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Freitag, 28. Dezember 2018

Die "Schande" und ihre Rolle bei der sozialen Kontrolle

In Märchen und Sagen wird oft ein entlarvter Missetäter „mit Schimpf und Schande“ verjagt. Das bedeutet eine ganz schlimme Demütigung, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft verdient hat. Jede Würde ist verloren, und das Leben muss irgendwo anders von vorne begonnen werden. Was hat es mit der Schande auf sich?

Die Schande ist eine enge Verwandte der Scham. Sie trägt einen offizielleren Charakter, der viel mit öffentlicher und moralischer Bewertung zu tun hat. (Im Englischen oder Französischen gibt es übrigens diese Unterscheidung gar nicht.) Schande ist gewissermaßen die explizite, von außen kommende Form der Scham. Sie wird angewendet, wenn etwas geschehen ist, wofür sich jemand (innerlich) schämen müsste, während sich die Öffentlichkeit verpflichtet fühlt, das Geschehene als Schande zu brandmarken und den Täter der allgemeinen Verachtung preiszugeben.

Es gilt schon als Schande, wenn jemand sein Potenzial nicht ausschöpft und die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Es gilt erst recht als Schande, wenn jemand absichtlich und unverfroren Böses tut. Und ganz besonders gilt es als Schande, wenn jemand moralische Normen übertritt. Jedes angeprangerte Fehlverhalten, für das sich jemand schämen sollte, kann von den Mitmenschen als Schande bezeichnet werden.

Aber nicht nur Einzelpersonen können Schande auf sich laden. Es wird von vielen als Schande angesehen, wie die Schweiz in der Zeit des Nationalsozialismus schutzsuchende Juden abgewiesen hat. Ebenso können wir es schändlich finden, wenn reiche Länder asylsuchende Jugendliche ausweisen, die sich jahrelang im Integration bemüht haben, die Sprache erlernt und Ausbildungen absolviert haben. Und es darüber hinaus grenzt es an ein schändliches Verbrechen, wenn Behörden solche Schritte setzen, wissend, dass abgeschobene Asylsucher in manchen Rückkehrländern mit hoher Wahrscheinlichkeit bald umgebracht werden.


Schändliche Sexualität


Eine enge Verbindung gibt es zwischen dem Sexualverhalten und der Schande, vor allem dort, wo dieses Verhalten einer starken moralischen Kontrolle unterliegt. In ländlichen Gegenden galt es durch den Einfluss der katholischen Kirche vor einigen Jahrzehnten noch als schändlich, wenn Kinder unehelich empfangen und geboren wurden. Im katholischen Irland wurden den Müttern unehelich geborene Kinder systematisch von der Kirche weggenommen und in Heimen ausgebeutet, wenn nicht überhaupt umgebracht. Soweit die Macht der katholischen Kirche reichte: Wer aus welchen Gründen auch immer die Norm nicht einhielt, dass Kinder in einer aufrechten Ehe empfangen und geboren werden müssen, wurde sozialer Verachtung und Ausgrenzung ausgesetzt, die bis zur physischen Vernichtung reichte.

Hier spielt die seltsame Einschränkung und Moralisierung der Sexualität in der christlichen Tradition die maßgebliche Rolle, die man selber schändlich finden kann. Sexualität gilt nach dieser – ca. 300 Jahre nach Jesus Christus in das junge Christentum eingeführten – leibfeindlichen Auffassung als sündige Fleischeslust, die einzig zur Fortpflanzung als notwendiges Übel gerechtfertigt ist und dafür den Bestand einer ehelichen Gemeinschaft erfordert. Im Grund beginnt nach dieser Theorie die Schande schon dort, wo jemand die Sexualität als solche genießt, ohne mit ihr einen Vermehrungszweck zu verfolgen. Doch öffentlich sichtbar und damit zur Schande wird das Fehlverhalten, wenn es zur Schwangerschaft ohne ehelichen Kontext kommt.


Der Schatten fällt auf das Kind


Welche Auswirkungen kann die Schande auf das empfangene Kind haben? Wenn die Umstände des eigenen Lebensanfangs unter einem moralischen Problemdruck standen, weil sie von den Eltern und ihrer Umgebung als Schande erlebt wurden, kann sich dieses dunkle Gefühl über die Seele des Kindes breiten und dessen Leben überschatten. Das menschliche Zellgedächtnis speichert die Gefühle und Einstellungen der Eltern am Anfang des neuen Lebens und bewahrt sie im Unterbewusstsein auf. Von dort aus wirken sie als Hemmungen und Blockierungen später im Leben weiter. 

