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Mittwoch, 5. April 2023

Demokratie in der Krise?

In diesen Zeiten ist häufig von der Krise der Demokratie die Rede. In immer mehr Staaten oder Teilstaaten werden rechtsgerichtete Regierungen installiert, denen der Erhalt und die Förderung der Demokratie kein Anliegen ist, die vielmehr die demokratischen Institutionen und Errungenschaften schwächen wollen, um ihren Machterhalt zu sichern. Diese Gruppierungen gebärden sich zwar als die Garanten für Sicherheit, aber untergraben gleichzeitig den Hauptgaranten der politischen und sozialen Sicherheit, die moderne Demokratie mit ihren beständig verbesserten Mechanismen der Kontrolle der Macht und des inneren Ausgleichs zwischen verschiedenen Interessensgruppen.

Die Zustimmungswerte zur Demokratie gehen zurück (in Österreich stärker als in Deutschland), auch wenn diese Regierungsform noch immer weit vor allen anderen bevorzugt wird. Die Zustimmung zu autoritären Regierungsformen liegt in Österreich je nach Fragestellung zwischen 10%, die strikt eine autoritäre Führung wollen, und 43%, die einen “starken Mann” an der Spitze attraktiv finden. Mit 10 % an rechtsgerichteten Wählergruppen kann jede Demokratie zurande kommen; doch je höher dieser Prozentsatz steigt, desto größer ist die Gefahr für eine autoritäre Wende.

Das Modell mit den Institutionen der Gewaltentrennung und des Interessenausgleichs in Zusammenhang mit unabhängigen und kritischen öffentlichen Medien hat sich über die letzten beiden Jahrhunderte ausgebildet und ständig verbessert. Es hat wesentlich zur stabilen und friedlichen Entwicklung in der überwiegenden Zahl der westlichen Länder beigetragen. Ein Charakteristikum der Demokratie besteht darin, dass sie selber der Gegenstand demokratischer Diskussion ist, denn sie muss beständig an die sich veränderten Bedingungen der Gesellschaft angepasst werden. Ihre Grundlagen, die Rechtsgleichheit, die Verfassungstreue und die allgemeine politische Willensbildung, dürfen dabei nie außer Acht gelassen werden. Damit soll verhindert werden, dass eine demokratisch gewählte Regierung die Demokratie selber aus den Angeln heben kann, ähnlich wie es 1933 in Deutschland und Österreich passiert ist.

Krisenstimmung und Demokratieskepsis

Das bekannte Modell der Führungsstile besagt, dass autoritäre Führungen effektiver sind, wenn akute Krisen bewältigt werden müssen. Ein Haus brennt, und der Hauptmann der Feuerwehr gibt die Befehle, die sofort befolgt werden. Eine demokratische Willensabstimmung braucht viel Zeit, die im Notfall nicht gegeben ist. Es muss schnell gehandelt werden, um eine Katastrophe abzuwenden, und lange Beratungen, bei denen jedes Für und Wider abgewogen wird, verzögern das Handeln, unter Umständen, bis es zu spät ist.

Soweit die Theorie. In der demokratischen Praxis ist für Notfälle die gewählte Regierung zuständig, die dann ad hoc Maßnahmen beschließen kann. Reichen dafür Verordnungen nicht aus, braucht es also Gesetze, so muss die Volksvertretung mit einbezogen werden, aber auch alle anderen Maßnahmen unterliegen der demokratischen Kontrolle, die manchmal erst nachträglich schlagend wird wie z.B. bei den Corona-Maßnahmen.

Bei vielen Menschen entsteht dennoch der Eindruck, dass die demokratischen Institutionen zu schwach sind, um Krisen effektiv zu bewältigen. Sie verallgemeinern die Einsichten aus dem Modell der Führungsstile, die aus überschaubaren Krisensituationen gewonnen wurde, und wenden es auf komplexe Krisen an. Deshalb verbreitet sich in Zeiten, die als krisenhaft erlebt werden, der Wunsch nach einer starken und autoritären Führung, mit der Hoffnung, dass diese den Krisen eine schnelle Abhilfe verschaffen könne.

Nahezu alle Krisen unserer Zeit können freilich gar nicht von einzelnen Personen abgewendet werden, weil sie aus einer Unmenge von Ursachen und Zusammenhängen entstanden sind. Es gibt keine noch so geniale Führungspersönlichkeit, die dafür nachhaltige Lösungen umsetzen könnte. Selbst nationale Regierungen sind überfordert, weil sie nur Maßnahme für das eigene Staatsgebiet treffen können, die Probleme aber oft länderübergreifend sind und isolierte Maßnahmen die Schwierigkeiten in übergeordneten Systemen verschärfen können. Auch wenn viele Führungspersönlichkeiten für sich reklamieren, gewissermaßen die ultimativen Retter für alle Nöte zu sein, produzieren sie als Folge wenig durchdachter Maßnahmen in der Regel mehr zusätzliche Krisen. Oft versuchen sie, kurzfristig wirksame Lösungsversuche durchpeitschen, deren Konsequenzen nicht mitbedacht werden.

Küchenphilosophie

Wir unterliegen als Menschen immer wieder der Tendenz, einfache Alltagssituationen mit Situationen zu vergleichen, die eine hohe Komplexität aufweisen, und Lösungsansätze, die im überschaubaren Raum der kleinen Welt funktionieren, eins zu eins auf Großgebilde zu übertragen, mit der Erwartung, dass sie dort genauso effektiv sind. Komplexität verunsichert, Vereinfachung gibt uns eine scheinbare Sicherheit. Das ist ein häufiger Fehlschluss. Bei komplexen Themen finden wir nur zu den sinnvollen Lösungen, wenn wir uns in die Komplexität vertiefen und für Lösungsansätze die “Schwarmintelligenz” nutzen, also das Zusammenwirken verschiedener Personen (Experten und Laien) und Institutionen. Solche Vorgänge brauchen mehr Zeit, die aber sinnvoll genutzt ist, weil sie profunde, abgesicherte und nachhaltig wirksame Lösungsschritte ermöglicht. Solche Vorgänge sind nur in einem demokratischen Rahmen möglich.

