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Freitag, 21. Oktober 2022

Störungen zerstören Illusionen

Störungen sind Ereignisse, die wir nicht voraussehen und die uns aus etwas herausreißen, was uns gerade beschäftigt oder fesselt. Wir lesen eine spannende Passage in einem Roman, und es klingelt an der Tür. Wir haben einen tollen Einfall, das Telefon läutet und die Idee ist weg. Wir sind in ein anregendes Gespräch mit einer Freundin vertieft, und jemand anderer mischt sich lautstark ein. Wir wandern beschaulich durch den Wald und plötzlich hören wir eine Sirene.

Dopamin
Jede Störung, die wir erleben, enthält ein Element der Zerstörung: Es wird der Zustand, in dem wir uns gerade befinden, unterbrochen und verändert. In dem Zustand ist auch eine Erwartung enthalten, die jetzt enttäuscht und damit zerstört wird. Wir müssen unser Inneres umgruppieren und neu aufstellen, damit es adäquat dem veränderten Außen begegnen kann. In unserem Gehirn wird ein Dopamin-Zyklus unterbrochen, und statt des angenehm prickelnden Gefühls herrscht plötzlich Flauheit und Leere. Denn Dopamin ist der Botenstoff,
der unsere positiven und motivierenden Zukunftsabsichten unterstützt und  der ausgeschüttet wird, wenn wir uns im Fluss befinden und daraus eine positive Zukunftserwartung aufbauen.

Erwartungssteuerung

Wir sind Gewohnheitstiere und stark von unseren Erwartungen gesteuert. Jede Überraschung wirft uns aus der Bahn, genauer gesagt, aus den Schienen, die wir uns selber mit unserer Fantasie in die Zukunft hinein gelegt haben. Manche Überraschungen überwältigen uns mit Euphorie, wie der berühmte Lottogewinn oder ein unerwartetes Liebesgeständnis, und manche mit Frustration, wie z.B. wenn sich der Lottogewinn als Irrtum herausstellt oder wir erkennen, dass das Liebesgeständnis nicht ernst gemeint war. 

Vor allem in den letzteren Fällen fühlen wir uns von der Realität gestört, die unsere Absichten und Pläne nicht beachtet, und wir kommen dabei zur Annahme, dass sie uns einfach ignoriert. Das Fantasieszenario, das in unserem Kopf entstanden ist, hat sich so fest etabliert, dass sofort ein Leidenszustand entsteht, wenn die Fantasie von der Wirklichkeit zerstört wird. Wir leiden am Festhalten und an unserer Sturheit, und nicht an der widerborstigen Realität. Denn die Quelle unseres Leidens ist in unserem Inneren, und das Außen liefert nur den Anlass. Aber diese Erkenntnis fällt uns bestenfalls später ein.

Die Zerstörung von Fantasien

Den organischen Hintergrund von solchen Minikrisen könnte der plötzliche Dopaminabsturz bilden. Wir stellen uns vor, wie wir im strahlenden Sonnenschein wandern, und tatsächlich beginnt es zu regnen, als wir aus dem Haus treten. Die Stimmung fällt, die Frustration steigt. Wir ärgern uns und schimpfen auf das unzuverlässige Wetter. 

Wir tun dabei so, als wären wir die Herren oder Herrinnen der Wirklichkeit und als hätte sie uns einen bösen Streich gespielt. In der Frustration sind wir nicht nur traurig (wir müssen Abschied nehmen von einer Erwartung), sondern auch zornig (wir sind sauer, weil sich die Umwelt nicht nach unseren Erwartungen richtet, sondern sie einfach ohne jeden Federlesens zerstört) und irritiert, weil unsere Pläne vereitelt wurden. 

Es ist natürlich nur unser Fantasiegebilde, das zerstört wird, aber das ist unsere aktuelle innere Realität, die voll präsent ist und uns als ähnlich mächtig erscheint wie die äußere. In solchen Momenten sind wir von diesen Fantasien beherrscht, und unser inneres Gleichgewicht hängt an ihnen und an ihrer Verwirklichung. 

Enttäuschende Mitmenschen

Auch mit Mitmenschen gehen wir so um: Wer unsere Erwartungen erfüllt, ist gut, wer nicht, den mögen wir gleich nicht. Wir teilen die anderen in diese zwei Gruppen ein: Die verlässlichen und die unzuverlässigen, also diejenigen, die unsere Erwartungen erfüllen, und diejenigen, die sie enttäuschen. Die einen schätzen wir, die anderen lehnen wir ab. In Beziehungen, in den wir fix gebunden sind, wechseln sich diese Kategorisierungen oft schnell ab. In diesen Konstellationen fallen uns enttäuschte Erwartungen besonders stark auf, denn je enger die Beziehung, desto höher ist die emotionale Ladung, die in die fantasierten Erwartungen investiert wird.  

Im Grund befinden wir uns auf einer frühen Stufe der Innenentwicklung, wenn wir auf diese Weise reagieren. Für Kinder ist die Fantasie so präsent wie die Realität, und durch ihre rechtshemisphärische Dominanz wird ihr ein bedeutender Rang eingeräumt, sodass die Unterschiede zur äußeren Realität fließend sind. Deshalb fällt es ihnen schwer, sich umzustellen, wenn sie schon bestimmte Absichten oder Pläne entwickelt haben. Andererseits hält ihre Frustration nur kurz an, sie können sich meist schnell umstellen und unterscheiden sich in diesem Punkt von vielen Erwachsenen.

Störungstoleranz

Wie können wir mehr Störungstoleranz erlernen, sodass wir unser inneres Gleichgewicht nicht verlieren, wenn wir in unseren Erwartungen enttäuscht werden? Wie können wir mehr Flexibilität entwickeln? Wir können uns bewusst machen, dass Störungen nur Illusionen zerstören, die wir uns aufgebaut haben, damit wir eine Übersicht über die Zukunft haben und unsere Handlungen planen können. Gelingt es uns, Störungen als Überraschungen zu erleben, als Gelegenheiten zum Verändern und Umstrukturieren, so wird es uns leichter fallen, die Erwartungen gehen zu lassen, die wir aufgebaut haben, und das Gute an der neuen Richtung, die die Realität genommen hat, zu erkennen. 

In vielen Religionen ist diese Form der Lebenskunst Teil der Lehre. Im Buddhismus heißt es, dass alles in Veränderung ist und nichts Dauer hat. Es gibt nichts Festes, sondern nur Bewegtes. Was uns unglücklich macht und Leiden bewirkt, ist das Anklammern an dem, was wir haben, und die Weigerung, zu akzeptieren, was sich ändert oder verschwindet. Im Christentum wird davon gesprochen, dass Leben der Menschen immer in Gottes Hand ist. Es liegt nicht in unserer Macht, unser Schicksal in allen Belangen nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Wenn wir dem Leben vorschreiben wollen, wie es zu sein hat, dann erheben wir gottähnliche Machtansprüche, an denen wir nur scheitern können.  


Sonntag, 21. Februar 2021

Kreative und reaktive Fantasien

Die Fantasie, zu der uns unser Gehirn befähigt, öffnet ein vielfältiges Feld von Möglichkeiten. Es reicht von Angstfantasien bis zu schöpferischen Inspirationen. Wir wollen keine fantasielosen Wesen sein, sollten uns aber auch nicht in unseren Fantasien verlieren. Hier geht es darum, ein paar Wegmarken im weiten Land der Fantasie anzulegen.

Fantasien sind Realitäten, die in unserem Kopf produziert werden. Sie unterscheiden sich von den äußeren Realitäten dadurch, dass sie mit keinen äußeren Wahrnehmungen korrespondieren. Sie haben also keine Fundierung und keine Referenzpunkte in der Außenwelt. Wohl stammen die Inhalte unserer Fantasien in irgendeiner Weise aus der Realität, die außerhalb von uns selbst vorhanden ist, aber unsere fantastische Kraft kombiniert sie zu neuen Gebilden und darin liegt das kreative Potenzial unserer Fantasie.

Bei der Entstehung von Kunstwerken ist es häufig so, dass innere Vorstellungen von dem Resultat, das erschaffen werden soll, den Prozess einleiten. Mit den ersten Schritten zur Verwirklichung kann sich das Fantasiebild ändern, aber oft ist die Fantasie der Produktion immer ein Stück voraus. Die Fantasie nimmt also das Resultat vorweg, indem sie es so wahrnimmt, als wäre es schon wirklich. 

Hier wirken Fantasien als treibende Kräfte zur Kreativität. Ohne die Fähigkeit zur Imagination gäbe es wohl keine Kultur, keine Kunst, Technik oder Wissenschaft. Die Neugier bedient sich der Fantasie, und beide zusammen haben großartige Schöpfungen der Menschheit verwirklicht.

Doch auch zur Erreichung anderer Ziele können wir die Kräfte unserer Imagination nutzen, um unsere Energien auf den Manifestationsprozess zu fokussieren. Kreative Bilder stärken die Motivation und Tatkraft und helfen dabei, Widerstände und Hindernisse zu überwinden. (vgl. den Artikel zur kreativen Lebensorientierung). 

Reaktive Fantasien

Auf der anderen Seite des Fantasiespektrums finden sich Formen der Innenwelt, die aus Reaktionen auf bedrohliche und verunsichernde Erfahrungen in der Außenwelt gebildet werden. Es handelt sich dabei um Bilder, die als Gefühlsersatz dienen. Typischerweise entstehen sie aus Dissoziationen, also aus Brüchen zwischen Innen- und Außenerfahrungen, die im Rahmen von Traumen entstehen. Die Innenwelt dient als Fluchtraum, die mit Fantasien eingerichtet werden wie mit Möbeln und Bildern. Hier ist die heile Welt, draußen ist es gefährlich. 

Dazu zählen auch sexuelle Fantasien, die das gesamte Pornogeschäft in Gang halten: Sichere Formen der sexuellen Lust, die nicht von den Risiken einer zwischenmenschlichen Begegnung belastet sind. Denn die Verletzungen, die hinter der Begierde nach solchen Bildern und Videos stecken, sind durch Personen verursacht worden. Deshalb enthält der Konsum von Pornografie immer auch ein Element der Rache an den Verursachern der eigenen Verletzungen.

