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Montag, 22. April 2019

Hass und Liebe: Vom Mangel in die Fülle

Wenn von Dualität gesprochen wird, tauchen als Beispiele meistens gut – böse, männlich – weiblich, Tag (Licht) – Nacht (Dunkelheit) und: Liebe – Hass auf. Diese Beispiele sollen illustrieren, dass die Welt auf Dualitäten aufgebaut ist, die Spannungen aufbauen und überwunden werden müssen, wenn man auf dem inneren Weg weiterkommen will. 

Brigitta Kemner z.B. schreibt: „Wir alle kennen erfahrbare Dualität: heiß – kalt, Liebe – Hass, männlich – weiblich, gut – böse, hell – dunkel, usw. Ebenso wird das Verhalten von Menschen schon immer durch dualitäre Muster bestimmt. Wir teilen Geschehnisse, Ereignisse, Menschen und Gedanken in „positiv“ oder „negativ“ ein.“

Bei Martin von Mendel können wir lesen: „Die Matrix, in der wir uns befinden, ist eine duale Matrix, in der alles einen Gegenpol hat. Dies ist ein Naturgesetz, das sich auch durch Bewusstsein nicht verändern lässt.“

Oder Günther Messerschmid schreibt: „Wir leben hier auf der Erde auf einer Ebene der Gegensätze. Tag – Nacht, Vater – Mutter, Liebe – Hass, … Nur in den Gegensätzen, im Spannungsfeld der Gegensätze können wir unser Bewusstsein ausbilden … Durch die Gegensätze erfahren wir uns selbst.“ (Das Trauma der Seele, S. 109 f, 2018)

Den Begriff der Dualität habe ich auf dieser Seite in einigen Artikeln problematisiert, zum einen als wenig tauglich, um die Realität zu verstehen, weil wir diese vor allem in Übergängen, Schattierungen und Nuancen und kaum in schroffen Gegensätzen wie schwarz und weiß erleben. Zum anderen, weil der Begriff mehr mit unserem stressgeplagtem Innenleben zu tun hat als mit dem spirituellen Weg, aber gerade dort gerne zitiert wird. Deshalb erscheint er nicht hilfreich, um auf diesem Weg weiterzukommen.


Leiden am Mangel an Liebe und nicht an Hass


In diesem Artikel geht es speziell um die oft leichtfertig ausgesprochene Gegenüberstellung von Liebe und Hass, die ja auch die beiden Begriffe aneinander binden will. Wenn Liebe und Hass einen dualen Gegensatz ausmachen, gibt es keine Liebe ohne Hass und umgekehrt. Beide sind gleich stark, und einmal überwiegt mehr das Eine, ein andermal das Andere. Oder, wie es auch manchmal heißt: Wo viel Liebe ist, ist auch viel Hass. 

Zunächst scheint es offensichtlich: Wer eine Person liebt, hasst sie nicht gleichzeitig und umgekehrt. Andererseits verstehen wir sogleich intuitiv, dass der Gegensatz nicht wirklich durchgängig ist: Wir können zwar Hass als Mangel an Liebe verstehen, aber Liebe nicht als Mangel an Hass. Es ist nicht so, dass wir in der Liebe den Hass vermissen, sondern eher so, dass wir uns im Hass nach Liebe sehnen. 

Hass ist ein Leidenszustand; wir können dieses Gefühl nicht genießen: Wir brauchen uns nur die Körperposition vorstellen, die zum Hass passt und merken gleich die massive Anspannung, die mit dem Hassen verbunden ist. Sobald wir uns bewusst in eine Hass-Haltung hineinbegeben, wollen wir so schnell wie möglich wieder raus. Der Hass macht uns unfrei, auf der körperlichen wie auf der geistigen Ebene. Er bindet unseren Verstand an das Objekt, wir denken dauernd an die gehasste Person und verstärken unsere Verspannung. Unser Denken wird eindimensional und fixiert. Unser Hauptleiden verursacht aber unser Mangel an Liebesfähigkeit, anderen und uns selbst gegenüber. 

