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Donnerstag, 6. März 2025

Fortschritt trotz Rückschritten

Wenn Rechtsparteien an die Macht kommen, sorgen sie dafür, dass es in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zu Rückschritten kommt. Weiterentwicklungen in den Menschenrechten, in den Frauenrechten, in der Anerkennung von Minderheiten, Experimente in der Kultur und Kunst werden abgedreht, zusammengestutzt oder vom Geldhahn abgeschnitten. Unter der Losung „Zurück zur Tradition“ werden liberale Errungenschaften beseitigt, wie nach der Märzrevolution 1848, nach deren gewaltsamer Niederschlagung alle neuen Freiheitsrechte abgeschafft wurden. Es dauerte damals in Österreich 20 Jahre, bis die liberalen Rechte dann als Grundrechte in die Verfassung aufgenommen wurden. In der Slowakei können wir aktuell beobachten, wie die offizielle Kulturlandschaft umgekrempelt wird, indem alle staatlichen Posten mit fachfremden Parteigängern der Kulturministerin besetzt werden, die das Kulturleben auf traditionelle und national geprägte Ausdrucksformen beschränken will.

Was auch immer Politiker veranstalten, ändert nichts daran, dass der Fortschritt weitergeht: In den Wissenschaften, in der Technik und in der Ökonomie. Auch die sozialen Beziehungsformen entwickeln sich weiter. Manche dieser Prozesse können durch politische Maßnahmen verlangsamt werden, manche andere zeitweilig und regional unterbunden und unterdrückt werden; gänzlich aufgehalten können sie nicht werden. Denn die Menschen verfügen über ein unbegrenztes Potenzial an Neugier und Kreativität, das sich ausdrücken und verwirklichen will, gleich unter welchen politischen Verhältnissen sie leben. 

In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es Phasen der stürmischen Weiterentwicklung in manchen Gebieten, wie z.B. im antiken Griechenland oder im Wien der Zwischenkriegszeit.  Es gibt auch Phasen des scheinbaren Stillstandes oder der Rückentwicklung, wie z.B. im Biedermeier, als die Reformen der französischen Revolution rückgängig gemacht wurden. Aber selbst in diesen Zeiten haben sich andere Entwicklungsstränge beschleunigt, z.B. die Industrialisierung oder die Weiterführung der Klassik in die Romantik in der Literatur und Musik. 

Der Fortschrittsmotor Kapitalismus

Der Kapitalismus kennt keine Rückschritte. Sein Wachstumsprinzip ist das Mehr und Noch Mehr. Die politischen Rahmenbedingungen wirken bestenfalls modulierend auf diese Dynamik ein. Sie können das Tempo, die Richtung und die inhaltliche Gestaltung beeinflussen, nicht aber den Wachstumsdrang selbst. Nach dem Zweite Weltkrieg lag die Wirtschaft in den zerstörten Gebieten darnieder, doch bahnte sich dann ein Wirtschaftsaufschwung samt noch nie dagewesener Wohlstandsmehrung an. 

Das kommunistische Sowjetexperiment hatte ja das Ziel, die Macht der kapitalistischen „Naturgewalt“ zu brechen und eine Wirtschaftsform unter durchgängiger politischer Kontrolle zu etablieren. In China gab es unter Mao Zedong ähnliche Bestrebungen. Das Gesamtergebnis dieser Experimente (neben dem hohen Blutzoll, den sie angerichtet haben) liegt darin, dass die ökonomische und technische Entwicklung dennoch weiterging, nur wesentlich langsamer, sodass die Länder des „real existierenden Sozialismus“ bei dessen Ende in fast allen Bereichen der Wirtschaft weit hinter dem Niveau der westlichen Länder hinterherhinkten. China hat in den 1980er Jahren die politische Kontrolle der Wirtschaft aufgegeben und dadurch konnte dort der Kapitalismus schnell aufholen. 

Der Preis, den Kapitalismus durch politische Eingriffe aufzuhalten, ist also hoch. Darin bestand der Lernprozess, und viele Theoretiker und Politiker wechselten vom Kommunismus zum Sozialismus oder zur Sozialdemokratie, weil sie erkannten, dass der Kapitalismus nicht einfach abgeschafft werden kann, sondern eingehegt werden muss. Denn ein Kapitalismus, der überhaupt nicht durch politische Einflüsse reguliert wird, richtet sich gegen die Menschen, indem sie ungeschützt ausgebeutet werden. Er braucht also Rahmenbedingungen und Regulierungen, wie ein Fluss, der nicht am Fließen gehindert werden soll, sondern dessen Verlauf so gestaltet wird, dass Hochwässer am wenigsten Schaden anrichten. Allerdings sollte diese Metapher mit Vorsicht genossen werden, weil der Kapitalismus ein menschengemachtes Phänomen ist und keine Naturgewalt. Wir machen also durch unsere ökonomischen Handlungen den Kapitalismus, und wir können ihn durch das, was wir tun oder unterlassen, beeinflussen und gestalten.

Die Verlangsamung des Lernens durch Machteinflüsse

Das Problem bei politischen Bremsversuchen des Fortschritts besteht darin, dass die in der Politik involvierten Machtstrukturen zur Verlangsamung nicht nur der sozialen und ökonomischen Prozesse, sondern auch der Lernvorgänge insgesamt führen. Das Sowjetimperium hat siebzig Jahre gebraucht, bis es möglich war, die Lehren aus dem, was schiefgelaufen ist, zu ziehen, und bis heute leidet Russland an seiner Zurückgebliebenheit und versucht, diese Schmach durch kriegerische Zerstörungen wettzumachen.

Die Pathologie der Macht besteht darin, dass die Mächtigen sie nicht loslassen können. Damit verhindern sie Weiterentwicklung und Lernen. Macht, die zum Selbstzweck geworden ist, versucht verzweifelt, das Rad der Geschichte aufzuhalten, die ganze Kraft fließt in diese mühsame und letztlich fruchtlose Anstrengung. Aus der Sicht der Mächtigen muss alles so bleiben, wie es ist, denn nur so kann die Macht erhalten werden. Wer zu viel lernt, wird gefährlich für die Mächtigen.

Die Bremsung der gesellschaftlichen Lernvorgänge durch autoritäre Staatsformen und Diktaturen wird durch das Vorantreiben von Spaltungen verstärkt. Einzelne Bevölkerungsgruppen werden gegeneinander ausgespielt; damit wird Misstrauen und Konkurrenz in der Gesellschaft gesät. Die angstgetriebenen Energien fließen weniger in Erneuerungsprozesse als in die Aufrechterhaltung des eigenen Status. Je mehr Unsicherheit in der Gesellschaft herrscht, desto schwerer hat es die Kreativität. Je mehr Traumen das kollektive Bewusstsein durchziehen, desto weniger Kräfte stehen für das Lernen und Weiterentwickeln zur Verfügung.

Die Demokratie als Nährboden für Lernprozesse und Kreativität

Die Demokratie wurde unter anderem zu dem Zweck erfunden, die Macht von Einzelpersonen zu begrenzen und zu kontrollieren. Dadurch soll das Festklammern an der Macht (Putin regiert seit 25 Jahren, Lukaschenko seit 31) und das Einzementieren von Ideologien unterbunden werden. Andererseits werden Räume garantiert, in denen sich die Lern- und Weiterentwicklungsprozesse entfalten können. Diese Räume sollen weitgehend frei von Herrschaft sein, sodass eine vernunftgeleitete Diskurs-, Forschungs- und Kreativkultur gedeihen kann.

Die Demokratie wird von rechten Ideologen und Politikern bekämpft und von vielen Menschen weniger geschätzt, weil sie sich mit ihren Problemen und Interessen nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Sie stellt – mit all ihren Schwächen – die reifste Form der Machtausübung dar. Sie ist ein Produkt des Fortschritts sozialer Kompetenzen und ethischer Reflexionen und sie enthält in sich die Motive zu ihrer beständigen Verbesserung.

