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Dienstag, 9. September 2025

Religion und Vertreibung

Die Geschichte des Nahostkonflikts ist auch eine Geschichte der Vertreibungen. Eine Folge von Kriegen ist zumeist die Flucht und Vertreibung von vielen Menschen, die ihre Leben inmitten der Zerstörungen retten wollen. Es sind vor allem die Älteren, die Frauen und die Kinder, die von diesem Schicksal betroffen sind.

Vertreibung bedeutet nicht nur den Verlust einer gewohnten, Sicherheit und Zugehörigkeit vermittelnden Umgebung, sondern auch eine Demütigung und Beschämung. In den meisten Fällen sind Vertreibungen mit traumatisierenden Verletzungen verbunden, wenn sie gewaltsam erzwungen werden. Jede Flucht geht mit Leid einher, und das Ankommen in einem fremden Land erzeugt in der Regel neues Leid und neue Beschämung: Für die Menschen dort wirkt der Flüchtling als Fremdling, als Eindringling, als möglicher Feind. Es bedarf langer und mühevoller Anstrengungen, um sich in der Fremde eine Heimat zu schaffen. Doch keine neue Heimat kann die alte, in der sich die Wurzeln der Herkunftsfamilie befinden, ersetzen. Der Makel der mangelhaften Zugehörigkeit wirkt oft in den nächsten Generationen weiter, und der Verlust der Heimat zeigt sich im Fehlen von Wurzeln und Bodenanbindung. Das Land, auf dem sich der Vertriebene bewegt, ist fremd; der vertraute sichere Boden ist verloren.

Eine Geschichte von Vertreibungen

Die Geschichte des jüdischen Volkes (wie auch die Geschichte anderer Völker) kann als Geschichte von Vertreibungen beschrieben werden. Die Ureltern, Adam und Eva, wurden beschämt aus dem Paradies vertrieben, in einer Urszene der Scham. Später wurden vermutlich Teile des Volkes als Sklaven nach Ägypten verschleppt und dort von Mose in die Freiheit ins Land Kanaan geführt, das Land, das Jahwe Mose versprochen hat.  Ab 597 v. Chr. mussten große Teile der Bevölkerung Judäas nach Babylon ziehen („babylonisches Exil“). Interessanterweise haben übrigens die Juden immer an ihrem Gott festgehalten, im Unterschied zu anderen Völkern, bei denen eine Gottheit so lange verehrt wurde, so lange es Siege gegeben hat, und nach Niederlagen schwand die Verehrung wie z.B. beim Gott Marduk der Babylonier. Der Grund für diesen Unterschied wird darin gesehen, dass der jüdische Gott nach den Propheten die Israeliten in die Niederlage geführt hat, damit sie für ihre Sünden büßen müssen. Es ist also ein Gott, der sein Volk durch Beschämung zu einem besseren Leben erziehen möchte (und daran immer wieder scheitert...).

Im Jahr 70 n.Chr. kam es zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer; es gab nun kein religiöses Zentrum der Religion mehr, und viele Juden verließen Jerusalem. Schließlich wurden die Juden unter Kaiser Hadrian im Jahr 135 aus Palästina vertrieben. Die Vertriebenen hielten aber über die Jahrhunderte am Glauben fest, dass sie wieder ins „Gelobte Land“ zurückkehren würden. Im Achtzehnbittengebet, dem Hauptgebet der Juden, ist dieser Glaube verankert.  Der Wunsch „Nächstes Jahr in Jerusalem“ wird am Ende des jüdischen Sederabends und des Versöhnungstags ausgesprochen. Er drückt die Hoffnung und Vision der Juden aus, nach Israel zurückzukehren, wo immer auch sie in der Diaspora waren.

Die Treue zum Glauben

Das jüdische Volk ist in der Geschichte mit dem Schicksal von Vertreibungen nicht einzigartig. Das Besondere liegt einerseits in dem Festhalten am Glauben trotz aller Zerstreuung in verschiedenste Länder und andererseits in der Verbindung von Land und Religion, die von den gläubigen Juden über die Generationen in der Fremde aufrechterhalten wurde. Das „Heilige Land“ ist für die Juden nicht nur heilig, weil sich dort heilige Stätten befinden, sondern etwas, das Gott dem jüdischen Volk versprochen und gegeben hat. Das Land selbst ist also Teil ihrer Religion. Der Anspruch auf das Land enthält damit eine absolute, also von Gott gegebene Rechtfertigung. Nach 1948, als die UNO die Staatsgründung von Israel proklamiert hat, wurde dieser Anspruch militärisch, eben gewaltsam durchgesetzt. Die darauf folgende Geschichte ist durchzogen von Kriegen, die immer auch diesen religiösen Aspekt beinhalten – bis zum heutigen Tag. 

Radikalisierung durch Religion

In fast allen dieser Nahostkriege war und ist die Vertreibung der ansässigen Araber, die in großer Zahl in Nachbarländer ihre Heimat verloren haben und flüchten mussten, ein schweres Schicksal und eine Schuld der Vertreiber. Die Staatsgründung hat den Juden erlaubt, von der Opfer- auf die Täterseite zu wechseln. Aus den Vertriebenen wurden Vertreiber, aus den Beschämten Beschämer. Israel ist (mit Unterstützung westlicher Staaten) die stärkste Militärmacht in der Region und verfügt über eigene Atomwaffen. Der Staat konnte sein Gebiet kontinuierlich ausweiten und die Palästinenser immer weiter zurückdrängen. Palästinensische Gebiete wurden mit jüdischen Siedlungen durchsetzt, und die Gründung eines autonomen palästinischen Staates wurde verhindert. Die religiöse Absicherung dieser Machtpolitik sorgt dafür, dass ethische Fragestellungen und Menschenrechte in diesem Konflikt zweitrangig sind. Es gibt zwar in Israel eine Zivilgesellschaft, die die Standards der Mitmenschlichkeit einmahnt und eine Trennung von Religion und Politik fordert, aber ihr Einfluss auf die Zyniker in der Regierung ist allzu gering.

Der aktuelle Gazakrieg wird befeuert und radikalisiert durch jüdische Extremisten, die Teil der Regierung sind und Druck ausüben, um die Palästinenser vollkommen aus dem Gazastreifen zu vertreiben. Es handelt sich um eine Unmenschlichkeit, die aus dem religiösen Anspruch auf das Land begründet wird und sich keinen Deut um das Leid der Menschen schert – ein weiteres Beispiel von religiös verbrämter Gewalttätigkeit. Der dieser Haltung innewohnende Hass erzeugt wiederum nur Hass bei den Opfern – und das Lechzen nach Rache. Der Konflikt wird noch mehr mit destruktiven Emotionen aufgeladen.

