Sonntag, 18. August 2019

Mit Ambivalenzen leben

Als Ambivalenzen bezeichnet man gegensätzliche oder einander ausschließende Wünsche, Gefühle oder Gedanken, die zu einem Zustand psychischer Zerrissenheit führen. Geprägt hat den Begriff der Ambivalenz der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler im Jahr 1910. 

Er unterschied drei Formen der Ambivalenz:
Affektive Ambivalenz = Gegensätzlichkeit der Gefühle
Ambitendenz = konträre parallel existierende Wünsche und Bedürfnisse (voluntäre Ambivalenz)
Intellektuelle Ambivalenz = Gedanken, die gleichzeitig gegensätzlich sind.

Zwiespältige Regungen und Gedanken kommen immer wieder vor. Sie sind weder schädlich noch schlimm. Das Risiko beginnt dort, wo sie nicht als normal angenommen werden können. Wenn wir also widerstrebende Gefühle, Wünsche oder Gedanken als alltägliche Phänomene annehmen können, wenn wir also unseren Ambivalenzen gegenüber tolerant auftreten, haben wir kein Problem. Wirken sie aber in uns, ohne dass wir sie erkennen oder verstehen und sehen wir ihre Auswirkungen als Fehler, Makel oder Missetaten, können sie das Leben belasten und uns krankmachen. Depressive, narzisstisch Gestörte und Borderliner leiden an Ambivalenzerfahrungen, die mit Angst, Scham und Schuld verbunden sind.


Die Hassliebe


Als ambivalente Gefühlserfahrung, „die jeder kennt“, wird häufig die Hassliebe bezeichnet. Wir alle haben doch schon mal Menschen getroffen, die wir zugleich lieben und hassen. Vielleicht sind das sogar die Menschen, mit denen wir am intimsten verbunden sind. Ich habe allerdings in mehreren Beiträgen auf dieser Blogseite nachzuweisen versucht, dass Liebe und Hass keine Antagonisten sind, dass es keinen Gegensatz zwischen Liebe und Hass gibt, sondern dass der Hass eine „Sonderemotion“ ist, während die Liebe keine Emotion, sondern ein Seinszustand ist, der gewissermaßen automatisch entsteht, wenn wir in offen und entspannt sind. Hass ist natürlich ein nicht-entspanntes Gefühl, es ist geprägt vom Stress, etwas Störendes vernichten zu müssen.

Die Hassliebe können wir vielmehr als Projektion von ambivalenten Elternerfahrungen verstehen. Wir sind widersprüchlich von unseren Eltern behandelt worden und haben ihre ablehnenden und ihre annehmenden Seiten kennengelernt. Wir haben erfahren, dass sie uns manchmal hassen und manchmal liebhaben. Bringen wir nun einem Menschen eine Hassliebe entgegen, so befinden wir uns in einem existentiellen Drama, in dem wir unsere Kindheit wiederbeleben. Wir machen das Objekt unserer Hassliebe für unser Überleben verantwortlich: Wenn wir genug von ihm bekommen, sind wir auf der sicheren Seite, wenn nicht, ist unser Weiterleben bedroht. Sobald diese Gefahr auftaucht, meldet sich unser Hass und bricht voll auf die andere Person herein. Mühsam finden wir dann wieder zu einer Form der Liebe zurück, d.h. zu einer Form von Vertrauen und Sicherheit, die allerdings von Erwartungen auf ein von der anderen Person Glücklichgemachtwerden geprägt ist. Es ist eine bedingte Liebe in relativer Sicherheit, die von Bedrohungen umgeben ist und rasch, bei „Bedarf“, in Hass umschlagen kann, um sich vor Verletzungen zu schützen.

Die Liebe als Seinszustand dagegen umschließt die ambivalenten Gefühlsstrukturen und kann Hass und relative Liebe akzeptieren. Dadurch mildert sich die intensive Spannung, die in der Hassliebe liegt. Der Hass mit seiner zerstörerischen Kraft wird in diesem Raum einer allumfassenden Liebe seiner Auflösung entgegenstreben und Frieden finden.


