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Samstag, 20. Dezember 2025

Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart

In der mystischen Lehre von Meister Eckhart (ca. 1260–1328) nimmt die Absichtslosigkeit einen zentralen Platz ein. Sie steht in enger Verbindung mit Begriffen wie Gelassenheit, Abgeschiedenheit, Armut im Geiste und des Gottes in der Seele.

Eckhart verwendet den Terminus „Absichtslosigkeit“ nirgends. Es geht aber genau darum, wenn er fordert, dass der Mensch „ohne Warum“ handeln soll: „Der Mensch soll so ledig sein aller Dinge und aller Werke, dass er Gott wirke ohne Warum.“

Mit dem „ohne Warum (sunder warumbe)“ meint Eckhart, dass jedes Handeln, das auf Lohn, Sinn oder Heil ausgerichtet ist, nur dem Eigenwillen dient, selbst wenn es ein religiöses Mäntelchen trägt. Es hilft nicht dem spirituellen Wachsen oder dem Weg zu Gott. Weiters geht es bei der Absichtslosigkeit nicht bloß um eine Form des moralischen Altruismus, der nicht nur auf sich, sondern auch auf das Wohl der anderen schaut. Vielmehr fordert das „ohne Warum“ das Überwinden aller Zwecksetzungen und Absichtsorientierungen. Selbst die Konzentration darauf, dem Höchsten zu dienen oder ein gottgefälliges Leben zu führen, beruht auf Selbsttäuschungen. So sagt Eckhart: „Wer Gott um eines Warum willen liebt, der liebt nicht Gott, sondern das Warum.“ Wer also einen Zweck mit seiner Liebe verbindet, liebt sich im Grund nur selbst in seinem Lieben, kreist also in einer narzisstischen Schleife.

Im Moment der  Selbstbesinnung gibt es keine intentionale Ausrichtung auf etwas in der Zukunft im Sinn einer Erwartung oder einer Absicht. „Der gerechte Mensch sucht nichts, weder dies noch das, weder Gott noch Seligkeit; denn er steht frei in der reinen Gegenwärtigkeit.“ Da es über diese reine Gegenwärtigkeit hinaus nichts Wesentliches gibt, findet dort jedes Begehren,  Wollen und Suchen ein Ende.  „Der Mensch soll so beten, dass er nichts begehrt, nichts will und nichts sucht.“ Das Gebet soll also immer frei sein von Bestrebungen und Wünschen. Wenn es aus dieser Präsenz kommt, ist es kein Bitten, sondern ein Ausdruck der Dankbarkeit.

Die Gelassenheit

Die Gelassenheit besteht bei Eckhart nicht in einer emotionalen Entspanntheit wie im modernen Wortsinn. Vielmehr geht es um das radikale Loslassen und Überwinden des Eigenwillens, um durchlässig für das Absolute zu werden. Auf diese Weise gelangt man zur Absichtslosigkeit. Es geht Eckhart also nicht um die Überwindung des Egoismus und Eigennutz im moralischen Sinn wie bei seinem Nachfolger Johannes Tauler (ca. 1300–1361), sondern um die noch viel radikalere Erkenntnis, dass jede Absicht aus dem selbstsüchtigen Ich stammt und der inneren Freiheit im Weg steht. Weder Zukunftserwartungen wie z.B. die Hoffnung, noch Bindungen an die Vergangenheit wie z.B. die Reue dürfen wichtig genommen werden; einzig den Moment, das „Nun“ gibt es im Zustand der Gelassenheit. Es ist also alles, was zum Ich gehört, hinter sich zu lassen: „Der Mensch soll so ledig sein seiner selbst, dass Gott in ihm wirken kann.“ 

Die Absichtslosigkeit, wie sie Eckhart sieht, ist ein direkter Ausdruck der Absolutheit. Die Absichtslosigkeit, wie sie für praktisches ethisches Handeln als Richtschnur dienen kann, gehört zur Sphäre des Relativen und entfaltet dort ihren Nutzen. Im Absoluten haben Absichten nichts verloren, wie auch alles andere, das an das Relative gebunden ist. Selbst die eigene Persönlichkeit, der Charakter, die Ich-Identität spielt keine Rolle mehr, wenn das Absolute gegenwärtig ist.

