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Dienstag, 20. September 2022

Ich bin, wie ich bin, sagt die Selbstliebe

Im vorigen Blogartikel war die Rede von der Spaltung zwischen Selbst und Wirklichkeit, die entsteht, wenn wir das, was ist, ablehnen und uns dagegen stellen. Eine andere, ebenfalls sehr weit verbreitete Variante des Auseinanderklaffens zwischen dem Selbst und der Wirklichkeit ereignet sich in Bezug auf eine ganz besondere Wirklichkeit, nämlich die des eigenen Inneren. Wir geben uns selbst die Schuld für irgendein Misslingen, genauer gesagt, einem bestimmten Teil von uns, z.B. unserer kommunikativen Unfähigkeit oder einer anderen Mangelhaftigkeit.

Weil ich nicht gut beschreiben kann, was meine Symptome sind, kann mir kein Arzt helfen. Weil ich mich nirgends auskenne, komme ich nicht weiter und bin immer auf Hilfe angewiesen. Weil ich zu blöd bin, habe ich schon wieder einen Fehler gemacht und muss die Arbeit doppelt machen.

Für alles oder vieles, was nicht so klappt, wie es klappen sollte, geben wir uns selber die Schuld. Natürlich sind es wir selber, die immer wieder einen Unsinn anstellen, die vergesslich sind oder Sachen mangelhaft erledigen, und in solchen Fällen liegen auch die Schuld und die Verantwortung bei uns. Wenn wir uns aber darüber hinaus eine Verantwortung für Abläufe zuschreiben, die wir selber nicht in der Hand haben, überspannen wir den Bogen und schaffen einen inneren Konflikt. Wir arbeiten gegen uns selbst, oder: Unser Selbst arbeitet gegen die Wirklichkeit in uns, die sich nicht an unsere ausgedachten Erwartungen und Ideale hält, sondern ihre eigenen Orientierungen hat, die uns gar nicht bekannt sind. Sie stammen aus dem Unterbewusstsein, von dem die meisten Prozesse gesteuert werden, die unser tägliches Leben bestimmen. 

Jeder Selbstvorwurf, der sich in uns meldet, bietet einen Hinweis auf solche unbewussten Antriebe oder Widerstände, die uns in Fehlleistungen und anderen schwächen Momenten auffallen. Statt aber zu schauen, welche Impulse hinter diesen Fehlerhaftigkeiten stecken, neigen wir dazu, uns selbst anzuklagen und erschaffen damit einen inneren Konflikt, der unsere Stimmung belastet und unser Handeln lähmt. 

Vom Verhalten zur Person

Erst recht spalten wir uns von uns selber ab, wenn wir von einzelnen Fehlleistungen auf uns als Person zurückschließen. Wir verallgemeinern unzulässig, indem wir von Einzelnem auf die Ganzheit unserer Person schließen. Wir vertiefen den Riss in uns, der zwischen unserem Selbst und unserem Verhalten entstanden ist, indem wir unser Selbst mit unserem Tun oder Nichttun gleichsetzen. Wir sind zugleich unser strengster Richter und der zerknirschte Angeklagte, dem immer wieder Fehltritte unterlaufen, die mit peinlicher Genauigkeit in einem Vorvergehensregister abgespeichert sind. Manchmal produziert deshalb unser Verstand bei solchen Gelegenheiten gleich eine ganze Litanei aus alten Fehlern, Irrtümern und Unüberlegtheiten.

Es ist psycho-logisch, dass wir solche Manöver verinnerlicht haben, weil wir immer wieder von außen Opfer dieser Prozedur wurden: Jede Kritik, die unser Verhalten und Tun mit unserer Person vermengt hat, schafft einen inneren Zwiespalt, der offen bleibt, solange wir die Unrechtmäßigkeit und Unverhältnismäßigkeit nicht verstehen, solange wir also noch klein sind. Wir haben vielleicht Sätze gehört wie: „Du hast schon wieder einen Fehler gemacht, du bist ein Versager.“ „Du kannst das noch immer nicht, aus dir wird nie etwas werden.“ Wir verinnerlichen diese Abwertungen und wenden sie gegen uns selbst: „Ich bin eben ein Versager.“ „Ich bin eben unfähig.“ Wir haben die Autoritätsinstanz, die uns in früheren Zeiten beurteilt hat, in unserem Inneren sesshaft gemacht und bringen sie gegen uns selber in Stellung. Im Grund wollen wir vor uns selber das brav gemachte Kind sein, das von seinen Eltern die Anerkennung dafür bekommt, dass es sich endlich ihren Erwartungen gemäß verhält oder zumindest reumütig zeigt, wenn es die Wünsche und Bedürfnisse der anderen nicht erfüllt. Wir sagen zu uns: „Immer wenn ich wieder einmal die Erwartungen enttäusche, kritisiere ich mich dafür, um endlich der Mensch zu werden, der Anerkennung und Wertschätzung verdient. 

Selbstkritik ist aber eine schlechte Basis für Selbstanerkennung. Denn Selbstvorwürfe nagen am Selbstwert und Selbstverurteilungen schädigen die Selbstbeziehung und erzeugen eine innere Schieflage: Der selbstschädigende Teil wird gestärkt, der lebenswillige und gesunde Teil wird geschwächt. Die Verletzungsgeschichte mit ihrem langen Sündenregister wird vertieft, während die Heilungsgeschichte mit ihren vielen Erfolgen und Verbesserungen verblasst.

Die Heilung liegt im Selbstverzeihen. Wir sind eben nicht vollkommen, und unser Tun ist immer wieder mal eine Mischung zwischen bewussten Absichten und unbewussten Gegenabsichten. Wir üben uns in der Barmherzigkeit und Empathie mit uns selber. 

Wenn wir wieder in Einklang mit uns selber kommen, würde die Formel, abgewandelt nach Erich Fried, lauten: „Ich bin, wie ich bin – sagt die Selbstliebe“. 

Zum Weiterlesen:
Es ist, was es ist


Donnerstag, 28. Oktober 2021

Die Macht von Glaubenssätzen

In der Psychologie und Psychotherapie sprechen wir immer wieder von Glaubenssätzen (englisch: beliefs). Damit sind prägende Sätze gemeint, die einen hindernden, einschränkenden und selbstabwertenden Charakter haben. Sie wurzeln tief in der Psyche und können eine starke Macht im Innenleben gewinnen. Sie sind an praktisch allen Störungen und Erkrankungen, die wir aus dem psychischen Bereich kennen, beteiligt und liegen deren kognitiven Teil zugrunde. 

Zum Beispiel mischen sich bei Depressionen oft Glaubenssätze ein: Der niedrige, gelähmte Energiezustand führt zu Misserfolgen und Handlungsvermeidungen. Sogleich treten Selbervorwürfe auf, die wiederum das Selbstgefühl niederdrücken, zu weiteren Vermeidungen führen, die in der Folge die Selbstvorwürfe intensivieren. Diese Kreisläufe werden maßgeblich von den Glaubenssätzen, z.B. „Ich bin nicht wertvoll“ oder „Ich bin unfähig“ beeinflusst. Diese Sätze führen im Hintergrund Regie, ohne dass sie bewusst werden.

Die Glaubenssätze, von denen wir hier sprechen, sind älter als das Denken, für das wir höhere Gehirnfunktionen benötigen. Wie ist das zu verstehen? Frühe verstörende, verletzende und traumatisierende Erfahrungen führen zu starken körperlichen Reaktionen, zu denen schon bald im Lauf der Entwicklungen Gefühle oder Vorformen von Gefühlen kommen. Glaubenssätze sind dann die sprachliche Form dieser Gefühlserfahrungen, die im Unterbewusstsein abgespeichert sind.

Wir sprechen in Analogie zur Computerwelt auch von Programmierungen. Die Analogie passt insofern, als diese Sätze ihre Wirkung im Hintergrund entfalten, sich in alle Abläufe einmischen können und viele Handlungen steuern. Sind diese Hintergrundprogrammierungen defekt, ist das gesamte System arbeitsunfähig.

Die Macht der Glaubenssätze

Wie können Sätze eine derartige Macht über uns ausüben? Es sind ja nur Worte, die wir oft nicht einmal bewusst hören, die zwar irgendwo im Unterbewussten wabern, aber auch dort bleiben könnten. Es sind aber tatsächlich nicht die Worte, die so mächtig sind, sondern die Gefühle und Gefühlsmuster, die durch die Worte ausgelöst oder ausgedrückt werden. Die Sätze sind Stellvertreter für emotionale Erfahrungen, die sich im Lauf der Seelenentwicklung aufbauen und einprägen. Sie fassen zusammen, was es an Verletzungen und Traumatisierungen in der eigenen Geschichte gegeben hat. Sie können ihre Ursprünge bei unseren ganz ersten Erfahrungen haben.

Ein Beispiel: Ein Kind, das empfangen wird, aber für die Eltern zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kommt oder in denkbar ungünstige Umstände hineingerät, nimmt den Stress der Eltern mit der Botschaft auf, nicht willkommen zu sein. Der Glaubenssatz ist dann also: „Ich bin nicht gewollt“ oder „Ich bin nicht willkommen“.

Wir wissen allerdings, dass menschliche Wesen nach der Geburt ein bis zwei Jahre brauchen, um überhaupt Sätze formulieren und ausdrücken zu können. Das Sprachzentrum im Gehirn ist erst ab einem bestimmten Reifegrad in der Lage, Worte in einen grammatikalischen Zusammenhang zu bringen. Das Worterlernen ist schon ein erster wichtiger Schritt zum Erwerb der Sprachkompetenz; das Bilden von Sätzen erfordert den Sprung auf ein höheres Komplexitätsniveau. Wie soll das aber gehen, wenn Sätze schon am Anfang des Lebens, also noch lange bevor es ein Sprachzentrum gibt, gebildet werden, noch dazu solche, die dann eine lebenslängliche Wirkung haben sollen?