Ambivalenzen und Rhythmen


Strenggenommen, ist die Charakterisierung von Ambivalenzen als „gleichzeitig“ ablaufende gegensätzliche Reaktionen ungenau: Wir können nicht ein Gefühl und seinen Gegensatz im gleichen Moment erleben; wir können Gefühlszustände erleben, in denen wir das eigentliche Gefühl nicht genau identifizieren können, sondern herumrätseln, was wir genau empfinden. In diesen Zuständen wind wir im Verstand, dem die Klarheit über das Gefühl fehlt. Erst wenn wir unser inneres Spüren vereinigen, kommen wir genau zum Gefühl, und wenn wir dieses Gefühl annehmen, wie es ist, ist es auch eindeutig. Es kann sich verändern – Gefühle sind nie statisch sondern dynamisch: ein Gefühl kann zu einem anderen Gefühl werden, oder zum „Gegenteil“ des vorigen Gefühls. Aber das ist ein normaler Vorgang im inneren Ablauf.

Was belastend ist und wo die Störung beginnt, ist ein Wechsel von Gefühlszuständen, der zu schnell und zu heftig abläuft, sodass der Eindruck entsteht, dass „zugleich“ starke widerstrebende Gefühle da sind, ein Zustand, der das Innere zu zerreißen droht, weil er eine innere Fragmentierung aufzeigt, die die Ich-Identität massiv bedroht. An diesem Punkt kann die „Angst vor dem Wahnsinn“ auftreten, eine der schlimmsten Angsterfahrungen, die Menschen kennen. Die Auflösung des Ichs, das die Psyche zusammenhält, würde den psychischen Tod bedeuten. 


Die ambivalente Bindung


Zum Verständnis von Ambivalenz hilft ein Blick auf die Bindungstheorie, die frühkindliche Bindungsstörungen untersucht hat. Sie kennt unter den unsicheren Bindungstypen die ambivalente Bindung. In ihr spiegelt sich eine Double-bind-Beziehung: Die Erziehungsperson wechselt abrupt und unvorhersehbar zwischen Zuneigung und Ablehnung. Im einen Moment ist sie ganz liebevoll beim Baby, im nächsten Moment ist sie weg, physisch oder emotional, indem etwas anderes plötzlich wichtiger ist. 

Das Baby erlebt Liebe und Ablehnung von der gleichen Person, fühlt sich also geliebt und abgelehnt „zugleich“. An diesem Punkt entsteht die Dichotomie zwischen gut und böse: zwischen beziehungsstiftend und beziehungshemmend, zwischen lebensfördernd und lebenszerstörend. Denn ein Baby kann sich keinen Reim aus diesem Widerspruch machen, der seine eigene Existenz bedroht. Es bleibt nur die Abspaltung als Ausweg: Ein Inneres mit zwei gegensätzlichen Polen, die rasch in das jeweilig Andere umschlagen können. Hier liegt eine Quelle für die oben besprochene Hassliebe.

Im Inneren das Kindes bilden sich außerdem zwei Instanzen: die gute und die böse Mutter, der gute und der böse Vater. Es handelt sich um ambivalent geprägte Elternbilder, und auf alle anderen Beziehungen übertragen werden, abhängig von der Stärke des inneren Widerspruchs. Je stärker der Gegensatz, desto weiter liegen die Pole auseinander und desto belastender ist die innere Spannung. 

Das Ausmaß der Ambivalenz liegt in der Qualität der frühen Beziehungen begründet. Keine Erziehungsperson kann die ganze Zeit in einer liebevollen und aufmerksam empathischen Beziehung zu einem Kind bleiben. Aber es kommt auf das Ausmaß und auf die Rhythmik an, ob der Wechsel von Beziehung und Beziehungsabbruch vom Baby gemäß seines inneren Entwicklungsniveaus und seiner emotionalen Regulationskompetenz verkraftet werden kann oder ob es überfordert wird und sich eine Traumatisierung entwickelt. 

