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Freitag, 23. August 2019

Durch Ambivalenzen wachsen

Wir sind widersprüchliche, keine aus- und durchharmonisierte Wesen. In unserem Fühlen, Wollen und Denken melden sich unterschiedliche und oft gegensätzliche Strebungen. Stellen wir uns ein voll harmonisches Musikstück vor, ohne Gegensätze und Spannungen – wie lange braucht es, bis es uns fad wird? Die Musik wird lebendig, wenn der jeweils nächste Ton als Überraschung kommt, einen unvorhersehbaren Akzent trägt und möglicherweise dem entgegensteht, was vorher war. Auch ein Bild ohne Kontraste vermag uns nicht zu fesseln. Und Romane brauchen alle paar Seiten unvorhersehbare Wendungen, damit wir sie nicht weglegen. Kreativität entsteht, wenn ein gewohnter Verlauf unterbrochen wird, nicht wenn er gleichmäßig und vorhersagbar weiterfließt. 

Wir brauchen also einige Toleranz für Ambivalenzen, falls wir kreativ sein wollen. Wir müssen es aushalten können, dass wir uns in ein unbekanntes Terrain begeben, in dem uns Überraschungen begegnen, die angenehm oder unangenehm sein können. Mit dieser Bereitschaft können wir die Widersprüchlichkeiten in unserer inneren Erfahrungswelt nutzen und in interessante Beiträge zur schöpferischen Wirklichkeit übersetzen. 


Blockierende Ambivalenzen


Es gibt aber auch Gegensätze, die uns zu schaffen machen, soweit, dass sie uns lähmen können. Denn Unterbrechungen können abrupt und intensiv auftreten, wie es Schocks tun. Sie reißen uns aus dem, was gerade ist, und katapultieren uns von einem Zustand in den anderen, meist von einem angenehmen in einen unangenehmen. Ein Schock führt nicht zu Kreativität, sondern zu Angst und Panik. Wir geraten schnell in starke Anspannung, manchmal sogar in einen Erstarrungszustand. Dann können wir unmöglich kreativ sein, sondern können uns nur darum kümmern, wieder in einen Normalzustand zurückzufinden.

Wenn die Spannungen zwischen zwei oder mehreren Polen zu stark werden, wirkt sich die Ambivalenz störend auf die innere Lage aus. Und besteht ein intensiver Spannungszustand zu lange, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden. Diese reichen von Verdrängung über Dissoziationen bis zu körperlichen Erkrankungen. Denn das Immunsystem wird durch chronifizierte innere Spannungen in Mitleidenschaft gezogen und dadurch Viren und Bakterien leichteres Spiel gewähren.

Blockierende Ambivalenzen weisen auf einen tieferen Grund in uns selber hin. Sie machen uns auf sehr frühe Traumatisierungen aufmerksam, die uns widerfahren sind. Wenn z.B. die Mutter oder eine andere wichtige Bezugsperson unsere Kontaktangebote, unser Bedürfnis, unsere Liebe zu teilen, ignoriert oder ablehnt, sind wir gefangen in dem Konflikt, uns anzupassen oder unseren Weg zu Autonomie und Liebesfähigkeit zu finden (vgl. den vorigen Blogbeitrag).


Ambivalenzen in Beziehungen


In Beziehungen und Partnerschaften suchen wir die Übereinstimmungen und leiden an Disharmonien, vor allem wenn sie in Streitereien münden. Wir sehnen uns danach, dass die andere Person unsere Meinungen, Ansichten und Überzeugungen teilt, dass unsere Gefühle eins zu eins verstanden werden und unsere Absichten und Ziele übereinstimmen. Unter diesen Voraussetzungen stellen wir uns das Leben einfach und glücklich vor. 

Noch besser wäre es vielleicht, – so geht die romantische Fantasie weiter –, gleich direkt mit der anderen Person zu verschmelzen und wirklich ein ununterscheidbares Eins zu werden, wie das manchmal von der sexuellen Begegnung erwartet wird. Miteinander verschmolzen gibt es keine Gegensätze, keinen Konflikt und keinen Streit. Das Ei, das sich laut Platon zerteilt werden musste, wird wieder eins*. Oder, wie es bei Immanuel Kant heißt: „Oh wundervolle Harmonie, was er will, will auch sie.“ Es kann doch keine Liebe sein, wenn die Lebensziele, Konsumgewohnheiten, Geschmäcker und Gedankengebäude unterschiedlich sind? Liebe heißt Einssein, möglichst ununterscheidbar und widerspruchsfrei, so die romantische Theorie von der Liebe.

Das Leiden entsteht aber schnell am Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Auch wenn es Momente gibt, in denen das Eine und das Andere eins werden, die Personen sich tief verbunden fühlen und das gemeinsam Geteilte über dem Trennenden steht, sind weite Bereiche der Realität und ganz besonders im Beziehungsbereich durch Unterschiedlichkeiten geprägt. Das Leben präsentiert sich in jedem Moment anders, mit stetig neuen Herausforderungen. Was als Einssein erfahren wurde, zerfällt in Dualität, was sich als verschmolzen angefühlt hat, teilt sich. Wenn wir in dem Zustand der Getrenntheit die Einheit vermissen, leiden wir, statt die Unterschiedlichkeit wertzuschätzen und Gewinn aus ihr zu ziehen. 

Die romantische Liebeskonstruktion strebt einen ambivalenzfreien Raum an. Das macht ihre Realitätsferne aus, denn Widersprüche und Unterschiedlichkeiten gehören zum Leben wie das Salz in die Suppe. Die Liebe jenseits der Romantik besteht im Annehmen und Umarmen der Gegensätzlichkeiten statt in ihrer Aufhebung oder Übertünchung. Diese Liebe ist flexibel und kann mit den Drehungen und Wendungen des Lebens besser umgehen und an Herausforderungen wachsen.


Von der Ambivalenztoleranz zur Ambivalenzkompetenz 


Wenn wir das Geschehenlassen über das Tun stellen, kommen wir leichter mit Ambivalenzen zurecht. Wir begeben uns mit dem Anvertrauen ans Leben in das Fließen, das zwischen Polen navigiert. Wir üben uns in der Flexibilität, indem wir Ambivalenzen begrüßen, um sie zu erforschen und auszukosten. 

Denn nüchtern betrachtet, macht uns der Drang nach Vereinheitlichung mehr Probleme als er löst. Wir denken uns, das Leben wäre einfacher, wenn alles in uns aus einem Guss wäre, alles logisch oder psychologisch ineinander überginge, wenn alle Unterschiede in uns und um uns herum eingeebnet wären. Wir wollen nicht zerrissen sein zwischen zwei oder mehreren Herzen, die in unserer Brust um die Wette schlagen. Und wir wollen nicht mühsam Übereinkünfte mit anderen erkämpfen, die nicht von vornherein das Gleiche wollen wie wir. 