Als Folge kommt es zu Beeinträchtigungen für den Selbstwert und das Selbstvertrauen. Betroffene Personen haben auf einer tiefen Ebene das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist und dass sie keinen vollwertigen Platz in der Gesellschaft einnehmen dürfen. Sie müssen sich dauernd beweisen und denken dennoch, dass sie nicht genug tun. Ihre Aufmerksamkeit ist stark auf das Außen bezogen, auf die Angemessenheit des eigenen Tuns und die Reaktionen der anderen Menschen darauf. Sie neigen dazu, sich selber zu überwachen und leiden an einer latenten Angst, etwas Unrechtes oder zu wenig des Guten zu tun. 

Der Schatten der Schande kann eine destruktive Lebensspannung in Gang setzen, die in manchen Phasen stärker und in anderen schwächer aktiviert wird: Wegen des mangelnden Selbstvertrauens gelingt wenig im Leben, und in der Eigenwahrnehmung sehen alle Anderen diesen Mangel überdeutlich mit ihren kritischen und abwertenden Augen, was wiederum die eigene Motivation schwächt. Es kann über einige Zeit gelingen, sich immer wieder anzustrengen, um in der Gesellschaft Anerkennung zu gewinnen, aber viele Bemühungen werden oft vor dem Erfolg abgebrochen, wie z.B. bei einem Studienabbruch – gleichsam um der Außenwelt zu beweisen, dass man es nicht Wert ist, Erfolg zu haben. 

Diese selbstquälerische Dynamik kann dann schließlich in Burnout und Depressionen versiegen. Damit stellt sich erst recht ein Zustand her, der subjektiv stark mit Scham verbunden wird und, von außen betrachtet, als Schande. Ähnlich wie bei der Scham, entfaltet die Schande ihre selbstschädigende Wirkung, indem von den anderen Leuten vermutet wird, dass sie heimlich mit dem Finger auf einen zeigen und „Was für eine Schande!“ rufen, wodurch dann die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit und moralischen Unzukömmlichkeit ausgelöst werden. Es findet keine Realitätsprüfung statt, indem nachgefragt würde, was andere Menschen wirklich über einen selbst denken, wie sie werten und urteilen. Die vermuteten Verurteilungen werden ohne Widerspruch angenommen. Da diese Vorgänge unbewusst ablaufen, findet auch keine Konfrontation mit der Realität statt, in der geklärt werden könnte, wem überhaupt ein Urteil über die eigene Person zusteht und nach welchen Wertkriterien dieses gerechtfertigt wäre.


Die ererbte Schande


Die ererbte Schande gehört zu den Eltern, die sich durch ihre Handlungen einem sozialen Druck ausgesetzt haben. Wenn jemand, der von dieser Form der Schande betroffen ist, erkennt, dass die Last auf dem eigenen Leben eigentlich ins Leben der Eltern gehört, löst sich der Schatten. Aus Liebe zu den belasteten Eltern nehmen die Kinder die Lasten der Eltern auf sich, in diesem Fall die Schande. In einem nächsten Schritt darf und muss den Eltern die Last zurückgegeben werden, wodurch das eigene Leben erleichtert und befreit wird.

Aus dieser Einsicht heraus wird dann erst deutlich, in welcher Zwangslage zwischen Leidenschaft und rigider Sexualkontrolle sich die Eltern befanden. Das Verständnis für den Mut der Eltern, sich für ihre Gefühle gegen die gesellschaftlichen Zwänge zu entscheiden, kann den Weg zur Dankbarkeit für das eigene Leben öffnen: trotz widriger Anfangsbedingungen sind viele Kräfte und Potenziale mit auf den Weg gegeben worden, die es, unbeschadet aller Schatten, zu nutzen gilt.

Das Einnehmen und Verstehen dieser Perspektive fördert das Engagement, mit dem solche menschenfeindlichen sozialen Normierungen und Kontrollvorkehrungen angeprangert und relativiert werden können. Mit diesem Bewusstsein wird der Vergangenheit mit ihren moralischen Verengungen die Macht über das eigene Leben genommen. 


