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Freitag, 26. November 2021

Die Ethik beim Impfen

Vorbemerkung

Es geht mir bei diesen Zeilen nicht darum, einen vorwurfsvollen Zeigefinger vor irgendjemandem zu erheben, geschweige denn über jemanden einen Stab zu zerbrechen. Es geht mir vielmehr darum, einen ethischen Sachverhalt aufzuzeigen uns bewusst zu machen. Was soll ein ethischer Sachverhalt sein? Ich gebe ein Beispiel zur Verdeutlichung, das nichts mit der aktuellen Impfthematik zu tun hat. Wenn Kinder emotional oder sexuell missbraucht werden, entstehen massive subjektive Verletzungen und Leiden. Zusätzlich entsteht ein Riss im sozialen Gefüge durch die Missachtung der Menschenwürde. Dieser Riss wirkt so lange, bis gesehen und anerkannt ist, was passiert ist, und bis ein Ausgleich und eine Sühne geschieht. 

Ein ethischer Sachverhalt existiert und hat eine Wirklichkeit, ähnlich wie ein Riss in einer Hauswand. Er hat aber keine dingliche Realität, sondern eine soziale. Als solche hat er die Eigentümlichkeit, verdrängt, vergessen und ignoriert werden zu können. Dennoch existiert er weiter und hält Spannungen im Untergrund des sozialen Gefüges aufrecht. Diese Spannungen betreffen alle, nicht nur die Opfer, die an ihren Verletzungen leiden, und die Täter, die an ihren Schuld- und Schamgefühlen bzw. deren Abwehrformen leiden. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, die Ursachen der Spannungen aufzudecken und bewusst zu machen. Denn unaufgelöste und unbewusste ethische Sachverhalte erzeugen Dynamiken mit oft unglaublicher und zerstörerischer emotionaler Wucht.

Der ethische Sachverhalt in der Impfthematik

Das ethische Argument, das für die Impfung spricht, hat mit Solidarität zu tun. Geimpfte tragen nach den Erkenntnissen der Wissenschaft wesentlich mehr zur Eindämmung der Pandemie bei als Ungeimpfte. Viele ältere und aktuelle Studien beweisen die Wirkungen der Impfung (besonders trifft es auf die Dreifachgeimpften zu) auf die Reduktion von Ansteckungen und auf die Vermeidung von schweren Verläufen: Nach Schätzungen der WHO hat das Impfen bisher einer halben Million Menschen den Tod erspart. Die Ungeimpften hingegen geben bei Ansteckung die volle Virenbelastung weiter. Sich nicht impfen zu lassen, verringert die Ansteckungsrisiken und die Weiterverbreitung der Viren nicht im Geringsten, sondern fördert die weitere Verbreitung des Virus und verlängert die Krisensituation. Außerdem steigt durch das weiter bestehende Feld der Ausbreitung die Möglichkeit für die Entwicklung neuer Varianten, die die weitere Bekämpfung der Pandemie noch schwieriger gestalten. 

Da die Pandemie weiterhin viel Leid und viele Todesfälle bewirkt, besteht die ethische Pflicht darin, das zu tun, was einem möglich ist und zu Gebote steht, um die Not zu wenden. Dazu gibt es nach allen vorliegenden Daten vor allem die Möglichkeit der Impfung, die noch dazu in unseren Ländern kostenlos verabreicht wird. Ungeimpfte, die diesen Schritt nicht vollziehen, tragen mit dieser Haltung eine höhere ethische Mitverantwortung für die Opfer der Pandemie als die, die sich trotz des Risikos von Nebenwirkungen impfen lassen. Mit jedem Tag, an dem sich jemand nicht impfen lässt, steigt die Mitverantwortung für das Weiterwachsen der Ansteckungen und der damit verbundenen Auswirkungen. (Ausgenommen sind natürlich jene wenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen dürfen.) 

Es gibt auch andere Maßnahmen, die der Vorbeugung gegen Ansteckung dienen, indem sie z.B. das eigene Immunsystem stärken oder die zwischenmenschlichen Kontakte reduzieren. So anerkennenswert jeder dieser Maßnahmen ist, muss doch gesehen werden, dass die Impfung die zielgerichtetste und wirkungsvollste Handlung darstellt, die Pandemie abzuschwächen und irgendwann zu beenden.

Andererseits ist die Impfung wiederum nicht die einzige und ausreichende Maßnahme, um die Infektionen zurückzudrängen; wer meint, mit der Impfung wieder wie vor der Pandemie leben zu können, hat übersehen, dass auch Geimpfte das Virus weitergeben können. 

Motive der Impfablehner

Natürlich haben alle, die sich nicht impfen lassen, ihre Gründe und Motive. In diesem Artikel geht es nicht darum, umfassend auf all diese Möglichkeiten der Motivation einzugehen, sondern darum, ein paar Beispiele herauszugreifen. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass das ethische Solidaritätsargument  nicht einfach weggewischt, weggekürzt oder wegerklärt werden kann, sondern dass es dazu einer gewissenhaften Abwägung bedarf. Da dieses Argument im Vorfeld der Argumentation für eine Impfpflicht steht, ist es besonders wichtig, sorgfältig damit umzugehen. Ausdrücklich betonen möchte ich, dass mit einer Anerkennung des Solidaritätsarguments noch keine Zustimmung zu einer Impfpflicht impliziert ist. Dazu wäre eine gesonderte Diskussion notwendig. 

Das Solidaritätsargument zusammengefasst lautet: Wer das in seiner Macht Stehende zur Verringerung der Ansteckungsrisiken und damit zur Weiterverbreitung der Pandemie und dem damit verbundenen Leid tut, handelt gut, wer es unterlässt, handelt unterhalb seiner ethischen Möglichkeiten. Für manche ist nicht einsichtig, dass die Impfung diesem praktischen Ziel und damit dem ethischen Zweck dient. Sie halten die wissenschaftliche Evidenz, die den Nutzen der Impfung belegt, für falsch oder für manipuliert und halten sich an andere, „alternative“ Quellen ohne wissenschaftliche Relevanz. Auf diese Problematik bin ich im vorigen Blogartikel eingegangen. 