Hass ist also ein Mangelzustand, und die Liebe ein Füllezustand. Im Zustand der Liebe sind wir frei und entspannt. Wir freuen uns des Lebens und des Seins der anderen Menschen. Wir wollen, dass es alle gut haben und zum Glück finden. Auch dieser Gegensatz passt nicht zu einer Dualität, sondern zu einer eindeutigen Orientierung: Die Entwicklung geht vom Hass zur Liebe, und nicht umgekerht, sodass wir immer weniger Hass empfinden und immer mehr Liebe. Eine Welt ohne Hass wäre uneingeschränkt eine bessere Welt. Jeder, der danach strebt, mehr Liebe zu leben, verringert den Hass unter den Menschen. „Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang.“ (Mahatma Gandhi)


Warum hassen wir?


Natürlich verschwindet der Hass nicht einfach durch gute Vorsätze. Er entsteht als Reaktion auf Lieblosigkeiten, denen wir hilflos ausgesetzt waren. Unsere eigene Liebesfähigkeit, mit der wir in diese Welt gekommen sind, wurde nicht oder nicht ausreichend erwidert, und statt bedingungsloser Zuwendung haben wir Achtlosigkeiten, emotionalen Missbrauch und Manipulation erlitten. Da wir nicht in der Opferrolle steckenbleiben wollten, hat sich der Hass entwickelt: Jene, die uns etwas angetan haben, sollen selber leiden. In der Rache am Bösen soll ein Ausgleich geschehen.

Im Hassen sind wir also in der Regression. Wir haben unsere Erwachsenenkompetenzen verlassen und befinden uns in einem kleinkindlichen mentalen Stadium, das durch starke Emotionen und geringe Realitätskontrolle gekennzeichnet ist. Es sind also tiefe seelische Verletzungen und existenzielle Ängste, die dem Hass die emotionale Wucht geben, die sich in Gewalttaten entladen kann. Im Hass geschieht ein Rückfall in eine Bedrohungssituation, in der wir uns hilflos ausgeliefert fühlten; das Gefühl des Hasses gibt uns ein Stück Schutz und Sicherheit, weil wir die Auslöschung der Quelle der Bedrohung fantasieren können. 

Der Hass macht die hassende Person abhängig von der Bedrohung und bindet sie an das Objekt. Diesen Kreislauf füttern die Medien, die der Hasser selektiv konsumiert, sodass er seine Weltsicht dauernd bestätigt. Die Welt wird auf hassenswerte Objekte eingeengt und alles Gegenteilige wird ausgeblendet. 

Auf der seelischen Ebene leidet der Hasser selbst am meisten, wieviel Leid er auch anderen mit seinen Rachegelüsten zugefügt haben mag. Er hat sich völlig von sich abgetrennt und ist nur mit dem Teil in ihm verbunden, der das größte Leid gespeichert hat. Ein makabres Sinnbild dafür liefert der Selbstmordattentäter, der sich selbst den grausigsten Tod zufügt.


Den Kreislauf durch Bewusstheit unterbrechen


Der Kreislauf von Hass, Selbsthass und Rache kann nur überwunden werden, wenn wir Verantwortung für unsere Gefühle und Gedanken übernehmen. Der Hass gehört zu unserer Lebensgeschichte und hatte einst den Sinn, uns aus der Opferrolle zu befreien. Mit dem Hassen bleiben wir aber auf halbem Weg stehen. Denn wir meinen, dass wir Täter werden müssen, um nie wieder zum Opfer werden zu können. So bleiben wir in der Täter-Opfer-Schaukel gefangen.

Wenn wir aus der Opfer-Täter-Dynamik aussteigen wollen, müssen wir uns den Schmerzen und Ängsten, die mit den ursprünglichen Bedrohungen und Verletzungen verbunden sind, stellen. In diesem Prozess können wir dann zum Verzeihen kommen, indem wir verstehen, dass die Personen, die uns unser Leiden zugefügt haben, nicht besser lieben konnten, und dass wir trotz all der Belastungen doch genügend Unterstützung bekamen, um zu überleben und erwachsen und selbständig zu werden. Im Verzeihen verwandelt sich der Hass in Liebe und wir fühlen uns entlastet und erleichtert. 


Die Liebe umfasst auch den Hass


Liebe sind wir in unserem Wesen, während uns der Hass zeigt, wie sehr wir uns von uns selbst entfremden können. Aber gerade deshalb gibt es immer einen Weg aus dem Hass zur Liebe, den Weg der Bewusstheit und Selbstannahme. Denn die Liebe kann selbst noch den Hass umfassen, und damit kann sie nie die Rolle eines dualen Partners spielen. Sie ist auf ihre feine Art viel zu mächtig.