Wo es nicht um starke innere Konflikte geht, die ihre Wurzel in frühen Traumatisierungen haben, steckt hinter dem tagtäglichen Leiden an der Verschiedenheit  und Gegensätzlichkeit nicht viel mehr als der in uns allen inhärente Hang zu Bequemlichkeit und Konfliktscheu. Wir können uns natürlich mit Menschen und Umständen umgeben, in denen laufend bestätigt wird, was wir sowieso glauben und in dem das, was wir selber wollen, von den anderen bereitwillig geteilt wird. Wir können uns „Blasen“ schaffen, in denen wir mit all unseren Ecken und Kanten gemocht werden, in denen uns nichts konfrontiert oder herausfordert. Wir wollen auf unserem Kurs bleiben und damit nicht abgelenkt werden. Aber das ist auch Zeichen einer mangelnden Lernfähigkeit, denn aus jeder Erfahrung, die sich mit unserem bisherigen Erfahrungshorizont kreuzt, neue Einsichten gewinnen und unseren Horizont erweitern. Oft müssen wir hinter die vordergründige Erscheinung blicken, um tiefere Wahrheiten zu gewinnen, vor allem dann, wenn die neuen Erfahrungen schockierend und irritierend sind, wie z.B. die Konfrontation mit lebensfeindlichen Aktivitäten und gewaltfördernden Meinungen.

Letztlich freilich geht es darum, mit allem, was in uns und um uns herum passiert, in Einklang zu kommen, d.h. mit dem, wo sich ruhig etwas aus dem anderen entwickelt, und mit dem, wo Brüche und abrupte Wendungen geschehen. Wenn uns diese Vereinheitlichung gelingt, kommt aus jedem Moment das, was als nächstes geschehen soll, ob es jetzt zu irgendetwas anderem in uns in Widerspruch steht oder nicht. Die Übung der Ambivalenztoleranz und Ambivalenzkompetenz hilft uns auf diesem Weg.

* Platon im Symposion: „Nachdem nun die Gestalt entzweigeschnitten war, sehnte sich jedes nach seiner andern Hälfte und so kamen sie zusammen, umfassten sich mit den Armen und schlangen sich in einander, und über dem Begehren zusammen zu wachsen starben sie aus Hunger und sonstiger Fahrlässigkeit, weil sie nichts getrennt von einander tun wollten. [...] Von so langem her also ist die Liebe zu einander den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist also ein Stück von einem Menschen, da wir ja zerschnitten, wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück.“

Zum Weiterlesen:
Mit Ambivalenzen leben

Mittwoch, 6. Januar 2016

Funktional und fließend Wahrnehmen

In einem anderen Beitrag habe ich zwischen dem Funktionsmodus und dem

Flussmodus unterschieden. In diesem Beitrag geht es darum, wie diese Modi unsere Wahrnehmung unterschiedlich beeinflussen, sodass wir über die Reflexion unserer Wahrnehmungen feststellen können, in welchem Modus wir uns befinden.


Wahrnehmungen im Funktionsmodus


Die Wahrnehmung durch die äußeren Sinne ist die Grundlage des Funktionsmodus. Mit ihr können wir uns in der Welt orientieren und auf sie nach unseren Vorstellungen verändernd einwirken. Sie ermöglicht die optimale Interaktion mit Dingen und Menschen im Sinn der Zweckerreichung und Zieleverwirklichung.

Diese Wahrnehmung ist eng und begrenzt, wie wir aus den Forschungen der Polyvagaltheorie wissen. Sie filtert die Wirklichkeit in Aspekte, die uns angenehm=nützlich, und in andere, die uns unangenehm=hinderlich erscheinen. Details werden übersehen, und Projektionen und Verallgemeinerungen dominieren den Wahrnehmungsprozess. Unsere funktionelle Wahrnehmung ist notwendigerweise selektiv, weil sie selektiven Zwecken dient.


Wahrnehmungen im Flussmodus


Im Flussmodus hat die Wahrnehmung eine andere Funktion. Sie liefert uns Daten, die nicht an Raum oder Zeit gebunden sind. Wir erleben etwas, das wir gerne als Unendlichkeit, Weite, Leere, usw. beschreiben. Wir erleben die Freiheit von Zweckbestimmung und Bewertung. Das Denken zieht sich weit zurück und macht Platz für Erfahrungen des freien Fließens, für die es schwer ist, adäquate Worte zu finden. Denn die Worte stammen aus der Raum-Zeit-Wirklichkeit und sind immer dann missverständlich, wenn sie auf Erfahrungen angewendet werden, die nicht im Funktionszusammenhang aufscheinen.

Es sind ergänzende oder erweiternde Wahrnehmungen, die der raum-zeitlichen Wirklichkeit neue Qualitäten verleihen. Sie sind eins mit dem Erleben, sodass der Unterschied zwischen Innen und Außen keine Rolle mehr spielt. Da sich das Ego in die Wahrnehmung nicht einmischt, erhält diese eine Unmittelbarkeit und Direktheit, in der die Einheit zwischen dem Subjekt und dem Objekt wichtiger ist als der Unterschied. 

Ein Beispiel dafür ist das intensive Hören eines Musikstückes, bei dem die rezeptive Person "ganz in der Musik aufgeht", also sich selber nicht mehr getrennt vom Klang erlebt, sondern in einem gemeinsamen Fließen. Das kann insbesondere dann geschehen, wenn die musizierende Person im Spielen "sich selbst vergisst" und die Musik durch sie selbst hindurch zum Klingen bringt.

Auch in der Natur können wir solche Einheitswahrnehmungen erleben. Wir liegen mitten in einer Blumenwiese und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind einfach glücklich und ganz mit dem verbunden, was gerade ist. Unsere Wahrnehmung fließt, wohin sie fließen will, frei und ungerichtet.


Fließende und funktionierende Wahrnehmung


Wenn wir nur im Flussmodus der Wahrnehmung sind, werden wir dysfunktional. Wir sind wie kleine Kinder oder ganz alte Menschen, die dasitzen und sich wundern über das, was ist, aber unfähig sind, etwas zu tun. Wenn wir nur im Funktionsmodus sind, sehen wir überall Bedrohungen und Probleme. Wir stehen unter dem Druck, zu handeln und die Herausforderungen zu bewältigen.