Unethisches Verbreiten von Nachrichten

Es erhebt sich an diesem Punkt die ethische Thematik, die mit dem Übernehmen und Verbreiten von dubiosen Informationen, die nicht den wissenschaftlichen Standards entsprechen, verbunden ist. Wenn jemand ohne Überprüfung und Faktencheck Informationen in den sensiblen und hoch emotionalisierten Themenbereichen aufgreift und medial weitergibt, handelt er oder sie unterhalb ihrer ethischen Möglichkeiten. Wer Informationen im Internet finden und lesen kann, kann auch überprüfen, was andere zu diesen Informationen sagen. Es ist auch leicht, herauszufinden, ob die Informationen eine wissenschaftliche Abdeckung haben oder ob es sich um subjektive Erfahrungen oder Meinungen handelt, die als Wissenschaft ausgegeben werden, ob es also ein Schwindel ist. Wer ungeprüft Informationen verbreitet, weil er nur „glaubt“, dass das stimmt, täuscht andere, denen er die Information mit dem Sigel der Vertrauenswürdigkeit weitergibt. Solche Verhaltensweisen tragen auch dazu bei, dass die allgemeine öffentliche Diskussion weiter verwirrt wird und die Mitmenschen in ihrer Sichtweise und ethischen Haltung mit unlauteren Mitteln beeinflusst werden. Sie wirkt dabei mit, dass die ablehnenden und hasserfüllten Emotionen anwachsen und das gesellschaftliche Klima vergiftet wird. Dann noch zu sagen, man wolle ja keine Spaltung, bildet nach solchen Aktionen der Desinformation manchmal noch das Sahnehäubchen der Heuchelei.

Der subjektive Widerwille

Wer das Solidaritätsargument versteht und teilt, beruft sich manchmal auf den subjektiven Widerwillen gegen das Impfen und die fehlende innere Zustimmung zu diesem Akt. Warum soll man etwas tun, was einem innerlich widerstrebt? Das kann ja nichts Gutes bewirken. Jeder hat seine Empfindlichkeiten und will mit diesen Empfindlichkeiten respektiert werden. 

Dennoch ist das eigene Spüren nicht das Ende der ethischen Diskussion, sondern ihr Anfang. Das eigene Fürwahrhalten ist untrennbar mit dem eigenen Ego und seinen Schutzmechanismen verbunden. Um eine ethische Perspektive einzunehmen, müssen immer die anderen mit ihren Egos und Schutzmechanismen mitbedacht werden. Schließlich stellt sich noch die Frage, was für die Gesellschaft als Ganze das Beste ist. Manchmal ist es wichtig, für ein höheres Gut die eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen, aber das geht nur, wenn der Blick über den eigenen Tellerrand geht und das Leid im größeren Zusammenhang wahrgenommen wird.

Der innere Konflikt kommt nicht zur Ruhe, wenn nur die eigenen Bedenken und Ängste als Richtschnur des Handelns genommen werden. Vielmehr schwingt dabei immer ein Schamgefühl mit. Deshalb beginnt oft die Suche nach Informationen, die die innere Diskrepanz ausgleichen sollen: Informationen, die die Impfung als Mittel zur Bekämpfung der Pandemie diskreditieren, sind dann hoch willkommen, denn sie lindern die emotionale Dissonanz. Eine Prüfung auf ihre Faktizität wird tunlichst vermieden, weil die Informationen ja sonst ihre Aufgabe der inneren Beschwichtigung nicht mehr erfüllen würden. 

Das Tor zu Verschwörungsfantasien steht damit schon offen, durch das dann manche schreiten und sich damit noch weiter von der ethischen Solidarität entfernen. Außerdem entstehen dann oft schmerzhafte Brüche mit den bisherigen Freundes- und Kommunikationskreisen. Das Verantwortungsgefühl, das durch das Solidaritätsargument aktiviert ist, muss verdrängt werden, und die Verdrängung führt dazu, dass Gegner oder Gegenargumentierer in Bezug auf die angeeigneten Theorien immer aggressiver bekämpft werden. 

Je mehr die Entfernung zur ethischen Verantwortung wächst, desto weiter geraten die Kreise der Diskreditierung: Nicht nur einzelne Wissenschaftler, die sich öffentlich für Impfungen und Corona-Maßnahmen aussprechen, werden angegriffen und verurteilt, sondern die gesamte Wissenschaft wird mit einem Misstrauensantrag belegt und mit Bauch und Bogen verurteilt. Da es schon korrupte und unehrliche Wissenschaftler gegeben hat, werden alle der Unredlichkeit bezichtigt, und die Ergebnisse ihrer Forschungen sind damit wertlos oder sogar gefährlich, weil sie die Interessen von heimlichen Geldgebern vertreten, deren Ziel ganz offensichtlich in der Versklavung und Unterdrückung möglichst vieler Menschen liegt.

Die Umdeutung des Solidaritätsarguments

Das Solidaritätsargument wird dann umgemünzt: Die eigentlichen Beschützer der Menschen sind die, die die geheimen Machenschaften der Fädenzieher hinter den Kulissen aufdecken und ihren Praktiken aktiven Widerstand leisten. Der Kreis schließt sich, das Böse bleibt draußen und das Gute ist im Inneren konzentriert. Allerdings bewegen sich die Dinge im Außen nicht weiter, die Ansteckungszahlen und Todesfälle werden nicht weniger. Die Erklärungen aus dem Innenraum sind vorgeprägt. Schuld ist nicht die eigene Impf- oder Maskenverweigerung, sondern die Behörden, Politiker und Wissenschaftler, die laufend die Zahlen fälschen und fortgesetzt die Bevölkerung täuschen. 

Im geschlossenen Kreis gibt es keinen Außenhalt, der eine Korrekturmöglichkeit bieten würde. Das unterscheidet die Wissenschaften von solchen illusionsgetriebenen Konstruktionen: Es gibt immer eine Korrekturmöglichkeit vom Äußeren, also von der Wirklichkeit. Passt eine Theorie nicht mit der Wirklichkeit zusammen, wird die Theorie verändert, bis sie passt. Bei den innegeleiteten Konstruktionen geht es umgekehrt: Wenn Theorie und Wirklichkeit nicht zusammenpassen, wird die Interpretation der Wirklichkeit verändert, sodass die Theorie immer Recht hat. Die Akteure im Szenario sind vorbestimmt, ihre Rollen sind fix definiert (gut oder böse, je nachdem sie die Wirklichkeitskonstruktion bestätigen oder nicht) und jedes mögliche Ereignis hat schon eine Vorinterpretation mit Hilfe der von der Theorie festgelegten Argumente gefunden.

Die Ethik hat nur mehr eine Innenbedeutung. Es gibt keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob die eigenen Werte und die daraus folgenden Handlungen in der Wirklichkeit Gutes bewirken, in diesem Fall also die Gesundheitssituation verbessern, weil der Wirklichkeit, also den Fallzahlen und den damit verbundenen Schicksalen, keine Korrekturfunktion zugemessen wird.

