Beim Meditieren geht der Blick nach innen und alles wird ruhiger. Gedanken ziehen vorbei, der Atem wird gleichmäßiger, der Körper tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Manchmal verschiebt sich dabei aber mehr als nur die Aufmerksamkeit: Das Gefühl für das eigene Ich oder die Umgebung kann sich auf ungewohnte Weise verändern.
In der Psychiatrie sind zwei Störungsbilder bekannt, die normalerweise als Folge von großem Stress, Depressionen, Angststörung oder in der Folge von Traumatisierungen auftreten: Depersonalisation und Derealisation. Bei der Depersonalisation fühlt sich das eigene Ich fremd an, bei der Derealisation wirkt die Außenwelt unwirklich oder entfernt.
Weder pathologisieren noch verharmlosen
Forscher haben nun festgestellt, dass diese Phänomene auch während oder als Folge von Meditation vorkommen. In der Meditation werden diese Zustände allerdings meist positiv erlebt, können aber auch irritierend oder verstörend wirken, und das ist der eigentliche Befund dieser Studie: Meditationserfahrungen mit psychiatrischer Relevanz im Sinn der Depersonalisation und Derealisation nicht grundsätzlich zu pathologisieren, sie aber auch nicht zu verharmlosen.
Für die Untersuchung wurden 121 Personen befragt. Eine Gruppe hatte solche Zustände im Zusammenhang mit Meditation erlebt. Die andere Gruppe nannte andere Auslöser, darunter Stress, Angst, Depressionen, traumatische Erfahrungen oder Cannabis. Auf einer Skala für Depersonalisation und Derealisation unterschieden sich die Erfahrungen beider Gruppen kaum. Anders war vor allem die Bewertung.
Menschen aus der Meditationsgruppe beschrieben ihre Erlebnisse häufiger als angenehm, sinnvoll oder erkenntnisreich. In der Vergleichsgruppe überwogen eher Verwirrung, Angst und Belastung. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht allein das Erlebnis selbst entscheidend ist, sondern auch der Kontext, in dem es entsteht und interpretiert wird.
Das macht den Befund heikel für einfache Erklärungen. Ein Zustand kann sich äußerlich ähnlich beschreiben lassen und trotzdem ganz anders anfühlen. Wer meditiert, ordnet das befremdliche Ich-Gefühl als Teil einer Übung ein und fühlt sich sicher, weil das Vertrauen auf die Methode gegeben ist. Wer es nach Stress oder Angst erlebt, kann denselben Abstand zum eigenen Körper als Kontrollverlust empfinden, der den Stress weiter steigert.
In verschiedenen spirituellen Traditionen gilt ein gelockertes Ich-Gefühl nicht sofort als Problem, sondern eher als Zweck der Übung. Der Kontrollverlust, der in vielen Fällen Angst auslöst, kann in der Meditation als Befreiung erlebt werden. Wenn sich das kontrollierende Denken zurückzieht, öffnet sich der Raum für tiefere Erfahrungen.
Bedrohliche Depersonalisation
Die Depersonalisation bedeutet nicht einfach Nachdenklichkeit oder Tagträumen. Betroffene erleben den eigenen Körper, Gedanken oder Gefühle nicht mehr wie gewohnt als zu sich gehörig. Manche fühlen sich wie Beobachter ihres eigenen Lebens oder so, als würden ihre Handlungen von außen gelenkt. Es kann dazu kommen, dass die eigenen Bewegungen automatisch wirken oder Gedanken eine Art Eigenleben bekommen, das nicht gesteuert werden kann.
Die Derealisation betrifft dagegen die Außenwelt. Vertraute Räume, Menschen oder Geräusche erscheinen dann fremd, dumpf, traumartig oder unwirklich. Die Welt verliert vorübergehend ihre gewohnte und vertraute Nähe, es tritt eine Spaltung auf, die beängstigend erlebt wird.
In der Meditationsgruppe lagen 61,7 Prozent der Teilnehmer über einem klinisch relevanten Schwellenwert auf der Cambridge Depersonalisation Scale. In der Gruppe mit anderen Auslösern waren es 77 Prozent. Eine ärztliche Diagnose hatten allerdings nur vier Personen erhalten. Hohe Werte bedeuten daher nicht automatisch eine Erkrankung.
Für eine Diagnose zählt vor allem, ob die Zustände subjektiv stark belasten und den Alltag einschränken. Besonders hier gab es deutliche Unterschiede. Die Meditationsgruppe bewertete ihre Erfahrungen im Schnitt positiver. Viele beschrieben sie als spirituell bedeutsam oder als Moment besonderer Einsicht. Belastende Verläufe gab es dennoch auch dort. Das bedeutet, dass bei allen Formen von meditativen Retreats eine achtsame und geschulte Begleitung erforderlich ist, die sich um solche Störungen kümmern kann. Nur mit Meditations-Apps zu üben, ohne Ansprech- oder Austauschperson ist riskant. Meist wird in den Beschreibungen nicht auf diese Möglichkeit der inneren Verschiebung hingewiesen, die sich fremd und bedrohlich anfühlen können.
Menschen, die für sich selbst den Meditationsweg pflegen, sollten darauf achten, dass es Leute gibt, an die sie sich wenden können, wenn Phänomene in der Meditation auftauchen, die sie irritieren oder emotional belasten. Bei der Untersuchung waren es in der Mehrzahl Einzelmeditierende, die über solche Erlebnisse berichteten.
Retraumatisierung
Denn bei solchen Erfahrungen kann es sich um Retraumatisierungen handeln. Im scheinbar sicheren Rahmen von Meditationsübungen, in denen es zur Vertiefung und Erweiterung des Bewusstseins kommt, können Elemente von unverarbeiteten Traumen auftauchen, eben Zustände der Depersonalisierung und Derealisierung, die Teil der Traumabewältigung dargestellt haben. Ihr Widerauftreten weist darauf hin, dass therapeutische Arbeit gefragt ist, um das dahinterliegende Trauma aufzulösen. Dieses Vorgehen ist auch dann ratsam, wenn die Erfahrung subjektiv als positiv gewertet wurde.
Die depersonalisierten Zustände tauchten bei unterschiedlichen Formen der Praxis auf, bei Atemmeditation, Vipassana, Bodyscan oder Metta-Meditationen. Unabhängig von der Methode der Meditation können solche Erfahrungen auftreten. Auch die Dauer dieser Erfahrungen war unterschiedlich und schwankte zwischen Minuten und Wochen.
Hier zur Studie: Nature Scientific Reports volume 16, Article number: 14673
Die Autoren: Erola Pons, Julieta Galante, Nicholas T. Van Dam & Axel Lindner
Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Das Ego in der Meditation
Die Entdeckung der Langsamkeit in der Meditation
Trauma und Sinnsuche in der Dissoziation
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