Es ist offensichtlich nicht sinnvoll, nur in einem Modus zu bleiben. Ohne Flussmodus sind wir Sklaven des Äußeren: Was von außen auf uns zukommt, können wir nicht kontrollieren und müssen dennoch machen, was verlangt ist. die Wahrnehmung wird von dem gelenkt, was sich im Außen als stärkster Reiz durchsetzt. 

Ohne Funktionsmodus sind wir in den meisten Bereichen des Lebens naiv und hilflos, wir kapitulieren angesichts der Komplexität der Welt und können nur in einem geschützten Raum überleben. Der Flussmodus ist für praktische Erfordernisse nicht geeignet, weil er die Wahrnehmung ganz im Moment spontan vom Einen zum Anderen schweifen lässt. An einer Aufgabe dran zu bleiben, auch wenn es mühsam ist, ist nicht seine Sache.

Die Verbindung der beiden Modi können wir im gelassenen Funktionieren finden. Wir fließen mit dem, was zu tun ist, ohne Widerstand oder Problemdruck. Wir vertrauen darauf, dass alles, was nicht leicht geht, sich dennoch erledigen lässt. Wir haben das innere Wissen, dass alles zur richtigen Lösung finden wird. Jede Anstrengung, der wir uns aussetzen, können wir mit innerer Leichtigkeit verbinden. Das Schwierige bleibt im Außen, das Innere kann frei mitschwingen. Wir finden leichter den Genuss in allem, was zu tun ist, sei es ein Konzert, das wir besuchen, oder die Steuererklärung, die wir abarbeiten. Unsere Wahrnehmung geht mit dem, was zu tun ist, ohne krampfhaft darauf fixiert zu sein. Wir merken, wann wir an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit sind, und wechseln dann zu entspannteren Tätigkeiten, die uns mehr vom Flussmodus geben, sodass wir in ein gutes inneres Gleichgewicht kommen.

Wann immer eine Lücke in den Funktionszusammenhängen auftaucht, überlassen wir uns dem Flussmodus und schwingen vom einen Moment in den nächsten. Wir können leicht zwischen einem Zustand und dem anderen wechseln, sobald es die Wirklichkeit verlangt. Und wir können gut und klar unterscheiden, was die Wirklichkeit von uns verlangt und was wir uns nur einbilden.


Die Wahrnehmungsmodi in Beziehungen


Im Funktionsmodus erleben wir andere Menschen als Mittel zum Zweck. Sie dienen entweder den Zielen, die wir haben, oder stehen ihnen im Weg. Wir erkennen nur bestimmte Eigenschaften bei anderen und ordnen sie nach den Gesichtspunkten der Nützlichkeit: Welche Eigenschaft der anderen Person könnte mir helfen, welche könnte mir schaden? Wir kommen leicht in Projektionen, indem wir bei anderen Menschen das suchen, was uns vertraut ist und das ablehnen, was wir nicht kennen. Deshalb idealisieren wir die Einen und dämonisieren die Anderen.

Im Flussmodus sehen wir andere Menschen als Zweck an sich selbst, als wertvolle Wesen, die Achtung, Respekt und Liebe verdienen. Wir freuen uns über jede Form des Daseins und stimmen uns auf sie ein. Wir sind kreativ in der Kommunikation, sodass auch der Austausch fließend erfolgt. Wir genießen die anderen Personen in ihrer Andersartigkeit und freuen uns über das, was uns unterscheidet. 

Auch in diesem Bereich geht es darum, wie wir die beiden Modi miteinander verbinden können. Wenn wir uns sicher und getragen fühlen, haben wir keine Angst vor anderen Menschen und können auf alle offen zugehen. Wir sind aber nicht naiv in der Annahme, dass auch jeder andere Mensch im Flussmodus sein müsste, auch wenn wir gerade drin sind. Vielmehr erkennen wir, mit wem wir uns tiefer und vertrauensvoll einlassen können und mit wem es besser ist, auf einer oberflächlichen Ebene zu bleiben, um notwendige Funktionen erledigen zu können. 

Selbst wenn wir mit anderen Menschen in einem Funktionszusammenhang sind, wie es in Arbeits- und Geschäftsbeziehungen der Fall ist, aber auch im Alltag einer Liebesbeziehung, finden wir immer wieder den Bezug zum Wesenskern der anderen Person. Wir nutzen nicht einfach nur den anderen Menschen für unsere Zwecke, indem wir ihn auf seine unseren Zwecken dienliche Aspekte reduzieren, sondern sehen in ihm einen wertvollen Menschen, der uns einen bestimmten Dienst leistet, für den er unsere angemessene Gegenleistung und Anerkennung verdient.

Wir lassen uns auch von anderen nicht ausnutzen, indem wir uns in eine ausschließliche Abhängigkeit und Unterordnung begeben. Auch wenn wir für andere etwas leisten, erhalten wir den Bezug zu unserer eigenen Würde aufrecht und wissen, dass wir im Dienst an anderen selber wachsen können. Wir sind uns bewusst, dass jedes Geben ein Nehmen und jedes Nehmen ein Geben ist.

Vgl. Funktions- und Flussmodus
Flussmodus und Trauma

Montag, 4. August 2014

Inneres Wachsen und Beziehungen

Inneres Wachsen erleichtert das Leben, indem sich der Problemdruck und die Stressempfindlichkeit verringert. Unterwegs auf diesem Pfad zu sein, bedeutet natürlich, noch nicht am Ziel zu sein. Stolpersteine können sich in den Weg legen, neue innere Fragen auftun und Verunsicherungen bewirken. Das Aufarbeiten der inneren Themen führt insbesondere im Beziehungsbereich zu interessanten Einsichten. 

Jede Beziehung beruht auf "Abmachungen", auf unbewusst getroffenen Vereinbarungen, die das Beziehungsleben regulieren. Wenn sich eine der Beteiligten an diesen Übereinkommen in ihren Einstellungen verändert, verändert sich das Grundgefüge der Beziehung. Es muss neu geregelt werden, was deshalb komplex ist, weil es um die unbewussten Dynamiken geht. Hier kommen ebenso unbewusste Kräfte ins Spiel, die neue Vereinbarungen erzeugen wollen. Sie bedienen sich u.a. der Methode des Vergleichens, die geeignet erscheint, unter Berücksichtigung der neuen Kräfteverhältnisse ein Gleichgewicht herzustellen. 