Momentan erkennen wir in vielen Bereichen Rückschritte – vergessen wir aber nicht den größeren Bogen und den langen Atem der Geschichte. Fortschritte verzögern sich manchmal, und in solchen Zeiten reifen die Kräfte für das Weitergehen im Verborgenen. Wir wissen noch nicht, was die gegenwärtigen Entwicklungen zum Fortschritt beitragen, weil es so ausschaut, als würde die halbe Menschheit um Stufen auf der zivilisatorischen Leiter zurückfallen (überall wird aufgerüstet, was nur geht, Demokratien verwandeln sich mir nichts dir nichts in Autokratien). Aber jedes Chaos evolviert irgendwann zu einer neuen Ordnung mit mehr Spielräumen und Möglichkeiten. Die Errungenschaften der Menschlichkeit, die da und dort mit Füßen getreten werden, gehen nicht verloren. Wir können ihre Banner tragen und möglichst viele ermutigen, es uns gleich zu tun. Vertrauen wir auf die Macht des Fortschritts, die die Kraft der Bewusstseinsevolution in sich trägt.

Zum Weiterlesen:

Demokratie in der Krise?
Das Erlernen der Demokratie in der Kindheit

Hier zur Videofassung


Montag, 18. November 2024

Pränatale Wurzeln der Fremdenangst

Warum haben viele Menschen Angst vor dem Fremden? Bei Kleinkindern ist das Fremdeln eine übliche Phase, die sich dann wieder legt. Aber unter Erwachsenen ist dieses Phänomen weit verbreitet und bildet bei vielen ein Hauptmotiv bei der Wahlentscheidung in den wohlhabenden Ländern des Westens: Welche Partei schützt mich am besten vor dem (den) Fremden? Angstreaktionen, sobald etwas Fremdes auftaucht oder sobald von Fremdem die Rede ist, melden sich mit der impliziten Botschaft, dass effektive Schutzmechanismen ergriffen werden müssen. Die Gefahren sind oftmals nicht real, aber das Unbewusste suggeriert eine wirkliche Bedrohung und löst die Stressachse aus. Da sich Bürger in den demokratischen Systemen alleine hilflos und ohnmächtig fühlen, suchen sie sich Machtträger, die ihnen Schutz vor den eingebildeten Bedrohungen anbieten und die dafür notwendigen Narrative propagieren, mit denen die Bedrohtheitsgefühle verstärkt werden. Damit wollen sie ihre Macht stärken, eine Schlagseite vor allem bei rechten und rechtsextremen Politiker.  

Hier möchte ich den Blick auf die Pränatalzeit richten. In dieser Phase unseres Lebens finden wichtige Prägungen im Emotionalgedächtnis statt, die sich im späteren Leben aus dem Unbewussten heraus ins Alltagsleben und –erleben einmischen. Aus dieser Perspektive stoßen wir auf den Hinweis, dass das Fremde Angst macht, wenn die Einnistung schwierig war. Die Nidation findet zwischen dem 6. und 10. Tag nach der Empfängnis statt. Die Blastozyste fällt vom Ende des Eileiters, in dem die Befruchtung stattgefunden hat, in die Gebärmutter und sucht dort einen Platz, an dem sie sich in die Uterusschleimhaut einwachsen kann. Es ist ein neuer, fremder Ort, in dem jetzt eine Heimstatt gefunden werden muss, an dem die weitere Reifung bis zur Geburt erfolgen kann. Wenn nun der mütterliche Organismus dem Embryo mit ambivalenten Gefühlen begegnet oder ihn ablehnt, wird dieses Fremde als feindlich und unnahbar erlebt. Das werdende Menschenwesen muss selber schauen, wie es Fuß fassen und sich einwurzeln kann, um überleben zu können. Das Fremde ist das Bedrohliche, mit dem ums Überleben gekämpft werden muss, statt mit ihm zu kooperieren. Dieser Eindruck verfestigt sich im Inneren und wirkt später weiter. Die Angst und Unsicherheit bei der Einnistung wird zusätzlich bestärkt, wenn ein Kind schon bei der Empfängnis spüren musste, dass es nicht willkommen ist. 

Solche Schwierigkeiten können auch der Grund für einen Frühabgang sein, wenn der Embryo zu schwach ist, sich gegen den Widerstand einen Einnistungsplatz in der Gebärmutter zu schaffen. Ohne das Andocken an der Gebärmutterwand ist der Embryo nicht lange lebensfähig. Gelingt jedoch das Verbinden von Plazenta und Gebärmutter, dann hat das Leben eine Chance, weiterzuwachsen, auch wenn es vielleicht durch einen holprigen Beginn überschatten sein kann. 

Auf diese Verunsicherung gibt es zwei Reaktionsmöglichkeiten, die sich in unterschiedlichen Haltungen ausprägen. Zum einen gibt es Menschen, die sich nirgendwo zuhause fühlen und oft übersiedeln, weil sie sich nirgendwo sicher und vertraut fühlen. Sie können nirgends dauerhafte Wurzeln schlagen. Zum anderen verwurzeln sich Menschen besonders tief an einem Platz und wollen von dort um keinen Preis wieder weg. Dieser Platz muss auch vor allem Fremden geschützt sein, damit die einmal gewonnene Sicherheit nicht mehr verloren geht.

Das Fremde und das Lernen  

Lernen besteht darin, Fremdes aufzunehmen und zum Eigenen zu machen. Wenn wir z.B. eine Fremdsprache lernen, müssen wir uns mit deren Fremdheit anfreunden. Wir müssen zulassen, dass sie sich in unserem Inneren Platz nimmt und sich ausbreitet. Auf diese Weise verwandeln wir Fremdes in Eigenes.

Lernhemmungen entstehen dort, wo das Fremde, das gelernt werden soll, abgelehnt wird, weil alles Fremde als feindlich erlebt wird – die Wiederspiegelung eines Einnistungstraumas. Die Neugier wird in diesem Fall von der Angst unterbunden. Neues wird mit Misstrauen beäugt. Beim Lernen kann es sein, dass sich der von der Angst geleitete Widerstand unbewusst so auswirkt, dass das Fremde nicht behalten werden kann und immer wieder vergessen wird.

Die Fremdenfeindlichkeit

Auch das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit, das in der Politik eine wichtige Rolle spielt, können wir als Ausdruck dieser Früherfahrung verstehen. Eine Gebärmutter, in deren Wand die Einnistung stattfinden muss, damit das Überleben gewährleistet ist, und die als ablehnend und abweisend erlebt wird, führt zu dem Eindruck, dass dem Fremden grundsätzlich nicht vertraut werden kann. Es gibt keine Basis für einen Vertrauensvorschuss, der notwendig wäre, um das Fremde näher kennenzulernen. Das Vertrauen kann nur in sich selber aufgebaut werden, und das Fremde muss draußen bleiben. Es bedroht die innere Sicherheit. Deshalb kann man sich nur möglichst lückenlos davon abschotten. 

Das Fremde wird also nicht als Feld des Lernens und der Erweiterung des Horizonts genutzt, vielmehr wird es als Gefahrenquelle gesehen. Daraus entsteht die Überzeugung, dass das eigene Überleben nur dann gesichert werden kann, wenn dem Fremden misstraut wird. Für die eigene Existenzsicherung muss man aus eigenen Kräften sorgen. 

Schon während der Schwangerschaft hat diese Überzeugung zu Dauerstress geführt, der oft noch weit darüber hinaus gewirkt hat. Jede neue Begegnung mit etwas Fremdem kann dann die alte Angst und Stressreaktion auslösen. 

Mit diesem Verständnis der Fremdenangst wird auch klar, warum Fremdenfeindlichkeit dort am größten ist, wo am wenigsten Fremde leben, ähnlich wie der Antisemitismus dort am stärksten verbreitet ist, wo am wenigsten Juden leben. Der Kontakt mit dem Fremden verändert notgedrungen die Perspektive und ermöglicht neue Einsichten. Das ist wie bei jeder Angst: Wenn wir uns mit ihr auseinandersetzen, ihr ins Auge schauen, wird sie kleiner; wenn wir uns vor ihr verstecken oder von ihr abtrennen, wenn wir sie also aussperren, wird sie mächtiger.

