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Sonntag, 24. Juni 2018

Kreativitätshemmungen und ihre Lösung

Wie kommt es zu Hemmungen und Blockierungen in der kreativen Lebensorientierung? Und wie können wir zu unserer eigenen Aufgabe zurückfinden?

Das ist eine wichtige Frage, weil die besten Vorsätze und Idee wertlos sind, solange sie nicht in die Wirklichkeit umgesetzt sind. Wir haben tolle Ideen und Visionen, doch kommt es häufig vor, dass alles im Kopf oder im Reden bleibt, statt in Handlungen zu münden. Oft hapert es nicht an den Details, den Ressourcen oder anderen äußeren Bedingungen, sondern es sind emotionale und psychologische Hemmnisse, die sich in den Weg stellen und die Verwirklichung der besten Ideen verhindern. Dieser Blockierungen gibt es viele: z.B. kann man sich nichts zutrauen, auf eine besondere Eingebung oder Stimmung warten, die eigenen Schwächen überspielen, sich ablenken, sich mit unnötigen Aktivitäten stressen, andere für die eigene Bequemlichkeit verantwortlich machen usw. Schier unerschöpflich ist unser Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstsabotage. Unser Unbewusstes verfügt über seine eigene Form der Kreativität – im Verhindern von Kreativität für unsere Ziele und Ideen.

Reaktive Muster überlagern in solchen Fällen die kreative Orientierung wie Unkraut die Kulturpflanze, bis von ihr nichts mehr übrigbleibt. Irgendwann vergessen wir unsere schönen Ideen und begraben unsere tieferen Anliegen in der Schublade: „Geht eh‘ nicht“. Wir lassen zu, dass die Ängste und Komplexe, die aus unseren Traumatisierungen stammen, an die Macht kommen anstelle von dem, was wir selber wollen und was unser Wesen ausdrückt. Deshalb ist es für das eigene Weiterkommen und für ein erfülltes Leben wichtig, die bei einem selber beliebten und eingeübten reaktiven Verhaltensmuster, die sich in die Manifestationsprozesse einmischen, ausfindig zu machen und zu neutralisieren. 

Die Übung mit der Trennwand


Dazu kann die folgende Übung dienen: Stelle dir eine Trennwand oder Trennlinie in dir selbst vor. Auf die eine Seite kommen alle Aspekte und Emotionen, die aus der eigenen Belastungsgeschichte stammen, also die Traumaanteile der eigenen Psyche, die sich in diversen Handlungshemmungen ausdrücken. Sie gehören in die Therapie, oder zumindest in einen geschützten Bereich, in dem sie Zuwendung und Fürsorge, oder auch Ermahnung und Orientierung kriegen, mit fixer Zeitzusage (zu welchem Zeitpunkt ich mich um mein verletztes inneres Kind und seine vernachlässigten Bedürfnisse kümmern werde). Auf die andere Seite kommt die Kraft der eigenen Vision, die Überzeugung und Inspiration, die aus ihr entspringt, die Macht, die sie daraus bezieht, Teil der eigenen Lebensaufgabe zu sein. Mit der Rückvergewisserung des ureigenen Wollens kommen die Kenntnisse und Fertigkeiten, um die Kraft zu fokussieren und zu bündeln.

Nun kommt es darauf an, diese innere Unterscheidung in den Alltag zu übertragen. Wir nutzen das Bild der Trennwand: Ich entscheide mich, mir jetzt Zeit für die kreative Seite zu nehmen, und spüre in dieser Entscheidung die Kraft meiner Vision. Wenn Hemmungen auftreten, nehme ich sie wahr und lege sie bewusst beiseite, mit der Absicht und Zusage, mich ihnen später zu widmen. Jetzt gebe ich meine Energie und Konzentration in die Aufgaben, die sich aus meiner Vision ergeben. Jetzt nutze ich den Schwung, der sich aus der Kraft der Inspiration ergibt und setze zügig um, was zu tun ist. 

Zu einem späteren Zeitpunkt beende ich ebenso bewusst diesen Prozess der kreativen Verwirklichung, anerkenne mich für die erreichten Resultate, notiere mir, was noch zu tun ist und wann ich das erledigen möchte, und gehe anderen Tätigkeiten nach oder forsche nach den Ängsten, die hinter den Widerständen stecken, um sie durchzuspüren und zu entkräften.

