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Samstag, 27. April 2019

Selbsthass: Sich selbst der ärgste Feind zu sein

„Ich bin mir selbst mein ärgster Feind“, diesen Satz hören wir manchmal, und er führt uns auf die Spur des Selbsthasses. Tatsächlich können wir am unbarmherzigsten mit uns selber sein, denn wir können uns nie entkommen. Wenn uns jemand anderer schlecht behandelt, können wir ihm aus dem Weg gehen; wenn wir uns selber feindselig gegenübertreten, gibt es keine Ausweichmöglichkeit, und die Verteidigung gegen die Angriffe ist auch äußerst schwierig. Wir laufen herum wie spätmittelalterliche Selbstgeißler, die sich permanent für ihre Sünden bestrafen und nie überlegen, ob das, was sie da tun, nicht selbst sündhaft sein könnte.

Der Selbsthass ist die stärkste und ärgste Form der Selbstverleugnung und
Selbstabtrennung. Wir machen uns selbst zu unserem eigenen Gegner und Feind. Wir wünschen uns selbst die Auslöschung. Selbsthass äußert sich in quälenden und selbstabwertenden Gedanken und Gefühlen, Schuldkomplexen und Selbstanklagen. Wir sind uns selbst das leidende Opfer auf der einen Seite und der vernichtende Täter auf der anderen.


Selbstkritik am Anderssein


Die amerikanischen Psychologen Robert und Lisa Firestone haben herausgefunden, dass der am weitesten verbreitete selbstkritische Gedanke bei den Testpersonen ist: „Du bist anders als die anderen“, aber in der abwertenden Form: „Du gehörst nicht dazu, du bist schlechter, weniger hübsch oder intelligent“ usw. Natürlich ist jeder anders, aber im Grund gleich wertvoll und gut. Doch der innere Kritiker, die Instanz in uns, die diese Vergleiche vornimmt, gibt ihnen die negative Färbung. Dieser Persönlichkeitsteil agiert als Anti-Selbst, als perfider Coach, der nicht unseren Erfolg und unser Weiterkommen im Leben will, sondern unser Scheitern. Er kann Sätze erfinden wie: „Ich werde es nie schaffen.“ „Das wird nicht gut enden.“ „Ich werde nicht geliebt, die anderen tun nur so, also sollte ich ihnen nicht vertrauen.“ Damit kann der innere Kritiker unser Leben an allen Ecken und Enden sabotierten.

Eine US-Studie mit mehr als 3.000 jugendlichen Mädchen zeigte, dass sieben von zehn glauben, dass sie nicht gut genug sind. Sie haben das Gefühl, dass sie sich in Bezug auf ihr Aussehen, ihre Studienleistung und ihre persönlichen Beziehungen nicht mit anderen messen können. Die gleiche Studie zeigte, dass 75 Prozent der Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl „negative Aktivitäten wie ungesunde Essensgewohnheiten, Ritzen, Mobbing, Rauchen oder Trinken ausüben, wenn sie sich schlecht fühlen“. Nach anderen Studien beschränkt sich dieser Mangel an Selbstwert nicht auf die Gruppe von adoleszenten Mädchen, sondern ist weit in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft verbreitet. 

Es ist eben nicht überraschend, dass der Selbsthass leicht in selbstschädigendes Verhalten mündet: beginnend mit Fehlleistungen, Unfällen und Ungeschicklichkeiten über selbstverursachte Misserfolge und Karriereabbrüche bis zu Drogenabhängigkeit, Selbstverletzungen und Selbstmord. Hass will Vernichtung, und vernichtet werden soll alles Selbständige, Individuelle am eigenen Leben. 

Aber auch Störungen und Krankheiten können der Ausdruck einer zerstörerischen Beziehung zu sich selbst sein, am augenfälligsten am Beispiel der Bulimie und der Magersucht. Viele andere Erkrankungen können auch durch die Komponente einer aggressiv abwertenden Selbstbeziehung verursacht oder mitverursacht sein, z.B. Krebs, bei dem sich bestimmte Körperzellen aggressiv auf Kosten der anderen vermehren, oder Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem Entzündungen produziert statt sie zu heilen. Wie auch soll sich ein Körper gesund entwickeln können, wenn derart massive Spannungen und Konflikte zwischen Körper und Geist vorherrschen?

Fast unweigerlich wird auch die Seele in Mitleidenschaft gezogen. Der Selbsthass geht sehr oft mit Depressionen einher, weil die in sich kreisenden selbstabwertenden Gedanken soviel Energie in Anspruch nehmen, dass die eigene Lebendigkeit immer geringer wird und die Quellen und Ressourcen immer unzugänglicher werden. Zudem wird es immer schwieriger, nach außen zu gehen, um selbstwertstärkende Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, was wieder die Spirale nach unten zieht. Im extremen Fall kann sich die Persönlichkeit multipel in voneinander unabhängige Teile aufspalten.



Die Wurzeln des Selbsthasses


Wer die früheren Beiträge über den Hass gelesen hat, wird nicht verwundert sein, dass auch beim Selbsthass die Ursachen in den frühen Lebensjahren liegen und den Hass und die Ablehnung spiegeln, die von den Bezugspersonen entgegengebracht wurden. Kinder, die hochgesteckten Erwartungen entsprechen sollen und nicht können, die für Ungeschicklichkeiten strenge Kritik bekommen, die laufend auf Fehler hingewiesen werden, ohne dass ihre Leistungen Anerkennung finden, können schwer einen stabilen Selbstwert entwickeln. Die Grundlagen für die Unterbrechung der Selbstbeziehung können noch früher angelegt sein, z.B. wenn ein Kind nicht gewollt war oder einen Abtreibungsversuch überleben musste. Die Ablehnung des eigenen Lebens oder des eigenen Wesens zieht schwere Verletzungen der eigenen Integrität und Würde nach sich, Wunden, aus denen dann der Selbsthass entstehen kann. 

Denn der eigene Wert bemisst sich daran, wieviel Wertschätzung entgegengebracht wurde, vor allem in den frühen Lebensphasen. Besteht ein hoher Mangel, wird auch die Basis für die Selbstachtung sehr schwach und die Wurzel für Selbsthass ist gelegt. Es kann sein, dass das Kind dann besonders bedürftig nach Anerkennung wird, aber sich dadurch noch mehr Ablehnung einhandelt, vor allem in den Kinder- und Jugendlichengruppen, in die es dann kommt. Denn Kinder können oft erbarmungslos auf die Schwächen ihrer Gleichaltrigen reagieren, und dann kommt es schnell zum Mobbing. Wer nicht genügend Selbstbewusstsein aufbringt, wird von der Gruppe an den Rand gespielt. Das kann den Selbsthass noch weiter steigern, weil die Betroffenen die ganze Schuld an der Ausgrenzung auf sich nehmen.


