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Donnerstag, 31. Januar 2019

Akzeptiere was ist, dann verändert es sich

Es gibt zwei Lebensanschauungen, zwei Erziehungsprinzipien, zwei Formen der Selbstdisziplin, die wie Antagonisten zueinander stehen. Sie ziehen sich durch die Sozial- und Kulturgeschichte ebenso wie durch die Biographien der Menschen unserer westlichen Gesellschaften. Sie lassen sich durch zwei Sätze formulieren:

1. Wenn du akzeptierst, was ist, wird sich nie etwas ändern.
2. Akzeptiere was ist, dann wird es sich von selber verändern. 

Wir sehen sofort den Unterschied. Im ersten Satz äußert sich eine rigide Erziehungshaltung und Einstellung zu sich selbst. Aber sie ist geprägt von einigen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden an Erziehungs- und Disziplinierungsgeschichte. Es ist die Philosophie vom inneren Schweinhund, dem inneren Saboteur, der jede Anstrengung vermeiden will und sich nur unter Drohungen und Zwang von seinem Faulbett aufrafft. 

Es kommt ein Misstrauen gegen andere und gegen sich selbst zum Ausdruck. Wenn wir anderen ihre Fehler durchgehen lassen, machen sie die gleichen Fehler immer wieder. Wenn wir uns selber mit einem Fehler annehmen, werden wir ihn genauso wiederholen und nie was lernen. Andere sind unvollkommen und müssen zur Vollkommenheit oder zumindest zur Verbesserung gebracht werden, und wir selber sind noch immer unvollkommen und müssen uns fortwährend bessern. 

Außerdem steckt hinter dem ersten Satz die Furcht vor der Trägheit und Faulheit, bei sich selber und bei den anderen Menschen. Akzeptieren bedeutet so viel wie sich in der Wohlfühlcouch zurücksinken zu lassen und alles seinen Gang gehen zu lassen, das, was einem passt und das, was einem auf den Geist geht. Die Angst ist also, dass wir ohne den erhobenen Zeigefinger oder die drohende Peitsche sofort in eine resignative Haltung verfallen, die besagt: Was ist, ist, wie es ist, da kann man nichts ändern. Veränderungen erfordern Kraft und Einsatz, und wenn wir uns zu sehr der Bequemlichkeit hingeben, kommen wir nicht weiter. Zum Fortschritt kommt es nur, wenn wir etwas, was ist, eben NICHT akzeptieren. Wir brauchen unsere Gegnerschaft zu dem, was ist, denn aus dieser Spannung entsteht dann auch der Imperativ zur Tat, die dem Missstand abhelfen kann. 

Das Akzeptieren des Ist-Zustandes wird also mit der Bejahung gleichgesetzt: Was wir akzeptieren, heißen wir gut und unterstützen es damit. Das bedeutet, dass wir im Status Quo verharren wollen. Wenn wir einverstanden sind mit dem, was ist, sehen wir keinen Anlass und keinen Grund für Veränderungen und werden uns auch nicht dafür einsetzen.  

Eine solche Haltung wäre verheerend aus der Sicht von Pädagogen, die tagtäglich mit der Lernunlust von Schülern konfrontiert sind. Wenn ein junger Mensch akzeptiert, dass er schlecht Englisch spricht, bedeutet das in dieser Sichtweise, dass er keinerlei Anstrengungen unternehmen wird, Vokabeln zu lernen und die Aussprache zu üben. Es geht also darum, ihm klarzumachen, dass er seine Einstellung ändern muss und den Schaden mangelhafter Englischkenntnisse für sein weiteres Leben sieht. Schüler brauchen ein Bewusstsein über ihre Unvollkommenheit, speziell in den Bereichen, die in der Schule wichtig sind, und dieses Bewusstsein muss auch mit einem Leiden daran verbunden sein. Sie müssen unzufrieden mit sich selber sein, damit sie zu lernen beginnen. Selbstakzeptanz ist nur eine Ausrede für Faulheit und Bequemlichkeit. Es braucht Druckmittel, damit diese unproduktive Haltung überwunden wird und junge Leute dazu gebracht werden, dass sie sich für Leistungen anstrengen.

Hinter dieser Haltung steckt die Überzeugung, dass das Leben ein Kampf ist, in dem es nur zwei Optionen gibt: Gewinnen oder verlieren. Deshalb ist eine andauernde Anstrengung notwendig, jedes Nachlassen könnte Nachteile nach sich ziehen. Wir müssen nicht nur unseren eigenen inneren Schweinehund bekämpfen, sondern auch die Fehlerhaftigkeiten und Nachlässigkeiten unserer Mitmenschen, die uns damit am Gewinnen hindern.

Ist damit der zweite Satz erledigt? Er beruft sich auf ein Vertrauen, und die Frage ist, ob es berechtigt oder blind ist. Wenn wir akzeptieren, was ist, gehen wir aus der Spannung heraus, die mit dem Nichtakzeptieren verbunden ist. An allem, was wir nicht akzeptieren, leiden wir. Die lauten Nachbarn, die blöden Politiker, die sturen Vorgesetzten, das hässliche Wetter, unsere eigene Vergesslichkeit, Unachtsamkeit usw. Der erste Satz geht also davon aus, dass inneres Leiden zum Handeln führt und Nichtleiden zum Nichthandeln. Wir tun also nur dann etwas, wenn wir unter Druck sind oder an etwas leiden, das wir ändern wollen. Es sind die äußeren Umstände, die uns zum Handeln motivieren – oder zwingen. Die Angst vor den negativen Konsequenzen des Nichthandelns ist dann größer als die Beharrungskraft und die Angst vor der Veränderung und dem damit verbundenen Risiko. (In einem früheren Artikel auf dieser Seite wurde diese Haltung als reaktive Orientierung beschrieben und von der kreativen Orientierung unterschieden.)


Akzeptieren, was ist


Diese Einstellung hat eine simple Einsicht zur Grundlage. Was ist, ist, ob es angenehm oder unangenehm, gewünscht oder gehasst ist. Dadurch, dass wir etwas nicht akzeptieren, hört es nicht auf zu sein. Wenn wir es akzeptieren, bejahen wir dessen Sein, also die Tatsache des Existierens, nicht aber sein So-Sein, also die Art und Weise des Existierens. Aus dieser Unterscheidung gewinnt der zweite Satz seine Kraft. Und dieses Missverständnis muss vermieden werden, wenn wir diese Kraft verstehen und nutzen wollen. 

Wenn wir das, was ist, in seinem Sein akzeptieren, dann verzichten wir auf den Widerstand gegen diesen Teil der Realität, und dieser Widerstand ist eigentlich unsinnig wie bei jemandem, der sagt: Ich bin gegen die Existenz des Mondes oder der Schwerkraft. Widerstand verbraucht Energien, die wir für andere Zwecke sinnvoller einsetzen können. Widerstand bindet uns an das, was wir ablehnen – und an diesen Teil in unserem Verstand, der sich damit wichtig machen will. 

Im Akzeptieren entsteht eine Übereinstimmung zwischen der Wirklichkeit und unserer inneren Repräsentation, oder einfacher gesagt, zwischen Innen und Außen. Diese Resonanz ist die beste Voraussetzung für ein situationsangepasstes Handeln: Tun, was zu tun ist, und lassen, was zu lassen ist. Das Nicht-Akzeptieren hingegen bestärkt die Trennung zwischen Ich und Welt, die erst wieder mühsam überwunden werden muss, um handlungsfähig zu werden. 


Veränderungen geschehen


Weshalb aber soll es, wenn wir etwas in seinem Sein akzeptieren, dann zu Veränderungen kommen? Das Akzeptieren steht nicht im Gegensatz zum Handeln. Es hilft vielmehr, die Voraussetzungen für das eigene Handeln besser zu überschauen. Solange wir im Widerstand zur aktuellen Wirklichkeit sind, ist unsere Blickweise beschränkt und fokussiert auf die negativen oder störenden Aspekte dieser Wirklichkeit. Wenn wir anerkennen, dass ist, was ist, weitet sich unser Blick und unser Verständnis für die Wirklichkeit. Aus diesem Verständnis können wir stimmigere und sinnvollere Handlungen setzen als aus dem Druck und Zwang heraus, der aus dem Nichtakzeptieren kommt.