Keine Kreativität ohne Tun


Kreativität beginnt zwar als inspiratives Abenteuer im Kopf und im kommunikativen Austausch. Sie wird aber erst real, wenn sie in der Wirklichkeit Gestalt annimmt, wenn also aktive Handlungen das Irreale real werden lassen. In diesem Prozess erschaffen wir Wirklichkeiten, die es vorher nicht gegeben hat, und bereichern die Welt mit unseren Inspirationen. 

Größe ohne Wahn


Es kann diesen Schöpfungsprozess auch erleichtern und von neurotischen Hemmungen befreien, wenn wir uns klarmachen, dass wir eher wie ein Kanal als wie ein originärer Schöpfer in der Manifestation von Visionen wirken. Wir „empfangen“ unsere Ideen und öffnen uns für die Energien, die wir für ihre Umsetzung brauchen. Unsere Leistung ist also mehr ein Wirkenlassen von Fähigkeiten, wir verdanken sie Kraft- und Inspirationsquellen, die uns gegeben sind, mehr als unserer Genialität. Mit dieser Sichtweise können wir erkennen und anerkennen, dass wir unser kleines Scherflein zum Wachsen dieser Welt beitragen, wie alle anderen auch, auf ihre ganz besondere Weise und in ihrer jeweiligen großartigen Kleinheit.

Auf diese Weise verbinden wir uns mit der Haltung der Demut und Dankbarkeit, indem wir all den Faktoren, die für unsere Kreativität förderlich und nährend sind, die gleiche Aufmerksamkeit geben wie unserer Anstrengung. Dann kann leichter das Gefühl und die Vorstellung in uns Platz greifen, dass wir durch uns hindurch fließen lassen, was wir manifestieren, statt anzunehmen, dass all unsere Schöpfung allein aus uns selber, aus unserem kleinen Ego stamme. 

Wir formen und gestalten diesen Fluss aus dem heraus, was wir sind, sodass immer auch ein individuelles Moment von uns in ihm mitschwingt, gewissermaßen unsere persönliche Duftnote, die die Schöpfung auch zu unserer macht. Und selbst da kann es uns wieder entlasten und befreien, wenn wir uns darauf besinnen, dass sich sogar diese so eigene Note vielfältigen Faktoren unserer Umgebung und unserer Geschichte verdankt. Auf diese Weise reinigen wir unsere Größe von jedem Wahn.

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego
Kreative und reaktive Fantasien

Mittwoch, 2. Mai 2018

Reaktive und kreative Lebensorientierung

Das Modell der beiden Lebensorientierungen stammt von Robert Fritz, der drei Bücher über das Manifestieren, also das Verwirklichen von inneren Zielen, geschrieben hat. Kurz gesagt, geht es bei der reaktiven Orientierung darum, dass wir aktiv werden, also zu einer Handlung schreiten, wenn der Druck oder der Ansporn von außen groß genug ist. Bei der kreativen Orientierung stammt das Motiv und der Impuls zum Handeln aus uns selbst. In Bezug auf die Motivation gleicht dieser Ansatz einem anderen bekannten Modell, nämlich dem von der extrinsischen und intrinsischen Motivation.

Vermutlich kennen wir aus unserem Leben beides. Es gibt Aufgaben, die wir erledigen müssen, weil jemand anderer das von uns will. Der Chef ordnet eine lästige Arbeit an, wir müssen sie ausführen. Andere Aufgaben müssen wir angehen, weil sich sonst unsere Lebensumstände verschlechtern. Wenn wir die Heizung nicht reparieren lassen, werden wir im Winter frieren. Also machen wir das, obwohl wir anderes gerade lieber tun würden. Der Wille kämpft mit dem Widerwillen, und dieser Kampf fordert Energie, die uns bei der effektiven Erledigung abgeht.

In der reaktiven Orientierung bestimmt die Außenwelt über uns, und unser Handeln dient der Anpassung an die Erwartungen und Forderungen, die von dort kommen. Wir kennen diese Einstellung gut, weil sie in vielen Situationen unseres Lebens im Vordergrund gestanden ist, sodass sie uns zur vertrauten Gewohnheit geworden ist. Sie ist der Grund dafür, dass wir oft Sachen unerledigt liegen lassen, Vorsätze vor allem dann nicht erinnern, wenn wir Zeit hätten, sie auszuführen, und schmerzliche Erfahrungen machen, wenn wir merken, dass wir uns oder anderen mit dem Liegenlassen von dringlichen Aufgaben Schaden zugefügt haben.

