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Freitag, 24. März 2023

Die Langsamkeit der Natur

Die Natur ist eine Lehrmeisterin der Langsamkeit. Die mentale Schnelligkeit, die die Menschen entwickelt haben, hat zur Erfindung von Maschinen geführt, die Geschwindigkeiten errreichen können, die alles übertreffen, was die Natur hervorbringen kann. Natürlich sind all diese Maschinen aus Naturstoffen zusammengebaut, in Kombinationen, die der menschliche Geist mit akkumuliertem Wissen und vielen Experimenten erschaffen hat. Die Illusion der Naturbeherrschung, also der Machtanspruch der Menschen über die Natur ist die Triebfeder hinter dem Geschwindigkeitsrausch, den der menschliche Erfindergeist entfesseln konnte. Die Naturbeherrschung dient letztlich der Todesbeherrschung, denn der Tod markiert jene Grenze, an der die Natur unerbittlich dem menschlichen Geist ein Ende setzt und den menschlichen Körper für immer zu sich zurückfordert. Eine naturgeschichtlich betrachtet winzige Zeitspanne ist jedem Menschen zugemessen, in der er sich in der Naturbeherrschung austoben kann, bevor diese sich die Macht zurückholt. 

Diese Grenze stellt ein Ärgernis für den menschlichen Geist dar, sie ist eine Kränkung für seinen Narzissmus. Der Tod macht alle gleich, nackt sind wir ins Leben gekommen, nackt verlassen wir es wieder. Als Naturwesen haben wir das Licht der Welt erblickt und zu Naturwesen werden wir, sobald wir unser Leben ausgehaucht haben. In der Zeit dazwischen haben wir uns von der Natur entfernt, indem wir unsere Herkunft verdrängt und vergessen haben. Ein Zeichen dafür ist das Genießen von Geschwindigkeit, das die kurzzeitige Überwindung des Fluches der Endlichkeit verspricht. Das Leiden folgt auf den Fuß, sobald der Geschwindigkeitsrausch zum Stress wird, sich chronifiziert und Folgeerscheinungen erzeugt. Jedes Leid erleben wir als störenden Einfluss der Natur auf unseren Geist, und wenn wir es nicht schaffen, das Leid anzunehmen, vergrößert sich unsere innere Distanz zur Natur und wir neigen noch mehr dazu, Handlungen zu setzen, die der Natur und damit langfristig uns selbst Schaden zufügen. Die Natur verkraftet alle menschlichen Eingriffe, nur die Menschheit schaufelt sich damit über kurz oder lang das eigene Grab. Das ist eine der Paradoxien des Menschseins: Im Entrinnen der Endlichkeit die Endlichkeit der gesamten Menschheit vorzubereiten. Das Unsterblichkeitsprojekt, das aus dem selbstbezogenen und zur Selbstüberschätzung neigenden menschlichen Geist entspringt, ist bestens dazu geneigt, die Selbstausrottung der Menschheit herbeizuführen.

Die Akzeptanz der Endlichkeit

Der Ausweg aus der Sackgasse, in die sich die Menschheit mit jedem Tag, an dem sie sich weiter von der Natur entfernt, noch mehr hineinmanövriert, ist eine radikale Zurückwendung zur Natur – zur eigenen Natürlichkeit und zu dem, was die Umgebung braucht, um heil zu werden. Es geht um die Einstimmung auf die Rhythmik der Natur, mit der wir nicht nur unsere Gesundheit optimal fördern. Japanische Ärzte schicken ihre Patienten in den Wald, damit sie durch die langsamen Schwingungen der Natur wieder zu sich finden. Wir können auf diesem Weg auch die Fehlentwicklung unserer industriellen, von Beschleunigung geprägten Lebensform korrigieren. Wir müssen langsamer werden, in unserem Denken und in unseren Erwartungen, wenn wir das kollektive Ende verhindern wollen. Wir müssen unsere individuelle Endlichkeit voll und ganz akzeptieren, um zur Bescheidenheit zu finden, mit der wir unsere Bestrebungen der Natur unterordnen und sie in das größere Netz des Seins einflechten. Nur in dieser Akzeptanz, in der wir die Illusion der Naturbeherrschung verabschieden, können wir die Position einnehmen, die uns zusteht, sodass wir sorgsam mit dieser Welt und den uns anvertrauten Gütern umgehen, um sie unseren Nachkommen in einem guten Zustand zu hinterlassen. In der Langsamkeit, wie schon mehrfach beschrieben, kommen wir leichter in Kontakt mit unserem tieferen Sein, das uns die Natur geschenkt hat. Dort schlummert all das Wissen, das wir brauchen, um die Wende zurück zur Zeitstruktur der Natur zu schaffen. Jeder Schritt, den wir in diese Richtung tun, kommt uns selber zugute. Denn wir sind ja selber auch Natur, durch und durch. Wir sollten überall, wo es nur geht, das Tempo rausnehmen, aus unserem Denken, Reden, Fortbewegen und Tun. Die Entspannung, die sich dadurch einstellt, kommt nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Mitmenschen und der Natur um uns herum zugute.

Zum Weiterlesen:

Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen
Die Geschwindigkeitssucht
Langsamer ist schneller


Montag, 9. Mai 2022

Das Geschehen und der Verstand

Ein naheliegender Einwand gegen die Orientierung des Geschehenlassens, die im vorigen Blogartikel beschrieben wurde, liegt darin, dass es wohl allzu leicht zum Nichtstun oder zum Faulenzen kommt, wenn es kein Funktionieren gibt: Ich lasse geschehen, was geschieht, lasse also das „Müssen“ weg, und schon bleibe ich morgens drei Stunden im Bett liegen. All die Aufgaben, die zu erledigen wären, bleiben unerledigt, es meldet sich keine Lust zum Tun. Ich habe eine probate Ausrede gegen jede Herausforderung des Lebens: Es wollte nicht geschehen. Vielmehr wollte geschehen, dass ich im Bett knotzen bleibe. 

Wenn wir allerdings genauer hinschauen, können wir sehen, dass wir in solchen Situationen nicht im Fluss sind. Vielmehr erkennen wir hier Anzeichen einer schleichenden Depression, verursacht durch hormonelle Störungen auf einer Ebene und durch belastende Kindheitserfahrungen auf der anderen. Dazu kann auch noch eine genetisch oder epigenetisch vererbte Neigung zur Depression kommen. Irgendwo führen dabei Ängste die Regie, die suggerieren, dass das Aufstehen zu Mühsal führen wird und deshalb besser unterlassen werden sollte. An anderer Stelle beginnen vielleicht Schamgefühle zu nagen, die uns vorwerfen unser Leben zu vergeuden, und bewirken irgendwann, dass der Entschluss zum Aufstehen erwacht und schließlich in einer Handlung mündet.