Es gibt Teile der Realität, auf die wir einen direkten Einfluss ausüben können, wie z.B. das Putzen unserer Zähne oder die Entscheidung für den Kauf gesunder Lebensmittel, und andere, die wir von uns aus nicht direkt ändern können, wie z.B. das Verhalten anderer Menschen oder die Veränderungen im Klima und in der Arbeitswelt. Bei den Problemen innerhalb unserer direkten Einflusssphäre kann uns die akzeptierende Einstellung helfen, auf Selbstverurteilungen und Selbstkritik zu verzichten. Wir haben unsere Vorsätze und wir halten sie immer wieder nicht ein. Mit der ersten Haltung werten wir uns als inkonsequent und unzuverlässig ab und machen uns Vorwürfe wegen unserer Charakterschwächen. Mit der zweiten Haltung akzeptieren wir, dass wir so sind, wie wir sind, manchmal konsequent, manchmal inkonsequent, und überlegen uns, was wir wollen und wofür wir uns entscheiden. Wir fühlen uns freier, wenn wir uns nicht mit Selbstkritik belasten. Wir erkennen, dass wir nicht aus Druck heraus, z.B. um unserem Selbstbild oder den Erwartungen anderer Menschen zu entsprechen, handeln müssen, sondern aus dem, was wir für richtig finden. 

Im Akzeptieren nehmen wir das Besserwissen und Kontrollierenmüssen aus der momentanen Erfahrung heraus. Wir geben der Wirklichkeit die Erlaubnis, so zu sein, wie sie ist. Diese Erlaubnis gibt uns, aber auch den anderen Teilen der Wirklichkeit die Freiheit, sich von sich aus zu verändern. Wir übergeben die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört. Wo Druck herrscht, kann es zu Veränderungen kommen, die dem entsprechen, was der Druck will oder auch nicht. Lehrer, die auf ihre Schüler Druck ausüben, können bewirken, dass sie lernen, was vorgegeben ist oder auch nicht, denn Druck kann auch Gegendruck erzeugen und den inneren Widerstand verstärken. Wo der Druck herausgenommen wird und an seine Stelle die Verantwortung übernimmt, kommt es unter Umständen auch nicht zu dem von außen gewünschten Resultat, aber zu einer Handlung, die der handelnden Person entspricht. Alles, was wir tun „müssen“, stößt auf ein inneres „Nicht-Wollen“. Dieser Widerstand sabotiert das Tun, wir machen leichter Fehler oder vergessen wichtige Details usw. Sigmund Freud hat diese Mechanismen unserer Psyche in seinem Buch über die Fehlleistungen („Zur Psychopathologie des Alltagsleben“, 1901) anschaulich beschrieben. 

Schließlich kommt auch noch der Aspekt zum Tragen, dass sich die Wirklichkeit, in uns und um uns herum, permanent verändert, erneuert und verbessert. Es gibt keinen Stillstand und kein Anhalten in der Natur; die Stopptafeln haben die Menschen erfunden. Gleich ob wir etwas akzeptieren oder ob wir dagegen sind, es verändert sich. Manchmal entspricht es unseren Erwartungen oder Planungen, und manchmal nicht.


Die leidige Neigung zur Selbstkritik


Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, uns selbst zu kritisieren? Den Vorgang nennt man Internalisieren. Wie wir von den Bezugspersonen unserer Kindheit behandelt wurden, so behandeln wir uns später selbst. Wenn sie uns kritisiert haben, haben wir die Meinung gebildet, dass etwas an uns nicht in Ordnung ist und kritisiert werden muss. Schließlich sind sie die Großen, die es wissen müssen, und wir die Kleinen, die es lernen müssen. Unter Erwachsenwerden verstehen wir, dass wir das selber machen, was vorher die Eltern für uns gemacht haben: Pullover anziehen, Frühstück machen, Einkaufen gehen, und: Kritisieren und Abwerten bei Fehlern. Wir entlasten unsere Eltern und werden zu noch strengeren Beurteilern unserer Handlungen.

Unsere Selbstbeziehung spiegelt die Beziehungen unserer Eltern zu uns. In dem Maß, wie sie uns wertschätzen konnten, können wir uns selbst wertschätzen, in dem Maß, wie sie uns kritisierten, kritisieren wir uns selbst. In dem Maß, wie sie uns akzeptieren konnten, können wir uns selbst und auch die anderen akzeptieren.

Die Einstellung zum Weiterkommen im Leben, die unsere Eltern hatten, übernehmen wir mit Überzeichnungen oder mit Abstrichen, aber in den Grundzügen. Die „Schweinehund-Philosophie“ ist deshalb so prägend in unserer Kultur, weil sie in vermutlich jede Erziehungsbeziehung einfließt und damit von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Eltern denken, mein Kind muss lernen ein Leistungsbewusstsein zu entwickeln, sonst wird es in der Gesellschaft keinen Platz finden. 

Nach dem Modell von der Bewusstseinsevolution markiert diese Auffassung schon den Übergang von der tribalen zur emanzipatorischen Stufe und verfügt deshalb über einen tief gelagerten und mächtigen Sitz im kollektiven Unbewussten. In dem, was wir heute die Leistungsgesellschaft nennen, ist sie fest verankert. Von jedem Mitglied dieser Gesellschaft wird Leistung erwartet, ob es das selber will oder nicht. Wenn jemand seine inneren Widerstände nicht überwinden kann, verdient er keine Rücksichtnahme und landet am unteren Ende der sozialen Leiter. Auch das Ausmaß und der Umfang der geforderten Leistung werden vordefiniert und steigen immer mehr an, wie viele heutige Arbeitnehmer und Manager bestätigen.


Leben im Fließen


So vieles in unserem Leben verläuft nach dem Prinzip „Akzeptanz->Handlung“, nämlich all das, was wir nicht mit unserem Denken problematisieren. Milz, Leber und alle anderen Organe, Gewebe, Nerven tun, was sie tun, ohne Druck oder Müssen. Die meisten Tätigkeiten im Leben laufen ab, ohne dass wir überlegen, ob wir das Richtige oder das Falsche tun. Wir erkennen, was zu tun ist, die Wirklichkeit, wie sie gerade ist, und tun, was sich daraus ergibt. 

Wir spazieren durch den Wald und plötzlich stolpern wir über eine Wurzel, der Körper merkt, was los ist, verhindert sofort, dass wir fallen und korrigiert die Haltung wieder, ohne dass wir denken müssen – und dann kommt aber das Denken und wirft uns vor, dass wir besser hätten aufpassen sollen. Was passiert ist, ist schon vorbei, aber unser Denken spielt sich auf, ohne irgendetwas zur Bewältigung der Störung beizutragen. Es kann nicht akzeptieren, was geschehen ist, weil es mit seiner Prägung glaubt, dass das Gleiche sofort wieder vorfallen wird, wenn es nicht klar und deutlich vermerkt, wie ungeschickt und unbedacht wir vorgegangen sind. Es hat wieder sein Prinzip des Nicht-Akzeptierens zur Anwendung gebracht.

Wir sehen: Ein kleines Hirnareal sieht seine Hauptaufgabe darin, mit dem Grundsatz des Nicht-Akzeptierens zu arbeiten, während unser restlicher Organismus nach dem Prinzip „Akzeptanz->Handlung“ funktioniert. Es ist vom Unbewussten der Menschen geprägt, die in unseren früheren Jahren das Sagen hatten. Selten hilft es uns, meistens macht es uns das Leben schwerer. Wenn wir hingegen nach dem Prinzip der Achtsamkeit die Aufmerksamkeit in den Moment bringen, wird es überflüssig, und wir pendeln von der Akzeptanz zum Tun, Zyklus für Zyklus. Und wir werden sehen, dass es uns das Leben leichter und einfacher macht.

