Mittwoch, 2. Mai 2018

Reaktive und kreative Lebensorientierung

Das Modell der beiden Lebensorientierungen stammt von Robert Fritz, der drei Bücher über das Manifestieren, also das Verwirklichen von inneren Zielen, geschrieben hat. Kurz gesagt, geht es bei der reaktiven Orientierung darum, dass wir aktiv werden, also zu einer Handlung schreiten, wenn der Druck oder der Ansporn von außen groß genug ist. Bei der kreativen Orientierung stammt das Motiv und der Impuls zum Handeln aus uns selbst. In Bezug auf die Motivation gleicht dieser Ansatz einem anderen bekannten Modell, nämlich dem von der extrinsischen und intrinsischen Motivation.

Vermutlich kennen wir aus unserem Leben beides. Es gibt Aufgaben, die wir erledigen müssen, weil jemand anderer das von uns will. Der Chef ordnet eine lästige Arbeit an, wir müssen sie ausführen. Andere Aufgaben müssen wir angehen, weil sich sonst unsere Lebensumstände verschlechtern. Wenn wir die Heizung nicht reparieren lassen, werden wir im Winter frieren. Also machen wir das, obwohl wir anderes gerade lieber tun würden. Der Wille kämpft mit dem Widerwillen, und dieser Kampf fordert Energie, die uns bei der effektiven Erledigung abgeht.

In der reaktiven Orientierung bestimmt die Außenwelt über uns, und unser Handeln dient der Anpassung an die Erwartungen und Forderungen, die von dort kommen. Wir kennen diese Einstellung gut, weil sie in vielen Situationen unseres Lebens im Vordergrund gestanden ist, sodass sie uns zur vertrauten Gewohnheit geworden ist. Sie ist der Grund dafür, dass wir oft Sachen unerledigt liegen lassen, Vorsätze vor allem dann nicht erinnern, wenn wir Zeit hätten, sie auszuführen, und schmerzliche Erfahrungen machen, wenn wir merken, dass wir uns oder anderen mit dem Liegenlassen von dringlichen Aufgaben Schaden zugefügt haben.

Reaktiv zu handeln bedeutet, passiv zu bleiben, solange der Druck von außen nicht zu groß ist. Das Muster spiegelt sich in Untugenden wie Faulheit, Bequemlichkeit und Zögerlichkeit. Wir verharren in unproduktiven Gewohnheiten und ausgedehnten Trotzphasen. Wir überantworten die Verantwortung für unser Leben nach außen.

Übrigens gibt es auch innere Mitspieler bei dem Muster. Auch innerer Druck kann uns in die Gänge bringen, zum Beispiel ein schlechtes Gewissen oder die Angst vor negativen Konsequenzen. Ein Kind räumt sein Zimmer auf, bevor die Mutter schimpft, weil es sonst sehr unangenehm werden könnte. Wir fangen eine Diät an, weil wir merken, dass wir uns immer schwerer tun, die Treppen hochzukommen. 

Die kreative Lebensorientierung geht von dem aus, was wir selber wollen. Wir haben Wünsche und Anliegen, die wir verwirklichen wollen. Niemand anders verlangt von uns, aktiv zu werden, und es sind auch nicht die äußeren Umstände, die uns zum Handeln zwingen. Vielmehr geht es darum, etwas in die Wirklichkeit zu bringen, das wir aus uns selber anstreben und dessen Realität uns mit Freude erfüllt.

Wir sind wie ein Kind, das einen freien Tag vor sich hat. Es spürt einen Impuls und fängt an, herumzutanzen. Es sieht ein Spielzeug und erfindet ein neues Spiel. Es entdeckt einen neuen Gegenstand auf dem Schreibtisch und erforscht ihn. Jeder Moment bringt eine neue Idee, und gleich wird sie umgesetzt. Es folgt dem, was seinem inneren Wollen gerade entspricht. So kommt es zu einer lebendigen und spontanen Interaktion zwischen Innen und Außen.

Die kreative Lebensorientierung ist mit dem Ausdruck unserer Freiheit verbunden. Sie beginnt ihre Wirksamkeit mit „Ich will“, also mit einer inneren Willensentscheidung, mit dem Festlegen auf eine Bestrebung, die zur Vision wird, um in der Wirklichkeit Gestalt anzunehmen. Es sind also die inneren Impulse, die mit der Willensinstanz in Verbindung treten und von dort die Kraft beziehen, um Handlungen setzen zu können, die die Realität in Richtung auf die Vision verändern. Unbewusste und bewusste Anteile spielen auf konstruktive Weise zusammen, sodass die ganze Persönlichkeit hinter dem Schaffensprozess stehen kann, der sich jetzt entfaltet. Auch stehen die unbewussten Energien als Hilfskräfte für diesen Prozess zur Verfügung, statt, wie im Fall der reaktiven Orientierung, die Widerstände und Hemmnisse zu verkörpern. Die kreative Lebensorientierung ist durch eine übereinstimmende Ausrichtung von bewusster Planung und Zielsetzung mit vom Unbewussten bereitgestellten Ressourcen gekennzeichnet. 