Narzisstische Netze


Was ist der Grund, warum der Selbsthass so viel mit dem Anderssein und Nicht-Dazugehören zu tun hat? All die Abwertungen und Herabsetzungen, die wir im Lauf der Kindheit erleben, all die Bedrohungen, denen wir durch Ablehnung und Nicht-Gewolltsein ausgesetzt sind, haben damit zu tun, dass wir meinen, nicht so sein zu dürfen, wie wir sind. Wir sind in unserem Wesen geschaffen und entwickeln uns auf unsere Weise. Wir haben es aber mit Menschen zu tun, von denen unser Überleben abhängt, die ihre Erwartungen und Projektionen wichtiger nehmen als uns und unser Sein. Wir sollen uns diesen Erwartungen anpassen und schaffen es immer wieder nicht, weil wir nicht dauernd gegen uns selbst agieren können. 

Deshalb ist es so schlimm, anders zu sein als die anderen. Wir meinen, nur wenn wir so sind, wie es die anderen, vor allem die Eltern, später die anderen Kinder, die Lehrer und andere Autoritätspersonen, von uns wollen, werden wir akzeptiert und dürfen dazugehören und uns sicher fühlen. Weichen wir davon ab, dann steht unser Überleben in Frage und wir sind mit Existenzängsten konfrontiert. 

Dazu kommt, dass Kinder die Selbstkritik und Selbstablehnung, die die Eltern sich selber gegenüber bewusst oder unbewusst entgegenbringen, spüren können und auf sich selber beziehen. Wenn die Eltern an sich selber leiden, meinen die Kinder häufig, sie würden an ihnen und ihrem Verhalten leiden. Um den Eltern ihr Leben leichter zu machen, übernehmen die Kinder den Hass, indem sie – auf der unbewussten Ebene – zu sich selber sagen: Ich hasse mich ohnehin selber, da braucht ihr euch nicht mehr so viel über euch selber und über mich zu ärgern. Was die Eltern an sich selbst nicht mögen, möchten die Kinder besser machen, scheitern aber oft daran, und lehnen sich dann gleich selber wieder mehr ab.

Immer also, wo Kinder in die Netze des Narzissmus geraten, in die Fänge der Projektionen, opfern sie ihre eigenständige Entwicklung und ihre Selbstannahme. Statt dass sich ein autonomer Wille aufbaut, werden die äußeren Erwartungen als innere Autorität errichtet. Der innere Kritiker etabliert seine Diktatur mit der Überzeugung, das Überleben zu sichern. Selbstzweifel und Selbsthass dienen wie ein scheinbar natürliches und notwendiges Mittel für diesen Zweck. 

Das Leben wird zunehmend zu einem mühsamen Überlebenskampf, mit wenig Hoffnung auf Besserung, viel Selbstzweifel und Verzweiflung und subjektiv überinterpretierten Misserfolgserlebnissen. Mehr und mehr dominiert der innere Kritiker, manchmal in seiner harschen und direkten Form: „Was bin ich für ein Idiot?“, manchmal versteckt: „Ach, jetzt gönn ich mir noch ein Bier, wenn das Leben schon so schwer ist!“ Um gleich drauf wieder loszuschlagen: „Jetzt habe ich schon wieder über den Durst getrunken, was bin ich für ein Charakterschwächling.“ 

Auf diese Weise wird der innere Abwerter von einem Persönlichkeitsaspekt zu dominanten, tonangebenden Stimme im inneren Konzert, zum Scheinselbst, mit dem die stärkste Identifikation vorliegt: „So bin ich eben, ich kann nicht anders. Ich werde mich nie ändern.“ Der Pessimismus und die Resignation, die mit der Herrschaft des inneren Kritikers einhergeht, werden auf das ganze eigene Leben und auf die Umgebung ausgedehnt – auch die Entwicklung der Menschheit und der Gesellschaft wird pessimistisch und resignativ gesehen.


Aus dem Selbsthass entrinnen


Hier folgt ein Übungsprozess, der dazu dient, die Macht des inneren Kritikers zu schwächen und damit den Selbsthass zu befrieden. Er ist einem Leitfaden von Robert und Lisa Firestone nachempfunden.
1. Schritt: Die Stimme des inneren Kritikers wird zuerst distanziert und damit die Identifikation gelockert. Die Sätze, die mit Ich beginnen, werden auf Du-Botschaften umformuliert: Statt: „Ich habe schon wieder versagt“, kommt „Du hast schon wieder versagt.“ Damit wird die kritische Stimme von ganz innen ein Stück nach außen gerückt und verliert an Macht. Es fällt dann leichter, auf den Ton der Stimme zu hören und herauszufinden, welche Person aus der früheren Zeit dahintersteckt. 
2. Schritt: In einem zweiten Schritt kann dann der Abwertung eine Aufwertung gegenübergestellt werden. „Du bist ein Idiot!“ „Nein, ich bin ein intelligenter Mensch und lasse mich nicht abwerten.“ Es kommt also zur Gegenwehr, der Selbsthass wird nicht einfach mehr geschluckt, sondern aktiv zurückgewiesen. 
3. Schritt: Im nächsten Übungsteil kann dann ein realistisches Selbstbild aufgebaut werden. „Ich bin nicht vollkommen und mache manchmal Fehler, wie alle anderen auch. Ich bin ein netter Mensch, auch wenn ich mich manchmal ärgere …“ An die Stelle der einseitigen negativen Selbstsicht tritt eine differenzierte und abgewogene Selbsteinschätzung, womit sich die Person mental wieder mehr in die menschliche Umgebung eingliedert. Menschen sind unterschiedlich, jeder ist anders, jeder hat Schwächen und Stärken.
4. Schritt: Das Verhalten kann sich jetzt zunehmend dem neuen Selbstbild anpassen. Die Handlungen erfolgen nicht mehr unter dem Druck des inneren Kritikers, sondern aus dem eigenen Wollen und aus der Rücksichtnahme auf unsere Umgebung. 


Zurück zu uns selber kommen


Diese Schritte in der Distanzierung des inneren Kritikers sind zugleich Schritte auf sich selbst zu, sie nehmen Bezug auf die wertvollen Aspekte und Seiten der eigenen Persönlichkeit. Sie erleichtern die Veränderung des eigenen Verhaltens. Wenn der innere Kritiker mit seiner Macht oft bewirkt hat, Fehler zu machen, um sich in seiner Kritik bestätigen zu können, so gelingt es jetzt, weniger Fehler zu machen und mehr aus ihnen zu lernen. Wenn der innere Kritiker behauptet hat, es mit einem Idioten zu tun zu haben und deshalb Handlungen initiiert hat, die idiotisch waren, so ist jetzt Schluss damit und die eigene Vernunft kann wieder mehr Einfluss auf die eigenen Handlungen gewinnen. Dadurch wird es möglich, in der Außenwelt ein besseres Bild abzugeben und dadurch mehr Anerkennung zu bekommen. Auf diese Weise wird ein positiver, selbst bestätigender Regelkreis in Gang gesetzt. Der Selbsthass wird schwächer und es wird deutlicher wahrgenommen, wenn er sich wieder einmischen möchte. Mehr und mehr gelingt es, seine destruktive Stimme gleich im Ansatz zum Verstummen zu bringen.