Zum Weiterlesen:
Sag Ja zum Moment
Widerstand und Verwandlung
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Reaktive und kreative Lebensorientierung

Dienstag, 8. Juli 2014

Unterschiede im inneren Wachstum

Wenn Menschen den Weg der inneren Heilung verfolgen, gehen sie durch bestimmte Phasen durch, die sich in sehr unterschiedlichen und individuellen Formen ausbilden. Wann immer sich in unserem Inneren etwas gelöst und befreit hat, begegnen wir der Welt und den anderen Menschen auf neue Weise. Vieles davon erleben wir als Verbesserungen, als Errungenschaften, nach denen wir schon lange gesucht haben. Andere Aspekte daran stellen uns vor neue Herausforderungen. 

Dazu zählt die Frage des Umgehens mit den Unterschieden im Wachstum. Wenn wir schon die Analogie des Wachsens verwenden, heißt das, dass wir mit jedem Schritt der inneren Entwicklung ein wenig größer werden als andere, die sich nicht entwickeln. Und wenn wir größer werden, schauen wir auf sie hinunter. Damit sind wir schon in der Metapher für Überheblichkeit. Wir fühlen uns "besser" (im Sinn von überlegen) als unsere Mitmenschen die gar nicht oder weniger an sich gearbeitet haben, die einen anderen Weg verfolgen oder nicht weiterkommen. Vielleicht verstehen wir nur ihre Art des Weiterkommens nicht, aber das bekümmert uns nicht, wenn wir in dieser Einstellung befangen sind. 

Jedenfalls entsteht eine Kluft, die uns von Menschen, die uns bisher vertraut waren, unterscheidet. Selbstverständlichkeiten, die vorher gegolten haben, funktionieren nicht mehr. Wir sehen uns selbst und die anderen in einem neuen Licht, und dieses Licht erzeugt neue Schatten, so, als würden die Fehler und Schwächen der anderen Personen überdeutlich werden im Vergleich zu ihren Stärken und Schönheiten.


Weshalb wollen wir uns unterscheiden?


Wir brauchen Unterschiede, weil sie uns motivieren, Anstrengungen für das Wachstum zu unternehmen. In der relativen Welt braucht es Motivatoren, die das Ausbrechen aus Mustern schmackhaft machen. Schließlich haben wir uns gut in unseren Gewohnheiten eingelebt, und sie geben uns eine gewisse Bequemlichkeit und Sicherheit. Wollen wir der Enge, die sie uns gleichwohl bereiten, entkommen, brauchen wir eine Idee von Fortschritt, von Verbesserung, von einem Zustand, zu dem hin wir uns entwickeln wollen. Sonst wären die Kräfte der Beharrlichkeit übermächtig. 

(Es mag wohl irgendwann auf der Reise den Punkt gehen, an dem wir verstehen, dass es keinen wirklichen Fortschritt gibt, sondern nur Bewegung. Aber solange wir diese Sichtweise nicht voll inkorporiert haben, brauchen wir dieses wertende Unterscheiden, das hinter dem Fortschrittsbegriff steckt.)


Wachstum und Vergleichen


Wie schon im Beitrag über die Phasen der Entwicklung beschrieben, beginnen Menschen ihren Erforschungsweg mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und Voraussetzungen. Sie wählen auch unterschiedliche Herangehensweisen, Methoden und Techniken. Damit ist klar, dass prinzipiell jeder Weg individuell und einzigartig ist.

Dennoch neigen wir dazu, uns zu vergleichen, weil wir immer eine Abstimmung unserer inneren Erkenntnisse mit den anderen Menschen suchen. Wir wollen ja nicht aus der Gemeinschaft der Menschen herausfallen, wenn wir uns in neue Richtungen bewegen. Über lange Perioden unseres Lebens galt eine Hauptbestrebung der Anpassung an die Umstände, denen wir ausgesetzt waren, und an die Erwartungen, die auf uns gesetzt wurden. 

Doch so können wir uns irgendwann nicht mehr verhalten, weil es uns wie ein Verrat uns selbst gegenüber erscheinen würde. Wir sind anders geworden und müssen deshalb auch das Verhältnis zu den anderen neu bestimmen. Das geht meist nicht ohne Schwierigkeiten, für uns und für sie. Wir suchen Gleich-Gesinnte, die uns bestätigen, dass wir am richtigen Weg sind - und dass die anderen es nicht sind.

Zum Verständnis des unterschiedlichen Erlebens von Unterschieden in der Entwicklung greife ich auf das Phasenmodell des individuellen Wachstums zurück.


Phase 1: Selbstabwertung und Selbstannahme


Wer auf den inneren Weg geht, hat bemerkt, dass er nicht mehr so funktionieren kann, wie es ihm bisher gelungen ist. Eine innere Unruhe, eine Unzufriedenheit mit dem Leben, Schwierigkeiten in Beziehungen, seltsame körperliche Beschwerden; irgendwo hat sich etwas im eigenen Leben quergelegt, was nicht mit den herkömmlichen Strategien auf gleich gebracht werden kann. Es wird deutlich, dass etwas an einem selber unrund oder mangelhaft ist. 

Also muss Hilfe gesucht werden, und das ist mit dem Eingeständnis verbunden, es alleine nicht zu schaffen, was für viele einer Peinlichkeit und Demütigung gleichkommt. Bisher haben sie so bravourös ihr Leben gemeistert, so viel geschafft, und nun stehen sie an und wissen nicht weiter.

Andere, die sich leichter tun, Hilfe zu suchen, weil sie das gewohnt sind, bestätigen sich zwar weiter in ihrer Hilflosigkeit, wenn sie an eine Engstelle kommen. Für sie zeigt sich der Punkt der Scham dort, wo sie erkennen, wie sie andere Menschen ausgenutzt und manipuliert haben, damit sie die eigenen Schwächen ausbügeln.

Neidvoll geht der Blick auf die vielen Menschen, die so selbstverständlich und erfolgreich den Geschäften ihres Lebens nachgehen, scheinbar ohne innere Probleme, Skrupel und Ängste. Aalglatt und stromlinienförmig gleiten sie durch die Fährnisse des Alltags. Zum Unterschied von einem selber sind sie nicht auf Hilfe angewiesen, um mit dem eigenen Leben klarzukommen. 

Die bittere Klage über das eigene Schicksal führt bald auf die Suche nach den Verantwortlichkeiten, nach den Tätern, die einen in diese hilfsbedürftige und abhängige Position gebracht haben. Wer hat mir die Schäden zugefügt, an denen ich jetzt leide?

Die Klage wird zur Anklage, auch deshalb, weil das Ausmaß der eigenen Misere im Vergleich zu den so tüchtigen Anderen spürbar wird. Denn der innere Erforschungsprozess führt zu den dunklen Flecken der eigenen Biographie, auf die zugefügten Schmerzen und Einschränkungen in den frühen Phasen des Lebens. Er führt zur Erkenntnis, dass zu wenig Liebe und zu viel Druck da war, als dass eine gedeihliche Entwicklung der eigenen Persönlichkeit möglich gewesen wäre. 

Andere haben da offenbar besser abgeschnitten vom Kuchen der Vorzüge des Lebens. Ihnen gilt der Neid und eine gebrochene Bewunderung. Denn der Verdacht wächst, dass hinter den Fassaden der Glücklichen und Erfolgreichen unerkannte und unbewusste seelische Gebrechen schlummern können - wie der Konsument der Regenbogenpresse beiderlei braucht: Die Traumhochzeiten, Reichtümer und Glücksanhäufungen der Berühmtheiten, die neidvoll bewundert werden, und die Skandale, Zusammenbrüche, Albtraum-Scheidungen, die mittels klammheimlicher Schadenfreude die Selbstwertbalance wieder herstellen.


Phase 2: Stärkung der Selbstperspektive


Die Erfolge in der Selbsterforschung und -erkenntnis werden spürbar. Vielleicht sind die Probleme noch die gleichen, aber die Einstellung dazu hat sich verändert. Vor allem die Haltung zu sich selbst gestaltet sich um: Statt die Abwertungen, die im Lauf der frühen Lebensgeschichte in die eigene Seele übernommen wurden, destruktiv auf sich selbst anzuwenden, wird die Selbstachtung Schritt für Schritt aufgebaut. Es fällt zunehmend leichter, sich selbst so anzunehmen, wie man/frau ist. 