Die Macht des reaktiven Verstandes

In solchen Situationen kommt der reaktive Verstand dem Fließen in die Quere und nimmt es als Rechtfertigung für das Ausspielen der eigenen Muster und erlernten Gewohnheiten. Wo der Verstand Regie führt, gibt es keinen Flussmodus. Denn der Verstand ist von Ängsten angetrieben, die dann in ein „Müssen“ münden. Wer überlang im Bett liegt, um das „Müssen“ der täglichen Pflichten aufschieben zu können, unterliegt dem Müssen des Vermeidens, diktiert vom Verstand und den dahinter aktivierten Ängsten. Es ist ein versteckter Funktionsmodus, der regiert, das Nicht-Funktionierenmüssen besteht nur zum Schein. 

Die einzige Disziplin, die wir brauchen, ist jene, die den Machenschaften des Verstandes Einhalt gebietet. Sobald wir merken, dass wir aus dem Flussmodus herausgefallen sind und einem Müssen unterliegen, braucht es den bewussten Entschluss, die Vorherrschaft des Verstandes zu beenden. Wenn es nicht gelingt und der Verstand hartnäckig sein Terrain behauptet, gilt es, sich die Ängste bewusst zu machen, die aus dem Off den Verstand aktivieren. Dann können wir die Ängste mit der Realität konfrontieren und werden in den meisten Fällen draufkommen, dass es in Wirklichkeit keine aktuellen Bedrohungen gibt. Dann sollte sich die Angst auflösen und wir können wieder in den fließenden Modus zurückkommen.

Es ist also immer der reaktive Verstand, der diesen Zustand unterbricht. Er ist aus all den Unterbrechungen entstanden, die wir im Lauf unserer frühen Geschichte erlebt haben, und hat daraus seine Strategien abgeleitet. Gelehrig wie er ist, hat er die Agenda der Eltern aufgegriffen und unserem Bewusstsein als die besseren Strategien schmackhaft gemacht: „Wenn mich die Eltern aus meinem wunderbaren Zustand des Versunkenseins im Moment herausholen, werden sie schon wissen, wofür das gut ist. Sie sind ja die Großen und wissen, wo es lang geht. Da ich auch mal groß werden will, muss ich mich auch immer unterbrechen, wenn ich allzu lang im Geschehenlassen bin.“ So ungefähr tickt unser Verstand, der stets davon überzeugt ist, es gut mit uns zu meinen.

Bewusstheit unterbricht den Verstand

Der Verstand unterbricht, und mit unserer Bewusstheit unterbrechen wir den Verstand. Er reagiert auf alte Geschichten und spult dann sein Programm ab, das uns in den Müssen-Modus des Funktionierens hineinzwängt. Selber bleibt er solange drin, bis wir bewusst die Stopp-Taste drücken. Dann können wir wieder zurück in den Flussmodus gleiten.

Und siehe da: Im Flussmodus sind wir eben im Fließen, es gibt keinen Stillstand und keinen Leerlauf. Ein Impuls folgt auf den anderen. Jeder Moment bereitet den nächsten vor, der organisch aus ihm folgt. Deshalb kommen wir nicht in Zustände, in denen wir uns unwohl fühlen, wie z.B. in der anfangs geschilderten Situation des Nicht-Aufstehen-Wollens oder der Vermeidung von Herausforderungen. Vielmehr packen wir an, was zu tun ist, ob es schwierig oder einfach, anstrengend oder mühelos ist. Solange sich der reaktive Verstand fernhält, erledigen wir unsere Erledigungen, ohne Stress und Druck. Was an einem Tag geht, geht, was nicht, hat am nächsten Tag Zeit.

Von außen nach innen

Es ist zugleich eine Wendung von der Außenorientierung zur Innenorientierung. Im Funktionszustand ist unsere Aufmerksamkeit total nach außen gerichtet. Beständig scannen wir die Umwelt ab nach Anforderungen, Erwartungen und Bedrohungen. Sie liefert die Reize und wir reagieren auf sie, manchmal adäquat, manchmal unpassend. Dazu kommen die Pläne des Verstandes, die sich auch wie von außen machtvoll melden. 

Auf diese Weise funktionieren wir im Alltag und nehmen dabei kaum wahr, was sich innerlich abspielt, wie es uns also mit all dem geht. Unsere Gefühle werden uns meistens nur bewusst, wenn wir uns über etwas ärgern oder wenn wir uns vor etwas schrecken. Vor allem der Grundstress, der das Leben im Funktionieren kennzeichnet, ist uns schon so selbstverständlich geworden, dass er uns gar nicht mehr auffällt. Gerade deshalb ist die Wendung nach innen so wichtig. Denn sie macht uns auf unseren inneren Zustand aufmerksam, und dort liegt die einzige Möglichkeit, eine Änderung zu vollziehen. Der Schlüssel heißt Bewusstheit, und mit ihm können wir den Funktionsmodus beenden und in das Erleben des Moments zurückkommen, in dem Innen und Außen harmonisch miteinander schwingen.

Mit der Natur in Einklang

Oft hilft der Kontakt zur Natur, um unseren Verstand zu beruhigen und in den Moment zu kommen. Die Natur ist getragen und durchdrungen vom Geist des Geschehenlassens. Ihre entspannende Wirkung berührt uns deshalb, weil sie uns an unser eigentliches Sein erinnert, an das Übereinstimmen mit uns selbst. Da gibt es kein Müssen, kein Erwarten und kein Bewerten. Alles darf so sein, wie es ist.

Wir sind selber Natur, und das wird uns bewusst, sobald wir in Resonanz mit der Natur um uns herum treten. Wir sind ein Teil des Geschehens, das alles um uns herum in Bewegung hält. Wir sind nichts Besonderes im Sinn eines abgegrenzten Elements oder einer für sich bestehenden Einheit, sondern ein weiteres Sandkorn am Meeresstrand, eine Welle im Ozean, die kommt und wieder geht, ein Grashalm, der wächst und vergeht. Und wir sind etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges, etwas noch nie Dagewesenes. Im Bewusstsein dieser beiden Aspekte unseres Seins kommen wir ganz zu uns.

Zum Weiterlesen:
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen


Donnerstag, 25. Oktober 2018

Dinge und unsere Abhängigkeiten

Dinge geben Sicherheit, deshalb fällt es uns manchmal schwer, sie loszulassen und herzugeben, auch wenn wir sie nicht oder nicht mehr brauchen. Jedes Ding, das wir in unserer Umgebung haben, trägt einen Symbolwert. Bei manchen ist uns das bewusster (Erinnerungsfoto, Buch mit Widmung, Auto…), bei anderen ist dieser Bezug kaum wahrnehmbar und doch in subtiler Weise wirksam. 

Wir identifizieren uns mit den Dingen, die wir um uns haben, ob wir das wollen oder nicht. Das heißt, wir legen einen Teil von uns in diese Dinge und nehmen einen Teil der Dinge in uns auf. Wir verdinglichen folglich unsere Identität, und wir exportieren unsere Identität in ausgewählte Dinge. Also verfügen wir über eine Kühlschrank-, Bücherkasten-, Duschvorhangs- und natürlich Smartphone-Identität. Und der Kühlschrank ist unserer, er gehört uns und gehört zu uns. Er trägt den Imprint unserer Identität.