Eine psycho-logische Reaktion auf die mit Vertreibung verbundene Demütigung stellt eben die Rache dar, mit deren Hilfe die Opfer versuchen, ihre Beschämung zu überwinden. Die Gegengewalt bricht aus, sobald genügend Mittel gesammelt sind, um zurückschlagen zu können. Manchmal ist sie direkt gegen die Vertreiber gerichtet, manchmal gegen Stellvertreter oder Sündenböcke.

Ohne Vernunft keine Konfliktlösungen

Wenn die Mächtigen statt der Vernunft religiösen Dogmen folgen, kann es nur eine Form Konfliktlösung geben, nämlich die gewaltsame Durchsetzung des eigenen Standpunkts. Kompromisse sind ausgeschlossen. Wenn die eigenen Machtinteressen nicht durchgesetzt werden können, wird der Konflikt weiter am Leben erhalten und erzeugt über lange Zeiträume Zerstörung und Leid. Der jeweilige Status Quo kann nur mit Gewalt aufrechterhalten werden.

Als hätten wir nicht genug mit sozialen, politischen und ökonomischen Konflikten zu tun, werden immer wieder Ideologien, die aus Versatzstücken der Religion zusammengebastelt sind, in diese Konflikte hineingeschleust, mit der Folge, dass sie nicht nur unlösbar gemacht werden, sondern dass sie dazu noch emotional aufgeheizt werden. Da das Absolute unverhandelbar ist,  kann sich die andere Seite nur unterwerfen; wenn sie dazu nicht bereit ist, wird bis zur Erschöpfung weitergekämpft. Menschen, die dieses Schauspiel von außen beobachten, können sich nur angewidert von der Religion abwenden, die so schamlos missbraucht wird.

Die Widersprüche in den Religionen

In allen Religionen ist die Rede davon, dass Fremde aufgenommen und Vertriebene getröstet werden sollen. Jesus sagte: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Die christliche Pflicht gebietet demnach, Vertriebenen beizustehen und sie zu versorgen. In der Sure 4,36 sprach Muhammad davon, dass Gläubige für Fremde auf der Reise sorgen sollen. Deshalb versteht der Islam Gastfreundschaft und Trost für Vertriebene als religiöses Gebot. Außerdem war Muhammad mit seinen Anhängern auf der Flucht, da er aus Mekka vertrieben wurde. Im Alten Testament ist an verschiedenen Stellen die Rede davon, dass die Fremden, Witwen und Waisen besonders geschützt und getröstet werden sollen.

Der Widerspruch zwischen diesen religiösen Pflichten und der Praxis, den religiösen Eifer auf Gewalt und Unmenschlichkeit zu richten, ist schmerzhaft. Es tut weh zur Kenntnis zu nehmen, dass in den Kirchen, Moscheen und Synagogen  der Verzicht auf Gewalt und die Botschaft des Friedens gepredigt wird, und dass draußen Menschen mit religiöser Segnung umgebracht, vergewaltigt und vertrieben werden.

Zum Weiterlesen:
Religion und Krieg


Samstag, 17. Juni 2023

Über das Leben mit Widersprüchen angesichts der Klimakrise

Die Klimakrise hält allen einen Spiegel vor. Unsere moderne Lebensweise kommt mit all ihren Aspekten auf den Prüfstand. Nachdem klar ist, dass es diese Lebensweise ist, die die Erderwärmung mit all ihren bekannten und unbekannten Konsequenzen nach sich zieht, ist jede/r gefordert, seinen/ihren Beitrag zur Treibhausgasemission zu überdenken. Es gibt den ökologischen Fußabdruck als Abschätzungs- und Berechnungsmöglichkeit, wie hoch der eigene Anteil an der Klimafehlentwicklung ist. Er wird in gha gemessen: Ein „gha“ entspricht einem Hektar weltweit durchschnittlicher biologischer Produktivität, etwa für Ackerbau, Holzwirtschaft, Energiegewinnung. Bei fossilen Energieträgern wird die Fläche errechnet, die nötig ist, um die bei der Verbrennung entstehenden Emissionen von Kohlendioxid durch Wälder und Ozeane zu binden, ohne das Klima zu gefährden (Quelle).  Er liegt in Österreich bei 6 gha (Europäischer Durchschnitt 4,8 gha). Dieser Wert bedeutet, dass wir mit dem Vierfachen dessen leben, was uns dieser Planet zur Verfügung stellt, Tendenz steigend. Wir leben also so, als hätten wir noch drei weitere Planeten zur Verfügung, nachdem wir unseren abgewirtschaftet haben. Ohne mit der Wimper zu zucken, leben die meisten von uns in einer unbekümmerten Selbstverständlichkeit, als ob es kein Morgen und keine Verantwortung für die Zukunft gäbe.  

Diese Sorglosigkeit gelingt uns nur dann, solange wir uns nicht mit dem beschäftigen, was uns die Wissenschaften schon lange auf den Tisch gelegt haben, was wir uns die Nachrichten präsentieren und was wir selber an Klimaveränderungen wahrnehmen. Wir brauchen in diesem Fall eine dicke Haut zur Immunisierung gegen das Offenkundliche und zum Verdrängen unserer Zuständigkeit. Wenn wir hingegen zur Kenntnis nehmen, wie es um die Welt steht, erkennen wir sofort, in welchen Widersprüchen wir durch unsere Lebensweise stecken – in die wir uns immer tiefer verstricken wie die Fliege, die mit jeder Flügelbewegung von immer mehr Spinnenfäden umfangen wird, die ihr schließlich das Leben kosten. 

Es gibt verschiedene Abwehrformen gegen diese unangenehme Selbstprüfung, die mit Schamgefühlen konfrontiert. Auf diese verhängnisvollen Zusammenhänge bin ich schon in den vorigen Blogartikeln eingegangen. Sie haben alle mit Selbsttäuschungen und Illusionen zu tun. 

Die Unvermeidbarkeit von Widersprüchen 

Selbst wenn wir wissen, was es zu wissen gibt, und das Wissen ernstnehmen, können wir nicht immer so leben, wie es für das Überleben der Menschheit wichtig wäre. Wir sind Wesen mit den verschiedensten Bedürfnissen, Interessen und Werten auf den verschiedensten Ebenen. Die Klimafrage ist nur eine von ihnen, obgleich in einem bestimmten Sinn die wichtigste. Aber sie steht in Konkurrenz mit anderen Ebenen und bekommt deshalb im inneren Abstimmungsprozess nicht immer die oberste Priorität. Es scheint immer wieder akutere Probleme zu geben, die zuerst angegangen werden sollten. Die Klimakrise mit ihren langsamen Verläufen und ihren punktuell wahrnehmbaren Auswirkungen zieht da häufig den Kürzeren. Also fahren wir mit dem Auto, weil es schneller geht, obwohl sich der Weg auch klimafreundlicher bewältigen ließe, wir uns aber die Zeit nicht nehmen oder glauben, sie nicht zu haben.  