Es ist wiederum dem Beschleunigungsmodus, der die moderne Gesellschaft prägt, geschuldet, dass demokratische Entscheidungsprozesse in Misskredit geraten. Wir erwarten, dass Probleme, die auftreten, möglichst schnell gelöst werden, und wir werden ungeduldig, wenn die Entscheidungen lange Zeit brauchen. Meistens glauben wir, sofort besser zu wissen, was gut ist, und verstehen nicht, was das lange Palavern soll. Auch hier überschätzen wir häufig unsere eigenen Fähigkeiten im komplexen Denken und wir glauben, wir bräuchten nur die Einsichten unseres Hausverstandes auf übergreifende Zusammenhänge anwenden, ohne dass wir es für nötig erachten, die Unterschiede an Komplexität zu berücksichtigen. Es ist, als ob wir mit einem Rezept aus einem Kochbuch das Hungerproblem in der Welt lösen wollten.

Der Nationalismus als Trumpfkarte

Verschärft wird die Demokratieuntergrabung durch die nationalistische Karte. Viele Politiker, die ursprünglich aus einer liberalen Richtung kommen (z.B. V. Orban oder D. Trump), haben erkannt, dass der Nationalismus eine Trumpfkarte liefert, mit der es relativ leicht ist, an die Macht zu kommen und sie zu behalten. Der Nationalismus appelliert an ein abstraktes Wir-Gefühl, das den Menschen Sicherheit suggeriert; allerdings ein Wir, das in Opposition oder Feindschaft zu einem fremden Wir steht, das als feindlich oder bedrohlich dargestellt wird.

Hereinnahme statt Ausgrenzung

Demokratische Reife besteht dagegen darin, die Andersheit der anderen anerkennen und gelten lassen zu können. Die Diversität der Ansichten, Meinungen, Lebensorientierungen, kulturellen Prägungen usw. hat in einer Demokratie einen Platz und eine wichtige Bedeutung, die dazu führt, dass schwache Positionen gefördert werden. Pluralität und gegenseitige Akzeptanz sind der Nährboden für die Kreativität und Resilienz von Gesellschaften; Ausgrenzungen und Aggressionen gegen Minderheiten oder Schwächere destabilisieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt und steigern die allgemeine Unsicherheit und Angst. 

Zur Demokratie gehört die Inklusion, zum Nationalismus die Exklusion, das Ausschließen alles dessen, was bestimmten vordefinierten Kriterien nicht entspricht. Der Nationalismus ist rückwärtsgewandt, weil die Identifikation mit einer Nation kein Lösungspotenzial für irgendeine der aktuellen Krisen liefern kann. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Zusammenarbeit über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus. Sie kann nur dann in eine gute Richtung führen, wenn diese Kooperation auf demokratischen Grundsätzen beruht, also inklusiv und nicht exklusiv ist. Es sollte uns langsam deutlich werden, dass wir die Zukunft nur meistern, wenn wir alle mitanpacken und uns gemeinsam anstrengen, über alle urtümlichen Grenzen hinweg und jenseits aller Hoffnungen auf einen starken Mann als Erlöser. Jede der Krisen, unter denen wir leiden, ist eine Menschheitskrise; lösen kann sie nur die Menschheit.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle Möglichkeiten des Zusammenwirkens stärken und all den Bestrebungen, die die Lösungen in veralteten Modellen und rückwärtsgewandten Ideologien suchen, entgegenzutreten und sie an der Machtübernahme zu hindern. Die Demokratie muss streitbar sein, wenn sie weiterbestehen will, und sie muss ihre Gegner benennen und in die Schranken weisen. Die Demokratie ist niemand anderer als wir selber, soweit wir uns zu ihr bekennen.

Zum Weiterlesen:
Demokratie und Gefühle
Das Ego in der Medien-Demokratie
Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie
Soziopathie und die Folgen für die Demokratie
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Nationalismus und Opferstolz

Freitag, 28. Oktober 2022

Krisen und Krisenresilienz

Im vorigen Artikel war die Rede von Störungen im Alltag. Es gibt Störungen, die von Dauer sind, ohne dass wir uns an sie gewöhnen können, und die wir als sehr heftig erleben. Wir nennen sie dann Krisen. Es sind Anhäufungen von Störungen, die unsere Verarbeitungskapazitäten überschreiten. Persönliche Krisen entstehen durch Krankheiten oder psychische Überlastungen wie z.B. beim Burnout. Gesellschaftliche Krisen entstehen, wenn eine Gesellschaft mit den Herausforderungen nicht mehr zu Recht kommt, die an sie gestellt werden und viele Individuen darunter leiden.

Krisen sind also massive Enttäuschungen von Erwartungen. Sie erschüttern eingeübte Lebensgewohnheiten und unterbrechen ritualisierte Abläufe, was verunsichert und als sehr belastend erlebt wird und Stress erzeugt. Zukunftsbilder und Pläne müssen über den Haufen geworfen werden, und sie zerplatzen wie Seifenblasen. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig, ohne Chance, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Die Pandemie als Krise

In der Pandemiezeit sind viele in Krisen gestürzt – Ängste um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen, Ängste um den Beruf und die Ausbildung, Verlustängste wegen abgeschotteter und unterbrochener Beziehungen. Dazu kamen und kommen die von Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und verzerrten Forschungsergebnissen erzeugten und geschürten Ängste, die das Krisenbewusstsein zusätzlich aufgeladen haben. Viele Menschen mussten viele ihrer Gewohnheiten aufgeben und auf viele Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens verzichten. Diese massiven Enttäuschungen und Verunsicherungen haben Depressionen ausgelöst und zu anderen psychischen Symptomen geführt. Denn wir greifen in Krisen auf unsere Überlebensprogramme zurück. Da sie uns schon irgendeinmal geholfen haben, sollen sie uns auch jetzt mehr Sicherheit verschaffen. Sie engen allerdings unsere Flexibilität und unsere Kreativität ein und schneiden uns von unserem lösungsorientierten Potenzial ab, sodass wir erst recht nicht mit den Herausforderungen der Krise zurande kommen. 