Reaktiv zu handeln bedeutet, passiv zu bleiben, solange der Druck von außen nicht zu groß ist. Das Muster spiegelt sich in Untugenden wie Faulheit, Bequemlichkeit und Zögerlichkeit. Wir verharren in unproduktiven Gewohnheiten und ausgedehnten Trotzphasen. Wir überantworten die Verantwortung für unser Leben nach außen.

Übrigens gibt es auch innere Mitspieler bei dem Muster. Auch innerer Druck kann uns in die Gänge bringen, zum Beispiel ein schlechtes Gewissen oder die Angst vor negativen Konsequenzen. Ein Kind räumt sein Zimmer auf, bevor die Mutter schimpft, weil es sonst sehr unangenehm werden könnte. Wir fangen eine Diät an, weil wir merken, dass wir uns immer schwerer tun, die Treppen hochzukommen. 

Die kreative Lebensorientierung

Die kreative Lebensorientierung geht von dem aus, was wir selber wollen. Wir haben Wünsche und Anliegen, die wir verwirklichen wollen. Niemand anders verlangt von uns, aktiv zu werden, und es sind auch nicht die äußeren Umstände, die uns zum Handeln zwingen. Vielmehr geht es darum, etwas in die Wirklichkeit zu bringen, das wir aus uns selber anstreben und dessen Realität uns mit Freude erfüllt.

Wir sind wie ein Kind, das einen freien Tag vor sich hat. Es spürt einen Impuls und fängt an, herumzutanzen. Es sieht ein Spielzeug und erfindet ein neues Spiel. Es entdeckt einen neuen Gegenstand auf dem Schreibtisch und erforscht ihn. Jeder Moment bringt eine neue Idee, und gleich wird sie umgesetzt. Es folgt dem, was seinem inneren Wollen gerade entspricht. So kommt es zu einer lebendigen und spontanen Interaktion zwischen Innen und Außen.

Die kreative Lebensorientierung ist mit dem Ausdruck unserer Freiheit verbunden. Sie beginnt ihre Wirksamkeit mit „Ich will“, also mit einer inneren Willensentscheidung, mit dem Festlegen auf eine Bestrebung, die zur Vision wird, um in der Wirklichkeit Gestalt anzunehmen. Es sind also die inneren Impulse, die mit der Willensinstanz in Verbindung treten und von dort die Kraft beziehen, um Handlungen setzen zu können, die die Realität in Richtung auf die Vision verändern. Unbewusste und bewusste Anteile spielen auf konstruktive Weise zusammen, sodass die ganze Persönlichkeit hinter dem Schaffensprozess stehen kann, der sich jetzt entfaltet. Auch stehen die unbewussten Energien als Hilfskräfte für diesen Prozess zur Verfügung, statt, wie im Fall der reaktiven Orientierung, die Widerstände und Hemmnisse zu verkörpern. Die kreative Lebensorientierung ist durch eine übereinstimmende Ausrichtung von bewusster Planung und Zielsetzung mit vom Unbewussten bereitgestellten Ressourcen gekennzeichnet. 

Mit der kreativen Lebensorientierung treten wir aus einer abhängigen Position, die das eigene Tun von den Anforderungen der Umgebung bestimmen lässt, in diejenige des aktiven selbstgesteuerten Handels. Sie beinhaltet die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln, ohne dem Druck von außen oder von inneren unbewussten Ängsten zu folgen. Die autonom handelnde Person tritt ins Zentrum des eigenen Lebens und agiert von hier aus mit ihren schöpferischen Entwürfen in die Zukunft.

Die kreative Lebensorientierung bildet dennoch keine Grundlage für eine isolierte und selbstbezogene Durchsetzung von Einzelinteressen. Die Quelle der Handlung liegt im Individuum, das sich in der Aktivität immer mit der Umgebung, mit anderen Menschen und mit den Außenbedingungen der bestehenden Realität abstimmen muss. Auch das autonom handelnde Individuum ist oft auf Hilfe und Unterstützung von anderen angewiesen. Es kann nicht willkürlich seine eigenen Zwecke zum Nachteil anderer verfolgen.

Bin ich kreativ?


