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Samstag, 25. Januar 2025

Unser Gehirn - eine "Vorhersagemaschine"

 Das reaktive Gehirn

Dieses Modell war lange Zeit maßgeblich in der Gehirnforschung, es entspricht auch einer landläufigen und intuitiv stimmigen Sichtweise: Über die Sinnesorgane kommen Reize herein, die ins Gehirn übertragen und dort für die Planung von Handlungen ausgewertet werden. Die Hierarchie verläuft von unten nach oben (bottom-up): Von den einfachen Sinnesorgane wird die Informationsverarbeitung weiter nach oben in die komplexeren Gehirnteile weitergegeben, wo es dann zum Abwägen von Alternativen und zu Entscheidungen kommt. Das Gehirn wird über Außenreize aktiviert, es reagiert also auf das, was von außen kommt, und Handlungen kommen zustande, indem diese Außenreize in Motive übersetzt werden.

Das prognostische Gehirn

Inzwischen gibt es ein neues Modell der Funktionsweise des Gehirns, nämlich das vorhersagende, das prospektive Gehirn. Unser Gehirn bekommt von den Sinnesorganen Aktivierungsmuster, die der äußeren Realität nur grob ähneln. Oft sind diese Daten fragmentarisch, unzuverlässig und mehrdeutig. Diese Daten „sind nicht die Welt, sie repräsentieren auch nicht diese Welt, sondern sie repräsentieren nur das, was unsere Sinnesorgane registrieren können.“ (Sterzer 2022, S. 129) Zum Beispiel bekommen wir von den Augen nur Abbilder einer zweidimensionalen Welt. Alles Weitere entsteht durch die Interpretationen in den höheren Gehirnzentren.

Nach dieser Auffassung verfügt das Gehirn über ein inneres Modell der Welt, das aus dem Sammeln von Daten und aus den Lernerfahrungen mit diesen Daten entstanden ist. Das Gehirn entwickelt aus diesem Material Hypothesen, mit denen hereinkommende Sinnesdaten vorhergesagt werden können. Das hat den Vorteil, dass die einlangenden Informationen nicht dauernd neu bewertet werden müssen. Stimmen diese Vorhersagen nicht, so verbessert das Gehirn sein inneres Modell.

Durch diese prognostischen Fähigkeiten ist das Gehirn den Ereignissen in der Welt immer einen Schritt voraus. Die Wahrnehmung ist also kein passiver Prozess, bei dem im Gehirn abgebildet wird, was von außen kommt, sondern ein aktiver und konstruktiver Vorgang. Zwar hat das Gehirn ein selbstgebasteltes Weltmodell, aber es ist nicht unabhängig von dieser Welt. Vielmehr gibt es einen fortlaufenden Rückkoppelungsprozess, in dem Vorhersagefehler zur Optimierung des Modells aufgegriffen und verarbeitet werden. Damit nähert sich das Modell kontinuierlich an die Wirklichkeit an und ermöglicht uns, dass wir uns möglichst störungsfrei durch die äußere Welt bewegen können. Wir haben es hier mit einem Top-Down-Prozess zu tun, bei denen der Frontallappen im Großhirn z.B. die Sehrinde im Hinterhauptslappen beeinflusst, der dann die Augenbewegungen steuert.

Ein wichtiger Aspekt besteht in der Einschätzung der Präzision in der Vorhersage. Wenn uns Situationen sehr vertraut sind, wie z.B. das Autofahren, dann geht unser Gehirn davon aus, dass es nur wenige Ressourcen darauf verschwenden muss, um das Schalten und Lenken zu regulieren. Wir wissen, wie das geht und können mit viel Sicherheit vorhersehen, was passieren wird, wenn wir losfahren. Sitzen wir jedoch das erste Mal in einem Auto mit Automatikgetriebe, so stimmen einige Vorausannahmen nicht; ich muss beim Starten nicht auf die Kupplung, sondern auf die Bremse treten. Wenn ich mit meinem Vorwissen von einem konventionellen Auto ein Automatikauto starten will, werde ich scheitern. Da aber mein Gehirn über den Mechanismus der Präzisionseinschätzung verfügt, kann es mit der Überraschung, dass das Auto nicht startet, wie ich möchte, umgehen und neue Hypothesen bilden. Sind also die Vorhersagen unpräzise, so ist das Gehirn im Normalfall bereit, eine neue Lernerfahrung zu machen. Daraus wird ein präziseres Modell gefertigt, und wir können in Zukunft problemlos ein Automatikauto starten.