„Das Ego erkennt nicht, dass der Hass eine Projektion des universalen Schmerzes ist, den du in dir trägst. Es glaubt, der andere sei die Ursache des Schmerzes. Es erkennt nicht, dass der Schmerz aus dem allgegenwärtigen Gefühl entspringt, nicht mit deinen eigenen Tiefen verbunden zu sein, nicht eins mit dir zu sein. (…)
Immer, wenn du das annimmst, was ist, taucht etwas auf, das tiefer ist als das, was ist. Ganz gleich, ob du im schrecklichsten inneren oder äußeren Dilemma, in den schmerzlichsten Gefühlen oder Situationen gefangen bist: Sobald du akzeptierst was ist, gehst du darüber hinaus. Sogar Hass wird transzendiert, sobald du annimmst, dass du ihn empfindest. Dann ist der Hass vielleicht noch da, aber du bist an einem tieferen Ort angekommen, wo er dir nicht mehr so viel ausmacht.“ (Eckhart Tolle

Zum Weiterlesen:
Hass im Internetzeitalter
Polaritäten lähmen, Kontinuen befreien
Polaritäten - Ursprünge und Folgen
Der Bösewicht in uns
Geschlossene Systeme und der inhärente Hass
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses
Liebe und Hass - eine Polarität?


Dienstag, 11. September 2018

Die Kraft des Ja

„Sag Ja zum Moment, und alles Weitere geschieht von selbst.“ Dieser Satz hat schon einen früheren Blogartikel inspiriert. Im ersten Teil des Satzes geht es um das Annehmen dessen, was ist. Im zweiten Teil geht es um das Vertrauen in die Zukunft, und der ganze Satz deutet an, dass beides zusammengehört: Aus dem Vertrauen in den Moment erwächst das Vertrauen über das, was aus ihm als nächstes entsteht.

Mit dem Ja zum Moment verbinden wir uns mit der gerade aktuellen Realität. Wir nehmen sie so an, wie sie gerade ist, gleich ob sie uns unangenehme oder angenehme Gefühle bereitet. Wenn wir dieses Ja nicht schaffen, sondern die Realität anders wollen als sie ist, trennen wir uns von der Welt um uns ab. Aber auch in uns selbst entsteht eine Spaltung: Ein Teil repräsentiert die Realität, die gerade besteht, und ein anderer Teil will sie anders als sie ist. Wir leiden an einem inneren Konflikt.

Das Ja zu uns selbst


Wir geraten also nicht nur mit der Welt um uns herum in Widerstreit, wenn wir sie ablehnen. Wir entzweien uns auch von uns selbst, weil wir ja Teil dieser Welt sind. Besonders deutlich erleben wir diese Abtrennung, sobald wir an uns herumzumäkeln beginnen: Wir entsprechen nicht einmal unseren eigenen Erwartungen, wir bleiben laufend hinter dem zurück, was wir in Bezug auf uns selbst für richtig und gut halten, wofür wir uns geeignet halten, was unsere optimalen Möglichkeiten wären usw. Wir streben einem Ideal von uns nach, das wir nie erreichen, und nehmen dieses Versagen als Anlass, um uns selbst zu kritisieren und abzuwerten. Nie wieder soll mir eine Vase aus der Hand gleiten und zerbrechen, nie wieder möchte ich mich so unhöflich benehmen, nie wieder möchte ich so unmäßig in mich hineinfressen usw.

Wir spalten uns in den inneren Kritiker und in sein Opfer. Wir haben etwas falsch gemacht, ein Missgeschick ist uns unterlaufen, eine Herausforderung haben wir nicht gemeistert. Wir sind unzufrieden mit uns selber und folglich uneins. Damit lähmen wir unsere Handlungsmöglichkeiten. Der Kritiker möchte, dass das Opfer seinen Misstritt eingesteht, das Opfer möchte, dass es vom Kritiker verstanden und in Ruhe gelassen wird. Häufig geschieht dann überhaupt nichts, außer dass der Kritiker noch unzufriedener wird und das Opfer noch hilfloser. 