Diese Verletzungen hängen mit unerfüllten frühkindlichen Bedürfnissen und Sehnsüchten zusammen, die eigentlich nur wenig oder gar nichts mit Sexualität zu tun haben. Nur bietet sich dieses Erlebnisfeld als Ersatz an, sobald die erwachsenen Sexualinteressen erwachen. Die entsprechenden Triebe sind stark geladen, und die diversen Angebote gehen darauf erfolgreich ein indem sie starke Anreize verkaufen, die risikolos konsumiert werden können.

Kindliche Fluchtrouten

Kinder erwerben früh die Fähigkeit, Bedürfnisse, die keine Befriedigung erfahren, in der Innenwelt zu stillen. Dieser Trick, den das Gehirn zur Verfügung stellt, hilft, mit der Frustrationserfahrung zurechtzukommen. Es bleibt zwar eine Diskrepanz bestehen zwischen dem real unerfüllten Bedürfnis und der Scheinbefriedigung in der Fantasie, aber zumindest wird eine teilweise Erfüllung erfahrbar. Diese hilft auch, die ursprünglichen Gefühle (den Schmerz, die Angst und die Scham) zu begraben, die mit der Frustrationserfahrung verbunden sind.

Es kann sich die Tendenz verfestigen, sich mit der fantasierten teilweisen und ersatzweisen Wunscherfüllung zufrieden zu geben. Die Ersatzbefriedigung hilft im weiteren Leben immer wieder, sich den aktuellen Herausforderungen der Wirklichkeit zu entziehen und die Freuden von erfüllten Sehnsüchten und errungenen Erfolgen in der Scheinwirklichkeit zu genießen, als ob sie wirklich wären. Damit steht ein Mechanismus zur Verfügung, unangenehmen Gefühlen oder praktischen Herausforderungen im Leben auszuweichen. Der Fantasieraum bietet sich immer als Fluchtpunkt mit seinen angenehmen oder erregenden Bildern an, wenn es brenzlig oder langweilig wird.

Süchte und reaktive Fantasien

Viele Süchte und selbstschädigende Verhaltensweisen haben ihren Ursprung in dieser Dynamik. Die illusionäre Befriedigung, die sie gewähren, entfesselt immer wieder die Gier nach noch mehr davon. Das Illusionäre verhindert das vollständige und endgültige Stillen der Bedürfnisse, sondern hält sie im Irrealen fest. In der Folge werden die Bedürfnisse selbst bald zu Fantasieprodukten. Zunehmend überlagert ein Scheinleben das wirkliche. Die an die Suchtobjekte gebundene und von ihnen okkupierte Fantasie verkümmert und in ihrer kreativen Seite verstummt. 

Reaktive Fantasien und Scham

Die Scham mischt auf mehreren Ebenen bei reaktiven Fantasien mit. Sie liefert zunächst einen Anlass dafür, dass überhaupt der Ausweg aus der Realität in die Fantasie gesucht wird. Die Scham ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das umgangen werden kann, wenn sich eine dissoziative Welt öffnet, in der alles in Ordnung ist. Sobald jedoch bewusst wird, dass es sich um eine Traumwelt handelt, kommt erst recht wieder Scham. Manchmal hören Kinder: „Was bist du für ein Traummännlein?“, wenn sie gerade mit ihren Fantasien beschäftigt sind, und schämen sich dafür. Ist das Fantasieren dann im Aufwachsen zur Gewohnheit geworden, die allenthalben auftritt und den Alltag durchzieht, kann es zu peinlichen Fehlern und Pannen kommen. „Ich war so in Gedanken und habe übersehen, dass die Ampel schon auf Rot geschaltet war.“ Als Folge tritt wieder die Scham auf den Plan. 

Alle Suchtformen sind mit Scham verbunden, obwohl sie zu einem wichtigen Teil gerade der Schamentlastung dienen sollen. Die ritualisierten Abläufe, die mit jeder Sucht verbunden sind, sollen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln und Schutz vor Beschämungen bieten. Andererseits unterliegt die Ausübung des Suchtverhaltens in zweierlei Hinsicht einer Schambelastung: Die Sucht ist nicht konform mit den eigenen Werten und steht im Widerspruch zur Integrität. Sie ist auch nicht sozialverträglich, sondern wird von der Gesellschaft im allgemeinen abgelehnt. Es bilden sich zwar manchmal Subgruppen von Suchtabhängigen, die sich gegenseitig bestätigen, die sich aber zugleich nach außen abgrenzen müssen, weil sie wissen, dass sie mit massiver Ablehnung und Abwertung rechnen müssen. Es ist dann wieder die Scham, die auf der emotionalen Ebene das Suchtverhalten aufrechterhält und dafür sorgt, dass es in vielen Fällen geheim gehalten wird und im Verborgenen ausgeübt wird, womit sich ein weiterer Schamkreis schließt.

Der Ausweg

Reaktive Fantasien haben einen mächtigen Einfluss, wenn sie sich einmal etabliert haben. Sie versprechen eine sofortige Belohnung und Erleichterung. Deshalb ist es auch schwer, sie wieder loszuwerden, wenn die Erkenntnis über ihre Schädlichkeit eingesickert ist.

Der Weg zurück aus den Verwicklungen der Fantasiebedürfnisse ist deshalb oftmals mühsam. Er beginnt mit der Überwindung der Scham, die das Verhalten verstecken will. Er führt dann über das Freilegen der frühen Wurzeln mit ihren Verletzungen und über das Durchleben des hinter den Frustrationen steckenden Schmerzes bis zur Befreiung. Jetzt können die kreativen Potenziale der Fantasie wieder zum Fließen kommen und schöpferische Resultate hervorbringen.

Zum Weiterlesen:

Freitag, 2. Oktober 2020

Die bittersüße Sehnsucht

Goethe dichtete, von Schubert genial vertont: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!“ Was ist das für ein Leid, und aus welchen Gründen tun wir es uns an?

Die Sehnsucht ist ein vielschichtiges Phänomen. Sie ist ein Konglomerat aus verschiedenen Gefühlen und enthält viele kognitive Elemente. Sie zählt deshalb zu den kognitiven oder abgeleiteten Gefühlen. Sie ist eine Form der Unzufriedenheit, die aber auch eine eigentümliche Spannung mit lustvollen Seiten enthält.

In der Sehnsucht schwelgen

Wir können mit der  Sehnsucht auf zwei Weisen umgehen: Eine, die uns weg führen will aus Umständen, die uns nicht gefallen oder die uns schaden. Die andere, die uns zu etwas hinzieht, was noch nicht da ist. Es gibt also eine reaktive Sehnsucht, die in der Fantasie ungünstige Bedingungen überwinden will und von der Frustration über das, was ist, motiviert ist. In diesem Bereich kann die Sehnsucht in extremeren Fällen krankheitswertige Dimensionen annehmen. 

Wenn wir in die reaktive Falle der Sehnsucht geraten, können wir uns stundenlang oder immer wieder in illusionären Fantasien verlieren und im bittersüßen Geschmack der Sehnsucht schwelgen. Wir genießen die vorgestellte Erfüllung und leiden zugleich an der mangel- und fehlerhaften Realität. Die Sehnsucht ist also fruchtlos und selbstquälend, solange sie nicht in Handlungen mündet: Jemand sehnt sich nach einem liebevollen Partner, tut aber nichts dazu, einen zu finden. Sie Sehnsucht dient als Deckmantel für die Angst vor einer Beziehung. 

Tun statt Fantasie

Die andere Richtung der Sehnsucht wirkt proaktiv, indem sie uns zu Handlungen motiviert, die wir uns als Ziel setzen, um der Erfüllung der Sehnsucht näher zu kommen. In diesem Fall verwandeln wir die Sehnsucht in Motivation und schöpfen daraus die Kraft für die Verwirklichung von Visionen. Sobald wir etwas tun, verschwindet die Sehnsucht und macht der Praxis Platz, die sich an den Anforderungen der Wirklichkeit erprobt.

In jeder Sehnsucht gibt es einen kindlichen Anteil: Der Drang nach Geborgenheit, Nähe, Verstandenwerden, Liebe und Abwechslung, Stimulation durch neue Reize, nach dem Alten und Gewohnten und nach dem Aufregenden und Neuen.

Die rückwärts gewandte Sehnsucht nährt das konservative und nationalistische Weltbild mit dem Zentralthema Heimat, die uns von Fremden und Zuzüglern streitig gemacht wird. Sie treibt aber auch die Eroberer und Erforscher des Unbekannten und ist generell als Antrieb für die eigene Autonomie geeignet. Zum Beispiel kennen wir die pubertäre Erfahrung: Die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach einem eigenen Leben mit mehr Selbstbestimmung motiviert zum Ausbrechen, über die Grenzen gehen und über die Stränge schlagen. Es geht um die Emanzipation von den Eltern, ihren Bevormundungen und Werten. Die Familie wird als Einengung erfahren, von der man weg will. 

Prominent, viel besungen und beschrieben ist ganz besonders das andere typisch pubertäre Sehnsuchtsthema: Die Sehnsucht nach der romantischen und aufregenden Liebesgeschichte, nach dem Liebespartner der Träume, nach den unvergesslichen Momenten der Verzauberung. In seinem Ursprung in der Adoleszenz kann es gleichwohl zu einem Lebensthema werden, insbesondere bei Menschen mit einem pränatalen Zwillingsthema.

Ein reiferes Thema ist die spirituelle Sehnsucht: Die Sehnsucht nach völliger Befreiung und unerschütterlichem inneren Frieden, welche die spirituelle Suche antreibt. Zugleich bildet sie eine der vielen Fallen auf diesem Weg: Die Sehnsucht führt zwangsläufig aus dem gegenwärtigen Moment heraus, in dem allein nach Ansicht der spirituellen Lehrer die Freiheit gefunden werden kann. Die Versenkung in die aktuelle Erfahrung und ihre Details löscht sofort die Verlockungen der Sehnsucht aus.

