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Sonntag, 16. Februar 2025

Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts

Wir leben in Zeiten, in denen ein Kampf um die Deutungshoheit und die Wahrheitsfindung mit allen Mitteln geführt wird. Es stehen dabei nicht weniger als die liberalen Errungenschaften einer rationalen und demokratischen Wahrheitsfindung und damit die Grundlagen einer modernen Gesellschaft auf dem Spiel. Es werden von rechter und rechtsextremer Seite alle Register der Manipulation gezogen, um den Wahrheitsbegriff systematisch zu untergraben und damit der Willkür preiszugeben. Die angestrebte Folge ist, dass derjenige die Wahrheit prägt, der die Macht hat. Die Wahrheitszerstörung wird als Mittel zur Machtergreifung perfektioniert, um dann durchsetzen zu können, was die Menschen für wahr zu halten haben. Die Nationalsozialisten und die anderen faschistischen Regime haben das vor hundert Jahren vorexerziert, und ihre Nachahmer sind weltweit auf dem Vormarsch.

Hier werden ein paar der Manipulationstechniken beschrieben, die in aller Unverschämtheit die sozialen Medien fluten und mehr und mehr die öffentliche Debatte bestimmen. Alle, die weiterhin daran interessiert sind, dass die Wahrheit in einem liberalen Rahmen von Respekt und Achtung gefunden werden soll, müssen sich mit diesen manipulativen Untergriffen beschäftigen, um sie entlarven und bloßstellen zu können, sodass der öffentliche Diskurs von toxischen Elementen frei gehalten wird.

Bullshitting

Der US-Philosoph Harry Frankfurt hat diesen Begriff erstmals 1986 geprägt. Bullshitting wird mit „Humbug“, „Hohlsprech“ oder „Geschwurbel“ übersetzt. Das Wort „bull“ heißt nicht nur Stier, sondern hat auch die Bedeutung von lügen und täuschen. Dieses Phänomen tritt zunächst dann auf, wenn Menschen über Dinge reden, von denen sie nichts verstehen. Es geht dabei weniger um die Falschdarstellung von Dingen als um eine Täuschung über sich selbst. 

Näher betrachtet, wirkt die systematische Verwendung dieser Kommunikationsform schlimmer als Lügen, bei denen es um das Mitteilen von bewussten Unwahrheiten geht, wobei also der Lügner die Wahrheit grundsätzlich anerkennt und sie nur verstecken will. Beim Bullshitting wird die Grundlage der Wahrheit selbst angegriffen. Es wird das Recht auf das Ausdrücken der eigenen Sichtweise über jeden Wahrheitsbezug gestellt. Die Wahrheit liegt einzig und allein im Aussprechen dessen, was man sagt. Man maßt sich die Macht an, sagen zu können, was man will – wir verfügen ja über die liberale Errungenschaft der Meinungsfreiheit, die solange missbraucht wird, bis sie alle loswerden wollen. Ob das Gerede Sinn macht, sozialförderlich oder wirklichkeitsbezogen ist, zählt nicht. Es geht nur darum, im öffentlichen Diskurs möglichst viele giftige Rückstände zu hinterlassen, die andere dann wegräumen sollen. Hauptsache ist es, präsent zu sein und möglichst viel Raum einzunehmen, den die anderen, die Gegner, nicht haben.

Hannah Arendt, die scharfsinnige Kritikerin des Nationalsozialismus, hat schon vor vielen Jahren darauf verwiesen, dass fortgesetztes Lügen nicht darauf abzielt, dass die Leute schließlich an die Lüge glauben, sondern dass sichergestellt werden soll, dass niemand mehr an irgendetwas glaubt. Ein Volk, das nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann, kann auch nicht zwischen richtig und falsch entscheiden – und mit einem solchen Volk kann man machen, was man will, so die Beobachtung von Hannah Arendt.

Der Conway-Move

In die gleiche Kerbe schlägt die berüchtigte Aussage von Trumps ehemaliger Sprecherin Kellyanne Conway, die  2017 von „alternativen Fakten“ sprach, als sie darauf angesprochen wurde, dass sie falsche Zahlen über die Teilnehmer bei Trumps erster Amtseinführung genannt habe. Nach dieser Auffassung gibt es nicht mehr nur Unterschiede zwischen Sichtweisen, sondern über die Wirklichkeit, die durch Fakten repräsentiert wird: Wenn A sagt, die Erde kreist um die Sonne, und B, die Sonne kreist um die Erde, dann sind das alternative Sichtweisen, die beide den gleichen Geltungsgrad beanspruchen. Niemand kann sagen, welche Aussage stimmt. Damit wird die Basis für die Bildung von konsensuellen Übereinstimmungen über die Existenz von Dingen geleugnet, weil für jeden andere Dinge existieren oder diese Dinge anders existieren und diese Unterschiede in den Existenzweisen akzeptiert werden müssen. Die Folge ist, dass sich dann als dominante „Wirklichkeit“ das durchsetzt, was mit mehr Macht verbreitet werden kann. Das ist die Gefahr, auf die George Orwell in seinem Roman 1984 hingewiesen hat: Die lückenlose Kontrolle der Meinungsverbreitung durch die Machthaber führt dazu, dass alle nur mehr das Gleiche denken. Es gibt keinen Bezugspunkt in der Realität, der ein sicheres Wissen bieten kann, sondern alles kann so gesehen werden oder auch anders. Die jeweiligen Machthaber entscheiden dann über das, was real ist und was nicht.

Der Marlboro-Move

In einer ähnlichen Form gibt es diesen Ansatz in der Wahrheitsrelativierung schon länger. Zunächst haben sich bestimmte Teile der Wirtschaft des Tricks bedient, Forschungsergebnisse, die gegen ihre Produkte gesprochen haben, durch den Hinweis auf Gegenstudien zu entkräften. Dazu wurden entsprechende Studien gefälscht. Dieses Vorgehen kennen wir aus der Tabakindustrie – von da auch der Name –, aber auch von der Zuckerindustrie. Zurzeit sind wir massiver Propaganda von der Ölindustrie ausgesetzt, die den hohen wissenschaftlichen Konsens über die Ursachen des Klimawandels ignoriert und suggerieren will, dass das nur Einzelmeinungen sind und dass die Leugner der menschengemachten Erwärmung der Atmosphäre mindestens genauso recht haben. 

Mit solchen Manövern wird gezielt an der Glaubwürdigkeit der Wissenschaften gesägt; sie werden so dargestellt, als könne man mit ihrer Hilfe jeden Standpunkt bestätigen und jedes Geschäftsinteresse bedienen. Die Verlässlichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ausgefeilten Prüfinstanzen unterworfen sind, ist ein wichtiger Referenzpunkt für eine liberale Demokratie, und gerade deshalb ist sie den Gegnern dieser Staatsform ein Dorn im Auge. Mittels manipulativer und irreführender Rhetorik soll die Überzeugungskraft und die zentrale Rolle der Wissenschaften für die Wahrheitsfindung systematisch diskreditiert werden. Am Ende gibt es nur noch das Meinungsdiktat derer, die über genügend Macht und Geld verfügen.

Der “I Did My Own Research”-Move

Das Internet und die Plattformen für künstliche Intelligenz versetzen jeden in die Lage, Informationen zu sammeln. Man findet eine Seite, auf der jemand die eigene Meinung bestätigt, und schon verfügt man über eine Expertenmeinung und kann jeden anderen, der als Experte auftritt, übertrumpfen, auch wenn dieser auf wissenschaftlich anerkannte Forschungsarbeiten verweisen kann. Während der Pandemie-Zeit hat es nur so gewimmelt von selbsternannten Virologen und Impfexperten, die mit ihrem kursorisch angelesenen Halbwissen jeden ausgebildeten Virologen, der über jahrzehntelange Erfahrung in seinem Fachgebiet verfügte, als „Scharlatan“ verspotten oder als gekauften Büttel von Pharmakonzernen verleumden konnten. Ähnlich peinlich treten Leugner des menschengemachten Klimawandels auf, die in irgendeiner wissenschaftlichen Disziplin Experten oder sogar Nobelpreisträger sind, diese Position aber missbrauchen, indem sie ohne jede fachliche Qualifikation Erkenntnisse zu Klimafragen verbreiten und damit die Tausenden Klimawissenschaftler belehren wollen.

Der Bannon-Move 

Diese kommunikative Untugend ist nach dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon, einem rechtsextremen Publizisten, benannt. Seine Schlachtruf ist bekannt: „Flood the zone with shit.“ Es geht darum, möglichst viele unsinnige, faktenfremde, hetzerische und hasserfüllte Botschaften in die mediale Landschaft hinauszuposaunen, ohne irgendeinen Wahrheitsanspruch, einfach nur mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu bekommen, laut zu sein und möglichst viel Verwirrung und Verunsicherung zu stiften. Wenn sich viele angeekelt von all dem „Scheiß“ abwenden, ist die Arena frei für die Meinungsdiktate der Autokraten.

Das Erbe der Aufklärung weiterführen

Für alle, denen es wichtig ist, das Erbe der Aufklärung zu bewahren und weiter zu entwickeln, geht es darum, sich den Wahrheitsbegriff nicht wegnehmen zu lassen, sondern ihn gegen alle Zerstörungsversuche zu verteidigen. Die Wahrheitsfindung, mit der die Menschheit den Weg von der Steinzeit bis in die Moderne erfolgreich beschritten hat, beruht auf zwei Zugängen: Die möglichst hohe Übereinstimmung zwischen der Theorie und der Wirklichkeit (die Korrespondenzwahrheit) und die möglichst hohe Übereinstimmung mit anderen Wahrheitssuchern (die Konsenswahrheit). Diese Formen der Wahrheitsfindung haben sich praktisch bewährt – alle Maschinen, Geräte und Bauwerke sowie alle komplexeren Formen des menschlichen Zusammenlebens sind aus der Anwendung dieser Zugänge zur Wirklichkeit entstanden. Im technischen Bereich besteht im Grund kein Problem; auch die Rechten wollen funktionierende Computer und sichere Hochhäuser. Aber die systematische Infragestellung der Wahrheitskompetenz der Wissenschaften, indem diese in den Dienst der Machtpolitik gestellt werden sollen, unterminiert selbst diesen Bereich. Diktatoren haben immer schon bestimmte naturwissenschaftliche Theorien und die damit verbundenen Forschungen, die nicht in ihre Ideologie passten, verboten und bekämpft. 

Besonders betroffen von den Attacken auf die Wissenschaften sind allerdings die Sozialwissenschaften. Denn sie forschen im Bereich des menschlichen Zusammenlebens, der von den Feinden der liberalen Demokratie mit allen Mitteln besetzt und umgestaltet werden soll. Deshalb sind diese Wissenschaften der natürliche Gegner für die selbsternannten Retter vor allem Bösen. Statt Formen der Kooperation zu fördern, geht es darum, möglichst überall das Recht des Stärkeren und Mächtigeren zu etablieren – aber damit kommt man in den Sozialwissenschaften nicht weit, und deshalb müssen eben diese Forschungsrichtungen unterdrückt werden. Die Trump-Administration hat schon eine lange Liste von Themen veröffentlicht, die nicht mehr mit Regierungsgeldern gefördert werden dürfen (z.B. Forschungen zum „Trauma“ oder zu indigenen Völkern); und auch private Geldgeber werden wohl unter Druck gesetzt werden, sodass ganze Forschungszweige stillgelegt werden müssen. Was auf Deutschland zukommen könnte, hat die AfD-Vorsitzende Alice Weidel kundgetan: „Soll ich sagen, was wir tun, wenn wir am Ruder sind? Wir schließen alle Gender-Studies und schmeißen alle diese Professoren raus.“ Soviel gilt also die Freiheit der Wissenschaften bei Rechtsparteien und unter den von ihnen angestrebten Diktaturen. 