Doch ruht die Selbstakzeptanz noch auf wackeligen Beinen, deshalb bewirkt sie noch nicht automatisch, auch die anderen so anzunehmen, wie sie sind. Vielmehr entsteht häufig zunächst eine Reaktionsbildung derart, dass die Abwertung, die man selbst erlitten hat, unbewusst gegen andere gerichtet wird. Ihre Fehler werden umso deutlicher erkannt, je mehr einem die eigenen Schwächen bewusst wurden. Als Ausgleich für den lange ertragenen Mangel an Wert werden die Schwachstellen der Mitmenschen unerbittlich aufgedeckt und bloßgestellt. Die neu gewonnene Selbsteinsicht, verbunden mit einer neuen Selbstsicherheit, wird abwertend gegen die anderen gerichtet, die noch nicht so weit sind. Der Lohn für die eigene Arbeit an der Überwindung der Ängste besteht darin, die Überlegenheit über andere zu kultivieren und sich damit eine vorläufige Form der sozialen Sicherheit aufzubauen. Vor jemandem, der selber Schwächen hat und sie vielleicht gar nicht kennt, braucht man keine Angst – und auch keinen Respekt zu haben.

Es wird dann gerne verglichen - wie viel weiter sind andere, vor allem Identifikationsfiguren für das eigene Wachstum wie Lehrer oder Therapeuten? Gerne werden aber auch andere gesucht, bei denen man sich beruhigt vergewissern kann, um wie viel weiter man selbst fortgeschritten ist als sie. Das Vergleichen führt also entweder in die Position der Überheblichkeit oder der Minderwertigkeit, je nach der Richtung, in der der Vergleich angelegt wird. Es spiegelt die Unsicherheit in der Selbstannahme wider und soll das Ich stärken und stabilisieren. 

Der Mechanismus dieser Phase kann auch als eine Umkehrung ins Gegenteil verstanden werden. Aus dem abgewerteten Opfer entsteht der abwertende Täter. Stolz und Verachtung bekommen eine neue Verwendung. Sie richten sich gegen diejenigen, die "noch nicht so weit sind", "so unbewusst und unreflektiert" durchs Leben laufen, "so wenig begriffen haben, worum es eigentlich geht". Eigene Erfahrungen werden in Belehrungen umgemünzt. Die eigene Methode muss die beste sein, die eigene Lehrerin die vollkommenste. Es wird ein missionarischer Predigerton angeschlagen, und es gibt dann nur mehr diejenigen, die die Wahrheit teilen, und die anderen, die an ihrer Unwahrheit verderben.

Unterschiede im Wachstum werden zum eigenen Vorteil ausgeschlachtet, was, vom "Täter" meist unbemerkt, das eigene Ego stärkt und damit dem nächsten Wachstumsschritt im Weg steht. Denn dieses Ego hat sich gerade in seiner Stärke und Selbstbewusstheit gefunden und will sich nie mehr unterkriegen lassen.


Phase 3: Zurücknahme des wertenden Unterscheidens 


In dieser Phase werden die Beziehungen in ihrer überindividuellen Dynamik erkennbar: Es gibt Kräfte, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen, und die nicht einer einzelnen individuellen Macht unterworfen werden können, sondern von mehreren Seiten her verstanden werden wollen. Dann erst können sie gemeinsam verändert und gestaltet werden.

Es wird erkannt, wie das Vergleichen die eigene Entwicklung torpediert, statt sie weiterzubringen. Die neue Einstellung kann die Unterschiede unter den Menschen zulassen und wertschätzen. Wie können die Unterschiede zum gegenseitigen Bereichern beitragen? 

Kommt es zu "Fehlern", so beginnt jetzt die Suche bei sich selbst, statt sie den anderen anzulasten. Was kann ich an mir ändern, damit es mir besser geht? Wie kann ich anders auf die Mitmenschen zugehen, damit sie mir freundlicher begegnen?

Je eingehender das systemische Denken verstanden und angewendet wird, desto fragwürdiger wird der Begriff des "Fehlers" überhaupt. Denn zu jedem Zeitpunkt geschieht das Optimale, zu dem wir jeweils in der Lage sind. Nachträglich erkennen wir zwar häufig, dass wir etwas anders hätten machen können, was für uns vorteilhafter gewesen wäre. Aber statt den vergangenen übersehenen Chancen nachzuträumen, geht der Blick auf das, was für die Zukunft besser und anders gemacht werden kann. 

Zusätzlich geht, wenn ein emotionales Problem auftaucht, der Blick dorthin, wo die Wurzel in einem selber liegen könnte, die bewirkt, dass eine bestimmte Situation als belastend oder störend erlebt wird. 

Sobald sich jemand als erstes auf sich selbst ausrichtet, wenn es darum geht, die inneren Umstände des eigenen Lebens zu verändern, wird das Vergleichen mit anderen weniger interessant. Niemand ist in der gleichen Lage, in der wir uns selber befinden. Zwar gibt es Ähnlichkeiten, von denen wir uns Anregungen nehmen können, aber wichtiger sind jetzt die Unterschiede, die die eigene Situation einzigartig machen. Nur so können wir herausfinden, was für uns am förderlichsten ist und wie wir uns dorthin verändern können.


Phase 4: Verbindung im Fließen


Das eigentliche Ziel der Entwicklung ist die Freiheit von Ängsten und Abhängigkeiten und die Öffnung für die Kraft der Liebe. Je näher die erforschende Person diesem Ziel kommt, desto leichter kann sie selber mit den eigenen Problemen und Engstellen umgehen. Sie wird nicht mehr in Versuchung kommen, andere Menschen für das eigene Leiden verantwortlich zu machen, sondern die Wurzeln des Leidens in sich selber suchen und dort aufzulösen trachten. Sie praktiziert Methoden dafür oder weiß, wo sie sich kompetente Unterstützung holen kann. Bei Störungen in der Kommunikation mit anderen wird ein Weg der achtungsvollen Wiederherstellung der Verbindung gesucht.

An die Stelle des Vergleichens tritt ein Mitgefühl ohne Unterschied und Ansehen der Person. Statt andere Menschen ändern zu wollen, wirkt das Prinzip des Nicht-Wollens. Es braucht keine Absicht mehr, es genügt das liebevolle Dasein für das, was gerade ist, und die freundliche Zuwendung für die Person, mit der wir gerade zu tun haben.

In dem Maß, in dem die Erfahrung des Fließens in der einen oder anderen Form auftritt, wird die Verbundenheit mit dem Erleben im Moment so stark, dass Konzepte, die Unterschiede zu anderen Menschen und deren Erfahrungen aufbauen, nicht mehr gebraucht werden. Alles gilt gleichermaßen, was Menschen erleben und wie sie ihr Leben führen. Alles davon ist verwandt mit eigenen Erfahrungen, nichts ist wirklich fremd. In diesem Bewusstseinszustand zählen keine Wertungen mehr, jedes Wesen darf so sein, wie es ist und kann so wertgeschätzt werden. Die Liebe, die sich darin zeigt, ist nicht mehr an Bedingungen gebunden, sondern fließt frei.

Freitag, 12. Juli 2013

Die Manifestation und das Ego

Die weise, befreite Person kennt in ihrer idealen Form keine Begierden mehr. Materielle Dinge sind ihr nicht wichtig. Sie nimmt alles so, wie es ist, und bewegt sich von Moment zu Moment. Sie setzt sich keine Ziele, weil sie der göttlichen oder universellen Weisheit vertraut, immer das Richtige und Gute ins Werk zu setzen.

Geht es beim Setzen, Verfolgen und Verwirklichen eigener Ziele und Wünsche also um Aktivitäten, die unserem Ego und seiner Ausweitung dienen? Wollen wir dabei unsere selbstsüchtigen und eigennützigen Interessen durchsetzen und unser neurotisches Sicherheitsbedürfnis durch die Anhäufung von Gütern und das Sammeln von persönlichen Erfolgen bewältigen? Sind die Techniken und Methoden, die wir dabei nutzen, manipulativ - uns selbst und anderen gegenüber?

Kreative und reaktive Lebensorientierung


Ein wichtiger Teil unseres Lebens besteht daraus, dass wir uns Ziele setzen. Das Erreichen dieser Ziele gibt uns ein besonderes Gefühl, wir erleben uns selbst als lebendig und erfüllt. Wir sind stolz auf uns und auf das Geschaffene und schöpfen aus unseren Erfolgen die Energie für neue Ideen und 
Projekte. 

