Donnerstag, 22. Oktober 2026

Die Herrschaft der Technik über die Menschen

Jede Epoche der Moderne stößt auf neue Herausforderungen, die durch neue Technologien entstehen. Während die einen begeistert von den Neuerungen schwärmen und sich die Lösung vieler, wenn nicht aller Probleme erhoffen, vermissen die anderen das, was durch die technische Weiterentwicklung verloren geht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben einige Autoren das Verhältnis von Mensch und Technik kritisch beleuchtet und sind zur Einsicht gelangt, dass die Verwendung von Techniken die Menschen grundlegend verändert, aber so, dass sie gar nicht merken, wie sehr sie in den Bann der technischen Dinge geraten und sich ihrer Herrschaft unterwerfen. 

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat 1953 „die Frage nach der Technik“ behandelt. Er sieht das Wesen der modernen Technik als „Herausforderung“ der Natur, die zum Objekt der Ausbeutung und effizienten Nutzung degradiert wird. Sie ist nur mehr „Bestand“, Ressource für die technischen Zwecke und gänzlich der Verfügbarkeit untergeordnet. Die Menschen unterliegen zunehmend der Selbsttäuschung, die Welt zu beherrschen, während sie in Wirklichkeit selbst Teil der Verwertung und des Bestandes werden, also selbst Objekte der Ausbeutung. 

Günther Anders, ein Schüler von Heidegger,  hat in seinem Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“ (Band I, 1956; Band II, 1980) die Technik nicht mehr als Werkzeug, dessen sich die Menschen bedienen, angesehen. Die alte Vorstellung besagt, dass der Mensch, das Subjekt, den Hammer, das Objekt,  nimmt, um einen Nagel einzuschlagen. Die moderne Technik beginnt, diese Positionen auszutauschen. Neue technische Erfindungen erschaffen ganze Systeme, denen sich die Benutzer unterordnen müssen. Wir brauchen uns nur vor Augen führen, wie die Erfindung des Autos unsere Welt verändert hat: Straßen, Autobahnen, Erdölindustrie, Gesetze, Versicherungen bis hin zu Ideologien, Kriegen und Autofahrerparteien. Jeder Autofahrer wird durch die Nutzung des Geräts zum Teil dieses Systems und wirkt an seiner Weiterentwicklung mit. Zunehmend ist es dann nicht mehr der Mensch, der die Zwecke setzt, sondern das System, das dem Menschen seine Zwecke aufzwingt. Neue Sachen werden erfunden, mitsamt den Sachzwängen, die dann auf dem Fuß folgen.

In diesem Zusammenhang hat Anders von der „prometheischen Scham“ gesprochen: Der Mensch nimmt sich unvollkommen gegenüber der von ihm hergestellten Techniken wahr, als fehlerbehaftet und unzuverlässig. Der Mensch ist sterblich, während die Technik weiterbesteht. Die „Antiquiertheit des Menschen“ besteht darin, dass er hoffnungslos hinter den technologischen Entwicklungen zurückbleibt, während er andererseits gar nicht anders kann, als sie weiterzuentwickeln, sie zu bedienen, zu warten und zu konsumieren. Er wirkt beständig an dem mit, was ihn entmündigt. Außerdem wird der Mensch durch seine Fehleranfälligkeit zu einem Störfaktor für die automatisierten Systeme und sollte nach der Logik der Maschinen ersetzt werden. 

Wir erkennen leicht, dass Anders 50 Jahre vor der Entwicklung der künstlichen Intelligenz vorausgehen hat, was uns heute massive Sorgen bereitet: Dass es nicht mehr lange dauern könnte, bis diese Maschinen die Weltherrschaft übernehmen und die Menschen für ihre Zwecke versklaven.