Die Wahrheit muss über der Macht stehen

Nur eine starke und artikulierte liberale Zivilgesellschaft kann verhindern, dass die gezielt angewendeten Tricks der Meinungsmanipulation unter dem Deckmantel rechter Wahrheitsverbiegungen noch mehr Platz greift. Die Wahrheit darf niemals der Macht untergeordnet werden, denn dann bleibt die Freiheit auf der Strecke. Mit viel Einsatz haben Generationen vor uns die liberalen Grundrechte gegen autoritäre Staatssysteme errungen, die wir uns nicht von machtgeilen Möchtegerne-Diktatoren und ihren Speichelleckern und Mitläufern wegnehmen lassen dürfen. Die Alternative zu einer liberalen Demokratie ist eben eine illiberale, eine mit beschnittenen Freiheitsrechten, an deren Stelle eine unkontrollierte, korrupte und rücksichtslose Staatsmacht tritt, die den öffentlichen Diskursraum mit gleichgeschalteten Medien ausfüllt. Der Blick nach Orbán-Ungarn genügt, um zu sehen, wohin die Rechte steuert.

Zum Weiterlesen:
Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Petromaskulinität und Klimazerstörung


Donnerstag, 20. April 2023

Die Zumutung der Wahrheit

„Das ist eine Zumutung!“ rufen wir empört aus, wenn jemand mit überzogenen Ansprüchen unsere Grenzen verletzt (wir machen jemanden auf einen Schaden, den er verursacht hat, aufmerksam, und die Antwort ist, wir sollen ihn doch selber beheben) oder wenn wir mit einer „unzumutbaren“ Situation konfrontiert sind (wir entdecken Kakerlaken im teuren Hotelzimmer). 

In dem Wort steckt allerdings noch mehr drin als der Ausdruck der Empörung, denn in der Zumutung verbirgt sich der Mut. Wenn wir einander etwas zumuten, heißt das, dass wir auf den Mut der anderen Person vertrauen. Wir hoffen, dass sie das annehmen kann, was wir ansprechen wollen. Es kann ein Wunsch sein, von dem wir wissen, dass er nicht leicht oder nicht gerne erfüllt wird. Es kann die Mitteilung einer Kritik am Verhalten sein, die für die betreffende Person unangenehm ist. Es kann sogar eine Liebeserklärung sein, die ausgesprochen wird ohne die Sicherheit, dass sie von der Adressatin wohlwollend oder erfreut angenommen wird. 

Beim Zumuten betreten wir also einen neuen Raum mit noch unbekannten Risiken. Aufgrund von früheren Erfahrungen nehmen jedenfalls an, dass es Gefahren geben wird, bringen aber den Mut auf, dennoch den Schritt zu machen, weil er uns wichtig ist und weil wir spüren, dass wir ihn tun müssen, wenn wir zu uns selber stehen wollen. Manchmal bedarf es der Herausforderung für unsere Mitmenschen, damit wir uns selbst treu bleiben können. Der Preis der Selbstverleugnung ist hoch, den wir bezahlen, wenn wir uns von unseren eigenen Erwartungen, die durch alte Erfahrungen entstanden sind, einschüchtern lassen und unseren Angstfantasien die Herrschaft überlassen. 

Wir haben als Kinder gelernt, uns in bestimmten Situationen zurückzunehmen, auf unsere Bedürfnisse zu verzichten und schließlich unser Selbst zu beschneiden. Damals war das Risiko zu groß, die Liebe und Zuwendung unserer wichtigsten Bezugspersonen zu verlieren. Also haben wir den Weg der Anpassung an die Erwartungen und Forderungen der Großen gewählt. 

Es sind die Ängste, die mit den frühen Erfahrungen verbunden sind, die sich dann melden, wenn immer wir vor einer kommunikativen Herausforderung stehen, geleitet von dem Drang, etwas klären, bereinigen oder ausdrücken zu müssen, und wo zugleich ein Risiko der Ablehnung, Zurückweisung oder eines Streites spürbar ist. Wir nehmen gewissermaßen den Vorwurf vorweg, mit unserem Anliegen eine Zumutung zu sein. Wenn es uns gelingt, die Ängste zu überwinden, indem wir erkennen, dass sie in unsere Kindheit gehören und dass wir schon erwachsen sind und deshalb die möglichen schwierigen Konsequenzen unseres Selbstausdrucks bewältigen können, dann ist der Mut in uns wirksam. Er gibt uns die Kraft auszudrücken, was uns am Herzen liegt.

Zumutung und Ermutigung

Zugleich steckt in der Zumutung, dass wir der angesprochenen Person den Mut zusprechen, das auszuhalten, was an Herausforderung in unserer Mitteilung steckt. Wir sprechen ihr gewissermaßen den Mut und die Kraft zu, mit dem, was wir zu sagen haben, zurechtzukommen. „Treffen wir uns auf dem Feld des Mutes!“, so lautet unsere Ansage. Messen wir unsere Kräfte, aber nicht, um zu schauen, wer stärker ist, sondern um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Ich zeige dir meine Kraft und Klarheit und ich bin bereit für deine Kraft und Klarheit.

Wir nehmen vorweg, dass sich die andere Person nicht gemäß unseren angstgeprägten Erwartungen verhalten wird, und halten die Möglichkeit offen, dass sie andere Seiten zeigt und aus einem bewussten Teil der Seele reagiert. Wir appellieren an das größere Potenzial in ihr, das in der Lage ist, konstruktiv mit dem Thema umzugehen, statt sofort die Abwehr und den Widerstand zu mobilisieren oder gleich ins Streiten zu gehen. Wir muten uns beiden zu, einen guten Weg zu finden, indem wir einander aufmerksam zuhören und die Fähigkeiten der Empathie nutzen. 

In der mutigen Handlung sind uns mehr Ressourcen zugänglich als wenn wir uns im Bann unserer Ängste an die Erwartungen unserer Mitmenschen anpassen. Ängste erzeugen Stress, und Stress reduziert unsere Einsichts- und Handlungsfähigkeiten. Eine mutige Handlung ist immer auch mit Aufregung verbunden, weil es Ängste sind, die überwunden werden. Dazu kommen aber noch die Kräfte der Zuversicht, die mobilisiert werden, sobald wir den Schritt aus der Komfortzone heraus wagen. Manchmal sprechen wir in solchen Situationen davon, dass wir uns zusammenreißen wollen. Damit meinen wir, dass wir unsere Kräfte bündeln und unsere Energie auf ein Ziel hin fokussieren. Es sind das Situationen, in den wir über uns hinauswachsen können, in denen wir die Grenzen unserer Möglichkeiten erweitern und neue Gebiete erschließen. Wir gewinnen eine neue Seite unseres Selbst und schaffen einen neuen Begegnungsraum mit den anderen.

Jedes Stück an Zuwachs für den Mut, bei uns, indem wir anderen etwas zumuten, und bei anderen, indem wir ihnen zumuten, den Mut dafür aufzubringen, indem wir sie also zu ihrem Mut ermutigen, macht die Menschheit ein wenig stärker und klarer. Die menschlichen Gesellschaften sind voll von Missständen und Problemzonen, von Intoleranz, Egoismen und Korruption, von Gier und Neid, sodass es viele mutige Menschen braucht, die ihre Stimme erheben, dagegen auftreten und allen Risiken zum Trotz Verbesserungen einfordern.

Die zugemutete Wahrheit (Ingeborg Bachmann)

In ihrer Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 sagte die Schriftstellerin: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ 

Es erfordert also eine wechselseitige Ermutigung, sich der Wahrheit anzunähern, die die Künstlerin mit ihrem Publikum verbindet. Die Aufgabe der Kunst liegt in der Öffnung für neue Zugänge zur Wahrheit, sie ist also die Avantgarde. Das Publikum hat die Aufgabe, sich auf diese Zugänge einzulassen und darauf mit dem Zumuten zu reagieren: Noch mehr von der Wahrheit einzufordern. Auf diese Weise wächst der Mut bei der Künstlerin und bei den Rezipienten, und damit entsteht bei beiden die Bereitschaft, sich stärker auf die zugemutete Wahrheit einzulassen und sie mehr und mehr in der Gesellschaft zur Wirkung bringen.

Dieses Verhältnis ist ein Spezialfall für die allgemeineren menschlichen Beziehungen, in denen es ebenso um die Wahrheit und ihre Zumutbarkeit geht. Jeder Zugewinn an Wahrheit ist ein Zugewinn an Menschlichkeit. Und diese Zugewinne haben wir bitter nötig, von ihnen hängt unsere Zukunft ab.

Zum Weiterlesen:
Die Zumutung


Donnerstag, 31. Dezember 2020

Die eigene Wahrheit und die Verbundenheit mit anderen

Das Reden, das aus dem Zuhören kommt, wie es im vorigen Blogbeitrag beschrieben wurde, zeigt einen Ausweg aus der Borniertheit der Wahrheitsbehauptung, die die argumentative Auseinandersetzung scheut und zur Verarmung der Diskurskultur führt. 

Die Ebene der Verbundenheit

Jeder ehrlich und gewaltfrei ablaufende Dialog bringt uns unweigerlich auf eine tiefere Ebene: Die Einsicht in die Verbundenheit jenseits der Verschiedenheit. Diese Erkenntnis ist eine Hilfe, um den Zerfall unserer sozialen Welt in lauter Meinungsmonaden, die sich in sich abschließen, dort ihrer Wahrheit frönen und sich vor bedrohlichen Sichtweisen abschotten, zu verhindern. Dort liegt die Wurzel für die Produktion von und den Glauben an Verschwörungstheorien. 

Was beinhaltet die Einsicht in die Verbundenheit trotz der offensichtlichen Verschiedenheiten? Wenn wir näher in uns nachschauen, können wir unschwer erkennen, dass all die anderen Wahrheitsnester, die uns im Außen aufregen,  in unserem Inneren vorhanden sind, manchmal tief versteckt oder bis zur Unkenntlichkeit maskiert. Aber wir sind in uns um Dimensionen vielseitiger, als wir uns auf der Oberfläche eingestehen. Wir sind Konsumidioten und Konsumverweigerer, Gläubige und Gegner von Verschwörungstheorien,  Umweltschützer und Naturzerstörer, Sozialrevolutionäre und Heimattreue, Coronaängstliche und Coronaleugner usw. Wir kennen all diese Orientierungen und Werthaltungen in uns selbst; wir haben uns nur einmal, wohl aus guten Gründen, für eine der Richtungen im Weltanschauungsspektrum entschieden und die widersprechenden Ansichten verworfen und tiefer in unser Inneres verbannt. Im Außen werden sie Objekte für Abwertungen.

Wenn wir das Verständnis der Verbundenheit in uns kultivieren und festigen, erwerben wir eine solide Basis für die Toleranz und Akzeptanz von anderen Ansichten, Meinungen und Überzeugungen. Das ist die Basis für fruchtbare, weiterführende und öffnende Dialoge über die ideologischen Grenzen und angstgesteuerten Behauptungsdebatten hinweg. Es ist auch die Basis für eine lebendige, lernfähige und innovative Demokratie.

 Die mehrdimensionale Wahrheit

Der Zweck dieser Toleranzeinstellung liegt allerdings nicht darin, dass wir selber zu indifferenten Beobachtern der vielfältigen Szenerien der Wahrheitsfindung werden, sodass wir das Motto „Jeder hat seine Wahrheit und folglich ist jede Wahrheit gleichermaßen gültig“ als der Weisheit letzten Schluss internalisieren. Diese Einstellung ist kein Endzweck, sondern eine Bedingung für gelingende gewaltfreie Dialoge und Diskurse. Sie stärkt die Achtung für die Berechtigung anderer Meinungen und Sichtweisen, liefert aber keine Basis für die Verbesserung und Weiterentwicklung der Wirklichkeitserfahrung und Wahrheitsfindung.

Vielmehr bleibt die eigene Wahrheitserkundung als Aufgabe, die sich an drei Maßstäben orientiert: der Erschließung der objektiven und subjektiven Wirklichkeit, der gesellschaftlichen Verträglichkeit und der ethischen Qualifizierung. Die Wahrheitsfindung ist ein kontinuierlicher Annäherungsprozess auf mehreren Ebenen: Der äußeren und inneren Wirklichkeit näher und näher kommen, mit dem Blick auf die gesellschaftliche Konstruktion von Wahrheit und auf die Übereinstimmung mit den Werten der Menschlichkeit.

