Freitag, 4. Oktober 2019

Das individuelle Glück und die Ungeheuerlichkeit des Leids

Alle streben wir nach mehr Glück im Leben. Alle wollen wir Schmerzen und Ängste vermeiden und verringern. Alle wollen wir uns wohlfühlen, mit uns, mit unseren Mitmenschen, mit der Welt insgesamt.

Die Welt um uns herum hingegen enthält eine Unmenge an Leid. Die Natur der Erde ächzt unter den Klimaveränderungen, Tierarten sterben aus oder müssen sich neue Lebensräume suchen, die Meere werden immer mehr mit Plastik und Kunststoffen verdreckt; die Menschheit verstrickt sich immer wieder in blutige Konflikte, Hass wird gepredigt, Menschenverachtung und Ausbeutung ist überall präsent.  Wir können nicht einmal abschätzen, ob sich das Leid in Summe verringert infolge all der Fortschritte an Humanität, Krankheitsbekämpfung und Hungereindämmung. Denn andere Form des Leids werden laufend produziert, neue Formen der Grausamkeit oder der subtilen Unterdrückung entstehen, neue Ansätze zum Ressourcenverschleiß, unvorhersehbare Folgen der Rohstoff- und Trinkwasserverknappung tauchen auf usw. Selbst in den Ländern, in denen die Gewinne aus all den Ausbeutungsvorgängen gehortet werden und das Luxusleben mit höchstem Energieverbrauch, leiden die Menschen an Stressbelastung, instabilen Beziehungen und inneren Unausgeglichenheit. 


Das Webwerk des Leidens


Ist es also einfach unredlich und verlogen, sich in irgendein Lebensglück zu versenken, während ringsum das Grauen vorherrscht, Menschen in Bürgerkriegen oder Hungerzonen dem Verrecken preisgegeben sind, Kinder geschlagen und emotional misshandelt, Tiere zum Dahinvegetieren gehalten und ganze Arten ausgerottet werden und so weiter, wir wissen vieles davon und wissen auch, dass es noch viel mehr von diesem Elend jenseits unseres Wissens gibt.

Theodor W. Adorno hat gemeint, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden können. Ein Grauen kann nicht in eine lyrische Form übersetzt werden. Natürlich sind viele Gedichte nach 1945 geschrieben worden, aber der Mahnruf hat seine Berechtigung. Denn es gibt kein einfaches Hinüberwechseln in die Tagesordnung der Abläufe der gesättigten Konsumwelt und einlullenden Medienlandschaft, wenn so vieles im Argen liegt.   

Andererseits ist niemand gezwungen, sich der negativen Dialektik Adornos anzuschließen, die kategorisch ein richtiges Leben im falschen ausschließt. Die Öffnung für die Glücksmomente im Leben entspannt und erweitert die Sicht auf die vielfältigen Facetten des Lebens. Das Glück ist eine Innenerfahrung, die sich zeigen kann, gleich welche Umstände im Außen herrschen. Es gibt Menschen, die im Gefängnis zur Erleuchtung gefunden haben, andere, die in schwerer Krankheit eine tiefe innere Zufriedenheit erleben konnten – und viele andere, denen solche Erfahrungen nie geschenkt wurden.


Die Lebenskunst, das Ganze zu umarmen



Die Kunst im Leben besteht nicht darin, die üblen Aspekte der Menschheit auszublenden und zu ignorieren, auch nicht darin, sie zu beklagen und zu bejammern. Die Lösung liegt weiters nicht darin, das eigene Glück gegen das Unglück anderer aufzurechnen und sich zu verbieten, solange so viel Unglück herrscht.Die Kunst im Leben besteht eher darin, beides halten zu können: Das innere Glück, so es sich zeigt, und die äußeren Missstände, als ob unsere beiden Hände beides tragen oder als ob zwei Kinder auf unserem Schoß sitzen: Das Glück und das Unglück. Beides darf sein und hat seinen Platz. Beides gehört zur Gesamtheit der Wirklichkeit, die sich in uns selber wiederspiegelt. So wird es Zeiten geben, wo uns all die Missstände und all die Leiden traurig machen, und gleichzeitig eine tiefe Zufriedenheit in uns selber spürbar ist oder andere Zeiten, in denen wir uns an der Schönheit des Außen erfreuen, während unser Inneres unter einem Problem ächzt. 