Die organischen Ursprünge von Glaubenssätzen

Dazu schlage ich ein Modell vor, das diese Zusammenhänge erklären kann. Die erste Annahme, die wir dazu treffen müssen, besagt, dass Zellen über ein Gedächtnis verfügen, das vor allem Gefahrenquellen abspeichern kann, um vor künftigen Bedrohungen zu schützen. Lebewesen brauchen einen Angstspeicher, der ihnen hilft, unter wechselnden äußeren Umständen überleben zu können. Selbst wenn Einzelzellen oder einfache Zellverbände kein Gehirn mit Bereichen haben, die auf Angst spezialisiert sind, kennen sie die Emotion in einer Vorform, die dann später als Angst erlebt wird. Die einfachen Emotionen, die wir als Erwachsene kennen, haben also urtümlichere Vorfahren, Proto-Gefühle, mit denen Außen- und Innenerfahrungen koordiniert werden. Mit zunehmender Reifung entwickelt sich das Bewusstsein, durch das Gefühle dann als Gefühle erfahrbar werden.

Sprache und Gefühle 

Gehen wir eine Komplexitätsstufe weiter nach oben, kommen wir zur Sprache. Sie baut auf den Gefühlen auf und nutzt deren Struktur, um daraus die Grammatik zu bilden. Die Sprache gibt also die abstrahierte Gefühlslandschaft wieder und bildet deren Dynamik ab. Glaubenssätze sind dann nichts anderes als die abstrakten Abbilder von Gefühlserfahrungen, die sie auf den Punkt bringen und zusammenfassen. Stellen wir uns vor, ein winziger Organismus erlebt eine fortdauernde Verunsicherung, weil er sich in einer bedrohlichen Umgebung befindet, z.B. im Mutterleib einer drogenabhängigen oder alkoholsüchtigen Mutter.  Diese andauernd wirksame Angst  findet im Glaubenssatz: „Ich bin ohnmächtig und ausgeliefert“ ihren Niederschlag. Die subjektbezogene Umkehrung, in die die Urscham einfließt, lautet: „Ich bin nicht willkommen, ich bin nicht liebenswert, ich sollte besser nicht existieren.“ 

In dem frühen Stadium der Bildung des Glaubenssatzes besteht er natürlich noch nicht in der sprachlichen Form und ist auch als solcher nicht bewusst. Aber er ist gewissermaßen im Kern angelegt, sodass er, sobald die Sprache zur Verfügung steht, in diese Form gekleidet werden kann. Meist bleibt er dennoch unbewusst und äußert sich versteckt in anderen Botschaften, die im Leben als Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit oder anderen Missstimmungen ausgedrückt werden. 

Die unbewussten Glaubenssätze üben eine Schutzfunktion aus. Sie sollen verhindern, dass die seelischen Bereiche, in denen die traumatischen Erinnerungen gespeichert sind, geöffnet werden. Denn die Befürchtung ist berechtigt, dass ein unbeabsichtigtes Eindringen in diese Räume zu einer massiven Überflutung und Überforderung mit schmerz- und grauenhaften Gefühlen führen würde. Also sorgen die negativen, selbstabwertenden kognitiven Strukturen dafür, dass sich die betroffene Person zwar permanent schlecht fühlt, sich aber auch an diese Gefühlslage soweit gewöhnt, dass sie nichts mehr daran ändern will. 

Die Sprache wirkt zurück auf die Gefühle. Indem sie sie benennt, können sie leichter reguliert werden, aber es kommt auch dazu, dass sie über gedankliche Vorgänge schneller und vielfältiger aktiviert werden. Denn die entsprechenden Worte, aber auch die sprachlich in Sätzen formulierten Gedanken können entsprechende Gefühle hervorrufen: Wir denken an etwas, das wir vergessen haben könnten, und es treten Angstgefühle auf. 

Auf diese Weise bilden sich Rückkoppelungseffekte und Verstärkerkreise: Gedanken verstärken Gefühle, die wiederum Gedanken verstärken, usw. Die unheilvollen und qualvollen Auswirkungen solcher negativer Selbstbestätigungen kennen alle Grübler und viele Depressive oder Menschen mit Zwängen.

Die Entmachtung der negativen Glaubenssätze

Glaubenssätze sind also Symptome und nicht Ursachen für Verstörungen und Irritationen im Selbstkontakt und in der Selbstannahme. Die Ursprünge liegen in traumatischen Erfahrungen, vor allem in dysfunktionalen Entwicklungsbedingungen und unsicheren Bindungen in den Anfängen des Lebens. Wenn wir die unbewussten Glaubenssätze bewusst machen, – und oft bedarf es dazu fachkundiger Begleitung –, können wir ihre Herkunft identifizieren. Die eigentliche Heilarbeit muss an diesen Wurzeln ansetzen. 

Ein zusätzlicher ressourcenstärkender Teil der Arbeit besteht darin, dass die Glaubenssätze entmachtet werden, indem sie zunächst in ihrer Natur als Gedanken erkannt werden. Gedanken können sehr mächtig sein, sie haben aber eine „Schwäche“, sie können, sobald sie bewusst sind, umgedacht werden. Sie können also mit Hilfe des Bewusstseins in ihr Gegenteil verkehrt werden. Aus: „Ich bin nicht willkommen“ wird einfach: „Ich bin willkommen.“ 

Gedanken sind also nur dadurch machtvoll, dass sie unkontrolliert aus dem Unterbewusstsein hochsteigen und dabei auf die Gefühlslandschaft einwirken. Sie können nachträglich aber relativ leicht in die Schranken gewiesen werden, indem sie mit bewusster Achtsamkeit beendet und durch andere oder gegenteilige Gedanken ersetzt werden.

Umbau des Gehirns

Dieses Gedankentraining verhilft dazu, dass die negative Selbstbeziehung, die die Folge von frühen Störungen darstellt, auf der obersten Ebene durch eine bewusste Denkanstrengung in eine positive Selbstbeziehung umgewandelt wird. Die Einprägungen im Gehirn, also die Nervenbahnen und synaptischen Verbindungen, die durch die Glaubenssätze ausgebildet wurden, werden abgeschwächt, indem ihr Gegenteil eingeprägt wird. Darin besteht die Kraft der Arbeit mit Affirmationen. Sie helfen, das Gehirn umzustrukturieren. Sie erleichtern den Zutritt zu den frühen emotionalen Wunden. So wird es leichter, sie zu bearbeiten. 

Wenn die zentral wirksamen Glaubenssätze einmal bewusst geworden sind, können sie in ihren Auswirkungen auf das eigene Leben wahrgenommen und dort mit der entsprechenden Bewusstheit unschädlich gemacht werden. Immer wenn sie sich in die Abläufe einmischen wollen und dabei ertappt werden, kann das positive Gegenteil des negativen Satzes als Hilfsmittel herangezogen werden und im Inneren wiederholt werden. So festigt sich eine neue Gewohnheit, sich selber auf der kognitiven Ebene wertzuschätzen und zu achten. Von dieser Ebene sinkt dann langsam das neue Selbstgefühl in die tieferen Schichten der Seele.

Die Affirmation der Geburtsrechte

Die positiven Glaubenssätze bekräftigen die Geburtsrechte, d.h. die Ansprüche an das Menschsein, die die Grundlage jedes Menschenlebens und jeder menschlichen Gemeinschaft bilden. Sie spiegeln das Wesen des Menschen wider, seine Würde und die Achtung für die Besonderheit. Sie stammen aus der Stimme des Lebens zu uns selbst, des Lebens, das genau dieses Menschenleben so wollte, wie es ist und es in jedem Moment in seinem Sein und Wachsen unterstützt. 

Affirmationen sind bejahende Selbstbekräftigungen, die unsere Wesensnatur und unsere heile Selbstbeziehung ausdrücken. Sie bestärken unseren angemessenen Platz in der Gesellschaft und die gleichrangigen Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Sie tragen zu unserem Wohlbefinden und zu unserer Lebensfreude bei.

Sie sind kein Hokuspokus, sondern Botschaften, die wir an uns selbst und an die verängstigten und verletzten Teile von uns richten. Wir beziehen uns fürsorglich und unterstützend auf uns selber. Auf Grund unserer Traumageschichte haben wir vergessen, wer wir wirklich sind und was uns im Wesen ausmacht. Mit positiven Glaubenssätzen holen wir uns unsere Würde und unsere Lebensrechte zurück.

Zum Weiterlesen:

Die soziale Wirkung negativer Glaubenssätze
Glaubenssätze und Scham
Gefühle machen Gedanken machen Gefühle
Beklagen - Selbsterzeugte Gehirnwäsche
Über die Pflicht zum Optimismus
Autarkie und Scham


Mittwoch, 28. Juli 2021

Selbstakzeptanz und Schamheilung

Die Scham ist ein soziales Gefühl, das darauf aufmerksam macht, dass die Zugehörigkeit zur Bezugsgruppe gefährdet ist. Es betrifft die eigene Person als ganze, die moralisch als fehler- und mangelhaft erscheint und deshalb ausgeschlossen werden könnte. Es braucht die explizite Akzeptanz durch die anderen Gruppenmitglieder, damit sich die Scham auflösen kann.

Welche Rolle kann dann aber dann die Selbstakzeptanz bei der Schamheilung spielen?