Die Beziehungsqualität bemisst sich daran, ob die Eltern ihr Kind als wertvollen Kommunikationspartner ernstnehmen oder als schwer verständliches Wesen erleben, dem einfach zugemutet werden kann, was den Eltern gerade in den Sinn kommt oder was sie selber gerade für sich brauchen. Es gibt Eltern, die ihren Kindern alles Mögliche aus ihrer Seelenblindheit antun und andere, die die Kleinen kommunikativ einbinden. Im einen Fall geht eine Mutter einfach weg, wenn sie abgelenkt wird, im anderen Fall stimmt sich der Vater mit dem Kind ein und spricht mit ihm, um es auf die Trennung vorzubereiten.


Die „optimale“ Frustration


Es gibt entwicklungsadäquate Frustrationen, also Zumutungen, die das Kind verkraften kann, für die es also schon über den entsprechenden Mut und Kraft verfügt. In diesem Fall wächst durch eine altersangepasste Frustration die Fähigkeit des Kindes, die eigenen Emotionen zu regulieren und entstehende Ambivalenzen auszuhalten. 

Im Fall der Überforderung, also der Belastung mit Frustrationen, die nicht verarbeitet werden können, kommt es allerdings zu Verwirrung und Desintegration. Dieser Zustand ist dann gekennzeichnet durch ein rasches Wechseln zwischen Nähe- und Distanzimpulsen, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Zugewandtheit und Ablehnung. Die Mitte bleibt leer, und die Angst wird chronifiziert.

In der Körperhaltung eines ambivalent gebundenen Babys können beide gegensätzliche Strebungen zugleich sichtbar werden: Ein Körperteil will bei der Mutter sein, ein anderer will sie auf Distanz halten. Im inneren Gefühl aber ist weder das eine noch das andere klar vertreten, sondern es herrscht Verwirrung und Unsicherheit und ein hohes Maß an Stress. 

Ambivalent gebundene Erwachsene geraten häufig an gefühls- und ambivalenzvermeidende Menschen und leiden besonders an ihnen. Sie suchen ambivalenzfreie Beziehungen und können sie nie finden, außer sie lösen die Ambivalenzkonflikte im eigenen Inneren. 


Ambivalenzvermeidung


Auch beim vermeidend-unsicheren Bindungstyp spielen Ambivalenzerfahrungen eine wichtige Rolle. Ein Kind mit vermeidendem Bindungsstil lässt sich nichts anmerken, wenn es von der Erziehungsperson alleingelassen wird. Es hat schon früh gelernt, den Ambivalenzkonflikt zu verdrängen und ein Selbstkonzept zu entwickeln, in dem alle Frustrationen als notwendig und erträglich gerechtfertigt sind. Solche Kinder entwickeln auf der bewussten Ebene einseitig positive, d.h. idealisierte Elternbilder, während die negativen Elternbilder tief ins Unterbewusstsein verbannt sind.

Vermeidend gebundene Menschen vermeiden deshalb auch in ihrem Leben Ambivalenzen. Sie sind oft schnell mit Trennungen, wenn sie mit einem Beziehungspartner unzufrieden sind. Bei Konflikten ziehen sie sich zurück, statt sie durchzufechten. 


Ambivalenztoleranz


Der sichere Bindungstyp ist durch ein höheres Maß an Ambivalenztoleranz gekennzeichnet: Sicher gebundene Kinder können widersprüchliche Gefühle aushalten, in sich selber und bei anderen. Sie können den Schmerz und den Zorn spüren und ausdrücken, der auftritt, wenn sie eine Frustration erleiden, wenn z.B. die Mutter weggeht, obwohl sie mit ihr spielen wollen. Sie können aber auch die Freude zulassen, die entsteht, wenn die Mutter wieder zurückkommt. Sie entwickeln auf diese Weise Elternbilder, die im Grund positiv sind, aber auch die schmerzhaften Erfahrungen beinhalten, die durch die Unvollkommenheiten der Eltern verursacht wurden. Diese Elternbilder sind realistisch und enthalten die Erinnerung an menschliche, d.h. fehlbare und lernfähige Eltern.

Zum Weiterlesen:
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle
Liebe und Hass: Eine Dualität?
Die große und die kleine Liebe
Die Bindungstypen
Unsicherheiten in sicheren Bindungen

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