Traumaketten

Alle Krisen docken zusätzlich an das kollektive Krisengedächtnis an, sodass die aktuellen Ängste durch vergangene Ängste verstärkt werden. Die subjektive Krisenresilienz, also die individuelle Fähigkeit, mit Krisen konstruktiv umgehen zu können, hängt sehr von der eigenen persönlichen Vorgeschichte ab. Je mehr Traumatisierungen in der eigenen Geschichte vorgekommen sind, desto verletzbarer und infizierbarer ist das Bewusstsein für aktuelle Krisenbelastungen. Außerdem dringen Verschwörungsgeschichten und vereinfachende Erklärungstheorien leichter in den Innenraum ein und vermindern die Fähigkeit zur adäquaten Wirklichkeitswahrnehmung. Die Personalisierung von komplexen Zusammenhängen, die Fixierung auf Retter und Bösewichte und einfache Schwarz-Weiß-Schemata vermitteln zwar eine gewisse kognitive Orientierung, die einigermaßen Sicherheit gibt, aber sie hilft in der Praxis nicht weiter, weil sie auf realitätsfremden Annahmen und Schlussfolgerungen beruht.

Große Zerstörungen, große Chancen?

Die Krisenbelastungen in Kriegsgegenden sind natürlich noch viel höher und hinterlassen deshalb enorm tiefere Spuren im kollektiven Gedächtnis der betroffenen Länder und der Menschheit insgesamt. Aber selbst beim düsteren Szenario des Ukrainekrieg gibt es Perspektiven der Hoffnung: Vielleicht wird der furchtbare Ukrainekrieg zum wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte des gepeinigten Landes und führt es in eine lichtvollere Zukunft? Vielleicht führt der Krieg in Russland zu neuen Entwicklungen für mehr Demokratie und Meinungsfreiheit?

Der erste Weltkrieg mit seinen Millionen an Todesopfern hat zur Gründung der ersten internationalen Staatenvereinigung und der zweite Weltkrieg mit noch viel mehr Opfern und Zerstörungen zur Gründung der UNO geführt. Die verheerenden Erfahrungen mit den beiden Hauptkatastrophen des vergangenen Jahrhunderts haben bei vielen Menschen eine zuvor noch nie gekannte Friedensbereitschaft wachgerufen und die Ächtung des Krieges zu einem ethischen Standard gemacht. 

Lernchancen

Krisen enthalten große Lernpotenziale, die nach dem Überstehen der Krisenzeit genutzt werden können. Wir werden uns zwar nie mit den angerichteten Zerstörungen und geopferten Menschenleben abfinden können – die tiefen Spuren des vergossenen Blutes sind unauslöschlich in unser kollektives Gedächtnis eingesunken. Wir können aber unsere Energien darauf bündeln, die Chancen, die in einer überwundenen Krise enthalten, zu nutzen, um die Menschheit zu mehr Menschlichkeit weiterzuentwickeln.

Das Lernen durch die Pandemie

Die Pandemie hat nicht nur bei vielen Menschen und in vielen Bereichen die digitalen Fähigkeiten verbessert, sondern auch neue Einstellungen zur Gesundheit, zum Gesundheitswesen und zu den Gesundheitsberufen hervorgebracht. Es hat sich als gesellschaftlicher Konsens herausgebildet, dass der Wert jedes einzelnen Menschenlebens über betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzenrechnungen und über kapitalistische Gewinnerwartungen gestellt werden muss – oder: Die Ethik ist wichtiger und maßgeblicher als die neoliberale Ideologie.

Klima und Krisenbewusstsein

In Bezug auf die Klimakrise sind wir als Gesellschaft viel zu weit vom Krisenbewusstsein und damit von der Lernzone entfernt. Es braucht offenbar noch mehr und noch schlimmere Katastrophen, damit eine kritische Masse für substantielle Veränderungen entsteht. Viele Menschen sind erst dann bereit, ihr Leben zu verändern und gesellschaftliche und politische Änderungen zu fordern, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht – wie den Menschen in Bangladesch und Pakistan, wenn also die Krise an die eigene Haustüre klopft und sie die Bedrohung hautnah erleben müssen.

Zerstörung und Neubeginn

Krisen haben Ähnlichkeiten mit Geburtsprozessen. Das Alte wird zerstört und muss unwiederbringlich hinter sich gelassen werden. Vom Alten zum Neuen muss bedrohliche eine Krisenphase durchlaufen werden, ohne die das neue Leben nicht gewonnen werden kann. Es kann umgekehrt sein, dass wir Krisen nur deshalb als so belastend erleben, weil wir den krisenhaften Geburtsprozess durchlaufen haben und weil sich unser Unterbewusstsein an all die lebensbedrohlichen Situationen dieses dramatischen Ablaufs erinnert. Jede spätere Krise bringt die Ängste aus den früheren Krisen hoch – und aktiviert das Unterbewusste, noch mehr nach möglichen Gefahrenquellen zu fahnden, auch deshalb sind Theorien, die große Katastrophen ankündigen, bei traumatisierten Menschen besonders beliebt. 

Krisen fordern unsere Anpassungs- und Lernbereitschaft heraus und können, wenn sie zu intensiv erlebt werden (verstärkt durch Vorbelastungen), auch zur Lähmung und Resignation führen. Die Chancen, die in jeder Krise liegen und durch die neue Kräfte mobilisiert werden können, können nur genutzt werden, wenn es gelingt, die Macht der Ängste, die uns blockieren, zu überwinden und den Mut des Neuanfangens zu spüren. 

Krisenresilienz

Krisenresilient können wir nur werden, wenn wir einen stabilen Bezug zur äußeren Realität herstellen und aufrechterhalten können. Auf diese Weise gelingt es uns, die Ängste mit der Realität zu konfrontieren und unsere Handlungsmöglichkeiten nach ihrer Tauglichkeit und Umsetzbarkeit zu bewerten. Wir sollten unsere Befürchtungen durch Vertrauen und unsere Verzweiflung durch Hoffnung ersetzen. Wir sollten uns auf unseren Mut besinnen, der uns schon in vielen Situationen unseres Lebens weitergeholfen hat. Krisen sind Wendepunkte, und wenn wir sie in der richtigen Weise nutzen, können wir gestärkt aus jeder Krise hervorgehen.