Wenn die Bedrohung der Zugehörigkeit zur eigenen Familie immer wieder aufgetaucht ist, entwickelt sich eine dauerhafte Schambelastung. Erfolgten in der Kindheit immer wieder Beschämungen und Demütigungen durch die Eltern und Erziehungspersonen, so wird die Scham zu einem angelernten Persönlichkeitszug. Sie setzt sich gewissermaßen in allen Zellen fest. Sie hinterlässt ihre Spuren im Gesicht und in der Körperhaltung. Und sie führt zu Stressbelastungen, neurotischen Symptomen und seelischen Erkrankungen.

Die krankhafte Scham, die viele Erwachsene mit sich herumtragen, hat nichts mehr mit einer akuten Bedrohung der Zugehörigkeit zu tun. Sie beruht auf frühen Erfahrungen, die zu übertrieben schambezogenen Deutungen von aktuellen Situationen führen. Viel zu vieles, was im eigenen Leben geschieht, wird als schamvoll oder beschämend interpretiert. Die Alternative dazu stellt das Ausweichen in die Unverschämtheit dar: Statt mich selber zu schämen, beschäme ich lieber andere.

In solchen Erfahrungen fehlt die Grundakzeptanz der eigenen Person. Sie wird als abnormal und ungeeignet, als unfähig und gestört erlebt. Sie sollte besser nicht sein, weil sie nicht besser sein kann. Die Selbstablehnung kann im Extremfall bis zu Gedanken oder Aktionen der Selbstauslöschung führen.

Selbstakzeptanz üben

Die Übung der Selbstakzeptanz ist deshalb ein wichtiges und wirksames Gegenmittel zur Heilung von krankmachenden Schambelastungen. Sie beruht auf dem Verständnis, dass diese Form der Scham eine erlernte Überlebensstrategie zur Anpassung an ein gestörtes Familiensystem darstellt. Gestört ist nicht die eigene Person, sondern der soziale Zusammenhang, in dem das eigene Aufwachsen erfolgt ist. Ohne immer wieder in die Schamposition zu gehen, war es nicht möglich, Zuwendung und Liebe zu bekommen. Damit wird die Schamhaltung (oder die Schamvermeidungshaltung) zur Lebenshaltung, die in Situationen stärkerer Belastung im späteren Leben immer wieder aktiviert wird.

Die Selbstannahme dreht den Lernprozess um, weil die ursprünglich erworbene Überlebensstrategie nicht mehr gültig ist und nicht mehr gebraucht wird. Alles, was an Ablehnung und Nichtakzeptanz durch die Bezugspersonen geschehen ist, bekommt jetzt ein Gegengewicht durch bewusste Akte der Selbstannahme und Selbstakzeptanz. Die Selbstbeziehung wird also umgepolt und damit auf eine gesunde Grundlage gestellt, die sich von den dysfunktionalen und defizitären Familienstrukturen der eigenen Kindheit distanziert hat.

Jede beschämende und demütigende Abwertung, die in der frühen Entwicklung erlebt werden musste, hat die Akzeptanz des eigenen Selbst unterminiert. Ganz arge Demütigungen können sogar das Selbst zerbrechen oder spalten. In der Selbstannahme wird das Selbst wieder restauriert und in sein Recht gesetzt. Wir nehmen uns in unserer Person auf der tiefsten Ebene bedingungslos an und löschen damit die Spuren, die die Verletzungen unserer Persönlichkeit hinterlassen haben.

Wie üben wir die Selbstakzeptanz?

Wichtig ist es zu erkennen, wann und wo wir uns selbst ablehnen und nicht zu uns selbst stehen. Wir müssen (und sollten) nicht alles gutheißen, was wir tun oder unterlassen. Wir brauchen ein gutes Maß an Selbstkritik, damit wir aus unseren Fehlern lernen können. Was wir aber niemals zulassen sollten, ist die Infragestellung unseres Eigenwertes und unserer Selbstachtung. Angriffe auf uns als Person gehören aufgezeigt und zurückgewiesen, ob sie von anderen oder von uns selbst kommen. Niemand hat das Recht, unsere Person und unsere Existenz zu kritisieren, auch wir selbst nicht. Kritik darf sich nur auf Handlungen oder Gedanken, die wir äußern, beziehen, aber nicht auf uns als Menschen. Denn unsere Würde bleibt bestehen und intakt, was immer wir in der Welt anstellen.

Die Selbstakzeptanz, die wir nicht mit einer kritiklosen Akzeptanz all unseres Tuns verwechseln dürfen, ist der direkte Weg zu unserer persönlichen Würde. Ihr Schutz sollte uns ein wichtiges Anliegen sein. Oft sind es wir selber, die auf diese Würde losgehen, als würden wir sie nicht verdienen.

Selbstabwertung und Selbstkritik

Es ist nicht schwer, Selbstabwertungen, die sich auf uns als Person richten, und Selbstkritik, die sich auf das bezieht, was wir machen, zu unterscheiden. Wir brauchen nur darauf zu achten, was die Konsequenz der Infragestellung ist. Im einen Fall, wenn sie auf unsere Person als ganze gerichtet ist, sind wir macht- und hilflos: Wir können kein anderer Mensch werden, wir sind in unserem Sein und Wesen so, wie wir sind. Wir können nicht zu einer anderen Person werden. Im anderen Fall wissen wir, was wir ändern sollten und können uns darum kümmern.

Wir praktizieren eine Essensgewohnheit, die uns nicht zuträglich ist, und kritisieren uns selbst dafür. Mit der Kritik wollen wir uns dazu motivieren, gesündere Lebensmittel zu uns zu nehmen. Wenn wir uns selber als schlechter, unfähiger oder gestörter Mensch bezeichnen, können wir nichts dagegen tun. Wir können weder unseren Charakter, unseren Persönlichkeitskern noch unsere Geschichte gegen ein anderes Modell austauschen.

Diesem unserem Wesen dient die Selbstakzeptanz. Indem wir die intime Beziehung zu uns selbst und unserem Wesen stärken, entziehen wir der Scham, die uns noch aus beschämenden Kindheitserfahrungen in den Knochen steckt, ihre zerstörerische Macht. Mit jedem Schritt der Selbstannahme geben wir uns selbst die Bestätigung, die wir in unserem Aufwachsen gebraucht hätten. Wir holen uns die Achtung für uns selbst zurück und nehmen unsere Würde, unser Geburtsrecht auf das Menschsein ganz zu uns. Wir verankern tief in uns, dass wir wertvolle und schätzenswerte Menschen sind.

Zum Weiterlesen:
Das Ja zum Selbst
Sag Ja zum Moment

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)

Sonntag, 2. Juni 2019

Vergleichen macht uns abhängig

In diesem Artikel geht es um die Minus-Variante des Vergleichens: Wir suchen uns Vergleichsobjekte, denen gegenüber wir unterlegen sind. Die Über-Variante, wenn wir uns auf andere beziehen, denen wir überlegen sind, funktioniert allerdings mit verkehrten Vorzeichen nach dem gleichen Muster.

Das Vergleichen macht uns in jedem Fall abhängig – von dem Objekt, mit dem wir uns vergleichen. Wir nutzen es als Wertmaßstab: Wir geben diesem Objekt die Macht, über unseren Wert zu bestimmen. Denn durch das Vergleichen ist dieser relativ zum Wert des jeweiligen Vergleichsobjekts, bei dem es sich meist um eine Vergleichsperson handelt. Wir projizieren auf sie die Qualitäten und Eigenschaften, die wir im Grund auch in uns selber haben, von denen wir aber denken, dass sie uns nur mangelhaft zuteil wurden und kaum zur Verfügung stehen. Also suchen wir uns andere Personen, von denen wir annehmen, dass sie besser ausgestattet sind, vergleichen uns mit ihnen und fühlen uns ihnen unterlegen – eine typische Anleitung zum Sich-Unglücklichmachen.

Im Vergleichen beschneiden wir unsere Freiheit, so zu sein, wie wir sind. Wir orientieren uns nicht an unserem Inneren, wo wir so sind, wie wir sind, weil es gar nicht anders geht, sondern an einem Ausschnitt der Außenwelt, die wir als Maßstab definieren, dem wir möglichst entsprechen sollten. Als Erwachsene sind es immer wir, die den Maßstab des Vergleichs wählen. Wir sind es, die eine bestimmte Qualität für so wichtig halten, dass wir uns einbilden, an ihrem Mangel leiden zu müssen.

Es wird wohl sein, dass wir im Zug unseres Aufwachsens unliebsam mit Vergleichen konfrontiert wurden: „Dein Bruder kann das oder jenes viel besser.“ „Du solltest auch so fleißig sein wie deine Kusine.“ „Deine Schwester ist so brav, du müsstest auch so sein.“ Solche Aussagen können sich in unser Unterbewusstsein eingraben und die Vergleichsmechanismen in Gang setzen, die dann den Rest des Lebens automatisiert ablaufen und oft, ohne dass wir es merken, unsere Stimmung herunterziehen. 

Dazu kommt, dass wir meistens davon ausgehen, dass der Vergleich in der Objektivität begründet ist, dass er ein Teil der Wirklichkeit und nicht eine Eigenproduktion ist. Jemand anderer ist besser und wir sind eben schlechter. Natürlich ist es klar, dass die meisten von uns nicht so gut Tennis spielen könnten wie Dominik Thiem oder Magnus Carlsen im Schach nicht schlagen könnten. Aber ernsthaft können wir das nur behaupten, wenn wir uns mit diesen Größen in ihrem Fach direkt gemessen haben. Dann wäre es Teil der Erfahrungsrealität. So aber bleibt es ein reines Gedankenspiel, ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit, außer auf die innere durch eine unnötige Selbstwertminderung, die wir in uns selber unangenehm wahrnehmen. Wir tun uns das Vergleichen samt den Folgen auf unser Empfinden also immer selber an; nichts und niemand zwingt uns dazu. 