Manche Menschen vergleichen sich mit anderen und denken, sie sind nicht kreativ. Sie glauben, dass kreative Menschen jeden Tag ein Gedicht schreiben oder ein Bild malen, dass sie, vom Schaffensrausch gepackt, in ihre künstlerische Arbeit vertieft sind, alles um sich herum vergessen, bis sie dann tief in der Nacht ihr Werk vollenden. Diese Klischees decken das Feld der Kreativität bei weitem nicht ab. Kreativität ist nichts anderes als spontaner Lebensausdruck, vom bezauberten Betrachten einer Frühlingsblume über das Genießen des Moments in einem bewussten Atemzug zum Gestalten eines Mittagstisches oder Arrangieren von Möbelstücken bis zu Ideen, Projekten und Visionen, die irgendwann im Tagesverlauf zu unterschiedlichen Lebensthemen auftauchen. Eine Erfahrung humorvoll zu kommentieren ist kreativ, ebenso wie eine Wendung, die einen Streit entschärft.

Kreativität gibt es überall dort, wo aus dem Inneren, meist angeregt durch Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, Neues auftaucht. Wenn etwas in Bewegung kommt, was vorher starr oder monoton war, meldet sich Kreativität. Sie ist nur ein anderes Wort für Flexibilität und Spontaneität. Wir brauchen also nur unsere Gewohnheiten ändern – in unseren Wahrnehmungen, Bewegungen, Verhaltens- und Denkweisen –, und schon sind wir kreativ. 

Kreativität und Verwirklichung


Kreativität erschöpft sich nicht darin, Ideen und Visionen im Kopf zu erschaffen. Wenn wir etwas aus uns heraus wollen, soll es auch wirklich werden, also eine äußere Realität annehmen und damit einen Unterschied in der Welt erzeugen. Nicht alles, was wir uns im Kopf erträumen, wird irgendwann das Licht der Welt erblicken; vor allem, wenn wir über eine lebhafte Fantasie verfügen, dienen manche Ideen nur einem momentanen Enthusiasmus und werden rasch wieder vergessen. Wirkliches Wollen ist mehr als versonnenes Wunschdenken, denn im Wollen steckt die Bereitschaft, etwas zu tun, aktiv zu werden, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Wir machen uns auf zu den Mühen der Ebene, wo sich jede hochfliegende Idee erst bewähren muss. Umso größer sind dann Befriedigung und Freude, wenn sich das Vergießen des Schweißes gelohnt hat und ein Projekt unseres kreativen Wollens greifbar vor uns liegt. 

Im Wollen steckt Begeisterung: Von unserem Geist andere für ihren Geist anzustecken, sodass ein gemeinsamer Geist uns beide beflügelt. Inspiration, das Einhauchen des Geistes ist es, was in der manifesten Kreation geschieht. Der Wirklichkeit, dem ganzen Sein wurde ein neues Geistwesen geschenkt. Alles, was das Ganze reicher macht, erhöht den Reichtum jedes Teils.

Deshalb dient es uns selber und auch allen anderen, wenn wir uns möglichst viel aus der reaktiven in die kreative Orientierung bewegen. Wir fühlen uns in Übereinstimmung mit uns selbst und beschenken dazu noch andere.

Bücher von Robert Fritz: 
The Path of Least Resistance (1989)
Creating (1993)
Your Life as Art (2003)

Mehr Informationen:
Birgit Ehrmann-Ahlfeld: Mental fit - ein Leben lang. Liber libri 2001


Zum Weiterlesen:
Kreative und reaktive Fantasien
Kreativitätshemmungen und ihre Lösung
Die Manifestation und das Ego
Ego-Bestätigung und Berufung

Donnerstag, 20. März 2014

Ego-Bestätigung und Berufung

Ist das, was wir tun, auch wenn wir es mit Engagement und Enthusiasmus machen, von unserem Ego angetrieben oder folgen wir dabei einem höheren Ruf, dem genuinen Ausdruck unseres wirklichen Selbst?

Shelley Prevost, eine US-Managementberaterin, weist in einem Artikel zu diesem Thema darauf hin, dass sich die Ideen des Egos und der “Ruf” oder die innere Berufung sehr ähneln können. Beide ziehen uns in die Richtung der Verwirklichung und beschäftigen unser Innenleben. Sie können sich auch in vergleichbaren Ergebnissen niederschlagen: Geld, Ruhm, Macht. Und beide können uns bis zur Erschöpfung herausfordern.

Wie können wir also den Unterschied herausfinden? Shelley Prevost beschreibt fünf Unterscheidungsmerkmale, die hier frei kommentiert werden.

1. Das Ego hat Angst, nichts zu haben oder nichts zu tun. Der Ruf fürchtet, sich nicht ausdrücken zu können oder nicht gehört zu werden.