Zum Weiterlesen:
Die Höhenangst und ihre pränatalen Wurzeln
Das volle Boot und die Angst vor Überflutung

  


Freitag, 28. Oktober 2022

Krisen und Krisenresilienz

Im vorigen Artikel war die Rede von Störungen im Alltag. Es gibt Störungen, die von Dauer sind, ohne dass wir uns an sie gewöhnen können, und die wir als sehr heftig erleben. Wir nennen sie dann Krisen. Es sind Anhäufungen von Störungen, die unsere Verarbeitungskapazitäten überschreiten. Persönliche Krisen entstehen durch Krankheiten oder psychische Überlastungen wie z.B. beim Burnout. Gesellschaftliche Krisen entstehen, wenn eine Gesellschaft mit den Herausforderungen nicht mehr zu Recht kommt, die an sie gestellt werden und viele Individuen darunter leiden.

Krisen sind also massive Enttäuschungen von Erwartungen. Sie erschüttern eingeübte Lebensgewohnheiten und unterbrechen ritualisierte Abläufe, was verunsichert und als sehr belastend erlebt wird und Stress erzeugt. Zukunftsbilder und Pläne müssen über den Haufen geworfen werden, und sie zerplatzen wie Seifenblasen. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig, ohne Chance, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Die Pandemie als Krise

In der Pandemiezeit sind viele in Krisen gestürzt – Ängste um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen, Ängste um den Beruf und die Ausbildung, Verlustängste wegen abgeschotteter und unterbrochener Beziehungen. Dazu kamen und kommen die von Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und verzerrten Forschungsergebnissen erzeugten und geschürten Ängste, die das Krisenbewusstsein zusätzlich aufgeladen haben. Viele Menschen mussten viele ihrer Gewohnheiten aufgeben und auf viele Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens verzichten. Diese massiven Enttäuschungen und Verunsicherungen haben Depressionen ausgelöst und zu anderen psychischen Symptomen geführt. Denn wir greifen in Krisen auf unsere Überlebensprogramme zurück. Da sie uns schon irgendeinmal geholfen haben, sollen sie uns auch jetzt mehr Sicherheit verschaffen. Sie engen allerdings unsere Flexibilität und unsere Kreativität ein und schneiden uns von unserem lösungsorientierten Potenzial ab, sodass wir erst recht nicht mit den Herausforderungen der Krise zurande kommen. 

Traumaketten

Alle Krisen docken zusätzlich an das kollektive Krisengedächtnis an, sodass die aktuellen Ängste durch vergangene Ängste verstärkt werden. Die subjektive Krisenresilienz, also die individuelle Fähigkeit, mit Krisen konstruktiv umgehen zu können, hängt sehr von der eigenen persönlichen Vorgeschichte ab. Je mehr Traumatisierungen in der eigenen Geschichte vorgekommen sind, desto verletzbarer und infizierbarer ist das Bewusstsein für aktuelle Krisenbelastungen. Außerdem dringen Verschwörungsgeschichten und vereinfachende Erklärungstheorien leichter in den Innenraum ein und vermindern die Fähigkeit zur adäquaten Wirklichkeitswahrnehmung. Die Personalisierung von komplexen Zusammenhängen, die Fixierung auf Retter und Bösewichte und einfache Schwarz-Weiß-Schemata vermitteln zwar eine gewisse kognitive Orientierung, die einigermaßen Sicherheit gibt, aber sie hilft in der Praxis nicht weiter, weil sie auf realitätsfremden Annahmen und Schlussfolgerungen beruht.

Große Zerstörungen, große Chancen?

Die Krisenbelastungen in Kriegsgegenden sind natürlich noch viel höher und hinterlassen deshalb enorm tiefere Spuren im kollektiven Gedächtnis der betroffenen Länder und der Menschheit insgesamt. Aber selbst beim düsteren Szenario des Ukrainekrieg gibt es Perspektiven der Hoffnung: Vielleicht wird der furchtbare Ukrainekrieg zum wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte des gepeinigten Landes und führt es in eine lichtvollere Zukunft? Vielleicht führt der Krieg in Russland zu neuen Entwicklungen für mehr Demokratie und Meinungsfreiheit?

Der erste Weltkrieg mit seinen Millionen an Todesopfern hat zur Gründung der ersten internationalen Staatenvereinigung und der zweite Weltkrieg mit noch viel mehr Opfern und Zerstörungen zur Gründung der UNO geführt. Die verheerenden Erfahrungen mit den beiden Hauptkatastrophen des vergangenen Jahrhunderts haben bei vielen Menschen eine zuvor noch nie gekannte Friedensbereitschaft wachgerufen und die Ächtung des Krieges zu einem ethischen Standard gemacht. 

Lernchancen

Krisen enthalten große Lernpotenziale, die nach dem Überstehen der Krisenzeit genutzt werden können. Wir werden uns zwar nie mit den angerichteten Zerstörungen und geopferten Menschenleben abfinden können – die tiefen Spuren des vergossenen Blutes sind unauslöschlich in unser kollektives Gedächtnis eingesunken. Wir können aber unsere Energien darauf bündeln, die Chancen, die in einer überwundenen Krise enthalten, zu nutzen, um die Menschheit zu mehr Menschlichkeit weiterzuentwickeln.

Das Lernen durch die Pandemie

Die Pandemie hat nicht nur bei vielen Menschen und in vielen Bereichen die digitalen Fähigkeiten verbessert, sondern auch neue Einstellungen zur Gesundheit, zum Gesundheitswesen und zu den Gesundheitsberufen hervorgebracht. Es hat sich als gesellschaftlicher Konsens herausgebildet, dass der Wert jedes einzelnen Menschenlebens über betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzenrechnungen und über kapitalistische Gewinnerwartungen gestellt werden muss – oder: Die Ethik ist wichtiger und maßgeblicher als die neoliberale Ideologie.

Klima und Krisenbewusstsein

In Bezug auf die Klimakrise sind wir als Gesellschaft viel zu weit vom Krisenbewusstsein und damit von der Lernzone entfernt. Es braucht offenbar noch mehr und noch schlimmere Katastrophen, damit eine kritische Masse für substantielle Veränderungen entsteht. Viele Menschen sind erst dann bereit, ihr Leben zu verändern und gesellschaftliche und politische Änderungen zu fordern, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht – wie den Menschen in Bangladesch und Pakistan, wenn also die Krise an die eigene Haustüre klopft und sie die Bedrohung hautnah erleben müssen.

Zerstörung und Neubeginn

Krisen haben Ähnlichkeiten mit Geburtsprozessen. Das Alte wird zerstört und muss unwiederbringlich hinter sich gelassen werden. Vom Alten zum Neuen muss bedrohliche eine Krisenphase durchlaufen werden, ohne die das neue Leben nicht gewonnen werden kann. Es kann umgekehrt sein, dass wir Krisen nur deshalb als so belastend erleben, weil wir den krisenhaften Geburtsprozess durchlaufen haben und weil sich unser Unterbewusstsein an all die lebensbedrohlichen Situationen dieses dramatischen Ablaufs erinnert. Jede spätere Krise bringt die Ängste aus den früheren Krisen hoch – und aktiviert das Unterbewusste, noch mehr nach möglichen Gefahrenquellen zu fahnden, auch deshalb sind Theorien, die große Katastrophen ankündigen, bei traumatisierten Menschen besonders beliebt. 

Krisen fordern unsere Anpassungs- und Lernbereitschaft heraus und können, wenn sie zu intensiv erlebt werden (verstärkt durch Vorbelastungen), auch zur Lähmung und Resignation führen. Die Chancen, die in jeder Krise liegen und durch die neue Kräfte mobilisiert werden können, können nur genutzt werden, wenn es gelingt, die Macht der Ängste, die uns blockieren, zu überwinden und den Mut des Neuanfangens zu spüren. 

Krisenresilienz

Krisenresilient können wir nur werden, wenn wir einen stabilen Bezug zur äußeren Realität herstellen und aufrechterhalten können. Auf diese Weise gelingt es uns, die Ängste mit der Realität zu konfrontieren und unsere Handlungsmöglichkeiten nach ihrer Tauglichkeit und Umsetzbarkeit zu bewerten. Wir sollten unsere Befürchtungen durch Vertrauen und unsere Verzweiflung durch Hoffnung ersetzen. Wir sollten uns auf unseren Mut besinnen, der uns schon in vielen Situationen unseres Lebens weitergeholfen hat. Krisen sind Wendepunkte, und wenn wir sie in der richtigen Weise nutzen, können wir gestärkt aus jeder Krise hervorgehen.