Sehnsuchtsforschung 

Am Max-Planck-Institut gibt es eine Forschungsstelle zur Sehnsucht. Dort wurde herausgefunden, dass fast alle Erwachsenen die Sehnsucht kennen. Bei Sehnsüchten geht es in der Regel nicht um etwas Konkretes wie Geld, ein schnelles Auto oder ein Designerkleid. Vielmehr dreht sich dieses Gefühl um grundlegendere Themen im Leben. Die Forscher meinen, dass die Sehnsucht in der Evolution des Menschen entstanden ist, um ihn immer wieder nach neuen Wegen zum Glück suchen zu lassen und damit die Kreativität zu entfesseln. 

Es werden sechs Merkmale der Sehnsucht unterschieden:

1. Die Unerreichbarkeit einer persönlichen Utopie: Viele Sehnsüchte enthalten die Vorstellung von einem „perfekten Leben“, sei es ein grenzenloser Reichtum oder die klassenlose Gesellschaft. Das Leiden besteht in der Diskrepanz zwischen der unvollkommenen Realität und den erträumten Möglichkeiten.

2. Die Unvollkommenheit und Unfertigkeit des eigenen Lebens: Die Fehlerhaftigkeiten und Schwachstellen des eigenen Lebens und der eigenen Persönlichkeit werden durch ein erträumtes Ideal im Außen kompensiert. Zum Beispiel: Wenn ich die große Liebe finde, nach der ich mich sehne, wird mein Leben vollkommen sein. 

3. Der Dreizeitigkeitsfokus: Sehnsucht ist häufig auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtet. So kann zum Beispiel ein Sohn, der sich nach seinem verstorbenen Vater sehnt, die guten Zeiten und Seiten des Vaters erinnern und vermissen, seinen Rat nicht mehr hören zu können. Die Sehnsucht malt zudem eine bessere Zukunft aus, wenn er noch am Leben wäre. 

4. Bittersüße Gefühle: Süß sind die Phantasien vom Ersehnten, von dem, was das Leben perfekt machen würde. Bitter ist die Erkenntnis, dass es nicht real ist. Manchmal ist es das Wissen, dass wir nach etwas Unerreichbarem streben, manchmal bilden wir uns auch nur ein, dass wir ein Ziel der Sehnsucht nicht verwirklichen können. 

5. Rückschau und Lebensbewertung: Sehnsüchte dienen auch zur Bewertung des eigenen Lebens. Bin ich auf dem richtigen Weg? Was fehlt in meinem Leben? Wohin soll es gehen? Werde ich meinen Idealen gerecht? Manchmal ist dieser Aspekt der Sehnsucht in die Frage gekleidet: Wie werde ich auf meinem Totenbett auf mein Leben zurückschauen? Wir erwarten mit dieser Frage, dass wir in unserem Todesprozess an den Punkt kommen werden, an dem wir über unser ganzes Leben sinnieren und dass wir dann eine rückwärts gewandte Sehnsucht entwickeln, wie es gewesen wäre, unser Leben anders zu leben, als wir es gelebt haben, z.B., wie es in einem bekannten Text heißt, wenn wir mehr Eis geschleckt hätten. 

6. Der Symbolcharakter: Häufig stehen Sehnsüchte für etwas anderes.  Man sehnt sich nach einem schnellen Sportauto und erwartet sich einen flotten Eindruck beim anderen Geschlecht oder die Erfahrung von Unabhängigkeit, Freiheit und Unbeschwertheit. Statt uns auf diese Qualitäten zu besinnen und zu trachten, sie mehr in unser Leben zu bringen, glauben wir, sie mit einem Konsumgut erreichen zu können. Diese Neigung ist Wasser auf die Mühlen der Werbewirtschaft.

Das Ende der Sehnsucht

Jede Sehnsucht endet im bewusst erlebten Moment. Sie hat sich darin gewissermaßen von selbst erledigt. Denn jeder dieser Momente enthält alles, was wir brauchen und was uns erfüllt. Das besagt der meditative Weg, der beste Ausweg aus allen Qualen der Sehnsucht und der mit ihr verbundenen Leiden.

Zum Weiterlesen:

Montag, 13. Juli 2020

Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Was ist die Wirklichkeit? Das, was wir als wirklich über unsere Wahrnehmung erfahren, so die bescheidene Antwort, seit Immanuel Kant jede andere Form der scheinobjektiven Erkenntnis einer profunden Kritik unterzogen hat.

Wir verfügen über eine direkte Wirklichkeitserfahrung, die uns die Sinne liefern, nämlich über die aus der inneren und der äußeren Wirklichkeit (die Welt unserer Körperempfindungen, Gefühle usw. und die Welt außer uns, die wir sehen, hören, riechen usw.). Wir befinden uns aber nicht immer in einem dieser beiden Kanäle der Erfahrung, sondern halten uns recht häufig in den Bereichen der mentalen Produktionen auf, im mentalen Kino, das von der Wahrnehmungswirklichkeit relativ unabhängig ist. Es ist eine Welt, die zu einem großen Teil aus selbstfabrizierten Konzepten und Erzählungen besteht.

Wir haben die Neigung, in eine Geschichte zu kippen, sobald uns etwas an der aktuellen Wirklichkeit nicht gefällt. Es sind also vor allem Ängste vor etwas Lästigem oder Verstörendem, die uns aus dem Moment weglocken und in die Fantasie führen. Dort hoffen wir, die unangenehmen Gefühle überschreiben zu können, um innerlich wieder in die Komfortzone zu gelangen. Wir beamen uns weg, und die Gefühle verändern sich gleich mit. Auf diese Weise entwickeln sich Gewohnheiten für die Vermeidung von Ängsten, Schmerzen und Schamgefühlen.

Beispiel: A hat den Eindruck, von B feindselig angeschaut zu werden. Dann läuft eine Geschichte ab, was in B vorgeht, ohne Bezugnahme auf eine Quelle der Evidenz. Die Geschichte kann in A feindselige Gefühle gegen B auslösen, gespeist von früheren Erfahrungen mit B oder mit jemandem, an den B erinnert. B war vielleicht gar nicht auf A fokussiert, sondern mit etwas anderem innerlich beschäftigt. Ohne Nachfrage von A: “Hast du was gegen mich?” lässt sich der Sachverhalt nicht aufklären und bleibt in einer Wolke, die sich jetzt zwischen A und B aufbaut, erhalten. Wenn A jetzt finster schaut, kann eine ähnliche Geschichte in B entstehen. An einem bestimmten Punkt können sich die Wolken entladen, und es kommt zu einem Gewitter, bei dem jeder der beiden das Gefühl hat, dass der Anfang, die Ursache und die Schuld des Konflikte beim anderen liegt.

Geschichten sind Produkte der Fantasy-Abteilung unseres Gehirns. Sie speisen sich aus Erlebtem und kombinieren es mit Erfundenem, daraus entsteht ein Werk namens „Dichtung und Wahrheit“, das laufend neu erschaffen (updated) wird. Schon Goethe wusste, dass Erinnerungen niemals vollkommen zuverlässig und akkurat sind, sondern allenfalls Annäherungswerte an vergangene Realitäten darstellen, die sich zudem in den meisten Fällen nicht überprüfen lassen, weil eben die Vergangenheit vergangen ist. Die Erinnerungen verbinden sich meist mit einer der vielen anderen Formen der Fantasieerzeugung, z.B. mit den Projektionen.

Projektionen


Die Projektionsgeschichten verlaufen nach einem festgelegten Schema. Das, was uns an uns oder in uns nicht gefällt, wird in einer anderen Person wahrgenommen. Damit sind wir das Problem los, und wir haben eine Geschichte erfunden, die dieser Person angehängt wird. Das Problem mit dem Problemexport liegt freilich darin, dass wir nie eine Lösung finden können, weil diese in der Verantwortung der anderen Person gelegt wird. Wir geraten in die Position eines Opfers, das die Situation nicht aus eigenen Kräften ändern kann.

Projektionen unterlaufen uns laufend. Wir verfügen über äußerst produktive Projektionsabteilungen, die sich auf ausgeprägte Projektionsgewohnheiten stützen können und immer wieder neue Geschichten erfinden. Es gibt Menschen, die sich hauptsächlich in der mentalen Welt der Projektionen aufhalten und die von anderen als psychotisch bezeichnet werden.

Wir leben in Zeiten der Massenproduktion von falschen Wirklichkeiten, also von Erfindungen, die als Realitäten dargestellt werden, und in Zeiten der Verleitung zu Psychosen mit dem Ziel, die Grenze zwischen Fakten und Fiktion zu verwischen. Wenn möglichst viele Menschen den Kontakt zu ihrer Erfahrungswirklichkeit verloren haben, ist es ein leichtes, die eigenen ökonomischen oder politischen Ziele widerstandslos durchzusetzen. Deshalb ist die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen den Kopfprodukten und der von uns unabhängigen Wirklichkeit keine Spielerei oder Luxusbeschäftigung, sondern unerlässlich für unsere innere Klarheit und für eine menschengerechte und soziale Gesellschaft.

Damit wir also bei geistiger Gesundheit und Zurechnungsfähigkeit bleiben können, ist es erforderlich, die Kraft der Unterscheidung der äußeren und inneren Wirklichkeit von unserer Fantasiefabrik zu stärken und zu schärfen. Wenn uns diese Kraft abhandenkommt oder abspenstig gemacht wird, ist nicht nur kollektiv das Projekt der Aufklärung (des „Ausgangs aus der Unmündigkeit“) in Gefahr, sondern auch unsere individuelle Vernunft und Verstandeskompetenz. Zwischen Wirklichkeit und Fantasie gibt es entweder eine klare Grenze, über die wir uns auch mit anderen Menschen verständigen können, oder die Verwirrung und schließlich der Wahn, in dem jeder nur mehr orientierungslos herumtaumelt, nimmt überhand.