Deshalb müssen wir unsere inneren Teile wieder zusammenführen, um weiterzukommen. Dem Kritiker muss klar werden, dass er akzeptieren muss, was geschehen ist. Es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Dem Opfer muss einleuchten, dass es keinen Grund zur Ohnmacht gibt. Es braucht nur das Vertrauen darauf, dass es weitergeht. Jedes Versagen ist nur ein weiterer Schritt auf der eigenen Lernlaufbahn. Jeder Fehler war wichtig dafür, zu erkennen, was passiert ist, und neue Möglichkeiten zu erlauben.

Kritiker und Opfer können sich versöhnen, indem der Kritiker die Erfahrung des Opfers in sich aufnimmt, während das Opfer die Kraft des Kritikers fürs Weitergehen nutzt. Wir schließen uns wieder mit uns selber zusammen, als Voraussetzung, um wieder in die Gegenwart zu kommen. Solange wir im Fehlermachen und Versagen festhängen, sind wir an die Vergangenheit und an ihre Unveränderlichkeit gefesselt – unfähig, die Kraft des gegenwärtigen Moments (Eckhart Tolle) zu nutzen und zu genießen. Die Vergangenheit kann uns nicht helfen, die Gegenwart zu meistern, weil sie nichts von der Gegenwart wissen kann. Wir müssen sie also hinter uns lassen, wenn wir weiterkommen wollen. 

Dazu sagen wir zunächst Ja zur Vergangenheit und nehmen uns in unserer Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit an. So können wir das Alte in Frieden verabschieden. Dann gehen wir in den gegenwärtigen Moment und geben auch ihm ein Ja, und schauen, was sich als nächstes zeigen will.

Das Ja zum eigenen Körper 


Es gibt Zusammenhänge, in denen wir wollen, dass ein Teil der Realität verschwindet, sofort, für immer: Lästige Körpersymptome wie Zahnschmerzen oder Kopfweh, menschenverachtende Verhaltensweisen von Zeitgenossen, ungerechte politische Systeme usw. Da akzeptieren wir nicht einmal die Existenz dieser Phänomene, sondern fühlen uns in jedem Recht, dafür zu sorgen, dass sie aus dem Bereich des Wirklichen gelöscht werden. 

Allerdings ist das Nicht-Akzeptieren keine Hilfe. Bloß weil wir nicht wollen, dass wir Zahnweh haben, hört es nicht auf. Erst wenn wir akzeptieren, was ist, auch wenn es arg schmerzt oder unerträglich schlimm ist, können wir etwas dagegen tun. Aus dem Akzeptieren erwächst das Handeln, umgekehrt funktioniert es nicht. Häufig machen wir sogar die Erfahrung, dass das Akzeptieren von Schmerzen die Schmerzen verringert. Denn im Akzeptieren entspannen wir uns, und das kommt dem Gewebe entgegen, in dem sich der Schmerz gebildet hat. Dazu kommt, dass wir aufhören, gegen das Schicksal zu kämpfen, das uns gerade drangsaliert, und geben wir damit dem Leiden weniger Energie. 

Unser Körper zeigt seine Symptome nicht aus einer fiesen Tendenz, uns lästig sein zu wollen. Es zwackt irgendwo, weil wir uns dort verspannt haben. Es drückt im Bauch, weil wir etwas Ungesundes gegessen haben. Es schmerzt der Kopf, weil wir ihn überlastet haben. Unser Körper signalisiert uns, dass wir etwas ändern sollten: Unsere Bewegungsweise, unsere Ernährung, unser Arbeits- und Schlafverhalten usw. Er will in seiner Form des Ausdrucks angenommen und verstanden werden. Wenn uns das gelingt, nehmen wir uns selber tiefer an und weiten das Verständnis für uns selbst. 

Wir alle wünschen uns einen gesunden, aktiven Körper und erwarten und erhoffen, dass wir ihn so rasch wie möglich wiedererlangen, wenn wir akut erkranken oder wenn wir an einem langwierigen Leiden laborieren. Was aus dem Lot ist, möchte wieder zurück ins Gleichgewicht. Wir unterstützen den Wunsch nach Heilung aber nicht dadurch, dass wir gegen das Leiden kämpfen, sondern dadurch, dass wir im ersten Schritt das Leiden annehmen, um erst im zweiten Schritt die Maßnahmen zu ergreifen, die zur Heilung führen. Wir greifen erst dann ein, wenn klar und verstanden ist, wo die Störung liegt und was sie braucht, um sich zu verbessern oder sich wieder zu verabschieden.