Allerdings kann die Einstellung entstehen: "Ich bin besser (bewusster, empfindsamer, menschlicher, ...) als du." Diese Einstellung erzeugt ein Gefälle in der Beziehung, die Spannungen und Streit hervorrufen kann. Inneres Wachstum ist sowohl vom Tempo als auch von der Entwicklungsrichtung eine sehr individuelle Angelegenheit. Wie schon festgestellt, gibt es keine vergleichbaren inneren Entwicklungsprozesse, sondern äußerst individuelle Abläufe. Dennoch wirken bei den meisten, die auf dieser Heerstraße unterwegs sind, die unbewussten Mechanismen des Vergleichens weiter, und oft werden sie sogar noch zusätzlich angeheizt. 

Ein Beispiel, wie das Vergleichen Schwierigkeiten in den aktuellen Beziehungen bewirken kann: Das neu erlernte Vokabular der Selbsterforschung wird als Waffe im Beziehungskampf eingesetzt. Die Einsicht in das Gestrüpp von Dysfunktionalitäten und Neurosen, das der Blick ins eigene Innere offenbarte, offenbart nun auch die "Gestörtheit" des Beziehungspartners. Daraus erklärt sich dessen Unfähigkeit im Verstehen und Harmonieren. "Schon wieder projizierst du deine Mutter auf mich", "das machst du nur, weil du die Verstrickung mit deinem Vater noch immer nicht gelöst hast", in dieser Art wird das partnerschaftliche Streitgespräch psychologisch aufgeladen. Die "Muster" der anderen Person werden bloßgestellt, und es ist diese, die sich in ihrer Eingeschränktheit dringend und schleunigst verändern muss. Denn sie hat ja wohl das eigene Unglück verschuldet und durch ihre Unbewusstheiten die eigenen Leidenszustände verursacht. 

Der Beziehungspartner wird im Extremfall dämonisiert und pathologisiert, um sich selber als "heiler", als "normaler" und als weniger gestört darzustellen. Damit will man sich selber sicherer fühlen. Wiederum ist diese Sicherheit trügerisch, weil sie am Fundament der Beziehung rüttelt. Nicht selten kommt es gerade in der zweiten Phase des inneren Wachsens zu Beziehungstrennungen, häufig aus dem Eindruck heraus, dass sich die andere Person nicht oder nur zu wenig, bzw. in die falsche Richtung bewegt, sodass kein Zusammenklang mehr möglich erscheint. Die Schere klafft immer weiter auseinander: Auf der einen Seite ein wachstumsorientiertes Ich, auf der anderen das beharrende Du. 

 Je mehr und öfter man sich "besser" fühlt im Vergleich zum Partner, desto wahrscheinlicher wendet sich der Blick auf Ausweichmöglichkeiten. Die Qualitäten, die am Partner vermisst werden, sind ja keine utopischen Wunschträume, vielmehr gibt es Menschen, die gerade über diese Qualitäten verfügen und denen zuzutrauen ist, dass sie sie auch in eine Beziehung einbringen können. Man trifft solche Menschen in Selbsterfahrungsgruppen und anderen Veranstaltungen der Szene. Warum also in der angestammten Beziehung bleiben, wo andere mehr und Besseres versprechen? 

Erfahrene Therapeuten und Lehrer legen nahe, gerade in den turbulenten Phasen des inneren Wachsens keine weitreichenden äußeren Entscheidungen zu treffen, also keine neuen (oder zusätzlichen) Beziehungen einzugehen, keine lange bestehenden Bindungen zu beenden usw. Sie wissen, dass die im Inneren aufbrechenden Konflikte gerne nach außen verlagert werden, um hier eine scheinbare Entlastung vom Problemdruck zu erreichen. Werden solche gravierenden Lebensveränderungen vorgenommen, verschärfen sie nur die innere Belastung und verkomplizieren den inneren Weg. Manchmal kann die Empfehlung hilfreich sein, eine "Beziehungspause" einzuführen, wenn die Beziehungssituation aktuell auswegslos erscheint. Denn in der Distanz kann sich leichter aussortieren, was in die Beziehung und was zur eigenen inneren Entwicklungsarbeit gehört.

Unterschiede im Wachsen 


Tatsächlich ist es schwer, das Ungleichgewicht auszuhalten, das entsteht, wenn nur ein Partner am inneren Wachstum interessiert ist. Die Sichtweisen auf das Leben differenzieren und verfeinern sich, und stoßen auf Unverständnis, wenn sie vom Beziehungspartner nicht geteilt werden. Ebenso kommen im Zug der Innenerforschung Wünsche und Bedürfnisse an die Oberfläche, die lange Zeit zurückgedrängt oder vergessen waren, und die der Beziehungspartner, der auf das bisherige Niveau des Austausches eingestellt war, nicht gleich automatisch verstehen und erfüllen kann. 

Durch das Entdecken der eigenen Individualität werden die eigenen Konturen schärfer und prägnanter wahrgenommen und akzentuiert. Die Unterschiede zeichnen sich deutlicher ab, während häufig die Gemeinsamkeiten verblassen. Manchmal fragen dann Menschen, ob sie in einer Beziehung bleiben sollen, die immer mehr auseinander zu driften erscheint. Sie fühlen sich ausgebeutet und missverstanden, emotional unterernährt oder fortwährend abgewertet. 

Die Liebe im Relativen ist immer störanfällig, weil sie an Bedingungen hängt. Die Suche nach mehr Sichterheit in einer Beziehung ist eigentlich eine Suche nach der Liebe, die aber nur in der Bedingungslosigkeit besteht und wirkt. In den ersten Phasen des inneren Wachsens werden nur die Bedingungen verfeinert und differenziert, und es bedarf weiterer innerer Klärung, bis die Seele so weit ist, Bedingung nach Bedingung fallen zu lassen. Dann breitet sich die bedingungslose Liebe von selber aus.

Meins ist besser als deins 


Doch auch dann, wenn beide Partner an der Innenentwicklung interessiert sind, kann es zu Spannungen kommen. Besuchen die beiden die gleiche Schule oder arbeiten sie mit der gleichen Methode, kann es offen oder insgeheim zur Konkurrenz kommen, wer sich schneller und intensiver weiterbewegt. Sind die Methoden und Zugänge unterschiedlich, wird leicht ein Streit darüber ausbrechen, welche Richtung die bessere und effektivere ist. Schwachstellen der anderen Person, wie sie im Alltag auftreten, können dann als Mängel in der entsprechenden Wachstumsdisziplin dargestellt werden, um die eigene Methode und damit sich selber als besser herauszustellen.