Geteilte Wirklichkeiten


Kommunikation zwischen Menschen macht nur Sinn, wenn es Bedeutungen gibt, die interindividuell außer Streit stehen. Solche geteilten Bedeutungen können Fantasieprodukte sein, wenn sich z.B. Personen darüber verständigen, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt. Tendenziell führen solche konstruierten Scheinfakten zur Entstehung von Meinungsblasen, innerhalb derer sich Menschen einig sind, dass sie über die wahre Deutung der Wirklichkeit verfügen und alle andere einem Wahnsystem folgen. Typisch dafür ist, dass der Realitätscheck ausbleibt und alternative Sichtweisen keinen Platz haben, sondern bekämpft werden. Die Folge ist eine in verschiedene Meinungsblasen zersplitterte Gesellschaft, in der jede Blase auf die andere mit Verachtung und Zuschreibung von Verrücktheit zeigt.

Eine Gesellschaft, die handlungsfähig bleibt und Lösungen für die von der Wirklichkeit herangetragenen Probleme ausarbeiten kann, braucht Zugänge zur Erkenntnis, die auf einer klaren Unterscheidung von Fantasie und Wirklichkeit beruhen. Diese Unterscheidung braucht einen Konsens, der von einer großen Mehrheit getragen wird – selten wird es gelingen, dass alle hinter einer bestimmten Erkenntnis stehen. 

Kommunikation kann nur dann gesellschaftlich konstitutiv und gemeinwohlerhaltend wirken, wenn sie sich auf genügend viele Sachverhalte beziehen kann, deren Existenz außer Zweifel steht. Nur wenn z.B. die meisten Diskursteilnehmer die Auffassung vertreten, dass Gewalt gegen Kinder neben körperlichen auch seelische Schäden hinterlässt, kann eine Norm entstehen, die gewaltsame Übergriffe von Erwachsenen auf Kinder kritisiert, ächtet und schließlich kriminalisiert.

Erkenntnisproduktion aus der Wirklichkeit


Die Wissenschaften stellen das Unterfangen dar, möglichst viele Sachverhalte darzustellen, die sich im Diskurs bewähren und damit ein Netz von verlässlichen Aussagen über die Wirklichkeit erlauben. Die methodische Überprüfung der Ergebnisse gewährleistet diese Verlässlichkeit, die die praktische Umsetzung für die Entwicklung von technischen Geräten, Medikamenten oder sozialen Normen möglich macht. Wissenschaft funktioniert, indem sie so nahe wie möglich an der Realität dran bleibt und sich permanent an der Wirklichkeit misst. Ideologien stützen sich dagegen auf Fiktionen, auf Uminterpretationen der Wirklichkeit unter dem Einfluss von Fantasien und emotionsgesteuerten Geschichten und sind deshalb zur Wirklichkeitserkenntnis nicht tauglich. Was zur Wirklichkeitserkenntnis nicht tauglich ist, ist auch zur Lösung gesellschaftlicher Probleme nicht tauglich.

Die Wissenschaften haben deshalb auch Instrumente entwickelt, die Ideologien in Frage stellen und an der Wirklichkeit überprüfen. Die Ideologiekritik stützt sich auf die Unterscheidung zwischen Faktizität und Fiktion, zwischen Wahrheit und Dichtung. Es ist klar, dass jede Gesellschaft Ideologien braucht, solange unaufgeklärte Emotionen die Wertbildung und Entscheidungsfindung ihrer Mitglieder beeinflusst, vor allem diffuse Ängste, die oft transgenerational weitergegeben werden. Es ist zugleich notwendig, dass die Ideologien als solche gekennzeichnet werden, wie die Herkunftsbezeichnung auf Lebensmitteln, sodass jeder weiß, was sich hinter einer politischen Stellungnahme verbirgt, woher sie kommt und worauf sie abzielt. 

Je weiter das Projekt der Aufklärung fortschreitet, desto weiter wird der Einfluss von ungeklärten Emotionen zurückgedrängt. Bildung, Ausbildung und Reflexion machen den als Wirklichkeiten getarnten emotionalisierten Geschichten langsam aber sicher den Garaus. Auch wenn manche Zeichen in die Gegenrichtung zeigen, z.B. die systematisch betriebene Erzeugung von falschen Wahrheiten, gibt es Grund zur Annahme, dass die Aufklärung unaufhaltsam im Fortschreiten begriffen ist, weil sie erfolgreicher im Umgang mit der Wirklichkeit ist. Alle Manipulatoren und Wirklichkeitsvernebler stützen sich in irgendeiner Form auf die Wissenschaften oder eine von ihnen hervorgebrachten Technologie.

Spekulative Ideengebäude wie die Astrologie z.B. mögen ihre Meriten haben, sind aber nicht dienlich für die Erfindung von Maßnahmen, die den Klimawandel bremsen oder die Artenvielfalt erhalten. Genauso wenig hilfreich für die Lösung globaler Probleme sind Ideologien wie der Neoliberalismus oder der Rechtskonservativismus. In ihren Grundannahmen gibt es keinen Platz für Wege zur Bewältigung der Konflikte, die sie selber produziert haben und die den Weiterbestand der Menschheit bedrohen. Wir brauchen Daten, Fakten, Forschungen und daraus entwickelte technische Verfahren, die aus den Schieflagen heraushelfen und neue Perspektiven öffnen. Das funktioniert nur dort, wo die Wirklichkeit das Sagen hat und ihr zugehört wird. Wo sich die internen Kopfgeburten als absolute Wahrheiten aufspielen, entsteht die Verwirrung.

Bewusstheit


Wie können wir herausfinden, ob wir in einer Projektion oder im aktuellen Wirklichkeitskontakt sind? Wenn wir im Großen unter der Vermischung von Wirklichkeit und Fantasie leiden, sollten wir doch in uns selbst beginnen, die Unterschiede zu klären und uns nicht mehr in Geschichten, die wir für die Wirklichkeit halten, verfangen. Denn jedes Abgleiten in eine Fantasieproduktion, die uns unterläuft, ist ein Beitrag zur Vernebelung der Welt und zur sektiererischen Blasenbildung.

Wir sollten uns bewusst sein, dass solche Wirklichkeitserschaffungen andauernd in unserem Gehirn ablaufen, sodass wir immer wieder nachfragen müssen, was davon zur Wirklichkeit und was zur Erfindung gehört. Die Aufgabe liegt im Abklären, was der Fall ist und was nicht, was also im Äußeren Bestand hat und im gegenwärtigen Moment für unsere Sinne erreichbar ist, und was eine flüchtige Eigenproduktion im Kopf darstellt.

Aus dem aktuellen Wirklichkeitserleben verleiten uns innere Irritationen, hinter denen zumeist Ängste stecken. Sie nehmen unser inneres Erleben in Beschlag und erzeugen Illusionen und Fantasien, die wir mit der Wirklichkeit verwechseln. Befinden wir uns in einem Erregungszustand, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich unsere Wahrnehmung verengt und reduziert und statt dessen die innere Produktion von Wirklichkeitsvorspiegelungen Platz greift.

Es geht nicht darum, fortwährend präsent zu sein und nichts als den aktuellen Moment wahrzunehmen. Dieser Anspruch ist schwer zu verwirklichen. Da mischt sich schnell die Selbstabwertung ein, sobald wir merken, wir hängen in einer Geschichte fest. Sie tadelt uns wegen der mangelhaften Konsequenz und Disziplin, und damit sind wir natürlich auch schon wieder in einer Geschichte verfangen. 

Der Schlüssel liegt Bewusstheit und Achtsamkeit, das ist das, was wir lernen können: Zu erkennen, wann wir in unserer Vergangenheit festhängen und wann wir im Moment des Erfahrens sind. Immer wenn uns diese Bewusstheit zur Verfügung steht, sind wir schon im Moment, auch wenn wir erkennen, dass wir gerade in einer Geschichte waren, die uns in Bann gehalten hat. Die Selbsterkenntnis führt uns zu unserem direkten und unmittelbaren Erleben zurück. 

Je mehr wir im gelassenen Entspannungszustand verweilen, desto mehr steht uns die Wirklichkeit in ihrer Breite und Fülle zur Verfügung, wir genießen die Schönheit und Vielfalt der Eindrücke. Es ist dann ganz einfach, im Moment des Erlebens zu bleiben, ohne in Geschichten abzugleiten.

Die Bewusstheit über das, was gerade ist, ermöglicht uns die Wahl: In unserer Fantasie zu bleiben und sie weiterzuspinnen oder uns der Wirklichkeit zuzuwenden und direkte Erfahrungen zu machen. Wir können uns das zur Achtsamkeitsübung machen: Immer wieder in uns nachfragen, ob wir in uns selber kreisen oder auf etwas außerhalb unserer Fantasie bezogen sind. 

Mittwoch, 29. Mai 2019

Der trügerische Zauber der Illusion

Mit Illusionen täuschen wir uns über Wirklichkeiten hinweg, die uns unangenehm oder unbequem sind. Wir malen uns aus, wie es besser sein könnte, wie sich Umstände zu unseren Gunsten wandeln, Probleme auf magische Weise verschwinden oder eine Person, mit der wir unzufrieden sind, zu einem neuen und viel besseren Menschen wird. Illusionen wirken oft bezaubernd auf ein betrübtes Gemüt, das sich mit der Fantasie aus der misslichen Situation befreien will. Es ist die Flucht in eine bessere und schönere Welt, die uns von unserem Gehirn und seinem Fantasiereichtum angeboten wird. Wir vermeiden die aktuelle Realität mit ihren Ecken und Kanten, um nicht noch mehr Schrammen abzubekommen und versinken in der Welt der Illusionen. Dort ist alles geschmeidig, weich und ideal, und unsere Wünsche gehen leicht in Erfüllung.

Illusionen formulieren Erwartungen an die Realität: sie soll sich gefälligst unseren Wünschen und Träumen entsprechend gestalten. In unserer Fantasie tun wir so, als wäre es schon eingetreten, was wir uns ausdenken. Obwohl wir wissen, dass wir nur in der Fantasie unterwegs sind – und deshalb haben wir es nicht mit Halluzinationen zu tun –, kann uns unsere selbstproduzierte Kopfrealität wichtiger und bedeutsamer werden als die äußere, von uns viel weniger kontrollierbare Realität. Denn diese Welt können wir uns so einrichten, wie sie sein soll, ohne dass uns wer dreinredet und ohne dass sich irgendwelche unliebsame Umstände querlegen.