Das Ego ist von Angst getrieben. Es will unsere Identität aufrechterhalten und fürchtet die Wertlosigkeit und Missachtung. Deshalb treibt uns das Ego zu mehr Leistung. Es verwendet dazu gerne das „Müssen“ und „Sollen“ und hofft, durch mehr und mehr Leistung mehr Wert und Anerkennung zu bekommen.

Ein Ruf drückt sich still aus und wird an subtilen Spuren in unserem Leben sichtbar. Es geht ihm mehr darum, dass wir etwas Authentisches in die Welt einbringen, wie oder wieviel wir das tun, ist sekundär.

2. Das Ego braucht die Angst zum Überleben. Der Ruf braucht die Stille zum Überleben.


Das Ego wird aktiv, wo wir Unsicherheiten bemerken. Es will diese reparieren. Es braucht also einen Mangelzustand, in dem sich eine Angst versteckt, um in Aktion zu treten. Aus dieser Spannung heraus zieht es seine Motivation, und wenn der Mangel behoben ist, setzt es sich wieder zur Ruhe. Allerdings kennen wir in den Tiefen unserer Seele Mangelzustände, die mit noch so viel Tun nicht gestillt werden können, sondern wie der Esel mit der berühmten Karotte vor der Nase nie ans Ziel der Erfüllung gelangen.

Ein Ruf dagegen erreicht uns, wenn wir uns Zeit für die Innenschau nehmen. Wir müssen dazu aus der lauten Umgebung heraustreten und in uns selbst hineinhorchen. Wir müssen also weitgehend frei von Ängsten sein, um diese besondere und deutliche Stimme in uns wahrzunehmen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns solche Aus-Zeiten nehmen, die wir uns selbst und dem zu uns selbst Kommen widmen. Erst wenn wir uns gut in dieser Innenschau auskennen und erkennen, wissen wir, was es ist, was wir wirklich selber wollen, unterschieden von dem, was andere von uns erwarten (wobei zu den anderen auch jene Stimmen zählen, die wir von außerhalb von uns übernommen haben, die wir aber schon längst mit unserer eigenen Stimme sprechen lassen, so als wäre das unsere „wirkliche“ innere Stimme).

3. Das Ego zeigt sich als Burnout. Der Ruf zeigt sich als Erfüllung.

Shelley Prevost meint, dass es beim Burnout nicht darum geht, zu viel von sich zu geben, sich also selbst auszubeuten, sondern darum, etwas zu geben versuchen, was wir gar nicht haben. Das Ego endet im Ausgebranntsein, weil es Ressourcen konsumiert, über die wir nicht verfügen, um eine bessere Version von uns selbst zu produzieren.

Anders gesagt, drängt uns das Ego in einen permanenten Stresszustand, in dem wir ständig unsere Reserveenergien aufbrauchen, ähnlich wie eine Bank, die ihr Stammkapital in die Expansion pumpt, bis der Zusammenbruch kommt. Im Angstzustand verbraucht unser Nervensystem seine Ersparnisse, und wenn kein Entspannungszustand folgt, ist der Kollaps unausweichlich.

Weil eine Berufung der Ausdruck unseres wirklichen Wesens ist, kann es nur in der Erfüllung enden. Damit ist ein Gefühl tiefer Befriedigung gemeint, das entsteht, wenn wir etwas tun, was wir wirklich lieben und in dem wir etwas ganz Besonderes von uns selbst ausdrücken können. Wir können in diesem Ausdruck auch an die Grenzen unserer Belastbarkeit gehen, doch folgt aus dem Geschaffenen selbst der Wechsel in einen Zustand tiefer Entspanntheit, wie er im Glücksgefühl des gelungenen Tuns enthalten ist.

4. Das Ego ist auf Resultate fixiert. Der Ruf ist auf den Prozess fixiert.

Weil das Ego die Angst durch mehr Leistung bewältigen will, starrt es besonders stur auf die Ergebnisse der Bemühungen. Ohne die Befriedigung eines strahlenden Ziels hat all das Streben keinen Sinn.

Ein Ruf entfaltet sich in der Selbstentdeckung. Er kommt von innen und kann nur erscheinen, wenn wir der Entwicklung unseres Lebens aufmerksam folgen. Statt hektisch auf ein Ziel hinzurackern, können wir die Spannung zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was unsere Vision ist, gut aushalten. Selbst aus dieser Spannung kann noch etwas Wichtiges gelernt werden.

5. Das Ego will sich selbst erhalten. Der Ruf will andere mit einschließen.


Das Ego ist mit Selbsterhaltung und mit der Konservierung der eigenen Bedürfnisse beschäftigt. Es ist vielleicht interessiert daran, anderen zu helfen. Aber das tut es nur, wenn es dem Erhalt der eigenen Identität dient.