Zugleich wird die eigene kreative Lebensorientierung gestärkt, das Leben gemäß den eigenen Werten, Zielen und Visionen. Der innere Kritiker wird zu einer Instanz unter vielen, der nur mehr für die Korrektur von Fehlern, Irrtümern und Irrwegen im Manifestationsprozess herangezogen wird. Die steuernde Instanz ist das eigene, von innen kommende Wollen, das sich mit den Impulsen, die aus der Umgebung kommen, verbindet.

Überall dort, wo sich der Selbsthass zurückzieht, fließt automatisch die Selbstliebe ein, die gewissermaßen nur darauf wartet gespürt zu werden, weil sie unser eigentliches Wesen zum Ausdruck bringt und unsere gesunde Selbstbeziehung verkörpert, an der wir uns mit uns selber erfreuen können. Statt uns selbst abzulehnen, genießen und freuen wir uns an uns selbst. Wir werden zu den besten Freunden von uns selbst. 

Aus dem Feld der Selbstannahme entstehen die sinnvollen und kreativen, unseren Mitmenschen gegenüber respektvollen Handlungen. Gerne tragen wir unseren kleinen Teil zur Weiterentwicklung bei und fühlen uns dabei wertvoll und verbunden.

Zum Weiterlesen: 
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle
Mitgefühl mit uns selbst
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses
Liebe und Hass: Eine Polarität

Donnerstag, 4. April 2019

Mitgefühl mit uns selbst

Im vorigen Blogartikel habe ich beschrieben, wie wichtig und hilfreich das Mitgefühl in zwischenmenschlichen Kontakten ist. Was kann es nun bedeuten, mit sich selbst Mitgefühl zu haben? Oder ist das die egoistische Variante dieser Haltung?

Oft sind wir uns selbst die ärgsten Feinde. Wir neigen zu Selbstkritik und Selbstabwertung. Oft können wir uns selber Fehler nicht verzeihen, während der Schaden schon längst wieder gut gemacht ist. Oft können wir uns Unachtsamkeiten nicht verzeihen, während die Betroffenen schon längst darüber hinweggekommen sind. Oft hadern wir über Entscheidungen, die lange vorbei sind und deren Folgen wir schon lange bewältigt haben. 

Eine andere Variante besteht in den Selbstzweifeln. Wir stellen unsere Fähigkeiten und Kenntnisse und letztlich unsere Person insgesamt in Frage. Wir tun so, als wären wir schlechter ausgestattet als die anderen, mit denen wir uns vergleichen, und schmälern unser Selbst, ja untergraben unsere Grundfesten. Der Zweifel kann uferlos werden und sich auf alle Aspekte unserer Person auswirken, bis hin zum Zweifel an unserem Geist, was zum Ärgsten gehört, das wir uns selbst antun können. Wenn wir uns selbst für verrückt erklären, brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, dass uns andere seltsam finden.

Erleichterung durch Mitgefühl


In all diesen Fällen können wir den negativen Selbstbezug durch das Mitgefühl mit uns selbst ersetzen – und wir werden gleich bemerken, dass wir uns erleichtert und entspannter fühlen. Statt uns selber fertigzumachen, üben wir uns in Verständnis und Nachsichtigkeit. Wir gestatten uns, unvollkommen zu sein und ab und zu Fehler zu produzieren. Wenn wir auf diese Weise Toleranz und Akzeptanz mit uns selber üben, wird es uns leichter fallen, aus dem, was schief gelaufen ist, zu lernen. 

Die verschiedenen Formen der Selbstabwertung haben einen gemeinsamen Ablauf: Sie kreisen in unserem Denken wie ein Loop in einem Musikstück oder eine hängengebliebene Schallplatte. Ein mieses Gefühl steigt auf, und das Denken nimmt sich seiner an und produziert eine Schleife in die Vergangenheit hinein. Damals war dieses und jenes, da haben wir uns falsch verhalten, da haben wir versagt, da haben wir etwas Unverzeihliches gemacht. Die Szene wird reproduziert und mit Vorwürfen garniert und bis zur Erschöpfung zelebriert. 

„Ach, hätte ich bloß, ach, wäre ich doch nur …“, so kommt der Konjunktiv, die Möglichkeitsform zu Ehren, allerdings ohne jeden Nutzen. Denn die Vergangenheit steht fest, sie ist ein Sammelsurium von Fakten und enthält keine Möglichkeiten mehr. Was geschehen ist, ist geschehen und steht unverrückbar in  unserem persönlichen Geschichtsbuch. Möglichkeiten haben wir nur in Bezug auf die Zukunft.

Lernen aus der Vergangenheit?


Warum der ganze Zirkus? Unser Verstand will uns weismachen, dass wir auf diese Weise aus der Vergangenheit für unsere Zukunft lernen könnten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir in der Vergangenheit auch anders hätten handeln können, wäre das für jetzt von Nutzen: Wir erwerben ein Wissen um unsere Möglichkeiten, und das können wir für die Gegenwart nutzen, indem wir zwischen Alternativen wählen und dann das Richtige tun. Der Haken bei der Sache ist, dass die Situation im Jetzt nur entfernt jener in der Vergangenheit ähnelt. Das Leben wiederholt seine Szenen nicht wie das Fernsehen mit seinen Reprisen, sondern stellt uns immer wieder vor neue, noch nicht dagewesene Herausforderungen. 

Wir lernen sowieso aus der Vergangenheit, das geht gar nicht anders. Jede Erfahrung, die wir gemacht haben, hinterlässt eine Spur im eigenen Seelenleben und Erinnerungsspeicher. Insbesondere negative und schwierige Erfahrungen werden samt den jeweiligen Umständen und begleitenden Gefühlen abgespeichert. 

Oft sind dabei die Gefühle so stark assoziiert, dass sie die kognitiven Aspekte überlagern. Insbesondere bei sehr frühen Erfahrungen aus Zeiten, in denen Denken und Realitätswahrnehmung noch wenig ausgebildet waren, ist das der Fall. Daraus entsteht die Gewohnheitsannahme, dass Gefühle wichtiger sind als die Realitätsprüfung. In der Folge übernehmen die Gefühlszentren die Vorherrschaft in allen Belastungssituationen und nehmen das Denken in Dienst. Es soll nicht darauf achten, was jetzt möglich ist, sondern darauf, was in der Vergangenheit möglicherweise möglich gewesen wäre. Damit verschwindet unser Bezug zu dem, was gerade ist, und wir verlieren uns im Selbstbemitleiden oder Selbstabwerten.