Wir können dieses Lebensmuster nach Robert Fritz als kreative Lebensorientierung bezeichnen. Sie geht von dem aus, was in unserem Inneren als Wunsch oder Wollen entspringt, als Idee, die zur Verwirklichung drängt. Die Schlüsselfrage dazu ist: Ist das (mein Wunsch, meine Idee, meine Vision) etwas, das ich will? Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass in der Frage sowohl das "Ich" als auch das "will" betont werden kann. Kreatives Schaffen kommt also nicht aus einem Sollen oder Müssen, sondern entspringt der Freiheit. Und es ist etwas, das wir selbst wollen, und nicht etwas, wozu uns andere drängen oder zwingen.

Im Gegensatz zur kreativen Orientierung kommt die Motivation bei der reaktiven Orientierung nicht von innen, sondern von außen (extrinsische Motivation). Wir werden aktiv, weil die Probleme einen (Leidens-)druck erzeugen, weil wir handeln müssen, damit es nicht noch schlimmer wird. Sobald das Problem gelöst und der Druck erleichtert ist, versiegt der Impuls wieder, und wir werden passiv, solange, bis sich das nächste Problem meldet.

Zur kreativen Lebensorientierung brauchen wir die Fähigkeit, Verantwortung für unsere Gefühle, Motivationen und Handlungen zu übernehmen. Wir akzeptieren in uns selber keine Ausreden, die uns von der Verwirklichung unserer Ziele abbringen wollen. Wenn wir Pausen einlegen (sei es, um uns von der Anstrengung der Arbeit an einem Ziel zu erholen, sei es, um ein Projekt gegenüber einem anderen zurückzustellen), so sind sie in die kreative Orientierung einbezogen. Das Nichtstun in einer Erholungsphase verstehen wir als notwendig zur Herstellung der inneren Balance und zur Regeneration für die Mühen der kreativen Arbeit.

Nach der Transaktionsanalyse ist das Erwachsenen-Ich die Instanz, die selbstverantwortlich Ziele verwirklicht. Es holt sich dafür zwei Unterstützungsquellen aus der Seelenlandschaft: die einen stammen aus den heil gebliebenen Anteilen des Kindheits-Ichs, die anderen aus der transpersonalen Sphäre. Das gesunde Kindheits-Ich steuert z.B. die Neugier, das Experimentieren, das Abenteuerliche und das Staunen bei, während aus der transpersonalen Ebene Reflexionen wie die Besinnung auf den Zweck des eigenen Lebens, die Idee des Dienens in allen Handlungen, eine Berufung oder ein innerer Ruf nützlich sein können.

Mit Hilfe dieser Kräfte bringt das Erwachsenen-Ich seine Qualitäten ein, die in dem Mobilisieren der notwendigen Ressourcen, in der Planung und der Abschätzung der Risken bestehen. Es prüft auch die Bedingungen der jeweiligen Umgebung, in die das Projekt hineingeboren werden soll und berücksichtigt möglichst viele Faktoren, um es zum Nutzen aller zu gestalten.

Hindernisse auf dem Weg zur Manifestation 


Was passiert, wenn wir einen Wunsch haben, der sich wie ein tiefer innerer Ruf anfühlt, wir auch viel Motivation aus unseren leidenschaftlichen und neugierigen Anteil ziehen können, und trotzdem nicht weiterkommen? Es kann sein, dass sich unser Ego eingeschlichen hat, das sich erst selbst zufriedenstellen will, ehe es sich dem größeren Ganzen unterordnen kann.

Viele unserer Wünsche kommen aus unbefriedigten kindlichen Anteilen, aus den verletzten Erfahrungen des Kindheits-Ichs. Ihre Erfüllung soll diese Defizite auffüllen oder ausgleichen. Doch irren wir, wenn wir meinen, durch Erfolge als Erwachsene Wunden aus unserer Kindheit heilen zu können. Dazu ist es notwendig, all die Gefühle von Wut, Schmerz und Hilflosigkeit, die mit solchen frühen Erfahrungen verbunden sind, zu durchleben, also therapeutisch aufzuarbeiten. 

Geschieht das nicht, so können sich die unerlösten Ego-Anteile als häufig subtile Blockaden äußern. Wir verrennen uns in Projekte und erkennen nicht, wann der richtige Zeitpunkt ist, auszusteigen oder aufzuhören. Oder wir machen immer das, was einmal Erfolg hatte, bis wir scheitern. Oder wir setzen uns Ziele, die uns ein paar Nummern zu groß sind, die unsere Kräfte und Möglichkeiten übersteigen, und programmieren damit unser Versagen.

Wenn wir ein Ziel nicht erreichen, kann es also sein, dass sich ein reaktiver (kindlicher) Anteil eingemischt hat. Dabei erweist sich meistens, dass ein solcher Ego-Anteil die transpersonalen Ressourcen blockiert, was der Fall ist, wenn wir z.B. etwas aus Gier erreichen wollen. 

Gier als Ego-Aufblähung


Gier kann als Motor zum Erreichen eines Zieles dienen, doch bringt dieses Ziel, kaum ist es erreicht, keine Erfüllung, sondern fordert nur mehr von Demselben. Es kommt kein weiterer kreativer Zyklus in Gang. Statt dessen läuft sich der Gier-Prozess irgendwann zu Tode und endet häufig in der Depression Dagobert Ducks inmitten seines Berges aus Goldmünzen.

Die Struktur der Gier bildet sich in der Zahlenreihe ab. Deshalb sollten wir darauf achten, Ziele nicht mit Zahlen in Verbindung zu bringen. Die Zahlenreihe ist nach oben hin ins Unendliche hinein offen. Wenn wir uns als Ziel vornehmen, über eine Million zu verfügen, fordert das Ego sofort mehr davon, am besten die nächste Million usw. Wir verfangen uns in der Falle des materialistischen Bewusstseins, in der Welt der an Zahlenreihen aneinander aufgefädelten Dinge. In dieser Welt gibt es keine innere Erfüllung, sondern nur die kurzfristig wirksame Befriedigung von Mangelerfahrungen. Zahlen sind so abstrakt, dass sie kein Leben und keine Gefühle beherbergen können. Zahlen können auf alles und jedes angewendet werden und verhalten sich völlig gleichgültig dem gegenüber, was gezählt wird. 

Ziele, die aus unserem Herzen oder aus unserer Seele kommen, brauchen keine Zahlen, sondern fließende Gefühle, Farben, Töne und Gerüche, sie brauchen Qualitäten statt Quantitäten. Solche Ziele beginnen in unserer Fantasie ein reichhaltiges und buntes Leben zu entfalten, lange bevor sie das Licht der Welt erblicken. Nur solche leb- und leibhaftige Ideen drängen von sich aus zur Verwirklichung, sodass wir uns ihnen nur mehr als Assistenten zur Verfügung stellen brauchen.

Manifestation und äußerer Erfolg


Es liegt nicht in deiner Hand, ob aus deiner Schöpfung ein Erfolg in der Welt der Dinge wird. Es ist wichtig, die Fixierung auf den äußeren Erfolg wie auf den äußeren Misserfolg loszulassen und weiter im kreativen Schaffensprozess zu bleiben. Die kreative Orientierung entfaltet in sich genügend Freude und Genuss, Erfüllung und Bestätigung, dass sie nicht auf äußere Bestätigung angewiesen ist. Für das kreative Schaffen ist es nebensächlich, wieviele Menschen das eigene Produkt oder den eigenen Dienst positiv aufgreifen. 

Ab wann definieren wir überhaupt eine gelungene Verwirklichung als Erfolg? Soundsoviele Exemplare eines Buches müssen verkauft sein, soundsoviel muss ich damit verdienen, soundsowenig darf eine neue Erwerbung kosten... Wir sind hier wieder in der Welt der Zahlen gelandet und ihrer Relativität ausgeliefert. Äußerer Erfolg kann uns innerlich nicht erfüllen, sondern entfesselt allenfalls die Gier nach mehr und mehr.