Ein anderes Beispiel ist in diesem Zusammenhang das Lenken eines Autos in einem Land, in dem auf der anderen Straßenseite gefahren wird. Wir brauchen einige Zeit, um uns umzustellen; unser Gehirn muss ein neues Modell fertigen, damit es realitätsgerecht vorausschauen kann. Das funktioniert nach einiger Zeit. Kommen wir wieder zurück in unsere gewohnte Fahrumgebung, dann kann es anfangs passieren, dass uns das Gehirn den Scheibenwischerschalter statt des Blinkers betätigen lässt.

Präzision bedeutet in diesem Zusammenhang nicht eine hohe Zuverlässigkeit der inneren Hypothesen in Bezug auf die Vorgänge in der Wirklichkeit, sondern bezeichnet nur eine hohe innere Sicherheit und ein hoher innerer Stellenwert. Z.B. sind die Anhänger der Theorie, dass die erste Mondlandung ein Fake war, überzeugt von dieser Theorie und glauben daran, dass sie damit die Wirklichkeit erkannt haben, zum Unterschied von allen anderen, die diese Theorie nicht teilen. Das hohe innere Gewicht, das diesen Theorien beigemessen wird, hängt mit der Gruppenbildung zusammen: Anhänger von solchen Theorien sind nie allein mit ihren Theorien, sondern kennen andere, die ihre Meinungen teilen und damit die Sicherheit über die Richtigkeit verstärken. Zugleich haben diese Theorien einen wichtigen Stellenwert, weil sie die Gruppe (oder Blase) zusammenhalten. Dass die Theorie von der erfundenen Mondlandung praktisch keinerlei Konsequenzen hat und auch für die Weiterentwicklung der Raumfahrt keine Bedeutung hat, steht auf einem anderen Blatt. An dem Beispiel zeigt sich, dass es Theorien gibt, von denen Menschen voll überzeugt sind, die aber keinerlei Wirkung auf die Wirklichkeit ausüben können, weil sie offenbar den Kontakt zu ihr verloren haben. Ihre einzige Funktion besteht darin, den eigenen Selbstwert zu festigen (ich weiß mehr als alle anderen) und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu sichern.

Reaktive und kreative Lebensorientierung

Die Unterscheidung zwischen dem reaktiven und dem prospektiven Gehirn entspricht dem Unterschied zwischen der reaktiven und kreativen Lebensorientierung, der hier schon mehrfach besprochen wurde. Ähnlich wie unser Gehirn über zwei Modi der Informationsverarbeitung verfügt, haben wir zwei verschiedene Herangehensweisen an die Herausforderungen des Lebens. Der reaktive Modus besteht darin, dass wir aktiv werden, wenn genügend Problemdruck besteht. Wir kümmern uns um unsere Fitness, wenn wir merken, dass der Bauchspeck zu arg zugenommen hat. Wir warten erst dann unser Heizsystem, wenn ein Defekt auftaucht. Der Anreiz kommt von außen und bewirkt die Handlung. 

Die kreative Orientierung kommt von innen – eine Idee taucht auf, die umgesetzt werden möchte. Sie erscheint schon vor unserem inneren Auge, und die Motivationskraft meldet sich, um die Vision in die Wirklichkeit zu bringen. Wir nutzen die prospektiven Fähigkeiten unseres Gehirns, das die Verwirklichung vorwegnimmt und gleichzeitig damit die Gefühle des zukünftigen Erfolgs aktiviert, die uns dazu bringen, unsere Ärmel hochzukrempeln und die notwendigen Schritte zu verfolgen. 

Während die Vorteile der kreativen Lebensorientierung und ihre Bedeutung für ein erfülltes Leben schon lange bekannt sind, zeigt sich durch neuere Gehirnmodelle eine organische und funktionale Grundlage für diese Ausrichtung im Gehirn. Unser Gehirn nutzt offenbar diesen Modus in vielen Alltagsprozessen aus und führt gut damit, ohne dass uns das weiter auffällt. Wenn wir diese Orientierung bewusst wählen und für das, was wir erreichen und verwirklichen wollen, einsetzen, können wir auf effektive Strategien unseres Gehirns zurückgreifen und diese zugleich weiterentwickeln.

Literatur: Philipp Sterzer: Die Illusion der Vernunft. Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego
Die Kreativitätsscham und ihre Auflösung
Kreative und reaktive Fantasien


Donnerstag, 6. April 2023

Über das Schreiben

Schreiben bedeutet, Erfahrungen und Gedanken in Worte zu kleiden, sodass sie von den Mitmenschen gelesen und über das Lesen in die eigene Welt übersetzt werden können. Dort werden sie zu neuen inneren Wirklichkeiten.

Zum Unterschied vom Reden hat das Geschriebene eine materielle Form und ist dauerhaft und kann oft nachträglich nicht mehr geändert werden. Geschrieben ist geschrieben, Subjektives ist zu  einer objektiven Realität geworden. Z.B. wenn ein Vertrag unterzeichnet ist, gilt er. Über Geredetes lässt sich immer streiten, Geschriebenes hat eine gewichtigere Beweiskraft.