Ein Ruf beginnt vielleicht beim Ausdrücken und Darstellen des eigenen Selbst. Er bewegt sich jedoch von selbst weiter zu den Bedürfnissen anderen. Ein Ruf schließt immer mehr ein als das kleine Ich, für das wir uns halten. Er geht über uns hinaus in die Welt, weil er auch von dort zu uns gekommen ist.

Vgl. Das Ego und die Manifestation

Freitag, 12. Juli 2013

Die Manifestation und das Ego

Die weise, befreite Person kennt in ihrer idealen Form keine Begierden mehr. Materielle Dinge sind ihr nicht wichtig. Sie nimmt alles so, wie es ist, und bewegt sich von Moment zu Moment. Sie setzt sich keine Ziele, weil sie der göttlichen oder universellen Weisheit vertraut, immer das Richtige und Gute ins Werk zu setzen.

Geht es beim Setzen, Verfolgen und Verwirklichen eigener Ziele und Wünsche also um Aktivitäten, die unserem Ego und seiner Ausweitung dienen? Wollen wir dabei unsere selbstsüchtigen und eigennützigen Interessen durchsetzen und unser neurotisches Sicherheitsbedürfnis durch die Anhäufung von Gütern und das Sammeln von persönlichen Erfolgen bewältigen? Sind die Techniken und Methoden, die wir dabei nutzen, manipulativ - uns selbst und anderen gegenüber?

Kreative und reaktive Lebensorientierung


Ein wichtiger Teil unseres Lebens besteht daraus, dass wir uns Ziele setzen. Das Erreichen dieser Ziele gibt uns ein besonderes Gefühl, wir erleben uns selbst als lebendig und erfüllt. Wir sind stolz auf uns und auf das Geschaffene und schöpfen aus unseren Erfolgen die Energie für neue Ideen und 
Projekte. 

Wir können dieses Lebensmuster nach Robert Fritz als kreative Lebensorientierung bezeichnen. Sie geht von dem aus, was in unserem Inneren als Wunsch oder Wollen entspringt, als Idee, die zur Verwirklichung drängt. Die Schlüsselfrage dazu ist: Ist das (mein Wunsch, meine Idee, meine Vision) etwas, das ich will? Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass in der Frage sowohl das "Ich" als auch das "will" betont werden kann. Kreatives Schaffen kommt also nicht aus einem Sollen oder Müssen, sondern entspringt der Freiheit. Und es ist etwas, das wir selbst wollen, und nicht etwas, wozu uns andere drängen oder zwingen.

Im Gegensatz zur kreativen Orientierung kommt die Motivation bei der reaktiven Orientierung nicht von innen, sondern von außen (extrinsische Motivation). Wir werden aktiv, weil die Probleme einen (Leidens-)druck erzeugen, weil wir handeln müssen, damit es nicht noch schlimmer wird. Sobald das Problem gelöst und der Druck erleichtert ist, versiegt der Impuls wieder, und wir werden passiv, solange, bis sich das nächste Problem meldet.

Zur kreativen Lebensorientierung brauchen wir die Fähigkeit, Verantwortung für unsere Gefühle, Motivationen und Handlungen zu übernehmen. Wir akzeptieren in uns selber keine Ausreden, die uns von der Verwirklichung unserer Ziele abbringen wollen. Wenn wir Pausen einlegen (sei es, um uns von der Anstrengung der Arbeit an einem Ziel zu erholen, sei es, um ein Projekt gegenüber einem anderen zurückzustellen), so sind sie in die kreative Orientierung einbezogen. Das Nichtstun in einer Erholungsphase verstehen wir als notwendig zur Herstellung der inneren Balance und zur Regeneration für die Mühen der kreativen Arbeit.

Nach der Transaktionsanalyse ist das Erwachsenen-Ich die Instanz, die selbstverantwortlich Ziele verwirklicht. Es holt sich dafür zwei Unterstützungsquellen aus der Seelenlandschaft: die einen stammen aus den heil gebliebenen Anteilen des Kindheits-Ichs, die anderen aus der transpersonalen Sphäre. Das gesunde Kindheits-Ich steuert z.B. die Neugier, das Experimentieren, das Abenteuerliche und das Staunen bei, während aus der transpersonalen Ebene Reflexionen wie die Besinnung auf den Zweck des eigenen Lebens, die Idee des Dienens in allen Handlungen, eine Berufung oder ein innerer Ruf nützlich sein können.