Wahrheit ist also niemals Besitz, weder von Einzelnen noch von Gruppen. Sie meint vielmehr den fortlaufenden Prozess der Annäherung an die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen und Ebenen, ebenso wie den Prozess der Implementierung der Menschenwürde in allen Bereichen des Zusammenlebens. Wahrheiten sind deshalb immer vorläufig und relativ, und im Sinn der Weiterentwicklung der Erkenntnisse besser oder schlechter.

Die eigene Wahrheit

Wir verfügen immer über eine subjektive Wahrheit: Das, was wir im gegebenen Moment für wahr halten. Auf dieser Basis treffen wir unsere Einschätzungen und Präferenzen und fällen unsere Urteile. Deshalb haben wir zu vielen Themen des Lebens eine Überzeugung, die wir häufig in Diskussionen vertreten. Diese Überzeugungen unterscheiden sich durch den Grad an Gewissheit und argumentativer Abstützung. Manche Meinungen sind „intuitiv“ und richten sich stark nach unbewussten Vorlieben. Wenn uns etwa jemand fragt, wie uns ein Haus, an dem wir gerade vorbeigehen, gefällt, antworten wir meist aus einem Areal des Unterbewusstseins. 

Andere Auffassungen sind Ergebnisse von längeren Prozessen des Überlegens, Informationensammelns und Reflektierens. Z.B. müssen wir auf die Frage, wie wir zum Neoliberalismus stehen, auf umfangreiche Datenbanken zurückgreifen, auf die gesammelten Informationen, und auf die Denkprozesse, die wir dieser Frage bisher gewidmet haben. Je komplexer die Themen sind, desto detailliertere und aufwändige Stellungnahmen erfordern sie. 

Wir haben ein Recht auf unsere eigenen Wahrheiten, wie jeder andere Mensch auch. Wir haben aber auch die Pflicht, unsere Wahrheiten weiterzuentwickeln, zu verfeinern und zu verbessern und darüber Klarheit zu gewinnen, wie sie als Wahrheiten qualifiziert werden, also welche Kriterien der Geltung wir vertreten. 

Wir haben demnach die Pflicht, unsere eigenen Wahrheiten immer wieder zu überprüfen und in Frage zu stellen. Die geeignete Arena dafür ist der zwischenmenschliche Diskurs, in dem unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen, Überzeugungen ausgetauscht und Argumente präsentiert werden. Solche Diskurse misslingen, wenn die Teilnehmer mit der Absicht hineingehen, die eigenen Ansichten erfolgreich zu behaupten, und sie gelingen, wenn die Teilnehmer mit der Bereitschaft hineingehen, sich verändern zu lassen. Im letzteren Fall steht das Hören vor dem Reden, auch das Hören ins eigene Innere, auf diejenigen Kräfte, die wachsen wollen.

Zum Weiterlesen:
Jeder mit seiner Wahrheit



Samstag, 26. Dezember 2020

Jeder mit seiner Wahrheit

 Vielleicht werden in diesen Zeiten so viele Standpunkte ausgetauscht wie noch nie zuvor und dabei so wenig diskutiert wie nie zuvor. Zeiten der Herausforderung und Unsicherheit erzeugen ein Bedürfnis danach, Stellung zu beziehen und diese zu behaupten. Jedenfalls endet das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Meinungen häufig sehr schnell mit einem schnippischen Statement: „Du hast deine Wahrheit, ich habe meine Wahrheit. Punkt.“ 

So bleiben nicht wenige Meinungsverschiedenheiten im leeren Raum einer scheinbar systemischen Haltung stecken: Jeder lebt in seiner Welt und entwickelt ihr entsprechend seine Wahrheiten. Jede Wahrheit ist von außen betrachtet relativ und subjektiv betrachtet absolut. Man kann zwar diese Wahrheiten vergleichen, dabei aber nie feststellen, welche Vorteile gegenüber der anderen hat, welche näher der Wirklichkeit ist usw., weil das eine übergeordnete Wahrheit voraussetzen würde, die wiederum nur auf subjektiven Festlegungen beruht.

Die Wahrheitsinseln

Es wirkt so, als lebte jeder auf seiner kleinen Wahrheitsinsel, ohne dass der Austausch und die Verbindung mit den anderen Wahrheitsinselchen Sinn machen würde. Denn jeder Austausch zeigt aufs Neue, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt, sondern nur unterschiedliche Perspektiven, die für sich jeweils eine absolute Geltung beanspruchen.

Im Feststellen der eigenen Wahrheit in Abgrenzung zu anderen Wahrheiten steckt auch ein trotziges Behaupten: Ich halte an meiner Wahrheit fest, ich klammere mich an sie, als wäre sie ein Rettungsring, von dem mein Überleben abhängt. Ich höre den anderen mit ihrer Wahrheit nur mit halbem Ohr zu, weil sie für mich nicht relevant ist und ich von ihr nichts lernen kann. 

Wenn es mir nicht gelingt, die anderen auf meine Insel zu zerren, muss ich sie in ihrer Wahrheit lassen, die ich zwar als minderwertig und unterentwickelt empfinde, aber nicht ändern kann. Die anderen sollen eben dumm sterben, wenn sie so stur auf ihrer Unvollkommenheit beharren. 

Resignation und Angst

Das ist der resignative Anteil an der Theorie der abgegrenzten Wahrheiten. Entweder übernehmen die anderen die eigene Sichtweise oder sie lassen sie. All die Arbeit, die mit Argumentation, Zuhören, Abgleichen, Unterscheiden, Reflektieren verbunden ist, also all die Mühen der Debatte und des Wettstreits der Gedanken wird erspart und durch ein stumpfes Behaupten ersetzt. An die Stelle von kommunikativen Auseinandersetzungen mit ungewissem Ausgang tritt das schulterzuckende Abwenden vom ungläubigen oder skeptischen Gegenüber, mit dem sich ein Wortwechsel nicht lohnt. 

Die Angst vor dem Verlust von Sicherheiten führt im Hintergrund die Regie. Was, wenn sich herausstellte, dass die eigene Überzeugung auf Sand gebaut ist – welcher Teil der eigenen Identität steht da auf dem Spiel? Da bleibt man auf der sicheren Seite, wenn man die eigene Sichtweise keiner Anfechtung aussetzt und damit sich selbst nicht in Frage stellen muss. In Frage gestellt wird die andere Person mit ihrer abweichenden oder abwegigen Meinung, und die Selbstaufwertung lebt, wie so oft,  von der Fremdabwertung.

Die Lust am Diskutieren scheint zunehmend abhanden zu kommen. Jeder hat seine Quellen, auf die er schwört und die selber nicht infrage gestellt werden, und betet nach, was von dort sprudelt. Wenn jemand die eigene Quelle nicht anerkennt, ist er ein Ignorant.

Die Verkrustung der Demokratie

Die Verweigerung des Diskurses ist eine politische Angelegenheit. Denn sie beinhaltet eine Absage an die Demokratie. Deshalb ist diese Haltung nicht nur eine überhebliche und bequeme Form, sich mit den Ängsten, die hinter dem trotzigen Behaupten von Wahrheiten stecken, auseinanderzusetzen. Sie sägt zusätzlich an den Fundamenten der Demokratie, die ja nicht in sporadisch stattfindenden Wahlen und Verlautbarungen der einzelnen Parteien im Parlament bestehen sollte, sondern ihre Berechtigung und ihre robuste Gestaltungskraft aus den Diskursen der Staatsbürger und Staatsbürgerinnen über die Themen des Gemeinwohls bezieht. Es geht um die Willensbildung, die entweder in einem geteilten gemeinsamen Prozess erfolgt, der auf einer lebendigen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Meinungen im Rahmen von Achtung und Wertschätzung stattfindet, oder im obrigkeitlich gelenkten Abfragen von Standpunkten durch Wahlen, Abstimmungen oder Befragungen besteht. Im einen Fall entwickelt sich ein dynamisches Kräfte- und Machtverhältnis, an dem die mündigen Staatsbürger gestaltend teilnehmen, im anderen zeitlich begrenzte halbdiktatorische Herrschaftssysteme mit abnickenden „Volksvertretern“ und einem entpolitisierten Volk, das nichts zu sagen hat. 

Die Debattenkultur, die das Um und Auf einer teilhabenden Demokratie darstellt, erfordert eine reife Einstellung zum Diskurs. Sie enthält die Bereitschaft, die eigenen Standpunkte einer Überprüfung und Infragestellung im Austausch auszusetzen. Eigene Meinungen bleiben solange Meinungen, als sie sich nicht in der Debatte bewährt haben. Von Wahrheiten brauchen wir da lange noch nicht zu sprechen. Unter dieser Prämisse fällt es leichter, die eigenen Standpunkte zu revidieren, falls sie sich als unzureichend erweisen. Sie gehören nicht zur eigenen Identität, sondern sind nichts als vorläufige Modelle der Wirklichkeit, die laufend verändert und verbessert werden können und müssen, um nicht in Dogmen zu erstarren. Mit dieser Einstellung können wir angstfrei in jeden Diskurs eintreten, müssen nicht für oder gegen andere Meinungen kämpfen und erfreuen uns an der Lebendigkeit des Meinungsaustauschens. 

Menschen sind unterschiedlich, und diese Unterschiede im kommunikativen Austausch zu nutzen, ist eine wichtige Quelle für Kreativität. Kreativität brauchen wir für alles, was den Menschen Probleme bereitet und worüber sie sich beschweren. Verhärtete Standpunkte, Argumentationsverweigerungen, faktenloses Behaupten, bequemes Nachplappern ohne Prüfung usw. tragen dazu bei, dass diese Quelle ungenutzt bleibt. Damit entstehen Gräben und Mauern in der gesellschaftlichen Landschaft, die Starrheit statt Beweglichkeit bewirken. Fixierte Problemstandpunkte kennen oft nur fixierte Lösungsideen, die so weit von der Wirklichkeit entfernt sind, dass ihre Umsetzung illusorisch erscheint. 

Die Rede, die aus dem Hören kommt

Wie oft und zu Recht gesagt wird, geht es um das Erlernen und Erweitern des Zuhörens. Das, was wir zu sagen haben, bezieht sich dann auf das Gehörte, und auf diese Weise entsteht ein Fließen der Kommunikation, in dem Neues wachsen kann, das über die Gesprächspartner hinaus von Bedeutung ist und damit einen Beitrag für ein verbessertes Zusammenleben darstellt. Wir brauchen uns also nur von der Überheblichkeit der Besserwisserei zu verabschieden, um das Potenzial gelungener Kommunikation freizulegen. Die Wahrheit gehört niemandem, wir können sie nur gemeinsam suchen, bruchstückhaft finden und weiterentwickeln.

Zum Weiterlesen:
Hat die Vernunft eine Zukunft?


Donnerstag, 18. Oktober 2018

Wahrheit und Illusion

Die wirkliche Wirklichkeit 


Der Begriff der Illusion ist beliebt bei spirituellen Lehrern. Er geht zurück auf die Gestalt der indischen Göttin Maya, die unter anderem für geistige Verblendung, Illusion und Zauberei steht. In der Advaita-Tradition bezeichnet der Begriff den Zustand des begrenzten Ichs, das die Welt nur über die Sinne wahrnehmen kann, während die “wirkliche” Wirklichkeit, das wahre Selbst, erst im Zustand der Befreiung erfahren werden kann. Demnach gibt es ein Leben in der Illusion, bei dem die Menschen den Täuschungen der Sinne und des Geistes unterworfen sind, und als Kontrast dazu ein Leben in der Wahrheit, bestimmt von der wirklichen Erkenntnis des Seins. 