Aus der Theorie der kognitiven Dissonanz wissen wir, dass wir sehr ungern mit uns selbst im Widerspruch sind. Die Theorie besagt, dass wir Entlastungsgründe erfinden, wenn wir merken, dass unser Handeln nicht mit unseren Werten übereinstimmt. Wir wollen in Übereinstimmung mit unseren Werten leben, sonst meldet sich die Scham. Gelingt uns das nicht, neigen wir zu Selbsttäuschungen, um die innere Spannung und das Schamgefühl in uns abzuschwächen. Beispielsweise wissen wir, dass das Fliegen umweltschädlich ist. Dennoch wollen wir aus irgendwelchen Gründen an einen fernen Ort gelangen und entscheiden uns für den Flug und gegen unsere umweltbezogene Werthaltung. Um die Dissonanz mit uns selber aushalten zu können, schwächen wir sie ab, indem wir uns z.B. vergegenwärtigen, was wir alles für die Umwelt tun, oder indem wir uns einreden, dass wenn nicht wir fliegen würden, jemand anderer unseren Platz einnähme, was dann wieder aufs Gleiche hinausliefe. Oder wir weisen darauf hin, dass andere viel mehr als wir selber das Flugzeug nutzen usw. Natürlich sind all diese Argumente Ausreden, mit denen wir uns vor unserer eigenen Verantwortung drücken. Aber es sind Selbsttäuschungen, die die kognitive Dissonanz in uns selber verringern. Es ändert sich nichts an der Realität und an dem Schaden, den wir anrichten, nur das schlechte Gewissen wird schwächer. 

Widerspruchsbewusstsein 

Die Dissonanzreduktion, also die Verringerung der inneren Spannung zwischen unserem Tun und unseren Werten, erfolgt durch Selbstmanipulation. Wir lügen uns in unsere eigene Tasche, und das ist fatal, weil wir auf diese Weise unser umweltschädliches Verhalten weiter betreiben. Wir entkommen dieser Selbsttäuschung, die meist unbewusst und automatisch abläuft, indem wir uns der Widersprüche stellen und Verantwortung übernehmen, statt uns Ausreden zurechtzulegen. Sobald uns die Widersprüche bewusst werden, in die wir uns verstricken, ist nicht alles verloren. Denn wir spüren die Schamlast, die darin besteht, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden und mit den eigenen Idealen im Konflikt zu sein. Wir nehmen diese Last auf unsere Schultern.  Sie wirkt wie ein Stachel im Fleisch und motiviert uns, ein andermal mit mehr Achtsamkeit auf die Bedürfnisse der Natur zu handeln. Wir stellen uns der Scham, statt sie wegzudrängen, und nehmen das Leid auf uns: das Leid, das wir der Natur und zukünftigen Generationen zufügen und das das Leben anderer und zukünftiger Menschen belastet, ohne dass wir billige Ausflüchte suchen uns mit Scheinargumenten aus unserer Verantwortung herausreden. 

Wenn wir erkannt haben, dass ein widerspruchsfreies Leben gar nicht möglich ist, fällt es uns leichter, uns selbst in unserer Widersprüchlichkeit anzunehmen. Wir sind nie zu hundert Prozent mit uns selber in Übereinstimmung, und es wäre ein perfektionistischer Anspruch, eine solche absolute Authentizität jemals zu erreichen. Unsere innere Widersprüchlichkeit ist eine Facette unserer Fehleranfälligkeit, unserer Unvollkommenheit.  

Das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Widersprüchen ausruhen und unsere Diskrepanzen kultivieren sollten, um uns vor der Verantwortung zu drücken, die mit jedem handeln verbunden ist. Es geht vielmehr darum, die Spannungsfelder, die wir durch unser Handeln aufbauen, bewusst anzuerkennen und daraufhin die Kraft zu mobilisieren, die wir brauchen, um diese Spannungen zu verringern und unser Handeln mehr unseren Werten und Idealen anzunähern.  

Wir leben in Umgebungen, die auf hohen Ressourcenverbrauch ausgelegt sind. Damit ist es uns unmöglich, völlig klimaneutral zu leben. Wir können nur das Maß bestimmen, nach dem wir die Umwelt belasten und für uns selber entscheiden, wieweit wir aus diesen Zusammenhängen aussteigen wollen, im Bewusstsein, damit den Widersprüchen nicht zur Gänze zu entkommen, aber die implizite Schambelastung ein Stück zu verkleinern.  

Wir können vielleicht als Einzelne eine klimaneutrale Lebensweise verwirklichen, indem wir auf Auto- und Flugreisen verzichten und unsere Lebensmittel weitgehend selber produzieren, unsere Kleidung selber herstellen usw. Allerdings befinden wir uns dann in einer privilegierten Position, denn nur wenige könnten sich eine derartige Form der autarken Subsistenzwirtschaft leisten. Nicht einmal in unseren Breiten stünde genug fruchtbares Land zur Verfügung, dass alle auf derartigem Niveau ihren Lebensunterhalt sichern könnten. 

Sobald wir irgendwo einkaufen, wirken wir schon mit am exzessiven Ressourcenverbrauch der globalisierten Wirtschaft. Beinahe jede Form von Konsum, außer vielleicht der Einkauf beim benachbarten Bauern, ist belastet von energieintensiver Herstellung, Verbrauch von knappen Rohstoffen und Transportaufwand. Wenn dazu noch unsoziale Arbeitsbedingungen in weniger entwickelten Ländern kommen oder Materialen verwendet werden, die mit umweltverschmutzenden Methoden gewonnen werden, sind wir mitbeteiligt an der Klimakrise. 

Das Leben mit Ambivalenzen

Mit Ambivalenzen leben, Widersprüche aushalten, ohne sie wegzukürzen oder schönzureden, gibt eine besondere Kraft, die gerade angesichts einer sich mehr und mehr verbreiteten Hilflosigkeit und Ignoranz notwendig ist. Das andere ist, dass wir diese Kraft dafür brauchen, uns so weit als möglich zu informieren, unseren Konsum so weit wie möglich zu reduzieren und die Nachhaltigkeit in jede Konsumhandlung mit höchster Priorität versehen. Nur die Übernahme unserer persönlichen Verantwortung verhilft zur uns zu unserer Würde, zugleich folgt daraus genau das, was wir, und nur wir beitragen können, um die Überlebensfähigkeit der Menschheit zu sichern. 