Die Armut im Geiste

In diesem Sinn spricht Eckhart von der „Armut im Geiste“. Der Zustand der Armut ist der des Verlustes jeden Halts und jeder Form im Relativen. Reichtum und Armut gibt es nur im Relativen. Im Absoluten fällt das alles weg: Das Wollen, das Wissen, das Haben:  „Ein armer Mensch ist der, der nichts will, nichts weiß und nichts hat.“ Das Wollen dient der Selbstvergewisserung des Ichs; das Wissen der Kontrolle über die Welt und das Haben der Absicherung der eigenen Existenz. Bar all dieser Versicherungen öffnet sich der innere Raum, in den das Göttliche einfließen kann. „Je leerer der Mensch ist, desto voller ist Gott in ihm.“ 

Wenn diese Leere besteht, dann gebiert Gott seinen Sohn in der Seele, so Eckhart. Das ist der Kernpunkt seiner Mystik, der nur ungelenkt in Worten ausgedrückt werden kann. Nach der christlichen Tradition ist  klar, dass die Geburt des Sohnes Gottes auch die Geburt des Menschen ist: Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt. Für den Mystiker geht es da nicht um ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren, sondern um die Erfahrung, die geschieht, wenn der Zustand der Absichtslosigkeit, der Abgeschiedenheit und der Armut im Geist erreicht ist. Das Göttliche tritt in seiner Unmittelbarkeit auf, sodass auch die Wendung von der „Geburt Gottes in der Seele“ passt: Im tiefsten Inneren des Menschen, in dem das Relative seine Macht und seinen Einfluss verloren hat, kommt Gott zur Welt, und der Mensch steht in der Bewusstheit seiner Göttlichkeit.

Aus der Haltung der Absichtslosigkeit folgt übrigens auch, dass ein Gott nur absichtslos handeln kann. Denn  nach dem Verständnis von Eckhart ist auch Gott nicht von Zwecken geleitet, und der Mensch, der sich Gott annähert (oder: Gott in seiner Seele gebiert), muss oder wird deshalb auf seine Absichten verzichten. Im Bewusstsein des Göttlichen sind alle Absichten verschwunden, weil es nichts mehr braucht, was über den Augenblick hinausreicht.

Jenseits von Raum und Zeit

Eine weitere Bestimmung des Absoluten können wir bei Eckhart in Bezug auf Raum und Zeit finden: Es gibt keine Zeit und keinen Ort in ihm. Die Zeit bleibt stehen: „Die Ewigkeit ist ein stehendes Nun.“ Die Ewigkeit ist also nicht eine unendlich lange Zeit, sondern das Jenseits der relativen Zeit. 

Alles Zeitliche und Räumliche ist relativ; die relative Welt beginnt und endet in Raum und Zeit, bzw. mit der relativen Welt enden Zeit und Raum. Im Gewahrsein des Absoluten tritt der Mensch aus dem raum-zeitlichen Koordinatensystem heraus. „Solange der Mensch noch in Zeit und Ort steht, so lange erkennt er Gott nicht.“

Die Rückbeziehung auf die Natur

Einen weiteren Zugang zum Verständnis der Absichtslosigkeit können wir aus der Rückbezogenheit auf die Natur gewinnen. Bei Angelus Silesius steht: „Die Rose ist ohne Warum; sie blühet, weil sie blühet.“ Die Natur ist frei von Absichten, sie wächst, weil sie wächst und sie schrumpft, weil sie schrumpft. Sie entfaltet sich in einem beständigen Prozess des Werdens und Vergehens. 

Für den Menschen heißt das, dass sein Leben den Sinn in sich trägt, weil es lebt. Es braucht keinen Zweck, der ihm erst den Sinn gäbe. Vielmehr geht auf der Suche nach dem Zweck der Sinn verloren. Mit anderen Worten: Mit der Frage nach dem Zweck geraten wir von der Sphäre des Absoluten ins Relative, und im Relativen gibt es nur einen relativen Sinn. Das „Sunder warumbe“ Eckharts kennzeichnet eine Haltung, die auf jedes Beiwerk zur Ausschmückung und Rechtfertigung der eigenen Existenz verzichtet und sich auf die Einfachheit des Seins beschränkt, die frei ist vom Wollen von etwas, das nur in der Fantasie existiert.

 Jede Warum-Frage führt zu Begründungen und zu Rechtfertigungen, im Grund immer zu Erzählungen, die mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun haben. Das Warum zeigt auf, dass das, was ist, bedingt ist, und die Frage zielt auf die Bedingungen. Es braucht etwas anderes, um zu sein. So sind die Zusammenhänge in der relativen Welt der Raum-Zeitlichkeit beschaffen. In der Welt des Absoluten fallen all diese Verbindungen und Abhängigkeiten zusammen in eins, in die Einfachheit des Seins.