Diese enge Verflechtung zwischen uns und den Dingen macht es uns schwer, Ordnung zu schaffen, zu entrümpeln, wegzuschmeißen und auszumisten. Je stärker die emotionale Identifikation, desto mehr Überwindung brauchen wir beim Loslassen dieser Anhaftungen an die Dinge. Wir merken dann, wie stark wir uns über Dinge definieren und wie sehr wir sie dafür nutzen, dass sie uns Sicherheit geben. 

Eigentlich ist es nicht sehr klug, unsere innere Sicherheit vordringlich auf Dingen zu begründen. Zwar brauchen wir viele Dinge im Außen (Nahrung, Kleidung, Schutz…), aber Dinge sind vergänglich. Wir müssen damit rechnen, dass das, was unsere Sicherheit garantieren soll, über kurz oder lang verfallen und zugrunde gehen wird wie eine Stadtmauer unter dem Beschuss feindlicher Kanonen. Die Sicherheiten hingegen, die wir in unserem Inneren tragen, halten auf Dauer, niemand kann sie uns nehmen, niemand kann sie ruinieren.

Wir wissen auch nicht, wie die Welt die sich anbahnende Klimaveränderung verkraften wird. Die Natur wird sich anpassen, und das wird in vielen Gebieten der Erde nachhaltige Probleme für die Menschen verursachen. Die Verhältnisse werden uns zeigen, was wir als Menschheit mit unserer Lebensweise angerichtet haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere innere Sicherheit stärken und sie nicht von den Dingen um uns herum abhängig machen.

Unsere Wurzeln im Animismus 


Die Vermenschlichung der Dinge, die wir spätestens mit den Kuscheltieren unserer Kindheit begonnen haben, beruht auf uralten Ritualen und Vorstellungen. Unsere Vorfahren lebten in enger Verbindung mit der sie umgebenden Natur. Wir können davon ausgehen, dass das Verhältnis so eng war, dass die Ähnlichkeiten stärker waren als die Unterschiede. Die Menschen der Urzeit haben die Natur animiert mit ihrer reichhaltigen Fantasie, sodass sie in all ihren Aspekten als belebt wahrgenommen wurde. Die Geister und Naturwesen waren offensichtlich früher fast so real wie es die sichtbaren Dinge für uns heute sind.

Als Angehörige des Industriezeitalters sind wir gewohnt, Natur als etwas Fremdes wahrzunehmen, als etwas, das unseren Zwecken und Interessen zu dienen hat, das wir für unseren Wohlstand ausbeuten können und das keine eigene Stimme bekommt und kein Recht beanspruchen kann. Bei den Tieren tun wir uns da nicht so leicht; es kann uns an die Nieren gehen, wenn wir sehen, wie Kühe in engen Ställen dahinvegetieren oder Hühner am Laufband zerhäckselt werden. Aber alles, was nicht lebt, lässt unsere Gefühle kalt. 

Dennoch lebt das animistische Weltbild in den Tiefen unserer Seele weiter und zeigt sich darin, wie wir mit unseren Gegenständen umgehen. Wir hauchen ihnen unseren Geist ein, indem wir ihnen tagtäglich oder ab und zu begegnen, indem wir sie nutzen oder beiseite legen und vergessen. Wenn es darum geht, Dinge, die nutzlos geworden sind, wegzugeben, ist es so, als würde ein Stück unseres Geistes damit aufgegeben und für immer verschwinden.

Alles, was uns umgibt, ist Natur


Alle Dinge, die uns umgeben, sind aus der Natur entstanden. Alle Rohstoffe entstammen dem Fundus unseres Planeten und wurden durch die Arbeit von Menschen zu dem, was sie nun sind. Wenn wir entrümpeln, geben wir Dinge zurück, im günstigsten Fall gut sortiert, ökologisch entsorgt oder an Bedürftige weitergereicht. Es ist also in irgendeiner Form ein Zurückgeben von etwas, das wir genommen haben, und damit kommt wieder etwas in den Ausgleich. Wenn wir unsere Tendenzen, Güter anzuhäufen, nicht durch das Hergeben von Gütern ausgleichen, kommen wir selber ins Ungleichgewicht. Zu viele Dinge machen uns dinglicher, unlebendiger. Denn all die Dinge binden Energien, binden Aufmerksamkeit und füllen Raum, in unserer Wohnung und in unserem Inneren. Das Vollstopfen unserer Umgebung mit allen möglichen Sachen nimmt uns selber die Luft zum Atmen, weil all die Dinge auch in uns selber Raum beanspruchen. 

Nach einer Aufräum- und Entrümpelungsaktion fühlen wir uns deshalb befreit – in unserem Inneren sind Räume frei geworden, die für Neues zur Verfügung stehen. Die leeren Flächen und Bereiche ziehen neue Ideen und Einfälle an. Die Entlastung von nutzlosen oder nutzlos gewordenen Dingen beflügelt unsere Kreativität. Im Wort „Aufräumen“ steckt das Befreien von Räumen drin.

Alles, was wir über längere Zeit nicht nutzen, stirbt ab wie die nicht verzehrten Lebensmittel im Kühlschrank. Es ist ein Absterben der emotionalen Bedeutung, mit der wir den Gegenstand einst aufgeladen haben. Ein Klavier, auf dem wir immer wieder spielen, wird mit jedem Spielen reicher an emotionaler Bedeutsamkeit, während ein Klavier, das nur als Zierstück in einer Wohnung herumsteht, innerlich verarmt und eines langsamen Todes stirbt, weil es von niemandem in seiner speziellen Wertigkeit beachtet und genutzt wird. 

Erinnerung


Dinge binden uns an die Vergangenheit. Sie tragen Erinnerungen – an die Zeit, wo wir sie erworben und verwendet haben, an die Umstände und Erfahrungen, die damit verbunden sind. Oft wissen wir noch, in welcher Umgebung wir ein bestimmtes Buch gelesen haben, und erinnern uns an die Gefühle und Stimmungen, die uns damals begleiteten. Deshalb tun wir uns schwer damit, solche sentimental beladene Gegenstände wegzugeben. Wir wollen die Erinnerung bewahren und die damit verbundenen angenehmen Gefühle über die Gegenstände immer wieder reaktivieren. 

Solche Dinge können uns als Anker in unserer Geschichte dienen, als Symbole für Marksteine oder Lebenseinschnitte und Veränderungen. Sie erinnern uns an unser Gewordensein, an unsere Wachstumsschritte und Lernerfahrungen. Wir können sie dazu nutzen, um unsere eigene Geschichte zu würdigen oder aber auch, um sie zu glorifizieren und damit die Gegenwart abzuwerten. Dabei sollten wir nie übersehen, dass der gegenwärtige Moment das Einzige ist, was aus unserer Geschichte übrig geblieben ist, und dass wir uns ganz diesem Moment widmen können, auch wenn wir alte Fotos oder Erinnerungsstücke betrachten. Und vielleicht auch, wenn wir uns entschließen, solche symbolträchtigen Gegenstände aufzugeben und zu entsorgen, weil wir sie in dieser gegenwärtigen Präsenz nicht mehr brauchen.

