Die Religionen verstehen sich als Vermittler und Verwalter des Absoluten, also eines Wissens, das zeitlos gültig ist und nicht einem einzelnen Menschen zugeschrieben werden kann, sondern für alle Geltung hat. Die Politik verwaltet das gesellschaftliche Zusammenleben, das sich fortlaufend verändert. Die Politik hat es mit relativen Tatbeständen zu tun, zu denen es immer verschiedene Sichtweisen und Bewertungen gibt. Die Politik kümmert sich auch um die Machtverteilung, um die sich Menschen und Gruppierungen streiten.
Aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Dennoch zeigt die Geschichte, dass die beiden Bereiche immer wieder vermischt wurden, meistens mit katastrophalen Folgen. Um dieser Verwechslung einen Riegel vorzuschieben, wurde in der Aufklärung die Trennung von Staat und Kirche vorgeschlagen und eingefordert. Sie ist inzwischen ein wichtiger Teil westlicher liberaler Verfassungen, aber in der Praxis kommt es noch immer zu Vermischungen, Überschneidungen und Grenzüberschreitungen, wie auch aktuelle Beispiele zeigen.
Menschen sind religiös und politisch
Die Tendenz zur Vermischung von Religion und Politik hat ihren Grund darin, dass Menschen sowohl religiös (am Absoluten interessiert) als auch politisch (an ihrem Gemeinwesen interessiert) sind. Daraus erwächst die Versuchung, das Absolute in die Politik hineinzuschwindeln und die Politik ins Absolute. Beiden Seiten wird mit dieser Vorgehensweise Schaden zugefügt. Die Folge von absoluten Wahrheitsansprüchen in der Politik ist in logischer Konsequenz die Gewaltanwendung zur Durchsetzung von Entscheidungen. Wer meint, absolut Recht zu haben, muss alle bekämpfen, die einer anderen Meinung sind, denn sie sind des Teufels, des mystischen Gegners des Absoluten. Umgekehrt: Die Politik, die sich ins Absolute hineindrängt, korrumpiert das Absolute zum Relativen. Das Absolute kann der Politik nicht unterworfen werden, aber sie kann es bis zur Unkenntlichkeit verzerren (z.B. indem kirchliche Würdenträger Waffen segnen oder die Gegner verteufeln). Politisches Alltagsgeschäft, das als religiös verbrämt wird, zerrt das Absolute auf den Marktplatz der Macht, auf dem es jeden Heiligenschein verliert. Das Absolute, das von der Macht berührt wird, zerfällt und verwandelt sich in Gift.
Von Gottes Gnaden?
Die Herrschaft von Gottes Gnaden ist der Traum jedes Machtmenschen. Denn eine von den höchsten Instanzen inthronisierte Position ist jeder menschlichen Kritik und Infragestellung entzogen. Allerdings beruht sie auf einem Missbrauch des Absoluten, weil das Absolute keine Macht zuspricht. Die Machtverteilung ist die Sache der Gesellschaft und wird auf der relativen Ebene entschieden.
Und die Gnade gebührt allerdings nur jenen, die ihre Macht dafür nutzen, die Machtlosen zu stärken und sich selbst so weit wie möglich zu entmächtigen, also auf die Macht zu verzichten, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Macht macht nur Sinn, wenn sie dem Gemeinwesen dient, und wird zum asozialen Selbstzweck, wenn sie Einzelinteressen auf Kosten der Mehrheit durchsetzen will.
Wer darüber hinaus vermeint, mit Gottes Gnade Krieg führen oder die Untertanen unterdrücken zu können, verwechselt sein Ego mit dem Absoluten und nutzt die Religion zur Rechtfertigung für Gewaltanwendung und subjektive Willkür.