Es kann zwar frustrierend werden, wenn der Erfolg immer nur im Inneren bleibt, wie bei einem Maler, der hochbeglückt über seine Bilder ist, aber niemanden findet, der sie ihm abkauft. Aber da ist das Erwachsenen-Ich gefragt, um dem eigenen Schaffen auch ein gebührendes äußeres Auftreten zu verleihen, indem es z.B. jemanden sucht, der die Vermarktung der Bilder übernimmt.

Manchmal spielt ein übertriebener Stolz die Rolle des Erfolgverhinderers. So mancher kreativ Schaffender fühlt sich im eigenen Schaffensdrang anderen Menschen überlegen und verachtet sie wegen ihres Unverständnisses. Beleidigt auf die Ignoranz der Welt bleibt er lieber auf seinen Bildern sitzen als sie zu Verkauf anzubieten.

Es gibt aber auch eine gute Rolle des Stolzes. Das Ego will, darf und soll sich über die Fertigstellung eines Produkts, über das Erreichen eines Ziels und die Erfüllung eines Wunsches freuen. Denn ein Ego, das sich freut und sich selbst anerkennen kann, ist lebendig und unterstützt den kreativen Prozess. Es hilft mit, dass nach dem Erfolg die schöpferische Energie wieder freigesetzt wird, um neue Ziele anzustreben.

Egofreie Manifestationen


Wir erkennen, dass ein Ziel von der transpersonalen Sphäre unterstützt wurde, daran, dass wir durch seine Verwirklichung beglückt werden, eine anhaltende Erfüllung spüren, die sich auch dann wiederherstellt, wenn wir uns an das Ereignis zurück erinnern. Es ist, als würde das Universum zustimmen, dass hier eine qualitative Bereicherung stattgefunden hat. Solche Ziele haben auch die systemische Prüfung absolviert, d.h. sie suchen den Einklang mit den Erfordernissen und Bedürfnissen der jeweiligen Umwelt. 

Das Ego findet sich in dieser Form des kreativen Prozesses nur mehr an den Rändern. Er lässt sich nicht durch Selbstzweifel, äußere Kritik oder Selbstüberschätzung aus der Bahn werfen, sondern kann die vielfältigen und subtilen Ängste des Egos rechtzeitig erkennen und beruhigen.

Der kreative Schaffensprozess geht damit Hand in Hand mit der inneren spirituellen Entwicklung und ist ein zentraler Teil einer integralen Lebenspraxis, die die eigenen Aktivitäten auf den größtmöglichen Nutzen für alle und für das Ganze ausrichtet.

Das Leben lädt jeden Menschen immer wieder ein, das Eigene, das unverwechselbar Individuelle beizusteuern. Damit wird das Fließen des Ganzen bereichert und verschönert. Alles, was aus dem tiefen Inneren eines Menschen kommt, erleichtert und erfrischt den gesamten kreativen Lebensfluss. Insofern besteht die weise Lebensführung in nichts Anderem als im beständigen Mitfließen, im gebenden und nehmenden Austauschprozess zwischen dem Ganzen und dem Individuellen.

Literatur: 
Robert Fritz: The Path of Least Resistance. Ballentines 1989
Birgit Ehrmann-Ahlfeld: Mental fit - ein Leben lang. Liber libri 2001
Zur Transaktionsanalyse: Thomas Harris: Ich bin o.k., du bist o.k. Rowohlt 1975

Vgl. Ego-Bestätigung und Berufung

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Benennungen auf dem inneren Weg

Wenn wir Dingen, die wir wahrnehmen, Namen anhängen, dient uns das zur Orientierung, zum Wiedererkennen, zum Einordnen etc. „Das ist ein Auto“, dann weiß ich, wie ich mich verhalten muss. Dabei abstrahieren wir, ziehen also Merkmale aus dem Ding heraus und bilden daraus ein mentales Konstrukt. „Das Auto“ gibt es nur in unserem Hirn. Kein wirkliches Auto entspricht perfekt diesem Hirninhalt.

So machen wir es auch mit inneren Erfahrungen. „Mir schmeckt die Orange“, und ich bilde ein inneres Konstrukt von „schmeckt gut“. Ich füge es in die entsprechende Datenbank ein, in die Abteilung „schmeckt gut – Orange“. So oder so ähnlich verarbeiten wir innere Erfahrungen, die uns dann als Vergleichsmaßstab für neue Erfahrungen dienen: „Diese Orange schmeckt noch besser als jene…“.

Wenn wir uns auf den inneren Weg begeben, auf die Suche nach der Freiheit oder nach der Wahrheit, oder wie immer wir auch diesen Weg beschreiben (selbst der Ausdruck „Weg“ ist eine Beschreibung), laufen wir immer wieder Gefahr, die Beschreibung mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Ich kann z.B. sagen: „Ich bin ja auf dem Weg“, um mich vor mir selbst zu entschuldigen, dass ich wieder einmal in eine alte Falle meines Egos gestolpert bin. Dann nutze ich die Beschreibung dafür, gleich in die nächste Ego-Falle zu tappen, die mir suggeriert, es gäbe etwas zu entschuldigen.

Versprachlichte Erfahrung


Erfahrung und Benennung der Erfahrung klaffen auseinander. Sobald ich eine Erfahrung auf die sprachliche Ebene bringe, wird sie eine andere, und mischt sich dabei mit kognitiven Inhalten, wie Erinnerungen, Einstellungen, Konzepte, Werte usw. Versprachlichte Erfahrung ist also sinnliche Erfahrung plus Gedanken, Momentanes angereichert mit Vergangenem.

Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, Erfahrungen ohne deren Versprachlichung zu erleben, ist bei den Sprachforschern und Philosophen heftig umstritten. Wie auch immer dieser Streit ausgeht, wichtig erscheint mir, die Klarheit zu behalten, dass es den Unterschied gibt, dass es also eine Erfahrung gibt und deren Benennung, die nicht das Gleiche sind. Sonst laufen wir Gefahr, uns in den Worten zu verlieren und die eigentliche Erfahrung zu übersehen oder gering zu schätzen.

Ein Unterschied zwischen Erfahrungen und Worten liegt darin, dass Erfahrungen fließend sind, sich dauernd verändern, neu formieren und wieder auflösen, während Worte unveränderlich gleich bleiben. Deshalb kann der Satz: „Ich bin traurig“ auf der Erfahrungsebene viele verschiedene Gesichter wiedergeben. „Ich bin traurig“, auch wenn sich das Gefühl gerade aufbaut oder fast schon abgeebbt ist, flach oder intensiv ist. Sprache kann nie so reichhaltig sein wie die Erfahrung, die sie zum Ausdruck bringen will.

Empfindungen und Gefühle


Empfindungsbenennungen sind näher an der Erfahrungswelt als Gefühlsbenennungen. Denn als Empfindung meldet sich unser organisches Leben bei unserem Bewusstsein. Empfindungen sind die einfachste Botschaft, die der Körper an die bewusstseinsfähigen Schichten unseres Gehirns schickt. Dort bilden sich dann mit Hilfe der Gefühlszentren (limbisches System) aus Empfindungskomplexen die eigentlichen Gefühle. Wenn wir also unsere Empfindungen benennen (es juckt hier oder drückt da, hier fühlt es sich kalt oder heiß an usw.), sind wir so nahe an der Schnittstelle zwischen den beständig ablaufenden Lebensprozessen unseres Körpers und deren Bewusstwerdung, wie nur möglich. Solche Benennungen schmiegen sich den Lebensprozessen gleichsam ganz nahe an und zeigen auch deren Veränderbarkeit und Flüchtigkeit. Sie sind deshalb selber beweglicher und flexibler.

Je weiter wir an der Abstraktionsleiter nach oben steigen, desto allgemeiner werden unsere Beschreibungen. Sie umfassen damit mehr Phänomene und vereinigen sie zu Gruppen, dienen damit der Vereinfachung, zugleich werden sie auch unkonkreter und neigen zur Verselbständigung. Wir sprechen solche Begriffe aus, ohne genau zu wissen, auf welche Erfahrungen sie sich beziehen und wie aktuell sie sind.

