sektor eine führende Rolle einzunehmen. So sichere ich meine Position und Zugehörigkeit ab, auf Kosten der ausgerichteten Menschen. 

Die Dynamik der Abwertung

Die weite Verbreitung des Phänomens, dass Menschen Zeit damit verbringen, über andere Menschen Schlechtes zu reden, also das zu benennen, was ihnen nicht gefällt, was sie stört oder ärgert, kann aus dieser selbstverstärkenden Dynamik verständlich werden. Sie erklärt auch, warum es schwer ist, aus der Dynamik auszusteigen. 

Da der Inhalt dessen, was die „Ausrichter“ bereden, in der Regel der betroffenen Person nicht mitgeteilt wird, ihr also nicht ausgerichtet wird, wird auch der Grund des verdeckten Ausrichtens weiter bestehen und stellt unversiegbare Nahrung für neuerliches Gerede zur Verfügung.

Damit bleiben die Spannungen bestehen, und die ausgerichtete Person kann sie zwar spüren und sich mit den Personen, die hinter ihrem Rücken Abwertungen oder Kritik geteilt haben, unwohl fühlen, ohne aber genau zu wissen weshalb.  

Das Netz des Misstrauens

Das Schlechtreden sät also Misstrauen und Unklarheit, nicht nur im betroffenen System, sondern auch in den beteiligten Einzelnen, den Tätern der Abwertungen, und den Opfern. Die Feigheit, die mit dem Hinter-dem-Rücken-Abwerten verbunden ist, ist von einer Angst getrieben, selber ausgegrenzt zu werden. Mit jedem Ausrichten wird sie scheinbar verringert, doch das Misstrauen wird mit jedem entsprechenden Akt tiefer ins Netz des Systems eingewoben und setzt alle unter Angst.

Das Mobbing, das schon viele Menschen in schwierige Situationen gebracht hat und sogar für manche Selbstmorde verantwortlich zeichnet, hat seine Wurzeln in solchen Dynamiken des Schlecht-über-Andere-Redens. 

Der Ausstieg

Wie kann ich aussteigen? Zunächst kann ich mir vorstellen, was es für mich bedeuten würde, wenn jemand gleichermaßen über mich herziehen würde. Als nächstes ist es wichtig, an die positiven Eigenschaften der Person zu denken und sich vorzustellen, dass diese Person auch in der Lage ist, etwas Gutes zu tun. Das kann auch die innerliche Aufregung und den Ärger besänftigen, der sich mit dieser Person verbunden hat.  

Wie kann ich andere zum Aussteigen aus der Ausrichte-Dynamik motivieren? Hier müssen wir sehr achtsam vorgehen, wollen wir nicht in den Angriffskreis des Opfers der schlechten Handlung kommen. Es könnte uns schnell dem feindlichen Lager zurechnen und der Illoyalität und des Bruches der Freundschaft verdächtigen: „Aha, du hältst also nicht zu mir, sondern zu dem Bösewicht, bist also selber einer.“ 

Der erste hilfreiche Schritt kann sein, dem Opfer Recht zu geben und verstehen, dass es sich verletzt fühlt und dass solche Handlungen der Korrektur bedürfen. Dann können wir darauf hinweisen, dass niemand immer alles richtig machen kann und dass es gut wäre, dem „Täter“ zu verzeihen. Dann kann sich das Opfer wieder entspannen und die Welt in einem größeren Ganzen sehen. Die beengende und Ärger erzeugende Perspektive auf das Erlittene weitet sich in diesem Schritt und kann angenehmeren Gefühlen Platz geben.

Jede Form von Mobbing sollte bewusst gemacht und überwunden werden, denn Mobbing ist Gift in der Gesellschaft und richtet viel Schaden an Menschen und Gruppen an, die zum Opfer gemacht werden. Es vergiftet aber auch die Mobber.