Im Vergleich zur Wirklichkeit ist die Illusion dumpf und schal. Denn die Wirklichkeit ist immer lebendig voller Überraschungen und neuer Einfälle. Die Illusionen, in die wir uns immer wieder flüchten, sind im Wesentlichen immer die gleichen und kreisen im Kopf in wiederkehrenden Schleifen. Sie stammen aus Gewohnheiten unseres Denkens und Fühlens und nähren sich aus unbewussten Ängsten. Wie wir aus der Trennungstheorie wissen, stammen diese Fluchttendenzen insbesondere aus unverarbeiteten Beziehungsabbrüchen aus der frühen Kindheit. 

Das Leben fließt in Mäandern und unvorhersehbaren Wendungen, manchmal schneller, manchmal langsamer. Es kennt unendlich viele Schattierungen und Nuancen. Es steht nie still und wiederholt sich nicht. Allerdings, wenn wir uns überfordert fühlen vom beständigen Fluss der Veränderungen, flüchten wir in eine Welt, die ganz unserer Kontrolle unterliegt und in der wir das Tempo und die Themen bestimmen können. Diese Welt können wir nach unseren Wünschen und Bedürfnissen einrichten und perfektionieren. Ihr einziger Nachteil besteht darin, dass sie künstlich und irreal ist, ohne eigene Dynamik.

Die perfekte Welt gibt es nur für einen perfekten Verstand, und diesen gibt es nicht, und selbst wenn wir ihn hätten, könnten wir ihn nicht kontrollieren. Deshalb werden wir auf diesem Weg nie zur Zufriedenheit finden. Er stellt zwar einen gewohnten Ausweg zur Verfügung, doch führt uns der scheinbare Ausweg immer wieder zu der Unzufriedenheit zurück, von der er ausgeht und der er abhelfen möchte. 


Viele Spielwiesen der Illusion


Es gibt praktisch keinen Lebensbereich, in dem wir uns nicht einer Illusion hingeben könnten. Häufig mischen sich Illusionen in Liebesdinge ein. Sie gaukeln uns vor, dass wir in den vollkommensten Menschen auf der ganzen Welt verliebt sind. Zusätzlich nähren wir dabei die Illusion, dass wir allein dadurch glücklich sein können, wenn wir genug von diesem vollkommenen Wesen geliebt werden. Also setzen wir alles in unserer Macht Stehende in Gang, um abzusichern, dass wir ausreichend geliebt werden. Auch hier laufen wir Gefahr, unsere Illusion mit der Wirklichkeit der Liebe zu verwechseln.

In beruflichen Zusammenhängen neigen wir zu Illusionen, wenn wir unsere Fähigkeiten überschätzen oder laufend wunderbare Ideen entwickeln, ohne uns um ihre Verwirklichung zu kümmern. Oder wir kümmern uns nicht um die realen Marktbedingungen und Absatzchancen, wenn wir eine neue Geschäftsidee entwickeln, sondern glauben an die an unsere eigene Großartigkeit. Umgekehrt fallen wir manchmal auf Leute herein, die uns bewusst oder unbewusst mit ihrer eigenen Selbstüberschätzung täuschen.

Viele Raucher und andere Substanzabhängige reden sich ein, dass sie zu denen gehören, denen das Gift nichts ausmacht und die damit steinalt werden können, ohne die Suchtgewohnheit verändern zu müssen. Sie beruhigen mit dieser Strategie ihre kognitive und emotionale Dissonanz, was vor allem dann notwendig ist, wenn im eigenen Umfeld Menschen an Lungenkrebs sterben und wenn sie bei jedem Arztbesuch daran erinnert werden, dass sie die Sucht beenden sollten.

Auch in Bezug auf die ökologische Situation neigen viele zu Naivität und Wunschdenken: Jene, die die „Klimahysterie“ anprangern und darauf hoffen, dass sich Tausende Wissenschaftler in ihren Berechnungen geirrt haben, geben sich der Illusion hin, dass schon alles irgendwie gehen wird, ohne dass wir Eingriffe in unsere bequemen Lebensweisen vornehmen müssten. Sie suchen alle halbseidenen und windigen Argumente zusammen, die im Netz herumgeistern, um ihre Illusion zu bekräftigen, wie in dem Witz von den beiden Dinos, wo der eine sagt: „Du glaubst doch auch, dass das mit dem Meteoriten ein Hoax ist“.

In der Nachbarschaft der „Klimaleugner“ treiben sich auch mannigfaltige Verschwörungstheorien herum. Sie sind von der Illusion angetrieben, dass sich komplexe Dinge einfach erklären lassen: Geht die Wirtschaft schlecht, sind die Bilderberger, Freimaurer, Illuminaten oder wer auch immer gerade dabei, noch mehr Geld in ihre Taschen zu schaufeln; geht die Wirtschaft gut, passiert das Gleiche. Sie pflegen den Glauben, dass ein paar Menschen (Männer) die gesamte Weltwirtschaft und Weltpolitik steuern. Dabei schaltet doch James Bond in jedem Film einen dieser Giganten aus, eine gefährdete Spezies. 

Karl Marx hat in seiner Kritik an der Religion den Begriff der Illusion verwendet: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844) Das jenseitige Glück, das den Menschen vor allem vom Christentum und vom Islam versprochen wird, sei nur eine Illusion, und sobald die Wirklichkeit entsprechend umgestaltet ist, sodass das Glück im Diesseits erfahrbar wird, würde sich die Illusion erübrigen, die Religionen sterben aus. 

Marx selber hing der Illusion an, dass sich die ökonomischen Umstände durch revolutionäre Aktivitäten so umgestalten ließen, dass alle zum Glück fänden. Obwohl sich seither für viele Menschen der Wohlstand verbessert hat, ist nicht unbedingt das Ausmaß an Glück gestiegen.

Schließlich spielen die Illusionen in spirituellen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. So schreibt z.B. Jiddu Krishnamurti: „Entweder sind Sie sich des chaotischen Zustands der Welt bewusst, oder Sie schlafen nur, leben in einer Phantasiewelt, einer Illusion.“ (Total Freedom, 1996) Das hinduistische Konzept von Maya besagt, dass wir alle eingesponnen sind in eine Illusion des begrenzten und abgetrennten Ichs, das nichts mit der wahren, befreiten Natur des Menschen zu tun hat. Aufgabe des spirituellen Weges ist es, die Illusionen zu durchschauen und aufzulösen und zur Wahrheit über das Sein vorzudringen. 


Von der Scheinwelt zur Wirklichkeit


In all diesen Zusammenhängen geht es darum, den trügerischen Zauber der Illusionen zu durchschauen. Nur dann können wir diese Scheinwelten hinter sich lassen, um der Wirklichkeit zu begegnen, die unser eigentliches Leben ist. Wir sind aus Fleisch und Blut, im Hier und Jetzt, in diesem Feld spielt sich unser Leben ab. Sobald wir uns Illusionen hingeben, weichen wir diesem unseren Leben aus. Manchmal brauchen wir das scheinbar, weil wir uns überlastet und überfordert fühlen. Das sollte uns einfach nur bewusst werden, dann bleibt das Illusionieren harmlos. „Ich spinne jetzt ein wenig vor mich hin, wie einfach und angenehm das Leben sein könnte, um mich dann wieder den Aufgaben zu widmen, die mir das Leben stellt.“

Manchmal allerdings merken wir gar nicht, dass wir in unseren Illusionen unterwegs sind, in einem Ersatzleben, das wir aus unseren Fantasien zusammenzimmern. Das geht oft lange gut, bis wir auf eine Wirklichkeit stoßen, die stärker ist als unser Wunschdenken und uns mit tragischer Wucht aus unserer Traumwelt reißt.

Wie entkommen wir unserer Tendenz zum Illusionieren? Wie können wir rechtzeitig in die Realität zurückfinden, ohne dass uns das Leben die Lektion erteilen muss? Die einfachste Möglichkeit besteht darin, uns über den Bezug zu unserem Körper in die Gegenwart zu bringen. Unser Körper ist die nächste, greif- und begreifbare Realität für uns, und wenn wir uns auf den Atem fokussieren, sind wir ganz bei uns. Sind wir auf diese Weise in Kontakt mit uns selbst, spüren wir auch die Kraft, dass wir uns der Komplexität unserer Lebenswelt stellen können und ihre Herausforderungen meistern können. 

Der Seelenkenner Arthur Schnitzler hat geschrieben: „Eine Illusion verlieren, heißt um eine Wahrheit reicher zu werden. Doch wer den Verlust beklagt, ist auch des Gewinnes nicht wert gewesen.“ Es geht also zunächst darum, zu erkennen, dass die Wahrheit bedeutsamer und wichtiger ist als die Illusion, sodass wir uns immer verbessern und in unseren Möglichkeiten erweitern, wenn wir mehr Wahrheit und Wirklichkeitsbezug erfahren, mag es auch zeitweilig unangenehmer und belastender erscheinen. Diese Tatsache sollten wir wissen und anerkennen. Damit entgehen wir der Falle, der Illusion nachzutrauern, was nur dazu führen kann, dass wir uns die nächste Illusion suchen.

„Die Wahrheit wird euch frei machen“, heißt es im Johannes-Evangelium. Die Bereitschaft, dass wir uns unserer inneren und der äußeren Wahrheit stellen, ist die Voraussetzung für die Freiheit. Das Einspinnen in Illusionen lässt uns in der Unfreiheit beharren und schwächt unsere Kraft, unsere Lebenswirklichkeit kreativ zu gestalten.

Zum Weiterlesen:
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik
Wahrheit und Illusion

Die Illusion des bewussten Selbst
Erzeugen wir unsere Gedanken?


Samstag, 18. Mai 2019

Die Trennungstheorie und wie wir wieder eins mit uns werden

Die Trennungstheorie (separation theory) ist ein psychologisches Modell, das die US-Psychologen Robert und Lisa Firestone entwickelt haben. Es geht dabei um die Erfahrung als selbstständige und getrennte Wesen, die wir alle im Lauf unserer Entwicklung machen müssen. In diesem Prozess kann es leicht dazu kommen, den intimen Bezug zu sich selbst zu verlieren, weil die mit den Trennungserfahrungen verbundenen Ängste zu stark sind. 