Das Höhlengleichnis 


Aus der westlichen Geistesgeschichte ist das Höhlengleichnis aus der Politeia des griechischen Philosophen Platon überliefert. Das Gleichnis beschreibt den inneren Läuterungsweg eines Menschen, der zuerst mit den anderen Menschen in der Höhle lebt und Schattenbilder, die dort gezeigt werden, für die Wirklichkeit hält. Nachdem er aber aus der Höhle geführt wird und am Sonnenlicht die Dinge in ihrer farbenfrohen Wirklichkeit sieht, kann er die Schattenbilder in der Höhle nur als täuschende Illusionen abtun. Allerdings glauben ihm die Menschen nicht, denen er von seinen Erfahrungen im Sonnenlicht erzählt, so stark sind sie in ihre Gewohnheiten eingebunden. 

Das Vermittlungsproblem, um das es in diesem Artikel gibt, wurde auch schon von Platon thematisiert. In ihrem festsitzenden Unglauben machen sich die Unwissenden über den Wissenden lustig und drohen sogar damit, alle, die sich von der Unwissenheit befreien wollen, umzubringen. Historisch wird damit auf den Tod von Sokrates angespielt, der von den “Unwissenden” wegen seiner Art der Wissensvermittlung angeklagt wurde und den Freitod wählte. Lieber halten die Menschen mit Gewalt an ihren Illusionen fest, als dass sie sich von einer neuen Perspektive überzeugen lassen, so die pessimistische Schlussfolgerung von Platon.  


Wahrheit und Illusion in der aktuellen Lehre 


Weniger von Platon, aber mehr von der Tradition des Vedanta-Advaita  ist die zeitgenössische spirituelle Szene geprägt, aus der hier ein paar Zitate zum Thema folgen. Der spirituelle Lehrer Mooji spricht von der Illusion in jeder spirituellen Suche: “Auf die Suche nach dem Selbst (als Ziel) zu gehen, ist eine Illusion.” Der Advaita-Meister Ramesh Balsekar sagte: “Der eigene Eindruck des Agierens ist eine Illusion, der freie Wille ist eine Illusion.” Und Osho meinte: “Was immer du siehst, hörst, fühlst, alles ist Illusion. ... Die ganze Welt ist Illusion, du bist es nicht.” Eckart Tolle spricht davon, dass alle Probleme Illusionen des Verstandes sind. Es wären Folgen von Konditionierungen, die uns vorspiegeln, dass wir wichtig sind, dass wir etwas darstellen und auf uns selber eingebildet sein können.  

Viele Menschen, die die Erfahrung der profunden Befreiung erlebt haben, sei es auch durch Nahtoderfahrungen, Meditationserlebnisse oder spirituelle Krisen, beschreiben einen klaren Unterschied von vorher und nachher als Unterschied von Illusion und Wirklichkeit, eben wie ein Aufwachen aus einem Traum oder eine Erleuchtung aus einer Dunkelheit. In diesem Zusammenhang wird die Rede von der Illusion oder der Täuschung sinnvoll, weil sie einen subjektiv erlebten Erfahrungsprozess beschreibt. 

Das Belehrungsgefälle 


Problematisch wird der Begriff der Illusion allerdings dort, wo er in die Kommunikation mit Menschen eingebracht wird, die solche oder ähnliche Erfahrungsprozesse nicht erlebt haben. Denn in diesem Zusammenhang fließt sofort eine Bewertung in die Unterscheidung von Illusion und Wahrheit ein. Einer Illusion verfallen zu sein ist im allgemeinen Verständnis einfach dumm oder naiv, während über die Wahrheit zu verfügen als weise gilt. Die Unterscheidung schafft ein Gefälle: Oben ist, wer über die Wahrheit verfügt, und unter ihm befinden sich jene, die in einer Illusion feststecken. Wer oben ist, ist überlegen, die unteren fühlen sich beschämt. Ihnen fehlt etwas Wesentliches, und sie sollten sich anstrengen, um auch nach oben zu kommen. Eine spirituelle Überlegenheit kann leicht zu einer spirituellen Überheblichkeit werden. 

Natürlich verwenden Lehrer provokative Begriffe, um die Schüler an ihren Schwachpunkten und Fixierungen zu erreichen und sie darauf aufmerksam zu machen. Sie wollen die Menschen aufwecken, um ihnen zu verdeutlichen, dass sie nur über eine limitierte Erfahrungsweise verfügen, die an ihren Problemen und ihrem Leiden beteiligt ist. Dazu nutzen sie auch plakative Unterscheidungen und verwenden Begriffe, die aus ihrer Sicht genau beschreiben, worum es geht, oft ohne darauf zu achten, wie diese Begriffe verstanden werden und welche Funktion sie auf der Vermittlungsebene bekommen.  

„Wenn du ein Problem hast, unterliegst du einer Illusion. Du bildest dir das Problem nur ein. Ich weiß das, weil ich mehr über die Wirklichkeit verstanden habe als du.“ Das mag aus der Perspektive einer absoluten Einsicht stimmen, ob es allerdings ein hilfreiches Wissen ist oder als herablassende Belehrung ankommt, die verstört, kann nur der jeweilige Adressat für sich entscheiden. 


Absolutes kann nur relativ kommuniziert werden 


Auf der Vermittlungsebene ist jeder Lehrer nur ein Lehrer, gleich ob er über Relatives oder Absolutes spricht. Das Absolute ist also auf der Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation immer ein Relatives, denn jeder Empfänger hat sein individuelles vorpräpariertes Empfangssystem. Dazu kommt, dass jeder Lehrer des Absoluten unterschiedliche Erklärungsmodelle und Zugangsweisen verwendet. Sobald ein Inhalt aus dem holistischen Bewusstsein öffentlich und kommunikativ mitgeteilt und dargestellt wird, spielt sich das schon auf einer anderen Bewusstseinsstufe ab, im besten Fall im systemischen Bewusstsein, wo die Relativität jeder Aussage als kommunikatives Grundprinzip erkannt und etabliert ist. 


Illusionen als Überlebenshilfen 


Andererseits behauptet der Lehrer, der über Illusionen spricht, von einem absoluten Standpunkt aus zu sprechen, von dem aus alle relativen Sichtweisen „unwirklich“ sind, also als wertlose Einbildungen des verwirrten menschlichen Verstandes erscheinen. Bei dem, was als Illusionen bezeichnet wird, handelt es sich freilich um wichtige Errungenschaften der Evolution und der innerpsychischen Entwicklung, notwendig zur Realitätsbewältigung in einer relativ strukturierten Welt, in der zunächst einmal überhaupt keine absoluten Wahrheiten vorkommen. Psychodynamisch betrachtet, haben wir es bei dem, was als Illusion etikettiert wird, im weitesten Sinn mit Überlebensprogrammen und den daraus abgeleiteten angstgesteuerten Schlussfolgerungen zu tun, die sich als Folge von Traumatisierungen faktisch bei allen Menschen zeigen. In vielen Fällen spielen sie schon lange keine konstruktive Rolle in der aktuellen Lebensgestaltung mehr, sind aber dennoch weiterhin als unbewusste Antriebe wirksam, solange, bis die zugrundeliegenden Verletzungen und Traumatisierungen bearbeitet sind.  

Folglich tragen wir viele dysfunktionale Denkstrukturen und Motive in uns herum, viel psychisches Gerümpel, das wir eigentlich schon längst nicht mehr brauchen. Es kann uns einleuchten, wenn da jemand kommt, der uns darauf aufmerksam macht. Aber wir sollten uns deshalb nicht abgewertet fühlen und schämen, wenn uns jemand sagt, wir befänden uns in einem Käfig von Illusionen und wären unfähig, die eigentliche Wahrheit zu erkennen. Denn das gilt für alle, die sich in der relativen Welt bewegen und mit ihren Komplexitäten umgehen müssen. Auch ein erleuchteter Mensch kommt nicht umhin, den Lastwagen als Realität anzuerkennen und am Straßenrand zu warten, bis er vorbei ist; die Ansicht, dass der Lastwagen nur eine Illusion ist, ist dazu relativ belanglos und unter Umständen lebensgefährlich. 


Erkenntnis und Mitgefühl 


Ein spiritueller Lehrer sollte darauf achten, ob und wo er in seinem Lehren in eine subtile Abwertung der Schüler kippt. Die Vermittlung des Absoluten ist in Worten nicht möglich, denn Worte führen immer direkt ins Dickicht der menschlichen Relativität. Es sind die kommunikativen Zusammenhänge, die die Bedeutungen festlegen, und dieser Dynamik kann sich kein spiritueller Lehrer entziehen. Ein Lehrer ist nur so gut, als er die Befindlichkeiten und Aufnahmekapazitäten seiner Rezipienten berücksichtigen kann.  

Platon drückt das in Hinblick auf das Höhlengleichnis folgendermaßen aus: “Wenn einer Vernunft hätte, (…) würde er (…), wenn er eine (Seele) verwirrt findet und unfähig zu sehen, nicht unüberlegt lachen, sondern erst zusehen, ob sie wohl von einem lichtvolleren Leben herkommend aus Ungewohnheit verfinstert ist oder ob sie, aus größerem Unverstande ins Hellere gekommen, durch die Fülle des Glanzes geblendet wird; und so würde er dann die eine wegen ihres Zustandes und ihrer Lebensweise glücklich preisen, die andere aber bedauern; oder, wenn er über diese lachen wollte, wäre sein Lachen nicht so lächerlich als das über die, welche von oben her aus dem Licht kommt.” (Politeia 106 c nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher). wir brauchen die Vernunft, um zu erkennen, ob ein Wissen, das uns begegnet, aus einer verengten oder einer geweiteten Perspektive kommt, d.h. ob wir es vernachlässigen oder ob wir von ihm lernen können. 

Die Rede vom Illusionären der phänomenalen Wirklichkeit, also der Welt der Alltagswahrnehmung, trifft genau auf diese Welt mit all ihren Verstrickungen. Der Schleier auf dieser Welt verschwindet nicht dadurch, dass er benannt wird. Allenfalls wird durch das Aufzeigen der Wunsch im Zuhörer ausgelöst, dass sich der Schleier lüften möge, er muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es dazu keinen Weg gibt. Es ist nämlich gleich darauf die Rede davon, dass jeder Weg in diese Transzendenz ebenso illusionär ist. Auf diese Weise führt das Aufzeigen der getäuschten Weltsicht zu einem Koan, einem unauflöslichen Widerspruch. Du befindest dich im Gefängnis der Selbsttäuschung, und die einzige Erkenntnis ist, dass es sinnlos ist, einen Ausweg zu suchen.  

Wenn es dem Adressaten der Rede gelingt, die Spannung dieses Widerspruchs aufrecht zu erhalten, dann erreicht die Botschaft, was sie erreichen will. Die Lösung des Rätsels liegt darin, sich selber in seiner Kleinheit wahrnehmen zu können, in einer Haltung der Demut zu akzeptieren, wie sich der Widerspruch anfühlt und auf das zu vertrauen, was nun von selber geschieht. Spirituelle Einsicht trifft sich mit dem Mitgefühl und der Hingabe, die Kräfte von Dhyana (Erkenntnis) und Bakthi (Liebe) nach der hinduistischen Terminologie vereinigen sich. Im Annehmen dessen, was gerade ist und was sich daraus entwickelt, ist auf einmal der Schleier der Illusion durchbrochen.

Zum Weiterlesen:
Die Illusion des bewussten Selbst
Illusion und Lebenspraxis

Freitag, 27. Oktober 2017

Absolute Wahrheiten existieren im Moment

Carsten Rachow schreibt: "Wahrheit existiert stets kontextual. Wahrheit kann deshalb mal dieses und mal jenes sein, doch niemals kann sie ohne Kontext sein. Ohne Kontext gäbe es nirgendwo Wahrheit."

Sobald Erkenntnisse, Einsichten und Ideen in irgendeiner Situation geäußert werden, nehmen sie eine relative Position zu den anderen Gegebenheiten dieser Situation ein. Dazu zählt z.B. die Meinung anderer anwesender Personen, die Qualitäten der Beziehung zu diesen Personen usw. Sie sind auch relativ zu den eigenen inneren Gegebenheiten, z.B. Gemütslagen, Denkprozessen, Aktivierungsgrad usw. Verallgemeinernd bezeichnet Carsten Rachow diese Gegebenheiten als Kontexte. Das Gegenteil wären Wahrheiten, die im freien Raum schweben, bezugslos sowohl zum Sprecher wie zum Empfänger. Sie wären gar nicht existent, denn Existenz selber ist ein Kontext.