So klagt eine Klientin: „Ich kenne Leute, die weise Sprüche von sich geben und auch sonst mit ihrem Leben im Reinen sind, die noch nie Gruppen besucht oder Therapie gemacht haben, die können das einfach. Ich hingegen stoße dauernd auf Probleme, kämpfe immer wieder mit dem einen oder anderen. Und dann treffe ich Menschen, die sich noch nie mit sich selbst beschäftigt haben und dennoch anscheinend zufrieden sind und ein gutes Leben führen. Ich muss soviel dafür tun, dass es mir besser geht, während andere einfach immer gut drauf sind.“

Objektiv betrachtet heißt das nur, dass es viele, viele Unterschiede unter den Menschen gibt. Die einen haben es möglicherweise in manchen Bereichen leichter als die anderen. Aber das ist nur eine Annahme von uns, weil noch dazu das, was leicht und was schwer ist, für jeden Menschen unterschiedlich ist. 

Wir denken uns vielleicht, dass es die kranke Person, die mit Schmerzen im Spitalsbett liegt, schwerer hat als die Pflegerin, die sie betreut. Es kann aber sein, dass die Patientin mit ihrem Schicksal im Frieden ist und die Pflegerin mit ihrer schweren Arbeit hadert und unglücklich ist. Es kann sein, dass Menschen, die wir um ihr zufriedenes Leben beneiden, einige Zeit später in eine Krise geraten, sodass wir um keinen Preis mit ihnen tauschen würden. 

Das Leben spielt seine Stücke nach einer geheimnisvollen Regie, nichts ist vorhersehbar, nichts folgt eindeutigen Regeln und Mustern, sodass es nicht einmal beständige Anker für unsere Lust am Vergleichen gibt. Selbst Idole in der Unterhaltungsbranche oder in der Politik, die von den Medien gehypt und von den Anhängern gefeiert werden, können vom einen Tag auf den anderen vom Thron stürzen, und plötzlich ist uns ein Vergleichsobjekt abhanden kommen und wir müssen uns ein neues suchen – oder wir halten ihm allen Umständen zum Trotz stur die unerschütterliche Treue. So gibt es manche, die bis heute dem Großverbrecher Adolf Hitler ein ehrenvolles Andenken widmen, und unter den Österreichern sind es Hundertausende, die einem Politiker, der durch ein Aufdeckungsvideo jeder Integrität entblättert wurde, nach wie vor ihre Stimme geben, indem sie ihn als Opfer sehen, mit dem sie sich gut identifizieren können.


Automatisches Verlieren


Bei der Minus-Variante des Vergleichens sind wir immer auf der Verliererseite und merken gar nicht, dass die Regeln des Spiels so aufgestellt sind, dass wir nie gewinnen können, und wir überlauern nicht einmal, dass wir selber es waren, die diese Regeln aufgestellt haben. Und zu allem Überdruss verlieren wir dabei beständig gegen uns selber, ohne uns je als Gewinner fühlen zu können. Deshalb schreibt Søren Kierkegaard: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“

In den meisten Fällen ist es den Vergleichsobjekten in der Außenwelt gleichgültig, dass wir sie oberhalb von uns platzieren und uns schlechter fühlen als sie es sind. Es betrifft sie auch nicht, dass wir uns von ihnen abhängig machen, außer wir gehen ihnen mit unserer Bewunderung, Verehrung und Idealisierung auf die Nerven. Denn die offen zur Schau getragene Idealisierung erzeugt Druck auf die idealisierte Person und ist deshalb im Grund eine respektlose Grenzüberschreitung, die freilich viele der Adressaten zur Fütterung ihres Narzissmus einladen, genießen und pflegen.


Wie wir der Idealisierung entkommen


Jeder Mensch hat Stärken, Schwächen, Mängel und Vorzüge. Wenn wir uns mit anderen vergleichen und sie zum Maßstab nehmen, geraten wir leicht in die Tendenz, an anderen das Positive zu über- und das Negative zu unterschätzen. Das nennt man dann Idealisierung. Wieder sitzen wir einer Abhängigkeit auf, wenn wir in diese Falle tappen: Das Ideal in der anderen Person brauchen wir, um mit einem eigenen Mangel zurande zu kommen. Wir nutzen es auch, um selber nichts an uns verändern zu müssen. Statt zu üben und zu lernen, um unsere Fähigkeiten zu erweitern, versenken wir uns in die Bewunderung, die den anderen mit einem Glorienschein umgibt und uns selber schlecht dastehen lässt. 

Dabei kann die einfache Einsicht helfen: Es gibt das Ideal, das wir so bewundern, nicht in der Wirklichkeit, vielmehr ist es eine Produktion unserer Innenwelt. Wir erzeugen den Schein und das strahlende Licht, in dem uns unser idealisiertes Wesen erscheint. Was kann aber der Sinn in einer Produktion sein, wenn wir uns selber damit abwerten und schlechtmachen? Wir machen uns mit dieser Erkenntnis schnell klar, dass wir das nur deshalb tun, weil wir selber immer wieder abgewertet und schlechtgemacht wurden. Es gab Erfahrungen, durch die etwas in uns zerbrochen ist, das unser Selbstvertrauen angeknackst hat. Es fehlt uns jetzt, damit wir uns zutrauen könnten, Dinge in unserem Leben, unserem Charakter und unserer Performance kreativ und konstruktiv zu verändern. Statt dessen fantasieren wir im Äußeren unsere Verbesserung so, als wäre sie schon in uns selber eingetreten, leider in einer anderen Person.


Zweifache Lernübung


Wir kommen aus unserer Sucht am Vergleichen durch zwei Schritte heraus. Wir verwenden jeden Vergleich, den unser Verstand anstellt und der uns auffällt, als Lernübung: Ist da etwas, was wir an anderen sehen und bei uns selber übersehen oder geringschätzen? Wenn wir die Weisheit anderer Menschen bewundern – wie steht es um unsere eigene? Wenn wir unsere rhetorischen Fähigkeiten und unsere Schlagfertigkeit mit anderen vergleichen und dabei nur unsere Mängel in diesem Bereich bemerken – worin könnte der Wert unserer Redekunst liegen? Es geht also darum, unsere Qualitäten als Ausdrucksweisen unserer Individualität mehr in den Mittelpunkt zu rücken und wertzuschätzen. 

Und von dort aus können wir die zweite Lektion in Angriff nehmen: Bedeutet das Vergleichen, das wir vorgenommen haben, dass wir unsere Fähigkeiten in dem entsprechenden Bereich verbessern wollen? Wenn wir andere darum beneiden, dass sie viele Freunde haben, können wir uns die Frage stellen, wie wir selber zu mehr Freunden kommen können. Wenn wir uns mit den musikalischen Fertigkeiten von jemand anderen vergleichen, können wir uns überlegen, ob wir Gesangs- oder Klavierunterricht nehmen wollen. Wir können also das Vergleichen dazu nutzen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Wir sind nicht nur im Gehirn plastisch, also verbesserbar und erweiterbar, sondern auch in vielen anderen Fähigkeiten. Es liegt an uns, ob wir für die entsprechenden Weiterbildungen und Trainings die Energie und Motivation aufbringen. Wir können uns andere in dem Sinn als Vorbild nehmen, dass wir anerkennen und wertschätzen, was sie können und worin sie gut sind, und dass wir daraus den Anreiz ziehen, ihnen auf unsere Weise nachzueifern.

Wir müssen uns nicht in allen Aspekten und Dimensionen, die ein Menschenleben umfasst, weiterentwickeln, das ist auch gar nicht möglich. Vor allem sollten wir jeden Stress vermeiden, der mit einem derartigen Anspruch verbunden ist. Vielmehr können wir uns fragen, was wir wollen, und dann zur Handlung schreiten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir unsere Energie nicht in diesen Bereich stecken wollen, sollten wir allerdings mit dem Vergleichen aufhören. Denn genau dann bringt es uns überhaupt nichts. Statt dessen können wir unsere neidvolle Bewunderung in eine staunende und bedingungslose Wertschätzung umwandeln: Die Schönheit unserer Mitmenschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennen und genießen, ebenso wie unsere eigene.

Auf diesem Weg befreien wir uns von Abhängigkeiten, die uns an die Vergleichsobjekte binden, und lassen sie und uns selbst frei aus diesen selbstproduzierten Fesselungen. Jede Lösung einer Abhängigkeit ist ein Zugewinn an Verantwortung, und in diesem Fall auch an Mitmenschlichkeit. Was gibt es Erfüllenderes und Beglückenderes, als die Vielfalt menschlicher Individualitäten mit Ehrfurcht und Dankbarkeit zu würdigen?

Samstag, 27. April 2019

Selbsthass: Sich selbst der ärgste Feind zu sein

„Ich bin mir selbst mein ärgster Feind“, diesen Satz hören wir manchmal, und er führt uns auf die Spur des Selbsthasses. Tatsächlich können wir am unbarmherzigsten mit uns selber sein, denn wir können uns nie entkommen. Wenn uns jemand anderer schlecht behandelt, können wir ihm aus dem Weg gehen; wenn wir uns selber feindselig gegenübertreten, gibt es keine Ausweichmöglichkeit, und die Verteidigung gegen die Angriffe ist auch äußerst schwierig. Wir laufen herum wie spätmittelalterliche Selbstgeißler, die sich permanent für ihre Sünden bestrafen und nie überlegen, ob das, was sie da tun, nicht selbst sündhaft sein könnte.

Der Selbsthass ist die stärkste und ärgste Form der Selbstverleugnung und
Selbstabtrennung. Wir machen uns selbst zu unserem eigenen Gegner und Feind. Wir wünschen uns selbst die Auslöschung. Selbsthass äußert sich in quälenden und selbstabwertenden Gedanken und Gefühlen, Schuldkomplexen und Selbstanklagen. Wir sind uns selbst das leidende Opfer auf der einen Seite und der vernichtende Täter auf der anderen.