Endlichkeit


Dinge erinnern uns nicht nur an unsere Geschichte, sondern an die Vergänglichkeit überhaupt. Selten denken wir daran, dass wir nackt, ohne jeden Besitz, ohne irgendeine Ahnung von Dingen, diese Welt betreten haben und dass wir nackt, ohne jeden Besitz und ohne Möglichkeit der Mitnahme von irgendwelchen Dingen diese Welt wieder verlassen werden. Dazwischen spielen die Dinge die Rollen in unserem Leben, die wir ihnen geben. Viele der Dinge erscheinen uns wesentlich, so als ob wir ohne sie nicht leben könnten, viele tragen zu unserem Luxus bei, andere zu unserer Bequemlichkeit oder dienen einem kurzzeitigen Nutzen. 

Mit jedem Ding, das wir aus unserem Leben weggeben, stirbt ein Stück von uns, und dieser kleine Tod macht uns darauf aufmerksam, dass wir im Grunde nichts festhalten können und alles nur so lange bei uns bleibt, wie es sein soll. Und eines Tages begegnen wir dem großen Tod, der uns beim großen Loslassen hilft.

Samstag, 23. Juli 2016

Schönheit wird die Welt retten

 

Die Relativität der Schönheit


Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Wir merken häufig, dass Schönheit vom individuellen Geschmack abhängt und dass sich über Geschmack nicht produktiv streiten lässt. Es gibt tausende verschiedene Musikrichtungen, und alle von ihnen haben ihre Anhänger und Fans und andere, die gerade diese Form der Musik nicht aushalten oder abscheulich finden. Es gibt Romane, die von vielen Menschen verschlungen und heiß geliebt werden, obwohl sie von den Kritikern in der Luft zerrissen werden und umgekehrt. Es gibt Bilder, die nach ihrer Fertigstellung keine Interessenten gefunden haben und Jahrzehnte später Millionen wert sind.

Die Vielfalt der Stilrichtungen und Ausdrucksformen ist ein Merkmal der postmodernen Kultur. Der Begriff des Schönen ist demokratisiert und parzelliert. Alles, was noch nicht oder nicht in genau dieser Form da war, wird ausprobiert. Das Schöne ist das Überraschende, provokant oder geschmeidig. Nachdem die Moderne die klassischen Schönheitsbegriffe und Geschmackskonzepte demontiert und dekonstruiert hatte, wachsen die unterschiedlichsten Pflanzen auf der kahlgeschlagenen Lichtung, die von den alten ehrwürdigen Schätzen der Kulturgeschichte umstanden ist.

Weil wir in der Metaphorik schon in der Natur gelandet sind, verfolgen wir die Überlegung weiter in den Bereich des Schönen in der Natur. Offensichtlich ist  die Divergenz der Auffassungen und Meinungen hier geringer als im Bereich der Kultur, die so unermesslich in die Breite gewachsen ist, während die Natur auch in ihrem Wandel gleich bleibt, außer dort, wo sie von der Kultur und Zivilisation zurückgedrängt und eingeengt wird. Selten werden wir auf Menschen treffen, die einen Sonnenuntergang am Meer oder den Anblick eines erhabenen schneebedeckten Berggipfels als unschön erleben, einen blühenden Rosenbusch oder ein putziges Eichhörnchen als hässlich bezeichnen würden. Aber es sind nur wir Menschen, die diese Empfindungen teilen und diese Wertschätzung erleben. Wir wissen nicht und können auch kaum davon ausgehen, dass sich der Rosenbusch selber "schön" findet und im Verblühen "hässlich" oder dass sich das Eichhörnchen bewusst ist, um wieviel schöner es ist als die Nacktschnecke, die gerade vorbei kriecht. Und dem Luchs, der dem Eichhörnchen nachstellt, sind mit Sicherheit ästhetische Kriterien bei seinem Tun fremd. 


Das Schöne in der Natur


Wir haben recht einheitliche Schönheitsbegriffe, was die Natur anbetrifft und nehmen deshalb an, dass es die Natur selber oder deren Schöpfer ist, der diese Schönheit hervorbringt, obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass in ihr selber, von uns abgesehen, eine völlige Leere herrscht, was die Frage der Schönheit anbetrifft. Deshalb kann ich dem österreichischen Philosophieprofessor Konrad P. Liessmann nicht zustimmen, der meint, die Relativität des Schönheitsbegriffes mit Hilfe des Naturschönen aushebeln zu können: "Wäre Schönheit ein Konstrukt, würde sie uns in der Natur nicht begegnen können. Aber sie begegnet uns dort. Sie ist dort unsere allererste Erfahrung." (Radiokolleg am 21. Juli 2016, vgl. Konrad Paul Liessmann: Schönheit. Wien: Facultas 2016)

Wir sehen auch, dass wir in diesem Bereich lernfähig sind: Wenn wir uns genauer mit bestimmten Bereichen der Natur beschäftigen, z.B. die Pflanzen des Regenwaldes studieren, können wir unseren diesbezüglichen Schönheitsbegriff erweitern und verfeinern. Vermutlich wird ein Wurmforscher ein anderes Schönheitsempfinden in Bezug auf diese Tiere entwickeln als jemand, der seinen Blick gewohnheitsmäßigen von diesen "ekeligen" Würmern abwendet. Vielleicht empfinden wir nur das an der Natur als hässlich, womit wir uns nicht näher beschäftigt haben, sodass wir rein auf unsere instinkthaften Reflexe angewiesen sind, die uns alles sympathisch machen, was dem Kindchenschema ähnelt und z.B. Fischarten, deren Mundwinkel nach unten gehen, als grießgrämig und unattraktiv erleben lassen.


Also müssen wir uns wohl mit der relativen Fassung des Schönen zufriedengeben. Unsere unterschiedlichen Wahrnehmungsorgane und Verarbeitungsprozesse im Gehirn sowie unsere lebensgeschichtlichen Prägungen - die Werte und Urteile der Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind und mit denen wir in unseren Ausbildungen zu tun hatten - bewirken, dass sich in jedem Menschen unterschiedliche Präferenzen ausbilden, die sich im individuellen Schönheitsbegriff ausdrücken. Schön ist das, was unseren Sinnen wohlgefällt, was uns interessiert und zugleich entspannt. Und das ist in hohem Maß interindividuell variabel und verändert sich zudem im Lauf des jeweiligen Lebens, abhängig von den Erfahrungen, die wir im Bereich des Ästhetischen machen.