Repressive Normen


Generationen haben unter Normen gelitten, die einem stark reduzierten und repressiven Menschenbild entsprungen sind. Eigentlich gehört dieses Menschenbild zu einem System gesellschaftlicher Zwänge, das in vormodernen Zeiten maßgeblich war. Damit das Erbrecht im landwirtschaftlichen Bereich das Weiterbestehen von ausreichenden Flächen gewährleisten kann, wurden die ehelichen und die unehelichen Kinder strikt unterschieden („mit Kind und Kegel“). Die einen erbten, die anderen nicht; die einen waren geachtet, die anderen verachtet. Den unehelichen Kindern wurde gewissermaßen die „Schandtat“ der Eltern umgehängt, als wären sie schuld daran, und sie waren deshalb dazu verurteilt, ein Leben lang die untersten Arbeiten zu verrichten, ohne jede Chance, selbst heiraten und einen Hof führen zu können. 

Immer wieder im Verlauf der Geschichte können wir solche Produktionen und Proklamationen von schändlichem Verhalten zum Zweck der Herrschaft und des Machterhalts beobachten. Den beherrschten Menschen werden Ängste eingeredet, damit sie ihre spontanen oder auch überlegten Impulse unterdrücken und kontrollieren und damit sie ein Misstrauen untereinander sowie zu sich selbst entwickeln. Menschen, die einander nicht vertrauen können, sind leichter zu beherrschen. Vor allem in Hinblick auf die Sexualmoral hat die Kirche dabei eine Schlüsselfunktion in der Machtausübung übernommen und über viele Jahrhunderte ausgespielt.

Die fehlende Einsicht in die historische Bedingtheit dieser Zusammenhänge ist mit verantwortlich dafür, dass die kirchlich verordnete Sexualkontrolle weiter wirken konnte, auch wenn sich die sozioökonomischen Umstände schon lange verändert hatten und das bäuerliche Erbrecht kaum mehr eine Rolle spielte. Umgekehrt haben die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Landwirtschaft und den damit verbundenen sozialen Regulierungen nur mehr eine Randfunktion überließen, auch zum rapiden Einflussverlust der Kirchen und der von ihnen vertretenen Moralvorstellungen geführt. Immer weniger Menschen billigen der Religion eine Mitsprache bei ihren Entscheidungen und Werten zu, offenbar unter dem Eindruck des massiven Schadens an den Seelen der Menschen, den die beschränkten und beschränkenden Gebote, die mit Hilfe des Instruments der Schande durchgesetzt wurden, hinterlassen haben. Niemand will sich heute noch wegen sexueller Vorlieben und Leidenschaften an einen moralischen Pranger stellen lassen, noch dabei mitwirken, dass gegen andere so verfahren wird. Solange sich die involvierten Personen mit Respekt und Achtung begegnen und solange die Verantwortung für entstehende Schwangerschaften gemeinsam übernommen wird, braucht es auch keine übergeordnete Normierungen und braucht es keine Vorgabe von Beschämung und keine Erklärungen von Schande in diesem Bereich.


Die „Rassenschande“


Als besonders bösartiges Beispiel des Missbrauchs der Schande für ideologische Zwecke sei hier der von den Nationalsozialisten propagierte Begriff der „Rassenschande“ erwähnt. Der Geschlechtsverkehr zwischen „Ariern“ und Juden wurde als „Schändung des deutschen Blutes“ (damit auch als Blutschande) dargestellt und ab 1935 unter Strafe gestellt. Der Begriff der Rassenschande diente zur Vorbereitung der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich.  Erfolgreich wurden mit den Mitteln der Propaganda soziale Ängste aufgebaut, indem Handlungen auf einmal massiv in aller Öffentlichkeit als Schande bezeichnet wurden, die vorher niemanden gestört hätten. Menschen auf dieser Weise mit Schimpf und Schande der öffentlichen Beschämung preiszugeben, war ein erster Schritt, sie ihrer Menschenwürde zu entkleiden; wer keine Würde hat, dessen Leben ist nichts mehr wert.

Mit dieser Indienstnahme der Schande als politisches Machtmittel griff der Nationalsozialismus, wie auch in anderen Bereichen, auf vormoderne gesellschaftliche Konventionen zurück. Damit wurden vor allem bei verunsicherten Menschen tiefer liegende Gefühlsschichten angesprochen, die dann als zerstörerische Brutalität zum Ausdruck kamen. Der Faschismus wird von vielen Forschern als Reaktion auf die Modernisierung der Gesellschaft und Wirtschaft verstanden, und von daher wird es auch verständlich, warum er sich extrem konservativer Wertvorstellungen bedient. Denn zur Modernisierung gehört die Schwächung der traditionellen freiheitsbeschränkenden Werte und der Aufbau und die Verbreitung der grundlegenden Menschenrechte.