Der innere Kritiker


Im Zug unserer Erziehung haben wir eine Instanz in uns aufgebaut, die der innere Kritiker genannt wird. Sie ist eine Verinnerlichung der Kritik, die wir von den Menschen um uns herum erfahren haben. Sie agiert wie ein vorauseilender Gehorsam. Wir wollen nicht kritisiert werden, weil das peinlich und schmerzhaft ist. Also nehmen wir vorweg, wofür wir von anderen abgewertet oder bloßgestellt werden könnten, sagen das selber zu uns und verhalten uns dementsprechend. Dann kann uns nichts mehr passieren, so zumindest die Argumentation des inneren Kritikers.

Mit der Zeit verselbständigt sich der innere Kritiker und mischt sich in Dinge ein, die ihn eigentlich gar nichts angehen. Bei manchen Menschen geht das so weit, dass er ein durchgängiges Überwachungssystem aufbaut, mit dem alle beabsichtigten Handlungen vorab überprüft werden müssen und erst nach einem umständlichen Genehmigungsverfahren in Kraft gesetzt werden können. Der innere Kritiker wird zum Diktator.

Hier sollte schleunigst dem übermächtigen inneren Kritiker das Mitgefühl zur Seite gestellt werden, um ihn zu besänftigen. Das Mitgefühl agiert dabei nicht wie der Gute gegen den Bösen (good cop vs. bad cop), sondern wie ein Supervisor, der den ausufernden inneren Kritiker wieder in seine Schranken weist. Aus der Position des Mitgefühls wissen wir, dass wir bestimmte Handlungsabsichten prüfen sollten, bevor wir sie umsetzen. Wir wissen aber auch, dass uns ein überschießender innerer Kritiker einerseits mit seinen Zweifeln an nötigen Handlungen hindern kann und dass er uns nachträglich mit Vorhaltungen und Infragestellungen quälen kann. Mit der Haltung des Mitgefühls weisen wir den Kritiker in seine Schranken, da wir wissen, dass wir keine Garantie haben, nicht irgendwann Fehler zu machen und dass es nichts bringt, nachträglich mit uns selbst zu hadern, wenn die Handlungen schon geschehen sind.

Das Mitgefühl erstreckt sich dabei auch auf den inneren Kritiker, der in seinem Bemühen, uns vor unangenehmen Erfahrungen zu bewahren, gewürdigt wird. Er wird aber auch in seiner Rolle zurecht gestutzt, sodass er dort agieren kann, wo er nützliche Hinweise gibt, und dort ruhig bleibt, wo er stört und behindert, indem er unser neurotisches Denken mit überflüssigen Vorwürfen und Zweifeln füttert.

Bewusstheit im und durch das Mitgefühl


Wenn wir in die Haltung des Mitgefühls mit uns selbst kommen wollen, geht es darum, die Bewusstheit auf das zu lenken, was gerade abläuft, wenn der innere Kritiker am Werk ist. Wir merken dann, dass wir in unnützen Gedankenschleifen stecken, die uns nur schwächen und unsere Handlungsfähigkeit lähmen. Wenn wir stattdessen das Mitgefühl mit uns selbst praktizieren, drehen wir den Spieß um. Wir nutzen unsere Achtsamkeit, um unser Inneres zu befrieden, um anschließend wieder in den Realitätsmodus gehen zu können. Wir unterbrechen die Denkschleifen und verbinden uns mit den Gefühlen, die darunter liegen. Indem wir all die Gefühle, die sich da zeigen, liebevoll und behutsam annehmen, werden wir ruhiger und entspannter. Wir spüren die Verbindung mit uns selbst, sind bei uns und nicht mehr irgendwo in der Vergangenheit. 

Das Mitgefühl mit uns selbst ist nicht nur eine Selbsthilfetechnik, die uns aus der Selbstverstricktheit in Abwertungsmuster befreit. Es ist auch eine spirituelle Übung, denn wir nehmen uns in unserer Beschränktheit und Unvollkommenheit an. Wir erkennen, dass unsere Winzigkeit angesichts der unendlichen Erhabenheit des Ganzen Ausdruck unseres Menschseins ist. Zugleich weiten wir unseren Innenraum. Denn wir lassen zu, dass etwas Größeres als unsere Zweifel und Ängste in uns wirkt. Damit findet sich unsere Begrenztheit in einem unbegrenzten Raum, in dem alles, was ist, seinen genau richtigen und stimmigen Platz hat.

Im Mitgefühl begegnet das Kleine in uns dem Großen, das verletzte Kind dem weisen Erwachsenen, das suchende Ich dem, das schon gefunden hat, das Unvollkommene dem, das keine Vollkommenheit braucht.

Zum Weiterlesen:
Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Brauchen wir einen Selbstwert?

Dienstag, 23. Oktober 2018

Selbstqual mit Selbstvorwürfen

Selbstvorwürfe sind eine perfide Form der Selbstquälerei, zu der wir Menschen neigen. Die meisten Menschen kritisieren sich häufig selbst, oft nur halb bewusst. Immer, wenn sie einen Fehler verschulden, klagen sie sich dafür an und erinnern sich immer wieder daran, um die Anklage zu wiederholen und zu wiederholen. Offenbar meinen wir, wir bessern uns nur, wenn wir uns unsere Fehler immer wieder vorhalten.  

All das ist das Resultat von Lernprozessen: Wir haben von unseren Eltern gelernt, dass Fehler mit Tadel bestraft werden. Eltern meinen, dass sie, um ihre Kinder in der richtigen Weise zu erziehen, diese mit strenger Miene und harten Worten auf ihre Fehler aufmerksam machen, damit das Schlimme ja nicht mehr vorkommt. Kinder lernen jedoch weniger von dem, was ihnen gesagt wird, und vielmehr daraus, wie es ihnen gesagt wird. Sie lernen, dass auf Fehler Kritik folgen muss.

Wir werden erwachsen, und unsere Eltern mischen sich (hoffentlich) immer weniger in unser Leben ein. Dann fehlt uns die Instanz, die unsere Missgeschicke kritisch kommentiert – und, beflissen wie wir sind, übernehmen wir den Job selber. Wir etablieren einen zuverlässigen inneren Kritiker, der sich bei jedem Fehler gleich mit aller Vehemenz zu Wort meldet. 