Aufwachen aus den Illusionen

Manche erwachen aus dem Illusionsgebäude, wenn sie das Virus erwischt hat und sie sich auf der Intensivstation wiederfinden. Bescheidenheit und Dankbarkeit entsteht in der Nähe des Todes und in der Abhängigkeit des eigenen Lebens von den Menschen, die Übermenschliches für die Rettung jedes Lebens leisten, ob es durch Impfung zum eigenen Schutz beigetragen hat oder nicht. Der Kampf gegen das Impfen findet dann manchmal sein natürliches Ende, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass ein Stich weniger schrecklich ist als ein tagelanges Hängen an Schläuchen und Maschinen, von Ärzten und Pflegepersonal umgeben, das am Rand der Überlastung steht.

Manche Impfgegner konnten nach dem Besuch einer Covid-Intensivstation von ihrem Glauben ablassen. Manche hat das Leiden von nahestehenden Menschen oder deren Tod zum Frieden mit dem Impfen geführt; manche haben solche Erfahrungen noch mehr radikalisiert. Wir Menschen sind so verschieden, was die Verarbeitung unserer Erfahrungen anbetrifft. Wir sind aber darin nicht verschieden, dass wir im Grund alle das Beste für uns selbst, aber auch für alle anderen suchen. 

Deshalb ist es so wichtig, unsere Motive und Gründe für unser Tun und Nichttun immer wieder zu reflektieren und gerade dort, wo sich Kontroversen auftun, genau zu schauen, welche unbewussten Antriebe sich in unser Spüren und unser subjektives Rechthaben einmischen. Wir sollten achtsam darauf sein, wenn wir wider allen Widerspruchs an Meinungen und Überzeugungen festhalten, mit dem Gefühl, sie mit Zähnen und Klauen verteidigen zu müssen. Es könnte sein, dass wir uns an eine Einbildung, eine Illusion anklammern oder dass wir Opfer von Manipulation geworden sind. Zum Aufwachen ist es nie zu spät.

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft


Samstag, 31. Juli 2021

Keine Nachhaltigkeit ohne soziale Konfliktlösung

Die Menschen sind nicht gegen die Natur, sondern gegeneinander. Sie handeln unbewusst und achtlos der Natur gegenüber, weil sie damit beschäftigt sind, ihre zwischenmenschlichen Probleme zu lösen. Und das ist der Grund, warum wir vorrangig daran arbeiten müssen, als Menschheit miteinander besser zurechtzukommen.

Menschen sind Natur, durch und durch, jede Zelle stammt aus den Milliarden der kosmischen Geschichte und ihrer erstaunlichen Entwicklung. Selbst jeder Gedanke und jede Idee, die je in einem Menschengehirn aufgetaucht ist, ist ein Spross dieser Entwicklung, die neben vielen anderen Errungenschaften die Nervenzellen hervorgebracht hat.

Wie kommt es nun zu diesen Konflikten zwischen den Menschen und dem anderen Rest der Natur, die die aktuelle Situation prägen und die ein Ende der Menschheit auf diesem Planeten heraufbeschwören könnten?

Womit die Menschen am wenigsten zurecht kommen, sind die eigenen Artgenossen. Sicher leiden wir unter Unwetterkatastrophen, Seuchen und Vulkanausbrüchen. In früheren Zeiten gab es Raubtiere, die das menschliche Überleben bedrohten. Aber am stärksten leiden wir an dem, was wir uns gegenseitig antun. Aus der Traumaforschung wissen wir, dass menschenverursachte Traumatisierungen wesentlich schwerer wiegen als nicht durch Menschen hervorgerufene Traumatisierungen. Bei schweren Vorfällen, bei denen Naturgewalten ins menschliche Leben eingreifen, helfen und trösten sich die Menschen gegenseitig. Oft tragen solche Ereignisse dazu bei, dass sich die Bande unter den Betroffenen stärken und die Solidarität und das Vertrauen wächst.

Daran ersehen wir die Ambivalenz der Kulturentwicklung. Sie hat im Lauf der Menschheitsgeschichte zu einer zunehmenden Entsolidarisierung geführt, in dem Maß, in dem die Naturgewalten unter menschliche Kontrolle gebracht wurden. Raubtiere wurden ausgerottet und man findet sie fast nur mehr in Reservaten und Zoos. Dämme wurden gebaut, um Hochwässer zu verhindern. Erdbebensichere Gebäude wurden errichtet. Seuchen verloren durch Hygiene, Medikamente und Impfungen ihren Schrecken. Versicherungen sichern gegen jede erdenkliche Störung unseres Komforts. Wir leben heute in den hochentwickelten Ländern auf einem Niveau an Sicherheit, das es in der Geschichte nie zuvor gegeben hat.

Entsprechend ist die Notwendigkeit zur nachbarschaftlichen Hilfe zurückgegangen. Jeder sorgt selber für seine Sicherheit, Solidarität brauchen wir nur mehr im äußersten Krisenfall, so zumindest die Ansicht der neoliberalen Ideologen und die praktische Konsequenz, die die meisten Leute in ihrem Alltag ziehen.

Allerdings geht bei diesem Trend auch die gesellschaftliche Solidarität verloren, die wir vor allem dafür brauchen, um gesellschaftliche Ungleichheiten auszutarieren oder zumindest abzupuffern. Eine ungleiche Gesellschaft bringt Konflikte hervor, und soziale Konflikte schüren die Überlebensängste. Solange die Armut und der Hunger unter den Menschen verbreitet ist, kann es keinen Frieden geben und keine „geschwisterliche“ Beziehung zur Natur. Der Umwelt- und Naturschutz ist ein Privileg der Reichen und Wohlhabenden. Wer von Tag zu Tag schauen muss, eine karge Mahlzeit für sich und für die eigene Familie zustande zu bringen, wer bei Krankheit keine medizinische Unterstützung hat und im Alter befürchten muss, völlig zu verarmen und auf Almosen angewiesen zu sein, wird nicht viel an die umweltgerechte Entsorgung von Plastiksackerln und Getränkeflaschen zu denken.

Es ist klar, dass die krass unausgewogene Gesellschaftsstruktur, die alle Volkswirtschaften in unterschiedlichem Ausmaß und die globale Situation insgesamt prägt, das Haupthindernis für eine von der gesamten Menschheit getragenen nachhaltigen Lebensweise darstellt. Jeder zwischenmenschliche Konflikt, von Ehestreitigkeiten bis zu zwischenstaatlichen Reibereien, verbraucht Ressourcen und Energien, die für die Rettung des Ökosystems fehlen. Es wird niemandem in den Sinn kommen zu verlangen, dass die Menschen in einem syrischen Kriegsgebiet ihren Müll ordentlich sortieren. Wo das unmittelbare Überleben bedroht ist, gibt es keine Perspektive für die Nachhaltigkeit. Wir haben den Luxus, in Dekaden planen und organisieren zu können, was Klimaziele anbetrifft. Andere Menschen können aufgrund der Umstände, in denen sie zu leben gezwungen sind, nur in Stunden oder Tagen planen und organisieren.