Schönheit ist ein Kontext, mit dem wir Erfahrungen einordnen und bewerten. Es ist also keine Eigenschaft, die den Dingen selbst anhaftet und von ihnen nur abgelesen werden müsste. Wir machen Schönheit, indem wir Erfahrungen auf einer Skala von schön bis hässlich lokalisieren, gemäß unserer inneren Empfindungsresonanz zwischen angenehm und unangenehm.


Schönheit in der Begegnung


Soweit können wir der konstruktivistischen Idee der Schönheit folgen. Es gibt dazu allerdings noch eine weitere Dimension, die die Frage nach dem Absoluten in der Schönheit, also nach dem Unbedingten und Verbindlichen im Schönen nicht als hoffnungslos überholt und überflüssig erscheinen lässt.

Wir haben am Beispiel der Naturerfahrung festgestellt, dass die bewusste Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, also das aufmerksame Erfahren und Erkunden, das Schönheitserleben verändert. In diesem Vorgang schließen wir mehr des Äußeren in unseren Innenraum ein und erweitern unser Vertrauen in unsere Umgebung. Wo Unbekanntes und Fremdes war, wird jetzt Bewusstes, Bekanntes und Vertrautes. Und Vertrautes erscheint uns leichter als schön als Fremdes, noch dazu, wenn dieses als gefährlich oder bedrohlich erlebt wird.

Der Weg des bewussten Wahrnehmens ist der Weg, mit mehr und mehr von dem, was uns die Wirklichkeit anbietet, Freundschaft zu schließen und dabei das Fremde in das Vertraute zu verwandeln. In jeder Erfahrung, die wir unter diesen Vorzeichen machen können, verschiebt sich der Fokus der Schönheitserfahrung vom Objekt auf die Beziehung: Die Erfahrung des Schönen ist eine schöne Erfahrung. Ähnlich wie wir den Austausch mit einem Menschen, der vielleicht nach gängigem Schönheitsideal als hässlich einstufen, als wunderschön erleben können, lösen wir den ausschließlichen Blick auf die Äußerlichkeit des Äußeren und verbinden ihn mit dem Blick auf die Innerlichkeit des Äußeren. In diesem Akt des Vertiefens ist es der Austausch selbst, der die Qualität des Schönen bekommt.

Ein neuer Begriff des Schönen taucht an dieser Stelle auf: Schönheit liegt im Vollzug der Wirklichkeit, im Prozess der Entwicklung und Veränderung, im Miteinander-Erschaffen (Ko-Kreativität) von Realität. Schönheit ist ein Geschehen und keine Eigenschaft, ist beweglich und nicht statisch, ist interaktiv und monologisch.
Auf diese Erfahrungsqualität bezieht sich Rilke mit der berühmten Zeile aus einem Sonett: "da ist keine Stelle, die dich nicht sieht." Es ist also das Kunstwerk, das den Betrachter in Bann zieht und im Blick fixiert. Und das hat Folgen für diesen, deshalb setzt Rilke mit Pathos fort: "Du musst dein Leben ändern." Genauer besehen, hat sich das Leben in diesem Moment schon geändert.

Es geht also nicht um ein Taxieren eines Objekts, wie bei einem Kunstmakler, der den Marktwert und die Kapitalchancen eines Kunstwerks abschätzt, sondern ein in die Tiefe gehendes Begegnen mit dem, was gerade da ist. Das Kunstwerk steckt im Erleben des Moments. Wir schließen dabei Frieden mit der Wirklichkeit, und das ist die eigentliche Schönheitserfahrung, die in jeder Suche nach dem Schönen steckt: Was ist, darf so sein, wie es ist, und darf sich so verändern, wie es sich verändert. Dann verschwindet der Unterschied zwischen Erlebendem und Erlebten, wir fallen gewissermaßen ins Dazwischen, und in die Erfahrung einer unbegrenzten und unbedingten Schönheit.

Hier haben wir den Bereich des Relativen verlassen. Wir sind im Lebensvollzug als solchem, in dem das Bedingte und Eingeschränkte, das Definierte und Bewertete, keine Rolle mehr spielt. Alles, was wir in seiner ihm eigenen Intensität und Tiefe erleben können, ist unermesslich schön, weil wir ihm in unserer eigenen unermesslichen Schönheit begegnen. Die absolute Schönheit entsteht in diesem Zusammentreffen, das sich im Moment des Aufeinander-Einlassens vollzieht und ist im nächsten Moment, in dem wir uns in unsere abgekapselte Ichhaftigkeit zurückziehen, schon wieder verschwunden.

Die absolute Schönheit kann also, wie alles andere, was wir als absolut erleben, nicht festgehalten werden. Wir können ihrer nicht habhaft und in ihr nicht sesshaft werden. Allein dadurch, dass wir unser Heim mit schönen Gegenständen und Kunstwerken vollräumen, wird unser Leben nicht schöner, außer wir nutzen die Objekte, um unser Inneres mit ihnen zu teilen, dann sind wir im Paradies der Schönheit. Und dafür braucht es nicht einmal die besonderen und herausragenden Kulturgüter oder die erlesenen und abgelegenen Naturschönheiten. Dieses Paradies können wir in jeder noch so winzigen und unscheinbaren Begegnungserfahrung mit der Wirklichkeit machen: Mit dem Wunder eines Wurms, der sich im Erdreich verkrümelt, oder eines Windhauches, der an der Nase vorbeistreicht, eines Lächelns, das uns geschenkt wird und einer Stimmung, die uns mit uns selbst verbindet.

Das heißt nicht, dass wir der Kunst in ihrer ausgeprägten Form keine Bedeutung geben müssten; vielmehr bietet sie in ihren verschiedenen Formen einen vorzüglichen Zugang zu der oben beschriebenen Erfahrungsqualität. Die Künstler konfrontieren uns konzentriert und kompromisslos mit dieser Auseinandersetzung, sie fordern uns heraus, unsere Widerstände und Gewohnheiten aufzugeben und neu und leer zu werden. Für viele Menschen ist die Kunst die einzige ihnen mögliche Zugangsart zum Absoluten. Wollen wir jedoch die Erfahrung des Absoluten tiefer und weiter in unserem Leben verankern, so nutzen wir die Kunsterfahrung und das Kunsterleben, um es auf die großen und kleinen Dinge unseres Lebens zu übertragen.


Schönheit als Hoffnung


Dostojewski hat einmal geschrieben: "Schönheit wird die Welt retten." Vielleicht dienen die oben dargestellten Gedanken dazu, dieses Zitat besser zu verstehen: Die Erfahrung der absoluten Schönheit immunisiert uns gegen alle Bestrebungen des Bösen: der Gewalt und der Zerstörung. Das Böse ist in diesem Verständnis nichts als die verzweifelte Suche nach dem Schönen, das aus Angst am falschen Ort gesucht wird, wie der Attentäter, der ein besseres Leben schaffen will, indem er andere und das eigene auslöscht.