Ein weiterer allgemeiner Kontext ist die Sprache. Wahrheit kann nur in einer Sprache geäußert werden, und diese ermöglicht und schränkt zugleich ein, wie eine Wahrheit, die innen einleuchtet, nach außen, in die Kommunikation eingebracht werden kann. Wahrheiten klingen anders, wenn sie in einer anderen Sprache ausgedrückt werden. Allein aus der einfachen Struktur von Kommunikation, nach der jede Mitteilung vom Sender codiert und vom Empfänger decodiert werden muss, geht hervor, dass es im Rahmen der Kommunikation keine kontextunabhängige, also keine absolute Wahrheit geben kann. Allerdings wird durch diese Struktur die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht prinzipiell ausgeschlossen. Die Struktur der Kommunikation verhindert allerdings, dass absolute Wahrheiten im kommunikativen Raum als solche auftreten können.

Insofern ist die Aussage, dass jede Wahrheit einen Kontext hat, trivial: Jedes Medium sperrt jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten, und ohne vermittelndes Medium existiert keine Wahrheit. Das haben wir auf der Ebene des systemischen Bewusstseins erkannt. Freilich ist diese Bewusstseinsstufe noch viel zu wenig in unser Alltagserleben vorgedrungen, und deshalb sind diese trivialen Einsichten wenig bekannt und können leicht übersehen werden. Unser Verhaftetsein in egozentrischen Sichtweisen macht es notwendig, die relativistische Welterfahrung immer wieder in den Vordergrund zu rücken. Denn sie enthält weitreichende Konsequenzen, die immer mitbedacht gehören: Jeder Kontext relativiert die Wahrheit, folglich gibt es keine absolute Wahrheit, zumindest im Rahmen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sobald eine Wahrheit als Wahrheit ausgesprochen wird, trägt sie den impliziten Zusatz: „aus meiner Perspektive“, „in diesem oder jenem Kontext“. Zu Aussagen, die der Sprecher für absolut hält, kommt es, wenn dieser Zusatz übersehen, verschwiegen oder unbekannt ist, wenn also der Sprecher die Stufe des systemischen Bewusstseins nicht mitbedenkt.


Meinung und Wahrheit


Nun gibt es auch den Kontext „Meinung“ gegen „Wahrheit“, also den Unterschied zwischen einer Einsicht, die wir als unsicher und vorläufig erachten, und einer anderen, die wir für sicher, klar und allgemeingültig erachten. Die erstere erscheint uns subjektiver, die zweitere objektiver. Meinungen entstehen aus der momentanen emotionalen und kognitiven Gestimmtheit und situativen Wahrnehmung einer Person. Wahrheit erfordert einen Prüfungsprozess, in dem neben dem Subjekt noch andere Instanzen eingebunden sind, z.B. eine Abgleichung mit der äußeren Realität und eine Rückblende auf die Entstehungsbedingungen der Aussage, die sozialen Standards einer Bezugsgruppe usw.

Jemand behauptet z.B., dass es keinen menschenverursachten Klimawandel gibt. Um zu unterscheiden, ob es sich bei der Aussage um eine bloße Meinungsäußerung oder um eine Aussage mit Wahrheitsanspruch handelt, ist es notwendig, die argumentative Abstützung der Aussage zu überprüfen: Welche Quellen dienen zur Erhärtung dieser Position, welche sprechen dagegen? Welche Methoden verwenden die einen Quellen, um der Wirklichkeit nahe zu kommen, welche die anderen? Welche Motive leiten die Person, die die Aussage tätigt?

Das Subjekt, das eine Wahrheit äußert, erhebt den Anspruch, dass die Aussage auf eine äußere Wirklichkeit zutrifft und/oder auch für andere Subjekte zutreffend und sinnvoll ist. Der Wahrheitsanspruch geht also substanziell über das Äußern von Meinungen hinaus und bezieht sich auf eine nicht-subjektive Form von Wirklichkeit (z.B. die Welt der Dinge oder die Welt der sozialen Ereignisse).

Dass Aussagen, die von sich aus den Gehalt von Wahrheit beanspruchen, immer einen Kontext haben, nimmt ihnen nichts von diesem Anspruch auf Wahrheit. Zur Prüfung dieses Anspruchs gehört die Identifizierung des Kontexts der Aussage, also die Umstände ihres Zustandekommens, und vor allem der Inhalt und die Form der Wirklichkeit, auf die er sich bezieht. Es geht also um die Untersuchung der Gültigkeit des Wahrheitsanspruches angesichts der evidenten Kontexte.

Soweit so gut, das Ende aller Streitigkeiten um die Wahrheit ist eingeläutet. Weil sinnlos, können wir uns solche Auseinandersetzungen in Hinkunft sparen und uns an der unendlichen Vielfalt der Wahrheiten freuen.


Die Angelegenheit der absoluten Wahrheit


Allerdings ist mit dieser Feststellung die Angelegenheit der absoluten Wahrheit noch nicht erledigt. Zwar können wir als vielfach kontextgebundene Subjekte den Anspruch, von einer absoluten Position, gewissermaßen ex cathedra zu sprechen, nie und nimmer einlösen. Wohl aber können wir den Anspruch, Absolutes in relativer Form, weil kontextabhängig, auszudrücken, aufrechterhalten. Wir verfügen freilich über keine zwingende Autorität dabei, sondern überlassen es ganz den Adressaten der Botschaft, ob sie das Absolute der Aussage übernehmen oder nicht. Sie sind also prinzipiell völlig frei, sich der Aussage anzuschließen, sie abzuändern oder sie abzulehnen. Das Absolute leuchtet ein oder eben nicht; das hängt sowohl von der Art der Mitteilung, also dem Kontext des Senders, als auch von der Bereitschaft und Offenheit des Empfängers, also dessen Kontext, ab. Das Absolute, um als solches erkannt zu werden und kommunikative Realität zu erlangen, benötigt also einen speziellen Kontext, einen besonderen, nicht alltäglichen „Geist“. Dieser Geist erst macht die absolute Wahrheit zu einer solchen, enthebt sie also den Bedingtheiten des Relativen.

Das Zitat aus dem Neuen Testament: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20) könnte für diesen Zusammenhang so verstanden werden: „Wenn zwei oder drei offen sind für das Absolute, erscheint es als kommunikative Wirklichkeit.“ Wie bei solchen Wirklichkeiten üblich, hat auch das Absolute keine Zeitdauer, es zerfällt unmittelbar, nachdem es aufgetreten ist. Aber es hinterlässt Wirkungen, sonst wäre es nicht absolut. Um diese Wirkungen geht es, nicht um das Rechthaben, Sich-Durchsetzen, Besser-Sein usw. Die Wirkungen betreffen also nicht das Ego, das jede Wahrheit in Frage stellen und anders sehen oder ausdrücken kann. Sie betreffen das tiefere Wesen, das Selbst.

Absolute Wahrheiten sind also solche, die unabhängig von den Kontexten, in denen sie existieren, prinzipiell in allen Empfängern ihre Wirkungen entfalten können. Der Adressatenkreis kann und soll nicht eingeschränkt werden. Sie gelten auch unabhängig vom Sender, sind also nicht durch seine Person, seinen Status, seine Bildung usw. bestimmt. Auf dieser Basis können absolute Wahrheiten absolute Wirkungen und damit auch absolute Gültigkeit erlangen. Zum Unterschied allerdings von Dogmen und anderen Lehrsätzen, die von Institutionen und Autoritäten aufgestellt werden, hat diese Gültigkeit keine räumliche und zeitliche Dauer, sie gilt also nur im Moment, in dem sie gilt. Menschen können an Wahrheiten, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt für absolut gültig erachten, zu anderen Zeitpunkten zweifeln, und sie können Aussagen, die sie einmal kritisiert haben, ein andermal voll annehmen.


Die Wirkung der absoluten Wahrheit


Eine absolute Wahrheit wird in ihrer Wirkung wirklich, und diese besteht in einer inneren Wandlung bei der Person, die die Wahrheit empfängt. Eine solche Wandlung kann als Weitung und als Hinausgehen über eine vorher geltende Weltsicht angesehen werden. Bisher wichtige Kontexte können ihre Bedeutung verlieren, Ängste können zurücktreten, Vorurteile verschwinden.

Jemand sagt z.B.: „Ich schaue mich um und sehe, das Glück ist immer genau da, wo ich gerade bin.“ Damit werden alle Konzepte vom Glück und vom Glücklichwerden überflüssig. Es braucht keinen Stress mehr, um etwas zu erreichen, was gerade nicht da ist. Es kann sich innerer Friede ausbreiten. Auf diese Weise wirkt eine absolute Wahrheit.

Sie kann jedoch nicht wie eine Pille eingenommen werden, die jeden Tag die gleiche Wirkung haben sollte. Die obige Aussage kann an einem anderen Tag leer und nichtssagend erscheinen. Es kann wirkungslos sein, wenn jemand anderer daran erinnert: „Neulich hast du doch gesagt… Was ist jetzt damit?“ Absolute Wahrheiten wirken aus einem absoluten Moment heraus, der sich nicht reproduzieren lässt. Es gibt keinen Knopf, auf den man drücken könnte, wenn man sich glücklich fühlen möchte oder voll von Liebe oder frei von allen Einschränkungen.

Alles, was wir aktiv tun können, ist, uns immer wieder für das Absolute in jeder relativen Situation zu öffnen. Denn das Absolute wartet nur darauf, gehört und empfangen zu werden. Wir brauchen uns nicht gewohnheitsmäßig auf eines unserer beschränkten Konzepte über die Welt und die Menschen festlegen und können uns statt dessen von der Fülle des Lebens überraschen lassen, was immer sie uns schenken will.


Zum Weiterlesen:
Das Absolute im Beschränkten 
Die zwei Wahrheiten 
Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Die zwei Wahrheiten und der Alltag 
Die zwei Wahrheiten und das Ego 
Die zwei Wahrheiten und die Sprache

Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Zumutung

"X hat das von mir verlangt - was für eine Zumutung!" So verwenden wir das Wort: Es wird uns etwas rübergeschoben, was wir als Überlastung empfinden. Der andere ist so egoistisch, denkt nur an sein Eigenes und nicht an uns, er nimmt keine Rücksicht, sondern will uns nur vor seinen Karren spannen. Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen.

Interessanterweise könnte in dem Wort eine weitere Bedeutung stecken: Jemand schreibt uns den Mut zu, dass wir das oder jenes machen oder nicht machen. Ich soll morgen früh um sechs aufstehen, weil du mit mir frühstücken willst? So eine Zumutung! Du hältst mich also für so mutig, sprich kraftvoll und entschlussfreudig, dass ich es schaffe, so früh aufzustehen. In der Zumutung steckt die Anerkennung von Qualitäten, derer ich mir selbst vielleicht gar nicht so bewusst bin.

Ich kann mir dann noch immer überlegen, ob ich diesen speziellen Mut, den mir der andere zuschreibt, aufbringen will; das ist ja letztlich noch immer meine eigene Entscheidung. Aber wenn ich die Zumutung im wörtlichen Kontext verstehe, entspanne ich mich leichter, und wenn ich mich entspanne, kann ich leichter in mich hineinhorchen und dem nachspüren, was ich wirklich selber will. Ich kann dann auch den Mut aufbringen, zum Wunsch der anderen Person Nein zu sagen, oder den Mut, meine Müdigkeit am Morgen zu überwinden.

Wenn wir anderen etwas zumuten, signalisieren wir, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen: Wir anerkennen sie als gleich mächtig wie wir selber. Wir vertrauen ihnen, dass sie das schaffen, was wir von ihnen möchten, weil wir sehen, wozu sie in der Lage sind. Wir fordern sie heraus, zu ihrer eigenen Kraft zu stehen und aus ihr heraus zu handeln. Wir glauben von ihnen, dass sie über ihren Schatten springen und ihre Komfortzone überschreiten können. 