Befreiung durch Modernisierung


Der Modernisierungsschub durch die Industrialisierung seit dem 18. Jahrhundert hat viele Menschen aus den Fesseln von moralischen Zwängen befreit und dem personalistischen Bewusstsein mit den Werten der Toleranz und der Entdiskriminierung zum Durchbruch verholfen. Der kreativen menschlichen Individualität wurde dadurch mehr Einfluss auf die Kulturentwicklung gegeben. Der Preis war allerdings die Entfremdung von der Natur, mit der frühere Gesellschaften noch enger verbunden waren.

Der Begriff der Schande hat seinen Anwendungsbereich seither von der Bewertung des individuellen Tuns mehr in den kulturellen und politischen Bereich verlagert, ausgenommen der Bereich der Kriminalität und Gewalttätigkeit. Was die Varianten der menschlichen Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität anbetrifft, herrscht heutzutage viel mehr Toleranz, sodass Beurteilungen, die hier mit Schade operieren, antiquiert und verschroben klingen. Damit steigt der wechselseitige Respekt und die Achtung der Menschen füreinander, ein Beitrag zum sozialen Frieden.

Sonntag, 23. April 2017

Achtsamer Sex

Der langsame und achtsame Sex ist ein Weg, der bei der intimen Begegnung begangen werden kann. Er geht zurück auf den australischen Lehrer Barry Long und wurde vor allem von Diana Richardson in mehreren Büchern und vielen Seminaren verbreitet.

Es geht dabei um eine meditative Begegnung der Partner, die mit einem verfeinerten Spüren und langsamen Bewegungen verbunden ist. Es soll nicht primär die sexuelle Lust durch Reibung und intensive Bewegungen erzeugt werden, sondern das Aufeinander-Einlassen auf allen Ebenen zugelassen werden: Atemrhythmus, Augenkontakt, Herzverbindung und genitales Spüren. Damit wird die sexuelle Begegnung zu einer geteilten ganzheitlichen Erfahrung. Das Schwergewicht liegt auf der Entspannung und dem achtsamen Zulassen aller Empfindungen und Gefühle.

Das Prinzip, langsam genießen, statt schnell zum Höhepunkt zu kommen, steht im Widerspruch zur Leistungsorientierung, die diese Gesellschaft so stark prägt, dass damit auch der Bereich der intimen Begegnung schon längst durchdrungen wurde. Die Fixierung auf den Orgasmus als Ziel hat sich über die gemeinsame Erfahrung in der Begegnung gestellt, was leicht zum Stress führt: Sex muss gelingen, wenn er nicht gelingt, kommt es zu Vorwürfen und Streitigkeiten. 


Längst haben die allgegenwärtigen Bilder von intensiver Leidenschaft und hemmungsloser Lust unsere Gehirne okkupiert und halten uns in Geiselhaft. Wenn wir es nicht schaffen und bringen wie die Vorbilder auf der Leinwand oder am Computerschirm, sind wir Versager. Wir verfangen uns in Kreisläufen: Je mehr wir versuchen zu erzwingen, was uns als Ideal vorgegeben wurde, desto schwieriger wird es. Denn die sexuelle Lust lässt sich nicht unter Druck erzeugen, sondern entsteht in der gemeinsamen Entspannung. Je größer die Erwartungen, desto größer die Enttäuschungen.

Der langsame Sex nimmt den Erwartungsdruck aus der Begegnung und führt die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurück. Es geht darum, das, was gerade ist, zu genießen, statt irgendein ein Ziel in der Zukunft anzustreben. Es geht um Erleben und nicht um Leistung. Was geschieht, wird gemeinsam erschaffen, und beide Partner bringen ihre Aktivität und ihre Passivität ein, ihr Tun und ihr Zulassen.

Wenn diese Form der Begegnung gelingt, kann sie sehr heilsam für beide sein, nicht nur darin, dass die Sexualität von den vorgefertigten Prägungen befreit wird, sondern dass auch Verwundungen und Verletzungen, die in diesem empfindlichen Bereich stattgefunden haben, zur Heilung finden.