Über das Vergleichen hinauswachsen 


Jeder tiefgehende und weitreichende innere Weg führt irgendwann zur Erkenntnis, dass Vergleiche zwischen Menschen nicht weiterhelfen. Denn sie beinhalten Bewertungen und konstruieren Konzepte, die bei der Einordnung von Menschen helfen sollen, aber gleichzeitig Gräben zwischen ihnen ausheben. Irgendwann leuchtet ein, dass solche Kategorisierungen Unrecht und Unfug sind. Sie werden der Individualität und Besonderheit jedes Menschen nicht gerecht, und sie beschränken die eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten und damit die innere Freiheit des Wachsens. 

Irgendwann kommt die Erfahrung dazu, dass je mehr Druck auf den Partner ausgeübt wird, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen, umso mehr Gegendruck erzeugt wird, gerade das nicht zu tun. Die Einsicht, durch die eigenen Bemühungen das zu erschweren, was sie bewirken sollen, ist ernüchternd. Dann kann die Hilflosigkeit, die angesichts der erfolglosen Bestrebungen entstanden ist, dem Verständnis weichen, dass der Impuls zur Veränderung nur dann wirksam werden kann, wenn er von innen kommt. So fällt es leichter, zu akzeptieren statt zu agieren. Die Erleichterung kann sich dann entspannend auf die Beziehungsgestaltung auswirken - und, wunderbarerweise, nicht so selten dazu führen, dass sich der Partner doch zu bewegen anfängt. 

Solche Erkenntnisse sind ein klares Zeichen für das Eintreten in die dritte, systemische Phase der inneren Entwicklung. Die systemische Denkweise belehrt darüber, dass sich die eigenen Beziehungsthemen nicht durch einen Partnerwechsel verändern. Sie sind das Gepäck, das wir aus den frühen Erlebnissen mit Bezugspersonen aufgeladen haben. Darin findet sich das Grundrepertoire dessen, was wir in Beziehungen einbringen können, und darauf greifen wir immer wieder zurück, vor allem, wenn wir in Stress und Anspannung geraten. 

Also steht neben der Option, den Partner zu wechseln, "weil es nicht mehr passt", auch die Option, die Verantwortung für die eigenen Anteile an den Themen zu übernehmen und für sich selbst und auch mit dem Partner zusammen Licht auf diese Themen zu werfen. In der Paartherapie, in Beziehungsgruppen oder anderen paarorientierten Veranstaltungen und Kursen treffen sich dann die wachstumsorientierten Beziehungspartner, um die Themen, die sich zwischen ihnen immer wieder auftun, zu bearbeiten. 

Das funktioniert nur dann, wenn es ihnen gelingt, die systemische Sichtweise einzunehmen. Sie führt aus den Verirrungen des Vergleichens heraus, indem sie hilft, "in die Mokkasins des Feindes" zu schlüpfen. Die Perspektive des anderen einzunehmen öffnet die Augen für die eigenen Schwächen, die sich hinter dem Sich-Besser-als-der-andere-Fühlen-Müssen verbergen. Es wird deutlich, dass in den Themen, die am Beziehungspartner stören, eigene vergessene Verletzungen festgemacht sind, die der Partner ohne Absicht aktiviert. Hier kann gelernt werden, dem Partner für das Bewusstmachen eigener Themen zu danken, statt ihn dafür zu bekämpfen oder ihn zur eigenen Sichtweise zu erziehen. 

Doch erst in der vierten Phase des inneren Wachstums wird die Kraft nutzbar, die darin besteht, die Partner in den Beziehungen in ihrer Werthaftigkeit zu schätzen, gleich ob sie sich einem Weg des inneren Wachsens verschrieben haben oder nicht. Für die bedingungslose Liebe gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen mehr, und jedes Bedürfnis, besser oder weiter zu sein als jemand anderer, ist verschwunden.

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Die Hölle der Beziehungslosigkeit


"Die Hölle, das sind die anderen" heißt es in J.P. Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“.  Wie passt das damit zusammen, dass wir Menschen soziale Wesen sind, dass wir die Anbindung und den Kontakt zu anderen brauchen, um uns wohlzufühlen?

In Sartres Stück erzählen drei Tote von ihren Untaten und vom Scheitern. Sie sind in einem Raum eingeschlossen und gezwungen, einander zu ertragen, ohne Möglichkeit der Erlösung. Diese Personen sind in Verbindung miteinander, weil sie sich in einem Raum befinden und miteinander reden, aber sie schaffen es nicht, miteinander in Beziehung zu treten.

Die Hölle, das ist die Beziehungslosigkeit, das ist das Abgeschnittensein, die Isolierung. Wir sind zwar immer verbunden – dadurch, dass wir uns in der Welt bewegen –, aber es gibt Zustände, in denen wir uns nicht mit diesem Verbundensein verbinden können. 


Die Hölle des Alltags


Im Alltag passiert es laufend, dass sich Menschen über ihre schlechten Erfahrungen austauschen. „Mir ist das zugestoßen“, oder „Ich leide gerade an jener Erkrankung“. Sie wollen damit das Verständnis durch die andere Person erreichen und damit eine Verbindung herstellen, die das Leiden erleichtern soll. Die andere Person beginnt mit ihrer Leidensgeschichte und will das gleiche Verständnis erreichen wie die erste Person. Es stellt sich eine gewisse Gleichheit her, eine Symmetrie der Leidenszustände, die allerdings häufig durch das Konkurrenzieren, wer denn mehr leide, immer wieder in Frage gestellt wird. Es zeigt sich daran, dass die Beziehung durch den von beiden geteilten Wunsch zu bekommen geprägt ist, ohne dass ein Geben möglich ist, weil ja das Leiden so stark ist.

Die Verständigung besteht darin, dass sich jede Person in ihrem Leiden fortgesetzt bestärkt und absichert. Die Beziehung wird jedoch damit nicht wirklich hergestellt, beide sind in den Rahmen ihrer jeweils eigenen Problematik eingespannt, ohne den Rahmen der anderen Person zu verstehen und mitzufühlen. Der Wunsch, verstanden zu werden, bleibt durch die Unfähigkeit zu verstehen, auf der Strecke. Der Wunsch nach Beziehung findet durch das fortlaufende Mitteilen der eigenen Isolierung und des Unverstandenseins zu keiner Erfüllung. „Du verstehst mich nicht“ mobilisiert bei der angesprochenen Person deren eigene Erfahrungen mit dem Nicht-Verstandenwerden.


Das Netzwerk der Traumatisierten


Was passiert auf der unterschwelligen Ebene, wenn sich solche Beziehungsmuster abspulen? Zwei Menschen sprechen über ihre Traumatisierungen und lösen beim jeweils anderen dessen Traumatisierungen aus. Die Erfahrung in der Traumatisierung ist von starker Angst gekennzeichnet, und das bedeutet, sich völlig abgeschnitten zu fühlen von der Kraft des Lebens und von der Liebe anderer Menschen. Trauma bedeutet, dass keine Verbindung zur Verfügung steht, kein Zugang zu Ressourcen.