Alles, was veröffentlicht wird, ist eine Gabe an alle, die es lesen. Auf diesen Seiten ist jede Veröffentlichung ein Geschenk, weil die Texte nichts kosten, sondern für alle frei zugänglich sind.

Das Geschenk im Schenken 

Wie jedes Geschenk bringt es dem Schenkenden so viel wie der Beschenkten. Schreiben ist in sich ein kreativer Prozess. Meistens gehen dem Schreiben Gedanken voraus und das Schreiben spinnt sie weiter. Im Prozess des Schreiben „schreibt es sich“, d.h. es entspringt das Weitere des Texts aus der Tätigkeit des Schreibens.

Das Geschenk des Textes ist selber etwas, das geschenkt wurde. Denn kein Gedanke, der in einen Text einfließt, ist das Eigentum des Denkers. Er ist zwar scheinbar irgendwo in ihm entstanden, es ist aber meistens völlig unklar, woher er kommt. Manchmal erscheint mir ein Gedanke völlig originell, bis ich draufkomme oder mir jemand sagt, dass die Idee schon da oder dort geschrieben worden ist. Es gibt vielleicht irgendwo einen riesigen Speicher an Informationen, den wir anzapfen können, wenn wir uns auf einen kreativen Prozess einlassen. Wenn wir in schöpferischer Laune sind, sprudelt es aus dieser Quelle; zu anderen Zeiten tröpfelt es und der Text wächst langsam oder verliert sich in einem Dickicht, in dem es kein Weitergehen mehr gibt.

Immer wieder braucht es schöpferische Pausen, ein Abstandnehmen zum Text, damit deutlich wird, wo er sich verirrt hat und wie er wieder in die Spur kommt. Beim Brotbacken muss der Teig eine Zeitlang ruhen, bevor der Backvorgang beginnt. Es ist, als ob sich der Text sich selber zurechtbringen würde, wenn ich ihm seine Zeit lasse. Er muss zu seiner Form finden, und wenn das geschehen ist, stellt sich ein Gefühl der Stimmigkeit ein.

Jeder Schreibvorgang enthält ein Element der inneren Klärung. Wenn der Kopf bei einem Thema verwirrt ist und sich nicht auskennt, hilft es oft, mit dem Schreiben zu beginnen. Aus einer Fragestellung entwickeln sich Sätze, bis sie ein Ganzes ergeben und die Frage ihre Antwort gefunden hat. Das Schreiben selber bringt den Inhalt Schritt für Schritt hervor. Ich lausche ihm und lasse mich von ihm überraschen. Ich greife die Impulse auf, die sich melden, und gebe ihnen eine sprachliche Form, so gut es gerade geht. Allmählich klärt sich das auf, was vorher unklar und verschwommen war. Wie eine Gestalt, die aus dem Nebel hervortritt, langsam sichtbar wird und erkannt werden kann, entpuppt sich der Sinn dessen, worüber ich schreibe, im und durch das Schreiben selber.

In der Erfahrung des Schreibens bestätigt sich immer wieder der Satz, dass jede Frage ihre Antwort in sich enthält. Alles, was es braucht, ist der Frage ihren Raum zu geben, sie stehen und wirken zu lassen. Irgendwann taucht die Antwort auf, und die Spannung, die in der Frage liegt, löst sich. Ein neues Stück Wirklichkeit ist entstanden.

Der Kampf mit dem Drachen des Perfektionismus

Der Perfektionismus ist einer der Hauptfeinde des kreativen Prozesses. Er mahnt jede wirkliche, aber auch jede scheinbare Fehlerhaftigkeit, Beschränktheit oder Unsinnigkeit eines Textes ein. Wichtig ist es, ein paar Korrekturschleifen durchlaufen zu lassen, damit offensichtliche und verborgene Fehler im Text ausgebessert werden können, der Textfluss geglättet und der Sinnzusammenhang durchgängig nachvollzogen werden kann.

Aber ein strenger Perfektionismus ist damit nicht zufrieden. Er erfindet Gründe, damit es ja nicht zum Abschluss des kreativen Prozesses kommt. Er vertritt die Angst und die Scham vor der Bloßstellung, die durch eine Veröffentlichung des fertigen Produkts erfolgen könnte. Er imaginiert die indignierten, abwertenden und feindlichen Blicke, die angewidert ausgestreckten Zeigefinger, die spöttischen Stimmen, das verächtliche Schulterzucken, das heimliche boshafte Tuscheln, das von den möglichen Empfängern kommen könnte und wie heftige Nadelstiche schmerzhaft erlebt werden würde.