Die Abgeschiedenheit

Werfen wir noch einen Blick auf ein Zitat von Meister Eckhart, das verwunderlich erscheint: „Abgeschiedenheit ist besser als Liebe.“ Auf den ersten Blick vermeint man eine Empfehlung für die eremitische Lebensweise mit dem asketischen Verzicht auf zwischenmenschliche Liebe zu hören. Doch geht es Eckhart mit dem Ausdruck der Abgeschiedenheit nicht um einen Lebensstil der Absonderung, sondern um einen inneren Weg, in dem es um das Abscheiden von allen Versuchungen des Egos geht. Abgeschieden (von den eigenwilligen Impulsen) ist jemand, der keine Absichten und Erwartungen hat und der seinen Eigenwillen einer höheren Lenkung überlassen hat. Die menschliche Liebe ist immer auf eine andere Person bezogen, sie beruht also auf einem Verhältnis von Subjekt und Objekt (Liebender und Geliebtes) und ist in dieser Weise Teil der Relativität. Sie kommt und geht als Phänomen persönlichen Erlebens. Sie ist emotional beladen und vergänglich.

Erst mit der vollzogenen Abgeschiedenheit kann die andere Form der Liebe auftreten, die der Impulsgeber und der Zielpunkt jeder menschlichen Liebesbemühung ist, die reine oder die göttliche Liebe. Sie ist nicht an Absichten, Erwartungen oder Bedingungen geknüpft, sondern für Eckhart nur im Zentrum der Seele, in der Gott geboren ist, erfahren werden kann. Sie ist frei von Beziehungen oder Verhältnissen, weil sie einfach ist und durch alles, was ist, hindurch wirkt.

Anmerkung: Alle Zitate stammen von Meister Eckhart, übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen.

Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Erwartungen und Enttäuschungen
Absichtslosigkeit in der Therapie


Freitag, 29. Dezember 2017

Das Ja zum Selbst

Psychologen behaupten gerne: Was immer wir
an der Welt (den Gegebenheiten, den anderen Menschen) nicht akzeptieren können, hat mit etwas zu tun, was wir an uns selber nicht akzeptieren können. Anders ausgedrückt: Wenn wir die Welt, so wie sie ist, ablehnen, lehnen wir uns selbst ab. Diese Gleichung muss keine absolute Wahrheit sein, aber wir können sie als heuristische Hypothese verwenden, also als eine Annahme, die uns zu Erkenntnisgewinnen verhelfen kann. 

Die Welt an sich ist bekanntlich weder gut noch böse, es ist unsere Interpretation, die sie dazu macht. Wir färben die Welt nach unseren Vorlieben und Abneigungen und den daraus geformten Filtern und Mustern, die sich in sehr früh einsetzenden Lernprozessen gebildet haben und sich durch jede Erfahrung laufend weiterentwickeln. Diese erworbenen Voreingenommenheiten werden aktiviert, wenn wir ablehnen, was sich in unserem Leben gerade abspielt. Durch die Übung des kategorialen Akzeptierens, wie sie im vorigen Artikel beschrieben wurde, können wir auf solche Lernprozesse Einfluss nehmen und den Spielraum des Akzeptierens erweitern und mehr an innerer Freiheit gewinnen.


Nichts Menschliches ist uns fremd


Wir kennen alle Aspekte des Menschlichen, manche mehr, manche weniger. Wir tragen die Liebende in uns und die Hassende, den Mörder und das Opfer, den Friedfertigen und den Kämpfer, das Schnelle und das Langsame usw.

Erziehung besteht oft in einer Serie von Bewertungen mit Stärken/Schwächen-Analyse: Das hast du gut gemacht, das könnte noch besser sein, dass solltest du nie mehr wieder tun. Der emotionale Ton dieser Rückmeldungen, die ein Kind im Lauf seines Aufwachsens bekommt, bewirkt die Stärke der Einprägung. Je stärker die gefühlsmäßige Ladung in die Nähe zur Drohung eines Liebesentzugs oder Beziehungsabbruches neigt, desto mächtiger ist der Einfluss auf die Schwächung der Selbstakzeptanz. Dazu kommt, dass sich die Drohung nicht nur auf Verhaltensweisen, sondern auf die Person bezieht, zumindest nehmen es Kinder so wahr, wenn der Unterschied nicht deutlich gemacht wird. Auf diese Weise lernt das Kind, bestimmte Aspekte seines Selbst zu unterdrücken: Was die Bindungssicherheit mit den Bezugspersonen gefährdet, muss unterlassen werden und im Rahmen des Gefühls- und Verhaltensrepertoires auf die Negativseite verbucht werden.  Es erhält Etikette wie „schlecht“, „böse“, negativ“, „lieblos“ usw. Der Bereich der Selbstakzeptanz wird um all diese Inhalte verringert.