Allerdings ist es wichtig, dass wir bei der Zumutung  die Grenzen der anderen Person achten und nicht blind auf unserer Erwartungshaltung beharren. Wenn wir anderen etwas zumuten, gehört dazu, dass wir uns selbst zumuten, eine Ablehnung der Zumutung auszuhalten und zu respektieren. Wir können den Blick der anderen auf ihre Möglichkeiten richten, aber es steht uns nicht zu, zu verlangen, dass sie danach handeln. Schließlich müssen sie unsere Sichtweise nicht teilen. Wir müssen uns also zumuten, unsere Zumutung zurückzuziehen, wenn sie bei der anderen Person auf Ablehnung stößt.

Andererseits brauchen wir auch nicht aus Höflichkeit oder vermeintlicher Anspruchslosigkeit auf jede Zumutung zu verzichten. Wenn wir von anderen Personen nichts verlangen, aus welchen Gründen auch immer, glauben wir, dass sie nicht in der Lage sind, sich innerlich zu dehnen und zu strecken und über sich und ihre Gewohnheiten hinauszuwachsen. Die Aufgabe von Lehrern ist es immer, an die weiteren Möglichkeiten, die in jedem Menschen stecken, zu appellieren. Da wir im täglichen Umgang miteinander immer auch Lehrer füreinander sind, trifft es auch dort zu, dass wir uns selber zumuten können, anderen mehr zuzumuten, als sie sich selber zutrauen. 

Mut ist der Gegenspieler der Angst, und wir schauen der Angst der anderen ins Auge, wenn wir eine Zumutung aussprechen. Dazu müssen wir oft selber über die Schwelle einer eigenen inneren Angst steigen. Doch wenn wir dem anderen signalisieren können, dass wir uns der Angst stellen, motivieren wir sie, sich nicht völlig ihren Ängsten auszuliefern. Dann wird aus der Zumutung eine Ermutigung und aus dieser eine Ermächtigung.

Die Zumutbarkeit der Wahrheit


Ein Beispiel für die Rolle der Zumutung kommt in dem berühmten Zitat von Ingeborg Bachmann zur Sprache: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Die Dichterin formuliert einen Anspruch, der aus dem Menschsein selbst hervorgeht: Die Wahrheit repräsentiert die Ganzheit des Menschseins und fordert die beständige Suche danach. Das Fragmentierte am Menschen ist das, was all die Probleme verursacht, unter denen die Menschen und die Menschheit leidet. Wird die Suche nach der Wahrheit nicht mehr zugemutet, wird also der Selbstverblendung kein Spiegel mehr vorgehalten, dann versinkt die Menschheit in der Dunkelheit, in der auch Spiegelbilder nicht mehr gesehen werden.

Hier folgt der Zusammenhang des Zitats aus einer Rede, in der Ingeborg Bachmann
auf die Aufgabe der Schriftsteller zu sprechen kommt: "Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar." (Aus: Dankrede bei der Entgegennahme des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" 1959)

An einer anderen Stelle schreibt sie:  "Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit. Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zuwege bringen: dass uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen." (Ingeborg Bachmann, Werke, IV, S. 276 [Über die Kunst])

Donnerstag, 6. November 2014

Halbwahrheiten - schlimmer als Unwahrheiten

Eine Halbwahrheit kann schlimmer sein wie eine Unwahrheit. Denn die Halbwahrheit verführt und verwirrt. Die Unwahrheit ist leichter durchschaubar, wir verfallen ihr entweder ganz oder durchschauen sie gleich. Die Halbwahrheit dagegen benutzt einen Aspekt der Wahrheit und verschleiert ihn gleichzeitig. Sie gibt eine unhaltbare Zusicherung oder erhellt, was sich im gleichen Atemzug wieder verbirgt. Sie will befreien, bereitet aber in Wirklichkeit ein schlechtes Gewissen. Sie vermischt Relatives mit Absolutem, so als könnte das Absolute das Relative rechtfertigen. Deshalb oszilliert die Halbwahrheit, sie will uns beruhigen, während sie uns gleichzeitig aufregt. Thornton Wilder meinte einmal: "Jede Halbwahrheit ist eine Dreiviertellüge."

Ein Beispiel dazu ein bekannter Text, der in verschiedenen Versionen durch die Netzwerke geistert und eine Reihe von Kettenbriefen initiiert hat:

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde mehr Eis und weniger Bohnen essen. Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr Bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten; freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben; nur aus Augenblicken; vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen. Und ich würde mehr mit Kindern spielen, wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie … ich bin 85 Jahre alt und weiß, dass ich bald sterben werde."

Schon die Geschichte des Zitates hat mit Halbwahrheiten zu tun. In manchen Quellen wird es Jorge Luis Borges zugeschrieben, dessen Herausgeber und Witwe die Zuschreibung vehement bekämpfen. Der Text passt ja so überhaupt nicht zum Schreibstil von Borges. Tatsächlich dürfte der Urheber der ersten Fassung ein amerikanischer Humorist namens Don Herold gewesen sein. Manche Ähnlichkeit scheint es mit einem "Abschiedsbrief" von Gabriel Garcia Marques zu geben, den dieser lang vor seinem Tod verfasst hat. Und immer wieder scheint eine Frau namens Nadine Stairs oder Nadine Strain als Verfasserin auf. Offenbar hat sich eine Art Stille-Post-Effekt ergeben, dass irgendeine Urfassung des Textes mit jeder Weitergabe verändert, ergänzt und/oder gekürzt wurde, sodass mittlerweile die unterschiedlichsten Fassungen kursieren.

Abgesehen von der Herkunfts- und Zuschreibungsgeschichte des Zitats liegt die halbe Wahrheit seines Inhalts darin, dass es die Menschen darauf aufmerksam machen will, dass sie das Leben jeden Augenblick genießen und annehmen sollen, was viele als hilfreichen Hinweis auf eine gültige Wahrheit verstehen können: das Leben besteht nur aus den Augenblicken, in denen es erlebt wird.

Verpackt ist diese Wahrheit allerdings in einen Kontext des erbaulichen Ermahnens und des Bedauern über Versäumtes: Begehe nicht die Fehler, die ich begangen habe, iss rechtzeitig genug Eiskreme, mit 86 könnte es zu spät sein, und dann ist der Appetit darauf möglicherweise dahin. Die Leserin wird erkennen, dass sie bisher zu wenig barfuß gelaufen ist, und dann wird ihr vielleicht einfallen, dass sie schon zu lange in der Großstadt lebt, wo das nicht so einfach geht zwischen Frühling und Spätherbst.

Offenbar sollen wir uns fragen, ob wir nicht doch ziemlich falsch gelebt haben. Solange noch Zeit ist, sollten wir auf die richtige Lebenslinie einschwenken, denn schnell könnte es zu spät sein, und dann droht ein in der Rückschau verpfuschtes Leben.

So liest sich der Text unterschwellig als eine Aufzählung von Versäumnissen, von "Zuwenigs". Wir sollen unser Leben als ein Leben erkennen, das anders gelebt hätte werden sollen. Hier wird es allerdings zu einem Zeitpunkt festgestellt, an dem es schon zu spät ist - von jemandem, der von sich behauptet, im Augenblick zu leben. Der Text dürfte wohl in einem Augenblick entstanden sein, indem das Bedauern über die Mängel und Versäumnisse der Vergangenheit überhand genommen haben.

Niemandem ist zu verdenken, melancholisch auf das Unwiederbringliche der Vergangenheit zurückzuschauen, und niemand ist angehalten, widerspruchsfreie oder schlüssige Texte zu schreiben. Der Text kann ja auch unter Poesie eingereiht werden, und da gelten andere Kriterien als die des Wahrheitswertes.

Es verwundert jedoch, welch weite Verbreitung solch ein Text finden kann, der eine besondere Qualität der Weisheit für sich reklamiert und es doch nur zur Hälfte schafft. So schwingt er zwischen Erbauung und Ermahnung, vergleichbar den Ungewissheiten seiner Herkunft.

Dem Bereich der Wahrheitssuche hingegen entzogen und in elegant frivolen Humor übertragen hier die Version von Marlene Dietrich: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe."

Zum Weiterlesen:
Die Jagd nach der Erfahrung

Donnerstag, 21. November 2013

Die zwei Wahrheiten und die Paradoxie


Absolute (transrationale) Wahrheiten sind in mehrfacher Hinsicht paradox. Wer sie ausspricht, ist sich dieser Paradoxie bewusst und kann die Paradoxie aushalten. Diese Fähigkeit erwächst zunächst aus der Rationalität, die sich bis an ihre eigenen Grenzen denken will. Dort löst sich die Eindeutigkeit auf, die zu stiften die Rationalität als ihre eigentliche Aufgabe angesehen hat. Zum Beispiel fand Immanuel Kant in den letzten Bereichen, die der Vernunft zugänglich sind, Antinomien, also Erkenntnisse, die sowohl in der einen Form wie auch in ihrer gegenteiligen Form vernünftig bewiesen werden können. Man könnte auch im Sinn von Hegel sagen, dass sich die Vernunft an ihren Grenzen selbst aufhebt.

Wenn sie zurücktritt und der transrationalen Erkenntnisform Platz macht, wird die Paradoxie zum Kennzeichen der Stimmigkeit. Sie besteht schon einfach darin, dass Unendliches in endlichen Worten, Freiheit in der Begrenztheit ausgesprochen wird. Viele Mystiker, aber auch Philosophen, beklagen die Unmöglichkeit, die zeitlosen Erfahrungen in einer an die Zeit gebundenen Sprache auszudrücken (vgl. Blog zur Sprache der Wahrheit).


Ein weiteres Element der Paradoxie besteht in Folgendem: Viele dieser Erfahrungen führen zu einer Auflösung der Körpererfahrung z.B. in einer grenzenlosen Weite oder in einer vollkommenen inneren Leere, Erfahrungen, die gleichwohl in einem Körper stattfinden. Es wird also beides zugleich erlebt: Ein Körper und ein Nicht-Körper. Deshalb ist es ein Charakteristikum von transrationalen Erfahrungen, dass sie diese Paradoxien beinhalten und ihnen Raum geben, weil das Transrationale das Rationale in sich enthält. Auch wenn das Transrationale als das Größere, Bedeutungsvollere oder Erfüllendere erlebt wird, weiß die erlebende Person um die Existenz der begrenzten Welt, und sie hegt dabei nicht den Wunsch, diese begrenzte Erfahrungswelt los werden zu wollen oder aus ihr entfliehen zu müssen. Im Gegenteil, durch die Besuche in den transrationalen Räumen wird die relative Welt immer wieder neu entdeckt und das Dasein in ihr immer mehr wertgeschätzt und in seiner Schönheit erkannt.

In der transrationalen Sphäre gibt es keine Körperverleugnung, -verachtung oder -kasteiung. Der Körper wird manchmal als „Tempel des Geistes“ bezeichnet oder als Quelle von Lebendigkeit und Freude erfahren. Er gilt als eine Ausdrucksform des Geistes, als Äußeres eines Inneren, das es (vermutlich) ohne das Äußere nicht gibt.


Die Angst vor der Rationalität


Auf der prärationalen Ebene wird dagegen Paradoxie als eine Form der Verwirrung erlebt und vermieden. Sie löst Angst aus. Aus dieser Angst nährt sich die Abwertung jeder Form von Rationalität, wie sie manchmal in der esoterischen Szene auftritt. Entgrenzende Erfahrungen sollten vor mentalen Konzeptualisierungen geschützt werden, und von daher kommt der manchmal geäußerte Imperativ, dass der Verstand oder das Ego zerstört oder zertrümmert werden muss, dass der „Kopf“ zum Schweigen gebracht werden muss usw. Die Aggressivität in dieser Sprache zeugt von einer Angst, die mentalen Fähigkeiten unseres Geistes könnten kaputt machen, was sich als kostbare Erfahrung jenseits des Verstandes gezeigt hat. Für die Vorstellung, dass eine reife Intelligenz in der Lage ist, eine umgreifende spirituelle Erfahrung anzuerkennen und wertzuschätzen, ist kein Platz.