Selbstkritik am Anderssein


Die amerikanischen Psychologen Robert und Lisa Firestone haben herausgefunden, dass der am weitesten verbreitete selbstkritische Gedanke bei den Testpersonen ist: „Du bist anders als die anderen“, aber in der abwertenden Form: „Du gehörst nicht dazu, du bist schlechter, weniger hübsch oder intelligent“ usw. Natürlich ist jeder anders, aber im Grund gleich wertvoll und gut. Doch der innere Kritiker, die Instanz in uns, die diese Vergleiche vornimmt, gibt ihnen die negative Färbung. Dieser Persönlichkeitsteil agiert als Anti-Selbst, als perfider Coach, der nicht unseren Erfolg und unser Weiterkommen im Leben will, sondern unser Scheitern. Er kann Sätze erfinden wie: „Ich werde es nie schaffen.“ „Das wird nicht gut enden.“ „Ich werde nicht geliebt, die anderen tun nur so, also sollte ich ihnen nicht vertrauen.“ Damit kann der innere Kritiker unser Leben an allen Ecken und Enden sabotierten.

Eine US-Studie mit mehr als 3.000 jugendlichen Mädchen zeigte, dass sieben von zehn glauben, dass sie nicht gut genug sind. Sie haben das Gefühl, dass sie sich in Bezug auf ihr Aussehen, ihre Studienleistung und ihre persönlichen Beziehungen nicht mit anderen messen können. Die gleiche Studie zeigte, dass 75 Prozent der Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl „negative Aktivitäten wie ungesunde Essensgewohnheiten, Ritzen, Mobbing, Rauchen oder Trinken ausüben, wenn sie sich schlecht fühlen“. Nach anderen Studien beschränkt sich dieser Mangel an Selbstwert nicht auf die Gruppe von adoleszenten Mädchen, sondern ist weit in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft verbreitet. 

Es ist eben nicht überraschend, dass der Selbsthass leicht in selbstschädigendes Verhalten mündet: beginnend mit Fehlleistungen, Unfällen und Ungeschicklichkeiten über selbstverursachte Misserfolge und Karriereabbrüche bis zu Drogenabhängigkeit, Selbstverletzungen und Selbstmord. Hass will Vernichtung, und vernichtet werden soll alles Selbständige, Individuelle am eigenen Leben. 

Aber auch Störungen und Krankheiten können der Ausdruck einer zerstörerischen Beziehung zu sich selbst sein, am augenfälligsten am Beispiel der Bulimie und der Magersucht. Viele andere Erkrankungen können auch durch die Komponente einer aggressiv abwertenden Selbstbeziehung verursacht oder mitverursacht sein, z.B. Krebs, bei dem sich bestimmte Körperzellen aggressiv auf Kosten der anderen vermehren, oder Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem Entzündungen produziert statt sie zu heilen. Wie auch soll sich ein Körper gesund entwickeln können, wenn derart massive Spannungen und Konflikte zwischen Körper und Geist vorherrschen?

Fast unweigerlich wird auch die Seele in Mitleidenschaft gezogen. Der Selbsthass geht sehr oft mit Depressionen einher, weil die in sich kreisenden selbstabwertenden Gedanken soviel Energie in Anspruch nehmen, dass die eigene Lebendigkeit immer geringer wird und die Quellen und Ressourcen immer unzugänglicher werden. Zudem wird es immer schwieriger, nach außen zu gehen, um selbstwertstärkende Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, was wieder die Spirale nach unten zieht. Im extremen Fall kann sich die Persönlichkeit multipel in voneinander unabhängige Teile aufspalten.



Die Wurzeln des Selbsthasses


Wer die früheren Beiträge über den Hass gelesen hat, wird nicht verwundert sein, dass auch beim Selbsthass die Ursachen in den frühen Lebensjahren liegen und den Hass und die Ablehnung spiegeln, die von den Bezugspersonen entgegengebracht wurden. Kinder, die hochgesteckten Erwartungen entsprechen sollen und nicht können, die für Ungeschicklichkeiten strenge Kritik bekommen, die laufend auf Fehler hingewiesen werden, ohne dass ihre Leistungen Anerkennung finden, können schwer einen stabilen Selbstwert entwickeln. Die Grundlagen für die Unterbrechung der Selbstbeziehung können noch früher angelegt sein, z.B. wenn ein Kind nicht gewollt war oder einen Abtreibungsversuch überleben musste. Die Ablehnung des eigenen Lebens oder des eigenen Wesens zieht schwere Verletzungen der eigenen Integrität und Würde nach sich, Wunden, aus denen dann der Selbsthass entstehen kann. 

Denn der eigene Wert bemisst sich daran, wieviel Wertschätzung entgegengebracht wurde, vor allem in den frühen Lebensphasen. Besteht ein hoher Mangel, wird auch die Basis für die Selbstachtung sehr schwach und die Wurzel für Selbsthass ist gelegt. Es kann sein, dass das Kind dann besonders bedürftig nach Anerkennung wird, aber sich dadurch noch mehr Ablehnung einhandelt, vor allem in den Kinder- und Jugendlichengruppen, in die es dann kommt. Denn Kinder können oft erbarmungslos auf die Schwächen ihrer Gleichaltrigen reagieren, und dann kommt es schnell zum Mobbing. Wer nicht genügend Selbstbewusstsein aufbringt, wird von der Gruppe an den Rand gespielt. Das kann den Selbsthass noch weiter steigern, weil die Betroffenen die ganze Schuld an der Ausgrenzung auf sich nehmen.


Narzisstische Netze


Was ist der Grund, warum der Selbsthass so viel mit dem Anderssein und Nicht-Dazugehören zu tun hat? All die Abwertungen und Herabsetzungen, die wir im Lauf der Kindheit erleben, all die Bedrohungen, denen wir durch Ablehnung und Nicht-Gewolltsein ausgesetzt sind, haben damit zu tun, dass wir meinen, nicht so sein zu dürfen, wie wir sind. Wir sind in unserem Wesen geschaffen und entwickeln uns auf unsere Weise. Wir haben es aber mit Menschen zu tun, von denen unser Überleben abhängt, die ihre Erwartungen und Projektionen wichtiger nehmen als uns und unser Sein. Wir sollen uns diesen Erwartungen anpassen und schaffen es immer wieder nicht, weil wir nicht dauernd gegen uns selbst agieren können. 

Deshalb ist es so schlimm, anders zu sein als die anderen. Wir meinen, nur wenn wir so sind, wie es die anderen, vor allem die Eltern, später die anderen Kinder, die Lehrer und andere Autoritätspersonen, von uns wollen, werden wir akzeptiert und dürfen dazugehören und uns sicher fühlen. Weichen wir davon ab, dann steht unser Überleben in Frage und wir sind mit Existenzängsten konfrontiert. 

Dazu kommt, dass Kinder die Selbstkritik und Selbstablehnung, die die Eltern sich selber gegenüber bewusst oder unbewusst entgegenbringen, spüren können und auf sich selber beziehen. Wenn die Eltern an sich selber leiden, meinen die Kinder häufig, sie würden an ihnen und ihrem Verhalten leiden. Um den Eltern ihr Leben leichter zu machen, übernehmen die Kinder den Hass, indem sie – auf der unbewussten Ebene – zu sich selber sagen: Ich hasse mich ohnehin selber, da braucht ihr euch nicht mehr so viel über euch selber und über mich zu ärgern. Was die Eltern an sich selbst nicht mögen, möchten die Kinder besser machen, scheitern aber oft daran, und lehnen sich dann gleich selber wieder mehr ab.

Immer also, wo Kinder in die Netze des Narzissmus geraten, in die Fänge der Projektionen, opfern sie ihre eigenständige Entwicklung und ihre Selbstannahme. Statt dass sich ein autonomer Wille aufbaut, werden die äußeren Erwartungen als innere Autorität errichtet. Der innere Kritiker etabliert seine Diktatur mit der Überzeugung, das Überleben zu sichern. Selbstzweifel und Selbsthass dienen wie ein scheinbar natürliches und notwendiges Mittel für diesen Zweck. 

Das Leben wird zunehmend zu einem mühsamen Überlebenskampf, mit wenig Hoffnung auf Besserung, viel Selbstzweifel und Verzweiflung und subjektiv überinterpretierten Misserfolgserlebnissen. Mehr und mehr dominiert der innere Kritiker, manchmal in seiner harschen und direkten Form: „Was bin ich für ein Idiot?“, manchmal versteckt: „Ach, jetzt gönn ich mir noch ein Bier, wenn das Leben schon so schwer ist!“ Um gleich drauf wieder loszuschlagen: „Jetzt habe ich schon wieder über den Durst getrunken, was bin ich für ein Charakterschwächling.“ 

Auf diese Weise wird der innere Abwerter von einem Persönlichkeitsaspekt zu dominanten, tonangebenden Stimme im inneren Konzert, zum Scheinselbst, mit dem die stärkste Identifikation vorliegt: „So bin ich eben, ich kann nicht anders. Ich werde mich nie ändern.“ Der Pessimismus und die Resignation, die mit der Herrschaft des inneren Kritikers einhergeht, werden auf das ganze eigene Leben und auf die Umgebung ausgedehnt – auch die Entwicklung der Menschheit und der Gesellschaft wird pessimistisch und resignativ gesehen.