Zum Weiterlesen:
Bewertung: Anmaßung und Beziehungsstörung
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Dienstag, 13. Dezember 2011

Vertrauen im Kapitalismus

Neben der Hilflosigkeit, die sich angesichts der Krise allerorten breit macht, zeigt sich nach der Welle an Bereicherungsphantasien und Allmachtsillusionen ein enormer Zuwachs an Misstrauen. Niemand weiß, wer als nächster kollabieren wird, niemand weiß, ob der Euro oder überhaupt das Geld oder gar das westliche Wirtschaftssystem weiter bestehen wird. Deshalb heißt es auf der Hut sein. Das, was einem noch geblieben ist, wird sicher verwahrt und keinem anvertraut, der es abschwatzen will. Was aber ist sicher? Welcher Bank kann man noch vertrauen? Zurück zum Sparstrumpf und zur Schatztruhe, die im Garten vergraben wird? Kann ich sicher sein, dass keiner zugeschaut hat?
Dass der einzelne Bürger jetzt so reagiert, ist ihm nicht zu verdenken und vielleicht sind das kluge Strategien, bis die Zeiten wieder besser werden. In den größeren Zusammenhängen der Wirtschaft, die auf einem Kreditsystem aufgebaut ist, wirkt das Misstrauen jedenfalls zerstörerisch. Das Wort Kredit kommt ja von Glauben: Glaube ich daran, dass der, dem ich Geld borge, es mir wieder zurückzahlt? Habe ich das Vertrauen zu ihm?
Die grundlegende Unsicherheit, die in jedem Geldgeschäft (und eigentlich in jeder Form der Tauschwirtschaft) steckt, liegt darin, dass wir das Verhalten unserer Mitmenschen nicht vorausberechnen können. Wir borgen einem Kumpel Geld, der uns hoch und heilig verspricht, es am nächsten Tag zurückzuzahlen, und wir schauen durch die Finger. Wären wir hellseherisch begabt gewesen, hätten wir ihm das Geld nicht gegeben. Aber er selbst war vielleicht voll überzeugt, dass er uns das Geld wieder zurückgeben würde, aber hat es sich dann anders überlegt, oder die Umstände haben sich so verändert, dass er z.B. Geld, das ihm geschuldet wurde, nicht zurückbekommen hat usw. Wir können ja nicht einmal unser eigenes Verhalten vorausberechnen, wenn wir jemanden etwas versprechen. Was kann da alles dazwischen kommen? Vielleicht verliebt sich die eigene Freundin in den Typen, dem wir Geld schulden, oder er beleidigt einen Verwandten von uns ... und schon ändert sich unsere Motivation, das geschuldete Geld zurück zu zahlen.
Wir können also nicht einmal uns selber vertrauen, wie dann anderen, wie dann einem komplexen Wirtschaftssystem, an dem Millionen von Akteuren beteiligt sind, deren Verhalten wir nicht annährend nach Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit bewerten können? Solange alles funktioniert, ersparen wir uns den Gedanken an die Risken, denen wir ausgesetzt sind. Wir bekommen für unsere Arbeit Papierscheine, die die Dame an der Kassa des Supermarkts für Waren, die wir mitnehmen, entgegennimmt. Die meisten, die einen Kredit aufnehmen, zahlen ihn auch zurück und finanzieren mit ihren Kreditzinsen diejenigen wenigen, die ihn nicht zurückzahlen. Wir ziehen unser Grundvertrauen auf das Wirtschaftssystem aus unseren Durchschnittserfahrungen. Der Bankomat spuckt das Geld aus, das wir vorher in die Bank hineingelegt haben.
Diese hohe Anforderung an das Vertrauen führt zur steigenden Prominenz und Autorität der Rating-Agenturen. Diese machen nichts anderes, als die Kreditwürdigkeit=Glaubwürdigkeit von Personen und Institutionen abzuschätzen. Sie bieten an, uns gegen unsere Unsicherheiten abzusichern. Auch sie können nur mit Wahrscheinlichkeiten rechnen, weil sie ebenso nicht hellsichtig sind und bestimmte Motivationen der Marktteilnehmer zwar vorausberechnen können, aber nie wissen, ob sich die Menschen und Institutionen den Berechnungen entsprechend verhalten werden.
In Zeiten steigender Unsicherheit und wachsendem Misstrauens gewinnen solche Organisationen einen schwerwiegenden Einfluss, der ihre reale Bedeutung weit übersteigt. Angesichts von Moody’s und Stanley & Poor’s Richtsprüchen werden die mächtigen Staatsmänner und –frauen plötzlich zu ängstlichen Kirchenmäuschen mit schlottrigen Knien.