Der Politikwissenschaftler Langdon Winner hat in seinem Buch „The Whale and the Reactor“ (1986) die Menschen als Schlafwandler beschrieben. Sie errichten neue technische Systeme, ohne dass sie die Folgen mit einberechnen, die diese Systeme in der Politik, im Sozialgefüge und in der Innenwelt der Menschen erzeugen. Außerdem werden die ethischen Konsequenzen von technischen Neuerungen viel zu wenig reflektiert. Technologien erfüllen nicht einfach nur Funktionen, sondern verändern die Lebensbedingungen grundlegend: Alltagsgewohnheiten, Arbeitsbeziehungen, räumliche Anordnungen, Wohnformen, Autoritätsstrukturen usw. Sie beeinflussen das Selbstverständnis der Menschen und nisten sich in ihre Identität ein. Wir werden zu Fernsehern, wenn wir fernsehen. Die Entwicklungen der Technik werden hauptsächlich in Bezug auf ihre Effizienz und ihren Nutzen für die Menschen gepriesen, während übersehen wird, dass sie großen Einfluss auf politische Entscheidungen und Machtstrukturen ausüben, verbunden mit zunehmender Überwachung und Zentralisierung. Winner spricht von einem „technologischen Somnambulismus“, der dazu führt, dass viele zentrale Entscheidungen, die die Gesellschaft betreffen, nicht demokratisch kontrolliert werden, sondern durch „Eliten“, Ingenieure, Wirtschaftsunternehmer und Beamte getroffen werden. 

Das Unbehagen an der Politik, das immer mehr Menschen empfinden, aber aufgrund des Schlafwandels nicht an seiner Wurzel erkennen können, verführt sie dann dazu, Parteien zu unterstützen, die ihnen vage versprechen, die Macht der Eliten zu beseitigen und das System radikal zu ändern. Sie übersehen dabei, dass die Proponenten dieser Parteien genauso unter dem Somnambulismus leiden wie sie selbst und dass sie deshalb nichts am System ändern können. 

Ähnlich hat Herbert Marcuse in seinem Buch „Der eindimensionale Mensch“ (1964) beschrieben, wie die technische Entwicklung die Menschen unterordnet und den Systemzwängen unterwirft, ohne dass sie ihre Unfreiheit bemerken. Auch Ivan Illich hat in „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ (1973) beschrieben, wie die Geräte mehr und mehr die Menschen schädigen und entmündigen. Von den Smartphones wissen wir inzwischen, dass sie die Gehirne von Heranwachsenden verkümmern lassen und massiv in die Gehirne Erwachsener eingreifen. So ist oft nicht klar, ob die Benutzer ihre Geräte beherrschen oder von ihnen beherrscht werden. 

Zum menschlichen Maß zurückfinden

Wie kann das Verhältnis zwischen Technik und Mensch dorthin zurückgeführt werden, wo es ursprünglich war – nämlich dass der Mensch technische Hilfsmittel für seine Zwecke benutzt und nicht umgekehrt? Auf der individuellen Ebene ist es die Achtsamkeit, die hilft, bei sich zu bleiben, die eigenen Bedürfnisse und Werte zu spüren und aus ihnen heraus zu handeln, statt sich von den Verlockungen der Maschinenwelt, die heute z.B. durch die sogenannten sozialen Medien überall präsent ist, verführen zu lassen. Die Aufmerksamkeit ist zu einem knappen Gut geworden, zu einem zentralen Faktor der Wirtschaft, um den die Konzerne kämpfen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie fremdbestimmt wird  und müssen sie uns zurückholen. Es geht darum, die Verantwortung für die mentale Autonomie in uns zu festigen. Die „geistige Selbstverteidigung“ nach Noam Chomsky und Bertrand Russel besteht im Erkennen der Manipulations- und Entmündigungsstrategien, die von technischen Geräten verfolgt werden, und in der Verweigerung der Gefolgschaft. Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger („Der Ego-Tunnel“ und „Bewusstseinskultur“) hat darauf hingewiesen, dass eine Demokratie nur funktionieren kann, wenn es genügend mental autonome Bürgerinnen und Bürger gibt. 