Zum Weiterlesen:
Störungen zerstören Illusionen
Die Kraft der Zerstörung
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?
Krisenängste und ihr Jenseits
Die Corona-Krise als Chance


Donnerstag, 14. Juli 2022

Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Wir leben in Krisenzeiten, hört man oft. Wann nicht, könnte man fragen, wenn man schon einige Jahrzehnte am Buckel hat. Aber die Pandemiezeit und der Ukrainekrieg haben das Krisenbewusstsein in unseren Breiten enorm verstärkt. Die Wetteranomalitäten konfrontieren hautnahe mit dem Klimawandel, von dem Wissenschaftler und Aktivisten seit Jahrzehnten warnen. Das Gefühl, die Entwicklungen nicht mehr unter Kontrolle zu haben, haben wir viel stärker als je zuvor. Daran zeigt sich auch unsere privilegierte Position, da wir in den reichsten und sichersten Ländern der Welt leben und seit dem 2. Weltkrieg das Krisenbewusstsein weitgehend von unseren Lebensräumen fern halten konnten. Alle, die im ex-jugoslawischen Raum leben oder gelebt haben, sehen das naturgemäß anders, ebenso jene, die aus anderen Kriegsgebieten flüchten mussten oder flüchten müssen. Menschen, die in Dürre- und Hungerzonen leben und ihr Überleben von Tag zu Tag sichern müssen, kennen nicht einmal eine Alternative zur Krise, die ihr Leben ausfüllt.

Das Bewusstsein, in einer Krisenzeit zu leben, verunsichert und bereitet Ängste und Sorgen, erzeugt also Stress. Es fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt nur, wenn aus der Krise eine Katastrophe wird, wenn z.B. ein Krieg ins eigene Land überschwappt oder wenn ein Dorf von Unwettern weggeschwemmt wird. Ängste mobilisieren egoistische Überlebensstrategien, die Bestrebungen, die eigene Haut zu retten. Wohin könnte ich auswandern, um den Klimaveränderungen zu entgehen und vor Kriegen und Seuchen sicher zu sein? Wo kann ich einen sicheren Ort finden, ohne dass die anderen davon wissen? Welchen Urlaub muss ich mir noch gönnen, bevor das Reisen nicht mehr möglich ist? Wie kann ich meine Schäfchen ins Trockene bringen, bevor das Finanzsystem zusammenbricht?

Angst als Veränderungsmotor

Die von Ängsten gesteuerte Reaktion auf Krisen ist die am weitesten verbreitetste. Sie ist aber auch die primitivste. Sie steht im Bann des Wiederholungszwanges von schon früh erlebten Traumatisierungen oder von kollektiven Traumen, die sich in tiefen Schichten der Seele festgesetzt haben. Deshalb ist die verbreitete Reaktion auf Krisen zunächst die Verleugnung („Das hat nichts mit mir zu tun.“ „Das ist alles übertrieben.“ „Da stecken ganz andere Interessen dahinter.“ „Das geht alles wieder vorüber.“ usw.). Mit Beschwichtigungen soll die Angst beruhigt werden, damit das Leben in den gewohnten Bahnen weiter verlaufen kann.

Erst wenn einem die Krise auf den eigenen Pelz rückt, wenn Leute in der Umgebung an einer Seuche versterben, Verwandte zu Kriegsopfern werden oder durch die Hitze getötet werden, wenn das eigene Haus weggeschwemmt wird, entsteht der Impuls zum Handeln und zur Änderung von Gewohnheiten. Es handelt sich dabei um ein reaktives Handlungsmuster: Es wird erst dann etwas getan, wenn das Wasser bis zum Hals steht, wenn die Krise so augenfällig ist, dass sie unmittelbar das eigene Leben betrifft. Solange sich die Katastrophen irgendwo anders ereignen, kann man ein wenig Mitgefühl aufbringen und ansonsten die Hände in den Schoß legen.

Deshalb entsteht der Eindruck, dass Menschen nur durch Krisen auf dieser Ebene lernfähig sind. Erst wenn man einen Hitzekollaps erlitten hat, überlegt man, was man selber tun könnte, um die Krise zu bekämpfen. Erst wenn der Öl- und Gaspreis rasant nach oben geht, denkt man daran, wie man fossile Brennstoffe einsparen könnte.

Diese reaktive Orientierung hat sich bei vielen Problemlagen bewährt. Sie ist aber für große Krisen viel zu schwach und nicht geeignet, nachhaltige Richtungsänderungen zu bewirken. Denn sie schwenkt sofort in alte Muster zurück, wenn sich die Bedingungen ändern: Gehen die Energiepreise wieder nach unten, wird weiter konsumiert, als wäre nichts gewesen. Wenn die Infektionszahlen runtergehen, werden sofort alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord geworfen. Wenn der Krieg vorbei ist, geht es darum, die Geschäfte mit allen Beteiligten möglichst schnell zu reaktivieren.

Global denken und handeln

Wir brauchen also eine andere Ausrichtung, wenn wir mit den großen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, zurechtkommen wollen – was wir in Wirklichkeit müssen, weil nicht nur die Qualität unseres Weiterlebens, sondern unsere Existenz als Individuen und als Menschengattung auf dem Spiel steht. Wir müssen uns der systemischen Vernunft bedienen, d.h. einen wichtigen Schritt in der Evolution des Bewusstseins vollziehen, vor allem in Hinblick auf die Krisenphänomene. Das systemische Bewusstsein führt uns heraus aus der Selbstbezogenheit, aus den individuellen und kollektiven Egoismen. Es ist getragen von der Einsicht, dass die großen Probleme nur durch globale Zusammenarbeit gelöst werden können, zu der möglichst viele Menschen durch ihr Wollen und ihren Einsatz beitragen. Wir kennen diese Art des Denkens und des aus ihr abgeleiteten Handelns, doch wenden es noch viel zu wenige Menschen an. Es sind wiederum Ängste, die davon abhalten, das, was eigentlich als vernünftig erkannt ist, in das Tun zu übersetzen. Ängste zwingen uns, am Gewohnten festzuhalten und erst zu handeln, wenn die Bedrohung unübersehbar ist. Ängste zwingen uns zu Reaktivität. Alles, was von einer Angst angetrieben ist, hält nur kurzfristig an, denn Ängste konsumieren viel Energie, sodass sehr bald die Erschöpfung auftritt und damit die alten Muster zurückkehren.