Kriegerisches Sendungsbewusstsein
Der jüngste Krieg der USA und Israels gegen den Iran liefert manchen Leuten den Anlass, ihr religiöses Sendungsbewusstsein in den Dienst martialischer Interessen zu stellen. Der US-Senator Lindsey Graham von den Republikanern hat den Krieg als heiligen Krieg bezeichnet, weil man es mit religiösen Fanatikern zu tun hat, die vernichtet werden müssen – so spricht ein religiöser Fanatiker. Häufig redet er auch von einer heiligen Hölle (holy hell), die über das iranische Regime hereinbrechen soll. Außerdem ist er der Meinung, es handle sich bei diesem Krieg um einen Kampf des Guten gegen das Böse. Auch der US-Kriegsminister Pete Hegseth nutzt die Religion für seine Kriegsrhetorik. Er hat die US-Soldaten als Glaubenskrieger bezeichnet und einige seiner Kommandanten sollen ihren Truppen mitgeteilt haben, dass der Krieg von Gott geplant sei. In der israelischen Regierung sprechen Minister von einem Kampf zwischen „Licht“ und „Dunkelheit“ gegen den Iran. Sie lehnen Verhandlungslösungen als „Sünde“ ab, weil das Dunkle total vernichtet werden muss. Auf der anderen Seite herrscht eine ähnliche Rhetorik: Es geht um einen heiligen Kampf gegen die Aggressoren und um eine Entscheidungsschlacht zwischen dem „Haus des Islam“ und der „Welt der Ungläubigen“. Kriegsopfer sind automatisch Märtyrer für den Glauben.
Die Aufladung der Kriegsrechtfertigungen mit religiösen Inhalten verschärft die kriegerische Aggression und erschwert diplomatische Lösungen. Denn jede Seite fühlt sich vom Absoluten unterstützt und angestachelt. Es geht nicht mehr „nur“ um politische Machtansprüche, wirtschaftliche Vorteile, strategische Optionen usw., sondern um eine metaphysische Arena, in der sich die Mächte des Guten und des Bösen gegenüberstehen, sodass vom Ausgang des Kampfes abhängt, ob die Welt in Zukunft vom Licht oder von der Dunkelheit beherrscht wird. Die Situation ist deshalb so zerstörerisch und ausweglos, weil beide Seiten in ihrem Wahn dem gleichen Missbrauch des Absoluten verfallen sind. Es wirkt als stünden sich zwei verstörte Typen hasserfüllt gegenüber, und jeder hält sich selber für den Erlöser und den anderen für den Teufel, der vernichtet werden muss.
Unheilvolle Allianzen
Die unheilvolle Allianz von Thron und Altar hat eine Blutspur durch die Geschichte gezogen und in vielen Ländern letztlich dazu geführt, dass sich mehr und mehr Menschen von den Altären abgewandt haben und den Klerikern misstrauen. Denn eine Kirche, die das Absolute an die Macht verrät, hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Dennoch ist diese Mesalliance noch immer in Gebrauch, siehe z.B. die Absegnung des russischen Krieges gegen die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche.
Während Parteien und Gruppierungen auf der linken Seite des politischen Spektrums traditionell religions- und kirchenkritisch auftreten und im Extremfall Religionen verbieten oder unterdrücken, versuchen viele rechtsorientierte Strömungen, Religion und Kirche für sich zu vereinnahmen und für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Vor allem fundamentalistische Gruppen bieten sich geradezu für solche Zwecke an, weil sich ihre autoritären Strukturen mit jenen der Rechtsparteien ähneln und beide ihre Positionen für absolut gültig erachten. So gibt es auch unheilvolle Allianzen zwischen Rechtsparteien und konservativen oder fundamentalistischen Kirchenvertretern oder Sekten.
Zum Fundamentalismus gehört, dass aus den heiligen Texten direkt Richtlinien für die menschliche Lebenspraxis abgeleitet werden können. Wie gefastet wird, welche Rollen die Männer und die Frauen spielen, welche geschlechtlichen Orientierungen erlaubt sind und welche nicht oder welche Kleidung zu tragen ist, steht in den Schriften und hat deshalb absolute Geltung, die auch von staatlichen Organen eingefordert werden soll. Doch sind alle Texte relativ, in relativer Sprache verfasst und in ihren Bedeutungen dem Lauf der Geschichte unterworfen. Es gibt keine absolute gültigen Aussagen in den Schriften, sondern nur relative, auf die jeweiligen Zeitumstände bezogene Interpretationen. Das Absolute entzieht sich jeder Verbildlichung und Verschriftlichung. Es enthält nicht einmal konkrete Inhalte, sondern ist leer. Deshalb kann es nichts zur Klärung der Frage beitragen, ob Frauen Kopftücher tragen sollen oder nicht, ob sie Priesterinnen werden können oder nicht, ob sie den Männern übergeordnet sind oder nicht, geschweige denn, wer die Macht im Staat innehaben soll und wer nicht.