Mit der kreativen Lebensorientierung treten wir aus einer abhängigen Position, die die das eigene Tun von den Anforderungen der Umgebung bestimmen lässt, in diejenige des aktiven selbstgesteuerten Handels. Sie beinhaltet die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln, ohne dem Druck von außen oder von inneren unbewussten Ängsten zu folgen. Die autonom handelnde Person tritt ins Zentrum des eigenen Lebens und agiert von hier aus mit ihren schöpferischen Entwürfen in die Zukunft.

Die kreative Lebensorientierung bildet dennoch keine Grundlage für eine isolierte und selbstbezogene Durchsetzung von Einzelinteressen. Die Quelle der Handlung liegt im Individuum, das sich in der Aktivität immer mit der Umgebung, mit anderen Menschen und mit den Außenbedingungen der bestehenden Realität abstimmen muss. Auch das autonom handelnde Individuum ist oft auf Hilfe und Unterstützung von anderen angewiesen. Es kann nicht willkürlich seine eigenen Zwecke zum Nachteil anderer verfolgen.


Bin ich kreativ?


Manche Menschen vergleichen sich mit anderen und denken, sie sind nicht kreativ. Sie glauben, dass kreative Menschen jeden Tag ein Gedicht schreiben oder ein Bild malen, dass sie, vom Schaffensrausch gepackt, in ihre künstlerische Arbeit vertieft sind, alles um sich herum vergessen, bis sie dann tief in der Nacht ihr Werk vollenden. Diese Klischees decken das Feld der Kreativität bei weitem nicht ab. Kreativität ist nichts anderes als spontaner Lebensausdruck, vom bezauberten Betrachten einer Frühlingsblume über das Genießen des Moments in einem bewussten Atemzug zum Gestalten eines Mittagstisches oder Arrangieren von Möbelstücken bis zu Ideen, Projekten und Visionen, die irgendwann im Tagesverlauf zu unterschiedlichen Lebensthemen auftauchen. Eine Erfahrung humorvoll zu kommentieren ist kreativ, ebenso wie eine Wendung, die einen Streit entschärft.

Kreativität gibt es überall dort, wo aus dem Inneren, meist angeregt durch Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, Neues auftaucht. Wenn etwas in Bewegung kommt, was vorher starr oder monoton war, meldet sich Kreativität. Sie ist nur ein anderes Wort für Flexibilität und Spontaneität. Wir brauchen also nur unsere Gewohnheiten ändern – in unseren Wahrnehmungen, Bewegungen, Verhaltens- und Denkweisen –, und schon sind wir kreativ. 


Kreativität und Verwirklichung


Kreativität erschöpft sich nicht darin, Ideen und Visionen im Kopf zu erschaffen. Wenn wir etwas aus uns heraus wollen, soll es auch wirklich werden, also eine äußere Realität annehmen und damit einen Unterschied in der Welt erzeugen. Nicht alles, was wir uns im Kopf erträumen, wird irgendwann das Licht der Welt erblicken; vor allem, wenn wir über eine lebhafte Fantasie verfügen, dienen manche Ideen nur einem momentanen Enthusiasmus und werden rasch wieder vergessen. Wirkliches Wollen ist mehr als versonnenes Wunschdenken, denn im Wollen steckt die Bereitschaft, etwas zu tun, aktiv zu werden, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Wir machen uns auf zu den Mühen der Ebene, wo sich jede hochfliegende Idee erst bewähren muss. Umso größer sind dann Befriedigung und Freude, wenn sich das Vergießen des Schweißes gelohnt hat und ein Projekt unseres kreativen Wollens greifbar vor uns liegt. 

Im Wollen steckt Begeisterung: Von unserem Geist andere für ihren Geist anzustecken, sodass ein gemeinsamer Geist uns beide beflügelt. Inspiration, das Einhauchen des Geistes ist es, was in der manifesten Kreation geschieht. Der Wirklichkeit, dem ganzen Sein wurde ein neues Geistwesen geschenkt. Alles, was das Ganze reicher macht, erhöht den Reichtum jedes Teils.

Deshalb dient es uns selber und auch allen anderen, wenn wir uns möglichst viel aus der reaktiven in die kreative Orientierung bewegen. Wir fühlen uns in Übereinstimmung mit uns selbst und beschenken dazu noch andere.

Bücher von Robert Fritz: 
The Path of Least Resistance (1989)
Creating (1993)
Your Life as Art (2003)

Mehr Informationen:
Birgit Ehrmann-Ahlfeld: Mental fit - ein Leben lang. Liber libri 2001


Zum Weiterlesen:
Kreativitätshemmungen und ihre Lösung Die Manifestation und das Ego
Ego-Bestätigung und Berufung


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