Zum Weiterlesen:
Privileg Flugreisen
Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise
Die Wissenschaftsskepsis und das Versagen der Klimapolitik
Realoptimismus angesichts der Klimakrise

 


Mittwoch, 28. August 2019

Warum die Gesellschaft Ambivalenzen braucht

Wenn genügend viele Menschen innere Schwierigkeiten mit Ambivalenzen haben und sich mit Illusionen und Fantasien über diese Gegensätze hinweg zu retten versuchen, entsteht daraus eine ambivalenz-intolerante Gesellschaft. Es gibt genügend Gruppen und Bewegungen in unserer Gesellschaft, deren Mitglieder ihr Leiden an inneren Ambivalenzen auf die gesellschaftlichen Probleme projizieren und einfache Lösungen und Antworten einfordern. Wenn die Schwierigkeiten im eigenen Seelenleben zu stark werden, und keine Bereitschaft besteht, sich ihnen zu stellen, bietet sich als bequemer Ausweg, Ambivalenzen in der Gesellschaft zu bekämpfen, um eine Einheitsgesellschaft zu errichten. 


Die Ambivalenz zwischen „Heimattreue“ und „Weltoffenheit“


Eine dieser heftig diskutierten Ambivalenzen besteht zwischen dem Bestreben nach dem Erhalt von Traditionen samt nationaler Eigenständigkeiten und der Wirklichkeit und Notwendigkeit von Zuwanderung. Beides hat seine Berechtigung und seinen Wert, und zwischen beiden kommt es immer wieder und notwendigerweise zu Konflikten (s. den Artikel über "Gelingende Integration und Konflikte"). Wer an inneren Konflikten leidet, sucht nach Harmonie im Außen und meint, dass mit der Beseitigung der äußeren Konflikte der innere Friede kommt. Deshalb versucht er eine Seite der Ambivalenz zu bekämpfen, mit der Hoffnung, dass dann nur mehr die andere, gewünschte Seite übrigbleibt und der ersehnte Friede einkehrt. Es ist doch viel einfacher, wenn alle die gleiche Sprache sprechen, noch besser den gleichen Dialekt, dann versteht jeder jeden und es gibt keine Reibereien. Alle sollten die gleichen Werte teilen, und wer da nicht mitmachen will, soll woandershin verschwinden.

Der nationale Einheitsbrei ist aber nur mit einem hohen Preis zu haben: Das Fehlen von Austausch und Innovation führt dazu, dass irgendwann die Tradition an sich selber erstickt, indem die Kreativität auf der Strecke bleibt. Dazu kommt, dass die Bevölkerung ohne Zuwanderung Schritt für Schritt vergreist – ein Papamonat, so nett er ist, ändert kaum etwas an diesem Trend. 

Eine gewisse Abgrenzung ist notwendig, damit die eigene Identität gewahrt werden kann; die totale Abschottung führt zum Versiegen von Ideen und letztendlich zur Verödung der eigenen Kultur. Wenn z.B. die ungarische Regierung eine ganze Universität aus nationalistischen Gründen ausweist, gehen dem Land wertvolle Talente und innovative Forschungsergebnisse verloren, ohne irgendeinen Gewinn. Die Feindschaft gegen das Fremde bringt die Feindschaft gegen das Neue mit sich, und ohne Neues veraltet die Gesellschaft, nicht nur demographisch, sondern auch technologisch und wissenssoziologisch. 


Der gesellschaftliche Preis der Ambivalenzunterdrückung


Die Vertreibung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten war nicht nur eine beispiellose und gewissenlose Orgie von Grausamkeit und Unmenschlichkeit, sondern auch eine Geisteszerstörung zumindest in Deutschland und Österreich, die über Jahrzehnte, wenn nicht bis heute, gravierende Nachwirkungen auf die kulturelle Produktivität hatte. Die Ideologie der Nationalsozialisten, wie auch anderer totalitärer Regime, ist geprägt von durchgängiger und radikaler Ambivalenz-Intoleranz. Es darf in Bezug auf die Sexualität nur eine Norm geben, wer davon abweicht, weil er oder sie z.B. der gleichgeschlechtlichen Liebe zugeneigt ist, wird verfolgt. Die Menschen dürfen nur eine Form der Liebe in sich zulassen, und wenn sie in sich eine entsprechende Ambivalenz tragen, müssen sie diese verdrängen. Es darf nur eine Richtung in der Kunst geben, und wer sein Schaffen in eine andere Richtung auslebt, wird geächtet und aus der Öffentlichkeit verbannt. Es darf schließlich nur eine Art zu denken geben, und wer davon abweichende Gedanken äußerst, riskiert sein Leben. 


Linke Ambivalenzblindheit


Nicht nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums finden sich die Gegner von Ambivalenzen. Wo immer Ideologien auftauchen, besteht die Neigung, die Wirklichkeit gemäß den eigenen Ideen zurechtzustutzen. Alles, was der eigenen Erlösungsvorstellung widerspricht, muss unterdrückt, zurechtgebogen oder ignoriert werden. 

Im marxistischen Denken hatten Widersprüche eine ganz zentrale Rolle. Der Antagonismus zwischen den Kapitalisten und den Proletariern würde zwangsläufig zur kommunistischen Revolution führen und eine neue Gesellschaft hervorbringen, in der es keine ökonomischen Gegensätze mehr gäbe. Es geht also auch in diesem Denken um die Beseitigung von Widersprüchen mit dem Ziel eines harmonischen Zusammenlebens in der klassenlosen Gesellschaft.

Der Antagonismus zwischen den Eigentümern der Produktionsmittel und denen, die sie bedienen, besteht bis heute; ob er die digitale Revolution der künstlichen Intelligenz überleben wird, ist noch fraglich. So oder so, die Perspektive auf eine widerspruchsfreie Form des Zusammenlebens zeugt von der Hoffnung auf Beseitigung von Ambivalenzen, statt einen konstruktiveren Umgang mit ihnen anzudenken. Diese Sichtweise rückt jedes Denkgebäude in die Nähe von Ideologien.


Ambivalenzverdrängung nach außen


Es gab und gibt bis heute genügend Leute, die solche totalitäre und wertdiktatorische Weltanschauungen vertreten und ihnen zur Macht verhelfen wollen. Das sind Menschen, die nicht erkennen oder zugeben können, dass sie selber Ambivalenzen in sich tragen. Sie fordern äußere Verbote, die ihnen helfen sollen, die inneren Verbote, die mit der Verdrängung der eigenen inneren Ambivalenzen einhergehen, zu besiegeln. 

Das Einebnen von Widersprüchen geht nur, indem Teile der Wirklichkeit ausgeblendet werden. Zwar können Teile der Wirklichkeit ignoriert werden und man kann verbieten, sich mit ihnen zu beschäftigen, deshalb aber verschwinden diese Bereiche nicht, vielmehr wirken sie weiter und verschärfen die realen Ambivalenzen. Was wirklich ist, wirkt, im Verborgenen oder im Offensichtlichen. Die willkürliche Beschneidung der Wirklichkeit beinhaltet immer eine Form des Wirklichkeitsverlustes und damit eine Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten und der Wirksamkeit der eigenen Pläne.