Wir müssen also unsere Ängste überwinden, wenn wir unser Handeln proaktiv leiten, indem wir uns nicht von äußerem Druck motivieren lassen, sondern von unserer Einsicht und unserem Wollen. Wir verzichten auf Annehmlichkeiten oder Bequemlichkeiten, auf Konsumgewohnheiten nicht, weil es nicht anders geht, sondern weil uns die Lösung globaler Probleme wichtiger ist als die Befriedigung von Luxusbedürfnissen.

Was wir also aus den gegenwärtigen Krisen lernen können, ist die Wichtigkeit, unsere Motivations- und Handlungsmuster zu verändern. Wir können unseren Blick weiten und ein globales Bewusstsein entwickeln, das unsere Handlungen danach ausrichtet, wie es im Blick auf die gesamte Menschheit und ihre Zukunft am sinnvollsten, nutzbringendsten und hilfreichsten ist, bzw. wie es am wenigsten Schaden anrichtet. Und wir können andere motivieren, ebenso über ihre Eigeninteressen hinaus zu blicken, und laden auf diese Weise mehr und mehr Menschen ins systemische Bewusstsein ein.

Die Grundzüge dieser Bewusstseinsform sind einfach dargestellt. Wir berücksichtigen unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche, nehmen sie aber nicht als oberste Richtschnur für unsere Entscheidungen. Vielmehr achten wir darauf, möglichst viele andere Interessen mitzubedenken, soweit sie global ausgerichtet sind. Wir agieren aus einem Verständnis der geteilten Verantwortung, im Prinzip mit allen Menschen und sogar allen Lebewesen. Wir tragen unseren Teil dieser Verantwortung so gut es uns möglich ist und bemühen uns darum, in dieser Fähigkeit zu wachsen. Wir nutzen Krisen als Chance zur Weiterentwicklung, brauchen aber keine Krisen dafür, sondern sind von der Überzeugung getragen, dass das Leben an sich Weiterentwicklung und permanente Veränderung ist. Wir versuchen, diesen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen eine Richtung zu geben, die dem Überleben der Menschheit in sozial ausgeglichener, gesunder und friedlicher Weise am besten dient.

 

Dienstag, 13. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 2

Akzeptieren und Aktivität

Wir sollen um des lieben inneren Friedens willen den Moment so akzeptieren, wie er ist. Aber heißt das jetzt, dass ich alles so lassen muss, wie es ist, und nichts gegen das machen soll, was mir nicht passt? Bin ich also durch das bedingungslose Akzeptieren zur Passivität verurteilt? Muss ich mir z.B. alles gefallen lassen, wenn andere gemein sind zu mir?

Die Bewusstheit ist die Brücke zur Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Sie macht uns darauf aufmerksam, wenn eine Trennung geschehen ist, und mit dieser Einsicht können wir die Verbindung wieder herstellen. Im nächsten Schritt können wir dann überlegen und entscheiden, was zu tun ist. Unser Tun wird umso sinnvoller und situationsadäquater sein, je mehr wir die Wirklichkeit in ihrem Sosein bestätigt haben.

Wir können also nach dieser Reflexion bewusst entscheiden, ob wir Handlungen setzen, um unguten Entwicklungen vorzubeugen, oder ob wir die Dinge sich weiter entwickeln lassen, im Vertrauen, dass es sich selber einregulieren wird.

Die Wirklichkeit ist in dauernder Veränderung, und wir sind Teil von ihr und von dem Veränderungsprozess. Wir wirken permanent dabei mit. Wenn wir etwas ändern können oder wollen, steht es uns frei, das zu tun. Doch können wir jeweils nur von der aktuellen Wirklichkeit ausgehen, vom Annehmen dessen, was ist, sonst tappen wir mit unseren Änderungsversuchen unweigerlich daneben und fallen schnell auf die Schnauze. Deshalb ist es unsere Aufgabe, immer wieder Bewusstheit in das zu bringen, was wir in die Wirklichkeit einbringen und an ihr verändern. Mit Bewusstheit tragen wir dazu bei, dass sich die Welt in eine Richtung verändert, die uns stimmig erscheint, manchmal mit unserem Zutun, manchmal von selbst.

Dazu gehört auch, dass wir aufzeigen, was schief läuft und was uns gegen den Strich geht. Auch wenn wir akzeptiert haben, dass uns jemand missverstanden oder abgewertet hat, hindert uns das nicht daran, anzusprechen, was uns gestört oder verletzt hat. Es geht auch darum, uns selbst in unserer Verletztheit zu akzeptieren, und aus dieser Erfahrung folgen Handlungen, die wir wieder akzeptieren können – auch hier wieder: unbeschadet, ob sie uns gefallen oder nicht.

Es geht beim Akzeptieren nicht darum, einen Leidensmasochismus zu pflegen oder sich als Weichei zu outen. Es hat nichts mit Feigheit oder Unterwürfigkeit zu tun. Es ist keine psychologische Schwäche oder charakterliche Untugend involviert, sondern es handelt sich um eine spirituelle Übung. Das Akzeptieren enthält keine Handlungsanweisungen. Ob wir den Gleichmut und die menschliche Größe aufbringen wie Jesus von Nazareth, der die andere Backe hinhält, wenn ihm auf eine geschlagen wird, oder nicht, ist für die Übung  des Akzeptierens egal. Es gehört auch akzeptiert, dass wir so auf Grenzüberschreitungen reagieren, wie wir reagieren.

Das Äußere und das Innere akzeptieren

Geht es beim Akzeptieren also nicht nur um die Wirklichkeit um uns herum, sondern auch um uns selbst?