Der Perfektionismus will uns vor solchen Schmerzen und Erniedrigungen bewahren. Er ist aber kein gütiger und starker Beschützer, als der er sich gebärdet, sondern ein ängstlicher und schamhafter Anteil unserer Seele, der seine Rechthaberei aus der Kindheit und aus Schulerfahrungen begründet. Er ist ein altes Gespenst, das in einer Fantasiewelt lebt und immer wieder den Unterschied zur Realität verwischt. Er bläht sich auf und macht sich wichtig, auf Kosten unseres kreativen Ausdrucks, den er beständig zu sabotieren versucht.

Erwachsensein heißt, zu sich zu stehen und aus sich heraus zu gehen, auf das Risiko hin, abgelehnt, missachtet oder missverstanden zu werden. Als Erwachsene kennen wir unsere Beschränktheit und Fehlerhaftigkeit und stehen zu ihr, ohne deshalb unsere Schaffenskraft zu amputieren. Wir wissen auch, dass wir alles aushalten und überstehen können, was uns Angst macht und beschämen will. Wir können und müssen unser Selbst leben und ausdrücken; das ist unser Beitrag zur Welt und das, was unserem Leben Sinn gibt. Sobald wir als Erwachsene unseren Mut und unsere Risikobereitschaft mobilisiert haben, wird der Perfektionismus zurücktreten und seine Sabotageaktionen beenden.

Die Veröffentlichung

Wenn der Text seine Gestalt und Form gefunden hat und sich ein Gefühl der Ganzheit eingestellt hat, kommt der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Das Geschriebene wird der Öffentlichkeit überantwortet. Es ist wie das Loslassen einer reifen Frucht durch den Baum oder wie ein Geburtsprozess, in dem sich ein neues Lebewesen seine Bahn bricht und seinen selbständigen Weg beginnt. Wir geben her, was in und durch uns entstanden ist, und überreichen es der Welt. Was durch den Erschaffensprozess hindurch als unser Eigenes erschienen ist, darf nun in seiner Eigenständigkeit seine Wirkung entfalten. Wir haben ihm alles mitgegeben, was wir uns möglich war, alles Weitere ist nicht mehr in unserer Macht.

So wie das Baby, das eine Mutter gebiert, in ihr zeitweilig wie ihr Eigenes erschienen ist, durch die Geburt als selbständiges Wesen mit eigener Individualität offenbart, löst sich das kreative Produkt im Vollendungsschritt von seiner Schöpferin. Es nimmt nun seinen eigenen Weg durch die Welt. Es wird Menschen finden, die es mögen und lieben, und andere, die es ablehnen, und es wird viele andere geben, die es ignorieren oder nie von ihm erfahren. Die Schöpferin kann sich zurückziehen und ab und zu einen Blick auf die Spur werfen, die das Produkt durch die Welt zieht. Sie kann ihren Stolz spüren, der die Anerkennung über die eigene Leistung enthält, und sie kann die Demut spüren, in der sich ausdrückt, dass alles, was wir geben können, etwas ist, das wir vorher empfangen haben. 

All unser Schaffen ist nichts als das Verarbeiten und Neugestalten von Empfangenem. Unser kleiner Beitrag am Schaffensprozess, die wir begonnen und abgeschlossen haben, darf uns stolz machen, und der große Beitrag, den das unendliche Netz des Universums geleistet hat, führt uns zur Dankbarkeit. Denn es gehört zu den schönsten Erfahrungen des Lebens, der Ausdruckskraft der eigenen Kreativität Raum zu geben und sie zur Entfaltung zu bringen. Daran teilhaben zu dürfen, ist ein Privileg und ein unschätzbares Geschenk.

Das ist der 700. Artikel auf dieser Blogseite. Zur Feier ein paar Daten:
Aufrufe seit Bestehen (2011): ca. 345 000
Beliebtester Artikel: Psoas-Muskeln und Traumaheilung (56 000 Aufrufe)
Beliebtester Artikel im letzten Monat: Die Langsamkeit der Natur (155 Aufrufe)

Sonntag, 24. Juni 2018

Kreativitätshemmungen und ihre Lösung

Wie kommt es zu Hemmungen und Blockierungen in der kreativen Lebensorientierung? Und wie können wir zu unserer eigenen Aufgabe zurückfinden?