Es gibt Gegensätze – in der Politik z.B. zwischen Unternehmern und Arbeitern. Im Faschismus und Nationalsozialismus wurden diese Interessensgegensätze ignoriert und einem mächtigen Einparteienstaat untergeordnet. Doch sind beide Seiten für das Funktionieren der Wirtschaft als Konfliktpartner notwendig – zumindest so lange als es Arbeitskräfte gibt. Unterschiedliche Konzepte In der Bildungs- und Sozialpolitik  beleben die organisatorischen und inhaltlichen Weiterentwicklungen in diesen Bereichen, wenn sie in einem „herrschaftsfreien“ Raum diskutiert werden. Je höher die Konflikttoleranz auf allen Ebenen der Gesellschaft ausgebildet ist, desto mehr Menschen können in ihr ihren Platz einnehmen und ihre Fähigkeiten beisteuern. Auch die Klimakrise können wir nur dann meistern, wenn den unterschiedlichen und zum Teil antagonistischen Interessen, die daran beteiligt sind, genügend Verständnis und Berücksichtigung gewährt wird, z.B. indem bei einer CO2-Steuer darauf geachtet wird, dass sie nicht zulasten der Ärmeren und Geringverdienenden geht.

Ambivalenzoffene Räume in der Gesellschaft und im Bildungswesen


Eine ambivalenztolerante Gesellschaft wird nicht dadurch entstehen oder verstärkt werden, dass den ambivalenzscheuen Mitgliedern auf den psychischen Zahn gefühlt wird; sie werden nicht auf Druck hin an die ungelösten Themen im Inneren zu arbeiten beginnen. Vielmehr braucht es ein kulturelles Klima, in dem die Gegensätze durchgespielt und vertieft werden können. Es braucht eine Wissenschaftskultur, in der kontroverse Theorien diskutiert und weiterentwickelt werden. Es braucht eine politische Öffentlichkeit, in der unterschiedliche Ideologien im Wettstreit stehen und differierende Ideen über den gesellschaftlichen Fortschritt eingebracht werden.

Ganz besonders  geht es darum, aufwachsenden Kinder eine Atmosphäre zu bieten, die zunächst offen ist für die Widersprüchlichkeiten ihrer Emotionalität, und dann später eine positive Einstellung zur Diversität und zu verschiedenen Vielheiten erfahrbar macht: Vielheiten in den Geschlechterrollen, in der ethnischen Herkunft, in der Kultur- und Religionszugehörigkeit, in Gebräuchen und Werten, in Umgangsformen und Lebensgeschichten, in Intelligenz- und Wohlstandsniveaus. Wenn Kinder die Erfahrung machen können, dass Menschen anderer Hautfarbe  oder anderem kulturellen Hintergrund auch nur Menschen sind, mit ähnlichen oder unterschiedlichen Lebensplänen und Einstellungen, dann erwerben sie einen offenen Horizont und ein Vertrauen in die Kraft von Ambivalenzen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu bekämpfen. Sie erlernen eine multiperspektivische Herangehensweise an die Probleme – in ihnen selbst und um sie herum und werden zu offenen und freien Menschen und Gesellschaftsbürgern. 

Für die fortschreitende Globalisierung sind Menschen mit solchen Qualitäten notwendig. Je enger die Denkweise und je eindimensionaler die Gefühlswelt beschaffen ist, desto weniger ist jemand tauglich für eine Zukunft, in der die verschiedenen Regionen der Welt immer mehr in Austausch treten und damit die Widersprüche und daraus resultierenden Konflikte rapide zunehmen. Wir brauchen die tolerante Einstellung zu Ambivalenzen, indem wir Unterschiede wertfrei akzeptieren, um diese Herausforderungen bewältigen zu können. 

Dienstag, 30. April 2019

Über die Willkür im Umgang mit dem Absoluten

Die absolute Wahrheit überlebt die Übersetzung in die relative Sprache nicht. Und dennoch braucht sie immer wieder diese Übersetzung. Denn sonst bleibt sie privat und im Inneren der erlebenden Person verschlossen. Damit möglichst viel vom authentischen Gehalt der Wahrheit erhalten bleibt, ohne missverständlich zu werden, bedarf es der Sorgfalt bei der Übertragung vom Absoluten ins Relative.

Für diesen Zweck steht die spirituelle Vernunft zur Verfügung. Sie ist eine Instanz, die an der Grenze des Absoluten angesiedelt ist und die Vermittlung zur Alltagsrealität der Menschen darstellt. Im Lauf der gesamten Menschheitsgeschichte haben einzelne Personen versucht, tiefe spirituelle Erfahrungen an ihre Mitmenschen weiterzugeben – Schamanen, Propheten, Weisheitslehrer, Mystiker, Religionsgründer. Sie waren mit diesem Dilemma konfrontiert und haben es auf unterschiedliche Weise gelöst. In diesen Lösungsversuchen liegt der Reichtum der spirituellen Vernunft. Sie verhindert, dass sich die allzu menschliche Willkür in die spirituellen Belange einmischt und zu Missverständnissen führt, die dann Ideologisierungen jeder Art Tür und Tor öffnen können. Dafür gibt es auch jede Menge Beispiele aus der Geschichte.

Wir können uns das Wirken der spirituellen Vernunft wie ein Filter verstehen, der möglichst viel vom eigentlichen Gehalt bewahren und Unklarheiten beseitigen möchte. Gefiltert wird immer, wenn von einer Sprache in die andere, und erst recht, wenn von einem Bereich des Geistes in einen anderen übersetzt wird. Es kommt aber darauf an, wieviel an menschlicher Vernunft, Reflexivität und Klarheit in diesen Prozess einfließt.

Hier ein Beispiel: Der Blogger Frank schreibt als Niluxx auf seiner Seite
„Jeder von uns lebt das Leben, was er/sie vorab geplant hat. Als das Höhere Selbst schrieben wir vor langer Zeit unser Script des Lebens. Wir wussten genau, wie sich unser Leben zum kleinsten Detail erschöpfen würde. Wir, in unserer gegenwärtigen Ego-Bedingung, in diesem Körper lebend, sind einfach eine Verlängerung oder Aspekt unseres Höheren Selbsts, das hierhergekommen ist, um es zu erschöpfen. Es existiert ein „göttlicher“ Plan im Hintergrund. Das Höhere Selbst, was nichts anders ist als Sie, schrieb dieses (mentale) Drehbuch, und Sie in Ihrem jetzigen, irdischen Aspekt sind der Schauspieler, um es auszuspielen. Sie erleben es aus erster Hand, wie Ihr Leben durchgeführt wird.
In der linearen Zeit sehen wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als getrennte „Geschäftsbereiche“ der Zeit. Aber in „sphärischer Zeit“ gibt es keine Divisionen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alle existieren im gegenwärtigen Augenblick.
Die Zukunft ist bereits geschehen. Es ist wie ein Film, der bereits hergestellt wurde. Wir haben uns den Film in linearer Zeit, vom Anfang bis zum Ende, anzusehen. Aber das Ende ist bereits gefilmt worden. Also, wir leben unser Leben wie in einem Film, in linearer Zeit, vom Anfang bis zum Ende. Aus dieser Perspektive gibt es keinen freien Willen, trotzdem erscheint es so. Entscheidungen werden im Film wie im Leben getroffen.“

Subjektivität oder absolutes Wissen?