Zum Weiterlesen:
Störungen zerstören Illusionen
Die Kraft der Zerstörung
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?
Krisenängste und ihr Jenseits
Die Corona-Krise als Chance


Freitag, 16. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 4: Die Liebesbeziehung

Es ist, was es ist, sagt die Liebe. (Erich Fried)

Liebe und Akzeptanz

In der Liebe geht es uns nicht ums Akzeptieren – das wäre ein viel zu schwaches Wort für das, was wir empfinden und wollen. Die Liebe nimmt den anderen nicht nur, wie er oder sie ist, sondern sie will auch das Beste für diese Person: Glück, Erfüllung, Wachstum, Reichtum usw. Die Liebe will mehren, was schon ist.

Doch sind es gerade die Liebesbeziehungen, die vor besondere Herausforderungen stellen, was die Akzeptanz anbetrifft. Denn nach den ersten Überschwängen des Verliebtseins stellen sich oft Zweifel und Unzufriedenheiten ein. Unmerklich verschiebt sich der Pol der Liebe von der anderen Person auf das eigene Selbst und dessen Bedürfnisse: Werden sie genügend gestillt, kriegen wir ausreichend von dem, was wir meinen, unbedingt zu brauchen? Unmerklich melden sich die inneren Mängel und die unbewusst gesteuerten Erwartungen und Forderungen, der Partner müsse sie erfüllen. Unmerklich mischt sich die eigene Kindheit mit ihren Mangelerfahrungen in die Erwachsenenbeziehung ein.

Langsam schleichen sich auf diese Weise Stränge des Nicht-Akzeptierens in die Liebe ein und führen zu Streitereien und Konflikten. Bei ihnen geht es hintergründig darum, die Partnerin dafür in Dienst zu nehmen, um für die Kompensationen der eigenen Kindheitsschäden zu sorgen und die Erfüllung der damals entstandenen Mangelhaftigkeit einzumahnen. Mit jedem Stück der Selbstbezogenheit verringert sich die Liebeskraft und die Verbundenheit. Mit jeder Ablehnung, die dem Verhalten des Partners entgegengebracht wird, wird das verbindende Band geschwächt.

Anklagen, Vorwürfe und Bewertungen fließen ein, und das Akzeptieren der anderen Person in ihrem So-Sein wird schwieriger. Sie sollte doch anders sein als sie ist, damit wir kriegen, was uns nach unserer eigenen, ins Unbewusste eingeschriebenen Agenda zusteht. Es entstehen Macht- und Manipulationsbestrebungen, die den Partner nach den eigenen Wunschfantasien zurechtbiegen wollen. Hinter diesen Fantasien rumort das verzweifelte innere Kind, das sich nach bedingungsloser Liebe sehnt und den erwachsenen Persönlichkeitsanteil drängt, endlich bereitzustellen, was den Mangel nachträglich auffüllt.

Illusionäre Wünsche und Erwartungen

Doch ist es eine Illusion, von einem Liebespartner die Nachnahrung für den kindlichen Gefühlshunger zu erwarten. Der Beziehungspartner ist weder Vater noch Mutter, und die Zeit der Kindheit ist lange vorbei. Erwachsensein besteht darin, die Verantwortung für die Stillung der eigenen Bedürfnisse selbst zu tragen und nicht an andere Personen auszulagern, schon gar nicht an den Beziehungspartner, obwohl dieses Muster in den intimen Beziehungen besonders häufig vorkommt.

Die zweite Illusion, die sich dazu gesellt, ist der Glaube an die vollkommene, die wahre Liebe, eine Beziehung, in der alle Bedürfnisse abgedeckt sind und alle Wünsche ihre Erfüllung finden. Wohl gibt es Momente und Zeiten der innigen Verbindung bis hin zu Erfahrungen des Einsseins unter den Fittichen der Liebe, aber diese Erfahrungen sind genau so flüchtig wie alles andere im Leben. Gerade der Verlust der Innigkeit wird häufig zur Quelle von Zerwürfnissen, weil auf  beiden Seiten der Beziehung Trennungstraumen aktiviert werden und der andere als Täter identifiziert wird. Jedenfalls bewirkt jedes Auseinanderdriften nach dem Verlust des Verbundenseins Gefühle der Unzufriedenheit.

Wenn solche Gefühle auftauchen, geht es üblicherweise nicht um den Ursprung des Gefühls in einem selbst, sondern um den Mangel in der Beziehung. Solange die Beziehung nicht vollkommen ist, muss die Partnerin zum Besserwerden gebracht werden. Denn wie soll die Beziehung vollkommen werden, wenn die Partnerin solche Schwachstellen hat? Allerdings: Der Glaube scheint vermessen, weil es nur unvollkommene Menschen gibt und weil deshalb in jeder Beziehung unvollkommene Personen aufeinander treffen. Wie sollten unvollkommene Menschen vollkommene Beziehungen erschaffen und die wahre Liebe leben?

Der Weg aus dem Land der Projektionen zurück in die Liebe erfordert das Durchschauen dieser Illusion. Ist sie einmal erkannt, so entsteht auch der Wunsch, sie zu verabschieden. Wir alle wollen im vollen Sinn erwachsen werden. Abschied geht allerdings nicht ohne Schmerz, und dieser Schmerz muss durchgespürt und durcherlebt werden. Es werden sich auch Schamgefühle melden wegen all den Irrwegen, die durch die illusionären Erwartungen an Partnerschaften viel Energie verschlungen und Leid erzeugt haben.

Das ist der Königsweg, der zurück zur eigenen Verantwortung für die unerfüllten Bereiche der Seelenlandschaft führt. Er führt wieder über das Akzeptieren: Es geht darum, das eigene Lebensschicksal und die eigene Lebensgeschichte anzunehmen, alles so, wie es war, mit dem Guten und dem Schlechten, mit dem Schönen und dem Schrecklichen. Alle Gefühle, die damit zusammenhängen und aus der Vergangenheit hängen geblieben sind, wollen ihren Platz bekommen und angenommen werden.

Mit jedem Stück Selbstannahme und Selbstakzeptanz wächst auch die Außenakzeptanz und die Toleranz für die Mängel anderer Menschen, vor allem der Beziehungspartner. Im Verständnis, aufgrund der eigenen Lebenserfahrungen und Traumatisierung selber kein vollkommener Mensch zu sein und Dellen und Löcher in der eigenen Liebesfähigkeit aufzuweisen, entsteht mehr Bereitschaft und Offenheit, mit unvollkommenen Mitmenschen zusammen zu sein und sich auszutauschen. Die eigene Leidensgeschichte kann draußen bleiben, und die Leidensgeschichte der Partnerin bekommt Mitgefühl und Verständnis, aber nicht die Projektionen und illusionären Erwartungen, die daraus abgeleitet sind und aus der Liebe aufs Glatteis sich verhakender Muster abgleiten.

Beziehungen als Lernfelder

Der Austausch und das Zusammensein mit anderen Menschen beinhalten immer das Lernen der Akzeptanz für die eigenen Unvollkommenheiten und jene der Partner. In Zweierbeziehungen ist diese Lernchance besonders hoch, weil die Kommunikation sehr dicht ist und viele Bereiche und Details des Lebens umfasst. Also werden gerade dort besonders viele Unvollkommenheiten sichtbar und wollen mit liebevollen Augen wahrgenommen werden und nicht mit abwertenden und kritischen.

Lernen in Beziehungen beinhaltet aber nicht nur die Bewusstheit über das Akzeptieren, sondern auch das gegenseitige Herausfordern zu noch mehr Bewusstheit. Diese Form des Lernens, die auch kritische Rückmeldungen, Änderungserwartungen und Veränderungswünsche enthält, trägt dann zum aneinander und miteinander Wachsen bei, wenn sie in einer akzeptierenden und Freiheit gewährenden Weise angewendet wird. Alle Machtthemen müssen mit der Illusion verabschiedet werden und der Akzeptanz Platz machen, mit der die Liebe wieder ins Blickfeld gerät.