Es so lassen können, wie es ist 


Die Aufgabe liegt also darin, das, was ist, im Moment zu lassen, damit wir es erkennen und verstehen können. Häufig ist unser Impuls, sofort verändernd einzugreifen, wenn etwas nicht in unserem Sinn ist. Sticht uns eine Mücke, wollen wir uns sofort kratzen, was meist den Schmerz verstärkt und verlängert. Der spontane Impuls zum Verändern ist in vielen Fällen nicht der beste, weil wir oft noch zu wenig erkannt haben, worum es wirklich geht und was der beste nächste Schritt wäre. Häufig steuern früh geprägte Reaktionsmuster und Überlebensstrategien diese Impulse: Kampf, Flucht oder Erstarren. 

Mit der Übung im Annehmen schaffen wir eine Unterbrechung, ein Innehalten. Indem wir aus dem, was sich unmittelbar aufdrängt, heraustreten, unterbrechen wir die unbewussten reaktiven Abläufe. Ein Raum für Klärung entsteht, aus dem der nächste bewusste Schritt entspringen kann. Alles Weitere kann dann von selbst geschehen.

Vor allem bei emotionsgeladenen, stressbesetzten Erfahrungen hilft das Innehalten als Grenze zwischen dem Akzeptieren der Situation und dem eingreifenden Handeln. In einem hitzigen Disput gibt ein Wort das andere, ohne Kontrolle über all die emotionalen Racheimpulse, die sich Bahn brechen und die Konflikteskalation beschleunigen. Was ist, ist, und es ändert sich nicht grundlegend durch blinden Aktionismus; allenfalls versteckt es sich und taucht dann hinterrücks in neuem Gewand auf. 

Nur wenn es uns gelingt, den zwanghaften Ablauf zu unterbrechen, die Aufmerksamkeit nach innen zu bringen und zum Moment Ja zu sagen, können neue Perspektiven mit neuen Handlungsmöglichkeiten auftauchen. Auf diese Weise befreien wir uns von den Verstrickungen aus Reaktionsmustern, die uns scheinbar klar die nächsten Aktionen diktieren, statt das Beste für die aktuelle Situation finden zu können.

Wenn wir wirklich Ja zum Moment sagen können, ist es ein bedingungsloses Ja zu diesem Moment mit Verzicht auf jede Änderung und auf jeden Eingriff. Es darf gerade so sein, wie es ist, und wir vertrauen darauf, dass uns der nächste Moment zeigen wird, was als nächstes geschehen soll. Wir nehmen uns mit unseren vorgeprägten Impulsen heraus aus dem Fluss der Ereignisse und spielen dort mit, wo wir nicht die erste Geige spielen müssen.

Die Grundlage der Achtsamkeit


In der Erfahrung des Ja zum Moment nutzen wir das Grundprinzip der Achtsamkeit. Es besagt, dass wir uns ganz in die Erfahrung des Moments hineinbegeben, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. Wir verbinden uns innig und möglichst vollständig mit diesem Moment, und wenn nichts mehr zwischen uns und der Wirklichkeit unserer Erfahrung steht, sind wir mit uns eins und mit der Welt um uns.

Der achtsame Umgang mit uns selbst beinhaltet die bewusste Bejahung all dessen, was unser Inneres uns zeigt, Körperwahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle, Gedanken. Wenn sich alte Muster und früh geprägte Überlebensstrategien einmischen, wird diese unmittelbare Beziehung zu uns selbst und zum Fließen des Lebens durch uns unterbrochen. Wir können aber immer wieder gegensteuern, indem wir uns bewusst machen, was jetzt, in diesem Moment, in uns abläuft. Wir brauchen nur unsere Aufmerksamkeit auf unsere Atmung lenken, und schon sind wir mit uns in einer umfassenden Weise verbunden.

Der nächste Kurs in Achtsamkeit, den ich anleite, läuft vom 17. September bis 12. November 2018 (jeden Montag mit Ausnahme 29. Oktober), jeweils 19:00 - 20:30 in der Cervantesgasse 5/5, 1140 Wien.