Über die Unsinnigkeit von Selbstvorwürfen 


Es gibt zwei logische Gründe, warum Selbstvorwürfe unsinnig sind. Zum ersten: Fehler sind immer schon vergangen, wenn wir auf sie aufmerksam werden. Wenn wir gleich merken, dass etwas nicht passt, können wir es gleich korrigieren, und es gibt kein Problem. Ich schlage einen Nagel in die Wand und merke, dass der Nagel zu schwach ist – ein Fehler. Also nehme ich einen stärkeren Nagel – der Fehler ist ausgebessert. Ich sage in einem Gespräch unbedacht eine Unfreundlichkeit und entschuldige mich – das Gespräch geht ungestört weiter. Die Qual der Selbstvorwürfe beginnt erst nachher, wenn die Situation schon vorüber ist und die Gedanken in sie zurückgehen und dort nachträglich alles anders machen wollen. 

Zum zweiten: Wenn wir Fehler begehen, geschehen diese meistens aus unbewussten Handlungen, also aus solchen, die wir nicht bewusst entschieden haben. Wir machen ja nicht absichtlich Fehler. Wir sind mit unseren Gedanken woanders und merken plötzlich, dass wir vergessen haben, rechtzeitig aus dem Zug auszusteigen. Wir sind mit einem wichtigen beruflichen Thema beschäftigt und vergessen auf den Geburtstag einer Freundin.  

Weshalb sollen wir uns da kritisieren? Fehler „geschehen“ ganz offensichtlich, sie unterlaufen uns, ohne unser bewusstes Zutun und Wollen. Wir sind ja nicht so blöd, dass wir uns beim Kartoffelschälen absichtlich in den Finger schneiden oder mit dem Hammer auf den Finger klopfen. Wir sind auch nicht so garstig, dass wir unseren Mitmenschen absichtlich Böses antun. Fehler sind Ausfluss der Unvollkommenheit unseres Körper-Geist-Systems, dem die Idee der Perfektion fremd ist, das dafür aber über eine enorme Lernfähigkeit und Plastizität verfügt. 

Aus Fehlern werden wir klug, das schulden wir unserer Lernfähigkeit: Selbstkritik macht uns hingegen nicht klug, weil sie Fehler zu Versagen und Scheitern aufbauscht und unseren Selbstwert prügelt. Aus Kleinigkeiten werden existenzbedrohende Selbstverurteilungen. Und damit engen wir uns selber ein, machen uns Angst und hindern uns, unsere Fehlerhaftigkeit zu korrigieren. Lernen können wir nur, wenn wir uns akzeptiert und angenommen fühlen. 

Der innere Kritiker verleiht den Fehlern eine moralische Wertigkeit: Die Fehlerhaftigkeit entscheidet darüber, ob wir als Mitglied der Gemeinschaft akzeptabel sind oder nicht. Wenn wir uns nicht bessern, müssen wir befürchten, die Anerkennung und Liebe der anderen zu verlieren.  

Komplexes ist fehleranfällig 


Unser aller Leben ist enorm komplex, viele Bedürfnisse liegen in uns im Widerstreit, viele Interessen wollen berücksichtigt werden, viele Leute wollen etwas von uns, mit vielen Themen sollten wir uns auseinandersetzen, über Vieles sollten wir informiert sein etc. Da fällt es schwer, in jedem Augenblick voll präsent zu sein, und Fehler schleichen sich schnell ein.  

Fehler im sozialen Bereich geschehen noch viel leichter als beim Umgang mit Dingen. Denn jeder Mensch bringt seine eigene innere Komplexität in die Kommunikation ein, sodass dort andauernd Fehler passieren, ohne dass irgendwo ein Verschulden vorliegt. Ein großer Teil der zahlreichen zwischenmenschlichen Konflikte beruht auf Missverständnissen und Übertragungsfehlern. Wir drücken uns nicht exakt aus oder hören nicht genau zu. Schon entsteht ein Konflikt, der meist in die Streifrage mündet, wer den Fehler gemacht hat (grundsätzlich immer die jeweils andere Person), und dort bricht der Konflikt auch gleich in sich zusammen, weil er an diesem Punkt unlösbar geworden ist. 

Wenn wir genauer in uns nachspüren, können wir bemerken, dass wir uns mit jedem Selbstvorwurf von der Wirklichkeit abschneiden. Wir unterwerfen uns dem inneren Kritiker und begeben uns in seinen Bann. Damit distanzieren wir uns von der Wirklichkeit um uns herum, von der Situation, in der der Fehler passiert ist und von den Menschen, die wir mit unserem Verhalten verletzt oder irritiert haben. Wir verfangen uns in eine innere Auseinandersetzung, die uns daran hindert, die Folgen unserer Handlung in eine konstruktive Richtung zu lenken. Erst wenn wir aus diesem Käfig wieder herausfinden, können wir daran denken, wie wir den Schaden wieder gut machen können. Unnötig viel Zeit ist verflossen. 

Warum ist die Tendenz zu Selbstvorwürfen so hartnäckig?  


Sie hat, wie oben angemerkt, ihre Wurzeln in unseren frühen Erfahrungen mit Kritik. Mit Selbstvorwürfen wollen wir uns schützen, jemals wieder auf diese Weise herabgesetzt und verletzt zu werden, und merken nicht, wie wir uns selber herabsetzen und verletzen. Wir sind in einem sado-masochistischen Muster gefangen, Täter und Opfer in einem.  

Die mühsame, aber lohnende Arbeit liegt darin, unsere Demütigungsgeschichte durchzugehen und die vielfachen Verletzungen aufzulösen. Je mehr wir mit unserer Vergangenheit ins Klare kommen, desto schneller gelingt es uns, nach unterlaufenen Fehlern wieder in die Gegenwart zu kommen und unsere Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit wiederzugewinnen, indem wir tun oder sagen, was notwendig ist. Dann kann das Leben wieder weitergehen, und wir können darauf vertrauen, dass wir etwas dazu gelernt haben, was uns das Leben in Zukunft erleichtern wird. 

Das Aufspüren der Wurzeln unserer Zwänge zur Selbstkritik wird uns helfen, diese Gewohnheit zu schwächen und leichter mit unseren Fehlern umzugehen. Wir lassen aus Unachtsamkeit einen Teller fallen und sagen vielleicht: „Oh, Scherben bringen Glück!“, kehren die Scherben zusammen und weiter geht das Leben ohne Beschwernis. Oder wir versäumen einen Zug, weil wir zu wenig auf unsere Uhr geschaut haben und sagen: „Das kann jedem mal passieren“, schnappen uns ein Buch und warten geduldig auf den nächsten Zug. Jemand anderer ist beleidigt, weil wir ihn unbedacht angegriffen haben, wir entschuldigen uns gleich und erklären ihm kurz, dass da keine böse Absicht war, und das Gespräch geht entspannt weiter. 