Natürlich macht es keinen Sinn zu warten, bis die Menschen endlich ihre strukturellen Konflikte bereinigt haben. Es muss auch jetzt getan werden, was möglich ist, um einen katastrophalen Zusammenbruch des Ökosystems zu verhindern. Aber wir müssen uns mit der gleichen Energie und Entschlossenheit für den gesellschaftlichen Ausgleich einsetzen wie für den Ausstieg aus dem Verbrauch fossiler Brennstoffe. Es ist ein Armutszeugnis für die Menschheit, dass sie es 75 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg noch immer nicht geschafft hat, soziale und politische Konflikte gewaltfrei zu regeln. Jeder Krieg bringt unermessliche Zerstörungen mit sich, materielle, soziale und emotionale.

Es ist dazu noch bedauerlich, dass es allzu viele Menschen auf unserer reichen Erde gibt, die an bitterer Armut leiden müssen, und dass der Hungertod noch immer nicht verschwunden ist. Wir dürfen nicht aufhören, uns immer wieder daran zu erinnern, auch wenn wir dabei mit einem Schamgefühl konfrontiert sind: Denn es ist eine Schande, dass wir trotz unserer herausragenden Intelligenz und unserer Empathiefähigkeit noch immer in einer Steinzeit leben, was die Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen auf einer globalen und strukturellen Ebene anbetrifft.

Wir sollten nicht vergessen, dass wir dieses systemische Denken, die systemische Vernunft und eine systemische Ethik brauchen, um die Herausforderungen, die sich der Menschenwelt stellen, zu meistern. Wir müssen aufhören, nur auf den eigenen Säckel und die eigenen Kleinbedürfnisse fixiert zu sein. Wir sollten jeden Tag ein Stück unseres Egoismus mehr überwinden und uns auf größere Zusammenhänge beziehen. Wir können unsere Energien darauf ausrichten, Frieden zu stiften, wo es nur geht, zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Wir können daran arbeiten, dass immer mehr Menschen ein sicheres und freies Leben mit ausreichenden Ressourcen führen können.

Zum Weiterlesen: 

Die Schwachen und die Nächstenliebe
Die Solidaritätsschranke
Gleichheit und soziale Sicherheit

Montag, 13. Januar 2020

Das Mitgefühl und das schlechte Gewissen

Die Fähigkeit zum Mitfühlen ist ein wichtiger Teil unserer sozialen Verfasstheit und Grundausstattung. Das Mitgefühl verbindet uns mit unseren Mitmenschen und lässt uns an ihrem Leben teilhaben, insbesondere dann, wenn es ihnen nicht gut geht. Es schafft emotionale Brücken und überwindet die Trennung zwischen dem Ich und dem Du. Es macht das Gemeinsame wichtiger und realer als das Trennende, ohne den Unterschied völlig aufzuheben. 

Das Mitgefühl ist deshalb ein wichtiges Binde- und Wachstumsmittel für unsere Sozialbeziehungen. Zu erleben, dass jemand anderer uns mit Mitgefühl begegnet, ist eine bereichernde Erfahrung, die unser Leid lindert. Denn sie zeigt uns, dass wir nicht alleine mit unseren Problemen sind, sondern dass wir, wenn wir zusammenstehen, vieles gemeinsam bewältigt können. (Bei Star Wars ist liegt darin das Unterscheidungsmerkmal zwischen den Guten und den Bösen.)


Mitgefühl und Handlungsfähigkeit


Wenn wir Mitgefühl spüren und zeigen, meldet sich häufig der Impuls etwas zu tun: „Wie kann ich helfen?“ Wir hören von der Not eines uns nahestehenden Menschen und helfen ihm im Rahmen unserer Möglichkeiten. Die Not berührt uns, weil uns diese Person besonders wichtig ist. Wir handeln auch aus der Einsicht heraus, dass wir selber immer auch von einer Not betroffen sein können, in der wir Hilfe gebrauchen. Durch die Möglichkeit des Helfens stärken wir uns selber und vertiefen auch die Beziehung zu der Person, der wir helfen.

Es gibt andere Bereiche in der Umgebung, in denen es Not gibt, wir aber nicht helfen können, weil es unsere Möglichkeiten übersteigt. Dazu gehören alle bedauerlichen Vorgänge in der großen weiten Welt, von denen wir Kenntnis erhalten und die unser Mitgefühl erweckt. Diese Notlagen sind jedoch in der Regel so riesig und weit entfernt, dass wir nicht eingreifen können. Wir fühlen uns betroffen und zugleich ohnmächtig und wissen nicht, was wir mit unserer Betroffenheit machen sollen. Wir können vielleicht da oder dort etwas Geld spenden und damit unser Gewissen ein klein wenig beruhigen, aber es löst nicht die Diskrepanz zwischen dem riesigen Ausmaß an Leid und der Unfähigkeit, dem abhelfen zu können. Wir leiden an dem Mitgefühl, das nicht handeln kann. Es ist das hilflose Mitgefühl, das uns bedrückt.


Die moralische Überforderung und die Scham


Es spielt ein Schammuster mit, wenn dieses Gefühl der Ohnmacht angesichts der Unmenschlichkeiten auf der Welt auftritt.  Die Scham meldet sich, wenn etwas zu tun wäre, wir dazu aber ungeeignet oder unfähig sind. Unser soziales Gewissen und unser Ich-Ideal sind angesprochen und appellieren an uns, der drängenden Not schleunigst Abhilfe zu verschaffen. Wir sind betroffen, sehen uns selbst als hilfsbereit an und können dennoch nichts tun, was unsere Hilflosigkeit beheben würde. Wir stellen den Anspruch an uns, angesichts von Not aktiv zu werden, und erkennen zugleich, dass das, wozu wir in der Lage sind, höchstens einen winzigen Unterschied machen würde.

Woher kommt eigentlich dieser Anspruch, jede Not, die es gibt, beheben zu müssen? Da steckt ja etwas Vermessenes, Größenwahnsinniges drin. Dieser Anspruch stammt vermutlich aus der Kindheit, aus der Zeit, in der ein Bewusstsein über die eigenen Kräfte und Energien erwachte und noch nicht klar war, wo die Grenzen dieser Selbstmächtigkeit liegen. Oft paar sich dieses Machtgefühl mit einem unbewussten Auftrag aus dem Familiensystem: Du musst dafür sorgen, dass es Vater und/oder Mutter oder einem Geschwister gut geht. Du bist für deren Leid zuständig und solltest es lindern. Und Scham ist dir gewiss, wenn du es nicht schaffst.