Stattdessen wird dem Wiedererleben von dissoziativen Zuständen Tür und Tor geöffnet, weil es kein rationales Korrektiv gibt. Scheinbar spirituelle Erfahrungen wiederholen die Flucht aus der Wirklichkeit, wie sie einst im Traumamoment vor unerträglichen Schmerzen oder Leiden geschützt hat. Hier ist Heilungsarbeit notwendig, die oft mühsam, langwierig und schmerzhaft sein kann. Aber es führt kein Weg darum herum, alle Abschneider führen immer wieder zurück auf den Ausgangspunkt. Nur auf diesem Weg, der Abspaltung nach Abspaltung zusammenführt, kann die Ganzheit und innere Identität gefunden werden, in der Verbindung von lebendiger Emotionalität und klarer Rationalität.

Von dieser Basis ausgehend, öffnet sich dann wie von selber und in natürlicher Weise die transrationale Welt und die Erkenntnis der absoluten Wahrheiten. Das Leben wird als freier Tanz von Paradoxien erkannt, als ein immer wieder überraschendes Fließen vom Einen ins Andere.

Ein Zustand, wie er z.B. im Zen durch das unablässige Meditieren über „Koans“, also über paradoxe Aussagen erreicht werden soll, ermöglicht die Freiheit. Es ist ein Zustand, in dem die Wahrheit in der unmittelbaren Erfahrung auftaucht, die sich im nächsten Moment schon wieder verändert hat und in dem die Veränderung in ihrer Widersprüchlichkeit genossen werden kann. Das große Spiel des Lebens entfaltet sich in seinem Reichtum an Formen und Gestalten, frei von Erwartungen, Kontrollen und Zwängen. Die Emotionalität und die Rationalität dienen dabei als Spielzeug unter anderen. Das Eintauchen in ihre Relativität geschieht bewusst und die Rückverbindung an das Absolute geht nie wirklich verloren.


Die Aufgabe der Lehrer


Ein guter Lehrer braucht ein sicheres Gespür für Prä- und Transverwechslungen, für den Unterschied von Relativität und Absolutheit. So kann er die Schülerin auf alle die Fallen, die sich auf dem Weg versteckt halten, aufmerksam machen. Je freier er selber ist von den Antrieben der relativen Welt, von den Egomotiven und selbstsüchtigen Interessen, zu desto mehr Freiheit kann er seiner Schülerin verhelfen. Er braucht dafür den absoluten Respekt für die Einzigartigkeit des Weges, auf dem sich die Schülerin befinden, sodass er mit ihr lernt, wie sie sich Schritt für Schritt der Befreiung nähert und lernt, mit der Paradoxie umzugehen.


Vgl. Prä-Trans-Verwechslungen
Vgl. Narzissmus 

Die zwei Wahrheiten: Relatives verkleidet als Absolutes

Die zwei Wahrheiten klar zu unterscheiden, ist wichtig, weil wir daran erkennen können, ob unser Weg weiter in die Tiefe des Seins oder zurück in die Untiefen unserer Lebensgeschichte führt. Diese Unterscheidung ist jedoch deshalb knifflig, weil wir für diese Aufgabe die Fähigkeit brauchen, die vielfältigen Fallen und Tricks der relativen Wahrheit zu erkennen, und weil wir ebenso in der Lage sein müssen, die absolute Wahrheit in ihrer Reinheit und Klarheit zu erkennen. Wir brauchen also die Weltläufigkeit und zugleich den Zugang zur Tiefe der Erkenntnis, um uns im Gelände zwischen Relativität und Absolutheit sicher orientieren zu können.

Mit dieser doppelachsigen Bewusstheit wird es uns möglich, Verwechslungen, die immer auch dem von Ken Wilber beschriebenen Prä-Trans-Fehlschluss verfallen sind, zu durchschauen und zu erkennen, wo sich relatives Wissen als absolutes ausgibt. Solche Verkleidungen geschehen zumeist in guter Absicht und aus mangelnder Selbstreflexion. Sie können aber, wie schon in anderen Beiträgen zu dem Thema dargestellt, Menschen in die Irre führen und damit Schaden anrichten.

Die Flüchtigkeit des Absoluten


Die absolute Wahrheit gibt es nicht in einer fixen Form. Sie ist beweglich wie ein Quecksilberkügelchen. Wer sie fassen will, hält nur einen relativen Abklatsch von ihr in der Hand. Alles, was sich unserem Zugriff entzieht, macht uns misstrauisch und fordert unsere Kontrollzwänge heraus. Wir wollen, was wir schon einmal hatten, sicherstellen, damit wir es immer wieder kriegen können, wann wir es brauchen. Ähnlich wie die reichen Länder der Welt die Rohstoffquellen dieser Erde unter ihre Kontrolle behalten wollen, damit sie ihr verschwenderisches Leben unbehindert weiter führen können, möchten wir auch unsere inneren Schätze in einem imaginären Tresor verwahren, wo sie uns niemand nehmen kann und wir sie zu jeder Zeit für unsere Zwecke nutzen können.

Da eine der zentralen Fähigkeiten, die wir brauchen, um in der Welt des Relativen erfolgreich zu sein, im Täuschen und im Selbsttäuschen besteht, fällt es uns nicht auf, wenn wir eine absolute Wahrheit mit einer relativen vertauschen. Doch woran können wir erkennen, dass wir uns selbst oder andere auf den Holzweg geführt haben?

Jede Wahrheit, die unbeweglich und in einem starren sprachlichen Korsett präsentiert wird, kann nicht absolut sein, so schön sie auch klingen mag. Vielmehr haben wir es mit einem Dogma zu tun. Die Wahrheit ist zu einem Ding geworden, das gegen jedes andere Ding ausgetauscht werden kann. Die Richtigkeit beruht nur auf der Autorität dessen, der sie verkündet hat. Wie die Geschichte zeigt, lassen sich mit Gewalt alle Wahrheiten durchsetzen, außer die absoluten.

Wahrheit und Kritik


Relative Wahrheiten sind grundsätzlich kritikfähig, was ihren Inhalt anbetrifft. Jede relative Einsicht kann ganz einfach auch anders sein. Relativ betrachtet, ist es gleich richtig, ob das Licht eine Wellen- oder eine Teilchennatur hat. Wir brauchen nur den Blickpunkt zu verändern, schon schaut alles anders aus. Jede relative Erkenntnis steht in Konkurrenz zu anderen Ansichten. Sie unterliegt allen Formen der emotionalen und rationalen Kritik. Gerade deshalb gibt es immer wieder die krampfhaften Versuche, relative Wahrheiten unter dem Schleier der Absolutheit vor Kritik zu immunisieren.

Die absolute Wahrheit fürchtet keine Kritik, sie braucht sie aber nicht, weil sie in sich einleuchtend ist. Wird an ihr Kritik geübt, so kommt diese aus einem fehlenden Verständnis von der Tiefe des Gesagten. Wenn jemand sagt: „Alles ist eins“, wird jemand, der ganz dem Relativen verhaftet ist, meinen, dass das nicht einmal auf einen Eintopf zutrifft, solange man Kartoffel und Karotten unterscheiden kann, geschweige denn dass das auf das ganze Universum bezogen werden könnte. Doch verfehlt eine Kritik aus dieser relativen Ecke den Erfahrungskern des Satzes, der eben auf der relativen Erfahrungsebene nicht zu finden ist.

Das ist auch das defensive Standardargument, das jeden gestandenen Skeptiker zur Weißglut treibt, wenn ihm jemand aus der spirituellen oder esoterischen Welt berichtet. Gleich ob prä- oder transrational, also der Prä-Trans-Verwechslungsecke kommt: Mitreden kann nur, wer die entsprechende Erfahrung gemacht hat. Und damit öffnet sich ein Graubereich, der mit dem Reinheitsgebot einer intellektuellen und spirituellen Redlichkeit in Konflikt kommt.

Doch die transrationale Erfahrung – und das unterscheidet sie von der prärational-esoterischen – ist so beschaffen, dass sie dem rational denkenden Menschen zumindest intellektuell verdeutlichen kann, warum bestimmte Einsichten nur auf einer vertieften Erfahrungsebene Sinn machen. Es ist argumentierbar und kann einem verantwortungsbewussten Rationalisten verständlich gemacht werden, wo die Grenze der Rationalität liegt. Soweit reichen eben die Argumente, und das Jenseits der Argumente ist nur dem zugänglich, der bereit ist, seine einschränkenden Denkgewohnheiten zurückzulassen.

Der kommunikative Raum des Absoluten


Absolute Wahrheiten kann man nicht zwischen zwei Buchdeckeln kaufen oder aus einschlägigen Seminaren in der Aktentasche mitnehmen. Sie erscheinen nur unter ganz bestimmten Bedingungen, wie Glühwürmchen zu Sommerbeginn. Es ist eine nicht konventionelle Form der Offenheit bei der Sprecherin und beim Empfänger erforderlich, damit sich eine absolute Wahrheit als solche überhaupt manifestieren kann. Diese Form der Offenheit ist dann möglich, wenn weitgehend alle emotionalen und mentalen Einschränkungen zurückgenommen sind. Sowohl der Sprecher wie die Empfängerin müssen in der Lage sein, ihre konventionellen Sprech- und Wahrnehmungsgewohnheiten abzulegen. Das ist dann möglich, wenn die emotionalen Fixierungen, die die Gewohnheiten an ihrem Platz festhalten, also vor allem die alten Ängste, aufgelöst sind.

Angst- und vorurteilsfrei sowie mit dem gebührenden Respekt müssen wir in den Raum der absoluten Wahrheit eintreten, dann wird sie sich zeigen. Nehme ich nun eine solche Wahrheit, der ich teilhaftig geworden bin, und trage sie in die Welt der Relativität, so werde ich erkennen, dass sie verblasst und ihre Kraft verliert, weil die Menschen, auf die sie trifft, sie nicht empfangen können. Sie wollen nur, dass ihre Vorurteile und Ängste bestätigt werden und bekämpfen alles, was diese in Frage stellt. Der Weise erkennt daran, dass geschwiegen werden muss, wo nicht geredet werden kann.

Die Lehrerin dagegen, die übersehen hat, dass sie das Heiligtum verlassen hat und auf den Marktplatz getreten ist, wird vielleicht Wege der Überzeugung und Überredung suchen, um ihre Wahrheit „an den Mann“ zu bringen. Sie macht dann schnell die Erfahrung, dass manche Leute fasziniert sind, weil sie die Wahrheit hinter der Überzeugung spüren, die ihre Sehnsüchte nach Befreiung anspricht. Deshalb werden sie der Lehrerin folgen und ihre Lehren übernehmen. Solange sie jedoch selber nicht ins Heiligtum eingetreten sind, werden sie nicht verstehen, worum es wirklich geht. Und die Lehrerin kann der Versuchung verfallen, die Schüler statt ins Heiligtum in die Irre zu führen, indem sie sich selbst und ihre Lehren als das Heiligtum darstellt. Damit ist die absolute Wahrheit von beiden Seiten, Sprecherin und Hörer, relativiert und verdinglicht.

Im System der Vorurteile und Ängste wird die absolute Wahrheit ein Spielball von allen möglichen Interessen und Motivationen. Dann können mit ihr Geschäfte gemacht, Abhängigkeiten aufgebaut, Lehrgebäude errichtet werden. Die Sehnsüchte werden mit Fantasien und Illusionen gefüttert, und die Seelen der Suchenden regredieren in einen dumpfen Kindheitsschlummer, den sie für ein tiefes Erwachen halten.

Die absolute Wahrheit zerfällt also sofort, wenn die Bedingungen ihrer Existenz verloren gehen. Sie ist wie eine sensible Pflanze, die nur in einem fein  abgestimmten Ökosystem wachsen und gedeihen kann.