Die Brücke der Selbstliebe 


Wenn wir uns Zeit für eine achtsame Selbstbesinnung oder Meditation nehmen, können wir diese Übung nutzen, um uns Selbstvorwürfe bewusst zu machen – auch subtile Formen des Abwertens und Kritisierens können uns dabei auffallen. Jedes Mal, wenn wir draufkommen, dass wir nicht ganz präsent im Augenblick sind, sondern Gedanken nachhängen, kann schon die Selbstkritik einsetzen, statt dass wir die Aufmerksamkeit behutsam und sanft in den Moment des unmittelbaren Erlebens zurückführen.  

Sobald wir uns von diesem momentanen Erfahren ablenken und damit in die abgetrennte mentale Welt wechseln, tun wir das, weil wir irgendetwas, was gerade geschieht, ablehnen und damit auch uns selbst als Erlebende abwerten. Insbesondere unangenehme Gefühle sind dabei ein passender Anknüpfungspunkt, um über deren Ablehnung in die Abtrennung zu flüchten. Wenn wir allerdings uns dem Unerfreulichen innerlich stellen und ihm Aufmerksamkeit und Präsenz widmen, bauen wir eine Brücke der Selbstliebe anstelle der Selbstablehnung. Das tut uns gut und beruhigt und entspannt unsere Selbstbeziehung, und damit verbunden, unsere Beziehung zu anderen Menschen. 

Zum Weiterlesen: 
Schwächen sind menschlich und machen menschlich 
Brauchen wir einen Selbstwert?
Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit

Dienstag, 11. September 2018

Die Kraft des Ja

„Sag Ja zum Moment, und alles Weitere geschieht von selbst.“ Dieser Satz hat schon einen früheren Blogartikel inspiriert. Im ersten Teil des Satzes geht es um das Annehmen dessen, was ist. Im zweiten Teil geht es um das Vertrauen in die Zukunft, und der ganze Satz deutet an, dass beides zusammengehört: Aus dem Vertrauen in den Moment erwächst das Vertrauen über das, was aus ihm als nächstes entsteht.

Mit dem Ja zum Moment verbinden wir uns mit der gerade aktuellen Realität. Wir nehmen sie so an, wie sie gerade ist, gleich ob sie uns unangenehme oder angenehme Gefühle bereitet. Wenn wir dieses Ja nicht schaffen, sondern die Realität anders wollen als sie ist, trennen wir uns von der Welt um uns ab. Aber auch in uns selbst entsteht eine Spaltung: Ein Teil repräsentiert die Realität, die gerade besteht, und ein anderer Teil will sie anders als sie ist. Wir leiden an einem inneren Konflikt.

Das Ja zu uns selbst


Wir geraten also nicht nur mit der Welt um uns herum in Widerstreit, wenn wir sie ablehnen. Wir entzweien uns auch von uns selbst, weil wir ja Teil dieser Welt sind. Besonders deutlich erleben wir diese Abtrennung, sobald wir an uns herumzumäkeln beginnen: Wir entsprechen nicht einmal unseren eigenen Erwartungen, wir bleiben laufend hinter dem zurück, was wir in Bezug auf uns selbst für richtig und gut halten, wofür wir uns geeignet halten, was unsere optimalen Möglichkeiten wären usw. Wir streben einem Ideal von uns nach, das wir nie erreichen, und nehmen dieses Versagen als Anlass, um uns selbst zu kritisieren und abzuwerten. Nie wieder soll mir eine Vase aus der Hand gleiten und zerbrechen, nie wieder möchte ich mich so unhöflich benehmen, nie wieder möchte ich so unmäßig in mich hineinfressen usw.

Wir spalten uns in den inneren Kritiker und in sein Opfer. Wir haben etwas falsch gemacht, ein Missgeschick ist uns unterlaufen, eine Herausforderung haben wir nicht gemeistert. Wir sind unzufrieden mit uns selber und folglich uneins. Damit lähmen wir unsere Handlungsmöglichkeiten. Der Kritiker möchte, dass das Opfer seinen Misstritt eingesteht, das Opfer möchte, dass es vom Kritiker verstanden und in Ruhe gelassen wird. Häufig geschieht dann überhaupt nichts, außer dass der Kritiker noch unzufriedener wird und das Opfer noch hilfloser. 

Deshalb müssen wir unsere inneren Teile wieder zusammenführen, um weiterzukommen. Dem Kritiker muss klar werden, dass er akzeptieren muss, was geschehen ist. Es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Dem Opfer muss einleuchten, dass es keinen Grund zur Ohnmacht gibt. Es braucht nur das Vertrauen darauf, dass es weitergeht. Jedes Versagen ist nur ein weiterer Schritt auf der eigenen Lernlaufbahn. Jeder Fehler war wichtig dafür, zu erkennen, was passiert ist, und neue Möglichkeiten zu erlauben.

Kritiker und Opfer können sich versöhnen, indem der Kritiker die Erfahrung des Opfers in sich aufnimmt, während das Opfer die Kraft des Kritikers fürs Weitergehen nutzt. Wir schließen uns wieder mit uns selber zusammen, als Voraussetzung, um wieder in die Gegenwart zu kommen. Solange wir im Fehlermachen und Versagen festhängen, sind wir an die Vergangenheit und an ihre Unveränderlichkeit gefesselt – unfähig, die Kraft des gegenwärtigen Moments (Eckhart Tolle) zu nutzen und zu genießen. Die Vergangenheit kann uns nicht helfen, die Gegenwart zu meistern, weil sie nichts von der Gegenwart wissen kann. Wir müssen sie also hinter uns lassen, wenn wir weiterkommen wollen. 

Dazu sagen wir zunächst Ja zur Vergangenheit und nehmen uns in unserer Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit an. So können wir das Alte in Frieden verabschieden. Dann gehen wir in den gegenwärtigen Moment und geben auch ihm ein Ja, und schauen, was sich als nächstes zeigen will.

Das Ja zum eigenen Körper 


Es gibt Zusammenhänge, in denen wir wollen, dass ein Teil der Realität verschwindet, sofort, für immer: Lästige Körpersymptome wie Zahnschmerzen oder Kopfweh, menschenverachtende Verhaltensweisen von Zeitgenossen, ungerechte politische Systeme usw. Da akzeptieren wir nicht einmal die Existenz dieser Phänomene, sondern fühlen uns in jedem Recht, dafür zu sorgen, dass sie aus dem Bereich des Wirklichen gelöscht werden. 

Allerdings ist das Nicht-Akzeptieren keine Hilfe. Bloß weil wir nicht wollen, dass wir Zahnweh haben, hört es nicht auf. Erst wenn wir akzeptieren, was ist, auch wenn es arg schmerzt oder unerträglich schlimm ist, können wir etwas dagegen tun. Aus dem Akzeptieren erwächst das Handeln, umgekehrt funktioniert es nicht. Häufig machen wir sogar die Erfahrung, dass das Akzeptieren von Schmerzen die Schmerzen verringert. Denn im Akzeptieren entspannen wir uns, und das kommt dem Gewebe entgegen, in dem sich der Schmerz gebildet hat. Dazu kommt, dass wir aufhören, gegen das Schicksal zu kämpfen, das uns gerade drangsaliert, und geben wir damit dem Leiden weniger Energie. 