Der Autor bedient sich einer Darstellungsweise voll von absoluten Feststellungen, ohne Ausweis der Berechtigung, z.B.: „Es existiert ein „göttlicher“ Plan im Hintergrund.“ Die Überzeugung, die hier zum Ausdruck kommt, gründet auf nichts als auf der Behauptung selbst: Etwas existiert, weil ich es sage. Es ist nicht einmal unterscheidbar, ob es sich hier um eine subjektiven Gewissheit handelt oder einfach nur um eine willkürliche spontane Aussage, die unsinnig ist. Jedenfalls geht es um eine Einsicht, die keine Wirklichkeit als Erkenntnisgrund ausweisen kann als die eigene Subjektivität. Denn die Existenz des „göttlichen Plans“ entzieht sich der Verifizierung. Sie ist ja nirgends auffindbar, außer als Idee in unserem Kopf, der alles Mögliche und Unmögliche erfinden kann. 

Andere Menschen können sich dieser Einsicht anschließen und sie teilen oder auch nicht, ohne dass ein Grund für das Eine oder das Andere genannt werden kann. Es bleibt also dem persönlichen Geschmack oder der individuellen Denkgewohnheit und ideologischen Vorprägung vorbehalten, dieser Sichtweise etwas abzugewinnen oder sie von sich zu weisen, ohne dass damit ein Fortschritt im Verständnis der geistigen Realität stattfinden würde.


Kontexte und Meta-Kontexte


Darum geht es allerdings dem Autor offenbar: Verbesserungen im Denken zu erzeugen. Der Leser soll die „Welt“ anders wahrnehmen und die Dinge, die er erlebt, anders einordnen. Das ist ein berechtigtes Anliegen: Wir erleben die Wirklichkeit nicht als solche, sondern eingebaut in Kontexte, die die Bedeutung der erlebten Wirklichkeit beinhalten. Und diese Kontexte sind im Grund beliebig und können verändert werden. Der Nachbar runzelt die Stirn, als wir ihm am Morgen begegnen. Wir bilden den Kontext, dass er sauer auf uns ist, weil wir gestern Abend laut waren. Wir fragen ihn, wie es ihm geht, und er sagt, dass er gerade Sorgen wegen der Firma hat. Und schon ändert sich unser Kontext, wir ordnen unsere Wahrnehmung in einen neuen Bedeutungsrahmen ein.

So läuft es in der Welt des Relativen: Vorläufige und veränderbare Annahmen über diese Welt bestimmen unsere Wirklichkeitserfahrung und unser inneres Erleben. Wenn wir bereit sind, unsere Annahmen relativ zu sehen, gewinnen wir an Freiheit. Wir sind nicht mehr sklavisch an die Kontexte gebunden, die unsere Weltsicht prägen, sondern können sie adaptiv und flexibel verändern.

Um solche Kontexte geht es auch in dem Text. Sie sind nur allgemeiner und abstrakter als Kontexte, die wir zu unseren Alltagserfahrungen bilden. Wir verfügen über viele solche Meta-Kontexte, z.B. all unsere Glaubensannahmen – die Unsterblichkeit der Seele, die Existenz Gottes, die Entwicklung der Welt zum Besseren usw. zählen dazu. Der Text handelt von solchen übergreifenden Wirklichkeitsinterpretationen. Er behauptet die Geltung der Vorherbestimmung (für alles, was geschieht, gilt: Es ist schon vorher festgelegt, wie es geschehen wird) sowie die Existenz einer Instanz (das „Höhere Selbst“), welche die Inhalte der Vorherbestimmung, das sogenannte Skript, festgelegt hat. 


Der Prüfstand der spirituellen Rationalität


Schauen wir uns nun an, was passiert, wenn die absolut gesetzte Wahrheit auf den Prüfstand der relativen Rationalität gerät: Sie muss sich in Frage stellen lassen und sich mit Kritik auseinandersetzen. Im Folgenden nutzen wir ein paar der Prüfinstrumente.


Vergleiche

Zunächst wird verglichen: Im Rahmen der Theorien über die Vorherbestimmung gibt es aktive und passive Positionen. Die einen glauben, dass die Bestimmungsmacht bei einer äußeren Instanz, z.B. bei Gott oder bei anderen geistigen Entitäten liegt, während die anderen eine innere Instanz als Urheber der Vorplanung vorschlagen, wie in diesem Fall das „Höhere Selbst“. An diesem Punkt erwartet der Leser eine Erklärung und Erläuterung, weshalb dem höheren Selbst und nicht jemand anderem diese entscheidende Rolle zukommt. Und warum gerade diese Sichtweise eine absolute Geltung beanspruchen kann, sodass konkurrierende Auffassungen notwendigerweise absolut falsch sein müssen. Doch der Text bleibt die Begründung schuldig. 


Widersprüche

Dann werden Widersprüche oder Verkürzungen aufgezeigt: Wenn wir einen Schritt zurück machen, erkennen wir, dass wir uns ohnehin in einem Zirkel befinden, gleich wie die Urheberschaft der Vorherbestimmung benannt wird. Denn die Macht des Urhebers zeigt sich in dem, was geschieht. Ich putze meine Nase. Das, was aktuell geschieht, mein Schnäuzen, ist laut Theorie durch eine Planung meines höheren Selbsts verursacht, das zu irgendeinem früheren Zeitpunkt beschlossen hat, dass ich mir jetzt die Nase putze. Dass das höhere Selbst diese Macht hat, zeigt sich eben an dem, was geschieht, aber auch nur daran. Es hat also das, was aktuell geschieht, genauso die Macht über die vorherbestimmende Instanz, weil sie ihre einzige Bestätigung ist, so wie diese Macht über das jetzige Geschehen ausübt. Das höhere Selbst hat immer Recht, und das Geschehen im Jetzt ebenso.