Denn die Selbstmitteilungen, mit denen dem Beziehungspartner die eigenen Bedürfnisse und Verletzungen verständlich gemacht werden, fallen nur dann auf fruchtbaren Boden, wenn sie von Akzeptanz begleitet sind. Wo sich Machtaspekte und Elemente der Gewaltsprache in die Mitteilungen einmischen, gerät der Partner unter Druck und wird mit passivem Widerstand oder Gegendruck reagieren.

Es ist also für die gelingende Kommunikation in der Zweierbeziehung erforderlich, dass beide Partner einen verlässlichen Zugang zur Akzeptanz des So-Seins des anderen haben. Auf diese Weise kann der Weg zu diesem Tor leicht gefunden werden, wenn er einmal in der Hitze eines Gefechts verloren gegangen ist. Die Akzeptanz wiederum bildet die Brücke zur Liebe und Verbundenheit. Wie schon erwähnt, kommt es mit jeder Nichtakzeptanz zu einer Trennung von der Wirklichkeit, in dem Fall von der Beziehungsperson. Das Bewusstsein kreist im eigenen Bereich der unerfüllten Bedürfnisse und gräbt sich dort ein. Es sieht die andere Person als Belastung, Störung oder Bedrohung.

Mit der Erkenntnis, dass solche Sichtweisen aus sehr frühen Erfahrungen gespeist sind und dass es nichts bringt, den Partner nach den eigenen Vorstellungen zu ändern, also dem eigenen Modell anzugleichen, erwacht die Bereitschaft, besser zu erkennen und wahr-zunehmen, wer die andere Person ist. Wo es gelingt, die eigenen Bewertungen und Erwartungen wegzulassen, wird es möglich, einen realen Kontakt mit der Beziehungsperson herzustellen, frei von den eigenen Angst- und Wunschprojektionen. In diesem Kontakt wächst und entfaltet sich die Liebe aufs Neue.

Liebe jenseits von Narzissmus

Die reife Liebe (die den Narzissmus überwunden hat) unterscheidet sich von einem einfacheren Mögen dadurch, dass sie gerade das schätzt, was anders ist als das Eigene. Sie erkennt das Unterschiedene und Gegensätzliche als das eigentlich Bewunderswerte und Schätzenswerte, und nicht das Wiedererkennen des Eigenen im Anderen. Die Welt der Wunder, zu der die Liebe den Zugang eröffnet, enthält das Überraschende, das immer wieder aus der Andersheit des Liebespartners entspringt. Beziehungen bleiben nicht durch Angleichung und Anpassung an die jeweiligen Erwartungen lebendig, sondern durch die kreative Spannung, die sich aus der Verschiedenheit immer wieder auflädt.

Die Herzbeziehung

Das Geheimnis der Liebe liegt in der Beziehung zweier Herzen. Damit ist einerseits eine Metapher angesprochen, die darauf hinweist, dass die Liebe kein Verstandes- oder Denkphänomen ist, sondern auf einer anderen Ebene lokalisiert ist. Sie entzieht sich also der Kontrolle und dem Verständnisrahmen des Mentalen. Andererseits wissen wir, dass das Herz über eigene Nervenzellen und damit über eine eigene Intelligenzform verfügt. Drittens gibt es noch die Lehre von den Chakren, bei der das vierte Chakra (Anahata) dem Herzen zugeordnet ist und mit Liebe und Mitgefühl assoziiert wird. Und schließlich ist das Herz das „Zentralorgan“ der romantischen Liebe und als solches eine prominente Metapher für die verschiedenen künstlerischen Auseinandersetzungen mit dieser Spielart der Liebe.

Für unseren Zusammenhang bedeutet der Zugang zur Liebe über das Herz, dass sie das Akzeptieren voraussetzt, also das Anerkennen und neutrale Wahrnehmen der Andersheit des Beziehungspartners. Sie geht einen wichtigen Schritt weiter, indem sie gerade diese Andersheit wertschätzt, sich an ihr erfreut und sie genießt. Ohne die Lust auf die Andersheit gibt es keinen sexuellen Austausch.

Die Weisheit und die Liebeskraft des Herzens sind die Qualitäten, die eine Liebesbeziehung tragen, fördern und lebendig erhalten. Dort, wo diese Qualitäten verloren gehen, weil sich die Ängste der Egos in den Vordergrund drängen, führt der Weg über das Akzeptieren, das oft über das Gespräch, also über das Abgleichen der Unterschiedlichkeiten gefunden werden kann, zurück zur Herzebene.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)
Akzeptieren, was ist (Teil 8)

Mittwoch, 13. Februar 2019

Das Lehren und seine Fallen

Leben kann man auch mit Lernen übersetzen. Denn das Leben entwickelt sich stets weiter und erfordert beständiges Weiterlernen. Fürs Lernen brauchen wir Lehrer, die wissen, können oder verstehen, was wir noch nicht wissen, können oder verstehen. Sie teilen ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Einsichten, damit wir sie in unseren Erfahrungsrahmen einbauen können. Sie zeigen uns, wie es geht und wie es nicht geht. Schließlich müssen nicht alle Fehler immer wieder auf die gleiche Weise gemacht werden. 

Lehrer-Schüler-Beziehungen begleiten uns durch unser Leben von den Anfängen bis weit ins Alter. Denn das Lernen endet erst mit dem Sterben, was wir als Letztes lernen. Die ersten Lehrer waren unsere Eltern, und sie haben unsere Einstellungen zum Lernen und zum Schülersein geprägt. Unsere nahezu totale Abhängigkeit von ihnen zu Beginn unseres Lebens hat all die anderen Erfahrungen mit den Grundbedürfnissen in diese Ebene eingespeist. Ob Lernen für uns lustvoll und motivierend ist, hängt auch davon ab, in welcher emotionalen Atmosphäre unser Lernen in den ganz frühen Phasen abgelaufen ist. Von Anfang an lernen wir dort am meisten, wo wir das persönliche Interesse eines anderen Menschen an uns als Person und an unserem Lernfortschritt spüren können. Andererseits können Mängel an Zuwendung und Wertschätzung die Lust am Lernen und inneren Wachsen dämpfen und schwächen. 

All diese Prägungen fließen in unsere spätere Lernkarriere ein und wirken sich darauf aus, welches Verhältnis wir zu Lehrern und Lehrerinnen aufbauen. War Lernen mit Freude und Anerkennung verbunden, erwarten wir das auch von zukünftigen Lehrern. Herrschten dagegen Druck und Kritik beim Lernen in der frühen Kindheit, so entsteht die Neigung, Lehrpersonen mit Widerstand und/oder Unterordnung zu begegnen. Wenn wir viele negative Erfahrungen mit dem Lernen hatten, suchen wir nach positiven Autoritätsfiguren, die die emotionalen Mängel, die aus den frühen Erfahrungen stammen, ausgleichen sollen.

Geistige Lehrer


An dieser Stelle kommen die psychologischen und spirituellen Lehrer aufs Tablet. Sie werden in diese Lücke eingeladen, die in der Kindheit mit der Autorität des Lehrens auf der emotionalen Ebene offen geblieben sind. Wir suchen nach neuen Formen des Lernens, das nicht von Rechthaben und Macht, sondern von der Wertschätzung des individuellen Lernwegs bestimmt sind. Und wir suchen nach neuen Persönlichkeiten, die diese Qualitäten verkörpern.

Aus dieser Perspektive betrachtet, soll ein Lehrer weniger durch seine Kenntnisse und sein Wissen qualifiziert sein als durch seine emotionalen Beziehungsfähigkeiten. Er soll also über Fähigkeiten wie bedingungslose Wertschätzung, Empathie und Authentizität verfügen, Qualitäten, die Carl Rogers als maßgeblich für die Kompetenz eines personzentrierten Therapeuten beschrieben hat. 