Das Problem scheint mir darin zu liegen, dass die Gesetzmäßigkeiten, auf denen das kapitalistische Bewusstsein beruht, sich so weit vom „Menschlichen“ entfernt haben, dass es in ihnen für Kategorien wie Vertrauen keinen Platz gibt. Vertrauen entsteht, wenn ich einem Menschen gegenüber stehe, ihn spüre, er mich spürt, wir den Kontakt verdichten und erkennen, dass wir uns gegenseitig respektieren. Das Vertrauen wächst, wenn wir eine gemeinsame Geschichte aufbauen, in der wir uns immer wieder bestätigen, dass wir uns respektieren und das Gute aneinander suchen.
Vertrauen braucht Zeit und Raum, es ist keine schnelle Kategorie, sondern der Langsamkeit verpflichtet, der Eigenzeit. Es braucht den direkten menschlichen Kontakt und kann nur kurzfristig durch dazwischengeschaltete Medien am Leben bleiben. Es erfordert das Eingehen auf die andere Person, im Sehen, Hören, Fühlen.
In Zusammenhängen jedoch, in denen die oberste Maxime lautet: Sichere deinen eigenen Vorteil und Gewinn, notfalls auch auf Kosten der anderen, kann es kein Vertrauen geben. Menschliche Beziehungen werden dort benutzt und verdinglicht, und das Individuum kann nur überleben, wenn es sich umfassend gegen Missbrauch und Übervorteilung absichert. Die Absicherungen, die das System anbietet, z.B. Versicherungen gegen die Risiken von Investitionen, sind selber Teil des Misstrauensapparates, weil sie nur solange ihre Leistung erbringen, solange sie Gewinn machen. Wir müssen also auch einem Rückversicherer ein riskantes Vertrauen schenken, das sich auf nichts anderes begründen kann als auf der Annahme, dass uns diesmal nichts passieren wird. Sobald wir uns absichern, signalisieren wir ja unser Misstrauen und verstärken es noch zusätzlich.
Was hilft? Klar zu sehen, was ist. Der Verlust an Vertrauen in eine Wirtschaftsform, die menschliche Qualitäten in unmenschlicher Weise nutzt und verschleißt, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die wir aus den gegenwärtigen Vorgängen ziehen können. Wir können nicht auf etwas vertrauen, das selber nur durch kalkuliertes Misstrauen funktioniert. Verzichten wir also auf die Illusion des Vertrauens und hören wir auf damit, soziale Gefühle im Kapitalismus zu suchen. Es gibt sie nicht, alles, was sich in diesen Gefilden als menschliches Gefühl ausgibt, ist ein fake. Menschliche Gefühle haben nur dort ihren Bestand, wohin dieses System nicht reicht, dort, wo sich Menschen in Freiheit ohne Absichten treffen.
Die Welt der Geschäfte, insbesondere die Welt der Finanzgeschäfte ist rational und von einem einzigen Gefühl, von Angst getrieben. Jeder Versuch, sich im Rahmen dieser Welt vor Ängsten zu schützen, produziert nur neue. Wir haben jedoch unser Denken und unsere Vernunft, und können sie nutzen, um möglichst unbeschadet über die Runden zu kommen und unsere Schäfchen ins Trockene bringen oder dort bewahren.
Was wir an Vertrauen für ein lebenswertes Leben brauchen, müssen wir uns anderswo besorgen und pflegen. Die kapitalistischen Schlachtfelder sind dafür nicht zuständig. Vielmehr stehen dafür unsere Beziehungsfelder zur Verfügung, Menschen, die wir kennen und kennen gelernt haben. Hier gilt es, die Zeit zu investieren, die notwendig ist, um Vertrauen zum Wachsen zu bringen. Es ist eine empfindliche Pflanze, die sehr sensibel auf Umweltgifte reagiert, insbesondere auf solche, die aus der Umgebung des Geldes, des Symbolträgers der verdinglichten Kommunikation kommen. Es sind auch schon Freundschaften an unklaren Geschäften zerbrochen und Ehen über Gelddingen gescheitert.
Wie gießen und düngen wir das Pflänzchen Vertrauen? Durch Verlässlichkeit, Offenheit, Redlichkeit und Klarheit, durch alle Eigenschaften, die uns dienen, unsere innere Integrität zu stärken. Auch durch offene Kommunikation, das Ansprechen und Klären von Störungen und das Vermeiden von Pauschalierungen und Abwertungen. Und dadurch, dass wir uns innerlich öffnen für das Vertrauen, das das Leben in uns gesetzt hat, indem es uns zur Existenz verholfen hat. Wir können uns auch der Erde, unserem Planeten anvertrauen, sie trägt uns unerschütterlich und majestätisch, gleich wie wir uns aufführen. Darüber hinaus sorgt, für alle, die dafür offen sind, das Ganze der Existenz für uns. Es ist die letzte Zufluchtsstätte für unser ängstliches und misstrauisches Herz.