Der Trennungstheorie liegt ein Menschenbild zugrunde, das sich weitgehend mit der humanistischen Psychologie deckt und hier in einer kurzen Übersicht vorgestellt wird.

Jedes Individuum wird mit grundlegenden Qualitäten geboren, die unsere Gattung von den anderen Tieren unterscheiden, nämlich die einzigartige Fähigkeit, Mitgefühl für sich selbst und andere zu empfinden, die Fähigkeit zu abstraktem Denken und Schaffen, die Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und Strategien zu deren Erreichung zu entwickeln, ein Bewusstsein für existentielle Themen, die Suche nach Sinn und sozialer Zugehörigkeit und das Potenzial, die Heiligkeit und das tiefere Geheimnis des Lebens zu erkunden. 

Viele von diesen in den Menschen angelegten Qualitäten gehen im Lauf der Entwicklung verloren oder verkümmern mangels Förderung und emotionaler Bestätigung. Nach Ansicht der Trennungstheorie wird das Leben als eine Abfolge von Trennungserfahrungen verstanden, die uns mit Einsamkeit und mit dem Tod konfrontieren. Trennungserfahrungen sind immer mit Angst verbunden. Die Strategien, diese Ängste zu bewältigen, und die Abwehrmechanismen, die sich daraus ableiten, bestimmen die weitere emotionale Entwicklung.  

Irgendwann verstehen Kinder, dass ihre Eltern sterben werden, und das ist eine erschreckende Einsicht, aus der heraus sie sich an ihre Eltern anklammern, physisch und emotional. Denn sie können sich realistischerweise nicht vorstellen, ohne Eltern zu überleben.

In einem weiteren Entwicklungsschritt erkennen sie schließlich, dass alle Menschen sterblich sind, sie selber also auch. Das ist eine erschreckende und zutiefst beunruhigende Einsicht. Damit geht auch die Vorstellung von einer dauerhaften Welt verloren. Die Existenzängste, die dadurch ausgelöst werden, führen zu einem Kernkonflikt: Die Gefühle zu spüren und mit Mitgefühl für sich zu bewältigen, oder eine Strategie zu wählen, um sich vor den Gefühlen zu schützen.

Jeder Mensch hat die Alternative, angstvolle oder schmerzhafte Empfindungen zu unterdrücken oder sich ihnen zu stellen. Die Trennungstheorie weist auf diesen Gegensatz hin. Im einen Fall werden im Leben Fantasien und Illusionen vorherrschen, während im anderen Fall das Leben mit Gefühlen und Zielen gestaltet wird. In dem Maß, in dem Menschen ihre Beziehungen hauptsächlich aus der Fantasie leben, erleben sie sich selbst weitgehend als Objekte und behandeln sich so, wie sie von ihren Eltern oder Lehrern behandelt wurden.

Wenn wir uns diese Alternative bewusst machen, erkennen wir, dass wir in jedem Moment vor der Wahl stehen, vor den negativen Aspekten der eigenen internen Programmierung zu kapitulieren oder uns in Richtung Individuation und Selbstwerdung zu bewegen. 

Grundkonzepte der Trennungstheorie 

Die Fantasie-Bindung - Die primäre Verteidigung 


Das Kind kompensiert emotionale Traumata, Trennungserfahrungen und existentielle Angstzustände, indem es eine Fantasiebindungen oder imaginäre Beziehung zu einer Erziehungsperson herstellt. Dieser Fantasieprozess baut Stress ab und kann zunehmend süchtig machen. Der Grad, in dem Kinder von dieser illusorischen Verbindung abhängig werden, entspricht dem Ausmaß an Schmerz, Frustration und Angst, das sie beim Aufwachsen erlebt haben.  

Auf einer unterbewussten Ebene bietet die Fantasiebindung ein wenig Erleichterung von der Angst vor dem Tod und hilft, eine Illusion von Unsterblichkeit aufrechtzuerhalten.  

Es gibt laut der Trennungstheorie vier wichtige Dynamiken im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung der Fantasiebindung:  
(1) Die Idealisierung der Eltern,  
(2) die Verinnerlichung der negativen Einstellungen der Eltern,  
(3) die Projektion der Eigenschaften der Eltern auf andere, und  
(4) die Identifizierung mit den negativen Persönlichkeitsmerkmale der Eltern und deren Umsetzung im eigenen Leben. 

Die Fantasiebindung beinhaltet notwendigerweise eine gewisse Verzerrung der Realität; je mehr sich jemand auf diese Form der Fantasiebefriedigung verlässt, desto mehr ist er im Umgang mit der realen Welt und ihren Herausforderungen eingeschränkt.  Wenn diese defensive Fantasiewelt extreme Ausmaße annimmt, wird die Fähigkeit, effektiv zu funktionieren, ernsthaft beeinträchtigt. 


Die Stimme 


Unter „Stimme“ wird in der Trennungstheorie ein gut integriertes Muster von negativen Gedanken verstanden, das die Fantasiebindung unterstützt und den Kern des fehlangepassten Verhaltens in einem Individuum bildet. Es ist nicht wirklich eine Halluzination, sondern ein System von kritischen und destruktiven Gedanken, das die Persönlichkeit infiltriert und überlagert. Die Person kann dann nicht natürlich oder harmonisch aus sich selbst heraus handeln, sondern wird von Antrieben gelenkt, die von außen gelernt oder aufgezwungen werden. Es stellt die Verinnerlichung kritischer, ablehnender, feindseliger und traumatischer Einstellungen dar, die das Kind erlebt hat. 

Die Stimme kann als eine sekundäre Verteidigung betrachtet werden, die die Fantasiebindung unterstützt. Die Stimmen reichen in ihrer Intensität von kleiner Selbstkritik bis hin zu großen Selbstangriffen und fördern selbstberuhigende Gewohnheitsmuster, Isolation und einen selbstzerstörerischen Lebensstil. Stimmangriffe richten sich sowohl gegen andere als auch gegen sich selbst. Beide Arten von Stimmen – diejenigen, die das Selbst herabsetzen und diejenigen, die andere Menschen angreifen – leisten der Selbstentfremdung Vorschub.

Aus den Erkenntnissen der Trennungstheorie hat das Ehepaar Firestone eine eigene Stimmtherapie entwickelt, eine kognitive Verhaltensmethodik, die solche verinnerlichten Denkprozesse an die Oberfläche bringt und es den Klienten ermöglicht, sich mit den fremden internalisierten Komponenten der Persönlichkeit produktiv auseinanderzusetzen. Es wird dadurch unterscheidbar, was zum Kern der eigenen Person gehört und was von äußeren Instanzen entlehnte Anteile sind. 
Wenn Klienten lernen, ihre selbstkritischen Gedanken in der grammatikalischen Form der zweiten Person auszudrücken, werden starke Emotionen geweckt und zuvor unterdrückte Gedanken, Gefühle und Erinnerungen kommen ans Licht. Das Ausmaß an Selbsthass und Zorn auf sich selbst, das zum Ausdruck kommt, weist auf die Tiefe und Durchgängigkeit dieses selbstzerstörerischen Prozesses hin.

Nachdem sie den Inhalt ihrer destruktiven Gedanken identifiziert haben, lernen die Klienten, diese antagonistischen Einstellungen von einer realistischeren Sicht auf sich selbst zu unterscheiden. Sie werden objektiver und, was noch wichtiger ist, sie beginnen zu verstehen, wo die eigentliche Quelle ihrer Selbstangriffe zu finden ist. 


Fazit 


Als Folge der uralten Wunden, die wir in unserer persönlichen Entwicklung abbekommen haben, verstärkt durch existentielle Angst, entwickeln wir psychologische Abwehrkräfte, die ein Minimum an Komfort bieten, aber auch ein beträchtliches Maß an Fehlanpassung zur Folge haben. Statt unsere Realitätserfahrung weiterzuentwickeln, glauben wir mehr an unsere Fantasien, die aber nur Manifestationen unserer Abwehrversuche darstellen.  

Bis zu einem gewissen Grad sind wir alle von solchen Fantasieprozessen abhängig und verlassen uns auf sie. Wir leben mit einem verdeckt destruktiven Blickwinkel, der sich zutiefst negativ auf unsere Persönlichkeit und die allgemeine Anpassung im Leben auswirkt. Leider sind wir uns weitgehend nicht bewusst, dass wir gespalten oder gegen uns selbst eingestellt sind. Wir sind uns nur teilweise bewusst, dass wir einen feindlichen, selbstverleugnenden und selbstaggressiven Aspekt unserer Persönlichkeiten besitzen und weitgehend durch dessen Einfluss eingeschränkt und kontrolliert werden. 

Die Stimmtherapie, in der die Klienten ihre negativen Gedanken oder Stimmen enthüllen, die befreiende Wirkung erkennen und Einblicke in die Ursprünge gewinnen, modifizieren sie allmählich ihr Verhalten, verbessern ihre Anpassung und bewegen sich auf die Erfüllung ihrer Ziele zu. Der Prozess beinhaltet die Abkehr von restriktiven Abwehrmaßnahmen und fehlangepassten Reaktionen und den Übergang zu Unabhängigkeit und Autonomie. 

Die Trennungstheorie bietet keine Lösung für die Grundfragen unserer Existenz oder für die unvermeidlichen Wechselfällen des Lebens; sie beschreibt jedoch, wie Menschen ein Leben voller Mut und Integrität wählen können, in dem Gefühl und Selbstwahrnehmung wirklich geschätzt werden. Wir lernen, das existenzielle Dilemma zu verstehen, ohne auf falsche Lösungen zurückzugreifen und den Konflikt durch Schmerzmittel und andere Abwehrmechanismen abzuschwächen.  Wir können ein wahrhaftiges und gefühlvolles Leben führen, das unserem wahren Selbst und den Menschen in unserer Umgebung gerecht wird. Das Bewusstsein unserer endlichen Existenz kann das Leben und Leben umso wertvoller machen und bietet ein echtes Potenzial, persönliche Freiheit und ein Leben mit Sinn und Mitgefühl zu erlangen. 