Praktischer Nutzen

Im nächsten Schritt kommt die Frage nach dem Nutzen: Macht uns die Theorie das Leben leichter? Sie verdoppelt das Erleben, indem jeder Moment zwei Ebenen enthält: Das aktuelle Geschehen und die Vorgeplantheit. 

Allerdings stellt sich dann die Frage, wozu es diese Verdoppelung braucht. Die Antwort lautet, dass ich damit eine Erklärung habe, warum das geschieht, was geschieht: Warum putze ich mir die Nase? Weil es so vorherbestimmt ist. Damit verfüge ich über einen Universalschlüssel, der alles aufschlüsselt, was sich in meinem Leben abspielt. Allerdings ist er nicht sehr kreativ. Er hat nur eine Erklärung, die auf alles angewendet wird. Meistens möchte ich detailliertere und spezifischere Erklärungen: Muss ich die Nase putzen, weil ich eine Verkühlung bekomme? 

Nun, die gibt es ja auch, und die generelle Erklärung macht den kosmologischen Rahmen, in dem sich unser Leben abspielt, im Sinn von absoluten Wahrheiten bewusst. Sie fungiert als Vergewisserung, dass alles, was ist, auch so sein soll, weil es vorab so festgelegt wurde. Das kann mir dann Sicherheit geben, wenn ich an mir und an dem, was ich tue, zweifle oder keinen Sinn darin finde. Sie kann aber auch ins Leere gehen, weil sie die zweifelnde Frage nur nach hinten verschiebt, zu der Instanz hin, die für das, was geschieht, verantwortlich gemacht wird. Insoferne erweist sich dieser Kontext wirkungslos bei Zuständen einer existentiellen Verzweiflung.


Versteckter Nutzen

Was ist der versteckte Nutzen? Da drängt sich sogleich die Psychologie vor, denn mit ihren Augen erkennen wir unschwer, dass ein Wunsch nach einer universalen Elternfigur in der Theorie verborgen ist. Nachdem wir von unseren Eltern immer wieder Kritik und Infragestellung erlebt haben, wäre es schön, wenn es einen Kontext gibt, der allem, was geschieht, was wir tun oder was uns widerfährt, bedingungslos zustimmt. Dazu eignet sich die Prädestinationslehre. Die eigentliche Verantwortung liegt dann nicht mehr bei uns selbst, sondern dort, wo die Entscheidungen für alles Spätere ursprünglich festgelegt wurden. Somit sind wir aus dem Schneider, wenn wir etwas ausgefressen haben, haben allerdings auch keinen Anlass mehr uns zu beschweren, wenn wir schlecht behandelt werden.


Ideologiekritik

Schließlich kommt die Ideologie-Frage. All diese Überlegungen, die sich stellen, sobald eine absolute Aussage ins Reich des Relativen gerät, erspart man sich, indem man die absolute Aussage in sich selbst begründet: Es ist die Wahrheit, weil es die Wahrheit ist. Wer es nicht versteht, ist dazu vorherbestimmt und kann nicht anders. Es macht deshalb gar keinen Sinn, die Theorie näher zu begründen oder zu erklären. Es gibt dann nur die Gläubigen und die Ungläubigen. Die Menschheit wird in zwei Gruppen unterteilt und jeder Diskurs zwischen den beiden Seiten ist fruchtlos (selbst wenn er aufgrund der Vorherbestimmung stattfindet). Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen einem spirituellen Meta-Kontext und einer religiösen Ideologie: Es geht nur um ein Bekenntnis, das ohne Nutzung der diskursiven Vernunft, gewählt oder abgelehnt werden kann, mit blindem Glauben als einzige Voraussetzung.


Vorsicht bei übergeordneten Sinninstanzen


Mit der Vorherbestimmungstheorie stülpen wir dem, was geschieht, einen Kontext über, indem wir einen bestimmender Verursacher dahinter annehmen. Diese verursachende Instanz verkörpert den Kontext, in dem alle Ereignisse in unserem Leben eingeordnet werden. Sie wird zur allbedeutenden Instanz für den Lebenssinn, die über allem thront. 

Aber gerade deshalb sollten wir bei unserer Wahl für solche Meta-Kontexte vorsichtig sein, damit wir nicht eine x-beliebige Idee ungeprüft in einen Universalkontext einschleusen. Wenn wir uns eine Wohnung suchen, nehmen wir nicht blind das erstbeste Angebot, das uns ein Makler aufschwatzen will, sondern prüfen, ob das Objekt solide und gut gebaut ist, ob sein Inneres und seine Umgebung passt und ob der Preis stimmt. Erst nach eingehender Überlegung fällen wir eine Entscheidung. So sollten wir es auch mit den Meta-Kontexten halten.

Denn wenn solche Kontexte für alles gelten, interpretieren sie alles, was in unserem Leben geschieht. Somit hängt unser ganzes In-der-Welt-Sein von der Stimmigkeit, Richtigkeit und Tragfähigkeit der Grundannahmen ab, denn wenn sie falsch wären, erscheint alles im falschen Licht, und unser Leben beruht auf schwankenden Grundlagen und wir orientieren uns nach einem möglicherweise trügerischen Kompass. Also brauchen wir gerade bei Universalkontexten schlüssige und diskursiv haltbare Begründungen. Wir sollten uns nicht damit begnügen, dass uns irgendwer mit der Kraft seiner Überzeugungskraft oder Sprachgewalt vorbetet, was die Wahrheit sei, damit wir sie gefälligst zur Kenntnis nehmen. Wir sollten uns eingehend mit solchen Sinnangeboten auseinandersetzen, unser Inneres auf mehreren Ebenen befragen und unter Einbeziehung unserer kritischen Denk- und Reflexionsfähigkeit unsere eigenen Festlegungen treffen, außer wir wollen irgendjemandem blind hinterhertrotten. 

Dann allerdings verkaufen wir unser eigenes Ingenium an dieses Angebot, viel zu billig. Und diese blindgläubige Haltung hat alle Radikalitäten der Menschheitsgeschichte auf dem Gewissen. Millionen von Menschen wurden das Opfer solcher Verblendungen, während die Täter glaubten, den Willen des Absoluten zu vollstrecken. Davor kann uns die spirituelle Vernunft bewahren.

Zum Weiterlesen:
Die mystische Leere
Gott und das Absolute
Die zwei Wahrheiten
Wahrheit und Illusion
Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute
Das Absolute im Beschränkten
Spirituelle Wahrheit und Kritik
Spirituelle Kreissätze
Die zwei Wahrheiten: Relatives verkleidet als Absolutes

Samstag, 1. August 2015

Die einfache Lehre statt Meinung als Wissen

Manche spirituelle Lehrer liefern mit ihren Einsichten in das Wesen des Menschseins
Quelle: http://www.hybridwing.com/illustration/guru-mascot/
gleich Erklärungen über die Kosmologie und die Ethik mit: Wie alles entstanden ist, wie das Bewusstsein das Sein hervorgebracht hat, was mit den Seelen vor und nach einem individuellen Leben passiert, wie das Gute und das Böse im Universum ausgeglichen wird, ob alles bestimmt und von vornherein festgelegt ist usw.