Die Übung dieser Form der achtsamen sexuellen Erfahrung führt dazu, dass Sexualität und Spannung entkoppelt werden und damit das vorherrschende und medial aufgedrängte Lustmaximierungsdiktat durch eine intensivere Erfahrung im Bereich des verfeinerten Spürens übertroffen und damit außer Kraft gesetzt wird. Statt der aufgeladenen Spannung, die irgendwo und irgendwie eine Entspannung sucht, tritt die Erfahrung des Strömens und Fließens, die keinen Höhepunkt braucht, weil jeder Moment für sich einen Gipfel darstellt.

Damit erleben wir in dieser Erfahrung eine Gegenwelt, die uns zurück zu unserem Wesen führt statt uns in die Richtung abzulenken, in die uns die Konsumwirtschaft drängen will. Diese Welt ist voller Aufladung und Anspannung, die sie selber kreiert, um uns dann weiszumachen, dass wir die Spannung nur über die Angebote, die uns vor die Nase gehängt werden, wieder loswerden können. Wir brauchen kein sexualisiertes Konsumparadies mehr, wenn wir von den einfachen und viel tieferen Genüssen der achtsamen sexuellen Begegnung gekostet haben. Wir können uns auch eine Oase im Geschwindigkeitsrausch unserer Lebenswelt erschaffen, indem wir behutsam und langsam ineinander eintauchen und diese Form der Entschleunigung in unseren Alltag übernehmen.

Die Konditionierungen, die sich durch diese Form der Sexualität auflösen lassen, geben Anlass zur Hoffnung, dass dieser Weg der innerlich befreiten Sexualität eine große Hilfe für das Beenden der Geschlechterkämpfe und der sexualisierten Konsumgesellschaft leisten kann. Wenn die sexuelle Energie keinen inneren Druck mehr verursacht und statt dessen zu einer Form der frei fließenden Lebendigkeit und Kommunikation wird, fällt jede Notwendigkeit, den Druck nach außen zu lenken, weg. Die so gelebte Sexualität reinigt sich von der Verdinglichung durch alle möglichen gesellschaftlichen Themen wie Gewalt, Macht, Ausbeutung, Unterwerfung, Statuserwerb, Leistung usw. Sie macht Sexarbeit ebenso überflüssig wie Pornographie. Subjektiv entkoppelt sie das sexuelle Erleben von Gier, Selbstbestätigung, Selbstausbeutung und Versagensängsten.

Video mit Diana Richardson
Literatur:
Diana Richardson: Slow Sex: The Path to Fulfilling and Sustainable Sexuality. Destiny Books 2011 (deutsch: Slow Sex: Zeit finden für die Liebe. Integral)

Donnerstag, 12. März 2015

Die sexuelle Identität

Die menschliche Sexualität ist ein wichtiger Teil der menschlichen Lebenskraft und Vitalität. Sie hat natürlich ihre Wurzeln im Fortpflanzungstrieb, und ist darüber hinaus eine wichtige Funktion in der zwischenmenschlichen Bindung. Die intime körperliche Vereinigung, die durch die Sexualität ermöglicht wird, ist die tiefste Form des Sich-Aufeinander-Einlassens und Füreinander-Öffnens von zwei Menschen, und darin liegt neben der Fortpflanzung der eigentliche Sinn der sexuellen Kraft. Manche Anthropologen sind der Ansicht, dass die Sexualität als „Dauerfunktion“ beim Menschen ausgebildet ist, weil damit die Männer mehr an die Familie gebunden sind, was wiederum notwendig ist, weil die Kinder so lange brauchen, um sich selbst auf den Beinen zu halten, und noch länger, um sich selbst versorgen zu können. Unter anderen Hormonen, die die menschliche Sexualität steuern, spielt auch das Bindungshormon Oxytocin eine wichtige Rolle, es wird vor allem in der Entspannungsphase nach dem Höhepunkt ausgeschüttet und trägt dazu bei, dass sich Mann und Frau tiefer verbinden, was gemeinhin Liebe genannt wird.

Die Sexualität ist zum Unterschied von anderen Funktionen nicht von Anfang an ausgebildet, sondern ist in ihrer Entwicklung durch eine klare Zäsur gekennzeichnet, die Geschlechtsreife. In den Stammeskulturen fällt dieser Einschnitt mit dem Erwachsenwerden zusammen und wird mit besonderen Ritualen gewürdigt. Im kulturellen Gefüge der Moderne fallen Geschlechtsreife und Erwachsenwerden immer weiter auseinander.