Die Wirklichkeit umfasst alles, wir haben nur zwei prinzipiell unterschiedliche Zugänge zu ihr: Die äußere Wirklichkeit nehmen wir über unsere Außensinne wahr, während uns die inneren Sinne mit der inneren Wirklichkeit verbinden. Das Akzeptieren der Innenwelt, also die Selbstakzeptanz ist für unseren inneren Frieden genauso wichtig wie das Akzeptieren der Außenwelt. Wann immer wir uns durch das Nichtakzeptieren von der Außenwelt trennen, trennen wir uns genauso von uns selbst, als wenn wir uns selbst ablehnen. Das Äußere ist immer in unserem Inneren vertreten, und dadurch enthält das Äußere in unserer Erfahrung immer Anteile von uns selbst. Auch in dieser Weise besteht eine intensive und dichte Beziehung zwischen innen und außen, aus der die Erfahrung des Einsseins, wie wir sie in besonderen spirituellen Momenten erleben, herauswächst.

Diese enge Verflochtenheit ist aber auch der Grund, warum es zu Verwechslungen des Inneren mit dem Äußeren und des Äußeren mit dem Inneren kommen kann und warum Unklarheiten entstehen, was wohin gehört. In der Psychose versagt die Unterscheidungskraft zwischen den Zugängen zur Realität, und die interne Koordination bricht zusammen, weil nicht mehr eingeordnet werden kann, was zum Innen und was zum Außen gehört. Demgegenüber steht die Erfahrung der Erleuchtung, in der es diesen Unterschied nicht mehr braucht und dennoch die innere Stabilität erhalten bleibt. Im Alltagsbewusstsein sind es die angstgeleiteten Projektionen, die häufig dafür sorgen, beide Zugänge zur Erfahrungswelt miteinander zu verwechseln, was uns in Verwirrung bringt und Missverständnisse erzeugt.  Wir tendieren immer wieder dazu, Inneres für Äußeres und Äußeres für Inneres zu halten und uns damit in die Irre zu führen.

Projektionen zurücknehmen

Was können wir tun, um solche Verwechslungen zu vermeiden?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass es solche Vertauschungen gibt, die unser Unterbewusstsein vornimmt. Wir sind fehleranfällig, vor allem dort, wo es alte Wunden und Verstörungen in unserer Seelenlandschaft gibt. Dazu kommt, dass unsere Wahrnehmung immer zugleich eine interpretierte Wahrnehmung ist, dass wir also an jedes Erleben eine Theorie anhängen und dass wir dazu neigen, die Theorie für wichtiger zu nehmen als das, was wir erleben.

Dann geht es, wie gesagt, darum, die Bewusstheit dafür zu schärfen, wenn wir solche Projektionen produzieren. Wir fragen nach: Was nehme ich wahr, was also kann ich über die Sinne bestätigen, und was geben wir dazu durch unser Interpretieren? Ein Mensch begegnet mir auf der Straße, ich sehe seine schmutzigen Schuhe. Möglicherweise ordnet mein Bewerten diese Person sofort in eine Kategorie ein und denkt, dass der Mensch arm oder unordentlich oder zerstreut ist. Jede dieser Annahmen könnte zutreffen oder auch falsch sein. Das Einzige, was wir wahrgenommen haben, war der Schmutz auf den Schuhen.

Mit der Bewusstheit lenken wir also unsere Aufmerksamkeit von den Gedanken und Fantasien wieder zurück zur Wahrnehmungsrealität. Was ist, ist; was wir interpretieren, sind unsere Eigenproduktionen. Unsere Produkte dienen unserer Sicherheit und Orientierung in der Welt, also unserer inneren Homöostase, während die Wahrnehmung dazu da ist, uns mit der Wirklichkeit zu verbinden, so, wie sie ist.

Wir können zum Identifizieren von Projektionen auch die Frage nutzen: Wie erkenne ich, was in mir und was außer mir ist? Was macht für mich den Unterschied? Mit solchen Übungen schärfen wir unsere Unterscheidungskraft, durchschauen unsere Projektionstendenzen und finden leichter wieder zurück zum Akzeptieren des aktuellen Erlebens.

Das Schicksal und das Akzeptieren

Es gibt Schicksalsschläge, die kann man einfach nicht akzeptieren.

Wenn uns ein Ereignis massiv betrifft wie z.B. der Tod eines nahen Angehörigen, sind wir mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert: Schmerz, Angst, Wut, manchmal auch Schuld und Scham. Diese Gefühle helfen uns dabei, den Verlust zu verarbeiten, und verarbeiten heißt, zur Akzeptanz zu kommen. Es ist etwas passiert, das uns an unseren Grundfesten erschüttert und aus den gewohnten Bahnen wirft. Wir hadern mit dem Schicksal und möchten es ungeschehen machen. Das sind unsere verständlichen menschlichen Reaktionen, die ihre Zeit brauchen – die Zeit der Trauerarbeit. Irgendwann kommen wir zu dem Punkt, an dem wir in den Frieden kommen mit dem, was geschehen ist. Wir akzeptieren, dass passiert ist, was passiert ist, und hören auf, uns in die Agenden des Schicksals einzumischen. Auch wenn wir nicht verstehen und gutheißen können, was geschehen ist, steht es nicht in unserer Macht, die Bahnen der Ereignisse nachträglich in eine uns genehme Richtung zu lenken.

Akzeptieren heißt auch hier, mit der Wirklichkeit in Verbindung zu sein und setzt voraus, dass der Gefühlssturm in uns zur Ruhe gefunden hat. Unser verletztes Ego, das sich groß aufgespielt hat, indem es sich mit der Wirklichkeit angelegt hat, tritt mit der Heilung seiner Wunden zurück und macht einer Bescheidenheit Platz, in der wir uns als lernende Juniorpartner in Beziehung zur majestätischen Größe und Souveränität des Lebens einreihen. Wir ordnen unsere Erwartungen, Wunschfantasien und Projektionen dem mächtigen Strom der Ereignisse unter, in denen sich das Ganze fortwährend ausdrückt.

Am Beispiel eines schweren Verlustes sehen wir, dass man nicht verlangen kann – von uns selbst oder von anderen –, etwas zu akzeptieren, was unmöglich erscheint zu akzeptieren. Wir erkennen auch, dass es das Zulassen und Durchleben von Gefühlsprozessen erfordert, um mit dem, was das Leben mit uns vorhat, auf Gleich zu kommen. Nach der Befriedung der Gefühle braucht es meistens noch länger, bis sich die Gedanken beruhigen und der inneren Stille Raum geben.