Die Trennung von Staat und Kirche
In den politischen Prozessen darf es in einer liberalen Demokratie keine religiöse Einmischung geben. Absolutheitsansprüche verzerren die Debatten und verhindern pragmatische Kompromisse. Sie verhärten die Fronten und erzeugen Hass und Gewaltbereitschaft. Politische Entscheidungen müssen auf der politischen Ebene durchgeführt und verantwortet werden. Das Absolute hat dazu nichts zu sagen und dabei nichts verloren. Im gesellschaftlichen Prozess hingegen, der politischen Entscheidungen vorangeht und nachfolgt, spielt das Religiöse immer eine Rolle, als Stimme unter vielen, mit einem besonderen Gewicht, das sich daran bemisst, wieweit das Religiöse dem Absoluten verpflichtet ist.
Das Absolute und die Verantwortung für die Gesellschaft
Die Trennung von Religion und Politik bedeutet also nicht, dass sich die beiden Bereiche nicht umeinander kümmern müssen. Die Politik braucht das Absolute, um zu erkennen, worum es in Wirklichkeit, also jenseits der Machtausübung geht. Wie soll eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein? Welche Werte sind unverzichtbar, um den Menschen ein gutes Leben zu garantieren? Die Botschaften aus dem Absoluten kommen als Ordnungsrufe, Ermahnungen oder Zurechtweisungen, als Gewissenserinnerungen von Menschen, die sich ihrer Verantwortung aus der Offenheit für Transzendenz und für die Anliegen der Gesellschaft bewusst sind. Zur Zeit des Alten Testaments waren es die Propheten, die auf die Abweichungen vom göttlichen Weg aufmerksam gemacht haben.
Moderne Propheten treten als visionäre Politiker auf. Sie streben nicht nach Macht, geleitet von Angst und Gier, und wollen um jeden Preis daran festhalten. Sie haben ihre Überzeugung und ihr Engagement aus dem Absoluten gewonnen. Sie wissen aus diesem Kontakt um die Richtung, in der die Gesellschaft verändert werden muss. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela sind solche wegweisende Menschen, die aus einer tief gegründeten Selbstverpflichtung zu Gerechtigkeit und Befreiung gehandelt haben und mit ihrem selbstlosen und authentischen Auftreten Millionen Anhänger gefunden haben, sodass sie die Gesellschaft in wichtigen Teil menschenwürdiger gestalten konnten.
Da wir als religiöse Menschen auch politische Menschen sind, obliegt es uns, in der Politik aktiv Stellung zu beziehen, wenn es zu Ungerechtigkeiten kommt. Im Licht des Absoluten sind alle Menschen gleich und haben die gleichen Rechte. Deshalb widerspricht eine ungerechte Gesellschaftsordnung dem Absoluten. Die Mächtigen müssen auf ihre egogeleiteten Fehlhandlungen aufmerksam gemacht und zur Rechenschaft gebracht werden. Wer sich dem Absoluten verpflichtet fühlt, kann sich nicht nur in die eigenen vier Wände zurückziehen und dort der Frömmigkeit huldigen, sondern sollte auch dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse besser werden. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hieß es bei den Römern. Wer nichts sagt, bestätigt die Umstände, auch wenn sie menschenfeindlich und ungerecht sind. Als Menschen können und sollen wir zu Sprachrohren des Absoluten werden, indem wir sein Licht auf alles richten, was im Schatten von Bosheiten, Gewalttaten und Manipulationen steckt. Der Maßstab des Absoluten ist an alles anzulegen, was Menschen hervorbringen. Nur so kann geklärt werden, ob es dem Besten der Menschheit oder nur der subjektiven Willkür, Bereicherung und Bestätigung einzelner dient.
Dazu gehört auch, jeden politischen Missbrauch des Absoluten anzuprangern. Jeder Rede vom geheiligten Krieg, jede Verherrlichung von Gewalt, jede Rechtfertigung von Unterdrückung, jede Untat mit Berufung auf eine höhere Instanz ist von diesem Missbrauch befallen und muss benannt und kritisiert werden. Religiös begründete Unmenschlichkeiten sind doppelt böse, in sich und dazu noch als Heuchelei und Frevel.
Zum Weiterlesen:
Religion und Vertreibung
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