Vgl. Aus Unterschieden lernen 
Der menschliche Körper und die Bewusstseinsevolution

Sonntag, 1. Mai 2016

Ist die Schöpfung intelligent?

Wenn wir in die Betrachtung der Natur versinken, kommen wir in ein Staunen: Wie wunderbar ist alles eingerichtet, welche tiefe Harmonie und Kohärenz ist in allem. Wir geraten in das Gefühl des Erhabenen, wie es Immanuel Kant in Bezug auf die Naturschönheit benannt hat. Es enthebt uns unserer kleinlichen Sorgen, Nöte und Ängste. Es gibt immer etwas Größeres, das uns umfängt und hält.

Der spirituelle Lehrer OM C. Parkin schreibt in seinem Buch „Angst. Die Flucht aus der Wirklichkeit“:

„Wir haben immer Angst vor dem, was wir in Wirklichkeit nicht akzeptieren. Es kann so erleichternd und entspannend sein, in Akzeptanz aller Möglichkeiten in jedem Moment dem Leben offen zu begegnen, in dieser offenen Weite. Nehmen wir an, in uns taucht die Angst auf davor, den Partner zu verlieren. Das bedeutet, wir akzeptieren diese Möglichkeit nicht (…), die eine derjenigen Möglichkeiten ist, welche der Ablauf in der Totalität zeigen kann. Dieser Ablauf folgt einem intelligenten Plan. Glaubst du allen Ernstes daran, dass dieser Ablauf unintelligent ist? Oder dass du intelligenter bist, als dieser unpersönliche Ablauf?“ (S. 134)

Die Intention der Belehrung ist klar: Es geht um die Anmaßung des egogelenkten Denkens, das immer glaubt, dass sich die Welt nach den eigenen Erwartungen und Vorstellungen richten muss, damit wir unsere Komfortzone nicht verlassen müssen. Dagegen führt das Akzeptieren des Lebens mit seinen Wechselfällen, Überraschungen und Enttäuschungen dazu, innerlich zu wachsen und eine tiefere Gelassenheit zu finden. Dazu hilft die Annahme, dass es eine größere Regie gibt, die den Ablauf der Dinge regelt, auf die wir in Wirklichkeit keinen Einfluss haben.

Allerdings stellt sich die Frage, ob wir „allen Ernstes“ annehmen können, dass die Vorgänge in ihrem Insgesamt etwas mit Intelligenz zu tun haben. Denn Intelligenz ist ein sehr menschliches Konzept, bezogen auf den Leistungsgrad der unterschiedlichen Fähigkeiten, die wir brauchen, um unser Leben zu bewältigen. Über die Fragwürdigkeit der Messung dieser Fähigkeiten habe ich an anderer Stelle hingewiesen.

Wenn wir andere Naturwesen betrachten und auf ihre Intelligenz hin bewerten, messen wir sie immer am Maßstab unserer eigenen Fähigkeiten – für ihr eigenes Leben sind die Amöben oder Gorillas bestens ausgestattet und brauchen gar keine Bewertung dafür. Allenfalls können wir uns dafür interessieren, ob es unter den einzelnen Mitgliedern einer Spezies gewitztere oder doofere gibt. Aber für solche Vergleiche brauchen wir einen eigenen Intelligenzbegriff angepasst an die jeweilige Spezies.

Die Natur ist, wie sie ist, das Universum ist, wie es ist. Gehen wir nicht in eine Anmaßung, wenn wir die Maßstäbe, die wir für unser eigenes menschliches Überleben in diesem Universum entwickelt haben, auf das unendlich Größere zu übertragen? Die Gesetzmäßigkeiten, die wir dem Ganzen durch die wissenschaftlichen Forschungen abluchsen, zeigen nichts von einer Intelligenz, die in diesem Ganzen wirkt, sondern von unserer Intelligenz, Modelle von den Prozessen zu entwerfen, um das, was da läuft, für unsere Köpfe verständlich und technisch nutzbar zu machen.

Aus dieser Sicht betrachtet, sind wir noch viel unwissender als wenn wir glauben, von einer großen Intelligenz reden zu können, die da alles steuert und reguliert. Nicht einmal das wissen wir, und wir können es nicht einmal wissen noch werden wir es jemals wissen. Ob Intelligenz in den Vorgängen im Universum herrscht und welche Intelligenz das sein könnte, ist gänzlich aus unserem Horizont ausgeschlossen. Da können wir noch so weit in unserer inneren Weisheit fortgeschritten sein – wo die Grenzen unserer Erkenntnis sind, beginnt die Spekulation. Denn die Erkenntnis ist immer auch eine körperliche und damit an die Grenzen unserer Körperlichkeit, an die Vorgegebenheit unserer Sinnesorgane und unseres Nervensystems gebunden. Und Spekulation heißt willkürliches, also ego-geleitetes Fantasieren, ohne Realitäts- und Wahrheitsbezug und ohne interaktive Verbindlichkeit.

Ähnlich wie das Eingeständnis, dass es Zufälle sind, die die Entwicklung steuern, ist es eine größere und angemessenere Form der Bescheidenheit, wenn wir darauf verzichten, intelligente Absichten oder Pläne im Ganzen zu vermuten. Sind wir in der Natur und fühlen uns mit ihr verbunden, so ist das ein Genießen des Erhabenen, ohne dass wir ein Konzept in sie hineinlegen. Wir sind dann Teil des großen Ganzen, fern vom Ego, das überall seine eigene Agenda sucht und bestätigt wissen will. Das reine Staunen ist frei von Konzepten, sondern öffnet für die Weite des Umgreifenden.


Zitat: OM C. Parkin: Angst. Die Flucht aus der Wirklichkeit. AdvaitaMedia 2015
Vgl. Evolution und Zufall

Freitag, 6. November 2015

Das Drama des Perfektionisten

Der Perfektionist trägt ein Ideal der Vollkommenheit bei sich. Er misst seine Handlungen daran, wie nahe sie dem Ideal kommen. Das Ideal selber wird nicht überprüft, und meistens weiß der Perfektionist auch nicht, woher es stammt. Er nimmt an, dass es ein allgemein menschliches Ideal ist, das alle anderen teilen oder teilen sollten. Er versteht nicht, wenn andere seinem Ideal nicht folgen. Ein Teil seiner Anstrengungen ist dem Bestreben gewidmet, andere zum eigenen Ideal hinzuführen.

Hinter seinen Anstrengungen steckt der Versuch, den Erwartungen anderer Menschen möglichst vollständig zu entsprechen. Er meint zwar, seine eigene ganz individuelle Perfektion anzustreben und nimmt auch an, ihr auf der Spur zu sein. Da er aber die Herkunft seines Ideals nicht kennt, die Umstände der Prägung, die es geformt haben, nicht erforscht hat, kann er gar nicht wissen, was genuin aus ihm selber, aus der Entfaltung seiner Individualität stammt, und was unbewusste Aufträge von anderen Menschen, z.B. von den eigenen Eltern sein könnten. Er meint, ihnen folgen zu müssen, um mit sich selber zufrieden sein zu können. Das ist eine der gefinkelten Fallen des Perfektionismus.