Ein Kind, das in diese schicksalhafte Konstellation gerät, steckt in einem Gefängnis, aus dem oft ein Leben lang kein Ausweg gefunden wird. Es muss seine Kräfte in die Erfüllung des Auftrages investieren, ohne ihn jemals erledigen zu können. Aus dieser Quelle stammt der Mythos von Sisyphos: der Zwang, etwas tun zu müssen, und es kann nie zu Ende gebracht werden. 

Die Mammutaufgabe, unerledigte Themen in der Herkunftsfamilie zu meistern, ist zum Scheitern verurteilt und wirkt als erdrückende Last weiter. Eine scheinbare Entlastung liegt darin, sie auf die Weltthemen zu übertragen, sobald diese ins Bewusstsein rücken. Manche wählen dann ihren Beruf unter dem Gesichtspunkt der Hilfe für diese Probleme aus und engagieren sich dann für die Notleidenden. 


Engagement ohne schlechtes Gewissen


Jedes Engagement gegen Missstände und für die Verbesserung der Welt ist großartig und verdient Wertschätzung. Zugleich ist es wichtig, sich klarzumachen, worin die eigene Lebensaufgabe besteht, unabhängig und losgelöst von familialen Strukturen und Dynamiken. Denn Aufträge, die aus einer unbewussten Loyalität mit der Familie übernommen werden, motivieren zu maßlosem Ehrgeiz und zur Selbstausbeutung, manchmal sogar zu einem aggressiven missionarischen Agieren, mit Burn-Out oder einer anderen Form des Zusammenbruchs als Folge, wenn die Belastungsgrenze erreicht ist. Es ist wichtig, die Rolle der Scham, die als Abwehrform zum übertriebenen Engagement führt, zu erkennen und sich ihr zu stellen. Denn erst im Licht dieser Einsicht kann unterschieden werden, was das eigene Innere wirklich aus dem eigenen Leben machen will, was also die Berufung ist, und welche Anteile der Motivation aus unbewussten Schuld- und Schamgefühlen gespeist sind, die aus unerledigten unbewussten Aufträgen aus der Kindheit stammen.

Die Begrenztheit unserer Einflussmöglichkeiten kontrastiert mit der Unbegrenztheit des Informationsangebots, das uns die Katastrophen und Leidenskonglomerate direkt ins Haus liefert. Die Diskrepanz ist Teil unserer modernen Lebensform und Teil ihrer unlösbaren Tragik. Die Weltgesellschaft fordert weltweite Solidarität und weltweites Mitgefühl. Als Menschen guten Willens können wir allerdings nur winzige Schritte beisteuern. Aus dem Dilemma führt uns nur die Einsicht, dass wir nicht alleine sind als Menschen guten Willens, sondern dass auf einer Ebene alle Menschen Gutes wollen. Wir sollten das Vertrauen hegen und pflegen, dass wir eine Weltgemeinschaft sind, dass wir also unsere Zusammenarbeit stärken können, indem wir die Kräfte stärken, die diese Welt zu einer besseren machen, und den Kräften, die den Eigennutz derer bedienen, die sowieso schon auf der Butterseite sind, schwächen.

Wir sind nie handlungsunfähig. Wir sind aber als Einzelne auch nicht in der Lage, irgendwelche größere Probleme als die aus unserem eigenen Leben zu lösen. Wir sind immer in der Lage, mit anderen Gleichgesinnten zu kooperieren. Wenn wir uns ohnmächtig fühlen, sollten wir nachschauen, woher in unserer Geschichte dieses Gefühl kommt, damit wir es wieder verabschieden können. Auf der Grundlage unserer autonomen Verantwortungsfähigkeit weist uns das Mitgefühl den Weg zu den notwendigen Handlungen.


Eine Weltgemeinschaft mit unterschiedlichen Graden an Verantwortung


Da wir eine Weltgemeinschaft sind, haben wir auch eine gewisse Verantwortung für alles, was in dieser Gemeinschaft passiert, nämlich zu dem Teil, wie wir Teil dieser Gemeinschaft sind und wieviel wir von ihr bekommen. Deshalb sind wir in entwickelten und reicheren Weltregionen immer ein Stück stärker verantwortlich für die Vorkommnisse in dieser Welt als jene, die weniger abbekommen. Das sind graduelle Unterschiede, die auch mit größeren Handlungsmöglichkeiten korrespondieren. Wir, die wir ein geregeltes Maß an Freizeit haben und über mehr Geld verfügen als wir zum Überleben brauchen, können mehr Verantwortung übernehmen als jemand, der von früh bis spät dafür kämpfen muss, den nächsten Tag überleben zu können. Dennoch ist es wichtig, uns der Grenzen unserer Möglichkeiten bewusst zu sein, um uns nicht zu überfordern oder uns von unserem übereifrigen Gewissen ausbeuten zu lassen, auch wenn wir mehr als andere tun können, um die Missstände auszugleichen.

Es ist kein Zynismus, wenn wir die Momente unseres Lebens genießen, während anderswo auf der Welt Not und Elend herrschen. Die Freude an den Geschenken des Lebens stärkt uns und befreit uns von einengenden Denkmustern, sodass wir in unserem Mitgefühl und in unserer Handlungsfähigkeit wachsen. Je weniger Ängste wir in uns selber nähren, desto mehr konstruktive Impulse können wir in diese Welt einbringen, damit sie von Tag zu Tag zu einer besseren, menschenwürdigeren wird. Aus der Dankbarkeit über das, was wir haben, sprich was uns geschenkt wurde, können wir eine Haltung des Teilens und der Solidarität entwickeln und unseren Beitrag wertschätzen, auch wenn er in der Sicht auf das Ganze nur winzig ist, denn wer sind wir denn schon inmitten von über sieben Milliarden Menschen?

Zum Weiterlesen:
Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Freitag, 29. November 2019

Das Giersystem im Kapitalismus

Vereinfacht können wir das kapitalistische Wirtschaftssystem als einen Motor der Gesellschaftsentwicklung verstehen, der auf ein paar menschlichen Antriebskräften, die sich im Lauf der Evolution entwickelt haben, beruht. Es sind dies vor allem die Angst und die Gier. Dazu kommen zwei abstrakte Grundannahmen: der Markt und die Zahl. Diese Kombination aus Gefühlen und Ideologien hat sich als enorm erfolgreich erwiesen. 

Der Kapitalismus hat Wohlstandsgesellschaften mit einem nie vorher dagewesenen Ausmaß an Luxus hervorgebracht. Viele Menschen auf der Erde haben genug zu einem ausreichend guten Leben, immer weniger Menschen hungern oder vegetieren am Existenzminimum. Natürlich ist jeder Mensch, der hungert, einer zu viel und natürlich sollte dem abgeholfen werden.