Der Kompass für gut und richtig in uns

Wer die Aufmerksamkeit immer wieder zu sich selbst zurücklenken kann, findet dort den Kompass für das, was gut und richtig ist, und die Bewusstheit für die Grenze, ab der eine Techniknutzung selbstschädigend wird, sowie die Selbstmächtigkeit, aus der manipulativen Macht der Geräte und ihrer Algorithmen auszusteigen. Denn diese üben eine Sogwirkung mit immer durchtriebeneren Finten aus, um die Aufmerksamkeit an sich zu binden. Mit der Wiedergewinnung der mentalen Autonomie können wir alle den Einfluss der Technik auf die Innenwelt unterbrechen und zu unserer Freiheit zurückfinden.

Gesetzliche Regelung

Auf der kollektiven Ebene braucht es gesetzliche Maßnahmen, die demokratisch beschlossen werden müssen, um die anonyme Machtausübung der technischen Sachzwänge in allen Bereichen einzuschränken. Was die KI anbetrifft, ist das dringend notwendig und sollte alle Gesetzgeber prioritär beschäftigen. Allerdings ist es schwierig zu bewerkstelligen, weil sich die meisten KI-Anbieter in Privatbesitz befinden und in den USA sitzen, deren gegenwärtige Regierung solche Maßnahmen blockiert. Deshalb hat die EU als zurzeit einziger großer demokratischer Gegenspieler zu den Großmächten mit autoritären Regimen eine besondere Verantwortung, Regelungen der KI einzufordern. Darüber hinaus können wir nur hoffen, dass die KI-Betreiber ihre Geräte und deren Funktionsweise danach ausrichten, dass die Gefahren, die von vielen KI-Entwicklern beschrieben werden, abgewendet werden.

Stärkung der Sozialwissenschaften

Eine weitere Notwendigkeit besteht darin, die Sozialwissenschaften zu stärken und ihre Ergebnisse mehr zur Kenntnis zu nehmen. Denn die Naturwissenschaften haben die Aufgabe, die Grundlagen für die Verbesserung von Techniken zu liefern, während die Folgenabschätzung bei den Sozialwissenschaften liegt. Außerdem untersuchen sie die Auswirkungen der Techniken auf die Menschen und helfen ihnen damit, ihre Autonomie zurückzugewinnen, wo sie ihnen von diesen Techniken entwendet wurde.

Sind wir schlafwandelnde und süchtige Zombies?

Niemand will als schlafwandelnder Zombie durchs eigene Leben taumeln. Aber viel zu wenige bemerken, wie sehr sie sich schon in diese Richtung bewegt haben, süchtig nach den Reizen, die vor allem die digitalen Geräte im Übermaß und mit genau auf die Bedürfnislage der Nutzer zugeschneiderten Inhalten erzeugen. 

Wir hätten die Wahl, aus den Zwängen, die uns in die Unfreiheit treiben, auszusteigen. Wir können diese Selbstverantwortung aber nur durch Aufklärung wahrnehmen, denn wir müssen wissen und spüren, was mit uns geschieht, bevor es zu spät ist. Wir meinen, die Süchtigen sind die anderen, die nicht vom Rauchen, Trinken oder Heroin wegkommen, ohne zu merken, wo wir selbst in Abhängigkeiten geraten sind, obwohl wir glauben, uns nur mit harmlosen Bildern und Geschichten abzulenken und zu unterhalten. Erst wenn wir erkennen und uns eingestehen, dass die Technologien, die wir dauernd nutzen, mächtiger und durchtriebener sind als unser Eigenwille, können wir die Entscheidung treffen, uns konsequent für unsere mentale und emotionale Autonomie einzusetzen. Wir müssten uns dieser Variante der prometheischen Scham aussetzen und aus ihr lernen, dass es um eine Rückbesinnung geht. Denn im Bann der Medientechnologien und ihrer Manipulationsstrategien vergessen wir, wie wir wirklich leben wollen und was uns wirklich wichtig ist. 

Zum Weiterlesen:
Die Vernunft und die KI
Die Verselbständigung der künstlichen Intelligenz und ihre Gefahren


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