Das ist eine wichtige Frage, weil die besten Vorsätze und Idee wertlos sind, solange sie nicht in die Wirklichkeit umgesetzt sind. Wir haben tolle Ideen und Visionen, doch kommt es häufig vor, dass alles im Kopf oder im Reden bleibt, statt in Handlungen zu münden. Oft hapert es nicht an den Details, den Ressourcen oder anderen äußeren Bedingungen, sondern es sind emotionale und psychologische Hemmnisse, die sich in den Weg stellen und die Verwirklichung der besten Ideen verhindern. Dieser Blockierungen gibt es viele: z.B. kann man sich nichts zutrauen, auf eine besondere Eingebung oder Stimmung warten, die eigenen Schwächen überspielen, sich ablenken, sich mit unnötigen Aktivitäten stressen, andere für die eigene Bequemlichkeit verantwortlich machen usw. Schier unerschöpflich ist unser Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstsabotage. Unser Unbewusstes verfügt über seine eigene Form der Kreativität – im Verhindern von Kreativität für unsere Ziele und Ideen.

Reaktive Muster überlagern in solchen Fällen die kreative Orientierung wie Unkraut die Kulturpflanze, bis von ihr nichts mehr übrigbleibt. Irgendwann vergessen wir unsere schönen Ideen und begraben unsere tieferen Anliegen in der Schublade: „Geht eh‘ nicht“. Wir lassen zu, dass die Ängste und Komplexe, die aus unseren Traumatisierungen stammen, an die Macht kommen anstelle von dem, was wir selber wollen und was unser Wesen ausdrückt. Deshalb ist es für das eigene Weiterkommen und für ein erfülltes Leben wichtig, die bei einem selber beliebten und eingeübten reaktiven Verhaltensmuster, die sich in die Manifestationsprozesse einmischen, ausfindig zu machen und zu neutralisieren. 

Die Übung mit der Trennwand


Dazu kann die folgende Übung dienen: Stelle dir eine Trennwand oder Trennlinie in dir selbst vor. Auf die eine Seite kommen alle Aspekte und Emotionen, die aus der eigenen Belastungsgeschichte stammen, also die Traumaanteile der eigenen Psyche, die sich in diversen Handlungshemmungen ausdrücken. Sie gehören in die Therapie, oder zumindest in einen geschützten Bereich, in dem sie Zuwendung und Fürsorge, oder auch Ermahnung und Orientierung kriegen, mit fixer Zeitzusage (zu welchem Zeitpunkt ich mich um mein verletztes inneres Kind und seine vernachlässigten Bedürfnisse kümmern werde). Auf die andere Seite kommt die Kraft der eigenen Vision, die Überzeugung und Inspiration, die aus ihr entspringt, die Macht, die sie daraus bezieht, Teil der eigenen Lebensaufgabe zu sein. Mit der Rückvergewisserung des ureigenen Wollens kommen die Kenntnisse und Fertigkeiten, um die Kraft zu fokussieren und zu bündeln.

Nun kommt es darauf an, diese innere Unterscheidung in den Alltag zu übertragen. Wir nutzen das Bild der Trennwand: Ich entscheide mich, mir jetzt Zeit für die kreative Seite zu nehmen, und spüre in dieser Entscheidung die Kraft meiner Vision. Wenn Hemmungen auftreten, nehme ich sie wahr und lege sie bewusst beiseite, mit der Absicht und Zusage, mich ihnen später zu widmen. Jetzt gebe ich meine Energie und Konzentration in die Aufgaben, die sich aus meiner Vision ergeben. Jetzt nutze ich den Schwung, der sich aus der Kraft der Inspiration ergibt und setze zügig um, was zu tun ist. 

Zu einem späteren Zeitpunkt beende ich ebenso bewusst diesen Prozess der kreativen Verwirklichung, anerkenne mich für die erreichten Resultate, notiere mir, was noch zu tun ist und wann ich das erledigen möchte, und gehe anderen Tätigkeiten nach oder forsche nach den Ängsten, die hinter den Widerständen stecken, um sie durchzuspüren und zu entkräften.

Keine Kreativität ohne Tun


Kreativität beginnt zwar als inspiratives Abenteuer im Kopf und im kommunikativen Austausch. Sie wird aber erst real, wenn sie in der Wirklichkeit Gestalt annimmt, wenn also aktive Handlungen das Irreale real werden lassen. In diesem Prozess erschaffen wir Wirklichkeiten, die es vorher nicht gegeben hat, und bereichern die Welt mit unseren Inspirationen. 

Größe ohne Wahn


Es kann diesen Schöpfungsprozess auch erleichtern und von neurotischen Hemmungen befreien, wenn wir uns klarmachen, dass wir eher wie ein Kanal als wie ein originärer Schöpfer in der Manifestation von Visionen wirken. Wir „empfangen“ unsere Ideen und öffnen uns für die Energien, die wir für ihre Umsetzung brauchen. Unsere Leistung ist also mehr ein Wirkenlassen von Fähigkeiten, wir verdanken sie Kraft- und Inspirationsquellen, die uns gegeben sind, mehr als unserer Genialität. Mit dieser Sichtweise können wir erkennen und anerkennen, dass wir unser kleines Scherflein zum Wachsen dieser Welt beitragen, wie alle anderen auch, auf ihre ganz besondere Weise und in ihrer jeweiligen großartigen Kleinheit.