Die Doppelfunktion der Sexualität verleiht ihr eine besondere Macht im Gefüge der menschlichen Strebungen und Leidenschaften, da sie biologisch wie auch sozial verankert und verwoben ist. Deshalb erleben Menschen mit ihr die schönsten und die schwierigsten Momente. Deshalb wird sie in den meisten Liedern besungen und ist andererseits Anlass für viele Gewaltverbrechen. Mächtige taumeln über ihre sexuellen Eskapaden, andere nutzen ihre Affären, um nach oben zu kommen. Ohne Sexualität gäbe es nur wenige Gedichte und Romane, einschließlich Kriminalromane.

Weil die Macht der Sexualität so stark ist, dass sie Menschen um den Verstand bringt oder zumindest ihre Ratio benebelt, und weil ihre Folgen – Nachkommen, die gezeugt werden – einschneidend lebensverändernd sind, muss sie gesellschaftlich geregelt werden. Je komplexer die Gesellschaft wird, desto komplexer die Normierung und Einschränkung der Sexualität. Dadurch kommt es zu systematischer Beschädigung und Verformung. Z.B. wird die natürliche Freude und Lust an der Sexualität in vielen Kulturen mit einem Schuldkomplex überlagert. Damit  mischen sich Denkmuster, verbundenen mit hemmenden Gefühlen, in die Sexualität ein und behindern das freie Fließen, das charakteristisch für ihre ursprüngliche Form ist.


Wir sind alle tragen Spuren sexueller Störung in uns


Deshalb können wir davon ausgehen, dass wir alle sexuelle Störungen haben. Denn  die Kultur, in der wir alle, einschließlich unserer Bezugspersonen aufgewachsen sind, ist sexuell gestört. Sie hat über Jahrtausende schon kein unbefangenes Verhältnis mehr zu ihr. Beispiele für solche systematische kulturelle Deformationen der Sexualität sind die Leibfeindlichkeit im Christentum, die Beschneidung im Judentum, das rigide Patriarchat im Islam etc.

Der Umgang mit der Kraft der Sexualität erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit, und dafür gibt es in den traditionellen Kulturen keine Anleitung und Schulung. Im Gegenteil, die Einführung für junge Menschen in diesen empfindlichen und vielschichtigen Bereich beschränkt sich in vielen Fällen auf nüchterne Informationen von „offizieller“ Seite und wird ergänzt durch inoffiziellen Medienkonsum einschließlich aller Spielarten der immer leichter zugänglichen Pornografie.

Folglich war und ist es in unserer Kultur kaum mehr möglich, dass heranwachsende Jugendliche ihre eigene sexuelle Identität unbeschädigt formen und entwickeln. Prägende hemmende Einflüsse auf diese Entwicklung können im Mutterleib beginnen, unter Umständen schon mit der Zeugung, beeinflusst von den Einstellungen und Kompetenzen der Eltern in Bezug auf die Sexualität und von den Emotionen, die damit verbunden sind. In welchem Grad die Eltern in der Lage waren, respekt- und liebevoll miteinander die Sexualität zu leben, wirkt sich von früh an auf das Kind in seiner Einstellung zur Sexualität aus.

Auch im Durchgang durch den Geburtskanal, also durch die Geschlechtsorgane der Mutter werden viele Informationen übertragen, die auf die Formung der eigenen geschlechtlichen Identität einwirken. Wichtig ist dann in den frühen Jahren nach der Geburt, wie die Eltern mit dem Geschlecht des Kindes umgehen, emotional, sozial und körperlich. Dass sexueller Missbrauch zu den schwersten seelischen Zerstörungen bei Kindern führt, braucht hier nicht näher erläutert zu werden.

Später kommt dazu der Einfluss des sozialen und medialen Umfelds. Die Allverfügbarkeit der Pornografie für Kinder und Jugendliche seit nunmehr schon Jahrzehnten ist eine massive Einflussgröße auf die sexuelle Entwicklung, deren Wirkung und Auswirkung noch nicht annähernd im öffentlichen Bewusstsein angelangt ist.

Vielleicht noch mächtiger jedoch wirkt sich die steigende allgemeine Stressbelastung aus, die spätestens mit dem Schuleintritt bei vielen jungen Menschen zu chronifizierten inneren Angsthaltungen führt. Damit wird die Sexualität unweigerlich mit Anspannung statt mit Entspannung assoziiert. Der Erwartungsdruck an die sexuelle Performance ist groß und steigert sich mit jeder neuen Generation. Druck und Stress sind die wirksamsten Gegenmittel gegen eine erfüllende Sexualität.