Wahrheit und Aggression


Wahrheiten, die mit Aggressivität und mit der Abwertung von Andersdenkenden vertreten werden, entlarven sich selbst als relative, die sich als absolute verkleidet haben. Relative und absolute Wahrheiten kann man nicht an den Worten unterscheiden, sondern am Kontext, in dem sie ausgesprochen werden. Damit wird auch jede Form der Missionierung obsolet, denn die absolute Wahrheit will nur einleuchten und nicht überzeugen. Sobald sie erkannt, verstanden und inkorporiert worden ist, hat sie ihren Sinn erfüllt.

Die absolute Wahrheit braucht keine Schutzgefühle wie Angst oder Aggression. Sie wirkt oder sie wirkt nicht, je nach Kontext und Empfänger. Sie kann nicht um Verständnis und Akzeptanz kämpfen. Sie weiß, dass ihre Wirkmächtigkeit vom Erfahrungsgrad und emotionalen Zustand des Empfängers abhängt. Denn sie kann nur jemandem einleuchten, der sich ihr frei von Ängsten und Traumatisierungen nähert.

Freitag, 8. November 2013

Die zwei Wahrheiten und die Alltagspraxis

Sind wir Wanderer zwischen zwei Welten? Einmal in der einen, ein andermal in der anderen, nirgends wirklich zuhause? Pendeln wir vom einen ins andere, ohne irgendwo jemals wirklich anzukommen? Sollte der Weg nicht darin bestehen, die Welt des Relativen immer mehr hinter sich zu lassen, um schließlich ganz in der Welt des Absoluten aufzugehen? Oder genügt es, ab und zu von den Blüten des Absoluten zu kosten, damit das Leben im Relativen erträglich bleibt? 

Die Welt der relativen Wahrheit ist ein unendliches Feld des Lernens. Die Welt der absoluten Wahrheit ist ein unendliches Feld des Wachsens und Fallens. Das Lernen braucht das Fallen, um an Tiefe und Freiheit zu gewinnen, das Fallen braucht das Lernen, um am Spiel der Gegensätze zu wachsen. Insoferne können wir mit der Vorstellung von einer horizontalen und vertikalen Dimension arbeiten und erkennen, dass wir beides zugleich sein können und müssen, wenn wir nicht flach oder fadendünn werden wollen: Eine absolute Wahrheit ohne Bezug zur relativen ist stumm, in sich verschlossen, von den Menschen und ihrer Welt abgeschnitten. Eine relative Wahrheit ohne Bezug zur absoluten ist schal und oberflächlich, geschwätzig und besserwisserisch. 

Die Vergeistigung des Alltags 


Oft berichten Menschen von der Langeweile und Routine ihres Alltags. Das Wort selber hat schon die lethargische und resignative Schwingung - im Alltag ist das Alltägliche, Gewöhnliche, Uninteressante, Beschränkte. Das eigentliche Leben spiele sich erst dort ab, wo das engmaschige Gewebe dieses Alltags durchbrochen wird - auf einer tollen Urlaubsreise, bei einem schönen Konzert, während einer intensiven Meditationsgruppe. Das Zurückkehren in den "grauen" Alltag wird als Enttäuschung erlebt, und es wird geklagt, wie schnell die Farbenpracht und hohe Schwingung der außergewöhnlichen Erfahrungen verloren geht. Die Sehnsucht besteht darin, ein Leben führen zu können, in dem es keinen Alltag gibt. Wenn man es schon selber nicht wagt, auf eine Abenteuerreise ohne Rückkehr aufzubrechen, liest man von den Erzählungen anderer und schaut sich spannende Filme vor dem Schlafengehen an, um sich möglichst weit weg von der schwarzen Magie des Müssens zu zaubern, die unweigerlich den nächsten Tag von früh bis spät durchziehen wird. 

Der Geschmack der absoluten Wahrheit ist nicht an bestimmte Speisen oder Bilder gebunden, an keine äußerliche Realität, an keine innere Gestimmtheit. Einmal genossen, kann er in alles und jedes eingewoben werden, was wir erleben. In jeder Situation, die uns das Leben beschert, können wir Schätze und Kostbarkeiten finden, wenn wir nur die internen Augen, Ohren und Geschmacksknospen dafür öffnen. Es sind nur Gewohnheiten der faulen Seele, die das Überschreiten einer Schwelle der Intensität erforderlich machen, dass das Außerordentliche am Leben erkannt wird. Wir können statt dessen lernen, in den kleinen Dingen das Große zu entdecken, in den matten Farben die Sattheit und in der Fadesse das Abenteuer. Wir brauchen nur zu tun und zu erleben, was wir gerade tun und erleben. Wenn wir uns ganz dahinein fallen lassen, was im Moment in unserer Erfahrung geschieht, wenn wir ganz darin aufgehen und zu dem werden, was gerade geschieht, dann zeigt sich ein Reichtum und eine Schönheit, die jeden Augenblick zu einer Feier des Lebens werden lässt. 

In dieser innigen Verbindung des Vertikalen und des Horizontalen, des Absoluten und des Relativen, kann jede Erfahrung eine Tiefe erlangen, die das Innere erfüllt, sodass nichts mehr belanglos, nichts mehr fahl und glatt erscheinen kann. Das ist wohl der Höhepunkt der Lebenskunst, die volle Verwirklichung des menschlichen Lebens. 

Die Erdung der Spiritualität 


Nicht nur der Alltag braucht die Vergeistigung. Auch der Geist braucht den Alltag. Er braucht den Kontakt zum Boden, zu den erdigen Dingen und Abläufen. Er wird lebendig, wenn er sich auf die vielfältigen Schönheiten der relativen Welt einlässt. Die Herausforderung, den Alltag zu verzaubern und die Routine zum Tanzen zu bringen, lässt den Geist wachsen. Der Humor ist eines seiner Wundermittel, der das Schräge, Absurde und Komische aufzeigt, das in der Verbohrtheit in die Kleinlichkeiten des Alltags liegt. Er macht auch nicht Halt vor den höchsten Heiligtümern und weisesten Menschen. Sollte das Verweilen im Absoluten oder das Suche der Wahrheit zu viel an Ernst und Strenge bewirken, bringt ein Bad in den irdischsten Formen des Humors alles wieder zurück an den rechten Platz der Menschlichkeit. 

Erst an den verworrenen Windungen des gemeinen Treibens zeigt sich, ob die erfahrenen Einsichten in das Absolute wirklich gediegen und klar sind. Nur eine Spiritualität, die diesen vielfältigen Herausforderungen gewachsen ist, ist von wirklicher Güte und Brillanz. Wie sie mit der Dummheit und Bosheit der Menschen, den Ungerechtigkeiten der Gesellschaft, den Wechselfällen des Beziehungslebens, den Zufälligkeiten des Marktes und Unzuverlässigkeiten des Körpers umzugehen vermag, ist ihr Prüfstein. Hier muss sich ihre Kreativität immer wieder aufs Neue erschaffen und bewähren. Das Reiben an den Verwerfungen und Kalamitäten des immer wieder neu sich erschaffenden Chaos des Menschenlebens poliert den Kristall und verleiht ihm immer wieder neue funkelnde Facetten. Das Umgehen mit solchen Prüfungen ist die eigentliche Aufgabe des Lebens, das nach Ganzheit und Vervollkommnung strebt, und weiß, dass es im Tanz von Relativem und Absolutem kein Ende gibt, sondern beständiges neues Erleben im „strebenden Bemühen“ (Goethe). 

Damit der Zugang zur absoluten Wahrheit nicht verschüttet wird von den vielfältigen Anforderungen und Versuchungen der Alltagswelt, braucht es spezielle Zeiten, die nur ihr gewidmet sind. Darin liegt der Sinn der rituellen Praktiken, wie sie in den Religionsgemeinschaften gepflogen werden, und der meditativen Übungen, die in Gruppen oder alleine durchgeführt werden können. Der Sinn des Rückzugs aus der Umtriebigkeit liegt nicht im Verschwinden in einer Kontrastwelt, sondern in einer Stärkung für das Wieder-Zurückkommen und Mitmischen in der Geschäftigkeit. Damit wird in das relative Tun eine Note hineingewoben, ein Klang, der ihm einen tieferen Sinn verleiht, eine tiefere Verbundenheit mit allem, was geschieht. 

Eine Spiritualität, die sich hermetisch in sich selbst zurückzieht und den Kontakt zur Lebenswelt der "relativen" Menschen verliert, wird verarmen und vertrocknen. Sie wird keine Worte mehr finden, um sich mitzuteilen, und sie wird von den anderen Menschen ignoriert werden. So bleibt sie unfruchtbar für die Erfordernisse der Weiterentwicklung. Pflegt sie jedoch die Beziehung zu den verschiedenen Lebensformen der Menschen, sucht sie immer wieder den Austausch, dann kann sie Wertvolles beitragen zur Verbesserung der Qualität des Lebens in den Kreisen der Gesellschaft. 

Was hat der Buddha auf dem Marktplatz verloren? 



Er muss sein Gemüse und Obst einkaufen und mit dem Händler einen guten Preis aushandeln. Dazu muss er die Logiken der relativen Wahrheit kennen, um nicht als naiver Tor durch die Welt zu taumeln. Er braucht die Bereitschaft, immer weiter und immer Neues zu lernen, weil sich die relative Welt fortwährend weiter entwickelt. So lernt er im Gemüsehändler eine Facette des Menschseins kennen, die auch eine Facette von sich selbst ist. Ohne den Händler würde er sie nie in sich finden. Und er übt sich in einer Weise des Redens, wie sie nur mit dem Gemüsehändler möglich ist, eine Form des Austausches, in der sich seine Buddhanatur in ganz spezieller Weise nach außen hin zeigt.

Zugleich erkennt er in dem Weben und Streben des Marktplatzes eine tiefere Wahrheit über das Leben: dessen permanentes Entstehen und Vergehen. Das Erleben der Unbeständigkeit in allen relativen Belangen verbindet ihn mit dem absoluten Wissen. Nichts ist von Dauer, und nichts braucht deshalb festgehalten zu werden. Da alles in permanenter Veränderung ist, gilt es, sich immer wieder dem Fließen anzuvertrauen, statt ihm Widerstand entgegenzusetzen. 

Hier unterscheidet er sich vom Gemüsehändler, dessen Blick nicht über sein Gemüse hinausreicht. Sein Leben hängt ab von den Gemüsepreisen, von den Saisonen und der Kauflust der Kunden. Nur Teil der relativen Welt zu sein, bedeutet, ihrer Willkür ausgesetzt zu sein, wie ein Tischtennisball den Wellen des Meeres. 

Der Weise dagegen kann inmitten der Wellengänge des großen Ozeans des Lebens immer wieder zur Gelassenheit und Ruhe in sich selbst finden. Er wird damit zum Modell für ein Leben im Relativen und jenseits des Relativen, für ein Leben im Vertikalen wie im Horizontalen. 

Vielleicht macht sich der Gemüsehändler, inspiriert von seinem Buddha-Kunden, eines Tages auf den Weg, die tieferen Gesetzmäßigkeiten des Menschlichen zu erforschen und wird dann selber ein Buddha auf dem Marktplatz. 

Einfach in die Einheit von Absolutem und Relativem eintauchen 


Wer - wie jeder Mensch - des bewussten Atmens mächtig ist, weiß im Grunde, wie in jedem Augenblick das Mysterium der Verbindung von Absolutem und Relativem geschehen kann: Im Einatmen die Weite und Vielfalt der Welt, im Ausatmen die Einfachheit des In-die-innere-Weite-Fallens, und beides im jeweilig Anderen erkannt und gelebt werden kann. Der Atemvorgang wird vom vergänglichen Körper in Gang gehalten, vergänglich wie jeder Atemzug selbst, und der Atem lässt uns mehr und ganz anderes spüren, die Qualität des einfachen, zeitlosen Daseins. Mit dieser Einfachheit können wir beginnen, Relatives und Absolutes als Eines zu erfahren, und immer wieder können wir in sie eintauchen. 

Vgl. Die zwei Wahrheiten, Die zwei Wahrheiten und das Ego, Die zwei Wahrheiten und die Religionen, Die zwei Wahrheiten und die Sprache