Unser Körper zeigt seine Symptome nicht aus einer fiesen Tendenz, uns lästig sein zu wollen. Es zwackt irgendwo, weil wir uns dort verspannt haben. Es drückt im Bauch, weil wir etwas Ungesundes gegessen haben. Es schmerzt der Kopf, weil wir ihn überlastet haben. Unser Körper signalisiert uns, dass wir etwas ändern sollten: Unsere Bewegungsweise, unsere Ernährung, unser Arbeits- und Schlafverhalten usw. Er will in seiner Form des Ausdrucks angenommen und verstanden werden. Wenn uns das gelingt, nehmen wir uns selber tiefer an und weiten das Verständnis für uns selbst. 

Wir alle wünschen uns einen gesunden, aktiven Körper und erwarten und erhoffen, dass wir ihn so rasch wie möglich wiedererlangen, wenn wir akut erkranken oder wenn wir an einem langwierigen Leiden laborieren. Was aus dem Lot ist, möchte wieder zurück ins Gleichgewicht. Wir unterstützen den Wunsch nach Heilung aber nicht dadurch, dass wir gegen das Leiden kämpfen, sondern dadurch, dass wir im ersten Schritt das Leiden annehmen, um erst im zweiten Schritt die Maßnahmen zu ergreifen, die zur Heilung führen. Wir greifen erst dann ein, wenn klar und verstanden ist, wo die Störung liegt und was sie braucht, um sich zu verbessern oder sich wieder zu verabschieden.

Es so lassen können, wie es ist 


Die Aufgabe liegt also darin, das, was ist, im Moment zu lassen, damit wir es erkennen und verstehen können. Häufig ist unser Impuls, sofort verändernd einzugreifen, wenn etwas nicht in unserem Sinn ist. Sticht uns eine Mücke, wollen wir uns sofort kratzen, was meist den Schmerz verstärkt und verlängert. Der spontane Impuls zum Verändern ist in vielen Fällen nicht der beste, weil wir oft noch zu wenig erkannt haben, worum es wirklich geht und was der beste nächste Schritt wäre. Häufig steuern früh geprägte Reaktionsmuster und Überlebensstrategien diese Impulse: Kampf, Flucht oder Erstarren. 

Mit der Übung im Annehmen schaffen wir eine Unterbrechung, ein Innehalten. Indem wir aus dem, was sich unmittelbar aufdrängt, heraustreten, unterbrechen wir die unbewussten reaktiven Abläufe. Ein Raum für Klärung entsteht, aus dem der nächste bewusste Schritt entspringen kann. Alles Weitere kann dann von selbst geschehen.

Vor allem bei emotionsgeladenen, stressbesetzten Erfahrungen hilft das Innehalten als Grenze zwischen dem Akzeptieren der Situation und dem eingreifenden Handeln. In einem hitzigen Disput gibt ein Wort das andere, ohne Kontrolle über all die emotionalen Racheimpulse, die sich Bahn brechen und die Konflikteskalation beschleunigen. Was ist, ist, und es ändert sich nicht grundlegend durch blinden Aktionismus; allenfalls versteckt es sich und taucht dann hinterrücks in neuem Gewand auf. 

Nur wenn es uns gelingt, den zwanghaften Ablauf zu unterbrechen, die Aufmerksamkeit nach innen zu bringen und zum Moment Ja zu sagen, können neue Perspektiven mit neuen Handlungsmöglichkeiten auftauchen. Auf diese Weise befreien wir uns von den Verstrickungen aus Reaktionsmustern, die uns scheinbar klar die nächsten Aktionen diktieren, statt das Beste für die aktuelle Situation finden zu können.

Wenn wir wirklich Ja zum Moment sagen können, ist es ein bedingungsloses Ja zu diesem Moment mit Verzicht auf jede Änderung und auf jeden Eingriff. Es darf gerade so sein, wie es ist, und wir vertrauen darauf, dass uns der nächste Moment zeigen wird, was als nächstes geschehen soll. Wir nehmen uns mit unseren vorgeprägten Impulsen heraus aus dem Fluss der Ereignisse und spielen dort mit, wo wir nicht die erste Geige spielen müssen.

Die Grundlage der Achtsamkeit


In der Erfahrung des Ja zum Moment nutzen wir das Grundprinzip der Achtsamkeit. Es besagt, dass wir uns ganz in die Erfahrung des Moments hineinbegeben, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. Wir verbinden uns innig und möglichst vollständig mit diesem Moment, und wenn nichts mehr zwischen uns und der Wirklichkeit unserer Erfahrung steht, sind wir mit uns eins und mit der Welt um uns.

Der achtsame Umgang mit uns selbst beinhaltet die bewusste Bejahung all dessen, was unser Inneres uns zeigt, Körperwahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle, Gedanken. Wenn sich alte Muster und früh geprägte Überlebensstrategien einmischen, wird diese unmittelbare Beziehung zu uns selbst und zum Fließen des Lebens durch uns unterbrochen. Wir können aber immer wieder gegensteuern, indem wir uns bewusst machen, was jetzt, in diesem Moment, in uns abläuft. Wir brauchen nur unsere Aufmerksamkeit auf unsere Atmung lenken, und schon sind wir mit uns in einer umfassenden Weise verbunden.

Der nächste Kurs in Achtsamkeit, den ich anleite, läuft vom 17. September bis 12. November 2018 (jeden Montag mit Ausnahme 29. Oktober), jeweils 19:00 - 20:30 in der Cervantesgasse 5/5, 1140 Wien.

Zum Weiterlesen:
Sag Ja zum Moment

Das Ja zum Selbst
Unterschiede im inneren Wachstum

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Brauchen wir einen Selbstwert?

Unser Selbstwert sagt etwas darüber aus, wie wir uns selber wertschätzen, welchen Wert wir also uns selbst beimessen. Wir tun das immer wieder, vielleicht sogar die ganze Zeit nebenbei, wenn wir uns als wir selbst erleben, wenn wir also über uns selber reflektieren. Sind wir in irgendwelchen Tätigkeiten verschwunden, wenn wir z.B. Geschirr abwaschen und mit nichts anderem beschäftigt sind als damit, so machen wir das ohne Selbstwert. Fällt uns dabei ein Teller runter, kann es passieren, dass wir uns selbst dafür abwerten: Wie kann ich nur so blöd, so ungeschickt, so unachtsam sein. Plötzlich kommen wir selbst und unser Selbstwert ins Spiel. Wir erleben uns als Akteure auf der Bühne des Lebens und nehmen zugleich eine Zuschauerrolle ein, die kritisch die Performance verfolgt und laufend Kommentare abgibt: Das war jetzt gut, das war jetzt völlig daneben, das könnte besser sein und jenes ganz anders. Unser berühmter innerer Kritiker ist aufgewacht.