Mit Hilfe dieser Kräfte bringt das Erwachsenen-Ich seine Qualitäten ein, die in dem Mobilisieren der notwendigen Ressourcen, in der Planung und der Abschätzung der Risken bestehen. Es prüft auch die Bedingungen der jeweiligen Umgebung, in die das Projekt hineingeboren werden soll und berücksichtigt möglichst viele Faktoren, um es zum Nutzen aller zu gestalten.

Hindernisse auf dem Weg zur Manifestation 


Was passiert, wenn wir einen Wunsch haben, der sich wie ein tiefer innerer Ruf anfühlt, wir auch viel Motivation aus unseren leidenschaftlichen und neugierigen Anteil ziehen können, und trotzdem nicht weiterkommen? Es kann sein, dass sich unser Ego eingeschlichen hat, das sich erst selbst zufriedenstellen will, ehe es sich dem größeren Ganzen unterordnen kann.

Viele unserer Wünsche kommen aus unbefriedigten kindlichen Anteilen, aus den verletzten Erfahrungen des Kindheits-Ichs. Ihre Erfüllung soll diese Defizite auffüllen oder ausgleichen. Doch irren wir, wenn wir meinen, durch Erfolge als Erwachsene Wunden aus unserer Kindheit heilen zu können. Dazu ist es notwendig, all die Gefühle von Wut, Schmerz und Hilflosigkeit, die mit solchen frühen Erfahrungen verbunden sind, zu durchleben, also therapeutisch aufzuarbeiten. 

Geschieht das nicht, so können sich die unerlösten Ego-Anteile als häufig subtile Blockaden äußern. Wir verrennen uns in Projekte und erkennen nicht, wann der richtige Zeitpunkt ist, auszusteigen oder aufzuhören. Oder wir machen immer das, was einmal Erfolg hatte, bis wir scheitern. Oder wir setzen uns Ziele, die uns ein paar Nummern zu groß sind, die unsere Kräfte und Möglichkeiten übersteigen, und programmieren damit unser Versagen.

Wenn wir ein Ziel nicht erreichen, kann es also sein, dass sich ein reaktiver (kindlicher) Anteil eingemischt hat. Dabei erweist sich meistens, dass ein solcher Ego-Anteil die transpersonalen Ressourcen blockiert, was der Fall ist, wenn wir z.B. etwas aus Gier erreichen wollen. 

Gier als Ego-Aufblähung


Gier kann als Motor zum Erreichen eines Zieles dienen, doch bringt dieses Ziel, kaum ist es erreicht, keine Erfüllung, sondern fordert nur mehr von Demselben. Es kommt kein weiterer kreativer Zyklus in Gang. Statt dessen läuft sich der Gier-Prozess irgendwann zu Tode und endet häufig in der Depression Dagobert Ducks inmitten seines Berges aus Goldmünzen.

Die Struktur der Gier bildet sich in der Zahlenreihe ab. Deshalb sollten wir darauf achten, Ziele nicht mit Zahlen in Verbindung zu bringen. Die Zahlenreihe ist nach oben hin ins Unendliche hinein offen. Wenn wir uns als Ziel vornehmen, über eine Million zu verfügen, fordert das Ego sofort mehr davon, am besten die nächste Million usw. Wir verfangen uns in der Falle des materialistischen Bewusstseins, in der Welt der an Zahlenreihen aneinander aufgefädelten Dinge. In dieser Welt gibt es keine innere Erfüllung, sondern nur die kurzfristig wirksame Befriedigung von Mangelerfahrungen. Zahlen sind so abstrakt, dass sie kein Leben und keine Gefühle beherbergen können. Zahlen können auf alles und jedes angewendet werden und verhalten sich völlig gleichgültig dem gegenüber, was gezählt wird. 

Ziele, die aus unserem Herzen oder aus unserer Seele kommen, brauchen keine Zahlen, sondern fließende Gefühle, Farben, Töne und Gerüche, sie brauchen Qualitäten statt Quantitäten. Solche Ziele beginnen in unserer Fantasie ein reichhaltiges und buntes Leben zu entfalten, lange bevor sie das Licht der Welt erblicken. Nur solche leb- und leibhaftige Ideen drängen von sich aus zur Verwirklichung, sodass wir uns ihnen nur mehr als Assistenten zur Verfügung stellen brauchen.