Schicksalsschläge führen uns in eine Krise, weil wir gewohnte Sicherheiten und Kontakte verlieren. Es ist, also ob die schön geordneten Teile unserer Innenwelt durcheinandergewirbelt werden und stattdessen ein Chaos entsteht, mit dem wir so schwer zurechtkommen und das uns viele Kräfte raubt.

Es liegt aber auch eine Chance in jeder Krise: Das Chaos bietet die Möglichkeit, eine neue Ordnung zu schaffen, die zugleich flexibler und stabiler ist als die vorherige. Dazu ist es notwendig, dass wir die Krise nutzen, um mit unseren Gefühlen und Gedanken ins Reine zu kommen. Das Sicherheitsgefühl verlagert sich mehr nach innen und wird weniger abhängig von äußeren Bedingungen. Sobald wir akzeptieren können, was passiert ist, ohne Wenn und Aber, sind wir ein Stück reifer geworden.

Denn menschliche Reife besteht nicht darin, im Leben Erfolg an Erfolg zu reihen, sondern darin, die Krisen des Lebens meistern zu können, indem sie als Lernchancen begriffen werden. Ein wichtiger Teil dieses Lernens besteht darin, mit dem, was geschehen ist, Frieden schließen zu können. Das Hadern, das Zerren am Schicksal und das Betteln, ob es es sich nicht doch anders überlegen könnte, damit wir uns die Krise ersparen können, nimmt ein Ende und zehrt nicht mehr an unseren Nerven. Wir versöhnen uns mit dem, was das Leben uns vorgesetzt hat, und gehen erhobenen Hauptes den Pfad unseres Lebens mit Vertrauen weiter.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)

Sonntag, 8. November 2020

Die Krisen und der Sinn

 Gemeinsinn  und Hintersinn

Der niedere oder der gemeine Sinn ist etwas, was wir aus persönlichen Motiven den Ereignissen anhängen. Sinn macht, was uns weiterhilft, was uns einen Erfolg gibt, was uns Freude bereitet, was uns mit anderen verbindet usw. Es gibt auf dieser Ebene die wichtige Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen. Wir können egoistischen und kurzfristigen Sinn darin finden, anderen zu schaden und uns auf ihre Kosten materiell oder emotionell zu bereichern. Der Sinn solcher Handlungen liegt darin, innere Ängste und Frustrationen zu überwinden. Er dient nur einem selber, während er anderen etwas wegnimmt. Das gute Handeln dagegen dehnt den Sinn vom Selbst zum Anderen aus. Es bereichert beide und wirkt wechselseitig.

Weiters gibt es noch so etwas wie einen Hintersinn, den wir mit psychologischen Methoden ausforschen können. Das Unbewusste hat seine eigene Sinnagenda, die der offiziellen Sinngebung nicht immer entspricht. In der psychologischen Innenerforschung oder mit therapeutischer Hilfe finden wir heraus, welche unbewussten Absichten unsere Handlungen antreiben, vor allem jene, die wir als störend, selbstwertschädigend oder sozial problematisch erleben. Indem wir den Hintersinn verstehen, lernen wir uns selber besser kennen und erweitern unsere Handlungsmöglichkeiten. Z.B. erkennen wir, dass wir unfreundlich zu einem unserer Kinder waren, weil wir von den eigenen Eltern in einer ähnlichen Situation abwertend behandelt wurden.

Der höhere Sinn

Einen höheren Sinn suchen wir, wenn uns gravierende Ereignisse, die uns in der Realität begegnen, unverständlich sind oder große Probleme bereiten, mit denen wir hadern und denen wir uns hilflos ausgeliefert fühlen. Vielen Menschen geht es während der gegenwärtigen Covid-Krise so – es gibt keine Verursacher, die einfach ausgeschaltet werden können, keine Strategien, die die Bedrohung restlos ausmerzen, und wir müssen massive Veränderungen und Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen hinnehmen. 

Das zweite Thema, das dieser Tage in unserem Land präsent ist, ist der Terror, durch den völlig sinnlos Leben ausgelöscht werden, Verletzungen und Traumatisierungen entstehen. Manche Augenzeugen berichten, dass sie dazu auch andere Erfahrungen machten: Über die enorme Hilfsbereitschaft, über gegenseitige Unterstützung und geduldiges Annehmen der Situation bei vielen, die diese Nacht in irgendwelchen Kellern oder verbarrikadierten Lokalen zubringen mussten. Ein Betroffener sagte, dass ihn diese Erfahrungen im Erkennen des Guten im Menschen gestärkt haben – also eine Sinnstiftung aus dem Zentrum der Sinnlosigkeit. Die Sinnfrage führt in Paradoxien.

Wenn das, was geschieht, auf der individuellen Sinnebene jedem Sinn widerspricht, dann stellt sich die Frage, ob es nicht auf einer höheren Ebene einen Sinn gibt, der es erlaubt, die widrigen Umstände zu verstehen und mit ihnen in Frieden zu kommen.

Religiöse Sinnsysteme

Viele religiösen und spirituellen Lehren bieten einen solchen höheren Sinn an, der die Widersprüche des praktischen Lebens überwinden soll. Begnüge dich nicht mit dem, was dir in deiner kleinen Lebensperspektive mit ihrem Auf und Ab Sinn oder Sinnleere gibt, sondern suche den Sinn von allem in einem großen Ganzen: Das ist eine Perspektive, mit der viele Sucher auf den Weg gehen. Der Sinn kann z.B. darin gesehen werden, dass es einen Gott gibt, der das alles so eingerichtet hat und für den Sinn garantiert, auch wenn wir mit unserem beschränkten Geist nicht immer kapieren, worin er gerade liegt. Wir verlassen uns auf eine höhere Instanz, die uns einen höheren Sinn verspricht. 

Hier liegt das Problem in einer gewissen Redundanz. Gott ist die Sinninstanz. Alles, was wir nicht verstehen, versteht Gott. Wenn wir an ihn glauben, wird der Sinn mitgeliefert. Wir glauben also auch an die Sinnhaftigkeit der Welt mit all ihren Vorkommnissen, sobald wir an Gott glauben. Nichts und niemand jedoch garantiert uns, dass es diesen Gott überhaupt gibt. Er ist also nur eine Konstruktion unserer Glaubensimagination, und ebenso konstruieren wir den höheren Sinn, der von dieser Instanz beigestellt wird. Der höhere Sinn hängt also an der Existenz Gottes, die wir nur durch den Glauben sicherstellen können. Manche Theologen sprechen deshalb davon, dass sie glauben, weil es absurd ist. 