Diese zweite Ebene blenden wir immer dann ein, wenn wir aus dem Mit-dem-Leben-Fließen aussteigen. Aussteigen heißt, es kommt zu einer Unterbrechung durch etwas, was Gefühle in uns auslösen, z.B. Stress oder Angst. Der Teller fällt runter, wir kriegen einen Schreck und denken gleich daran, dass wir etwas kaputt gemacht haben. Unser Unterbewusstsein liefert dazu die Informationen von früheren Missgeschicken und den Reaktionen unserer Umgebung darauf, und zwar vor allem selektiv jene, bei denen diese Reaktionen für uns unangenehm oder sogar bedrohlich waren. Denn unser Unterbewusstsein ist darauf spezialisiert, angstauslösende Situationen prioritär abzuspeichern und im Bedarfsfall zu aktualisieren. 

So folgt auf den Schreck sofort die Angst, geschimpft und bestraft zu werden. Da aber niemand da ist, der uns auf unsere Fehlerhaftigkeit hinweist und mit Konsequenzen droht, tun wir das selber mit uns. „Wenn du nicht besser aufpasst, geht alles kaputt, wenn alles kaputt geht, stehst du mit leeren Händen da, wenn du mit leeren Händen dastehst, musst du verhungern.“

Wir kommen also erst dann auf die Idee, dass wir einen Selbstwert haben, wenn etwas schief geht und uns die Verantwortung dafür angelastet wird. Unser Selbstwert wird uns als Selbstunwert bewusst. Wir sind an einem fehlerhaften Ablauf schuld. Und deshalb ist etwas an uns selbst mangelhaft, sonst wäre das nicht passiert.

Kinder – je kleiner, desto mehr –, neigen dazu, wenn sie sich schlecht fühlen, anzunehmen, dass sie schlecht sind. Jemand hat ihnen etwas angetan, und sie glauben, dass sie selber schuld sind und dass sie selber nicht in Ordnung sind. Oder sie haben etwas nicht gekriegt, was sie unbedingt gebraucht hätten, z.B. Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit, damit geht es ihnen schlecht, und weil sie sich schlecht fühlen, nehmen sie an, dass sie selber schlecht sind. So prägen sich die Grundlagen für die Selbstabwertungen wie Schablonen in die tieferen Schichten der Psyche ein. Und solche Schablonen tragen wir alle in uns. Sie stehen auf Abruf bereit, wenn uns etwas daneben geht. 

Den Selbstwert wieder herstellen

Der erste Schritt, um mit uns selber ins Reine zu kommen, besteht darin, den ramponierten Selbstwert zu restaurieren. Wir brauchen dazu nur genauer auf unsere Selbstabwertungstendenzen zu horchen – wann erwacht die mahnende Stimme des inneren Kritikers? Ist das, was sie sagt,  brauchbar und nützlich oder hinderlich und unnötig? Im zweiten Fall halten wir uns am besten nicht auf mit der inneren Stimme, sondern konzentrieren uns auf eine andere, die uns bessere Unterstützung anbietet. Wir sind unseren inneren Stimmen nicht ausgeliefert. Sobald wir uns ihrer bewusst werden, können wir auch bewusst mit ihnen umgehen.

Selbstwert mit Mängeln

Niemand ist perfekt, niemand ist frei von Mängeln, und jedem unterlaufen da und dort Fehler. Jeder Fehler ist eine Gelegenheit, um Gelassenheit zu üben – oh, da ist mir was zerbrochen, oh, da bin ich in etwas Unappetitliches getreten, oh, da habe ich einen wichtigen Termin vergessen… Wir sind und bleiben gute und liebenswerte Menschen, ob wir zu 90 Prozent perfekt sind oder zu 85. Wir können uns erlauben, unsere Unvollkommenheiten in der inneren Sektion Unvollkommenheiten abzulegen, ohne dass sie unseren Selbstwert beschädigt. Es genügt, dass wir uns selber sagen: Da habe ich einen Fehler gemacht, dann kann ich einen Mangel verbessern, und ist auch effektiver, als wenn ich zu mir sage, was für ein schlechter oder unfähiger Mensch ich bin. 

Den Selbstwert loslassen

Achten wir also auf die Unterbrechungen, in denen sich die Selbstwertproblematik meldet. Wenn wir unsere entsprechenden Ängste und sonstigen Schwachstellen kennen, können wir leichter und schneller wieder zurück ins Fließen finden. Im Fließen sind wir einfach, wer wir sind, ohne eine großartige Idee von Wertigkeit oder Unwertigkeit. Im Fließen können wir das Leben und uns selbst mitten drin einfach genießen und wertschätzen, was es uns an Anregungen, Abwechslungen und Herausforderungen bieten möchte.

Der Selbstwert hat die Funktion einer Krücke, die wir nutzen können, wenn wir aus dem Fließen herausfallen. Wir korrigieren unsere unnötige Selbstabwertung, indem wir uns einen guten Selbstwert zusprechen.  Ja, wir sind wertvoll, ja, wir sind liebenswert, ja, wir machen so vieles gut in unserem Leben. Und dann können wir die Selbstwertschätzung wieder loslassen und ins Fließen zurückkehren, wo wir nur ein Teil eines größeren Ganzen sind, das mitspielt.

In diesen Zuständen und Erfahrungszusammenhängen merken wir vielleicht, dass dieser Wert, den wir uns zuschreiben und mit dem wir manchmal hadern, mit uns da ist, also unser Dasein ist. Weil wir da sind, weil wir existieren, sind wir wertvoll. Deshalb gibt es gar keine reale Möglichkeit, dass irgendjemand uns diesen Wert wieder wegnehmen könnte, auch wir selber nicht.

Wer könnte denn überhaupt unseren Wert in Frage stellen? Welchen Sinn soll es machen, dass wir anderen die Macht geben, über uns als Menschen zu befinden und Urteile zu fällen? Wollen wir das wirklich? Wenn nicht, warum sollten wir uns selber diese Macht geben? Was wissen wir denn schon über uns selbst, wenn wir uns beschimpfen und abwerten? Sehen wir da nicht nur ein Zerrbild von uns selbst, das nicht im Entferntesten das wiedergibt, was wir im tiefsten Inneren sind? Wenn wir da hineinschauen, sehen wir etwas Einzigartiges und ganz und gar Besonderes, etwas, das unvergleichlich hervorragt und unendlich reich und wunderschön ist. Und das keinen Selbstwert braucht, der ihm bestätigt, dass wir gut so sind, wie wir sind, und dass alles mit uns in Ordnung ist.