Von außen wird schnell klar, dass Eltern dort mit Drohungen arbeiten, wo sie sich selbst bedroht fühlen: Sie kommen mit Gefühlen ihrer Kinder nicht klar, weil sie diese an unverarbeitete eigene Kindheitstraumen erinnern oder haben die Angst, dass die Kinder die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen können, wenn sie nicht einer bestimmten Form der Erziehung, die mit Drohungen arbeitet, unterzogen werden. Doch das Kind kann nicht durchschauen, dass Eltern in ihrem Selbstbezug gestört sind, sondern sucht die Ursache des Abgelehntwerdens in sich selbst. Der Liebesentzug als Erziehungsmittel beinhaltet eine kategoriale Ablehnung, und folglich muss sich das Kind in seiner Existenz in Frage gestellt fühlen. Sein Selbstsein wird nur unter bestimmten Bedingungen akzeptiert, und auf dieser schmalen und unsicheren Basis kann das Kind nicht lernen sich selbst zu akzeptieren. Was es erlernt, ist die bedingte Akzeptanz: Wenn ich so oder so bin (sprich: mich verhalte), bin ich akzeptiert und werde ich geliebt, sonst nicht. 

Diese bedingte Akzeptanz wird zugleich zur bedingten Selbstannahme. Das Kind teilt sein Inneres in gute und in böse oder schlechte Teile auf, die guten sucht es zu stärken und die schlechten durch Abwertung zu unterbinden. Auch die neutralen, von den Eltern nicht bewerteten Aspekte der eigenen Persönlichkeit können den Selbstwert nicht stärken; Menschen sind manchmal irritiert, dass sie von anderen für Eigenschaften oder Fähigkeiten geschätzt und bewundert werden, von denen sie annehmen, dass es sich nur um Selbstverständlichkeiten handelt. Manche Eltern vermitteln offenbar ihren Kindern die Einstellung, dass es nur zwei Kategorien kindlichen Verhaltens gibt: Solches, das schlecht ist und solches, das selbstverständlich ist und keiner besonderen positiven Erwähnung bedarf. 

Die Selbstakzeptanz entwickelt sich in dem Maß und in der Qualität, wie sie als Akzeptanz von außen vermittelt wurde. Positive Annahme durch die Eltern macht es Kindern leicht, sich selbst anzunehmen; vorherrschende kritische und ablehnende Eltern erziehen Kinder zu geringer Selbstakzeptanz. Der Grad an Selbstakzeptanz, den später dann die erwachsene Person aufweist, ist ein Spiegel des erlittenen Kindheitsschicksals. 

Im nächsten Schritt werden die erlittenen Mängel und Liebesbedrohungen auf die Umgebung projiziert und spiegeln sich von dort zurück in all den Aspekten, die an ihr nicht akzeptiert werden können. Die Welt ist schlecht, weil mir beigebracht wurde, dass meine Innenwelt schlecht ist. Im Außen wird bekämpft, was im Inneren verboten ist. Zum Beispiel werden bestimmte, der Norm nicht entsprechende sexuelle Verhaltensweisen aggressiv abgelehnt, die im eigenen Inneren nicht sein dürfen. Oder es werden auf schwache Randgruppen Bedrohungen projiziert, die ihre Wurzeln in der liebesarmen Kindheit haben.


Der Spiegel im Spiegel


Was wir am wenigsten an uns selbst akzeptieren können, zeigt die Lücken und Löcher auf, die die emotionalen Mangelerfahrungen unserer Kindheit in unserem Selbstbild hinterlassen haben. Deshalb machen wir die Welt dafür verantwortlich und trennen uns von ihr durch das Nicht-Akzeptieren. Diejenigen Elemente der Außenwelt, die uns aus unserer Mitte werfen und unsere Lebenszufriedenheit schmälern, sollen verschwinden. Sie sind schuld an unserer Misere.

Wir haben es also mit einer verdoppelten Spiegelung zu tun, einem Spiegel im Spiegel: die Wirklichkeit spiegelt uns unsere unbewussten Lücken der Selbstakzeptanz. Diese Schwächen spiegeln die Mängel wieder, die wir in der Kindheit erlitten haben. In dieser Doppelspiegelung verzerrt sich unser Bezug zur Wirklichkeit zweifach. Wir haben eine Illusion und eine Illusion der Illusion aufgebaut. 

Die doppelte Absicherung der Wirklichkeitsverzerrung macht es besonders schwierig, sie zu durchschauen und zu korrigieren. Die Abwehrstrategien unseres Verstands sind zu ihrer Verteidigung aufgestellt, bereit, sofort aktiv zu werden, sobald etwas um uns herum unser enges Konzept der Selbstakzeptanz bedroht.