Andererseits hat der Kapitalismus einem Menschenbild zum Durchbruch verholfen, das die menschliche Leistungskraft in das Zentrum stellt, dem alles andere untergeordnet wird. Der Wert eines Menschen bemisst sich nach seinem Beitrag zum Wirtschaftssystem.  Dementsprechend soll der Wohlstand gestaffelt werden, zumindest in der Ideologie. Darum gilt als tüchtig, wer reich ist. Und wer es nicht zum Reichtum schafft, hat zu wenig geleistet und zählt weniger als Mensch.

Die Spannbreite der Wirkung des Kapitalismus auf die Menschen reicht von primitiven Emotionen bis zu mentalen Konstruktionen und Fiktionen. Das trägt zur Macht und Durchsetzungskraft dieses Systems bei, das die ganze Menschheit in Bann gezogen hat.

Die Erzählung des Kapitalismus


Die Hauptfiktion im ideologischen Modell des Kapitalismus liegt darin: Der Mensch sei ein Einzelkämpfer. Die Ideologie ist eine Folge des Kapitalismus mit seiner erodierenden Wirkung auf solidarische Sozialformen und dient zugleich zu seiner ideologischen Rechtfertigung. Das Soziale am Menschen ist in diesem Modell sekundär und fragil, ein Luxusprodukt, das in Extremsituationen außer Kraft gesetzt wird, und der Kapitalismus ist so beschaffen, dass er fortwährend Extremsituationen produziert und damit die Solidarität außer Kraft setzt.

Das Prinzip der Zahl besagt, dass alles ins Unendliche weiter wachsen kann. Der Kapitalismus macht daraus: Es muss alles weiter wachsen. Die Zahlenreihen sind endlos, und dieses Prinzip, auf die Wirklichkeit der Ökonomie übertragen bewirkt den Wachstumsmotor: Es muss immer mehr produziert werden.

Auf die Natur bezogen, der das Prinzip der Zahl fremd ist, bedeutet diese Dynamik eine zunehmende Ausbeutung der globalen Ressourcen, die Hauptursache für den gefährlichen Klimawandel.

Das Prinzip der Zahl passt zur Gier. Sie will immer mehr und kann sich nie zufrieden geben mit dem, was ist. Ist der Hunger kurzfristig gestillt, gibt es nur eine Verschnaufpause. Kaum meldet sich ein Bedürfnis, kommt die Gierdynamik wieder in Gang und fordert noch mehr als vorher. Wäre der Mensch nicht sterblich, würde die Gier bis in alle Ewigkeit weiterwirken. Nietzsche meinte, dass die Lust Ewigkeit will, aber vermutlich ist es die Gier hinter der Lust, die kein Ende finden und akzeptieren kann.

Diese Unersättlichkeit passt zum Kapitalismus. Die Zufriedenheit ist der Tod der Wachstumsmaschine, deshalb macht dieses Wirtschaftssystem alles, damit die Menschen unzufrieden bleiben und nie zur Ruhe kommen. Sie können nicht genug Waren haben, sondern müssen sich beständig Neues leisten. Die Langlebigkeit von Produkten war einst ein Qualitätsmerkmal und wurde offensichtlich sukzessive durch die Obsoleszenz ersetzt, durch die geplante Funktionsuntüchtigkeit von Geräten nach Ablauf der Garantiefrist. Ich besitze ein Nokia-Handy, das seit 18 Jahren seinen Dienst tut, und ein Samsung-Tablet, das nach zweieinhalb Jahren aufgegeben hat – Reparatur erwartbar teurer als eine Neuanschaffung.

Man könnte den Kapitalismus als ein System der fortlaufenden Erzeugung von Unzufriedenheit bezeichnen. Paradoxerweise arbeitet er mit Zufriedenheitsversprechen , so als könnte der Besitz eines neuen Produkts der Seele endlich Frieden geben, aber jeder Mensch weiß eigentlich, dass Dinge keinen Frieden schenken können, und dennoch vergessen wir es immer wieder, verlockt von den glitzernden Angeboten in den hell erleuchteten Schaufenstern.

Ein Beispiel: Die Gier in den sozialen Medien


Gefunden auf Facebook ;-): Unlängst hat der belgische Politiker Guy Verhofstadt auf eine Instrumentalisierung des Kapitalismusprinzips der Zahl hingewiesen: In einer Rede hat der Chef von Facebook, Mark Zuckerberg die eigene Medienpolitik mit der Beschwörung der Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Staatliche Kontrollen der Veröffentlichungen im Medium, um z.B. demokratiefeindliche, faschistische, hetzerische und gefakte Nachrichten zu unterbinden, würden die Meinungsvielfalt einschränken und damit ein menschliches Grundrecht verletzen. Verhofstadt weist dagegen nach, dass es Zuckerberg nicht um das Grundrecht auf Meinungsfreiheit geht, sondern um das Prinzip der Zahl: Je mehr Klicks produziert werden, desto höher sind die Werbeeinnahmen. Jede Beschränkung der Inhalte durch eine politische Kontrolle im Sinn der Stärkung der Demokratie reduziert den Verkehr im sozialen Medium und verringert den Börsenwert des Unternehmens. Darin spiegelt sich das Prinzip der Gier im Kapitalismus – und die Perfidie seiner Vertreter, die zu Verschleierung ihrer Gewinninteressen liberale Grundsätze in den Mund nehmen.

Es braucht eine starke demokratische Öffentlichkeit, um kapitalistische Exzesse zu zügeln und die Wirtschaft in einen sozialverträglichen und menschengerechten Rahmen einzupassen. Seit dem 19. Jahrhundert werden Sozialgesetze erlassen, um die Opfer der kapitalistischen Ausbeutung zu unterstützen. Das Versicherungsprinzip ist ein Modell der Solidarität, das Menschen in Krisensituation vor dem Absturz bewahrt hat. An diesen Errungenschaften darf nicht gerüttelt werden, vielmehr ist es dringend gefordert, die Netze der Solidarität auszubauen – das kapitalistische Wirtschaftssystem hat daran kein Interesse.

Nachhaltige Kindererziehung


Es braucht nachhaltige Formen der Kindererziehung, die die Entstehung von Gierstrukturen in den Seelen der Kinder hintanhalten, indem sie die emotionalen Bedürfnisse der Heranwachsenden hinreichend erfüllen und sie mit Verständnis und Liebe ins Leben hineinbegleiten. Kinder wissen von Anfang an, dass sie ihr Glück in sich selbst und in liebevollen Beziehungen finden können. Wenn dieses Licht bis ins Erwachsenenalter erhalten bleiben kann, ist ein effektives Immunsystem gegen die Verlockungen und Manipulationen des Wirtschaftssystems entstanden. Dann kann ein Leben gelebt werden, dass von innen gesteuert ist und nicht von den Bedürfnisse äußerer Gewinnmaximierer.