Leicht und häufig kann es geschehen, dass eine Lehrerin oder ein Meister zum Fokus der positiven Elternprojektionen wird. Alles, was die Eltern schuldig geblieben sind, soll die neue Lehrerpersönlichkeit abdecken und ausgleichen. Die Schüler wünschen sich einen perfekten Lehrer, weil sie das selber perfekt macht. Ihr Selbstgefühl wird größer, wenn der Lehrer groß ist. So meinen sie, dass alles, was sie geben müssen, die bedingungslose Verehrung des Meisters ist, damit dessen Kraft, Klarheit und Weisheit ungehindert überfließt und sie selbst stärker, klarer und weiser macht. Je reiner und tiefer die Verehrung ist, desto stärker sollte der Rückfluss sein. 

Diese Erwartung ist nicht weiter verwunderlich und einer der Gründe, warum psychologische und spirituelle Lehrer einen regen Zulauf haben. Es ist auch nicht weiter verwerflich, mit solchen Projektionen im Rucksack zu Seminaren, Konferenzen und spirituellen Treffen zu gehen. Niemand ist frei von ihnen, und viele erwarten sich gerade die Befreiung von allen Projektionen, wenn sie sich unter die Fittiche eines Meisters begeben.

Narzisstische Dynamik: Verehrung und Verehrtwerden


Solche Projektionen können nur aufgelöst werden, wenn sich die Lehrerin ihren narzisstischen Tendenzen gestellt hat und die darin verborgenen Wunden geheilt hat. Häufig jedoch klappt an diesem Punkt die Guru-Falle zu. Die Bewunderung, die die Schüler der Lehrerin entgegenbringen, fließt ins Ego zum Zweck der Selbstbestätigung der eigenen Großartigkeit. Die narzisstische Dynamik hat sich entfaltet. Sie verleitet die Schüler zur Verehrung und kritiklosen Bewunderung, die leicht in eine Idealisierung mündet: Schwächen oder Fehler des Lehrers werden übersehen oder umgedeutet – ein Phänomen, das in vielen Schulen, Gruppen und Sekten beobachtet werden kann. Die Illusion des makellosen Meisters muss bestehen bleiben, damit sich das eigene Selbst daran stabilisieren kann. 

Auf der anderen Seite wird die Lehrerin zum Verehrtwerden und zum Baden in der dargebotenen Bewunderung verleitet und zum Übergehen von Lernchancen. Je mehr Bewunderung über sie ausgeschüttet wird, desto weniger wird sie eigene Fehler bemerken. Vielmehr wächst die Neigung, das idealisierte Bild der Verehrer zu bestätigen und zu verstärken. Das unbewusste Zusammenspiel beider Seiten stabilisiert die Dynamik, die nur aufgelöst oder transformiert werden kann, wenn sie erkannt und bearbeitet wird.

Wir alle lernen, aber die Guru-Falle blockiert das Lernen, für den Schüler wie für den Lehrer. Die narzisstische Wunde wird nicht durch Verehrung und bedingungslose Unterordnung geheilt, sondern vertieft. Schüler haben das Recht und können es von sich aus kaum verhindern, dass sie unbewusste und oft sehr mächtige Projektionen auf die Lehrerpersönlichkeit übertragen. Lehrer hingegen haben die Pflicht, so gut wie möglich darauf zu achten, dass sie auf die unbewusste Einladung zum Hochstilisieren der eigenen Grandiosität nicht eingehen. Sie erfüllen ihre Rolle nur, wenn sie die Dynamik durchbrechen und den Schülern dabei zu helfen, sich dieser Tendenzen bewusst zu werden, indem sie deren Innenreflexion und Selbstermächtigung unterstützen. Mit der Stärkung der Selbstakzeptanz lösen sich die Neigungen zu emotionalen Abhängigkeiten auf.  Ein Lehrer, der die Weisheit und Kraft in sich ausreichend gefestigt hat, weiß, dass die Schüler nicht durch die Vorzüge der eigenen Person weiterkommen, sondern durch das in ihnen wirkende Wachstumsmotiv. Er braucht keine Bestätigung durch Verehrung und Bewunderung. Die Hauptquelle der Befriedigung im Lehren liegt im Wohlgefallen am Wachstum der Schüler, und das sollte als Maß für die Neigung zu Bewunderung genügen.

Lehren ist Weitergeben von Empfangenem


Der Lehrer stellt den Rahmen und die eigene Erfahrung zur Verfügung, und innerhalb dieses Raumes entfalten sich die Selbstheilungskräfte und Wachstumsimpulse aus dem Inneren der Schülerin. Alles, was der Lehrer weitergeben kann, hat er von anderer Stelle erhalten. Lehren ist Bekommen und Geben in einem, oder, anders ausgedrückt, ein Weitergeben oder Durchfließenlassen. Keine Lehrerin ist im Besitz der Quelle und damit ihrer Lehrinhalte, vielmehr ist es die Quelle, die alles zur Verfügung steht, damit es möglichst im Geist der Selbstlosigkeit weitergegeben wird. Ihr gilt aller Dank und alle Verehrung. Das gilt sowohl im psychotherapeutischen Prozess als auch im spirituellen Lernen in Meditationsgruppen und Satsangs. Mehr braucht es nicht an Anerkennung für die leitende Person, außer sie hat eine noch nicht aufgelöste narzisstische Tendenz.

Der gesunde Teil in der Dankbarkeit besteht darin, das Geben und die authentische Präsenz der lehrenden Person anzuerkennen. Wer gibt, der soll bekommen, damit das Gleichgewicht hergestellt wird. Spirituell betrachtet: Geben und Nehmen kommen aus dem Ganzen, das über die Personen hinausreicht, doch die Personen danken sich gegenseitig stellvertretend für das Ganze. Jede echte Dankbarkeit, die ohne die Verehrung einer Person auskommt, schwächt den Narzissmus. Es kippt dort ins Ungesunde einer Abhängigkeitsfalle, wo dieses Gleichgewicht einseitig belastet wird und der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler unüberwindlich und fixiert erscheint, so als wären die beiden Ebenen des Lehrens und des Lernens durch zwei Klassen von Menschen getrennt. Oben ist der Lehrer in einer anderen Sphäre des Seins, unten das eigene suchende Ich.

Von einer höheren Perspektive aus betrachtet, gilt: Alle Menschen sind gleichermaßen wertvoll und gleichermaßen durchschnittlich. Einer kann dies besser, ein anderer jenes. Einer kann Stabhochspringern, eine andere Integrale ausrechnen oder Beethoven-Sonaten spielen. Einer kann Satsangs geben oder Meditationen leiten, eine andere hat ein tiefes Verständnis für die Probleme anderer. Niemand ist aufgrund seiner persönlichen Fähigkeiten und Leistungen ein besserer Mensch; niemand ist verehrungswürdiger als irgendjemand anderer. Jeder verdient Anerkennung und Wertschätzung für das eigene Wesen, und all das geht ohne narzisstische Verstrickungen.

Montag, 25. Januar 2016

Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit

Fehler, Nachlässigkeiten und Vergesslichkeiten hauen uns leicht aus dem Flussmodus. Sobald wir bemerken, dass wir etwas übersehen haben, was wichtig gewesen wäre, oder nicht bemerkt haben, was uns hätte auffallen müssen, oder dass wir etwas gemacht haben, was sich als peinlich herausgestellt hat usw., beginnen wir mit Selbstgeißelung, vor allem, wenn es mit Nachteilen für uns verbunden ist: Die Eingangstür „ist zugefallen“ und der Schlüssel ist drin, die einzige Rettung ist der Schlüsseldienst und der lässt sich den Spaß kosten. Wir sind während des Kochens zum Telefon und haben vergessen, die Kochplatte zurückzudrehen, bis uns der Geruch daran erinnert und wir das verkohlte Essen entsorgen müssen. Wir haben einen anspruchsvollen und wichtigen Text geschrieben und vergessen, ihn abzuspeichern. Oft gehen wir schlimmer auf uns selber los als der ärgste Kritiker, den wir in unserer Umgebung oder aus unserer Kindheit kennen. Gnadenlos beschimpfen wir uns selber oder bestrafen uns, indem wir tagelang an nichts anderes denken als an das unrühmliche Vorkommnis und dabei das schlechte Gefühl wieder und wieder wachrufen.