Für Eltern und Erziehungspersonen ist es wichtig zu verstehen, wie sensibel das Thema Trennung, Endlichkeit und Tod für Kinder ist und dass sie in diesen Fragen eine kompetente und verständnisvolle Gesprächsbegleitung brauchen, um mit ihren Ängsten zurecht zu kommen.

Literatur:
Robert Firestone: The Enemy Within: Separation Theory and Voice Therapy. Zeig, Tucker, and Theisen 2017 

Dienstag, 25. November 2014

Wissen, Fantasie und Glaube: Was kommt nach dem Leben?

Manchmal behaupten Menschen, sie wüssten, was nach dem Tod passiert. Genauer besehen, haben sie nur einen Glauben vorzuweisen, der für sie so fix ist wie ein Wissen, obwohl die Redensart besagt: „Glauben heißt nichts wissen.“ Die beiden Kategorien werden einfach vermischt. Solche Ungenauigkeiten stehen jedem frei, wenn auch die Verantwortung für die Konsequenzen übernommen wird. Denn Ungenauigkeiten im Denken, Reden und Argumentieren stiften Verwirrung. 

Natürlich verfügen wir nur über ein Scheinwissen von dem, was „nachher“ passiert. Wissen beruht auf Erfahrung, und Erfahrungen haben wir, solange wir leben. Ob wir nachher Erfahrungen haben können, wissen wir nicht, weil wir davon eben keine Erfahrung haben, von der wir Mitteilung machen könnten. Sollte es solche Erfahrungen geben, fehlt uns die Information dazu. 

Zwar gibt es Berichte von Nah-Tod-Erlebnissen, von Menschen, die klinisch tot waren und wieder zum Leben zurückgekommen sind. Daraus haben wir eben ein Wissen über Nah-Tod-Erlebnisse, aber nicht über das, was nach dem Nah-Tod kommt, nämlich was den wirklichen Tod und das endgültige Tot-Sein anbetrifft. 

Weiters geben spiritistische Medien Informationen aus dem „Jenseits“ preis. Um solche Informationen als Wissen zu qualifizieren, muss man an die Integrität und Authentizität der Quelle sowie des Übermittlungsmediums glauben, was nicht jedermann gelingt. Nur wenige Menschen nehmen an solchen Seancen teil, und die Informationen, die sie daraus mitbringen, haben die Fragen nach dem postmortalen Weiterleben nicht geklärt. Meist sind die Informationen, die von „drüben“ kommen, erwartbar, ohne darüber hinaus irgendeine Gewissheit oder Sicherheit zu geben. 

Jenseitsfantasien in Konkurrenz 


Es sind Fantasien, die wir Lebenden uns über das bilden, was nach unserem Tod sein wird. Die unterschiedlichen Religionen haben das Jenseits unterschiedlich ausgeschmückt, vom Paradies bis zum Nirvana. Jeder Mensch hat das Recht auf seine Fantasien, soweit sie zur eigenen Erbauung und Beruhigung beitragen. Eine Fantasie wird zum Glauben, wenn sie mit einer lebenspraktischen Bedeutung gekoppelt wird: Ich glaube an das Weiterleben nach dem Tod, das ich mir in der Fantasie als „real“ ausmalen kann, weil ich dadurch angesichts der widrigen Umstände in meinem Leben Trost finden kann. 

Doch das Verallgemeinern von Fantasien nach dem Motto, was meine oder unsere Fantasie ist, muss für die anderen auch gelten, sollte mit einem dicken Fragezeichen belegt werden. Fantasien können von anderen geteilt werden, sind aber dadurch nicht allgemein-gültiger. Wie schon anderswo geschrieben, wird eine Behauptung dadurch nicht wahrer, wenn sie mehrere Leute für richtig halten. Werden die eigenen Fantasien mit der Wirklichkeit verwechselt, kommt es leicht zu heftigen und zugleich fruchtlosen Auseinandersetzungen über die Wahrheit. Denn über eine Wahrheit, für die es keine Überprüfung gibt, weil die entsprechende Wirklichkeit nicht zugänglich ist, muss mit allen Mitteln verteidigt werden. 

Außerdem müssen die konkurrierenden Wahrheiten angegriffen werden, um sie unschädlich zu machen. Für den Streit gibt es keine mögliche Lösung. Erst wenn ein Loslassen stattfindet, wenn also die Frage als unlösbar und nicht wahrheitstauglich erkannt wird, kann die Auseinandersetzung beendet werden. Glaubenskriege hören dort auf, wo der religiöse Glaube als wirklichkeitsbildende Macht an Einfluss verliert. In Mitteleuropa könnte sich heute niemand vorstellen, dass Katholiken und Protestanten mit kriegerischen Mitteln versuchen, ihre jeweilige Wahrheit durchzusetzen. In anderen Weltgegenden bekämpfen sich bis heute Menschen mit ähnlicher Heftigkeit und Brutalität wegen solcher Fragen, wie das bei uns über Jahrhunderte hinweg geschehen ist. 

Die Haltung des Nichtwissenkönnens 


Es hilft die Klarheit darüber, was wegen fehlendem Wirklichkeitsbezug außer Streit gestellt werden kann. Sie lässt frei, wo vorher ein Anklammern und Festhalten war. Worüber wir keine Übereinstimmung finden können, weil es keine Erfahrungsgrundlagen gibt, auf die wir zurückgreifen können, darüber müssen wir schweigen. Schweigen heißt dabei, auf Wahrheitsansprüche zu verzichten, die nicht belegt und argumentiert werden können und statt dessen die Beliebigkeit der Spekulationen zuzugeben. 

Diese Haltung trifft sich mit der Bescheidenheit des Nichtwissens aus intellektueller Redlichkeit nach Thomas Metzinger: Der Begriff bedeutet, „dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt.“

Wir können das Menschensein auch so definieren: mit Grenzen leben, deren Unüberwindlichkeit uns bewusst ist. Oder auch: Leben mit dem Bewusstsein von Grenzen und der Möglichkeit, diese gedanklich überwinden zu können - und der Versuchung, diese gedankliche Überwindung für eine Realität zu halten. 

 In solchen Gedankensprüngen machen wir uns zu Kontrolleuren und Verwaltern unseres eigenen Lebens, eine Funktion, die uns weder zusteht noch die wir tatsächlich ausüben könnten. Systeme, die zugleich kontrollierende Systeme ihrer selbst sind, kontrollieren sich zu Tode. Den beschränkten Einfluss, den wir bewusst auf unser Leben und seine Gestaltung ausüben können, sollten wir nicht verwechseln mit der Macht über das Ganze unseres Lebens, über die wir aus guten Gründen nicht verfügen und nie verfügen werden. Eine Spezies, die die Grenzen ihrer Überlebensfähigkeit selber definieren könnte, wäre nicht überlebensfähig. Der Selbstmörder verfügt nicht über das Ganze seines Lebens, sondern handelt aus einem eingeschränkten verzweifelten Teil seines Selbst. Er setzt die Macht seines Denkens gegen den ihm mitgegebenen Lebenswillen und handelt aus der Zwanghaftigkeit des Verstandes, der keinen anderen Ausweg aus den Ängsten sieht als den Freitod.   
 
Die meisten freilich ringen um eine Verlängerung des eigenen Lebens. Mit allen verfügbaren Mitteln soll das Altern hinausgezögert und die Jugend erhalten bleiben. Was auch immer wir in unserem strebenden Bemühen versuchen, um die zeitlichen Grenzen unseres Lebens auszuweiten und auszudehnen - die Grenzen bleiben bei jeder Erweiterung erhalten. Viele der angeblich Hunderte von Jahren alten Yogis in Indien sind schon verstorben. Die, die noch leben, beweisen dennoch nicht, dass es eine körperliche Unsterblichkeit geben kann. Sie werden nur älter als der Durchschnitt.
Wenn wir diese conditio humana, diese Grundbedingung des Menschseins akzeptieren, brauchen wir keine Glaubenssysteme mehr, die uns ein Weiterleben nach dem Tod in dieser oder jeder Form anbieten. Wir können uns statt dessen voll auf die Belange dieses Lebens einlassen und von Augenblick zu Augenblick das Beste daraus machen. 

Vgl. Theologie und Mystik zur Frage nach dem Weiterleben
 Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Die zwei Wahrheiten und die Religionen 
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele 

Montag, 17. November 2014

Kritische Fragen an die Reinkarnationstherapie


Reinkarnation ist ein Glaubenssystem, das vor allem in Asien, im Hinduismus und Buddhismus verbreitet ist. Die Reinkarnationstherapie beruht auf einer Idee, die im Zusammenhang mit der New-Age-Bewegung in den USA entstanden ist. Sie vertritt die Idee, dass die psychischen und körperlichen Leiden der Menschen auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, die in früheren Inkarnationen erfolgt sind. Durch die Regression in diese früheren Leben können die Traumen aufgelöst werden.

Wenn wir an innerer Heilung interessiert sind, ist es notwendig, die Themen unseres
http://de.toonpool.com/cartoons/Reh-inkarnation_228073
Lebens, vor allem unserer Kindheit ebenso wie unserer Geburt und der vorgeburtlichen Zeit sowie die transgenerationalen Themen durchzuarbeiten. Wenn wir über hundert oder noch mehr Vorleben verfügen, wie behauptet wird, müssten wir auch aus diesen Leben die "karmisch" übertragenen Traumatisierungen bearbeiten, also die Kindheits-, Geburts-, Pränatal- und Generationaltraumen dieser Vorleben bearbeiten, zusätzlich noch die spezifischen kollektiven Ängste zu den jeweiligen historischen Zeiten sowie die oft besonders drastischen Traumatisierungen durch die jeweiligen Todesarten.

Wenn wir uns z.B. das Leben einfacher Menschen im Mittelalter vorstellen, und die Unsicherheiten, das Ausgeliefertsein an die Wetterbedingungen, die Grausamkeiten und willkürlichen Bestrafungen, die häufigen Kriege und Seuchen, die damals herrschten, nur annährungsweise mit den Lebensbedingungen zur heutigen Zeit vergleichen, müssen wir zugeben, dass wir heute in den wohlhabenden Ländern auf einem wesentlich niedrigerem Niveau leiden.