Unschwer können wir erkennen, dass Demagogen, Populisten und Prediger diese Mechanismen ausnutzen. Sie nutzen die inneren Bedrohungsszenarien ihrer Anhänger für ihre eigenen Zwecke aus und können sich auf die Doppelsicherung der inneren Abwehr verlassen. Sobald jemand die Sprache der eigenen Ängste spricht, bekommt er das ungeprüfte Vertrauen.


Der Weg zur Selbstakzeptanz


Die Entwirrung ist nicht einfach und bedarf der inneren Arbeit. Sie geht den entgegengesetzten Weg: Was uns an der Wirklichkeit stört, sodass wir es nicht akzeptieren können, verweist auf eine Schwäche im Selbstbezug, und diese hat ihre Wurzel im Mangelerleben während der eigenen Kindheit. Übernehmen wir die Verantwortung für unser Schicksal und beginnen, uns mit unseren Mängeln zu akzeptieren, steigt auch unsere Bereitschaft und Fähigkeit, konstruktiv mit den Schwächen unseres Wirklichkeitsbezugs umzugehen, sodass wir schneller akzeptieren können, was ist, und zur aktiven Änderung schreiten können, wenn etwas geändert werden kann oder uns mit dem abzufinden, was zu verändern nicht in unserer Macht liegt, getreu dem berühmten Gelassenheitsgebet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

Jeder von uns ist ein einzigartiges Ensemble an Stärken und Schwächen – aus Dingen, die uns leichtfallen und die wir gut zuwege bringen, und Dingen, mit denen wir uns schwer tun und mit denen wir kämpfen. Gerade diese Mischung macht uns zu dem, was wir sind. Es hilft nichts, wenn wir uns wegen unserer Schwächen selbst geißeln. Es hilft auch nicht, wenn wir uns mit unseren Stärken brüsten und unsere Schwächen verstecken. Wir kommen nur weiter, wenn wir bereit sind, uns selber mit unseren Schwächen zu akzeptieren, also uns in unserer Unvollkommenheit anzunehmen. Das ist der Hintergrund, vor dem wir an unserer Entwicklung arbeiten können: Schwächen zu verbessern und Stärken auszubauen. Zur Selbstakzeptanz gehört, dass wir uns in unseren eigenen Formen des Lernens und Entwickelns annehmen, statt uns blind mit anderen zu vergleichen oder deren Strategien zu übernehmen. Wir brauchen uns selbst nicht wegen unserer Schwächen abzuwerten, da wir wissen, dass wir lern- und entwicklungsfähig sind und nie so bleiben können, wie wir gerade sind und dass gerade unsere Schwächen einen starken Anreiz zum Verändern bieten.

Wir sind in unserer Einzigartigkeit wunderbare Projekte im Werden. Wir wissen nicht einmal, wohin uns unsere innere Evolution führen wird und vor welche Herausforderungen unsere Fähigkeit zur Selbstakzeptanz noch gestellt sein wird. Krankheiten, Unfälle, Alterungsprozesse, Todesfälle, Katastrophen aller Art: Können wir das Leben akzeptieren, wenn es sich nicht von seiner Schokoladenseite zeigt? Und können wir und uns selbst akzeptieren, wenn wir folgenschwere Fehler machen, an uns selbst scheitern, körperlich oder geistig nicht mehr mithalten können? Hier liegen die Wachstumschancen, die uns das Leben anbietet, um unsere Akzeptanz, unsere Selbstannahme zu vertiefen. Was auch immer das Leben mit uns vorhat, je stabiler wir die Selbstakzeptanz in uns verankern können, desto leichter werden wir trotz aller unvorhersehbarer Strömungen und Windverhältnissen auf unserem inneren Kurs bleiben können.

Es gibt dazu sogar eine noch weisere Stimme, die dir zuflüstert: Welchen Kurs du auch immer durch dein Leben segelst – es ist immer dein Weg, an dem alles seine Stimmigkeit hat: die Art und Weise, wie du dein Selbst akzeptierst oder verleugnest, die Art und Weise, wie du die Welt akzeptierst oder ablehnst, die Art und Weise deines Lernens und Wachsens sind genauso, wie sie sind, von der tiefsten Kraft des Lebens akzeptiert. Du brauchst dich ihr nur anzuschließen und hinzugeben: Im bedingungslosen Ja zu dir selbst.

Zum Weiterlesen: 
Sag Ja zum Moment
Unterschiede im inneren Wachstum