Solche Fragen interessieren viele Menschen, und sie erwarten von Lehrern, die von sich behaupten, in die Tiefe des Unerklärbaren vorgestoßen zu sein, dass sie auch zu diesen Fragen kompetente Antworten bieten können. Viele Lehrer sind auch der Meinung, dass sie über eine kompetente Ansicht zu diesen Fragen verfügen. Die Innenerfahrung, die sie zu einer radikalen Selbsterkenntnis geführt hat, kann zu der Überzeugung verleiten, jetzt über letztgültige Antworten auf kosmologische oder ethische Fragen zu verfügen, die sie selber schon lange beschäftigt haben. Jetzt, wo ihnen das Wesen der Dinge offenbar geworden ist und die Welt des Scheins und der Illusionen durchstoßen wurde, wird auch klar, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Zu vielen dieser Einsichten gibt es konkurrierende und widersprechende Erkenntnisse. Menschen finden aufgrund ihres Bildungsweges unterschiedliche Antworten zu solchen Themen. Deshalb unterscheiden sich auch spirituelle Lehrer hier voneinander: Die einen halten z.B. die Lehre von Präexistenzen und von der Seelenwanderung für ein zentrales Lehrstück, während andere nichts davon halten. Die einen nehmen an, dass alles aus Bewusstsein entstanden ist, die anderen kennen nicht einmal einen Unterschied zwischen Sein und Bewusstsein. Die einen sehen das Böse als Illusion und Schein, die anderen als Reinigungsaufgabe auf dem Seelenweg.

Es gibt keinen Konsens und es gibt keine übergeordnete Instanz, die hier über richtig und falsch entscheiden könnte. Es gilt nicht einmal die korrektive Funktion der Forschergemeinschaft, die in den Wissenschaften dafür sorgt, dass Wissen durch Nachprüfung und kritischen Diskurs abgesichert werden kann. Jeder kann auf diesem Feld also behaupten, was er/sie will.

Alles, was widersprüchlich ist, weil es dazu konkurrierende gleichwertige Ansichten gibt, gehört nicht in die spirituelle Lehre, sondern ist im besten Fall Gegenstand eines philosophischen Diskussion, im weniger guten Fall Resultat esoterischer Spekulation. Wie man spiritueller Lehrer nicht einfach dadurch wird, dass man sich als solcher bezeichnet, sondern durch einen tiefgreifenden Erfahrungs- und Lernprozess, ist man auch nicht Philosoph dadurch, dass man Meinungen über kosmologische Fragen formulieren kann. Auch die Philosophie muss gelernt und geübt werden. Sonst fällt es schwer, Argumente, die begrifflich formuliert werden und einem kritischen Diskurs standhalten können, von zusammenfantasierten, gechannelten, schlampig zusammengeflickten und schlecht recherchierten Meinungen zu unterscheiden.

Die griechischen Philosophen haben nicht umsonst den Unterschied zwischen Meinung und Wissen eingeführt, um auf diesen Sachverhalt aufmerksam zu machen. Meinung ist subjektives Für-Wahrhalten, Wissen ist intersubjektiv und objektiv zustandegekommene Erkenntnis, die grundsätzlich nie fertig und abgeschlossen sein kann, sondern in einem Prozess des Werdens und der Weiterentwicklung steht, in beständiger Rückkoppelung zu einer Expertengemeinschaft und zum gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Subjektive Meinung hat keine über das Subjekt hinausgehende Verbindlichkeit und Verantwortung.

So bin ich bei manchen spirituellen Lehrern und Lehren versucht zu sagen: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Wenn du einen anderen Leisten verwendest, erkläre dazu, dass es nicht deiner ist und du ihn deshalb nur unzureichend handhaben kannst. Lehre Spiritualität, wenn du spiritueller Lehrer bist; sprichst du über Themen, die ihren Ort in der Physik oder Philosophie haben, bring dazu dein ganzes erworbenes Wissen und die dazu gehörenden Kenntnisse ein, ohne zu diesen Themen deine spirituelle Autorität zu bemühen. Jeder kann zu allem und jedem Meinungen haben, schließlich gilt die Meinungsfreiheit als Grundrecht. Jedoch handelt es sich um Etikettenschwindel, mit der Autorität des Mystikers in Bereichen, die nicht zur Mystik gehören, Wahrheitsansprüche zu behaupten.

Der Leisten der spirituellen Lehre ist einfach und universell. Er lässt sich widerspruchsfrei formulieren und ist auf den suchenden Menschen abgestimmt: Was braucht es, damit die Freiheit vom Leiden erlangt werden kann? Was braucht es, damit Liebe und Mitmenschlichkeit zum vordringlichen Motiv wird? Was braucht es, um zum inneren Frieden zu gelangen?

Zur Beantwortung dieser Fragen braucht es keine Erkenntnisse über den Anfang der Welt, nicht einmal über den Anfang des Leidens oder des Bösen. Es braucht keine Einsichten in die Kosmologie oder Erkenntnistheorie.

Es genügt, den Menschen, die den Weg zur Befreiung suchen, diesen zu weisen. Dazu gehört es auch, ihnen klarzumachen, dass sie keine Antworten auf die Fragen nach Anfang und Ende, nach Sinn und Unsinn, nach Zufall und Bestimmtheit benötigen, um frei zu werden.

Die spirituelle Lehre hat ja gar nicht den Sinn, allgemeine Fragen zu beantworten. Sie dient dazu, Menschen bei ihrer Suche zu unterstützen. Sie ist deshalb, obwohl sie in ihrem Inhalt universell ist, auf die Individualität des Suchers abgestimmt. Jeder Sucher kann die Wahrheit nur in seiner eigenen Sprache verstehen, da jeder seinen eigenen Käfig mitbringt, zu dem es einen eigenen Schlüssel gibt. Wenn kosmologische Rätsel oder ethische Konflikte Teil des individuellen Käfigs sind, genügt ein Hinweis darauf, dass es auch zu diesen Fragen weiterführende Einsichten gibt, dass diese aber nicht für die mystische oder spirituelle Suche von Bedeutung sind.

Die mystische Lehre hat gar keine allgemeine Form. Sie erfüllt ihre Aufgabe, wenn die Botschaft beim Suchenden ankommt. Darum muss sie für jede Situation und für jeden Menschen neu formuliert werden. Die absolute Wahrheit verfügt über keine Versprachlichung, die überall angewendet und verstanden werden könnte. Sie muss sich ihre Versprachlichung stets aufs Neue suchen.