Diese Erfahrung wird unbewusst wieder inszeniert, angeleitet von dem Wunsch nach einer heilenden neuen Erfahrung, die endlich die Traumageschichte zum Abschluss bringen soll. Da aber dabei wieder nur ein Zustand der inneren Isolation reproduziert wird, kann die Heilung nur dann erfolgen, wenn die andere Person nicht in ihre eigenen Traumatisierungen kippt, sondern im Mitgefühl bleiben kann. Das wird ihr auf Dauer nur gelingen, wenn die eigenen Traumatisierungen weitgehend aufgearbeitet sind, sodass die unbewusst ablaufenden Trigger nicht mehr funktionieren.

Stimmt das wirklich? Die Menschen reden doch nur selten von wirklichen Traumatisierungen. Sie erzählen von Missgeschicken, von gemeinen und unfähigen Mitmenschen, von der Blödheit und Bosheit der anderen, von Missstimmungen, Unpässlichkeiten und Krankheiten, aber nicht von wirklich traumatischen Erfahrungen. Dennoch: Wir leiden nur deshalb unter dem, was andere Menschen tun oder nicht tun, sagen oder nicht sagen, weil dadurch frühe Verletzungen wachgerufen werden, die uns nicht mehr bewusst sein. Wir leiden nur deshalb unter unseren gesundheitlichen Problemen, weil sie Ängste auslösen, die mit alten seelischen Wunden zu tun haben. Hätten wir diese Erfahrungen in Frieden verabschiedet, so würde uns das Verhalten anderer Menschen genauso wenig aufregen wie unangenehme und schmerzhafte Vorgänge im Körper.

Nach meiner Erfahrung liegen die tiefsten Wurzeln von dem, was uns im Alltag aus der Bahn wirft, was uns also vergessen lässt, dass wir mit dem Leben verbunden sind, im pränatalen Bereich. Ein wichtiges Thema, das mit Anbindung zu tun hat, ist der emotionale Kontakt mit der Gebärmutter im engeren und mit der Mutter als Person im weiteren Sinn. Lehnt die Mutter die das neue Leben ab oder hat sie große Angst vor ihm, kann sich das auf die Gebärmutter so übertragen, dass der werdende Embryo keinen Kontakt spürt und sich nicht verbunden fühlt. Das kann Gefühle von Wut, Resignation und grenzenloser und trostloser Einsamkeit auslösen.

Es ist zwar eine Verbindung da, sonst könnte das Leben nicht weitergehen, doch kann die Beziehung nicht gefühlt werden. Das ist die Ursituation einer Doppelbindung. Eine nicht gefühlte Beziehung ist eine Nicht-Beziehung, eine Beziehung ohne Bezogensein. Die Wut signalisiert den Kampf gegen die Bedrohung, die von einer solchen Situation für die innere Stabilität ausgeht. Die Resignation zeigt die Ohnmacht, die Unfähigkeit, die Doppelbotschaft in eine eindeutige umzuwandeln. Die endlose Einsamkeit ist die Beschreibung des Zustandes, der übrigbleibt, wenn alle Hoffnung auf wirkliches, emotional erfülltes Leben fahren gelassen wurde. Was bleibt, ist ein (organisches) Leben ohne (gefühltes) Leben.

Menschen, die solche Zustände vor ihrer Geburt durchleben mussten, nehmen dann als selbstverständlich, dass die Welt diesem Erleben entsprechen muss. Von daher kommt vermutlich die immer wieder vertretene Ansicht, dass der Mensch ein Wesen ist, dem es vor allem um das egoistische Überleben geht, das er notfalls auf Kosten anderer vorantreibt. Sozialbeziehungen nimmt er auf, wenn sie seinem Überleben nützen, ansonsten braucht er sie nicht wirklich und kann jederzeit auf sie verzichten. Vgl. den Blog zum Thema Egoismus.

Menschen nehmen ihre eigene Beziehungslosigkeit als selbstverständlich, weil sie diese Erfahrung irgendwann im Lauf ihrer frühen Entwicklung gemacht haben. Sie bestätigen sich diese Auffassung beständig gegenseitig, indem sie ihre negative Weltsicht mit den anderen teilen und dafür Zustimmung erhalten. Sie bauen also ihre Sozialkontakte auf der Negation derselben auf. „Du stimmst mir doch zu, dass wir einander nur zufällig und vorübergehend kennen und wertschätzen, das dient nur dem Eigennutz, und das kann sich jederzeit ändern.“

Weiters bestätigen sie sich diese Weltsicht, indem sie Informationen über die Welt austauschen, die dieser Einschätzung entsprechen. Dazu zählen die Katastrophenfantasien  und andere Formen der Verbreitung von lokalen oder globalen Ängsten. Wenn wir die Ängste anderer mitbekommen, rührt das an unsere eigenen unbearbeiteten Traumatisierungen, ohne dass wir das mitbekommen. Wir verständigen uns darüber, dass die Welt eine Abfolge von Problemen ist, die im schlimmen Fall in Katastrophen münden. Die Nachrichten und Zeitungen liefern uns das Material dazu. Dabei melden sich, wenn auch vielleicht nur mehr schwach und im Hintergrund, die Gefühle, die sich in uns als Folge von Frühtraumatisierungen entwickelt und über die Zeit festgesetzt haben: Sinnlosigkeit, Resignation, Isolation – zur Wiener Gefühlsmelange fehlt nur mehr der Grant.

Es erschiene wie eine gesellschaftliche Verschwörung, aufgebaut auf einem unbewussten Netz von Traumatisierungen, wenn sie nicht so öffentlich wäre: So, als ob der Grundkonsens darin bestünde, dass das Leben eine Abfolge von Problemsituationen ist, anstrengend und schwer, und dass es niemanden gibt, der einem bei der Bewältigung der undankbaren Aufgabe zur Seite steht. Dieser Konsens wird fortlaufend wiederhergestellt und mit neuem Futter versorgt. Er sorgt zuverlässig dafür, dass möglichst viel an dem Schlimmen so bleibt, wie es ist, weil er jede Aktivität lähmt und jedes Engagement unterläuft.