Auf diese Weise verbinden wir uns mit der Haltung der Demut und Dankbarkeit, indem wir all den Faktoren, die für unsere Kreativität förderlich und nährend sind, die gleiche Aufmerksamkeit geben wie unserer Anstrengung. Dann kann leichter das Gefühl und die Vorstellung in uns Platz greifen, dass wir durch uns hindurch fließen lassen, was wir manifestieren, statt anzunehmen, dass all unsere Schöpfung allein aus uns selber, aus unserem kleinen Ego stamme. 

Wir formen und gestalten diesen Fluss aus dem heraus, was wir sind, sodass immer auch ein individuelles Moment von uns in ihm mitschwingt, gewissermaßen unsere persönliche Duftnote, die die Schöpfung auch zu unserer macht. Und selbst da kann es uns wieder entlasten und befreien, wenn wir uns darauf besinnen, dass sich sogar diese so eigene Note vielfältigen Faktoren unserer Umgebung und unserer Geschichte verdankt. Auf diese Weise reinigen wir unsere Größe von jedem Wahn.

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego
Kreative und reaktive Fantasien

Mittwoch, 15. Juli 2015

Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Absichten, die unsere Orientierung stärken


Wir kennen auch Absichten, die uns helfen, bei der Verwirklichung unserer Ziele weiterzukommen. Oft beginnen solche Ziele mit Absichten, allerdings braucht es eine innere Entscheidung, damit wir vom bloßen Wünschen zu den konkreten Schritten der Umsetzung kommen. Eine solche Entscheidung wirkt wie ein Weg in die Zukunft hinein, der mit diesem Schritt gebahnt wird. Die Orientierung geht "nach vorne", sie richtet uns aus, und aus der Spannung zwischen dem, was wir jetzt in die Zukunft hinein wollen, entsteht Kraft und innere Klarheit. Wenn wir uns z.B. vornehmen, zugunsten unserer Gesundheit auf ein Abendessen zu verzichten, kann uns das helfen, trotz Versuchungen bei unserer Entscheidung zu verbleiben.

Bei solche Absichten können wohl auch Ängste des Egos mitspielen. Aber wir brauchen bei jedem kreativen Prozess auch die proaktiven Aspekte unseres Egos, das uns helfen muss, damit wir die Ideen und Visionen, die uns zufallen, auch in die Wirklichkeit hinein übersetzen können.


Wie uns Absichten am Weiterkommen hindern


Absichten steuern also unser Leben. Wir richten uns mit ihnen in die Zukunft hinein aus. Wir spannen einen Bogen, der  vom Jetzt dorthin reicht, was nach unserer Absicht sein soll. Wir gehen an den Badestrand, um uns im angenehm warmen Wasser abkühlen zu können. Wir kommen an den Strand, und es bläst ein heftiger Wind, der die Absicht zum Abkühlen zum Verschwinden bringt.

Wir können jetzt enttäuscht sein und über den Wind jammern, der uns die Badefreude nimmt. Aber natürlich leiden wir nicht am Wind, sondern an unserer Erwartung, die uns ein anderes Bild der Zukunft vorgezaubert hat, bevor wir aufgebrochen sind. Die Diskrepanz zwischen unserer Absicht und der danach eintretenden Realität lässt uns leiden. Hätten wir uns darauf eingestimmt, einfach Zeit am Strand zu verbringen, wie auch immer das Wetter gerade ist, wäre uns die Enttäuschung erspart geblieben. Die Zukunft offen lassen, heißt, sich von Absichten befreien.

Christian Sator weist in seinem Artikel auf den Unterschied von dualer und nondualer Wirklichkeitssicht hin. Absichten trennen uns von der Wirklichkeit, genauer gesagt, das Festhalten an ihnen. Sobald wir merken, dass sich die Wirklichkeit mit der Absicht überkreuzt, können wir die Absicht loslassen und uns auf die Wirklichkeit einlassen, dann kommen wir in ein nonduales Erleben des Fließens. Bleiben wir an unserer ursprünglichen Absicht hängen, sind wir in unserem Bewusstsein gespalten, also dual: Ein Teil ist am windigen Strand, ein anderer in der Vorstellung des windstillen, angenehm warmen Strandes.