Dem Perfektionisten geht es also vor allem um die Anerkennung durch andere. Er kämpft darum, Wertschätzung zu bekommen, und möchte deshalb Fehler vermeiden und immer alles richtig machen. Kriegt er zu wenig Anerkennung, glaubt er, sich noch mehr anstrengen zu müssen und noch besser werden zu müssen.


Die vergeblichen Suche nach Anerkennung


Jedoch spielt sich häufig das folgende Drama ab: Je perfekter der Perfektionist wird, desto unbeliebter macht er sich, weil sich die Menschen von jemandem abwenden, der alles richtig macht. Ein perfekter Mensch löst die Angst aus, dass man auch so gut sein muss und es doch nicht schafft. Er erinnert an die eigenen Unzukömmlichkeiten und erzeugt schlechtes Gewissen. Folglich wenden sich die anderen ab und vermeiden den Kontakt mit jemandem, der vermittelt, dass sie nicht so gut sind wie er selber. Der Perfektionist jedoch wird immer mehr dem Beliebtsein nachrennen, je weniger er davon kriegt. Und er wird umso weniger davon bekommen, je mehr er ihm nachrennt. 

Es ist ein Kampf, der nie zu gewinnen ist. Der Vollkommenheitsstreber wird angetrieben von einem starken inneren Druck, der ihn wachsam nach außen werden lässt: Komme ich gut an bei den anderen oder muss ich meine Leistung noch verbessern? Damit entfernt er sich immer mehr von sich selber und auch von den anderen. Sobald er das merkt, muss er sich zu weiteren Anstrengungen motivieren.


Perfektionserwartungen


Dieser Mechanismus wird dadurch noch verschärft, dass wir dazu neigen, wenn wir in Stress sind und uns von Problemen umzingelt fühlen, von den anderen Menschen Perfektion zu erwarten. Grundsätzlich schon hätten wir immer gerne, dass in unserer Umgebung alles perfekt abläuft: Die Briefträgerin ist verlässlich, die Müllabfuhr funktioniert, der Installateur kommt sofort, repariert den Schaden für alle Zeiten und verlangt wenig, die Verkäuferin ist freundlich und gibt mir die beste Ware, die Leute machen mir Platz, wenn ich es eilig habe usw. Lauter perfekte Menschen sollte es in unserer Umgebung geben, fehlerlos sollten die Menschen sein, die für uns sorgen.

So stellen wir uns ein optimales, wenn nicht gar paradiesisches Leben vor, denn so brummt uns niemand einen Stress auf, und so können wir uns auf den Stress beschränken, den wir uns selber machen. Und wenn wir von eben diesem Stress befallen sind, ist der Bedarf nach Perfektion umso höher. Unsere Toleranzschwelle sinkt, und wir regen uns über jede Kleinigkeit auf, die nicht zu unseren Idealerwartungen passt. Denn solche Unvollkommenheiten erhöhen unsere Stressbelastung nur. Allerdings merken wir dann nicht, wie wir selber unsere Stressbelastung erhöhen, indem wir uns ärgern – oft über Dinge, die wir gar nicht ändern oder beeinflussen können.


Unvollkommene Natur


In der Natur gibt es keine Perfektion. Die Natur bringt die unterschiedlichsten Formen hervor, die durch ihre Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihre Überlebensfähigkeit sichern, nicht durch die Anpassung an ein abstraktes Optimum. Nur der Mensch hat aufgrund seines Denkens die Möglichkeit, das Konzept der Perfektion zu entwerfen: Wenn es etwas Gutes gibt, gibt es etwas Besseres, und wenn es etwas Besseres gibt, muss es das Beste geben. Das, was gerade ist, ist fast immer nur teilweise gut, also muss es verbessert werden, bis es nicht mehr verbessert werden kann.

Damit handeln wir allerdings gegen die Natur, vor allem gegen unsere eigene Natur. Denn Idealzustände sind der Natur vom Wesen her unverständlich und unbekannt. Sie können deshalb die Abläufe in der Natur nicht fördern, sondern wirken sich nur störend auf sie aus. 


Idealzustände sind nicht objektiv


Das Ideal, mit dem wir in unserem Denken den Jetzt-Zustand in die perfektionierte Zukunft projizieren, dient uns dann als Leitlinie unseres Handelns. Wir orientieren an diesem Idealbild, auf das wir hinsteuern wollen. Allerdings gibt es kein objektives Optimum. Es gibt zwar in bestimmten Bereichen Kriterien für Fehlerfreiheit: Ein Pianist, der nie daneben greift, eine Buchhalterin, die nie fehlbucht, usw. Das hat aber noch nichts mit Perfektion zu tun; der Pianist muss ja nicht nur fehlerfrei, sondern auch ausdrucksstark, locker, tiefsinnig spielen, die Buchhalterin braucht auch Sozialkompetenz, vernetztes Denken und Geschäftssinn, Eigenschaften, die nicht mehr so leicht quantifizierbar sind.

Überall, wo es um Qualitäten geht, und das sind unter Menschen die sensibelsten Bereiche, gibt es keine objektiven Maßstäbe, sondern sehr unterschiedliche subjektive Einschätzungen. Je nach den eigenen Prioritäten und Wertorientierungen ist für den einen das eine, für den anderen das andere maßgeblich, sodass bekanntlich gilt: Allen Leuten rechtgetan, ist eine Kunst, die niemand kann. Dennoch mühen wir uns immer wieder ab, um es rechtzutun, zumindest möglichst vielen, wenn schon nicht allen. Und immer noch leiden wir, wenn wir erfahren, dass wir es jemandem nicht rechtgetan haben, und versuchen, weiter an unserer Perfektionierung zu feilen. 


Kreatives Wachsen


Was wir verbessern können, können wir verbessern, soweit es in unserer Macht und Machbarkeit steht, was aber von uns verlangt, dass wir uns verbiegen, dass wir also jemand anderen aus uns selber machen, sollten wir lassen. Und es ist wichtig, dass wir die Unterscheidung lernen zwischen diesen beiden Formen der Verbesserung. Dazu müssen wir uns selber kennenlernen, indem wir in Kontakt mit unserem Inneren treten. Wir müssen lernen, auf diese Stimme im Inneren zu hören, die uns sagen kann, was authentisch aus uns selber kommt und was wir tun, obwohl es uns selber nicht entspricht.

Leichter tun wir uns in jedem Fall, wenn wir die Idee der Perfektion aus unserem Repertoire streichen. Wir können uns klarmachen, dass es die Perfektion, die wir anstreben, gar nicht gibt, dass es aber immer Möglichkeiten gibt, zu lernen und besser zu werden. Solange uns das Verbessern unserer Qualitäten Spaß macht und Freude bringt, gehört es zur kreativen Entfaltung unseres Wesens. Sobald wir uns jedoch nach einem Leisten richten, den uns andere verpassen wollen, und wir merken, dass wir uns nur mit Mühe und gegen inneren Widerstand in diese  Richtung entwickeln können, sollten wir überprüfen, ob wir uns selber noch treu sind.