Wir wollen das Glück mehren, in uns und um uns herum, und das ist auch gut und notwendig so. Schließlich ist das eine unserer wichtigsten Aufgaben in unserem Leben. Zugleich müssen wir damit leben, dass uns das immer wieder misslingen kann, soviel wir uns auch bemühen. Wir sollten auch erkennen, dass das, was wir zu tun vermögen, nicht mehr als der berühmte Tropfen auf einem riesigen heißen Stein ist. Unendlich viel wäre noch zu tun, verschwindend und kümmerlich ist unser Beitrag. Und doch ist es unser Beitrag, etwas, das nur wir selber beitragen können, um die Welt menschlicher zu machen. Diesen Beitrag kann niemand anderer als wir selber leisten, es liegt ganz bei uns, ob er geschieht oder nicht. Leid zu lindern und Freude zu schaffen, wo es geht, bei uns selber und bei den Menschen, den Näheren und den Ferneren, und bei allem, was das Universum ausmacht, ist unsere vordringliche Lebensaufgabe, der wir gemäß dem Vermögen, das wir von diesem Universum mitbekommen haben, verpflichtet sind. Da haben die einen mehr und die anderen weniger erhalten, und das ist auch wichtig anzuerkennen, statt auf die anderen zu zeigen, die angeblich weniger tun als wir selber. 

In dieser Ambivalenz der menschlichen Existenz, die durch uns hindurch wirkt und erschüttert, ob wir es wollen oder nicht, spiegelt sich die Ambivalenz des Universums, das große “stirb und werde”. Wir Menschen sind mit einer einzigartigen Leidensfähigkeit ausgestattet, die uns nicht ruhen lassen kann, solange es Leiden gibt. Wir sind auch mit der Kraft der Verantwortung und vielfältigen Kompetenzen zum praktischen Handeln zugunsten der Minderung des Unglücks und der Mehrung des Glücks ausgestattet. Wir verfügen über Wachstumschancen in den verschiedenen Bereichen unseres Wesens, kognitiv, emotional, sozial und spirituell. Mit jedem Lernschritt in einer dieser Dimensionen erschließen wir mehr Glücksmöglichkeiten in uns und finden Ideen und Energien für die Erweiterung von Glücksmöglichkeiten in der Welt um uns. 

Wir alle haben Fähigkeiten und Potenziale dafür, das Ganze mit all seinen Facetten und in seiner Spannbreite in unser Bewusstsein aufzunehmen. Wir alle verfügen über ein ausreichendes Maß an Empathie und einen Sinn für weltweite Solidarität. Wir alle wissen um unsere individuelle und kollektive Verantwortung. Es geht darum, den Fokus auf diese Verantwortung zu halten und ihn wiederzugewinnen, wenn er uns abhandenkommt. Und es geht darum, Verständnis für uns und alle um uns zu haben, wann und wo auch immer der Fokus verlorengeht und dadurch Leiden entsteht. Je mehr wir unsere Glücksfähigkeit aktivieren, desto mehr können wir beitragen, um mehr Entspannung in die Welt zu bringen. 

Glück ist ansteckend, ähnlich wie Unglück. Wir können die Stimmungen anderer aufhellen, wenn wir ein freundliches Gesicht zeigen oder nette Worte sagen, humorvoll reagieren und eine gelassene Atmosphäre verbreiten. Wir fühlen uns unternehmungslustiger und motivierter. Wir sind aufnahmefähiger und interessierter an allem, was uns umgibt. Also: Je mehr glückliche Menschen es gibt, umso mehr Glück gibt es auf der Erde; das Ausmaß des Leidens und Unglücks vermindert sich mit jedem Stück erlebter Glückseligkeit und Freude. 

Mit sich zufriedene Menschen können mehr zur Weiterentwicklung der Menschheit für mehr Freiheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und geteilten Wohlstand beitragen, als an ihrer Gier, Angst und ihrem Hass leidenden Zeitgenossen. Denn die belastenden Gefühlsmuster werfen uns auf uns selber zurück, während die freudvollen Gefühle unsere Empathie und Hilfsbereitschaft steigern. 

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