Außerdem löst der Gottesglaube die Frage nach der Akzeptanz und Sinnfindung in einem ganz wichtigen Bereich nicht: Wie ist es mit dem Bösen, das in der Welt geschieht, warum verhindert die göttliche Macht nicht jede Unmenschlichkeit? Was ist der Sinn in Mordanschlägen oder in Epidemien, die Menschenleben dahinraffen? Warum lässt ein Gott die Übel zu? Da braucht es umständliche und unbefriedigende Konstruktionen, eine weise und liebende Gottesvorstellung mit dem äußerst mangelhaften Zustand seiner Schöpfung in Einklang zu bringen. Gerade das Zurechtkommen mit den großen Herausforderungen der Menschheit und des individuellen Lebens erfordert intellektuelle Anstrengungen und das Begehen von verschlungenen Umwegen, bei denen der Sinn erst recht wieder auf der Strecke bleibt.

Es stellt sich zusätzlich die Frage, ob wir in der Sinnerwartung, die wir an Gott richten, nicht einem Autoritätsglauben folgen, der uns in der Kindheit selbstverständlich geworden ist. Als Kinder waren unsere Eltern die Haupt- und Zentralsinnstifter, gewissermaßen das Zentralorgan der Wahrheit und Sinnhaftigkeit wie die Parteizeitungen in Diktaturen. Andere konkurrierende Sinninstanzen sind erst später aufgetaucht. In unserer Unerfahrenheit haben wir anfangs alles für bare Münze genommen, was uns die Eltern beigebracht haben, ob es nun der Wirklichkeit und der emotional-sozialen Stimmigkeit entsprochen hat oder nicht. Es war jedenfalls eine relativ geschlossene Welt, in der die Sinnhaftigkeit von den Eltern garantiert war und die wir uns zurückwünschen, wenn wir als Erwachsene mit Unsicherheiten konfrontiert sind. Andererseits beinhaltet das Erwachsenensein die Fähigkeit, mit Ungewissheit zurechtzukommen. Wir neigen zur Regression, zum Flüchten ins Kindsein, wenn wir mit der Komplexität der erwachsenen Welt nicht zurechtkommen. Wir sind nie vollkommene Erwachsene und sollten uns dafür auch nicht verurteilen. Wir sollten uns allerdings bewusst sein, in welchem mentalen Zustand wir uns jeweils befinden, damit wir uns nicht selber täuschen und unsere Mitmenschen verwirren. 

Aus diesem Grund ist nichts falsch an einem Gottesglauben, wie auch am Nicht-Gottesglauben. Wir sollten uns bloß über die Motive im Klaren sein, die das Bedürfnis nach dem Glauben hervorbringt. Brauchen wir eine äußere Sinninstanz, die dem, was uns begegnet, einen höheren Sinn verleiht, dann können wir sie für den Zweck nutzen, uns mit Widrigkeiten auszusöhnen. Nutzen wir diese Sinninstanz nicht, so können wir auf anderen Wegen in Frieden mit der Wirklichkeit kommen.

Die Mystik und der Sinn

Der mystische oder spirituelle Zugang zu dieser Frage ist prinzipiell von religiösen Ansätzen verschieden. Religionen bieten Modelle oder Konstruktionen an, die aus etablierten Traditionen stammen, die meistens von göttlichen oder gottähnlichen Lehrern begründet wurden. Das Glauben selber ist zwar immer ein individueller Akt, aber bezieht sich auf vorgegebene Formen. Dazu kommt der Aspekt der Gemeinschaft der Gläubigen, die den vorgegebenen Modellen eine aktuelle soziale Unterstützung beistellt.

Beim genuin spirituellen Zugang geht es um die Bewusstheit im Moment, in dem, was jetzt gerade ist. Dieses jeweils aktuelle Erleben ist in sich sinnhaft, es braucht deshalb keine äußere Sinngebung oder zusätzliche Sinnperspektive. Im Moment der Erfahrung ist alles so, wie es ist, weder höher noch niedriger in seiner Sinnhaftigkeit. Jeder Moment ist einem anderen gleichwertig. 

Natürlich können wir diesen Grad an Bewusstheit nicht dauernd halten und fallen leicht durch Gewohnheiten, Ablenkungen und äußere Einflüsse heraus, die uns mit Sinnfragen konfrontieren. Wir fallen zurück in das Suchen nach Konzepten und Modellen, die uns verstehbar machen, was so schwer zu akzeptieren ist. Wir klammern uns an äußere Hilfen und Unterstützungsgerüste, um die Wirklichkeit annehmen zu können und handlungsfähig zu bleiben. 

Wir sollten uns in solchen Phasen nur darüber bewusst sein, dass wir gerade nicht unser volles erwachsenes Lebenspotenzial verwenden, sondern auf eine frühere Stufe unserer inneren Entwicklung zurückgegangen sind. Als Erwachsene benötigen wir keinen zusätzlichen Sinn, weil alles, was geschieht, seinen Sinn in sich trägt. Wir tun, was zu tun ist, nicht, weil es den Sinn vermehrt, sondern weil es aus unserem Inneren kommt und unserer Wirklichkeitserfahrung entspricht. Wenn uns unangenehme Erfahrungen begegnen, wenn wir uns mit Katastrophen und Krisen auseinandersetzen müssen, schauen wir darauf, was Abhilfe schaffen kann und setzen uns dafür ein statt nach dem Sinn zu suchen.

Was geschieht, im Außen und im Inneren, ohne oder mit unserem Zutun, braucht keinen Sinn. Sinn benötigen wir dann, wenn wir mit dem, was geschieht, in Zwiespalt geraten, indem wir nicht verstehen können und akzeptieren wollen, was uns die Wirklichkeit präsentiert. 

Zum Weiterlesen:

Vom Anfang und vom Ende der Sinnfrage

Krisenängste und ihr Jenseits