Identitätswechsel in der spirituellen Suche


Solche Formen der Verselbständigung von abstrahierten Begriffen können schließlich zu Identitätszuschreibungen führen. „Ich bin ein neuer Mensch“. So können wir uns nach tiefgreifenden inneren Transformationserfahrungen fühlen. Um diesem Gefühl eine begriffliche Stütze zu geben, suchen wir nach den geeigneten Benennungen, die uns diese Erfahrungen absichern sollen.

Manche Menschen nutzen spirituelle Namen zu diesem Zweck. Sie geben sich oder lassen sich einen neuen Namen geben. Damit wollen sie eine Zäsur zwischen einer alten und einer neuen Identität markieren. Das kann hilfreich sein, um sich an die spirituelle Berufung zu erinnern, die mit dem neuen Namen verbunden ist. Allerdings hat die Identität immer zwei Seiten, eine, die gleich bleibt, und eine, die sich wandelt. Ein neuer Name ändert daran nichts, er stellt nur den Aspekt der Veränderung in den Vordergrund. Der andere, die Beständigkeit der eigenen Identität, macht sich bemerkbar, sobald die alten Gewohnheiten und die Themen der Vergangenheit auch in der neuen Identität auftauchen.

Der innere Erfahrungsprozess, mit seinen Bahnen, Wirbeln und Verwerfungen, erfährt keinen grundlegenden Wandel durch den Wechsel des Namens. Denn die neue Identitätszuschreibung erfolgt auf einer hohen Ebene der Abstraktion. Deswegen wählen manche Menschen einen dritten Namen oder kehren irgendwann wieder zum ersten zurück.

Doch sind wir frei in der Wahl der Mittel und Methoden. Wem es hilfreich und förderlich erscheint, einen „spirituellen“ Namen anzunehmen, dem kann es als Erinnerungsstütze dienen, als Wecker, der hilft, aus dem Alltagsschlummer zu erwachen. Zäsuren können wichtige Entwicklungsschübe auf dem inneren Weg bewirken. Wie bei jeder Methode, gibt es Vorteile, die auf dem Weg weiterhelfen und Fallen, die den Weg behindern und verzögern können. Deshalb ist es weder falsch noch notwendig, sich einen neuen Namen geben oder geben zu lassen.

Lehrer und ihre Titel


Wie verhält es sich mit den ungeschützten Markenbezeichnungen im Feld der Wachstumsangebote? Wie ist das mit den „Erleuchteten“, „Meistern“, „Erwachten“, „voll Realisierten“ usw.?

Die Benennung „Meister“ oder „Meisterin“ erhält man üblicherweise durch Ernennung in einer ehrwürdigen Linie im Rahmen einer spirituellen Tradition mit überlieferten Regeln und sind manchmal auch mit Namensänderungen verbunden. Ein Meister erfordert Schüler, die ihn als solchen anerkennen, verehren und ihm in die Bereiche seiner Lehre hinein folgen. Die Lehre umfasst dabei zumeist Bereiche des Wissens wie auch der Lebenspraxis und der Beschreibung der Stufen, die die Schülerin auf dem Weg absolvieren muss.

Die anderen genannten Bezeichnungen haben mit besonderen Innenerfahrungen zu tun, die zwar bei Meistern vorausgesetzt werden, aber nicht das Hauptkriterium ihres Meisterseins ausmachen. Menschen, die bei anderen Lehrern oder Meistern oder einfach selber einen tiefgreifenden inneren Wandlungsprozess erlebt haben, der ihnen ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt, übernehmen dann gerne Zustands- oder Identitätsbeschreibungen wie „Ich bin erwacht“, „Ich habe den inneren Frieden gefunden“, „Ich ruhe in meiner inneren Heimat“ usw., wenn sie bemerken, dass es sich nicht um vorübergehende Erfahrungen, sondern um einen beständigen und dauerhaften Zustand geht.

Wozu dienen nun diese Selbstbezeichnungen? Sie helfen, der Innenerfahrung einen Rahmen und einen Bezugspunkt zu geben. Wir wollen verstehen und kommunizieren können, was mit und in uns passiert, und ein Name oder eine Bezeichnung unterstützt uns dabei.

Subtiles Vergleichen und die Herzenskraft als Gegenmittel


Die Falle liegt ganz offensichtlich darin, dass sich das Ego daraus einen neuen Anzug schneidert, vor allem, wenn die neue Selbstbezeichnung plakativ nach außen getragen wird. Ich bin etwas Besonderes, ich bin schon weiter auf dem Weg, und wer sich nicht in einem Zustand wie dem meinen befindet, ist zu bedauern. Jedenfalls entstehen zwei Gruppen von Menschen, die mit und die ohne Erleuchtung, Erwachen, Realisierung. Der Unterschied, der in seiner eigenen Entwicklung erlebt wird, wird nach außen verlagert. Wie kann ich den Unterschied wahrnehmen ohne Wertung? Statt in der Selbstwahrnehmung zu bleiben, beginnt das Vergleichen. Die anderen, die noch in ihrem Leiden und in ihren Egomustern stecken, werden in ihrer Mangelhaftigkeit gesehen und, wie ginge das dann anders, subtil abgewertet und verachtet.

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die innere Öffnung in abgehobene spirituelle Bereiche mit ganz außergewöhnlichen Erfahrungen geführt hat, ohne dass sich damit die Liebesfähigkeit erweitert und vertieft hätte. Die Kraft des Herzens ist das Gegenmittel gegen Abwertungen und Überheblichkeiten. Das Herz kann nicht vergleichen, sondern spürt das heile innere Wesen in jedem Menschen. Für das Herz gibt es keine Unterschiede auf dem Weg, sondern nur Menschen, die sich in ihrer Eigenart zeigen und weiterentwickeln. Das Herz schließt sie alle ein in einen Mantel aus Liebe.

Wenn sich in einem Menschen diese Kraft nicht in ihrer möglichen Fülle entwickeln kann, was genauso eine Gnade darstellt wie jede andere spirituelle Erfahrung, ist eine Vermischung der spirituellen Lehre mit Machtthemen unvermeidlich. Oft auch gelingt es dann dem Lehrer nicht, die Ideale der Lehre in das Alltagshandeln und den Umgang mit Menschen zu übersetzen.

Das Herz benötigt keine Namen, Bezeichnungen und Benennungen. Es weiß, dass es keine festgelegten Wirklichkeiten gibt, sondern nur das Fließen, das sich jenseits der Worte abspielt.

Rumi sagt: „Liebe zu erklären ist peinlich! Manche Kommentare können klärend wirken, aber mit der Liebe ist die Stille klarer. Eine Feder kritzelte vor sich hin, aber als sie versuchte, Liebe zu schreiben, brach sie.“

Und Schibli: „Wer meint, er sei angekommen, hat nichts erreicht. Wer darauf deutet, ist ein Götzendiener. Wer darüber spricht, ist leichtfertig. Wer denkt, er sei nah, kommt nie an. Wer tut, als habe er gefunden, hat verloren.“

Dienstag, 25. September 2012

Der freie Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl. (Isaac B. Singer)


Ich folge hier der Frage, ob der freie Wille auf verschiedenen Ebenen der Bewusstseinsentwicklung verschiedene Bedeutung haben kann, womit der Streit um die „Existenz“ oder „Brauchbarkeit“ des freien Willens aufgelöst werden könnte. Denn dann ist jede Antwort auf die Frage immer auf eine der Ebenen bezogen und hat nur innerhalb dieses Rahmens einen Sinn. Ich verwende das Modell der Bewusstseinsentwicklung aus meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“.

Die erste, tribale Stufe

Im Stammesgefüge hat immer im Zweifelsfall der Gesamtwille des Stammes den Vorrang vor dem, was der Einzelne möchte. Dieser Gesamtwille speist sich aus den tradierten Regeln und Weisheiten, über die vor allem die Älteren verfügen. Die Freiheit, aus diesen Regeln auszusteigen, sie zu ändern oder zu ignorieren, besteht nicht. Natürlich verfügen die Menschen in diesen Zusammenhängen über ein subjektives Gefühl der freien Entscheidung, doch sind sie so stark emotional und mental in das Stammesbewusstsein eingebunden, dass dieses individuelle Willensgefühl nur in den Bereichen des eigenen persönlichen Lebens zum Tragen kommt und zurückgestellt wird, wenn es um das Ganze des Stammes geht.