Das Bildungssystem hat einen ebenso wichtigen Auftrag, den Jugendlichen die Mechanismen der Bedürfnismanipulation zu verdeutlichen und Wege zu vermitteln, mit denen solche Instrumentalisierungen bewusst gemacht werden können. Jugendliche sollen die Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen stärken, indem sie die Strategien durchschauen lernen, mit denen ihnen das Geld aus der Tasche und die Lebensfreude aus der Seele gezogen werden.

Zum Weiterlesen:

Dienstag, 23. Juli 2019

Die Solidaritätsschranke

Unser Steinzeithirn und die Herausforderungen unserer Zeit


Wir tragen alle eine Gehirn-Architektur in uns, die Millionen von Jahren alt ist. Durch diese urtümliche Ausstattung kommt es zu starken Diskrepanzen zwischen unseren emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, und darin liegen viele Wurzeln unserer gegenwärtigen Probleme. 

Unsere Kultur hat sich vor allem durch die kognitiven Kapazitäten rapide weiterentwickelt, vor allem in den letzten zweihundert Jahren, während unser Gehirn insgesamt mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Es hat sich vor allem in seinen emotionalen Zentren und Verschaltungen seit der Frühzeit kaum weiterentwickelt. Die Evolution hat die Menschen mit einer schier unbegrenzten Lernfähigkeit im mentalen Bereich ausgestattet, während die tiefer im Gehirn gelagerten Gefühlsareale noch gemäß den Erfordernissen der Jäger- und Sammlerkulturen in den ersten Jahrhunderttausenden der Menschheitsgeschichte gebaut sind. Wir sind, nach Ingmar Bergmann, noch immer „Analphabeten der Gefühle“. 

Die sehr langsam ablaufenden genetischen Anpassungen können mit dem Tempo der zivilisatorischen Entwicklungen nicht mithalten. Die Evolution passt die Organismen über sehr lange Zeiträume an geänderte Umweltbedingungen an. Die Entstehung des Homo aus seinen Vorfahren hat Millionen Jahre erfordert. Den homo sapiens gibt es seit ungefähr 300 000 Jahren.  Er hat bis zur Erfindung des Single-Daseins im 20. Jahrhundert immer in Gruppen in einer rauen und gefährlichen Umgebung gelebt, und für diese Zwecke haben sich die Gehirnstrukturen entwickelt, die die dafür notwendigen emotionalen Abläufe regeln. 

Deshalb  hat jeder Mensch die Fähigkeit, sich empathisch und solidarisch zu verhalten, allerdings beschränkt auf einen Kreis von vertrauten Menschen, maximal ungefähr 160 Personen. Für alles, was darüber hinaus geht, verfügt er über einen Mechanismus des Misstrauens. Der Fremde könnte ein möglicher Feind sein, dem man sich nur äußerst vorsichtig nähern sollte. In einer Gruppe von 160 Personen sind Gesicht-zu-Gesicht-Kontakte möglich, jeder kennt also das Gesicht von jedem, jeder kann jeden emotional einschätzen. Über diese Gruppengröße hinaus sind unsere primären Vertrauenskapazitäten erschöpft, wie bei einem elektronischen Gerät, das nur für eine begrenzte Anzahl von Kontakten Speicherplatz hat. Jenseits dieser Grenze braucht es viel mehr, um ein Gefühl von Sicherheit entstehen zu lassen.


Die Fremdenangst


Unschwer erkennen wir  diesen Mechanismus in der Haltung vieler Menschen zu Fremden, Randgruppen, Ausländern, Flüchtlingen und Migranten. Wir wissen von vielen Nazigrößen, die als liebevolle Familienmenschen geschildert wurden, während sie KZ-Insassen mit äußerster Grausamkeit quälen konnten. Es gibt Berichte von Wehrmachtssoldaten, die die sehnsuchtsvollen Gedanken an ihre Liebsten zuhause nicht von der brutalen Ermordung von Babys abschreckten. Jeder Diktator hat Menschen, mit denen er freundschaftlich oder liebend verbunden ist, ohne dass er einen Widerspruch zwischen diesen Gefühlen und den unmenschlichsten Taten, zu denen er fähig ist, merken würde.

Die genetisch verankerte Solidaritätsschranke ist die Grundlage der Ausgrenzungen und Gruppenegoismen, die bis heute den gesellschaftlichen Diskurs und die Politik bestimmen. Wer dazugehört, soll sich sicher fühlen können, wer draußen ist, wird nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen hereingelassen. Die Republik Österreich z.B. fordert von Neuankömmlingen zehn Jahre rechtmäßigen und ununterbrochenen Aufenthalt im Land, damit die Staatsbürgerschaft, also die sichere Zugehörigkeit verliehen werden KANN. Zehn Jahre lang muss die Person unter Beweis stellen, dass sie nicht gefährlich oder böse ist, dann erst wird eine Einbürgerung überlegt. Wir sind also im 21. Jahrhundert stark vom Misstrauen gelenkt und noch weit von Solidargemeinschaften entfernt, die den eigenen engen Tellerrand überschreiten.

Aus der Wurzel der Fremdenangst speisen sich die Gefühle und Motive der Hassposter, die scheinbar ohne Scham an die Öffentlichkeit gebracht werden, und Hassverbrecher, die oft ohne Reue Unschuldige ermorden. Es manifestiert sich ein grundlegendes Misstrauen gegen Fremde und Fremdes, das als fraglos und selbstverständlich angenommen wird, sodass es für diese Personen unverständlich wird, warum es von jemandem angezweifelt werden könnte. Im Brustton der Überzeugung wird jeder, der die eigene Position in Frage stellt, als Bedrohung gesehen und bekämpft. Die sture Überzeugung, die die Vertreter des Fremdenhasses an den Tag legen, nährt sich aus diesem Zusammenhang. Die rechtspopulistischen  Parteien schlagen aus diesem von irrationalen Ängsten genährten Muster ihr politisches Kapital. 


Weltkrisen und Solidarität


Mit der Entstehung der Weltgesellschaft ist eine globale Form der Solidarität gefragt. Während das Kapital und die Handelsgeschäfte mühelos die Grenzen des Gruppenvertrauens überspringen und weltweite Netze aufziehen, gelingt das in den Bereichen der moralischen Verantwortung viel schwieriger. Die als Folge der Ausbeutungsstrukturen der Industrialisierung entstandene Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts wusste schon, dass sie ihre sozialen Probleme nur durch eine internationale Zusammenarbeit lösen kann. Die nach dem 1. und 2. Weltkrieg gegründeten weltweiten Organisationen folgten diesem Prinzip in Hinblick auf die Vermeidung von Kriegen. Inzwischen gibt es viele Bereiche der weltweiten Kooperation, doch stehen diese Bemühungen noch immer – und in unseren Tagen offensichtlich vermehrt – in einem Spannungsfeld mit den Gruppenegoismen, die die Solidarität immer wieder einschränken wollen. 