Wir reden z.B. seit weniger als hundert Jahren von Bindungssicherheit, deren Bedeutung für das psychische Wohlergehen und die Beziehungsfähigkeit verständlich geworden ist. In einer Zeit, in der unzählige Kinder unehelich geboren, ausgesetzt oder dem Verhungern preisgegeben wurden, können wir davon ausgehen, dass sichere Bindungen seltene Glücksfälle in generell hochgradig unsicheren Zeiten waren. 

Wenn wir nun annehmen, dass alle diese unglücklichen Kinder, bar jeder Bindungssicherheit, neue Inkarnationen gesucht haben, um ihr „Karma zu verbessern“, müssen sich all diese furchtbaren Traumatisierungen bis in die Seelen der heute lebenden Menschen übertragen haben. Wer aber von den Reinkarnationstherapeuten bearbeitet solche pränatalen oder frühkindlichen Traumatisierungen im Detail und in der notwendigen Breite, Tiefe und Intensität, wie sie bei solchen komplexen Traumatisierungen angewendet werden müsste? Da müsste die Heilung von solch einem einzigen furchtbaren Schicksal, das angeblich in der Seele abgespeichert ist, Jahre an Therapie brauchen. 

Wenn die Grauen jenes Leben nun geheilt wären, öffnete sich dahinter gleich das nächste, und das könnte noch schrecklicher sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und die endgültige Heilung müsste wieder um ein paar hundert Sitzungen verschoben werden.

Natürlich wird es als Erleichterung erlebt, wenn die Ängste, die z.B. mit einer Verbrennung als Hexe in einem früheren Leben verbunden sind, bewältigt sind. Wahrscheinlich heilt dabei die Therapie aber nur das Problem, das sie selber aufwirft. Das Erleichterungsgefühl kann einfach auf all die anderen Faktoren zurückgeführt werden, die üblicherweise bei einer Therapie wirken: Die unterstützende Umgebung, die respektvolle Zuwendung, das Verständnis und ein geteiltes Weltbild. 

Die eigentlichen Verletzungen, die dieser Körper und diese Seele im Lauf dieses Lebens erfahren mussten, werden durch die scheinbaren Heilungen noch besser verdrängt. Denn es erleichtert, wenn die Wurzel des eigenen Leidens nicht in diesem Leben, in diesem Körper, sondern irgendwo in einer grauen Vorzeit und in einem völlig anderen Körper gefunden werden kann. Dann muss ich nicht tief in die Geschichte meines Leibes und meiner frühkindlichen Beziehungen eintauchen, dann brauche ich mich nicht mit den Bezugspersonen in diesem Leben auseinandersetzen, sondern verziehe mich kurzfristig in eine Vorzeit, von der ich nur ein paar Umstände erinnere. Einfacher ist es, böse Eltern aus einem früheren Leben anzuklagen als die realen Eltern im jetzigen Leben.

Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.                                                                        

Therapie ohne Beziehungsheilung


Reinkarnationstherapie kann keine Beziehungstherapie sein. Sie findet zwar in einer Beziehung zwischen Therapeut und Klient statt, lässt aber die prägenden Beziehungspersonen des eigenen Lebens außen vor, sodass die in der Übertragung und Gegenübertragung auftauchenden Projektionen nicht genutzt werden können. Denn die Personen, die im Vorleben gemein und böse waren, Verletzungen und Leid zugefügt haben, sind andere, als die zentralen Personen unserer Herkunft in diesem Leben – vor allem unsere Eltern. Die sind bei jeder Reinkarnationstherapie aus dem Schneider, außer sie erscheinen selber in der früheren Szenerie in anderer körperlicher Gestalt, was die Sache aber nicht einfacher, sondern noch komplizierter macht.

Denn es zählt zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Aspekten der inneren Heilung, sich mit den Menschen, die das eigene Leben am tiefsten geprägt haben, auseinanderzusetzen. Die erwachsenen Menschen, denen wir am Anfang unseres Lebens begegneten, haben wir all unsere Liebe, Wertschätzung und Hochachtung entgegengebracht, derer wir mächtig waren. Dann zu erkennen, dass sie Menschen mit Fehlern sind, die uns Leid zugefügt haben, uns Schmerzen bereitet und Zorn und Hass geweckt haben, die uns eingeschränkt, manipuliert und kontrolliert haben, ist der zentrale Schritt zur eigenen Autonomie, und dann wieder zu einer versöhnlichen Haltung zu diesen Menschen zu finden, ist der Weg zum Frieden. Dieser komplizierte, aufwändige und anspruchsvolle Weg der Heilung wird einfach umgangen, wenn ich Vorleben nach Vorleben durchwandere und dort diese und jene Themen bearbeite.

Wir bewegen uns also reinkarnationstherapeutisch immer auf doppeltem Boden, die realen Themen aus einem realen Leben werden auf frühere Leben projiziert, dort therapeutisch bearbeitet und sollen dann wieder ins jetzige Leben zurück transferiert werden, das ja das einzige ist, für das eine Heilung Sinn macht. Warum nicht gleich in diesem bleiben und dorthin zurückgehen, wo die Ursprünge des Leidens sind? Wir müssen dazu nur auf die durch nichts beweisbare Glaubensannahme verzichten, dass unsere seelischen Probleme ihre Wurzeln in früheren Leben haben. 


Reinkarnation und Dissoziation


Wie an anderer Stelle ausgeführt, könnte es sein, dass die Idee der Reinkarnation auf traumatische Dissoziationen zurückgeht. Wir kommen deshalb auf die Idee, dass die Seele vom Körper getrennt sein könnte, weil wir in einer Traumasituation diese Erfahrung scheinbar gehabt haben. Tatsächlich ist ja die Dissoziation ein Vorgang, den unser Gehirn produziert.

Der doppelte Boden, auf dem die Reinkarnationstherapie arbeitet, ist dann nichts anderes als eine traumabedingte Dissoziation. Wenn das stimmt, kann die Traumaerfahrung nie in der Reinkarnationssituation aufgelöst werden, weil diese nur durch die therapeutisch herbeigeführte Dissoziation zugänglich ist. Jede Regression in ein Vorleben ist damit eine Retraumatisierungserfahrung, die immer nur eine scheinbare Lösung einer Thematik bewirken kann, also im besten Fall Symptome verbessern, aber nie eine grundlegende Heilung erreichen kann.


Reinkarnation als Ego-Erweiterung


Dazu mag die folgende Überlegung dienen: Die Erweiterung der Seele über die Lebensdauer des Körpers hinaus ist eine Größenfantasie des Egos, das sich nicht mit seinem Begrenztsein abfinden kann. Es brüstet sich seines immateriellen Seins und meint, dass es nicht auf einen Körper, auf etwas Festes und Vergängliches angewiesen ist, sondern dass es über den Grenzen und über den Gesetzen der Festkörper steht. Es behauptet von sich, etwas grundlegend anderes zu sein als dieser Körper. Das ist es natürlich, weil es nicht körperlich ist. Zugleich ist es aber ohne Körper nicht erlebbar, denkbar, vorstellbar. Es lebt nur, weil es mit und in einem Körper existieren kann.

Das Ego identifiziert sich dabei mit der Seele, nimmt sie gewissermaßen in Besitz und tut ihr dafür den Gefallen, sie für unsterblich zu erklären – ein Teufelspakt gewissermaßen: Ich verspreche dir ewiges Leben, wenn du dich mir ganz unterwirfst. Du brauchst keine Angst mehr zu haben vor dem Ende dieses Körpers, du kannst immer wieder in neue Formen hineinschlüpfen, auf diesem Weg reifer und reifer werden und irgendwann ins Nirvana eingehen. So bleibt das Ego unangefochten in seiner sicheren Position, die Befreiung von ihm ist in weite Ferne gerückt – sicher nicht mehr in diesem Leben.


Integrierende Sichtweise als Alternative


Vertreten wir eine integrierende Sichtweise, so wird klar, dass das Materielle nur durch Immaterielles materiell sein kann, und das Immaterielle nur durch das Materielle immateriell. Wenn wir sagen, dass diese beiden Aspekte aufeinander angewiesen sind, so ist die Formulierung insoferne missverständlich, als sie eine Abhängigkeit suggeriert. Denn der Begriff einer Abhängigkeit macht dort keinen Sinn, wo Dasein nur ist, wenn beides ist. Damit etwas existieren kann, braucht es das Materielle und das Immaterielle. Sobald etwas ist, ist es materiell und immateriell. Vorher und nachher ist nichts.

Dazwischen, im Reich des untrennbar Einen, ist jede Fantasie möglich, und jede von diesen ist wiederum zugleich immateriell (die fantasierten Bilder) und materiell (die für die Entstehung der fantasierten Bilder notwendigen neuralen Aktivitäten). Und sie ist immer in diesem Hier und in diesem Jetzt und dient uns für unsere Zwecke hier und jetzt.

Wenn wir therapeutisch arbeiten, müssen wir immer den Weg von der Fantasie in die Realität, vom assoziativen Denken in die Gefühle und in den Körper gehen. Fantasieren können wir immer, das kann lustig und kreativ sei. Genießen wir unser Fantasieren und bleiben wir uns dabei bewusst, was es ist: Das Schaffen einer irrealen Welt im Kopf. Das wird aber nicht reichen, wenn wir die Befreiung von unseren Beschränkungen finden wollen. Dafür brauchen wir den Aufputz von bunten früheren Leben nicht.


Wer dennoch Reinkarnationstherapeut werden will, findet im Internet Angebote  ab drei Tagen Ausbildung: Zitat: "Bei uns lernst Du die wahrscheinlich einfachste und wirksamste Art der Reinkarnationstherapie im deutschen Sprachraum. Deine Erfolge werden uns recht geben! Kompakt– Einfach – Wirksam – Erfolgreich. Diese Ausbildung erstreckt sich über 3 Seminartage." Kosten: € 990,-.