Die Geschichte des Fremdlings


So erscheint die andere, die frohe Botschaft, die von Vertrauen und Lebensmut getragen ist, wie eine abgehobene Verrücktheit, als höchst seltene „Geschichte eines Fremdlings. Man braucht einen Fremdling, der die Geschichte eines Fremdlings hören kann.“ (Rumi, Von Allem und vom Einen, S. 187)

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Zum Verstehen des Männlichen und Weiblichen und der Beziehungen zwischen beiden hat Carl Gustav Jung vor fast hundert Jahren das Modell von Animus und Anima entwickelt. Die Idee dabei ist, dass jeder Mann in sich versteckt weibliche Anteile hat (Anima) und jede Frau einen verborgenen Animus. Wir suchen uns Beziehungspartner aus, die unsere eigenen ungelebten und unbewussten Anteile zum Ausdruck bringen, sodass wir in der Beziehung zu dieser Ganzheit finden wollen. Allerdings scheitert dieser Weg, sobald deutlich wird, dass der Partner oder die Partnerin in der Beziehung den Erwartungen nicht gewachsen ist. Zum einen fließen in die Projektion die Verletzungen und Irritationen ein, die wir als Kind erlebt haben, zum anderen haben wir es mit Archetypen zu tun, die wir gerne mit realen Personen verwechseln.

Die Anima


Die Anima gilt als die weibliche Seite im Unbewussten des Mannes, der Archetyp des Weiblichen. Sie wird als intuitiv, aufnehmend, einfühlsam, aber auch launisch aufgefasst.
Die Anima kann sich störend in Beziehungen einmischen, wenn der Mann von einer Frau erwartet, dass sie so ist wie die archetypische Gestalt in ihm, was keiner realen Frau je gelingen wird. Vielmehr muss der Mann diese Anteile in sich selbst entwickeln, sonst geht er in die Irre und entwickelt eine narzisstische Beziehungsstörung. Dabei ist noch zu beachten, dass der Anima-Archetyp vom Mutterarchetyp überlagert ist und erst einmal von diesem befreit werden muss, bis dem Mann klar wird, wie er seinen weiblichen Pol ausgestalten kann. Der positive Aspekt der Anima ist die Führung nach innen, zum Ernstnehmen der eigenen Empfindungen, Gefühle und Phantasien. Dadurch kann der Mann das empfangende Prinzip in sich entwickeln.

Der Animus


Der Animus repräsentiert die männlichen Aspekte im Unbewussten der Frau, den Archetyp des Männlichen. Er wird als rational, bestimmend und beherrschend beschrieben. Ähnlich wie beim Mann, wirken auch bei der Frau die archetypisch geprägten Rollenerwartungen belastend auf die Beziehung. Sie sind zusätzlich aufgeladen mit den inneren Vaterbildern und Prägungen durch andere männliche Familienmitglieder. Auch hier gilt es, dass die Frau in sich die Qualitäten entwickelt, die ihr Animus für sie bereit hält. Seine positiven Aspekte liegen nach Jung in Mut, Unternehmungsgeist und Wahrhaftigkeit, sowie auch in der Seelenführung zur inneren Wandlung.

Der heilsame Nutzen


C.G. Jungs Intention, diese Archetypen zu beschreiben, lag darin, den Menschen zur Ganzheit (zum Heilsein) zu verhelfen. Als Tiefenpsychologen war es ihm wichtig, verdrängte unbewusste Anteile ins Bewusstsein zu holen und damit der Psyche zugänglich zu machen. Damit wollte er Männern wie Frauen helfen, sich zu finden und zu vervollständigen und damit ihre Beziehungsprobleme besser lösen zu können. Wird nämlich eine Projektion auf den Beziehungspartner erkannt und zurückgenommen, entsteht ein neuer Raum für die Liebesbeziehung. Zugleich fühlt sich jeder mit sich selber besser, wenn alle Seelenanteile ihren Platz im Bewusstsein und in der eigenen Identität haben dürfen.

Allzu mechanistisch aufgefasst, kann allerdings das Modell so missverstanden werden, als ob jeder Mann dem Archetypus, der zugleich als Idealtypus fungiert, möglichst nahe kommen muss, um ein „echter Mann“ zu sein, und umgekehrt so bei der Frau. Jeder Mann müsste dann die für alle gleiche Anima in sich finden, und jede Frau den ebenso allgemein verbindlichen Animus.

Der Archetyp ist jedoch kein Ideal, sondern laut Jung eine Gestalt aus dem kollektiven Unbewussten. Er symbolisiert zentrale menschliche Erfahrungen, die es, wie in diesem Fall die Begegnung von Mann und Frau, in allen Kulturen gibt. Er umfasst eine ganze Bandbreite von Phänomenen, und es ist deshalb leicht irreführend, wenn er mit ganz bestimmten Eigenschaften behaftet wird. Jede inhaltliche Beschreibung des Archetypen greift immer zu kurz.

Folglich kann die Beschäftigung mit Animus und Anima nur dann heilsam wirken, wenn von der jeweils individuellen Ausgestaltung der Archetypen ausgegangen wird, wie sie symbolisch verkleidet in Träumen oder Fantasien auftauchen kann. Dabei hilft der Archetyp mehr als Wegweiser denn als Ziel, das es zu erreichen gilt. Das Ziel ist die innere Ganzheit, das Zu-Sich-Selbst-Kommen in der je eigenen Form und nicht die Anpassung an ein vordefiniertes Muster.

Auch die Traumgestalt, so eindrucksvoll sie sein mag, gilt es nicht nachzuahmen, sondern die eigene Form, die sich darin verbirgt, die individuell wahrnehmbare Bedeutung und der selbst interpretierte und gefundene Symbolgehalt sind die Richtschnur der Exploration und der Garant der integrativen Aneignung.


Rollenbilder


 

Kritisiert wird an Jungs Modell der Rückgriff auf gesellschaftlich vorgeprägte Rollenbilder. Gibt es nicht Frauen, die rational und dominant sind und denen ein wenig mehr Weichheit gut täte? Oder Männer, die nachgiebig und gefühlvoll sind, und denen mehr Durchsetzungskraft nicht schaden könnte? Zu Jungs Zeit waren die Rollenbilder noch klar definiert und zementiert. Doch da hat sich viel geändert. Zwar gibt es nach wie vor das Ziel in der Erziehung, dass Männer zu Männern und Frauen zu Frauen erzogen werden. Auch wenn jede Zeit ihre Männer- und Frauenbilder entwirft und verbreitet, gibt es dazu den Trend, dass diese Bilder immer vielfältiger und vieldeutiger werden, sodass es immer unklarer wird, zu welchen Männern und Frauen erzogen werden soll.  