Christian schreibt: "Jede Absicht hat ein Ziel, das in der Zukunft liegt, oder hat die Wurzel in einer Angst, die in der Vergangenheit liegt. Dadurch geht die volle Achtsamkeit für das Jetzt verloren. Wenn ich absichtsvoll handle, kann mir nur mehr das, was ich mir wünsche, Freude schenken. Ich schränke also die Möglichkeiten der freudebringenden Zukunft für mich radikal ein. Ich schaue mit einem Tunnelblick in die Zukunft, und kann mich nur mehr freuen, wenn sich dieser winzig kleine Ausschnitt der Wirklichkeit, den ich ersehne, erfüllt hat. Bringt die Zukunft etwas ganz Anderes, bin ich meist frustriert. ... Bin ich präsent und voll in der Gegenwart, ist jeder Augenblick einmalig, einzigartig und kostbar, auch dann, wenn aus der Sicht des Verstandes nichts Besonderes geschieht."

Überwinde ich also meinen Widerstand gegen die Wirklichkeit, so gibt es nichts mehr, was mich frustrieren kann. Umgekehrt kann ich jede Frustration, die ich erlebe, darauf zurückführen, dass ich gerade im Widerstand gegenüber der Wirklichkeit bin. Diese reflexive Einsicht kann es mir erleichtern, wieder in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu kommen und damit den gegenwärtigen Augenblick in seiner Einzigartigkeit wertschätzen: Oh, jetzt habe ich gerade aus dem Fließen der Erfahrung ausgeklinkt, und es wird Zeit, wieder zurückzukehren.

Wir werden schwerlich unsere Gewohnheit, Absichten zu bilden, abstellen können. Wenn wir etwas planen, verbinden wir damit immer gewisse kognitiv und emotional gefärbte innere Bilder. Wenn wir ein Buch kaufen, erwarten wir interessante Einsichten und erfüllte Lesezeiten. Aber wir können unsere Neigung, an unseren Absichten festzuhalten, erkennen und abschwächen. Bewusstheit bringt uns immer in die Gegenwart, und Bewusstheit mit Frustrationserfahrungen macht uns auf die Spaltung aufmerksam, die uns unterlaufen ist.

Absichtslosigkeit ist deshalb nicht ein absolutes Ziel, das wir erreichen müssen, um innerlich frei zu sein. Der Begriff erinnert uns vielmehr daran, dass wir unsere Vorstellungen und Ideen über die Zukunft immer wieder loslassen können. Denn unsere Absichten sind nur Luftblasen, die wir zerplatzen lassen können, sobald sie ihr kreatives Schillern verloren haben. Jede verschwundene Luftblase kann einer neuen Platz machen, und so bleibt unser Leben ein kreativer, aus sich heraus wachsender Prozess. Dazu ist es wichtig, dass wir den leeren Raum zwischen den Blasen bewusst wahrnehmen als den Einstieg in die eigentliche Quelle von allem. Die Freiheit von Absichten gehört zum Luxus des meditativen Lebens; die Kunst, Absichten klar zu erkennen, zu bewerten, zu Entscheidungen zu führen, und sie dann zum besten Zeitpunkt zu vergessen, ist Teil der alltäglichen Lebenskompetenz, an der wir immer wieder feilen müssen.


Zum Weiterlesen:
Absichtslosigkeit in der Therapie

Dienstag, 16. Juni 2015

Der Hochmut in der Selbstverkleinerung

Manchmal drücken wir uns vor der Realität mittels Selbstverkleinerung. Wir trauen uns etwas einfach nicht zu, wir können das nicht, und eigentlich wollen wir das gar nicht. Es handelt sich dabei nicht um Dinge, die andere von uns verlangen oder die wir tun sollten, weil es von uns erwartet wird. Es geht hier vielmehr um Handlungen, die aus unserer kreativen Lebensorientierung entspringen, bei der es um die Verwirklichung von eigenen Lebenszielen geht: Etwas, was wir ganz bestimmt selber wollen. Es hat uns die Idee gleich voll beflügelt und begeistert. Wir haben die ersten Schritte gesetzt, sie sind wie von selbst aus uns geflossen. Wir waren im ungebremsten Schaffensdrang. Dann verebbte dieser plötzlich oder unmerklich-allmählich.

Schließlich ist die Lust am Kreieren verflogen, die Ideen fehlen oder die Kraft ist erschöpft. Und da meldet sich gerne eine Stimme in uns, die sagt: Ich kann das nicht, ich schaffe es nie, ich bin nicht gut genug usw. Sie rechtfertigt die Schaffensblockade, die aufgetreten ist und bringt uns manchmal dazu, das ganze Projekt abzubrechen.