Aus dem Selbsthass entrinnen


Hier folgt ein Übungsprozess, der dazu dient, die Macht des inneren Kritikers zu schwächen und damit den Selbsthass zu befrieden. Er ist einem Leitfaden von Robert und Lisa Firestone nachempfunden.
1. Schritt: Die Stimme des inneren Kritikers wird zuerst distanziert und damit die Identifikation gelockert. Die Sätze, die mit Ich beginnen, werden auf Du-Botschaften umformuliert: Statt: „Ich habe schon wieder versagt“, kommt „Du hast schon wieder versagt.“ Damit wird die kritische Stimme von ganz innen ein Stück nach außen gerückt und verliert an Macht. Es fällt dann leichter, auf den Ton der Stimme zu hören und herauszufinden, welche Person aus der früheren Zeit dahintersteckt. 
2. Schritt: In einem zweiten Schritt kann dann der Abwertung eine Aufwertung gegenübergestellt werden. „Du bist ein Idiot!“ „Nein, ich bin ein intelligenter Mensch und lasse mich nicht abwerten.“ Es kommt also zur Gegenwehr, der Selbsthass wird nicht einfach mehr geschluckt, sondern aktiv zurückgewiesen. 
3. Schritt: Im nächsten Übungsteil kann dann ein realistisches Selbstbild aufgebaut werden. „Ich bin nicht vollkommen und mache manchmal Fehler, wie alle anderen auch. Ich bin ein netter Mensch, auch wenn ich mich manchmal ärgere …“ An die Stelle der einseitigen negativen Selbstsicht tritt eine differenzierte und abgewogene Selbsteinschätzung, womit sich die Person mental wieder mehr in die menschliche Umgebung eingliedert. Menschen sind unterschiedlich, jeder ist anders, jeder hat Schwächen und Stärken.
4. Schritt: Das Verhalten kann sich jetzt zunehmend dem neuen Selbstbild anpassen. Die Handlungen erfolgen nicht mehr unter dem Druck des inneren Kritikers, sondern aus dem eigenen Wollen und aus der Rücksichtnahme auf unsere Umgebung. 


Zurück zu uns selber kommen


Diese Schritte in der Distanzierung des inneren Kritikers sind zugleich Schritte auf sich selbst zu, sie nehmen Bezug auf die wertvollen Aspekte und Seiten der eigenen Persönlichkeit. Sie erleichtern die Veränderung des eigenen Verhaltens. Wenn der innere Kritiker mit seiner Macht oft bewirkt hat, Fehler zu machen, um sich in seiner Kritik bestätigen zu können, so gelingt es jetzt, weniger Fehler zu machen und mehr aus ihnen zu lernen. Wenn der innere Kritiker behauptet hat, es mit einem Idioten zu tun zu haben und deshalb Handlungen initiiert hat, die idiotisch waren, so ist jetzt Schluss damit und die eigene Vernunft kann wieder mehr Einfluss auf die eigenen Handlungen gewinnen. Dadurch wird es möglich, in der Außenwelt ein besseres Bild abzugeben und dadurch mehr Anerkennung zu bekommen. Auf diese Weise wird ein positiver, selbst bestätigender Regelkreis in Gang gesetzt. Der Selbsthass wird schwächer und es wird deutlicher wahrgenommen, wenn er sich wieder einmischen möchte. Mehr und mehr gelingt es, seine destruktive Stimme gleich im Ansatz zum Verstummen zu bringen.

Zugleich wird die eigene kreative Lebensorientierung gestärkt, das Leben gemäß den eigenen Werten, Zielen und Visionen. Der innere Kritiker wird zu einer Instanz unter vielen, der nur mehr für die Korrektur von Fehlern, Irrtümern und Irrwegen im Manifestationsprozess herangezogen wird. Die steuernde Instanz ist das eigene, von innen kommende Wollen, das sich mit den Impulsen, die aus der Umgebung kommen, verbindet.

Überall dort, wo sich der Selbsthass zurückzieht, fließt automatisch die Selbstliebe ein, die gewissermaßen nur darauf wartet gespürt zu werden, weil sie unser eigentliches Wesen zum Ausdruck bringt und unsere gesunde Selbstbeziehung verkörpert, an der wir uns mit uns selber erfreuen können. Statt uns selbst abzulehnen, genießen und freuen wir uns an uns selbst. Wir werden zu den besten Freunden von uns selbst. 

Aus dem Feld der Selbstannahme entstehen die sinnvollen und kreativen, unseren Mitmenschen gegenüber respektvollen Handlungen. Gerne tragen wir unseren kleinen Teil zur Weiterentwicklung bei und fühlen uns dabei wertvoll und verbunden.

Zum Weiterlesen: 
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle
Mitgefühl mit uns selbst
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses
Liebe und Hass: Eine Polarität

Donnerstag, 4. April 2019

Mitgefühl mit uns selbst

Im vorigen Blogartikel habe ich beschrieben, wie wichtig und hilfreich das Mitgefühl in zwischenmenschlichen Kontakten ist. Was kann es nun bedeuten, mit sich selbst Mitgefühl zu haben? Oder ist das die egoistische Variante dieser Haltung?

Oft sind wir uns selbst die ärgsten Feinde. Wir neigen zu Selbstkritik und Selbstabwertung. Oft können wir uns selber Fehler nicht verzeihen, während der Schaden schon längst wieder gut gemacht ist. Oft können wir uns Unachtsamkeiten nicht verzeihen, während die Betroffenen schon längst darüber hinweggekommen sind. Oft hadern wir über Entscheidungen, die lange vorbei sind und deren Folgen wir schon lange bewältigt haben. 

Eine andere Variante besteht in den Selbstzweifeln. Wir stellen unsere Fähigkeiten und Kenntnisse und letztlich unsere Person insgesamt in Frage. Wir tun so, als wären wir schlechter ausgestattet als die anderen, mit denen wir uns vergleichen, und schmälern unser Selbst, ja untergraben unsere Grundfesten. Der Zweifel kann uferlos werden und sich auf alle Aspekte unserer Person auswirken, bis hin zum Zweifel an unserem Geist, was zum Ärgsten gehört, das wir uns selbst antun können. Wenn wir uns selbst für verrückt erklären, brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, dass uns andere seltsam finden.

Erleichterung durch Mitgefühl


In all diesen Fällen können wir den negativen Selbstbezug durch das Mitgefühl mit uns selbst ersetzen – und wir werden gleich bemerken, dass wir uns erleichtert und entspannter fühlen. Statt uns selber fertigzumachen, üben wir uns in Verständnis und Nachsichtigkeit. Wir gestatten uns, unvollkommen zu sein und ab und zu Fehler zu produzieren. Wenn wir auf diese Weise Toleranz und Akzeptanz mit uns selber üben, wird es uns leichter fallen, aus dem, was schief gelaufen ist, zu lernen. 

Die verschiedenen Formen der Selbstabwertung haben einen gemeinsamen Ablauf: Sie kreisen in unserem Denken wie ein Loop in einem Musikstück oder eine hängengebliebene Schallplatte. Ein mieses Gefühl steigt auf, und das Denken nimmt sich seiner an und produziert eine Schleife in die Vergangenheit hinein. Damals war dieses und jenes, da haben wir uns falsch verhalten, da haben wir versagt, da haben wir etwas Unverzeihliches gemacht. Die Szene wird reproduziert und mit Vorwürfen garniert und bis zur Erschöpfung zelebriert. 

„Ach, hätte ich bloß, ach, wäre ich doch nur …“, so kommt der Konjunktiv, die Möglichkeitsform zu Ehren, allerdings ohne jeden Nutzen. Denn die Vergangenheit steht fest, sie ist ein Sammelsurium von Fakten und enthält keine Möglichkeiten mehr. Was geschehen ist, ist geschehen und steht unverrückbar in  unserem persönlichen Geschichtsbuch. Möglichkeiten haben wir nur in Bezug auf die Zukunft.

Lernen aus der Vergangenheit?


Warum der ganze Zirkus? Unser Verstand will uns weismachen, dass wir auf diese Weise aus der Vergangenheit für unsere Zukunft lernen könnten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir in der Vergangenheit auch anders hätten handeln können, wäre das für jetzt von Nutzen: Wir erwerben ein Wissen um unsere Möglichkeiten, und das können wir für die Gegenwart nutzen, indem wir zwischen Alternativen wählen und dann das Richtige tun. Der Haken bei der Sache ist, dass die Situation im Jetzt nur entfernt jener in der Vergangenheit ähnelt. Das Leben wiederholt seine Szenen nicht wie das Fernsehen mit seinen Reprisen, sondern stellt uns immer wieder vor neue, noch nicht dagewesene Herausforderungen. 

Wir lernen sowieso aus der Vergangenheit, das geht gar nicht anders. Jede Erfahrung, die wir gemacht haben, hinterlässt eine Spur im eigenen Seelenleben und Erinnerungsspeicher. Insbesondere negative und schwierige Erfahrungen werden samt den jeweiligen Umständen und begleitenden Gefühlen abgespeichert. 

Oft sind dabei die Gefühle so stark assoziiert, dass sie die kognitiven Aspekte überlagern. Insbesondere bei sehr frühen Erfahrungen aus Zeiten, in denen Denken und Realitätswahrnehmung noch wenig ausgebildet waren, ist das der Fall. Daraus entsteht die Gewohnheitsannahme, dass Gefühle wichtiger sind als die Realitätsprüfung. In der Folge übernehmen die Gefühlszentren die Vorherrschaft in allen Belastungssituationen und nehmen das Denken in Dienst. Es soll nicht darauf achten, was jetzt möglich ist, sondern darauf, was in der Vergangenheit möglicherweise möglich gewesen wäre. Damit verschwindet unser Bezug zu dem, was gerade ist, und wir verlieren uns im Selbstbemitleiden oder Selbstabwerten.