Wie ist es also noch möglich, im Dschungel der Erwartungen, medialen Rollenbilder, elterlicher Verklemmtheit, unbenannten Ängsten und drängenden Leidenschaften eine sexuelle Identität zu entwickeln?


Sexuelle Identität


Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine eigene sexuelle Persönlichkeit in sich trägt. Sie setzt sich aus den Kernen des individuellen Wesens und den tiefsten Prägungen und Erfahrungen im Lauf der Entwicklung zusammen. Wir sind als einzigartige Wesen entstanden, und haben eine einzigartige Geschichte durchlaufen. Daraus bildet sich unsere sexuelle Identität. Dabei gilt auch, was durch die genetischen Forschungen immer deutlicher wird, dass die Zuschreibungen von männlich und weiblich auf einem Kontinuum zu sehen sind und weniger in einer Polarität. 0,1 bis 1 % der Menschen weisen Spuren oder Merkmale von  Intersexualität (sexueller Differenzierungsstörung) auf. Genetiker sprechen deshalb lieber davon, dass es eine große Vielfalt der Geschlechter gibt, mit einer nur groben Zuteilung auf männlich/weiblich, in der sich manche Menschen nicht vorfinden: „Manche Menschen offenbaren ein genetisches Mosaik: Sie entwickeln sich zwar aus einem einzelnen befruchteten Ei, doch ihre Zellen tragen eine teils unterschiedliche genetische Ausstattung. Eine der Ursachen kann sein, dass die Geschlechtschromosomen in der frühen Entwicklung des Embryos nicht gleichmäßig aufgeteilt werden.“

Weiters gibt es das Phänomen des „Mikrochimärismus “, das entstehen kann, wenn Stammzellen des Kindes in den Organismus der Mutter kommen oder umgekehrt Stammzellen der Mutter im kindlichen Organismus aufgenommen werden. Diese Stammzellen können erstaunlich lang leben und bewirken, dass Männer Zellen ihrer Mütter in sich bergen und Frauen nach Geburt eines Jungen männliche Zellen in sich tragen. (Quelle)

All diese Varianten zeigen, dass die gesetzlich vorgeschriebene Einordnung des Geschlechts nichts mit der sexuellen Identität zu tun hat und dieser eigentlich widerspricht. Diese Identität ist nicht durch einen Geburtsschein definiert, sondern durch unsere innere Beziehung zu uns selbst, zu unserem Persönlichkeitskern. Wir können uns dieser Identität nur bewusst werden, wenn wir den Kontakt zu unserem inneren Sein nicht verloren haben und uns unserer Prägungen bewusst sind.

Da diese Prägungen wohl immer mit Verletzungen und Traumatisierungen verbunden sind, ist es wichtig, einen therapeutische n Prozess zu durchlaufen, um Schicht für Schicht der anerlernten Ängste, Schuldgefühle, Lusterwartungen und Stereotype loszuwerden, die sich über das, was unsere Sexualität ausmacht, darübergelegt haben.

Die sexuelle Identität ist die einzigartige Ausprägung der Sexualität, die jedem Menschen eigen ist, jenseits von Vor- und Zuschreibungen durch Eltern, Erziehung, Medien etc., hinter allen Klischees und Konzepten, Normierungen und Klassifikationen. Wenn wir die grundsätzliche Individualität der sexuellen Identität anerkennen, wie sie unserer Natur und unserer Geschichte entspricht, dann haben auch alle sexuellen Orientierungen den gleichen Rang und die gleiche Berechtigung. Maßstab ist einzig und allein der Respekt und die Achtung zwischen den Partnern, in der gelingt dort, wo Bewusstheit mit der Lebens- und Liebeskraft der Sexualität verbunden ist.

Menschliche Sexualität kann dort gelingen und glücklich machen, wo sich zwei Menschen intim begegnen, die weitgehend die Wunden ihrer sexuellen Entwicklung geheilt und ihre individuelle geschlechtliche Identität entfaltet haben und in die Begegnung einbringen können. So wird sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht und trägt dazu bei, die Menschheit ausgeglichener und friedlicher zu gestalten. 


Vgl. Animus und Anima im 21. Jahrhundert