Blockierungen und Widerstände sind Teil von jedem Schaffensprozess. Am Anfang stehen meist enthusiastische Flow-Zustände, die den kreativen Prozess in Gang setzen. Diese Energie ist nicht für die "Mühen der Ebene" geeignet, die irgendwann dazu treten, wenn sich die umgebenden Realitäten in den Ablauf einmischen: Müdigkeit, andere Bedürfnisse, versiegende Ideen, umständliche und mühsame Arbeiten (z.B. Recherchen beim Schreiben eines Sachartikels). Das Nichtwissen um die Unumgänglichkeit dieser Phase im Schaffensprozess kann dazu führen, dass das Projekt an diesem Punkt abgebrochen wird und für immer in einer Schublade verschwindet, aus der es sich zwar immer wieder kleinlaut meldet, aber nie wieder herausgenommen und weiterverfolgt wird. Genausowenig wird es als gescheitert fallengelassen und mental entsorgt, sodass es im Hintergrund wirksam bleibt und am Schaffensgewissen nagt („Du hast doch dieses Projekt noch immer nicht weiterbetrieben…“).

Wissen wir um diesen Aspekt beim Kreieren, so können wir mit ihm kreativ umgehen, solange, bis sich der kreative Fluss wieder Bahn bricht und uns durch die Engstellen hindurch begleitet. Erfahrene Kreatoren haben dafür ihre eigenen Strategien entwickelt und auf ihre individuellen Widerstände angepasst. Manche Künstler z.B. arbeiten konsequent bestimmte Zeiten am Tag, andere legen längere Pausen mit Ablenkung dazwischen ein oder versprechen sich Belohnungen usw.

Das Ego im kreativen Prozess


Möglicherweise dient die Schaffensblockade der Einbeziehung des Egos in den kreativen Prozess: Solange das Flow-Erleben dominiert, ist das Ego abgemeldet, es hat keine Chance gegen die Übermacht des kreativen Stromes. Wenn dieser an Schwungkraft verliert, meldet sich das Ego wieder. Es ist der Hüter des Mittelmaßes, der Gewohnheitszone, und es ist mit Misstrauen gegen Gipfelzustände ausgestattet, die es aus seiner Lethargie reißen.

Deshalb versteckt sich in der scheinbaren Bescheidenheit eine besondere Variante des Hochmutes, der sich insgeheim besser wähnt als die kreative Lebenskraft. Kreativität verlangt die Hingabe an das, was zu tun ist, gleich, ob es leicht geht oder schwerfällt, gleich ob es angenehm ist oder eine Überwindung verlangt. Hingabe an etwas Größeres ist das, was das Ego nicht kann und wovor es die meiste Angst hat. Also sucht es die Selbstverkleinerung als Ausrede: Ich bin ja so klein und unbedeutend, ich kann deshalb nichts Besonderes vollbringen. Ich bleibe bei dem Wenigen, das ich jetzt habe, und dafür habe ich es sicher.

Es will sich wieder in der Komfortzone einrichten und zurücklehnen. Kein Risiko einzugehen ist seine Devise. Lieber eine relative Sicherheit und Bequemlichkeit als Gefahr zu laufen, mehr vom Leben zu bekommen, denn es könnte auch in weniger umschlagen.

Unser Ego durchschauen


Erkennen wir hinter der Blockade unser ängstliches Ego mit seinen gefinkelten Strategien, so fällt es uns leichter, weiterzumachen. Wir besinnen uns darauf, was wir selber wollen, was uns als Idee und Vision beflügelt und vergewissern uns unserer Kraft. Wir haben vieles schon geschafft in unserem Leben, und wir können deshalb auch neue Herausforderungen, wie sie jede Schaffensblockade darstellt, meistern. Das Match heißt Ego gegen kreativen Fluss, und wir sind es, die entscheiden, wer gewinnen soll.

Die Tücken im kreativen Zyklus zu verstehen ist so wichtig wie die kreative Arbeit selbst. Denn was nützen halbfertige Ideen und unvollendete Werke? Jede durchwanderte Schaffenswüste lehrt uns, den Hochmut der Bescheidenheit durch die Bescheidenheit der Hingabe zu ersetzen. Jeder überwundene Widerstand stärkt das Vertrauen in den kreativen Fluss, der immer wieder Überraschendes zutage fördert, wenn wir ihm den Raum und die Zeit lassen, die er dafür braucht.

So ging es mir auch beim Schreiben dieses Blogs, der aus einem Gespräch über das Blogschreiben entstanden ist, das die ersten Absätze schnell gefüttert hat. Bis zur letzten Zeile musste ich einige Durststrecken überwinden, die von Zweifeln benagt waren, ob das Thema genug für einen Blogbeitrag hergibt und ob mir noch ein sinnvoller Abschluss gelingen wird. Nun bin ich am Punkt der Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass der Text gelungen ist. Dir als Leser(in) steht natürlich deine eigene Meinung dazu frei. Ich jedenfalls freue mich über alle, die zu diesem Text und durch ihn hindurch bis zu seinem Ende finden.