Der innere Kritiker


Im Zug unserer Erziehung haben wir eine Instanz in uns aufgebaut, die der innere Kritiker genannt wird. Sie ist eine Verinnerlichung der Kritik, die wir von den Menschen um uns herum erfahren haben. Sie agiert wie ein vorauseilender Gehorsam. Wir wollen nicht kritisiert werden, weil das peinlich und schmerzhaft ist. Also nehmen wir vorweg, wofür wir von anderen abgewertet oder bloßgestellt werden könnten, sagen das selber zu uns und verhalten uns dementsprechend. Dann kann uns nichts mehr passieren, so zumindest die Argumentation des inneren Kritikers.

Mit der Zeit verselbständigt sich der innere Kritiker und mischt sich in Dinge ein, die ihn eigentlich gar nichts angehen. Bei manchen Menschen geht das so weit, dass er ein durchgängiges Überwachungssystem aufbaut, mit dem alle beabsichtigten Handlungen vorab überprüft werden müssen und erst nach einem umständlichen Genehmigungsverfahren in Kraft gesetzt werden können. Der innere Kritiker wird zum Diktator.

Hier sollte schleunigst dem übermächtigen inneren Kritiker das Mitgefühl zur Seite gestellt werden, um ihn zu besänftigen. Das Mitgefühl agiert dabei nicht wie der Gute gegen den Bösen (good cop vs. bad cop), sondern wie ein Supervisor, der den ausufernden inneren Kritiker wieder in seine Schranken weist. Aus der Position des Mitgefühls wissen wir, dass wir bestimmte Handlungsabsichten prüfen sollten, bevor wir sie umsetzen. Wir wissen aber auch, dass uns ein überschießender innerer Kritiker einerseits mit seinen Zweifeln an nötigen Handlungen hindern kann und dass er uns nachträglich mit Vorhaltungen und Infragestellungen quälen kann. Mit der Haltung des Mitgefühls weisen wir den Kritiker in seine Schranken, da wir wissen, dass wir keine Garantie haben, nicht irgendwann Fehler zu machen und dass es nichts bringt, nachträglich mit uns selbst zu hadern, wenn die Handlungen schon geschehen sind.

Das Mitgefühl erstreckt sich dabei auch auf den inneren Kritiker, der in seinem Bemühen, uns vor unangenehmen Erfahrungen zu bewahren, gewürdigt wird. Er wird aber auch in seiner Rolle zurecht gestutzt, sodass er dort agieren kann, wo er nützliche Hinweise gibt, und dort ruhig bleibt, wo er stört und behindert, indem er unser neurotisches Denken mit überflüssigen Vorwürfen und Zweifeln füttert.

Bewusstheit im und durch das Mitgefühl


Wenn wir in die Haltung des Mitgefühls mit uns selbst kommen wollen, geht es darum, die Bewusstheit auf das zu lenken, was gerade abläuft, wenn der innere Kritiker am Werk ist. Wir merken dann, dass wir in unnützen Gedankenschleifen stecken, die uns nur schwächen und unsere Handlungsfähigkeit lähmen. Wenn wir stattdessen das Mitgefühl mit uns selbst praktizieren, drehen wir den Spieß um. Wir nutzen unsere Achtsamkeit, um unser Inneres zu befrieden, um anschließend wieder in den Realitätsmodus gehen zu können. Wir unterbrechen die Denkschleifen und verbinden uns mit den Gefühlen, die darunter liegen. Indem wir all die Gefühle, die sich da zeigen, liebevoll und behutsam annehmen, werden wir ruhiger und entspannter. Wir spüren die Verbindung mit uns selbst, sind bei uns und nicht mehr irgendwo in der Vergangenheit. 

Das Mitgefühl mit uns selbst ist nicht nur eine Selbsthilfetechnik, die uns aus der Selbstverstricktheit in Abwertungsmuster befreit. Es ist auch eine spirituelle Übung, denn wir nehmen uns in unserer Beschränktheit und Unvollkommenheit an. Wir erkennen, dass unsere Winzigkeit angesichts der unendlichen Erhabenheit des Ganzen Ausdruck unseres Menschseins ist. Zugleich weiten wir unseren Innenraum. Denn wir lassen zu, dass etwas Größeres als unsere Zweifel und Ängste in uns wirkt. Damit findet sich unsere Begrenztheit in einem unbegrenzten Raum, in dem alles, was ist, seinen genau richtigen und stimmigen Platz hat.

Im Mitgefühl begegnet das Kleine in uns dem Großen, das verletzte Kind dem weisen Erwachsenen, das suchende Ich dem, das schon gefunden hat, das Unvollkommene dem, das keine Vollkommenheit braucht.

Zum Weiterlesen:
Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Brauchen wir einen Selbstwert?

Dienstag, 23. Oktober 2018

Selbstqual mit Selbstvorwürfen

Selbstvorwürfe sind eine perfide Form der Selbstquälerei, zu der wir Menschen neigen. Die meisten Menschen kritisieren sich häufig selbst, oft nur halb bewusst. Immer, wenn sie einen Fehler verschulden, klagen sie sich dafür an und erinnern sich immer wieder daran, um die Anklage zu wiederholen und zu wiederholen. Offenbar meinen wir, wir bessern uns nur, wenn wir uns unsere Fehler immer wieder vorhalten.  

All das ist das Resultat von Lernprozessen: Wir haben von unseren Eltern gelernt, dass Fehler mit Tadel bestraft werden. Eltern meinen, dass sie, um ihre Kinder in der richtigen Weise zu erziehen, diese mit strenger Miene und harten Worten auf ihre Fehler aufmerksam machen, damit das Schlimme ja nicht mehr vorkommt. Kinder lernen jedoch weniger von dem, was ihnen gesagt wird, und vielmehr daraus, wie es ihnen gesagt wird. Sie lernen, dass auf Fehler Kritik folgen muss.

Wir werden erwachsen, und unsere Eltern mischen sich (hoffentlich) immer weniger in unser Leben ein. Dann fehlt uns die Instanz, die unsere Missgeschicke kritisch kommentiert – und, beflissen wie wir sind, übernehmen wir den Job selber. Wir etablieren einen zuverlässigen inneren Kritiker, der sich bei jedem Fehler gleich mit aller Vehemenz zu Wort meldet. 

Über die Unsinnigkeit von Selbstvorwürfen 


Es gibt zwei logische Gründe, warum Selbstvorwürfe unsinnig sind. Zum ersten: Fehler sind immer schon vergangen, wenn wir auf sie aufmerksam werden. Wenn wir gleich merken, dass etwas nicht passt, können wir es gleich korrigieren, und es gibt kein Problem. Ich schlage einen Nagel in die Wand und merke, dass der Nagel zu schwach ist – ein Fehler. Also nehme ich einen stärkeren Nagel – der Fehler ist ausgebessert. Ich sage in einem Gespräch unbedacht eine Unfreundlichkeit und entschuldige mich – das Gespräch geht ungestört weiter. Die Qual der Selbstvorwürfe beginnt erst nachher, wenn die Situation schon vorüber ist und die Gedanken in sie zurückgehen und dort nachträglich alles anders machen wollen. 

Zum zweiten: Wenn wir Fehler begehen, geschehen diese meistens aus unbewussten Handlungen, also aus solchen, die wir nicht bewusst entschieden haben. Wir machen ja nicht absichtlich Fehler. Wir sind mit unseren Gedanken woanders und merken plötzlich, dass wir vergessen haben, rechtzeitig aus dem Zug auszusteigen. Wir sind mit einem wichtigen beruflichen Thema beschäftigt und vergessen auf den Geburtstag einer Freundin.  

Weshalb sollen wir uns da kritisieren? Fehler „geschehen“ ganz offensichtlich, sie unterlaufen uns, ohne unser bewusstes Zutun und Wollen. Wir sind ja nicht so blöd, dass wir uns beim Kartoffelschälen absichtlich in den Finger schneiden oder mit dem Hammer auf den Finger klopfen. Wir sind auch nicht so garstig, dass wir unseren Mitmenschen absichtlich Böses antun. Fehler sind Ausfluss der Unvollkommenheit unseres Körper-Geist-Systems, dem die Idee der Perfektion fremd ist, das dafür aber über eine enorme Lernfähigkeit und Plastizität verfügt. 

Aus Fehlern werden wir klug, das schulden wir unserer Lernfähigkeit: Selbstkritik macht uns hingegen nicht klug, weil sie Fehler zu Versagen und Scheitern aufbauscht und unseren Selbstwert prügelt. Aus Kleinigkeiten werden existenzbedrohende Selbstverurteilungen. Und damit engen wir uns selber ein, machen uns Angst und hindern uns, unsere Fehlerhaftigkeit zu korrigieren. Lernen können wir nur, wenn wir uns akzeptiert und angenommen fühlen. 

Der innere Kritiker verleiht den Fehlern eine moralische Wertigkeit: Die Fehlerhaftigkeit entscheidet darüber, ob wir als Mitglied der Gemeinschaft akzeptabel sind oder nicht. Wenn wir uns nicht bessern, müssen wir befürchten, die Anerkennung und Liebe der anderen zu verlieren.  

Komplexes ist fehleranfällig 


Unser aller Leben ist enorm komplex, viele Bedürfnisse liegen in uns im Widerstreit, viele Interessen wollen berücksichtigt werden, viele Leute wollen etwas von uns, mit vielen Themen sollten wir uns auseinandersetzen, über Vieles sollten wir informiert sein etc. Da fällt es schwer, in jedem Augenblick voll präsent zu sein, und Fehler schleichen sich schnell ein.  