Treue zu uns selber umfasst auch die Treue zur eigenen Unvollkommenheit, und das heißt, die Treue zur eigenen Lernfähigkeit. Wir brauchen uns nur zu verdeutlichen, dass diese Lernfähigkeit prinzipiell unbegrenzt ist. Dann erkennen wir, dass die Idee der Perfektion sinnlos und hinderlich ist. Wir kommen nie bei irgendeinem Ideal an, sondern finden immer wieder Möglichkeiten, weiter zu lernen. Das hält das Leben interessant und spannend. Lassen wir uns selber imperfekt und entwicklungsfähig bleiben und die Imperfektion und Entwicklungsfähigkeit in allen anderen erkennen und wertschätzen. So können wir zu einer menschlicheren Menschheit beitragen, in der sich die Menschen aufeinander weniger durch das Ausüben von Druck als durch Anerkennung und Ermutigung beziehen und fördern.


Vgl. Perfektion und Perfektionismus

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Kanada und Kyoto - Politik der Symbole

Kanada steigt aus dem Kyoto-Protokoll aus, so einfach geht das, so einfach werden 14 Milliarden Dollar gespart. Natürlich gibt es keine Sanktionen, das Kyoto-Abkommen ist kein Vertrag, und es gibt keine Instanz, bei der ein Ausstieg eingeklagt werden könnte. Ist ja auch nur die „Umwelt“, die „Natur“, bei der es da geht. Sie hat keine Macht, keine Rechtsvertretung, keinen Anwalt. Die Menschen haben schon lange vergessen, dass sie Teil der Natur sind und ein Klima brauchen, in dem sie als Naturwesen existieren können. Solange die Klimaanlagen in den Wohnungen, Büros und Autos funktionieren, kann es uns egal sein, ob die Treibhausgasemissionen das Wetter ins Chaos stürzen mit Folgewirkungen, die niemand abschätzen kann.
Wir sind Teil der Natur, weil wir selber Natur sind und tagtäglich spüren, was geht und was nicht geht. Die Gesellschaft, oder, wie ich es nenne, das materialistische Bewusstsein (die naturfernste Form des Bewusstseins, die uns möglich ist), möchte allerdings von uns, dass wir nicht wie Natur, sondern wie Maschinen funktionieren.

Angeblich sorgt eine große österreichische Bank für den besten Zulauf zu den heimischen Psychiatern und steigert den Umsatz der Pharmaindustrie: Die Mitarbeiter dort werden derartigem Stress und einer effizienten Ausbeutung ausgesetzt, dass sie früher oder später zusammenbrechen und mit der Diagnose „Burnout“ in den Sozial- und „Gesundheits“-bereich ausgegliedert werden, sprich mittels Psychopharmaka weiter am Leben gehalten werden. Die Bank muss ja weiter Geschäfte machen und stellt inzwischen junge, „unverbrauchte“ Arbeitskräfte statt dessen ein, und behandelt sie so lange als Maschinen, bis auch sie ausfallen. Die Kosten für den menschlichen Raubbau übernimmt natürlich die Allgemeinheit, während die Bank ihre Gewinne ins Trockene bringt.

Solange wir also so tun, als wäre die Natur etwas da draußen, was uns Sorgen bereitet, wenn wir beim Sonntagsspaziergang die abgestorbenen Birken bedauern, solange wir annehmen, dass unsere Gesundheit in die Verantwortung des Gesundheitssystems fällt, solange wir also nicht zur Kenntnis nehmen, dass das, was unser Leben ausmacht, unser Körper mitsamt der Gefühle und Gedanken, die er auslöst, Natur ist, werden wir kein Verantwortungsbewusstsein für die Natur entwickeln können.

Herrn Peter Kent, dem kanadischen Umweltminister, der den Ausstieg seines Landes aus dem Kyoto-Protokoll verkündet hat, sei eine anhaltende und stabile Gesundheit gewunschen. Wird er jedoch, sollte die Natur in ihm (=sein Körper), ihm jemals Probleme bereiten, einen Zusammenhang erkennen, dass das, was ihn dann leibhaftig plagt und für das er Sorge tragen muss, um nicht zu sterben, die gleiche Natur ist, für die er als Politiker die Verantwortung abgelegt hat?

„Das Hemd ist uns näher als der Rock“, lautet ein Spruch. Unsere Gesundheit ist uns natürlich wichtig, jede Unpässlichkeit schmälert unsere Lebensqualität. Doch zeigt uns jede Krankheit, dass wir eine störungsanfällige Natur sind und dass wir auf ihre Regeln und Gesetzmäßigkeiten horchen müssen, um ein gutes und angenehmes Leben führen zu können.

Wie sollen wir diese Verantwortungsübernahme als Gesellschaft schaffen, wenn wir schon als Individuen damit Probleme haben? Umgekehrt, wenn die Gesellschaft, das politische und wirtschaftliche System im Zeichen einer kurzsichtigen und zynischen materialistischen Fixierung vorzeigt, wie leicht die Verantwortung für die Natur abgeschüttelt werden kann, fällt es schwer, bei der individuellen Integrität zu bleiben.

Es ist mir klar, dass das Kyoto-Protokoll nicht der umweltpolitischen Weisheit letzter Schluss ist. Der Handel mit Umweltzertifikaten erscheint mir als äußerst seltsame Konstruktion, ein Armutszeichen für eine Weltgesellschaft, der nichts besseres eingefallen ist, um ein Minimum an Klimabewusstsein zu implementieren.
Mir geht es um den Symbolcharakter der angeprangerten Aktion. Politik besteht zu einem wichtigen Teil nicht nur aus Buchstaben und Reden, sondern aus Symbolen. Und dem kanadischen Minister ist es gelungen, ein solches Symbol zu setzen, eines des nationalen Egoismus, der weltpolitischen Kurzsichtigkeit und der zynischen Naturverachtung. Wenn dann Zeitungen bei uns schreiben, wir könnten ja auch „ganz einfach“ aussteigen und damit soundsoviel Milliarden einsparen, sieht man, wie Symbole wirken.

Wo die Politik versagt, die richtigen Symbole zu setzen, müssen wir das für uns selber tun. Das einfachste Symbol, über das wir verfügen, ist der Atem – beim bewussten Einatmen und Ausatmen lassen wir die Natur durch uns hindurch wirken und anerkennen sie. Wir tauschen uns aus zwischen der Natur in uns und der Natur um uns herum, wir stehen in Kommunikation und stärken das Vertrauen. Wo Vertrauen herrscht, werden wechselseitige Verpflichtungen eingehalten. Wir übernehmen Verantwortung dort leicht, wo es um einen Partner geht, dem wir vieles, wenn nicht alles verdanken.