Klar, die Selbstabwertung bringt nichts, wir fühlen uns zwar scheinbar besser dadurch, weil wir etwas von dem Dampf ablassen, der durch den Stress entsteht. Wir ersetzen den schlimmeren Stress durch einen leichteren und kontrollierbareren, weil uns ja klar ist, dass wir selber die Täter gegen uns sind.

Einfacher ginge es, ein paar bewusste Atemzüge zu nehmen und dabei entspannt auszuatmen. Damit verringert sich der Stress. Der Fehler ist passiert und nicht mehr rückgängig zu machen. Der Ärger über uns selbst hilft uns auch nicht, in Zukunft den oder einen ähnlichen Fehler wieder zu machen, genausowenig wie die Schelte unserer Eltern verhindert hätte, dass wir wieder etwas Schlimmes gemacht haben.

Wir können alles, was uns im Leben widerfährt, und vor allem unsere Fehlleistungen als Achtsamkeitstraining nehmen: Im Moment bei dem bleiben, was gerade geschieht und bei dem, was gerade zu tun ist. Dann kann nichts schief gehen. Und die besondere Übungsherausforderung besteht dann darin, nach einem Missgeschick so schnell wie möglich zur Achtsamkeit im Moment zurückzukehren, damit wir das tun, was zu tun ist, statt die Zeit und Energie zu vergeuden, indem wir uns anklagen und heruntermachen mit unseren beliebten „Hättichdochs“ und „Warumhabichnichten“.

Wir sind lebende Wesen und funktionieren deshalb nicht fehler- und klaglos. Wir sind nicht von einem perfektionssüchtigen Wesen erschaffen worden, sondern von einer Natur hervorgebracht, die den relativen Erfolg als pragmatisches Prinzip verfolgt. Fehler passieren und gehören dazu. Bekanntlich lernen wir aus Fehlern am besten oder sollten es zumindest. Denn wir sind Wesen mit unbegrenzter Lernfähigkeit und Flexibilität. Und eigentlich macht Lernen immer wieder auch Spaß.

Das Lernen mit Fehlern, die uns immer wieder unterlaufen, erledigen wir dadurch, dass wir neue Routinen einbauen und dann ins Unterbewusstsein absinken lassen, damit sie uns nicht mehr belasten. Dann haben wir wieder Zeit für den Flussmodus, der uns wohltut und Freude bereitet. Wenn wir also die Gewohnheit haben, unsere Schlüssel liegenzulassen, bauen wir eine neue Gewohnheit auf, den Schlüssel immer wieder an den gleichen Platz zu legen und/oder zu überprüfen, ob wir den Schlüssel eingesteckt haben, bevor wir die Türe hinter uns schließen.

Da ich im Moment einen launischen Computer habe, der unvorhersehbar und ohne Ankündigung mit seiner Arbeit Schluss macht, was mir schon einige Absätze Schreibarbeit gekostet hat, habe ich die automatische Speicherung auf eine Minute eingestellt, sodass höchstens der letzte Satz verlorengeht, und der ist meist noch im Kurzzeitspeicher im Hirn. In diesem Fall nimmt mir der Computer die Routine ab, die er durch seine eigene Fehlerhaftigkeit erfordert.

Es braucht einige Disziplin, für die wir unseren Funktionsmodus aktivieren müssen, um uns neue Gewohnheiten anzuerziehen, der Lohn dafür ist, dass nach einiger Zeit unser Unterbewusstsein übernimmt und uns erinnert, was zu tun ist, damit wir den Fehler vermeiden. Damit haben wir mehr Zeit für das achtsame Erleben der Gegenwart und weniger Anlass, gemein zu uns selber zu sein. Das Leben darf wieder fließen und wir mit ihm.


Vgl. Die Wurzeln der Selbstsabotage

Mittwoch, 23. Juli 2014

Wachstum und Lernbeziehung



In der Entfaltung des inneren Wachsens verändert sich unsere Beziehungskultur - in uns und mit unseren Mitmenschen. Im gleichen Maß, wie wir lernen mit uns selber besser umzugehen, lernen wir, mit anderen Menschen besser umzugehen. Der Weg zu einer hohen Qualität mitmenschlicher Beziehungen, wie wir sie uns alle wünschen, ist allerdings lang, mit vielen Stolpersteinen gepflastert. Er hat damit zu tun, wie wir unsere Fähigkeit, die Toleranzspannung zwischen Gleichheit und Individualität auszuhalten und auszuweiten. Dieser Prozess der Weitung unserer Liebesfähigkeit führt uns "notwendigerweise" an Engpässe und zu Problemzonen, in denen wir unbewusst die Kraft der wertenden Unterscheidung mobilisieren, um uns vor den Risken der Veränderungen zu schützen. Das wertende Unterscheiden soll also eine innere Not wenden.

Eine der Quellen von solchen Themen liegt in der neuen Erfahrung einer Lernbeziehung, in die wir mit einem Therapeuten oder eine Lehrerin/Meisterin eintreten. Diese Personen bieten eine Qualität des Verstehens, der Präsenz, des Ernstnehmens und der liebevollen Zuwendung, die anfangs als etwas ganz außerordentlich Besonderes und Wertvolles begegnet. Denn es gibt in dieser Ausschließlichkeit dazu kein Vorbild, weder im Erwachsenenleben noch in der eigenen Kindheit. Da begegnet man nun auf einmal der idealen Mutter und dem idealen Vater, vereinigt in einer Person, und im Kontrast dazu verblassen alle anderen realen Beziehungen in der Gegenwart und in der Vergangenheit. 

Alle Mängel der aktuellen Kommunikationspartner werden vor dieser Folie überdeutlich negativ karikiert. Das führt zu unvermeidbaren Konflikten, weil bewusst oder unbewusst auch von den ungeübten und weniger bewussten Mitmenschen eine Güte an Klarheit und Herzenswärme eingefordert wird, zu der diese aufgrund ihrer eigenen frühen Beziehungsgeschichten nicht in der Lage sein können. Schließlich haben ja auch die vorbildhaften Meister der Kommunikation jahrelang an sich gearbeitet, um diese Qualitäten zu erwerben und zu entwickeln. Doch einmal in ihrer Wohltat erfahren, möchte man sie immer haben und versteht nicht, wenn sie einem von den Menschen, von denen man annimmt, dass sie einen liebhaben, "vorenthalten" wird. Diese Frustration schlägt schnell in Aggression um, die sich klarerweise aus den Wurzeln ähnlicher Erfahrungen aus den primären Beziehungen speist - kein gedeihlicher Boden für eine gelingende Kommunikation. 

In der Not geht die Fantasie zur Meisterin, die ganz anders und viel besser mit solchen Situationen umgehen würde. Wie liebevoll würde sie reagieren, wie offen und verständnisvoll. Die Fantasien verdoppeln die Frustration, weil die Meisterin, so wertvoll ihre Präsenz erfahren wird, nicht die ganze Zeit da ist und ihre außergewöhnliche Zuwendung nur in einer zeitlich begrenzten Form geben kann, während die Person, die die ganze Zeit da ist, ihr nicht nur nicht das Wasser reichen kann, sondern vielmehr noch ein negatives Abbild dazustellen scheint.

Vor allem in den Anfangszeiten einer therapeutischen und spirituellen Lernbeziehung entwickelt sich folglich eine imaginäre Dreiecksbeziehung. Der Therapeut oder die Meisterin ist fortwährend vorhanden, und die alltäglichen Beziehungserfahrungen werden andauernd bewusst und noch mehr unbewusst mit den Beziehungsqualitäten, die die bewunderte und verehrte Person aufweist, verglichen. Aufgrund der Herausgehobenheit der therapeutischen Kommunikation aus dem Alltag ist der Vergleich natürlich unfair. Mit einem spirituellen Lehrer muss keine Einigung über die Haushaltsverantwortlichkeiten oder andere Notwendigkeiten des Alltags getroffen werden. Er kann leicht der ideale Beziehungspartner für ein paar Minuten oder Stunden sein, wenn es um nichts anderes geht als darum, mit den eigenen Problemen und Schwierigkeiten verstanden zu werden.