Fehler im sozialen Bereich geschehen noch viel leichter als beim Umgang mit Dingen. Denn jeder Mensch bringt seine eigene innere Komplexität in die Kommunikation ein, sodass dort andauernd Fehler passieren, ohne dass irgendwo ein Verschulden vorliegt. Ein großer Teil der zahlreichen zwischenmenschlichen Konflikte beruht auf Missverständnissen und Übertragungsfehlern. Wir drücken uns nicht exakt aus oder hören nicht genau zu. Schon entsteht ein Konflikt, der meist in die Streifrage mündet, wer den Fehler gemacht hat (grundsätzlich immer die jeweils andere Person), und dort bricht der Konflikt auch gleich in sich zusammen, weil er an diesem Punkt unlösbar geworden ist. 

Wenn wir genauer in uns nachspüren, können wir bemerken, dass wir uns mit jedem Selbstvorwurf von der Wirklichkeit abschneiden. Wir unterwerfen uns dem inneren Kritiker und begeben uns in seinen Bann. Damit distanzieren wir uns von der Wirklichkeit um uns herum, von der Situation, in der der Fehler passiert ist und von den Menschen, die wir mit unserem Verhalten verletzt oder irritiert haben. Wir verfangen uns in eine innere Auseinandersetzung, die uns daran hindert, die Folgen unserer Handlung in eine konstruktive Richtung zu lenken. Erst wenn wir aus diesem Käfig wieder herausfinden, können wir daran denken, wie wir den Schaden wieder gut machen können. Unnötig viel Zeit ist verflossen. 

Warum ist die Tendenz zu Selbstvorwürfen so hartnäckig?  


Sie hat, wie oben angemerkt, ihre Wurzeln in unseren frühen Erfahrungen mit Kritik. Mit Selbstvorwürfen wollen wir uns schützen, jemals wieder auf diese Weise herabgesetzt und verletzt zu werden, und merken nicht, wie wir uns selber herabsetzen und verletzen. Wir sind in einem sado-masochistischen Muster gefangen, Täter und Opfer in einem.  

Die mühsame, aber lohnende Arbeit liegt darin, unsere Demütigungsgeschichte durchzugehen und die vielfachen Verletzungen aufzulösen. Je mehr wir mit unserer Vergangenheit ins Klare kommen, desto schneller gelingt es uns, nach unterlaufenen Fehlern wieder in die Gegenwart zu kommen und unsere Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit wiederzugewinnen, indem wir tun oder sagen, was notwendig ist. Dann kann das Leben wieder weitergehen, und wir können darauf vertrauen, dass wir etwas dazu gelernt haben, was uns das Leben in Zukunft erleichtern wird. 

Das Aufspüren der Wurzeln unserer Zwänge zur Selbstkritik wird uns helfen, diese Gewohnheit zu schwächen und leichter mit unseren Fehlern umzugehen. Wir lassen aus Unachtsamkeit einen Teller fallen und sagen vielleicht: „Oh, Scherben bringen Glück!“, kehren die Scherben zusammen und weiter geht das Leben ohne Beschwernis. Oder wir versäumen einen Zug, weil wir zu wenig auf unsere Uhr geschaut haben und sagen: „Das kann jedem mal passieren“, schnappen uns ein Buch und warten geduldig auf den nächsten Zug. Jemand anderer ist beleidigt, weil wir ihn unbedacht angegriffen haben, wir entschuldigen uns gleich und erklären ihm kurz, dass da keine böse Absicht war, und das Gespräch geht entspannt weiter. 

Die Brücke der Selbstliebe 


Wenn wir uns Zeit für eine achtsame Selbstbesinnung oder Meditation nehmen, können wir diese Übung nutzen, um uns Selbstvorwürfe bewusst zu machen – auch subtile Formen des Abwertens und Kritisierens können uns dabei auffallen. Jedes Mal, wenn wir draufkommen, dass wir nicht ganz präsent im Augenblick sind, sondern Gedanken nachhängen, kann schon die Selbstkritik einsetzen, statt dass wir die Aufmerksamkeit behutsam und sanft in den Moment des unmittelbaren Erlebens zurückführen.  

Sobald wir uns von diesem momentanen Erfahren ablenken und damit in die abgetrennte mentale Welt wechseln, tun wir das, weil wir irgendetwas, was gerade geschieht, ablehnen und damit auch uns selbst als Erlebende abwerten. Insbesondere unangenehme Gefühle sind dabei ein passender Anknüpfungspunkt, um über deren Ablehnung in die Abtrennung zu flüchten. Wenn wir allerdings uns dem Unerfreulichen innerlich stellen und ihm Aufmerksamkeit und Präsenz widmen, bauen wir eine Brücke der Selbstliebe anstelle der Selbstablehnung. Das tut uns gut und beruhigt und entspannt unsere Selbstbeziehung, und damit verbunden, unsere Beziehung zu anderen Menschen. 

Zum Weiterlesen: 
Schwächen sind menschlich und machen menschlich 
Brauchen wir einen Selbstwert?
Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit

Mittwoch, 10. August 2016

Schwächen sind menschlich und machen menschlich

Wir alle haben unsere Schwächen. Im Körper kann es da oder dort zwacken, da und dort chronisch verspannt sein, und irgendein Bereich reagiert als erster, wenn das innere Ungleichgewicht zu groß wird. Im Verhalten haben wir unsere Unbeständigkeiten, Impulsivitäten oder Abhängigkeiten. Unsere Persönlichkeit hat sich auf einigen Ebenen gut entwickelt, und andere sind zurückgeblieben. Und auf der spirituellen Suche sind wir noch immer nicht am Ziel angelangt.

Ich bin auf diesen Seiten schon mehrfach auf die Falle des Perfektionismus eingegangen: Eine Idee, die wir uns in unserem Kopf zusammenspinnen, wird zum Maßstab unserer selbst und zum Anlass für beständige Selbstabwertung und Selbstkritik. Es ist nur unser Verstand, der uns fortwährend herausfordern will, dass wir an uns arbeiten, an unserer Gesundheit, Fitness, Gelenkigkeit, Bildung, an unserem inneren Wachstum und unserer Menschlichkeit. Wir müssen ein besseres Exemplar unserer selbst werden.

Das ist nicht grundsätzlich verkehrt, weil wir alle Projekte im Werden sind, weil wir uns beständig weiter entwickeln und an Kompetenzen und Wissen expandieren. Das geschieht immer wieder von selber, indem uns unsere Interessen zum Erforschen motivieren: neue Menschen kennenzulernen, neue Methoden zu lernen, neues Wissen zu erwerben usw. Wir haben jedoch Gewohnheiten, die diesem innewohnenden Wissensdrang entgegenwirken, wie z.B. Bequemlichkeiten, Ängstlichkeiten, Engstirnigkeiten usw. Da ist unsere bewusste Gegensteuerung erforderlich: Wir müssen selber aktiv werden, sonst bestimmen unsere Muster dieses unser Leben, und wir kommen darin nur als Statisten vor. Unsere Ängste und nicht unsere Ideen und Interessen sind die treibenden Kräfte im fremdbestimmten Leben.

Eine dieser angstgetriebenen Gewohnheiten ist die Selbstabwertung, die sich des Konzepts der Perfektion bedient. Wir dürfen nicht an sie glauben, wir dürfen ihr keine Kraft geben, sondern müssen sie aktiv eindämmen und einrahmen, bis sie ihre Macht verloren hat.

Zur Reduktion unserer Selbstanfeindungen können wir paradoxerweise unsere Schwächen nutzen. Wenn wir uns achtsam und bewusst mit ihnen auseinandersetzen, wenn wir sie liebevoll erziehen, können sie uns darauf aufmerksam machen, dass wir, wie alle anderen Menschen auch, nicht vollkommen sind und nie vollkommen sein werden. Wir können noch so emsig an der Beseitigung unserer Schwächen arbeiten, und werden doch immer wieder auf alte und neue treffen. Unser Lernen und Wachsen und unsere innere Entwicklung enden erst mit unserem Tod. 

Die Erkenntnis der Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit kann uns befreien, wenn wir uns vom überzogenen Anspruch lösen, wir müssten diese Begrenztheiten jemals völlig überwinden können. Wir sind deshalb nie besser als andere, wir haben nur andere Behinderungen und Beschränkungen als sie.  

Mit dieser Befreiung von irrealen Ansprüchen können wir nicht nur reale Ziele im Leben setzen und erreichen, wir erwerben darüber hinaus mehr von Qualitäten wie Menschlichkeit und Mitgefühl: Wir sehen die Schwächen unserer Mitmenschen nicht mehr als Bosheiten oder Dummheiten, sondern mit der Milde, die aus der Einsicht in die eigenen Schwächen kommt. Im Grunde sind wir alle gleich, wir unterscheiden uns nur in der Art unserer Unvollkommenheit wie sich die Blumen auf der Wiese durch die Anzahl und Form ihrer Blütenblätter unterscheiden.

Wir erwerben auch ein rechtes Verhältnis zur Bescheidenheit, wenn wir uns in unseren Schwächen annehmen: Selbstüberschätzung und Selbstabwertung sind zwei Seiten der einen Medaille, die uns von der Idee der Perfektion vorgegaukelt wird. Wissen wir um unsere Fehleranfälligkeit, unsere körperlichen und seelischen Schwachstellen, können wir auf übermäßigen Stolz ebenso verzichten wie auf übertriebenes Sich-Kleinmachen. Wir hören auf, uns vergleichend an anderen zu messen und können uns selbst immer besser akzeptieren, wie wir sind.

Wir lernen auf ein stressfreies Wachsen zu vertrauen, das von selber passiert und dem wir nur die Hindernisse aus dem Weg schaffen müssen. Das Leben fließt von sich aus in eine Richtung der Vertiefung, Erweiterung und Bereicherung. Je mehr wir uns in das Vertrauen hinein entspannen können, desto mehr werden wir von den Früchten ernten können, gleich ob wir viele oder wenige, große oder kleine Schwächen haben.