Manifestation und äußerer Erfolg


Es liegt nicht in deiner Hand, ob aus deiner Schöpfung ein Erfolg in der Welt der Dinge wird. Es ist wichtig, die Fixierung auf den äußeren Erfolg wie auf den äußeren Misserfolg loszulassen und weiter im kreativen Schaffensprozess zu bleiben. Die kreative Orientierung entfaltet in sich genügend Freude und Genuss, Erfüllung und Bestätigung, dass sie nicht auf äußere Bestätigung angewiesen ist. Für das kreative Schaffen ist es nebensächlich, wieviele Menschen das eigene Produkt oder den eigenen Dienst positiv aufgreifen. 

Ab wann definieren wir überhaupt eine gelungene Verwirklichung als Erfolg? Soundsoviele Exemplare eines Buches müssen verkauft sein, soundsoviel muss ich damit verdienen, soundsowenig darf eine neue Erwerbung kosten... Wir sind hier wieder in der Welt der Zahlen gelandet und ihrer Relativität ausgeliefert. Äußerer Erfolg kann uns innerlich nicht erfüllen, sondern entfesselt allenfalls die Gier nach mehr und mehr.

Es kann zwar frustrierend werden, wenn der Erfolg immer nur im Inneren bleibt, wie bei einem Maler, der hochbeglückt über seine Bilder ist, aber niemanden findet, der sie ihm abkauft. Aber da ist das Erwachsenen-Ich gefragt, um dem eigenen Schaffen auch ein gebührendes äußeres Auftreten zu verleihen, indem es z.B. jemanden sucht, der die Vermarktung der Bilder übernimmt.

Manchmal spielt ein übertriebener Stolz die Rolle des Erfolgverhinderers. So mancher kreativ Schaffender fühlt sich im eigenen Schaffensdrang anderen Menschen überlegen und verachtet sie wegen ihres Unverständnisses. Beleidigt auf die Ignoranz der Welt bleibt er lieber auf seinen Bildern sitzen als sie zu Verkauf anzubieten.

Es gibt aber auch eine gute Rolle des Stolzes. Das Ego will, darf und soll sich über die Fertigstellung eines Produkts, über das Erreichen eines Ziels und die Erfüllung eines Wunsches freuen. Denn ein Ego, das sich freut und sich selbst anerkennen kann, ist lebendig und unterstützt den kreativen Prozess. Es hilft mit, dass nach dem Erfolg die schöpferische Energie wieder freigesetzt wird, um neue Ziele anzustreben.

Egofreie Manifestationen


Wir erkennen, dass ein Ziel von der transpersonalen Sphäre unterstützt wurde, daran, dass wir durch seine Verwirklichung beglückt werden, eine anhaltende Erfüllung spüren, die sich auch dann wiederherstellt, wenn wir uns an das Ereignis zurück erinnern. Es ist, als würde das Universum zustimmen, dass hier eine qualitative Bereicherung stattgefunden hat. Solche Ziele haben auch die systemische Prüfung absolviert, d.h. sie suchen den Einklang mit den Erfordernissen und Bedürfnissen der jeweiligen Umwelt. 

Das Ego findet sich in dieser Form des kreativen Prozesses nur mehr an den Rändern. Er lässt sich nicht durch Selbstzweifel, äußere Kritik oder Selbstüberschätzung aus der Bahn werfen, sondern kann die vielfältigen und subtilen Ängste des Egos rechtzeitig erkennen und beruhigen.

Der kreative Schaffensprozess geht damit Hand in Hand mit der inneren spirituellen Entwicklung und ist ein zentraler Teil einer integralen Lebenspraxis, die die eigenen Aktivitäten auf den größtmöglichen Nutzen für alle und für das Ganze ausrichtet.

Das Leben lädt jeden Menschen immer wieder ein, das Eigene, das unverwechselbar Individuelle beizusteuern. Damit wird das Fließen des Ganzen bereichert und verschönert. Alles, was aus dem tiefen Inneren eines Menschen kommt, erleichtert und erfrischt den gesamten kreativen Lebensfluss. Insofern besteht die weise Lebensführung in nichts Anderem als im beständigen Mitfließen, im gebenden und nehmenden Austauschprozess zwischen dem Ganzen und dem Individuellen.

Literatur: 
Robert Fritz: The Path of Least Resistance. Ballentines 1989
Birgit Ehrmann-Ahlfeld: Mental fit - ein Leben lang. Liber libri 2001
Zur Transaktionsanalyse: Thomas Harris: Ich bin o.k., du bist o.k. Rowohlt 1975

Vgl. Ego-Bestätigung und Berufung