Die Prediger der Entsolidarisierung bekommen reichlichen Zulauf, während die Probleme, die nur global gelöst werden können, daneben Ausmaße annehmen, die kaum mehr bewältigbar erscheinen. Wir wissen zwar, dass wir unser Verhalten ändern müssten, doch schafft es dieses Wissen nicht bis zur Motivation, weil das Element der Solidarität und der Empathie fehlt. Diese können wir mit unseren Nächsten empfinden, aber nicht mit 7 oder 8 Milliarden Menschen, die von den Folgen unserer verschwenderischen Handlungen leiden betroffen sind. Unser implantierter Gruppenegoismus sorgt dafür, dass wir nonchalant die weiterreichenden Wirkungen unseres Tuns ausblenden können. Das Hemd ist uns eben näher als der Rock. 

Die in unsere Software eingebaute Solidaritätsschranke verhindert dazu noch, dass wir unsere Verantwortung auf zukünftige Generationen ausdehnen, wie es notwendig wäre, wenn wir bedenken, wie wir in den letzten 200 Jahren die Rohstoffe dieser Erde geplündert haben, die unseren Nachfahren nicht mehr zur Verfügung stehen. Sie verhindert auch, dass wir unser Mitgefühl in den nichtmenschlichen Bereich des Lebens hinein ausweiten. Nur wenige sind zur Solidarität mit Tieren und Pflanzen bereit, geschweigedenn mit der Mutter Erde als Ganzer oder dem gesamten Universum. 

Je weiter weg, desto abstrakter wird die Verantwortung und desto schwächer die Motivation für entsprechende Handlungen.


Die Bildung der Gefühle


Wir sprechen hier von der untersten und auch ältesten Schicht des menschlichen Gefühlslebens. Sie regelt unsere primären Vertrauens-Misstrauensreaktionen und sie übernehmen das Kommando, sobald wir von Ängsten bestimmt sind. Sie reicht jedoch nicht aus, um sich in einer komplexeren Gesellschaft zu bewegen. Deshalb mussten sich die Menschen bemühen, auch auf dieser Ebene weiter zu lernen. So dient z.B. das Gefühl der Scham auch zur Gefühlserziehung: Bestimmte, sozial erwünschte Gefühle sollen häufiger gezeigt und unerwünschte Affekte unterlassen werden. Wo es zu Fehlern kommt, meldet sich das unangenehme Schamgefühl. Es gibt die ausgeprägte Kultur der Höflichkeit, die einen Kanon von bestimmten emotionalen Verhaltensweisen festlegt. Die Grundlagen für Achtung und Respekt, die für alle Menschen gelten, sind darin fixiert.

Offensichtlich aber fällt das Lernen in diesem Bereich schwerer als im Bereich von Wissen und Fertigkeiten. Wir merken uns viele Wissenselemente und können sie auch wieder auffrischen, wenn wir sie vergessen haben. Im emotionalen Bereich verlieren wir schnell unsere Haltung und fallen wir leicht auf primitivere Ebenen zurück, sobald das subjektive Bedrohungsgefühl steigt. 

Es sind die urtümlichen Überlebensängste, die sehr schnell einrasten, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten. Seit Urzeiten ausgestattet mit effektiven Kampf-Flucht-Strategien vermeinen wir, damit Probleme lösen und Konflikte schlichten zu können. Tatsächlich jedoch verringern diese Mechanismen unsere sozialen Fähigkeiten, weil sie vom individuellen Überlebenstrieb gesteuert werden. 


Die Kultur von Empathie und Solidarität


Dringend bräuchte es die Ausweitung von solidarischer Verantwortung – nicht mehr und nicht weniger steht die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel. Wie kann Abhilfe geschehen? Seit mehr als hundert Jahren gibt es jetzt die Methoden der Psychotherapie, die sich besonders der emotionalen Nacherziehung und Weiterbildung widmen. Die uralten Stressreaktionen durch die Stärkung der mentalen Kontrolle zu entmachten, ist ein Hauptziel der therapeutischen Arbeit. Sie entwickelt und festigt die Gehirnstrukturen zur Kontrolle der Angstareale. Das Verständnis, dass Gefühlsreaktionen kommen und gehen und dass sie ihren Ursprung immer im eigenen Inneren haben und deshalb der eigenen Verantwortung unterliegen, trägt zur Entwicklung einer humanen Grundhaltung bei. Im Maß, wie das Vertrauen zu sich selbst wächst, weitet sich auch das Vertrauen zu anderen Menschen aus. Das Verständnis für das eigene Leiden öffnet die mitfühlenden Augen für das Leiden aller anderen.

In Achtsamkeitskursen und Meditationen werden mit Hilfe geistiger Konzentration Zustände von Gelassenheit und innerer Ruhe kultiviert. Die Schulung von Nächstenliebe und Mitgefühl ist Teil vieler religiöser und spiritueller Praktiken. 

Menschen also, die ihre Traumatisierungen und reaktiven Gefühlsreaktionen in einer Psychotherapie behandelt haben und durch eine spiritueller Praxis beständig ihre Innenwelt erforschen, kommen häufiger in Zustände von Empathie und Mitgefühl, der Basis einer Solidarität, die sich nicht auf die eigene Gruppe mit den bekannten Personen beschränkt, sondern prinzipiell alle Menschen umfasst. 

Von der Polyvagaltheorie wissen wir, dass diese Zustände mit dem neueren Vagus-System zusammenhängen, das zur Gestaltung von sozialen Gefühlen und Kommunikationsformen entstanden ist. Es kann das Misstrauen, das von den älteren Gehirnzentren aktiviert wird, beruhigen und durch proaktive Gefühle ersetzen. Je mehr wir dieses System stärken, desto leichter fällt es uns, die Motivation für solidarisches Handeln und globale Verantwortung zu entwickeln und zu kultivieren.

In der Kultivierung unserer Innenwelt, die in einer Läuterung von Egoismen und Gruppenbeschränkungen besteht, ist eine zentrale Hoffnung begründet, wie auf dem Planeten ein menschenwürdiges Leben für alle im Einklang mit der Natur gefunden und entwickelt werden kann. Wir alle sind dazu aufgerufen.

Zum Weiterlesen:
Die Dritte Aufklärung

Hass im Internetzeitalter
Reich und arm, Demut und Würde


Hinweis:
Achtsamkeitskurs im Herbst 2019
8 Abende zwischen dem 16. September und 11. November 2019
Montags von 19:00 - 20:30, Cervantesgasse 5/5, 1140 Wien