Zum Weiterlesen:
Sag Ja zum Moment

Das Ja zum Selbst
Unterschiede im inneren Wachstum

Sonntag, 28. April 2013

Störungen in der Meditation

Wenn wir in Meditation sind, genießen wir das Versinken in der eigenen Innenwelt. Störung von außen erleben wir eben als Störungen, als etwas Lästiges und Unnötiges, weil es uns in unserem Weg in die Stille oder in die Süße der inneren oder jenseitigen Erfahrungsräume herausreißt und wir erst wieder mühsam den Weg zurück finden müssen. Sind es Menschen, die durch ihre Unachtsamkeit uns aus der Versenkung holen, fühlen wir uns im Recht, sie zu beschuldigen. Wir ärgern uns über sie, und brauchen dadurch noch zusätzlich Zeit, wieder ins Innere zu fallen, weil wir die Emotion integrieren müssen. Zusätzlich müssen wir darauf achten, dass wir dem unheilsamen Kreislauf entkommen, dass wir jemandem böse sind, der uns stört und ihm dann noch böse sind, weil wir das Bösesein integrieren müssen usw. 

Wir halten dabei an einem Konzept von Meditation fest, das wir gebildet haben: Meditation muss so oder so sein, dass es wirkliche Meditation ist, z.B. außen ist alles ruhig, kein Lärm, keine akustischen Einflüsse. Sobald ein starker Außenreiz kommt, wird die Meditation unterbrochen und sie beginnt erst wieder, wenn wir den Faden wieder gefunden und aufgenommen haben. Wenn wir an diesem Konzept festhalten, geben wir Verantwortung ab: Unsere Meditation hängt von unserer Außenwelt ab, die wir aus ihr ausschließen und die erst relevant wird, wenn sie sich einmischt, worauf wir sie so rasch wie möglich wieder loswerden wollen. 

Ein anderes Konzept von Meditation heißt: Erfahren, was im Moment ist, und Verantwortung für diese Erfahrungen übernehmen. Dieses Konzept beinhaltet die Einbeziehung der Störung in die Meditation. Die Störung passiert, und unweigerlich geht die Aufmerksamkeit zu ihr, so ist unser Nervensystem angelegt. Vor allem akustische Reize werden sehr schnell und vordringlich weitergeleitet an unser Alarmsystem. Wir merken die Störung und beobachten unsere Reaktion darauf und nehmen die Erfahrung als Teil unserer Meditation. 

Es können da auch Emotionen kommen, ein Schreckimpuls und ein Ärger über den Verursacher des Schrecks. Aber wenn wir diese Gefühle in die Meditation hineinnehmen, verhindern wir die Kettenreaktion, dass wir Gefühle entwickeln, weil wir Gefühle haben. Wir bemerken statt dessen einfach, was da ist, und das verabschiedet sich dann schneller wieder. 

Das können wir zur Störung innerlich sagen: „Ich heiße dich willkommen und umarme dich, du bist Teil meiner Welt, du gehörst dazu wie alles andere. Du kommst und du gehst wieder, wie es für dich passt.“ Nach einigen Störungen werden wir diese Haltung des Annehmens und Einschließens verinnerlicht haben, und die damit gewonnene Einstellung wird uns auch in vielen anderen Situationen unseres Lebens zugute kommen. 

Mit diesem Konzept von Meditation lernen wir die meditative Haltung auf alles auszudehnen, was uns im Leben begegnet. Wir können im Grund immer in Meditation sein und sind nicht auf einen ruhigen Platz und ein gutes Sitzkissen eingeschränkt. Der Marktplatz wird zum Meditationsplatz. 

Und wir bewerten unsere Meditation nicht mehr nach unterschiedlicher Tiefe – je tiefer, desto besser, sondern nehmen auch unsere einzelnen Meditationen selber meditativ – so wie sie sind, einmal so, einmal anders, nie besser oder schlechter. Auch machen wir keine Unterschiede mehr in der Schönheit („Heute war meine Meditation besonders schön“), sondern entdecken und schätzen die ganz eigene Qualität, die jede Meditation in sich trägt, sei sie auch eine besondere Form des Abgelenktseins und der Unkonzentriertheit. 

Meditation ist die Zeit des Bei-uns-selber-Seins, die Zeit, die wir uns für unser Inneres nehmen, und da hat alles seinen Platz, was unser Inneres ausmacht, da darf sich alles zeigen und da können wir, so gut wir es vermögen, alles in seinem Sein annehmen. So finden wir mehr und mehr zu unserer Ganzheit.

Vgl.: Meditation und Langeweile