Darin wird deutlich, dass jeder Mensch eine eigene Mischung aus Animus und Anima bildet, die einen haben mehr von dem einen und die anderen mehr vom anderen. Es gibt “männlichere” Frauen als manche Männer u.U. Eine in die Zukunft gerichtete Idee wäre, dass sich Männer wie Frauen von vordefinierten Rollenbildern lösen und frei ihre Form von Anima und von Animus leben können. Dann dienen uns die beiden Pole als Archetypen, die von jedem Menschen in seiner eigenartigen und einzigartigen Form ausgelegt werden.


Archetypen und das Individuum



Wir sprechen von Archetypen, prägenden Grundideen des kollektiven Unbewussten. Die Wirklichkeit zeigt Männer und Frauen in unterschiedlichster individueller Ausprägung, eine unendliche Vielfalt in der Mischung des Männlichen und Weiblichen, die sich nicht als Pole gegenüberstehen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Bei der Gestaltung der jeweiligen Animus-Anima-Persönlichkeit wirken die genetisch und epigenetisch weitergegebenen Anlagen ebenso mit wie embryonale Erfahrungen (Geschlechtswunsch der Eltern, eventuell Begegnung mit einem Zwilling, Interaktionserfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft usw.) und natürlich die Rollenbilder, die in der Erziehung und im kulturellen Umfeld vermittelt werden.

Typisch Mann – typisch Frau, die einen vom Mars, die anderen von der Venus, diese Stereotype nähren sich aus den vielfältigen Quellen der Identitätsbildung, von den Hormonen bis zu den Ikonen der Werbewelt. Das Angebot an Männer- und Frauenbilder wird immer vielfältiger und widersprüchlicher. So wird es immer verwirrender für die suchenden Menschen, ihre Identität zu finden und die Klarheit zu gewinnen, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.

Jung hatte es noch einfach in seiner Zeit, als die „klassischen“ Rollenzuteilungen (der rationale Mann, die gefühlvolle Frau) weitgehend in der Wirklichkeit gefunden werden konnten. Die Gesellschaft hat sich seither rasant weiter entwickelt und ausdifferenziert. Männer, die sich als Frauen fühlen und Frauen, die Männer sein wollen, werden immer weniger ausgegrenzt. Wir wissen heute viel mehr, aus der Pränataldiagnostik z.B., dass sich das männliche Geschlecht dadurch entwickelt, dass die Ausprägung der weiblichen Organe verhindert wird, oder aus der Gehirnforschung, dass sich männliches und weibliches Gehirn hauptsächlich durch ein im Durchschnitt größeres Ausmaß an Testosteron unterscheiden und dass die Ausprägung der „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ stark von der hormonellen Embryonalentwicklung abhängt. Wir wissen aus der Soziologie, wie Geschlechtsrollen laufend konstruiert und wieder dekonstruiert werden. Und wir erleben in den vielfältigen Angeboten der Unterhaltungsindustrie, dass zu jedem Typus eine Unmenge von Stereotypen produziert werden können.


Wollen Sie männlich sein wie Leonardo di Caprio oder Silvio Berlusconi, oder vielleicht wie Johnny Depp (in welcher Filmrolle bitte?)– nein, werden Sie ein echter Mann, endlich! Hätten Sie gerne Ihre Weiblichkeit nach Frau Zeta-Jones oder Frau Merkel, oder eine kreative Mischung aus beiden? Sind Sie schon genug emanzipiert und wissen Sie, wie Sie in der City jederzeit zu Ihrem Traumsex kommen? Wie wollen Sie Ihre Beziehung leben: gemäß Allan & Barbara Pease (Warum Männer immer Sex haben wollen, während sie einparken und Frauen von Liebe träumen, während sie zuhören), nach John Gray (Alles, was Mann (am Mars) wissen muss, und wie Frau es ihm sagen kann (von der Venus aus?)) oder doch nach Cordelia Fine (Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann)?


Jenseits der Klischees


Auf der systemischen Bewusstseinsstufe müssen wir alle starren Rollenzuteilungen aufgeben. Zu jedem Modell gibt es ein Gegenmodell, zu jedem Typus einen Antitypen, und dazwischen jede Menge an Variationen. Jeder Mensch ist eine Abweichung von irgendetwas. Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch ein dualistisches Konzept von Animus und Anima, oder steht es uns eher im Weg, wenn wir uns selber und das jeweils andere Geschlecht besser verstehen und gedeihlicher miteinander auskommen wollen? 

Jedes der Modelle ist schon irgendwo im Streit der Männer und Frauen als Waffe verwendet worden, um den eigenen Standpunkt zu untermauern und durchzusetzen und die andere Person abzuwerten. Ich bin so, weil ich vom Mars bin. Du musst dich ändern, weil du deinen Animus unterdrückt hast... Wir können jedes Modell dazu benutzen, die andere Person einzustufen und zu bewerten, statt ihr zu begegnen. Über Konzepte können wir einen Menschen nie verstehen, und mit Diagnosen kommen wir ihm auch garantiert nicht näher.

Was wir statt dessen brauchen, ist eine Einstellung, aus der heraus wir Menschen begegnen, nicht nur unterschiedlichen Geschlechts, sondern überhaupt und vor allem unterschiedlichen Wesens. Zunächst gilt es, diese Einzigartigkeit zu erkennen und zu würdigen, und erst nachgeordnet die Geschlechtszugehörigkeit. Dafür ist es notwendig, alle Rollenklischees abzulegen und hinter die Prägungen zu blicken, die unsere Kultur in uns hinterlassen hat. Und dass wir uns selbst begegnen als ganz besondere Wesen, dass wir uns selbst so annehmen, wie wir sind, in der uns ganz eigentümlichen Mischung von Animus-Anteilen und Anima-Anteilen, und dass wir in unserer Innenerforschung weitergehen, um noch mehr davon freizulegen. 


Das Animus-Anima-Modell können wir dafür immer wieder auch als Leitfaden nehmen und es dabei zunehmend von den aufgeklebten Rollenbildern befreien, sodass wir schließlich unser ganz eigenes Zusammenspiel von dem, was vielleicht einmal zum männlichen Archetyp gehörte und dem, was einmal zu seinem weiblichen Gegenpol gehörte, in uns erkennen und sein inneres Wachstum beobachtend begleiten können. So kommen wir in eine Spirale der Bereinigung der Bilder von uns selbst und jener, die wir uns von den anderen Menschen machen. Je mehr wir andere Menschen in ihrer Tiefe und Eigenart annehmen können, desto besser gelingt uns das bei uns selbst. Diese Spirale nähert uns mehr und mehr dem an, was wir in der Kommunikation und in der Begegnung eigentlich suchen, ein Erkennen von Mensch zu Mensch.

Literatur: C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole. Bern: Walter 1995, S. 195