Dennoch übertragen wir die Erfahrung, so besonders gut oder tief verstanden worden zu sein, auf die Menschen um uns herum. Der Wunsch nach Begegnung in einer solchen Atmosphäre ist ein stark in uns verwurzeltes Bedürfnis, das uns vom Anfang unseres Lebens an begleitet, dass klar ist, dass wir uns das wünschen müssen. Wir haben im Lauf unseres Aufwachsens gelernt, darauf zu verzichten, weil sie so spärlich vorhanden war. Irgendwann haben wir vergessen, wie bitter wir sie  notwendig haben, um uns geliebt zu fühlen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo uns dieses Gesehenwerden wieder zuteil wurde, haben wir angenommen, dass es eine derartige Qualität der Begegnung für uns ohnehin nie geben wird.

Nun, da sich gezeigt hat, dass sie uns doch geschenkt wird, erwachen unsere Wünsche und Sehnsüchte wieder, und wir erkennen, dass es zu unserem Geburtsrecht gehört, in unserem Sein und Wesen vorbehaltlos und bedingungslos angenommen und wertgeschätzt zu sein. Dieses Recht fordern wir damit logischerweise von unseren Mitmenschen ein. Sonst ist ja niemand da, der diesen Rechtsanspruch einlösen könnte. Je näher uns jemand steht, desto mehr sollte er zur Stillung dieses Bedürfnisses beitragen und desto mehr verletzt der Mangel daran. So wird die Erfahrung des Mangels proportional mit dem Grad an Vertrautheit aktiviert, was häufig dazu führt, dass die Konfliktintensität ebenso mit dem Grad an Nähe ansteigt. 

Der Ausweg aus Idealisierung und Abwertung


Es braucht weitere Schritte in der inneren Entwicklung, um sowohl die Idealisierung, die der Lehrperson gegenüber aufgebaut wird, wie auch die Irrealität der Forderungen an unsere Mitmenschen, insbesondere der uns Nahestehenden, zu durchschauen und loszulassen. Nach dem Modell der Phasen des inneren Wachsens geschieht es bei der Einübung in die dritte, die systemische Phase, dass wir die Relativität unserer Erfahrungen annehmen lernen. Wir erkennen die Beschränktheit der therapeutischen Kommunikation und ihre Nichtvergleichbarkeit mit anderen Situationen des sozialen Austausches. Wir erkennen, dass die Menschen um uns herum die gleichen oder ähnliche Mangelerfahrungen und Sehnsüchte haben wie wir selber. So nehmen wir die Ansprüche zurück, die wir an sie richten und tun uns damit leichter, die Kirchen im Dorf zu lassen: Wir können aus der therapeutischen oder spirituellen Kommunikation lernen und aufnehmen, was sie uns bieten kann, und zugleich wertschätzen, was uns die anderen Kommunikations- und Begegnungserfahrungen unseres Lebens tagtäglich schenken oder auch zu lösen aufgeben. Wir müssen nicht mehr das eine mit dem anderen vergleichen, sondern lernen, mit den unterschiedlichen Herausforderungen unterschiedlich umzugehen. 

So können wir unsere Lebenspartner von den Forderungen entlasten, die eigentlich unseren Eltern und frühen Erziehungspersonen gelten. Wir richten den Blick darauf, was sie uns geben können und wie sie für uns dasein können, um dafür die gebührende Dankbarkeit zu entwickeln, statt die Beschränktheit und Bedingtheit dieses Gebens zu bemängeln. Wir erwarten nicht mehr von den Partnern unseres Alltagslebens, dass sie unsere frühkindlichen Defizite ausgleichen, noch dass sie zu Kopien von Meistern, Lehrern oder Therapeuten werden, die wir kennenlernen konnten. Vielmehr erkennen wir, dass wir ihnen für das, was sie sind und wie sie sind, - wie sie für sich sind, und auch, wie sie für uns sind -, Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen können.

Und so können wir anfangen, die Orientierung umzudrehen: Statt auf die Füllung unserer eigenen Mangelerfahrungen zu dringen, die emotionale und kommunikative Unterernährung unserer Mitlebenden als Aufgabe für unsere eigene Liebesfähigkeit zu sehen. Wir schauen mehr darauf, was wir geben können, auch aus dem heraus, was wir im Lauf unseres bewussten inneren Wachsens gelernt und entwickelt haben, und weniger darauf, wo wir am meisten für uns selber profitieren könnten. Schließlich erfahren wir, wie viel Erfüllung darin liegen kann, die Qualität des Ernstnehmens und Akzeptierens, die wir in speziellen Kommunikationssituationen erleben durften, anderen weiterzugeben. Auf diesem Weg wird diese Qualität mehr und mehr zum Standardrepertoire unseres Beziehungslebens.

Damit nähern wir uns der vierten Stufe der inneren Entwicklung an, die im Teilen der bedingungslosen Form der Liebe besteht. Wir sind dann nicht mehr von unserer Bedürftigkeit gelenkt, sondern fühlen uns mit der Fülle des Seins verbunden, das uns immer genau das gibt, was für uns gut ist und uns immer einen Weg zeigt, wie wir besser für die Menschen um uns herum dasein können.

Beziehungsfallen für die Lehrperson


Aus der Not von Missverständnissen und Konfliktsituationen in den Beziehungen des täglichen Lebens wird der idealisierten Lehrperson ein besonderes Beziehungsangebot unterbreitet. Wiederum ist es vermutlich zum größten Teil unbewusst. Es besteht darin, dieser Beziehung eine herausragende Wichtigkeit und Bedeutsamkeit vor allen anderen Beziehungen einzuräumen. 

Je nachdem, wie gründlich sich ein Therapeut oder eine spirituelle Lehrerin mit den entsprechenden Ego-Anteilen auseinandergesetzt hat, die auf solche Beziehungsangebote reagieren, bemisst sich der Grad an Verantwortung, wie damit umgegangen werden kann. Im Fall einer unbewussten Schwäche im Bereich des eigenen Narzissmus wird das Angebot missbräuchlich aufgenommen: Der Lehrer nutzt die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wird, zur Füllung des eigenen Bedürfnisses nach Anerkennung aus. Entsprechend wird er die Beziehung zur Schülerin gestalten, sodass in ihr das Gefühl verstärkt wird, nur in dieser Beziehung ihr Heil finden zu können, statt ihre Fähigkeit zu stärken, alle ihre Beziehungen im Leben besser gestalten zu können und sich damit gut aus der Idealisierungsbeziehung zur Lehrperson lösen zu können.

Die Reife der Persönlichkeit zeigt sich daran, dass die Rahmenbedingungen der Lehrbeziehung klar unterschieden werden können von den Rahmenbedingungen der anderen Beziehungen, in denen sich die hilfe- und ratsuchende Person in ihrem Leben befindet. Ein weiterer Gradmesser dieser Reife liegt darin, die Stärkung der Autonomie und universellen Liebesfähigkeit in der Schülerin als oberste Richtschnur ihrer Förderung und Unterstützung zu nehmen. Es liegt an der Lehrperson, sich selber in dieser Rolle strittweise zurückzunehmen und überflüssig zu machen. Nur wenn sie die dafür notwendige Kraft und Bewusstheit hat, ist sie wirklich geeignet, das innere Wachstum von anderen Menschen zu begleiten und zur Entfaltung zu bringen. Wenn sie über diese Qualitäten verfügt, sorgt sie auch dafür, dass sich die zu Beginn des Beitrags geschilderten Projektionsphänomene nur im möglichst geringen Grad ausbilden. Je klarer also ein Therapeut oder spiritueller Lehrer die Besonderheit des individuellen Weges einer Schülerin erkennt auf und alles in seinen Kräften Stehende dafür einsetzt, damit dieser Weg zur Auflösung aller Abhängigkeiten von ihm selbst und damit zur Auflösung der Lehrbeziehung als solcher führt, desto leichter wird es der Schülerin fallen, sich in ihrem eigenen Beziehungsnetz harmonisch entwickeln zu können.