Die zweite, emanzipatorische Stufe

Hier geschieht genau das, was auf der ersten Stufe verwehrt war. Der Wille will sich aus der Vorherrschaft der Regeln befreien. Nichts mehr soll ihn beschränken. Der freie Wille wird zur Willkür, die nur dort Grenzen akzeptiert, wo die Macht größer ist als die eigene. Der freie Wille wird trotzig behauptet und gilt als Rechtfertigung des Handelns, auch wenn es die Regeln und auch wenn es andere Menschen verletzt. Er stellt sich gegen die tradierten Regeln und Normen und will sie aufbrechen. Die Menschen auf dieser Stufe prägen geradezu  ihre Identität mit dem Satz: „Ich will, also bin ich.“ 

Die dritte, hierarchische Stufe

Der freie Wille, der sich in der vorigen Stufe Bahn gebrochen hat, wird hier durch ein übergeordnetes Regelwerk eingedämmt und gezähmt. Dieses Regelwerk bemisst sich nicht mehr an Traditionen, sondern an den Erfordernissen von Großorganisationen, in welche die Menschen „eingepasst“ werden, indem sie ihren Willen zwar wahrnehmen, aber aus Angst und Vernunft auf seine Anwendung verzichten. 

Die Menschen werden „zur Verantwortung gezogen“, es wird ihnen der freie Wille zugemutet, und sie können sich nicht mehr auf andere ausreden. Sie „werden in die Pflicht genommen“. Bei jedem Regelverstoß drohen Strafen, und die Angst davor motiviert zum Verzicht auf die Durchsetzung der eigenen Wünsche. Die Loyalität, die die Machtträger einfordern, ist jedoch brüchig, weil die Untertanen bei der erstbesten Gelegenheit versuchen, aus dem System der Überwachung und Kontrolle auszubrechen.

Die vierte, materialistische Stufe

Der freie Wille bekommt wieder ein Betätigungsfeld im Bereich der wirtschaftlichen Entscheidungen. Er ist ein prägender Faktor am freien Markt. Jeder ist seines Glückes und seines Unglückes Schmied. Jeder kann Millionär werden oder Tellerwäscher bleiben.

Das ist der Zynismus des freien Willens: Die Individuen haben die volle Freiheit des autonomen Wirtschaftssubjekts und eine unendliche Möglichkeit zu wählen, andererseits können sie nie die Einsicht in die gesamten Zusammenhänge haben. Sie sind für all ihre Handlungen verantwortlich, und wenn sie Fehler machen, tragen sie die Verantwortung. Sie nehmen z.B. einen Kredit auf und können ihn nach einiger Zeit nicht mehr zurückzahlen, die Zinsen steigen, und irgendwann haben sie alles verloren. Und sie tragen die ganze Schuld an dieser Entwicklung, sie hätten sich ja auch anders entscheiden können. Der freie Wille wird als abstraktes Konstrukt zugemutet und diese Zumutung führt dazu, dass sich die Menschen noch mehr von sich selbst entfremden. 

Die Kritik an dieser Bewusstseinsstufe verdeutlicht, dass die Wirklichkeit der Willensfreiheit an materielle Bedingungen geknüpft ist. Für den einen bedeutet sie die Frage, ob sie ihre Villa auf diesem oder jenem Hügel bauen, für die anderen, ob sie eine Drecksarbeit machen oder verhungern.

Deshalb Herausforderung an die 5. Stufe, die Freiheit neu zu definieren, dort wird sie sich auch mit politischen Forderungen verbinden: Die Möglichkeitsräume für alle Menschen so zu erweitern, dass sie sich selbst mehr entfalten und verwirklichen können, dass sie also ihren freien Willen gestaltend einsetzen können.

Die fünfte, personalistische Stufe

Hier kommt die Willensfreiheit zu ihrer höchsten Blüte. Der Mensch der fünften Stufe kann sagen: „Ich bin frei, also bin ich“. Freiheit ist der zentrale Begriff dieser Bewusstseinsstufe, als innere Erfahrung und als Forderung, individuell wie gesellschaftlich. Ich kann alles aus mir machen, was ich nur will. Ich muss nur richtig wollen und fest daran glauben. Die Freiheit des Willens drückt sich in der kreativen Gestaltung des Lebens aus, wie sie im künstlerischen Ausdruck vorgelebt wird. Dennoch: Auch wenn die Künstlerin frei ist, wie sie die Pinselstriche setzt, muss sie sich ein Stück dem Kunstwerk unterordnen, das ihr vorschreibt, was ins Bild passt und was nicht. Damit erfährt sie bereits ein Element der nächsten Bewusstseinsstufe. 

Die ethische Reflexion wird in alle Bereiche des Lebens eingeführt. Alles ist Gegenstand der eigenen Entscheidung, des eigenen Lebensentwurfs. Wir erleben uns als SchöpferIn unseres Lebens. Jeder Moment stellt die Herausforderung, unser Leben neu zu beginnen und zu orientieren. Weder die Vergangenheit noch die Erwartungen anderer Menschen können uns davon abhalten, das zu tun, was wir für richtig halten und wofür wir uns entscheiden. 

Hierher gehört auch die Entscheidungsfreiheit, die uns auf den spirituellen Weg führt. Die personalistische Ebene erinnert uns daran, dass wir spirituelle Weisheiten nicht als Ausrede verwenden sollten, wie z.B. dass ja alles vorherbestimmt ist und wir deshalb tun und lassen können, was wir gerade wollen, auch wenn es uns oder anderen schadet und Leid zufügt. Auch auf dem Weg nach innen stehen wir immer wieder vor einer persönlichen Entscheidung, das Gute zu wählen statt dem Bösen oder Schlechten.

Die sechste, systemische Stufe

Der freie Wille verliert seine dominante Stellung und ordnet sich den systemischen Zusammenhängen unter. Zwar kann jeder aus einem System ausscheren, wenn er will, aber die systemische Vernunft lehrt, dass es sinnvoller und nützlicher ist, immer wieder den eigenen Willen zurückzustellen und der Kraft des Systems Raum zu geben. Sich im rechten Moment einbringen und dann wieder zurücknehmen, gehört zu den Tugenden dieser Stufe. Damit werden die Grandiosität und der Pathos des freien Willens eingeschränkt und aus dem Zentrum der eigenen Identität an die Peripherie verschoben. Wichtig ist es nicht, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern mit den eigenen Mitteln zum Gelingen des Ganzen beizutragen.

Die siebte, holistische Stufe

Auf dieser Stufe werden alle Ideen von Freiheit, wie sie auf den früheren Stufen gebildet worden waren, überprüft und revidiert. Hier geht es darum, wie sich das Ich und die Welt darstellen, wenn es keine Ängste und starren Festlegungen mehr gibt und wenn statt dessen das volle Vertrauen in die fließende Entwicklung des Lebens und der Wirklichkeit zugelassen werden kann. Die Befreiung von der Freiheit des Willens lässt uns hier in einen größeren Raum fallen, in dem wir alles nur als Ballast empfinden, was wir uns an Grundprinzipien und Wesenserkenntnissen aufgebaut haben.

Der freie Wille wird jetzt als Instanz des Egos entlarvt, als Wichtigtuer, der nur Hindernisse auf dem Weg zur eigentlichen inneren Freiheit auftürmt. Denn er vermeint, alles aus eigenem Antrieb und eigener Kraft schaffen zu müssen, während ihm in Wirklichkeit selber nichts gehört und alles gegeben wird. Es gibt keine eigene Leistung mehr, weil das Eigene nicht Eigenes ist, sondern Geschenktes. Also braucht es keinen freien Willen mehr, der sich solche Leistungen zuschreiben will.

Wenn sich die Ängste aufgelöst haben, erkennen wir, dass wir auf die Konzepte und Konstrukte verzichten und uns statt dessen dem Strom des Lebens anvertrauen können. Ist es für den Wassertropfen im Ozean wichtig, ob er sich entscheidet, ein wenig nach unten oder nach oben zu schweben? Er hat schon alles und ist schon alles, in einer willenslosen oder willentlichen, jedenfalls grenzenlosen Freiheit.